Die Wahrheit über den 22. Spieltag

Die erste Generalprobe der deutschen gegen die englischen Mannschaften in der Champions-League ging für den BVB mit einem ziemlich eindeutigen 3:0 gegen Tottenham schon mal total daneben, nachdem man in der Bundesliga nach einer 3:0-Führung gegen Hoffenheim innerhalb von zwölf Minuten ein 3:3 hinnehmen musste. Bayerns letzter Auftritt in Augsburg vor der Begegnung mit Klopps Liverpool endete zwar mit einem knappen 3:2-Sieg, aber überzeugend war er auch nicht, noch dazu verletzte sich Coman am Sprungelenk, das bei Coman besonders anfällig ist, weshalb er bereits darüber nachgedacht hat, seine Karriere zu beenden, bevor das Martyrium kein Ende nehmen sollte. Er ist bei den Bayern gerade besonders wichtig, trug er doch gleich zwei Tore in Augsburg zum Sieg bei, in dem es für die Bayern ganz und gar nicht danach aussah, als würde ihnen die Siege nur so in den Schoß fallen, vor allem, nachdem Goretzka gleich in der Anfangsphase ein Eigentor fabrizierte. Gegen die Reds traut ihnen niemand allzu Großartiges zu, die Favoritenrolle hat eindeutig Liverpool, d.h. Bayern kann eigentlich nur gewinnen und leider haben sie oft genug bewiesen, dass sie dann besonders stark sind, während den Dortmundern die Favoritenrolle überhaupt nicht gut bekam, um so mehr als Harry Kane und ein paar seiner Kollegen verletzt waren. Die Chancen der Bayern sehen also gar nicht so schlecht aus, während man bei den Schalkern tatsächlich ein Desaster erwarten darf, denn das extrem spielstarke Manchester City hat es mit einer Elf zu tun, der in der Liga noch ein einziger glanzvoller Auftritt gelungen ist, an dem man sich klammern könnte im Sinne von, es geht doch. Es geht eben nicht, nicht mal gegen Freiburg, gegen die man mit Glück ein torloses Remis zustande brachte. War man in der ersten Halbzeit noch ein bisschen überlegen, biss sich aber an der disziplinierten Abwehr der Freiburger die Zähne aus, dezimierten sich die Schalke nach einem üblen Foul von Serdar an Frantz selbst. Ein Spiel, in dem der Schiedsrichter im Mittelpunkt steht, ist nie besonders attraktiv, aber das ist die einzige Chance, die Schalke z.Z. hat. In der 2. Hälfte nutzten die Freiburger ihre zahlenmäßige Überlegenheit aus, weil sie spürten, dass durchaus drei Punkte drin waren, aber Freiburgs Innenverteidiger Lienhart brachte das Kunststück fertig, aus einem Meter Entfernung über das Tor der Schalker zu köpfen. Hoffenheim tat sich mit einem 3:0 gegen Hannover gütlich, vergaben aber Chancen für ein 8:0. Dolls Versuch, den dürftigen Sieg Hannovers gegen die noch schwächeren Nürnberger in der letzten Woche, als Aufbruch zu interpretieren, indem er sagte, seine Mannschaft hätte sich noch nicht aufgegeben, war nur ein frommer Wunsch. Man kann jetzt schon nichts mehr gewinnen, wenn man auf den Abstieg Hannovers setzt, während man bei Nürnberg gespannt sein darf, denn dort hat Marek Mintal, der Schatten, den glücklosen Köllner abgelöst. Wenn es heute abend gegen Dortmund geht, dann wird für beide Mannschaften das Spiel richtungsweisend sein, wobei ein Sieg der Dortmunder zwar Pflicht ist, aber es bei ihnen darauf ankommt, wie sie den Sieg errungen haben werden: Ob mit Kampf und Krampf oder überzeugend. Ein schönes Spiel wird es nicht, das glanzvolle 7:0 für den BVB aus der Hinrunde wird es nicht mehr geben.

Bei Gremliza piept die Altermeise

Der von Wiglaf Droste als »Comandante Redundante« verspottete und als solcher in die Geschichte des Journalismus eingehende Hermann L. Gremliza funkt wieder (in Konkret 2/19) aus seinem Bunker in der Hamburger Ehrenbergstraße und schmäht die taz als »zum Seniorenheim gereiftes Blatt«, was immerhin ein Fortschritt ist, denn bislang galt die taz in der Sprachregelung Gremlizas als »Kinder-FAZ«, ein Witz mit inzwischen 20 Jahre altem Bart. In manchen seiner Gespräche, die er »Gremlizas Gespräche« nennt und die in der Konkret erscheinen (in Buchform noch unveröffentlicht), beschleicht einen manchmal das Gefühl, er gehöre selbst dem Seniorenheim an, wo Gremliza mit seinem »Ich habs ja schon immer gewusst« der taz und den anderen Insassen schwer auf die Nerven geht, vor allem, wenn er sich mit dem Gestus »wie ich schon vor 100 Jahren schrieb« in die Brust wirft und das überall sich herumtreibende »Journalisten-Gesindel« im schneidenden Ton der Anklage zurechtweist. Rechthaberei gehört zum pathischen Bild eines Menschen, der sich nicht ausreichend gewürdigt fühlt, weil er den Karls-Preis immer noch nicht bekommen hat, und der deshalb der schwindenden Zuschauerschaft immer aufs neue beweisen muss, wie bedeutend er ist.
Dafür gibt ihm im gleichen Blatt der Tod eines seiner Autoren, Wolfgang Pohrt, eine neue Gelegenheit. Zunächst ärgert er sich darüber, dass die Nachrufe (Tagesspiegel, Spiegel, FAZ, taz, FAS, junge Welt, Neues Deutschland, jungle world) den Eindruck erweckt haben, es würde sich bei Pohrt »um einen der bedeutendsten Gesellschaftskritiker des Landes« handeln, denn wer das in Wirklichkeit ist, steht für Gremliza selbstverständlich außer Frage. Der Neid auf die fast durchgehend kenntnisreichen Nachrufe, lässt Gremliza behaupten, die Nachrufer hätten doch Zeit seines, also Pohrts Leben nur dann Notiz von ihm genommen, wenn »eine seiner Polemiken geeignet schien, eine antideutsche Linke … in deutschem Interesse zu denunzieren.« Wen und was der damit meint, bleibt im Dunkeln, aber mit Sicherheit würde der Denunziationsvorwurf zutreffen, würde er mal seine eigene Zeitung oder seine eigenen Artikel lesen, was man als Herausgeber hin und wieder mal tun sollte. Denn dort stand in der Ausgabe 5/12 u.a. als Reaktion auf der Ärger, dass Pohrt ein Konkret-Streitgespräch als »sinnfreies akademisches Geschwätz« bezeichnet hatte, er würde sich so anhören, als sei er »Franz Josef Wagner« und »Hans-Olaf Henkel« gleichzeitig, würde eine »Pension als Professor« verzehren und sein »Bundesverdienstkreuz« polieren.
Aber wenn schon der Anschein entsteht, Pohrt sei einer »der bedeutendsten Gesellschaftskritiker des Landes«, weshalb fällt da kein Glanz für Gremliza ab, der doch »so manche Karriere erst ermöglicht (hat), auch meine bescheidene eigene«, wie Pohrt in einer privaten Mail an Gremliza 2014 einmal geschrieben hat? Pohrts Pech, denn Gremliza veröffentlichte statt eines Nachrufs, in dem er mal etwas zu seinen Konflikten mit Pohrt hätte sagen können, zwei Seiten »aus ca. 250 Seiten des unveröffentlichten Mailwechsels«, in denen Gremliza ausnahmsweise mal nicht den Mief des Eigenlobs verbreitet, sondern von Pohrt sich umschmeicheln lassen kann: »Im Vergleich zu mir sind Sie jung geblieben«, »ein Kompliment muss ich Ihnen machen«. Und Gremliza sonnt sich in den Komplimenten, denn hier geht es um ihn, nicht um den verstorbenen Pohrt, den er zum seinem Laudator herabwürdigt und der mit dem Abdruck des Mailwechsel kaum einverstanden gewesen sein dürfte, und zwar nicht, weil er darin Gremliza auf die Schulter klopft, sondern weil der Mailwechsel nichts enthält, was von irgendeinem über das Private hinausweisenden Interesse ist. Das ist nicht einfach ADS, sondern Schäbigkeit, Hybris, Narzissmus und zeigt vor allem, wie wenig er von seinem wichtigsten Autor hält.
Auf diese Weise immer nur mit seiner eigenen Bedeutung beschäftigt zu sein, darüber hätte sich Karl Kraus tot gelacht. Gremliza ist inzwischen zu einem Anwärter auf den von ihm selbst ins Leben gerufenen Karl-Kraus-Preis geworden, aber er wird die Bedingungen, die an die Verleihung des Preises geknüpft waren, so wenig erfüllen wollen wie damals Günther Wallraff, dem er den Presi damals antrug, nämlich aufzuhören, Blödsinn zu schreiben und im Falle Gremlizas, sich selbst zu beweihräuchern. Dabei gäbe es mit Wiglaf Droste einen guten Laudator. Vor 20 Jahren schrieb er in der taz über Gremliza: »Als nächstes wird der Mann bei sich selbst anrufen und einen empörten Artikel darüber schreiben, dass dauernd belegt ist.« Heute allerdings würde Gremliza keinen empörten Artikel mehr darüber schreiben, sondern das Piepen als Beweis dafür nehmen, dass er der wichtigste Gesellschaftskritiker des Landes ist. Was da aber piept, ist nur die Altermeise.

Die Wahrheit über den 21. Spieltag

Der BVB macht es spannend. Bei den Dortmundern ist es jedenfalls nicht so langweilig wie in den letzten sechs Jahren, als Bayern Meister wurde. Dreimal hintereinander haben sie bereits nur Remis gespielt. War das 3:3 im Pokalfight gegen Werder schon schlimm, weil man zwei völlig unnötige späte Tore hinnehmen musste, die zum Elfmeterschießen führten, so war dieses 3:3 zu Hause gegen Hoffenheim eigentlich noch viel schlimmer, weil man bis zur 75. Minute 3:0 führte und dann innerhalb von 12 Minuten drei Gegentore kassierte. Und das nicht einmal zu Unrecht. Zwar fehlte erneut Reus, aber sonst waren die Grippekranken fast alle wieder genesen, vor allem war Sancho wieder zurück und zeigte, dass ohne ihn gerade nicht allzuviel läuft in Dortmund. Seine Sololäufe, sein Antritt und seine Finten sind von keinem Spieler der Welt zu verteidigen. Das erste Tor schoss er selbst, die beiden anderen bereitete er auf geniale Weise vor. Das war in der ersten Halbzeit allerdings auch relativ leicht, denn Hoffenheim spielte sehr zurückhaltend und kam kein einziges Mal wirklich gefährlich vor das Tor. Das änderte sich schlagartig in der 2. Halbzeit, als mit Geiger und Belfodil zwei neue Spieler für Hoffenheim aufliefen. Plötzlich spielten sie aggressiv und setzten den ballführenden Mann frühzeitig unter Druck. Und Dortmund fing an zu schwimmen. Eine torgefährliche Situation reihte sich an die andere, aber der Anschlusstreffer wollte nicht fallen, stattdessen erzielten die Dortmunder wunderschön kombinierend nach Hackentrick von Sancho auf Götze, der in den Rückraum auf Guerreiro passte das 3:0. Aber die Hoffenheimer ließen sich nicht beeindrucken und spielten einfach ihr Spiel weiter. Hätte Sancho nach einem Konter das 4:0 erzielt, wäre das Spiel entgültig entschieden gewesen, aber auch einem Sancho gelingt eben nicht alles. Aber auch der Drei-Tore-Vorsprung muss 15 Minuten vor Abpfiff eigentlich reichen. Leider aber klappte bei Hoffenheim nunmehr all das, was vorher misslang. Und als Sancho nach hinten verteidigte und ein leichter Rempler als Strafstoß gewertet wurde, war das Schicksal besiegelt, denn ausgerechnet die beiden eingewechselten Hoffenheimer erzielten den Ausgleich. Der Strafstoß war zwar eine Fehlentscheidung, aber man kann so eine Flanke aus dem Halbfeld auch verteidigen. Aber Diallo und Hakimi waren an diesem Tag von der Rolle, und die Dortmunder Trainerbank traf merkwürdige Entscheidungen und setzte völlig falsche Signale, denn man wechselte mit Toprak für Götze einen Defensivmann ein, der das fragile Gefüge noch mehr chaotisierte, denn kurz darauf fielen zwei Hoffenheim-Tore. Und als Dortmund versuchte, noch den Siegtreffer zu erzielen, wechselte man in der 92. Minute völlig sinnlos Wolf für Guerreiro ein, was man nur macht, wenn man auf Zeit spielen will, die man nicht hatte. Es sind zwar immer noch 5 Punkte Vorsprung vor Bayern, die gegen Schalke natürlich nicht viel Mühe hatten, aber das bedenkliche ist die augenblickliche Formschwäche, die ohne Reus noch verschärft wird. Und diese Formschwäche kommt nicht gerade gelegen, denn so hat man in der CL gegen Tottenham am Mittwoch kaum Chancen. Danach muss man zum Club, dem das Wasser bis zum Hals steht. Auch das ist keine angenehme Aufgabe, denn die haben nach der Niederlage gegen den direkten Abstiegskonkurrenten Hannover nichts mehr zu verlieren.

Grabrede auf Wolfgang Pohrt

Stuttgart, Heslacher Friedhof, 8. Februar 2019

auch wenn die meisten von uns über die Privatperson Wolfgang Pohrt wenig wissen, so ist wahrscheinlich für niemanden der Gedanke abwegig, dass Wolfgang mit seiner Beerdigung kein großes Aufhebens machen wollte. Und wir wissen auch, dass man es ihm sowieso nicht hätte recht machen können. Das hat den Vorteil, dass ich nicht darauf schielen muss, ob das, was ich Ihnen nun erzähle, seine Zustimmung gefunden hätte. Ich werde Ihnen einfach, so gut ich das kann, ein paar wenige Aspekte von dem erzählen, was mir an Wolfgang wichtig war, denn ich muss, glaube ich, nicht genauer darauf eingehen, welche Stationen Wolfgang in seinem Leben durchlaufen hat, dass er in den Siebzigern an der Uni Lüneburg gearbeitet hat, dass er in den Achtzigern freier Autor und Journalist war, der viele Zeitungen mit glanzvollen Essays beliefert und Debatten ausgelöst hat, der in den Neunzigern als Soziologe die Massenpsychologie der Deutschen erforscht hat und der fast das gesamte darauf folgende Jahrzehnt schwieg.
Was ich Ihnen erzählen wollte, hat mit seinem Motiv zu tun, warum er überhaupt geschrieben hat, denn ich kenne niemanden, für den Schreiben nie Selbstzweck war, der nie damit seine Eitelkeit befriedigen wollte, der nie einfach nur Theorieakkumulation betrieb, der nie einfach nur Bücher verfasste als Nachweis für eine akademische Karriere, die er hätte einschlagen können, wenn er gewollt hätte, und der über lange Jahre hinweg gar nichts mehr schrieb, weil er keinen Sinn mehr darin sah. Und dieser Antrieb des Schreibens war existentiell und hatte viele Gründe. Die soziale Ungerechtigkeit, die Armut, der Hunger, die nationalsozialistische Vergangenheit, die Verlogenheit in der Gesellschaft und in der Linken, die Ausländerverfolgung. Das war die Grundkonstellation. Und das waren gleichzeitig die Themen, auf die er immer wieder zu sprechen kam und die seine Artikel heute noch aktuell machen.
Bereits in seiner Dissertation »Theorie des Gebrauchswerts« hebt er darauf ab:

»Die Unterlassung von Hilfe erklärt die vielbeklagte Isolation der Menschen in den Metropolen. Sie haben guten Grund, einander zu mißtrauen, und kein Kommunikationsapostel oder Solidaritätsprediger wird ihnen den ausreden können, es sei denn, er brächte sie vollends um den Verstand. Dieser Grund ist ganz einfach: Wenn Menschen sich verständigen sollen, so müssen sie selbst auch verständlich sein. Solche aber, die tatenlos zuschauen, wie andere im Elend krepieren, sind dies nicht. So gleichgültig, wie sie objektiv gegeneinander als Menschen sind, haben sie sich nichts zu sagen. Die Fernsehreportagen aus den Hungerregionen prägen den modernen Begriff vom Menschen: Armselige Kreatur, die man verhungern läßt. Es gibt keine Herrschaft ohne die über Leben und Tod, und das Herrschaftsverhältnis, welches in den Metropolen den Gebrauchswert zerstört, wird nicht enden vor dem Tag, an dem kein Mensch mehr verhungert.«

Es war Anfang der achtziger Jahre als mir die bei Rotbuch erschienenen Bücher von Wolfgang »Ausverkauf« und »Endstation« in die Hände fielen, die ich begierig verschlang, nicht nur weil ich eine große inhaltliche Übereinstimmung mit seinen Texten feststellte, sondern auch weil da jemand einen neuen Ton anschlug. Der Autor verstand es, seine Thesen und Analysen mit großer Schärfe, Klugheit, Präzision und Eleganz zu formulieren, kein Wort klang falsch oder deplaziert, er verwendete keine Schaumsprache und keine Weihrauchvokabeln, seine Argumentation traf genau und er nahm keine Rücksicht auf den Gegenstand seiner Kritik. Das hat mich sehr beeindruckt, und ich glaube noch heute, dass es keinen begnadeteren Schreiber gibt, der seine politischen Analysen, denen immer etwas Selbstverständliches innewohnte, mit größerer Überzeugungskraft zu Papier bringen konnte und der dabei Witz und Sarkasmus besser einzusetzen gewusst hätte als Wolfgang.
Dabei nahm Wolfgang immer den gegenteiligen oder zumindest einen anderen Standpunkt ein als den, den einzunehmen er Denkfaulheit nachwies und der von Leuten vertreten wurde, die lieber in vorgefertigten Schablonen dachten oder glaubten, mit dem Weltbild eines Tagesschausprechers ihre Karriere voranzubringen. Und diese intellektuelle Kompromisslosigkeit, diese Unnachgiebigkeit in der Argumentation, sprach mich sofort an.
Aus den Büchern Wolfgangs drang ein Sound, der ganz anders war als der, den ich bislang kannte, unabhängig, erfrischend und nicht darauf aus, korrekt zu sein und die Wahrheit gepachtet zu haben. In ihnen kam ein theoretischer Anspruch zum Vorschein, der nicht als Schutzschild verwendet wurde, komplizierte und komplexe Zusammenhänge formulierte er klar und deutlich. Die erste Anstreichung in »Ausverkauf«, die ich damals vornahm, galt dem Satz:

»In einer gedankenlosen Welt ist das Denken wesentlich Hirngespinst. Daher die Esoterik und tendenzielle Nicht-Verstehbarkeit authentischer Theorie, der gelegentlich selbst deren Verfasser zum Opfer fällt. Zwei faule Wochen oder eine Erkältung genügen, die Niederschrift eines Aufsatzes von der Unfähigkeit zu trennen, diesen auch nur noch zu verstehen.«

Dass er seine Überlegungen auch ironisch gegen sich selbst wendete, das war freies, abschweifendes Denken, wobei dieses Denken ihn nicht davon abhielt, vehement darum zu streiten, ob ein Gedanke oder eine Argumentation richtig oder falsch war. Gleichzeitig war ihm aber beim Streit um richtig oder falsch jeder missionarische Eifer fremd. Seine Rolle als öffentlicher Intellektueller, die er zu Beginn der achtziger Jahre inne hatte, als die ersten Bücher von ihm erschienen und heftige Debatten auslösten, spielte er sogar herunter. Am 5. November 1982 hielt Wolfgang in der Blumenthalstraße 13, einem besetzten Haus in Berlin, einen Vortrag, in dem er den Berliner Häuserkampf als »eine Mischung aus freiwilligem Arbeitsdienst und Rebellion« abhandelte:

»Ich habe weder an die-ser Bewegung teilgenommen, noch habe ich sie er-forscht oder gründlich studiert, ich habe nicht mit Besetzern gesprochen, nie in einem besetzten Haus ge-wohnt, und ich besitze keine Dossiers. Ich habe nicht recherchiert, weder im journalistischen noch im krimi-nalistischen Sinne, und man hat mir daraus einen Vor-wurf gemacht. Man hat mir vorgeworfen, die Friedens-bewegung, die Alternativen, die Grünen und die Hausbesetzer leichtfertig, gewissenlos und verantwortungs-los zu verleumden. Dem halte ich entgegen, daß ein Kommenta-tor oder Kritiker deshalb, weil er keine Macht hat, Ur-teile zu fällen oder Strafen zu verhängen, auch nicht an die Regeln der Beweisaufnahme gebunden ist, welche die Strafprozeßordnung verlangt. Man trägt keine Ver-antwortung, wenn man sich Gedanken macht und eine begründete abweichende Meinung äußert, nicht als Kri-tiker oder Publizist, der keine administrative Macht be-sitzt. Wenn der Kanzler Unsinn erzählt, dann ist dieser Unsinn deshalb, weil sein Erzähler die Macht besitzt, ihn zu verwirklichen, immer noch wichtig. Wenn ich Unfug schreibe oder rede, so ist dieser Unfug vollkom-men bedeutungslos, und man kann ihn getrost als Pro-dukt eines mitteilungssüchtigen Spinners ignorieren.«

Indem er seine eigene Bedeutung als Kommentator radikal relativierte und die Begründung dafür so schlüssig war, dass sich kaum Einwände dagegen finden lassen, führte er auf listige Weise den Nachweis, dass er natürlich alles andere war als ein »mitteilungssüchtiger Spinner«. Gleichzeitig stellte er damit ein Geschäftsmodell in Frage, auf dem auch seine Existenz beruhte, und er gab den Leuten zu verstehen, dass den sogenannten »Experten«, die im öffentlichen Streit um die Meinungshoheit mitmischten, nur die Bedeutung zukam, die man ihnen entgegenbrachte.
Es war also nicht nur seine inhaltliche Kritik, sondern auch seine Haltung, die mich begeisterte. Damals sah ich Wolfgang zum ersten Mal. Ich fragte ihn, ob er nicht bei mir publizieren wolle. Er sagte sofort zu. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, denn nun hatte ich einen Autor, der dem Verlag ein Profil gab, Aufmerksamkeit verschaffte und der andere Autoren zum Verlag führte, wie Eike Geisel, Henryk M. Broder und Christian Schultz-Gerstein. Wolfgang war in dieser Hinsicht vollkommen unkompliziert. Er fragte nicht, was ich denn als Anfänger im Verlagswesen vorzuweisen hätte, wieviel Vorschuss ich bezahlen könne, er sah nur, dass hier jemand brennend an der Veröffentlichung seiner Artikel interessiert war, und das reichte ihm. Von niemandem habe ich mehr gelernt als von Wolfgang, und das war vor allem unabhängiges Denken.

»Mein Job ist die Ideologiekritik, das habe ich gelernt«, sagte Wolfgang 1987 den Stuttgarter Nachrichten. »Die Leute sagen mir, was sie denken und ich sage ihnen, warum das falsch ist.« Das habe ich häufig genug erfahren müssen und meistens hatte ich seinen Argumenten wenig entgegenzusetzen. Aber er wusste auch, dass er damit in eine Sackgasse geriet. »Man tritt in der BRD in eine Phase ein, in der es kein falsches Bewusstsein, sondern die Absenz jeden Bewußtseins überhaupt gibt – was den Job des Ideologiekritikers natürlich schwierig macht…«

Immer wieder wurde Wolfgang vorgeworfen, seine Polemik gegen die Deutschen würde beweisen, dass er an deutschem Selbsthass leide und gerade darin würde sich zeigen, dass er deutscher sei als all die Deutschen, die er kritisiere. Der Hass aber, den die Linken und Intellektuellen in seinen sarkastischen und scharfen Formulierungen entdeckt zu haben glaubten, entsprang bei ihm einfach einer Empathie, die in der Weigerung besteht, still da zu sitzen, wenn Ausländer wie damals in Rostock-Lichtenhagen angegriffen werden. Selten habe ich ihn so fassungslos erlebt wie damals. Weil ihn diese pogromartigen Zustände zutiefst erschütterten als Akt inhumanen Denkens und Verhaltens, war es ihm unmöglich, sich als beteiligungsloser und »objektiver« Beobachter den Ereignissen gegenüber zu verhalten. Nicht der in Wolfgangs Formulierungen ausgemachte Hass war das Problem, vielmehr hielt Wolfgang mit den unzureichenden Mitteln des Journalismus fest, von welcher Gesinnung Leute getrieben sein müssen, die andere verfolgen und manchmal auch ermorden, ohne dass es dafür einen Grund wie beispielsweise Habsucht oder Eifersucht gäbe, sondern nur den Hass auf einen anderen, mit dem man nichts zu tun hat, mit dem einen sogar so existentielle Dinge verbinden wie Perspektivlosigkeit und Armut. Der Hass, der Wolfgang unterstellt wurde, hatte nichts mit dem Wunsch nach Vernichtung zu tun, er war auch kein Ausdruck zynischer Menschenverachtung, sondern einfach nur die verzweifelte Reaktion eines Menschen, der dem Straftatbestand des versuchten Mordes an Ausländern hilflos gegenübersteht.
Für Wolfgang war es deshalb eine Frage der Notwehr, gegen die Mordversuche und tatsächlichen Morde anzuschreiben. Steht man nämlich existentiellen Situationen von Menschen, in denen es um Leben und Tod geht, nicht anders gegenüber als auf einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt, wo der Pressesprecher routiniert sein »aufrichtiges Bedauern« über die als »Ereignisse« verharmlosten Mordversuche ausspricht, dann hat man den idealen Aggregatszustand für den Journalisten erreicht, der sich leicht von einem »intelligenten Computer« ersetzen lässt, aber eines wird man von diesem auf keinen Fall erwarten dürfen: Erkenntnis und Fortschritt. »Hass«, schreibt Wolfgang in einem Vortrag über die »Zukunftsangst«, den er am 2. November 1985 in Mainz gehalten hat, ist »eines der wichtigsten Motive für den analysierenden, wörtlich: zersetzenden Verstand, dem wir alle Humanisierung vorgefundener Gewaltverhältnisse durch deren Zerstörung verdanken«.

Die Wahrheit über den 20. Spieltag

War es schon vorher klar, dass es in Frankfurt nicht einfach werden würde, auch wenn die Eintracht in Bremen nur ein Remis zustande brachten und am Ende der Vorrunde schwächelten, so fanden die Frankfurter im BVB eine echte Herausforderung, die sie gerne annahmen, indem sie ihr besten Spiel der Saison ablieferten. Immer wieder setzten sie der Dortmunder Abwehr zu, der unter Druck dann eben Missverständnisse unterliefen wie zwischen dem ansonsten sehr zuverlässigen und zweikampfstarken Weigel und Diallo. Aber Rebic konnte die Chance, als er plötzlich allein vor Bürki stand, nicht verwerten. Es war nur eine von ein paar hochkarätigen Chancen, die die Einrtachtstürmer liegen ließen, was sie eigentlich sonst nicht tun, denn nicht umsonst haben sie ebensoviele Tore erzielt wie Dortmunds Stürmer. Aber nach den ersten zehn Minuten konnten sich die Dortmunder von der Umklammerung befreien und hatten die Gelegenheit, ihrerseits mehrere Großchancen zu versieben. Vor allem Reus zeichnete sich in dieser Kunst aus. Er schoss zwar das 1:0, aber wem das Tor eigentlich gebührte, das machte Reus selbst durch Gesten deutlich, denn dem Treffer war ein sehenswertes Dribbling Guerreiros vorausgegangen, der sich durch die Frankfurter Abwehr tankte, dabei noch den Überblick behielt und im richtigen Moment den Ball zu seinem Nebenspieler schob, der nur noch den Fuß hinhalten musste. Reus lief kurz darauf noch einmal allein auf Frankfurts Torhüter Trapp zu, setzte den Ball aber neben den Pfosten, aber als er eine flache von Alcacer in den Rückraum geschlagene Flanke genau ins rechte obere Toreck setzen wollte und nur die Latte traf, da konnte man schon fast von Fahrlässigkeit sprechen. Die erste Halbzeit war ein unglaublich intensives, ein grandioses Fußballspiel, und dass den Dortmundern alles abverlangt wurde, ist vielleicht nicht schlecht, denn dadurch merken sie, dass sie eben immer alles geben müssen, dass ihnen nichts in den Schoß fällt, denn irgendwie scheinen sie die Gabe zu besitzen, das beste aus dem jeweiligen Gegner herauszukitzeln. Selbst gegen den Club vor einer Woche war das so, auch wenn der dann nach einer Stunde aufgab. Schade, dass Reus seine Chancen verdattelte, denn Man hätte sich noch deutlicher von den Münchnern absetzen können. Am Ende waren beide Mannschaften zufrieden, vor allem deshalb, weil die Bayern in Leverkusen mit 3:1 verloren hatten, nachdem sie 1:0 führten, weshalb die Bayern nicht wie gefürchtet dem Tabellenführer näher kamen, sondern der BVB seinen Vorsprung sogar noch ausbauen konnte, wenngleich auch nur durch einen Punkt. Der Gewinner des Abends waren die Gladbacher, die gegen verbissene und uninspirierte Schalker auswärts mit 2:0 gewannen und sich dadurch an den Bayern vorbei sogar auf Platz zwei schoben. Die grandiose Schnapsidee der Hannoveraner Vereinsführung, Thomas Doll als Retter des Vereins zu engagieren, ging voll auf, denn Doll, der schon vor langer Zeit in Dortmund seine Unfähigkeit unter Beweis gestellt hatte, eine Mannschaft zu Höchstleistungen zu führen, blieb seinem Ruf treu. Die Aufbruchstimmung, die er zu verbreiten suchte, kippte bei einem blutleeren Auftritt zu Hause gegen Leipzig um in Resignation und Verzagtheit. Es gibt also nichts neues unter der Hannoveraner Fußballsonne, außer eine neue Ratlosigkeit, die die alte ist.

Die Wahrheit über den 19. Spieltag

Für Hannovers Trainer Breitenreiter war das Spiel in Dortmund eine mission impossible, denn das Auftreten seiner Manschaft wurde von den Verantwortlichen zur Bedingung für seine Weiterbeschäftigung gemacht. Schon nach dem letzten Spiel wurde öffentlich über den Trainerwechsel gesprochen, was Breitenreiter nicht sonderlich hilfreich für seine Arbeit empfand. Dennoch ist die Situation nicht eindeutiger geworden, denn trotz der deutlichen 5:1-Niederlage der Niedersachsen, hatten die Sechsundneunziger eine Stunde lang den Dortmundern Paroli geboten und in dieser Zeit hatte man nicht den Eindruck, Hannover sei die schlechtere Mannschaft, im Gegenteil, man konnte sich nie sicher sein, ob die knappe 1:0-Führung durch Hakimi in der 24. Minute wirklich ausreichen würde, denn Hannover hatte durchaus Chancen, und wenn Bürki auf der Linie zur Zeit nicht so gut in Form wäre, hätten die Hannoveraner bereits in der 2. Minute geführt. Es war also durchaus ein Spiel, in dem den Dortmundern so ziemlich alles abverlangt wurde, und man konnte sich zunächst nicht vorstellen, dass Hannover nur auf dem 17. Platz stand. Jedenfalls gaben sie alles, und sie gaben es für ihren Trainer. Bei Dortmund hingegen klappte unter Druck nicht viel, und wenn Piszczek nicht so grandios gespielt hätte mit zwei genialen Vorlagen, die Reus und Guerreiro allerdings nicht verwerten konnten, dann hätte es optisch noch schlechter ausgesehen. Aber nach genau einer Stunde, verlor Hannovers Verteidiger Albornoz den Ball völlig unnötig an Hakimi, der aus einer Entfernung von guten zwanzig Metern angebraust kam – was wie absurder Übereifer aussah –, den Ball eroberte und überlegt auf Reus passte, der den Ball kunstvoll wie eine Billardkugel am Torwart vorbei ins Tor bugsierte. Danach brach Hannover ein. Sancho auf Götze und Reus auf Guerreiro, fast zwei identische Tore, und das Spiel war gelaufen. Dennoch ließ sich Hannover nicht hängen und erzielte noch den Anschlusstreffer, einen abgefälschten Schuss von Bakalorz, nachdem er fast von der Mittellinie bis fast zum Sechzehner gelaufen war. Das ärgerte die Borussen dann doch so sehr, dass Witsel in der 90. noch mit einem sehenswerten Fernschuss den Endstand herstellte. Breitenreiter schien ganz zufrieden zu sein, wenigstens konnte er sich mit einer guten Leistung verabschieden: »Es geht jetzt nicht um mich, sondern darum, den Verein vor dem Klassenerhalt zu bewahren«, sagte er hinterlistig und setzte damit die Schlusspointe, denn auch ein anderer Trainer wird die Hannoveraner nicht retten können. Leider war es für den BVB nur ein Pflichtsieg, denn auch Gladbach gewann, und es lässt sich kaum davon ausgehen, dass die Bayern im Sonntagsspiel gegen Stuttgart verlieren werden. Erstaunlicherweise gewann Bosz mit Leverkusen in Wolfsburg souverän mit 3:0. Aber das hatte er auch Anfang der letzten Saison mit Dortmund. Man darf gespannt sein, ob sich auch alles andere wiederholen wird. In einer mitreißenden Partie trennten sich Bremen und Frankfurt mit einem 2:2. Es wird also in einer Woche nicht ganz so einfach sein, in Frankfurt zu gewinnen, wenn der BVB dort antreten muss, denn im Unterschied zur Hinrunde, als die Eintracht völlig von der Rolle war, gehören sie zu den Anwärtern auf einen internationalen Platz und haben mit Haller, Jovic und Rebic drei richtig gute Stürmer.

Die Wahrheit über den 18. Spieltag

Im Vorfeld des Spieltags stand in der FAZ ein großes Interview mit Marco Reuss, der auf Nachfrage sagte, dass er nie zu Bayern wechseln würde, eine Nachricht, die groß aufgeblasen wurde, obwohl Reuss selbst darauf hinwies, dass er als fast Dreißigjähriger wohl kaum bei der von den Bayern geplanten Verjüngungskur in Frage kommt. Und der FAZ-Redakteur Horeni fragte weiter, ob Reuss durch seine Führerscheinaffäre von Löw nicht mindestens zwei bis drei Spiele hätte gesperrt werden müssen, weil er seinen Vorbildcharakter für die deutsche Jugend verletzt habe. Man ist bei solchen Gelegenheiten doch immer wieder erstaunt, was Reporter so umtreibt, die wie die AfD reden, ohne es zu merken, vermutlich weil ihnen die anspruchslose und simple Argumention, bei der sich alles über den deutschen Leisten schlagen lässt, ihrer Auffassungsgabe entgegenkommt, denn selbstverständlich entgeht ihnen natürlich, dass die Spieler der Jugend nicht etwa vermitteln, ohne Führerschein zu fahren, sondern an der Spielkonsole zu daddeln und auf Fortnite zu ballern, was das Zeug hält. Sonst aber war der Spieltag ganz wunderbar, weil trotz kurzfristiger Verletzung von Reuss die Dortmunder in einem rasanten Spiel nun auch in Leipzig bestanden und den überengagierten und von Rangnik bis in die Haarspitzen motivierten RBlern die erste Heimniederlage zufügten. Die Dortmunder ließen sich nicht von der Hektik, die die Leipziger zu entfachen versuchten, anstecken, und dennoch wurde es ein sehr enges Spiel auf kleinem Raum, weil jeder versuchte, die Räume um den Ball einzuengen und durch ständige Eroberungsversuche des Balles sich Vorteile zu verschaffen. Aber auf engem Raum konnten die Dortmunder ihre technische Überlegenheit durch schnelle Kombinationen ausspielen, und einige Male gelang es ihnen, schnell in die Spitzen zu spielen, aber der wuchtige und schnelle Upamecano vereitelte immer wieder gefährliche Situationen im letzten Moment. Das Spiel hätte einige Tore mehr verdient, aber auf beiden Seiten ließ man großzügig die Chancen aus, die sich boten, so dass der wunderschöne Schuss Witsels aus dem Stand heraus an die Unterkante der Latte mitten im Strafraumgewühl nach einer Ecke von Guerreiro der einzige Treffer bleiben sollte. Dennoch gibt es bei den Dortmundern einiges zu bemängeln, zum Beispiel an Bürki, der zwar ein paar tolle Paraden zeigte und deshalb auch gleich zum besten Spieler des BVB gekürt wurde, aber der eine der größten Chancen der Leipziger selbst generiert hatte, als er ausrutschte und den zurückgepassten Ball nicht traf, eine Gelegenheit, die sich eine etwas bessere Mannschaft nicht hätte entgehen lassen. Vor allem aber kam keiner der lang nach vorne geschlagenen Bälle beim eigenen Mann an, was wirklich eine Leistung ist, die ihm so schnell niemand nachmacht. Und auch der Reuss-Ersatz Philipp enttäuschte nicht nur, weil er die riesige Chance zum 2:0 versiebte, auch sonst spielte er unglücklich und dürfte wesentlich an den schlechten Zweikampfwerten der Dortmunder mit einer Quote von 44 % beteiligt gewesen sein. Jedenfalls war der Sieg des BVB sehr wichtig, weil Bayern schon am Freitag in Hoffenheim souverän mit 3:1 gewonnen hatte und zur Jagd auf die Dortmunder geblasen hatte, wobei man sich in der nun eröffneten 2. Saisonhälfte nicht allzu viele Ausrutscher wird erlauben dürfen, denn Bayern macht wieder einen sehr stabilen Eindruck. Peter Bosz ist wieder in die Liga zurückgekehrt und hat mit Leverkusen auch gleich sein erstes Spiel gegen Gladbach verloren. Ob es diesmal klappt mit seinem Offensivsystem? Man darf gespannt sein.

Nachruf auf Wolfgang Pohrt

Der erste Auftritt Wolfgang Pohrts in der Öffentlichkeit war gleich ein Paukenschlag. Im Dezember 1980 veröffentlichte er im Spiegel einen Verriss des sehr erfolgreichen Buches „Wer soll das alles ändern“ des Mitbegründers von „Netzwerk Selbsthilfe“ Joseph Huber über die Alternativbewegung. Pohrt wies dem gutmeinenden Joseph Huber Gedankenlosigkeit, nazistische Implikationen, Stammtischgerede und Sachzwangjargon nach.
Die linksliberale Intelligenz reagierte sofort: Robert Jungk assoziierte beim „wüsten Anschlag“ Pohrts das „Attentat gegen John Lennon“, Rudolf Bahro bezeichnete Pohrt als „linken Reaktionär“ und Johano Strasser unterstellte ihm „neurotischen Vernichtungswillen“, was nicht wenig ist für einen Mann, der nur seine Schreibmaschine im Anschlag hat. Man wurde hellhörig, weil für jeden, der lesen konnte, die Polemik nicht nur beneidenswert gut geschrieben war, sondern Pohrt sich auch die Mühe machte, präzise zu begründen, was falsch und schief war an den Argumenten der Alternativen, der Friedensbewegung, der Grünen, der Linken und der Bürgerlichen.
Der 1945 geborene Pohrt hatte in Berlin und Frankfurt Soziologie, Politologie und Psychologie studiert und bei Adorno Vorlesungen besucht. Er hatte Marx, Hannah Arendt, Günther Anders, Horkheimer, Benjamin, Krahl, Ambler, Balzac u.a. gelesen und nahm sie nicht nur wie andere als Beleg zur Absicherung der eigenen Argumente, sondern wendete sie auch produktiv an. Er war zwar durch die Protestbewegung sozialisiert, aber er war weder für eine der K-Gruppen anfällig, noch für die Alternativbewegung. Vielmehr beobachtete er in den siebziger Jahren genau den Zerfallsprozess der 68er-Revolte und begann so genannte „Schubladentexte“ über die Kollateralschäden der Protestbewegung zu verfassen.
1980 beendete er eine ihn nur frustrierende Unikarriere und arbeitete stattdessen als freier Journalist und Vortragsreisender. Und das mit Erfolg, denn überall, wo er auftrat oder publizierte, blieben Proteste nicht aus.
In einem Interview sagte Pohrt einmal: „Die Leute sagen mir, was sie denken, und ich sage ihnen, warum es falsch ist.“ Das war keine Hybris, sondern sein Ansatz als Ideologiekritiker, als den sich Pohrt in den achtziger Jahren begriff. Da sich aber niemand gern Denkfehler nachweisen ließ, gehörte Pohrt zusammen mit Eike Geisel und Christian Schultz-Gerstein bald zu den meist gehassten Kritikern in der Republik.
Als im Oktober 1981 300.000 Menschen im Bonner Hofgarten gegen die NATO demonstrierten, kritisierte Pohrt als erster die Friedensbewegung in der taz und in der Zeit (Konkret hatte abgelehnt) als „nationale Erweckungsbewegung“ und erinnerte daran, dass der allseits verhasste US-amerikanische „Kulturimperialismus“ in Deutschland „nicht die Barbarei, sondern die Zivilisation“ gebracht habe. Er spitzte dieses Argument mit der lustigen Bemerkung zu, die damals in der kulinarischen Einöde Deutschlands durchaus plausibel war: „In diesem Land ist jede weitere Filiale der McDonald-Hamburger-Kette eine neue Insel der Gastfreundschaft und eine erfreuliche Bereicherung der Eßkultur.“ Zeit und taz wurden mit empörten Leserbriefen bombardiert, was zumindest der Zeit eine Lehre war, denn Pohrt war dieser Publikationsort von nun an verschlossen. Und auch wenn Josef Joffe, André Glucksmann, Henryk Broder, Dietmar Dath, Hans Magnus Enzensberger oder auch Sophie Rois, Eckhard Henscheid und Wiglaf Droste sich hier und da von Pohrts Arbeiten begeistert zeigten, war er für den linken Mainstream ein rotes Tuch, da er nicht aufhörte, schon frühzeitig den linken Antisemitismus und die nationale Identität zu zerpflücken und sich in die großen Kulturbetriebsdebatten einzumischen. Pohrt hat wie kein anderer „Erhellendes über das KZ-Universum geschrieben“ (Lothar Baier), er legte die Motive der RAF und ihrer Anhänger genauso offen wie er für eine Amnestie der Gefangenen eintrat, er machte sich über Sloterdijks „Schrebergärtnerphilosophie“ lustig, bezeichnete die Hausbesetzerbewegung als „Rebellion der Heinzelmännchen“ und verfolgte den Weg des Kursbuch in „die neudeutsche Klebrigkeit“. Er fällte ebenso lustige wie vernichtende Urteile über die deutschen Großschriftsteller und schrieb gleichzeitig grandiose Essays über Balzac und die Figur des modernen Flüchtlings bei Eric Ambler.
1989 schließlich verkündete er die „Geschäftsaufgabe als Ideologiekritiker“, weil er einsehen musste, dass man „in der BRD in eine Phase eingetreten war, in der es kein falsches Bewusstsein, sondern die Absenz jeden Bewusstsein überhaupt gibt.“ Die Republikaner waren ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen und Pohrt verlor die Lust, den Kulturbetrieb weiterhin mit Feuilletons zu beliefern. Im Auftrag Jan Philipp Reemtsmas machte sich Pohrt für das Hamburger Institut an die soziologische Erforschung des Massenbewusstseins der Deutschen mit dem methodischen Handwerkszeug, das Adorno und Horkheimer in „The Authoritarian Personality“ verwendet hatten. Er traute den autoritär strukturierten Deutschen einiges zu, und wie sich in Rostock-Lichtenhagen zeigte, hatte er auch da recht. In den Neunzigern publizierte Pohrt fast nur noch in Konkret, verabschiedete sich aber nach dem für ihn enttäuschend verlaufenen Konkret-Kongress 1993 immer mehr von der Linken und ihren Debatten, hielt sich mit wissenschaftlichen Jobs über Wasser und verstummte 2004 nach dem Tod seiner Frau ganz. Erst 2011 meldete er sich noch einmal mit zwei schmalen Diskussionsbändchen „Kapitalismus Forever“ und „Das allerletzte Gefecht“ zu Wort, die noch einmal erregte Kommentare auslösten und mit denen er seine letzten Anhänger ratlos zurückließ, was auch immer sein erklärte Absicht war. 2014 schließlich zog er sich nach einem Schlaganfall ganz zurück, an dessen Folgen er am Freitag gestorben ist.

Nachruf auf F.W. Bernstein

Sein bekanntestes Sprichwort, das mittlerweile in den Sprachschatz der Deutschen eingegangen ist und zum geflügelten Wort wurde – »Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche« – wurde Zeit seines Lebens meistens seinem Kollegen Robert Gernhardt oder anderen zugeordnet. Und dies war symptomatisch für das Leben des zurückhaltenden, höflichen, sich nie vordrängelnden Dichters und Zeichners Fritz Weigle, der besser bekannt war unter seinem nome de plume F.W. Bernstein.
Und auch die Episode, die Harry Rowohlt immer wieder gerne erzählte, passt ganz gut zu Bernstein, denn sie beleuchtet seinen hintergründigen, ja dezenten Witz, der nicht auf einen Brüll-Effekt hin ausgerichtet war. Gernhardt jedenfalls habe sich eines Tages darüber beschwert, dass er (Gernhardt) ihn (Bernstein) ständig erwähne, er (Bernstein) ihn (Gernhardt) jedoch nie, worauf Bernstein erwiderte, er (Gernhardt) solle doch sein (Bernsteins) Opus Magnum abwarten, »Der Erwähnte«.
Der 1938 geborene Fritz Weigle studierte an der Stuttgarter Kunstakademie, wo er Robert Gernhardt kennenlernte. Bald schon gingen die beiden nach Berlin, wo er an der Hochschule der Künste seinen Abschluss machte. 1966 begann er seine pädagogische Karriere als Kunsterzieher an verschiedenen Schulen, bis er in Berlin an seiner alten Ausbildungsstätte 1984 bis zu seiner Emeritierung 1999 Professor für Karikatur und Bildgeschichte war. Mitte der Sechziger war er Mitbegründer einer Gruppe, die unter dem Namen »Neue Frankfurter Schule« Satiregeschichte schreiben sollte. Seine Mitstreiter waren der erwähnte Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, F.K. Waechter, Chlodwig Poth, Bernd Eilert, Peter Knorr und Hans Traxler, die fast alle berühmter und erfolgreicher wurden als F.W. Bernstein, dessen flüchtiger Antikunst-Stil beim großen Publikum nie markttauglich war.
Und erwähnt werden muss auch, dass er in den frühen Sechzigern das damals tonangebende Satiremagazin »Pardon« mitgestaltete, daß er beteiligt war an dem legendären Büchlein »Die Wahrheit über Arnold Hau« und zusammen mit Robert Gernhardt und Friedrich Karl Waechter »WimS – Welt im Spiegel« machte.
Bernstein hat von diesem frühen Ruhm nie sonderlich viel abbekommen, dennoch blieb er selbst als großer Außenseiter der Altmeister der Karikatur, ein genialer Kritzler, der mal so eben schnell nebenbei Hintuscher, der »König der Zeichner« und der Künstler, über den Bernd Rauschenbach einmal sagte: »Er ist der abwechslungsreichste, experimentierfreudigste, detailversessenste, wurschtigste, klügste, farbempfindsamste, rücksichtsloseste, höflichste, gewaltsamste, produktivste, innovativste, traditionsbewußteste, bescheidenste, realistischste, literarischste, nuancenreichste, musikalischste, schwungvollste, überraschendste, wagemutigste Zeichner, den ich kenne.«
Und so ist es. Obwohl das mit dem »gewaltsamsten« wäre schon interessant gewesen. Eine bislang verkannte Seite von F.W. Bernstein? Bernstein als Terminator unter den Zeichnern? Rauschenbach hat allerdings einen Superlativ vergessen, und zwar war F.W. Bernstein einer der Unterschätztesten, denn zweifellos hat er sich auf dem Gebiet des Zeichnens, Malens, des Dichtens und des Humors mehr Meriten erworben als Künstler, die mit irgendwelchen kitschigen Großplastiken Millionen verdienen. Aber ein Vergleich mit solchen Leuten verbietet sich auf der Stelle, denn das Gewese und Getue, eitle Gespreize und aufgeregte Schnattern lag F.W. Bernstein immer fern.
Bernstein hat nicht mehr zählbare Ausstellungen und Bücher gemacht, Beiträge zu anderen Büchern oder in Zeitschriften geschrieben und gemalt, er hat vorgelesen, wurde mit Preisen geehrt, und keiner hat es wohl mehr verdient als er, der auch eine umfangreiche Korrespondenz auf Postkarten pflegte mit einem Gruß, einem Gedicht und einer Zeichnung, Originale, die er verschwenderisch an alle Freunde zu verschicken pflegte und die allein schon ein Opus Magnum ergeben würden. Jetzt ist er am 20. Dezember nach einer langen Krankheit verstorben.
Wir sollten uns sein Vermächtnis zu Herzen nehmen, das in seinem Gedicht »Lest, Verdammte dieser Erde« formulierte: »Lest Gedichte, lest, ich werde / Euch gleich sang wozu. / Weil wir Dichter wie die Sterne / lärmen, reimen wir so gerne / gehm wir keine Ruh /Dubidubiduuu.«

Die Wahrheit über den 17. Spieltag

Nachdem es die Dortmunder in Düsseldorf erwischt hatte und sie ihre erste Niederlage hinnehmen mussten, ging mir wieder die Szene aus »Farewell my lovely« durch den Kopf, als Mitchum alias Philipp Marlowe mit seinem Zeitungshändler und Freund wettet, wie lange die unglaubliche Siegesserie von Joe DiMaggio noch anhalten würde, die ihm die Gunst sogar von Marylin Monroe einbrachte. Während des ganzen Films eilt DiMaggio von Sieg zu Sieg, aber als der Fall gelöst war, schnappt sich Marlow nach einem anstrengenden Tag eine herumliegende Zeitung und erfährt von der ersten Niederlage seines Helden, ausgerechnet gegen zwei mittelmäßige Spieler, wie man aus dem Off erfährt. Und genau das denke ich auch immer, wenn es gegen solche Gegner wie Düsseldorf geht, bei denen sich fast jede Mannschaft bedient, und dann kommt einmal ein vernünftiger, attraktiver, glamouröser Gegner vorbei und schon geben alle Spieler 200 Prozent, als ob es um ihr Leben ginge, denn das ist es schließlich, das sie ihren Enkeln mal erzählen können, dass sie gegen den großen BVB gewonnen haben. Gegen Gladbach musste man sich hingegen weniger Sorgen machen, denn bei denen ging es nur darum, vielleicht auf drei Punkte an die Dortmunder heranzukommen, d.h. sie konnten sich nicht hinten reinstellen und sich vorne auf eine schnelle Spitze und eine schlafmützige BVB-Innenverteidigung verlassen. Leider wurde das Spiel weit weniger attraktiv als gedacht, vielleicht weil beide Mannschaften doch ziemlich ersatzgeschwächt in das Spiel gingen, weil beide Spielsysteme auf kontrollierte Offensive setzten, und natürlich auf Ballbesitz. Wie der Gladbach-Trainer Hecking am Ende durchaus richtig sagte, der Unterschied bestand darin, dass Gladbach mehr Fehler machte und Dortmund daraus resultierend mehr Möglichkeiten besaß, wie Reus in der 20. Minute nach einer genialen Kombination, der an Sommer scheiterte, den er aber hätte machen müssen. Dafür war es wieder einmal Sancho, bei dem es aussah, als würde er ausgerechnet in aussichtsreicher Situation das Spiel verzögern, so dass sich die Gladbacher wieder ordnen konnten, aber selbst das scheint ihn nicht aufzuhalten. Eine Finte, ein schneller Antritt und aus spitzem Winkel das überraschende 1:0. Dieser Mann ist so gut, dass er nicht mehr lange beim BVB spielen wird, und das ist schade. Merkwürdig hingegen der Formverfall von Pulisic, dem nichts mehr zu gelingen scheint. Jedenfalls ist es nicht gut, wenn die Leistung einer Mannschaft so stark von einer Person abhängt. Und sie tut das viel mehr von Sancho als von Reus, den viele für den Spieler den Hinrunde halten, aber Reus bleibt wie ein normal Sterblicher immer wieder hängen, versiebt Chancen und ist jetzt nicht wirklich so schnell, dass gegnerische Spieler nicht mitkommen würden. Das ist zwar eine Klage auf hohem Niveau, aber Sancho vollbringt Dinge, denen man auch bei näherem Hinsehen nicht auf die Schliche kommt, dabei ist er schnell und kann Gegner auf sich ziehen und sie wie Statisten stehen lassen, als würde er zur Familie der Incredibles gehören. Erst an ihm sieht man, wie schlicht die anderen spielen, wie weit selbst ein Schmelzer oder Pisczcek dahinter zurückbleiben, selbst wenn sie einen guten Tag haben. Allerdings scheint die Zeit von Schmelzer tatsächlich abgelaufen zu sein, denn Hakimi ist in seinen Vorstößen um einiges gefährlicher und rennt nicht nur mit dem Ball nach vorne, nur um beim ersten Gegner abzustoppen und den Ball wieder zurückzuspielen. Leider ist Hakimi von Madrid nur ausgeliehen und wird bei seinen Leistungen wohl kaum loszueisen sein. Und was macht Frankfurt? Schon wieder verloren. Diesmal auch noch gegen Bayern. Wenn das mal keine Wettbewerbsverzerrung ist. Die Eintracht sollte dringend seinen Trainer entlassen.