Archiv für den Autor: Bittermann

Die Wahrheit über den 30. Spieltag

Als Rummenigge über die Details beim Trainerwechsel von Kovac von Frankfurt zu den Bayern gefragt wurde, hörte sich der nur pflichtgemäß optimistisch an. Eigentlich wollten die Bayern Tuchel verpflichten, zu dem Rummenigge, wie er sagte, schon immer ein gutes Verhältnis gehabt habe, wie überhaupt in der Branche jeder mit jedem gut befreundet ist, und deshalb tritt Kovac in der nächsten Saison seinen Job zunächst einmal als Notnagel an. Rummenigge tröstete sich damit, dass Kovac schon mal bei Bayern gespielt habe und deshalb die Vereinsstrukturen kenne, d.h. er weiß, wer die Platzhirsche sind und wo der Hammer hängt. Kovac hatte eine Ausstiegsklausel im Vertrag und natürlich wussten die Bayern davon, und sie wussten, wie billig der Mann zu haben sein würde, denn mit der Eintracht im oberen Mittelfeld mitzuspielen, mag für manche zwar erstaunlich sein, aber ein richtiger Leistungsnachweis ist es eigentlich nicht. Zudem sind bei den Bayern andere Fähigkeiten gefragt als aus einer mittelmäßigen Mannschaft eine etwas bessere mittelmäßige Mannschaft zu formen. Auch wenn in Frankfurt eine hohe Fluktuation herrscht, weil der Eintracht die guten Spieler immer weggekauft wurden, hat Kovac das gut kompensieren können, was man als Trainer allerdings auch können muss, denn mit diesem Problem sind alle Vereine konfrontiert. Natürlich ist es für jeden Trainer attraktiv, wenn man die restliche Liga als Shopping-Center benutzen kann, dennoch heißt das alles noch lange nicht, dass es mit den Bayern und Kovac klappt. Und dass es nicht klappt, ist die einzige schwache Hoffnung der anderen Vereine, dass den Bayern vielleicht nicht der siebte Durchmarsch gelingt. Aber wenn es nicht gelingt, kann man immer noch Heynckes aus der Gruft holen. Interessanter wird sein, wer in Dortmund den uninspirierten Stöger ablösen wird, der an der Seitenlinie so depressiv und leidenschaftslos herumsteht wie seine Spieler auf dem Platz agieren. Wer die ersten dreißig Minuten des letzten Spiels zu Hause gegen Stuttgart gesehen hat, war schockiert über den sagenhaften Rumpelfußball, den man da geboten bekam, bevor Pulisic durch einen Zufallstreffer das 1:0 gelang. Bei dieser Spielweise kann man kaum fassen, dass der BVB immer noch auf Platz 3 steht, denn Leverkusen, Hoffenheim, die Eintracht und Leipzig spielen viel besseren und ansehnlicheren Fußball. Vor allem die Leverkusener, die zu Hause gegen Frankfurt souverän und mit blitzsauberem Konterfußball 4:1 gewannen, was man in München wahrscheinlich mit einem Stirnrunzeln registriert haben wird, haben spielerisch wenigstens etwas zu bieten. Das wird gegen die Bayern zwar nicht ausreichen, wenn die beiden Mannschaften am Dienstag im Pokalhalbfinale aufeinander treffen, aber immerhin scheint Heiko Herrlich den Spielern Selbstvertrauen vermitteln können, was den Dortmundern völlig fehlt. Ebenso den Gladbachern, die sich in München mit 5:1 fast so blamabel abfertigen ließen wie Dortmund. Köln und Hamburg, die am letzten Spieltag nochmal kurz Morgenluft wittern durften, wurden in Hoffenheim und in Berlin wieder auf Normalmaß zurechtgestutzt. Rechnerisch ist der Relegationsplatz zwar noch drin, aber da müsste schon ein Wunder passieren. Und Wunder in der Liga gibt es keine mehr, seitdem die Bayern keine Wunder mehr zulassen, weshalb auch der Zauber des Fußballs verloren gegangen ist.

Die Wahrheit über den 29. Spieltag

Fünf Spieltage vor Saisonende ist Bayern Meister. In Augsburg machte Bayern mit einem standesgemäßen 4:1 alles klar. Bayern hat das schon mal schneller geschafft, aber immer noch rechtzeitig vor den entscheidenden Finalspielen in der Champions-League, und damit ist nicht Sevilla gemeint, die in der Liga gerade 4:0 gegen Celta Vigo verloren, sondern die Halbfinalrunde, in der es dann tatsächlich nur noch starke Gegner gibt, denn bislang hatte Bayern einen unglaublichen Dusel, denn nur weil man Zweiter in der Gruppenphase wurde, bekam man es nicht gleich mit Madrid zu tun und stattdessen mit den jeweils schwächsten Teams im Topf (Istanbul und Sevilla) zu tun. Dennoch ist die Bundesliga schon lange kein Maßstab mehr für die Bayern, denn dort ist niemand mehr in der Lage, gute Spieler, die dort aufblühen, zu halten. Gladbachs Manager Eberl hofft zwar, dass die Umbruchsphase des eigentlich überalterten Bayern-Kaders dazu führt, dass auch mal wieder ein anderer Verein Meister werden könnte, aber er vergisst hinzuzufügen, dass es einfach der Verein mit dem meisten Geld ist, der attraktivste Verein, der den Spielern am verlässlichsten Titel beschert. Immer wieder wird betont, was für gute Arbeit der Verein leisten würde. Aber daran liegt es nicht allein. Sondern ganz einfach daran, dass Bayern seine Spieler nur selten abgeben muss. Bayern muss eigentlich nur winken und schon kommen die Nachwuchstalente aus den Vereinen auch ablösefrei zu Bayern, auch wenn sie dort gar keine Chance haben zu spielen. Die Liga ist eigentlich nur noch ein Nachwuchszentrum für die Bayern. Und so lange man nichts gegen diese Entwicklung tut, wird Bayern auch mit seiner B-Elf noch weitere zwanzig Mal hintereinander deutscher Meister. Hätte Dortmund Dembélé, Aubameyang, Mkhitaryan, Gündogan, Hummels, Lewandowski etc. halten können, wäre Bayern ein ernstzunehmender Gegner erwachsen. Aber da kein Verein immer solche Treffer mit der Verpflichtung von Nachwuchsspielern wie Dembélé landen kann, war der BVB der letzte Verein, der den Bayern einmal etwas streitig machen konnte. Das wird jetzt nicht mehr passieren. Diese Monokultur im Fußball ist kein Wettkampf mehr und die Hoffnung, dass Bayern mal versagen könnte, löst sich meistens schnell in Luft auf. Die Folge dieser Langeweile kann man immer mehr beobachten im Desinteresse am Produkt Fußball, denn immer weniger gucken sich normale Spiele an, weder in den Stadien noch vor dem Fernseher. Das war vor sechs Jahren, als der BVB die Liga aufmischte noch anders. Heute gucken nur noch Masochisten die öden Spiele des BVB an, die hilflos sind gegen Vereine, von denen man z.T. noch nie gehört hat. Diese nationale Entwicklung greift auch auf internationaler Ebene. Es gibt Gerüchte, dass Lewandowski zu Real Madrid wechselt, und wenn ein englischer Verein von den Top Five einen Spieler aus den Bundesliga verpflichten will, dann ist das kein Problem, das an finanziellen Mitteln scheitert. Bayern hat sich bislang dieser Entwicklung gut entziehen können, ist aber auch der einzige deutsche Verein, der hier noch mithalten kann. Vereine wie Schalke, die sich für die Champions-League zu qualifizieren scheinen, verlieren gegen Absteiger wie Hamburg, wenn die nur ein bisschen entschlossen spielen. Und dem BVB wie jedem anderen Verein, der um die internationalen Plätze spielt, wäre das gleiche passiert.

Der Sound der Diktatur

Es ist die vielleicht eigenartigste Konstellation im Literaturbetrieb. Helmut Lethen, in den Sechzigern sozialisiert, emeritierter Professor für Deutsche Literatur, erfolgreicher Autor, der 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, verheiratet mit einer ehemaligen Studentin, mit der er drei Kinder hat, sieht sich mit dem kruden Gedankengut der Identitären Bewegung konfrontiert, bei dem er sich nicht auf historische Quellen stützen kann, die sich mit wissenschaftlicher Distanz analysieren lassen. Seine Frau ist eine Aktivisten der Rechten und hat ein Buch im Verlag von Götz Kubitschek veröffentlicht, das sie auf der Leipziger Buchmesse vorstellen wird.
Helmut Lethen geht in seinem neuen Buch »Die Staatsräte« über die Elite im Dritten Reich nicht darauf ein, denn seine Untersuchung rechter Denkstrukturen unter der Nazi-Herrschaft am Beispiel von vier Protagonisten, die auch heute noch jedem ein Begriff sind: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch und Carl Schmitt (seine »Helden« in den Fünfzigern, wie Lethen sagt), ist rein historisch. Sie ist eine sehr detaillreiche Abhandlung über die Illusion der konservativen deutschen Elite, unter den Nazis eine eigenständige Rolle spielen zu können. Göring hatte diesen Bedeutung simulierenden »Preußischer Staatsrat« in Leben gerufen, um die Mitglieder glauben zu lassen, der Führer wäre an dessen Meinung interessiert.
Im psychischen Korsett der Deutschen begann sich unter den Nazis etwas durchzusetzen, das Hannah Arendt einmal so beschrieb: »Es gab im Dritten Reich nur wenige Menschen, die die späteren Verbrechen des Regimes aus vollem Herzen bejahten, dafür aber eine große Zahl, die absolut bereit waren, sie dennoch auszuführen.« Das galt auch für die Elite des Reichs. Allerdings waren die vier von Lethen ausgewählten Staatsräte nicht typisch dafür. Der Staatsrechtler Carl Schmitt war Antisemit und von Anfang an Anhänger der neuen Machthaber. Er denunzierte seine jüdischen Kollegen, denen er seine Karriere verdankte. Aus seiner Hoffnung, der »Souffleur« Hitlers zu werden, wird nichts. Ihm fällt die Hauptrolle im Stück von Lethen zu. Gustaf Gründgens, von 1937 bis 1945 »Generalintendant der Preußischen Staatstheater«, steht unter dem Schutz Görings. Er genießt eine gewisse Narrenfreiheit und Privilegien, die es ihm sogar erlauben, auch mal einen Verfolgten zu retten. Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch ist Direktor der Charité und gibt sich unpolitisch. Er ist ausschließlich an seiner Arbeit interessiert. Als »Generalarzt des Heeres« findet er nichts Verwerfliches daran, Senfgasversuche an KZ-Häftlingen vornehmen zu lassen, protestiert aber auch gegen das Euthanasieprogramm und stellt sein Haus am Wannsee Regimekritikern aus der »Mittwochsgesellschaft« zur Verfügung. Als Star unter den Chirurgen kann er sich das leisten. Wilhelm Furtwängler, Dirigent und Komponist und ab 1934 Direktor der Berliner Staatsoper, ist zwar gegen die Entlassung jüdischer Musiker, sucht aber gleichzeitig die Nähe zur Macht und dirigiert zu Ehren Hitlers an dessen Geburtstag. Er verlernt, wie Lethen schreibt, »zuweilen den aufrechten Gang«, der allerdings in dieser Position sowieso nicht durchzuhalten gewesen ist.
Allen gemein ist ihr Opportunismus, den sie durch eine gewisse Exzentrik, die ihnen ihre gesellschaftliche Stellung erlaubt und die Nazis durchgehen lassen, kaschieren zu können glauben. In Wirklichkeit aber bereichern sie nur »mit kleinen Dissonanzen den Sound der Diktatur«, denn mit diesen Dissonanzen konnte die Diktatur gut leben, so lange man seinen Job gut machte, wie z.B. der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung Franz Josef Schöningh, der zwar aus seiner Verachtung gegenüber den Nazis keinen Hehl machte, aber dennoch »überdurchschnittliches Format« (Himmler) bewies, als er in Galizien die »Judenumsiedlung« organisierte. Und hier wird deutlich, welche psychischen Leistungen nötig waren, um die Verbrechen, die man im Auftrag der Nazis beging, von seiner persönlichen Verantwortung zu trennen.
Lethen zeigt auf sehr sachkundige und präzise Weise, dass es im NS-Staat keine wirkliche Opposition geben konnte. Solange die Elite für den NS nützlich war, konnte sie auch ein bisschen Kritik üben. Die allerdings half ungemein in der Nachkriegszeit, als »sie von der Behauptung ihrer Unschuld« zehrte. Sobald Lethen jedoch die vier Staatsräte in fiktiven Gesprächen zusammenführt, beginnt man sich zu fragen, was sich Lethen von diesem Mittel der künstlichen Nähe verspricht? Will er die Figuren plastischer oder glaubhafter hervortreten lassen? Aber ist die Naziprominenz biographisch nicht sowieso ziemlich gut durchleuchtet? Worin aber besteht dann der Sinn dieser Gespräche?

Helmut Lethen »Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich«, Rowohlt Berlin, 351 Seiten,

Die Wahrheit über den 28. Spieltag

»Absolut katastrophal«, »desaströs«, »inakzeptabel«, so oder ähnlich klangen die Beurteilungen der Reporter und der Fußballexperten Lothar Matthäus und Metzelder. Und auch wenn ich das ungern schreibe, leider hatten sie alle recht. Schmelzer sagte nach dem Spiel, dass sich die Mannschaft viel vorgenommen hätte, und in den ersten Minuten konnte man davon zumindest etwas erahnen. Man wollte mitpielen, was man daran erkennen konnte, dass es sogar munter nach vorne ging und Hummels sogar einmal einen Schuss von Pulisic blocken musste, aber nach dem frühen 1:0, das aus einer leichten Abseitsposition erzielt wurde, waren alle guten Vorsätze wie weggewischt. Was der BVB dann spielte, war so erbärmlich, dass Mr. Fup, den ich über Jahre hinweg vorsichtig zum Fan der Schwarzgelben erzogen habe, enttäuscht aufstand und ging, weil er sich das Trauerspiel nicht länger angucken wollte. Und er hatte völlig recht. Es gibt bald keinen Grund mehr, Fan dieser Mannschaft zu sein. Und der Verein trägt mittlerweile auch einiges dazu bei, seine Fans zu verkraulen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass man nun Sammer als externen Berater eingestellt hat, weil Watzke seine Analysefähigkeiten schätzt. Wenn man Sammer auf Eurosport einmal gesehen hat, wie er Magnete auf einer Schautafel hin- und herschiebt und dabei stulles Zeug redet, das angeblich irgendeine Taktik erklären soll, dann kann man nur beten, dass wieder Vernunft einkehren möge beim Verein. Es machte einen regelrecht wütend, die Dortmunder so zu sehen, erkennen zu müssen, wie mittelmäßig die einzelnen Spieler sind, was man nicht so gut sieht, wenn sie gegen einen Gegner spielen, der eben auch nur mittelmäßige Spieler hat. Die Dortmunder waren in jeder Situation in Unterzahl, die weiten Pässe landeten entweder bei den Münchnern oder im Seitenaus, während man die Präzision von Boatengs Pässen quer übers Spielfeld genau auf den Fuß von Ribéry bewundern musste. Castro verstolperte im Mittelfeld wie ein Anfänger den Ball und sah dann nur hinterher, wie die Angriffswelle aufs Tor rollte. Der für ihn schon nach einer halben Stunde eingewechselte Weigl spielt ohne Bedrängnis und Not den Ball vor dem eigenen Tor zum Gegner, die wie im Training sich mit einem Treffer dafür bedanken. Als Ribéry sich gegen Piszczek durchsetzte, sahen in unmittelbarer Nähe drei Dortmunder paralysiert zu, wie ein weiteres Tor fiel. Niemand ging in die Zweikämpfe, sondern man hielt immer einen Sicherheitsabstand von ein, zwei Metern. Dahoud völlig überfordert. Die Bayern bestimmten nach Belieben das Spiel und das Tempo. Und hätten sich die Münchner in der 2. Hälfte nicht für das CL-Spiel am Dienstag geschont, wäre die Niederlage vermutlich zweistellig ausgefallen. Woran diese Verunsicherung liegt, wusste auch Schmelzer nicht zu beantworten, aber jeder im Verein spürt sie. Dazu passt es, dass Zorc, wie ein Reporter berichtete, zu Gerland gesagt haben soll: »Seid heute bitte gnädig mit uns.« Die Dortmunder waren also schon mit der Erwartung nach München gefahren, unter die Räder zu kommen. Und genau das war auch die Haltung, die die Spieler ausstrahlten. Es war wie eine kollektive Lähmung. Es ist schade, aber es sieht so aus, als ob Dortmund gerade einen ziemlich großen Imageschaden erleidet. Die Fans, die ihnen in den letzten Jahren in Scharen zugelaufen sind, werden sich das kaum länger antun mögen. Und das ist nur zu verständlich. Es bleiben dann die Hardcore-Fans, und um die ist kein Verein zu beneiden.

Die Wahrheit über den 27. Spieltag

Wenn eine Mannschaft in einem ansonsten langweiligen Spiel mit wenig Torraumszenen und noch weniger Chancen zuerst einen Elfmeter verschießt und anschließend ein Eigentor zur 1:0-Niederlage fabriziert, dann handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Wolfsburg, die gegen Mainz um den Relegationsplatz kämpfen. Wenn der glückliche Sieger aber Schalke heißt, die mit diesem Sieg Platz 2 festigt, dann kann man ersehen, dass nicht Können, Souveränität, Spielvermögen entscheidend sind, sondern Zufall die größte Rolle im Kampf um die CL-Plätze spielt, denn die anderen Mannschaften, die da oben herummurksen, sind auch nicht besser, auch sie tun sich schwer, Spiele zu gewinnen, und man hat immer das Gefühl, als ob ein Zufallsgenerator darüber entscheidet, wer welche Spiele gewinnt oder verliert. Auch der HSV hat nach einer stalinistischen Säuberungswelle und neuem Trainer, dessen Namen man sich vermutlich gar nicht merken muss, weil er ganz schnell wieder entlassen wird, noch einmal alles probiert und kam mit einer jungen Mannschaft und einer Spielidee auf das Feld, und sogar optimistische Fans gab es, die die Mannschaft gegen Hertha unterstützten, was sich die eher stumpfen Hertha-Fans jedoch nicht gefallen ließen, weshalb es zu einigen Rangeleien kam. Der HSV war tatsächlich überlegen und erzielte nach einer sehenswerten Kombination sogar das 1:0, aber dann kam die 2. Halbzeit und plötzlich setzte sich in den Köpfen der Hamburger die Idee fest, den Vorsprung verteidigen zu müssen. Sie ließen die Berliner besser ins Spiel kommen und gaben damit selbiges aus der Hand. 2:1 stand es am Ende für die Berliner und damit zementierten die Hamburger ihren Anspruch auf die 2. Liga, während einer der aussortierten Spieler Papadopoulos sich bei den Reportern darüber beschwerte, dass er nicht spielen durfte, womit er ganz wesentlich etwas zum Mannschaftsklima beitrug. Zum Glück muss der BVB nicht gegen einen abstiegsbedrohten Verein spielen, die alles in die Waagschale werfen, denn gegen solche Gegner hat die Mannschaft echte Probleme, wie man beim Ausscheiden aus der Euroleague gegen Salzburg sehen konnte. Kaum tritt den Dortmunder Spielern jemand auf die Zehen, verunsichert man sie, denn spielen und brillieren können sie nur, wenn der Gegner einen Sicherheitsabstand einhält, ihnen quasi Raum für die Inspiration lässt. Deshalb will kaum jemand der BVB-Fans, dass der Verein mit Stöger verlängert, denn auch wenn Dortmund unter ihm noch kein Spiel verloren hat (dafür allerdings reichlich Remis), ist die Spielweise eher unterirdisch, so dass sich nicht mal Mannschaften, die gegen den Abstieg spielen, fürchten, gegen den BVB anzutreten. Nur die Eintracht stach unter dem Mittelmaß ein bisschen heraus und erledigte seinen Job souverän, allerdings gegen völlig indisponierte Mainzer, gegen die jede andere Mannschaft an diesem Tag auch gewonnen hätte, weshalb der Sieg kein stichhaltiges Indiz für einen der internationalen Plätze ist. Immerhin haben sich die Bremer mit einem starken Auftritt in Augsburg und einen 3:1-Sieg von den Abstiegsplätzen weiter distanziert und haben jetzt Anschluss an das große Mittelfeld gefunden, von dem es dann auch nicht mehr weit zu einem der internationalen Plätze ist, von denen sie gerade mal sieben Punkte entfernt sind, weshalb die bei noch sieben Spielen und 21 zu vergebenden Punkten noch durchaus erreichbar sind.

Die Wahrheit über den 26. Spieltag

So langsam macht man sich in Dortmund Sorgen. Als nach dem furiosen Anfangsstart der Knacks kam, dachte man noch an eine vorübergehende schlechte Phase, die jede Mannschaft mal hat, aber mit dem Rausschmiss von Bosz wurde die Sache unter Stöger nicht besser, aber immerhin wurde hin und wieder mal gewonnen, und das hatte man unter Bosz lange nicht mehr. Die Spielweise wurde etwas defensiver, man rannte nicht mehr so häufig ins Messer, aber unter dem Sicherheitsfußball wurde das Spiel nicht attraktiver. Seither kann man sich die Spiele der Dortmunder nur ansehen, wenn man eine gewisse Nervenstärke besitzt oder immun ist gegen Langeweile. Nach ein paar zähen Siegen und nicht minder zähen Remis gegen Vereine, die nicht gerade zur Creme de la Creme des deutschen Fußballs zählen, hat man im Achtelfinale der Euroleague gegen Salzburg gezeigt, dass man für einen der erfolglosesten Vereine im internationalen Fußball ein Herz hat und dass man offenbar gewillt ist, ihm in dieser Kategorie den Rang abzulaufen. Und das, obwohl die Mannschaft in Bestbesetzung auflaufen konnte, wenn man einmal von Schürrle absieht, der mit seinem Gestochere und Ballverluste immer wieder dafür sorgt, dass die Hintermanschaft in die Bredouille kommt, weshalb niemand weiß, wie Stöger auf die absurde Idee kommt, ihn für einen Stammspieler zu halten. Aber Stöger hat sowieso keine Idee, wie der Abstieg der Mannschaft in die Mittelmäßigkeit aufzuhalten ist, denn er hat keine Idee, die im Spiel der Dortmunder irgendwie erkennbar wäre. Gegen Mannschaften jedenfalls, die wenigstens alles geben, wenn sie schon technisch minderbemittelt sind, die jedem Ball hinterherlaufen und die sich sofort auf den Ballbesitzenden stürzen, die also den Gegner auf das chaotische Niveau ihrer Möglichkeiten herabziehen, verzagen die Dortmunder. Als allgemeiner Trend wird es in der Tabelle also nach unten gehen, denn gegen die Mannschaften, die um die CL-Plätze mitmischen, haben sie einfach nicht die Mittel mehr herauszuholen als ein Remis, auch wenn diese Mannschaften auch nicht gerade konstant oder aufregend spielen. Immerhin hat Schalke mit einem knappen 1:0 in Mainz die Pole Position hinter Bayern (mit einem Sicherheitsabstand von 20 Punkten) übernommen. Auch Bayer hat im Derby gegen Gladbach gewonnen und ist den CL-Plätzen näher gekommen. Mit weiteren Remis wird der BVB da nicht weiter kommen. Sieht man dagegen in die Premierleague, dann kann man wenigstens richtigen Fußball gucken und wird nicht ständig mit Unfähigkeit konfrontiert. Auch wenn Liverpool im Kampf um Platz zwei gegen ManU verloren hat, konnte man zumindest den unbändigen Willen der Mannschaft erkennen, den Gegner niederzuringen. Das war ein Spiel auf höchsten Niveau, ein Spiel, das Spaß machte, mit Torraumszenen, Chancen, dramatischen Zweikämpfen, eben alles, was ein Spiel bieten muss, um attraktiv für den Zuschauer zu sein. Das wird es hierzulande aber immer weniger. In Dortmund, in dem in den vergangenen Jahren kaum ein Spiel nicht ausverkauft war, kriegt man jetzt wieder Karten. In anderen Stadien gähnen einen immer wieder leere Ränge an. Und das liegt nicht nur am schlechten Fußball, der einem zu überteuerten Preisen angeboten wird, sondern auch an der mangelnden Spannung, denn nicht nur der Meister, sondern auch die Absteiger stehen längst fest.

Die Wahrheit über den 25. Spieltag

Der BVB macht so langsam aber sicher Wolfsburg Konkurrenz als Remis-König, wobei der VfL alternativ verliert, so wie diesmal gegen Leverkusen und wieder einmal unter Beweis stellte, wie dringend es ihn in die 2. Liga zieht, was auch die Fans so sahen, die sich in sarkastischen Sprechgesängen schon darauf freuen, zusammen mit Labbadia abzusteigen. Die Wolfsburger Verantwortlichen haben davon aber nichts mitgekriegt, wie sie auch sonst nicht allzuviel mitkriegen, weil sie vermutlich von dem Elend, das die Wölfe auf dem Platz bieten, vollkommen absorbiert sind. Der skandalgeschüttelte Konzern, der trotzdem von Rekordgewinn zu Rekordgewinn eilt, scheint das Interesse an seinem Spielzeug verloren zu haben, weil die Mannschaft die Ausstrahlung von Valium hat und ein überzeugendes Argument darstellt, sich alles mögliche zu kaufen, aber bestimmt keinen VW. In der Abteilung Inkompetenz aber kann selbst Wolfsburg dem HSV das Wasser nicht reichen. Im Abstiegsduell ließen die Hamburger gegen völlig indisponierte Mainzer selbst beste Chancen liegen und wenn sie mal das Tor trafen, scheiterten sie an den Mainzer Schlussmann Müller, der zum ersten Mal das Tor hüten durfte und das richtig gut machte. Sogar einen Elfmeter hielt er und vermittelte den Hamburgern das Gefühl, an diesem Tag kein Tor mehr zu treffen. Ein Noname hat also den sog. »Dino« auf dem Gewissen, und wenn diese Bezeichnung hält, was sie verspricht, dann kann man sich schon mal auf eine HSV-freie Bundesliga-Saison freuen. Auch den Verantwortlichen dämmert neun Spieltage vor Saisonende, dass sie mit diesen Vorstellungen die Liga nicht werden halten können und dass ein Trainer wie der Haudegen Bernd Hollerbach, der von 18 möglichen Punkten gerade mal drei holt, auch nicht die richtige Lösung ist. Aber auch der BVB quält sich, nur ein bisschen weiter oben, beim Kampf um die CL-Plätze, denn der Abstand zum Relegationsplatz ist geringer als der zu Platz eins. Immerhin war die Vorstellung in Leipzig beim 1:1 ein bisschen attraktiver als zuletzt zu Hause gegen Augsburg, als die Dortmunder mit Hängen und Würgen auch nur ein 1:1 zustande brachten. Gegen die offensive Spielweise der Leipziger kam man irgendwie besser zurecht, zudem profitierte man von der Ladehemmung Timo Werners der seit sechs Spieltagen nicht mehr trifft, obwohl er allein vor dem Tor nur Bürki traf, was fast schon eine Kunst war. Allerdings stand ihm Batshuayi in nichts nach, denn der traf nach einer Flanke nicht mal den Ball, um ihn irgendwie ins leere Tor zu stolpern. Wieder musste Reus ran, um nach genialem Pass vom ansonsten indisponierten Dahoud, wenigstens einen Punkt zu retten. Da alle anderen um die internationalen Plätze sich balgenden Vereine diesmal gewannen, rutschten die Dortmunder auf Platz 3 ab. Immer noch Champions League, aber mit Frankfurt, 96 und den Bayern vor der Brust, sind die Chancen mehr als gering, weiter vorne mitzumischen. Dabei wäre die Chance, sich für die Heimpleite gegen Leizig in der Hinrunde zu revanchieren, ziemlich gut gewesen, denn bei einem Gegner, der wie Leipzig zu Hause sogar gegen Hertha verliert – ein Kunststück, das nicht mal dem BVB gelungen ist –, hätte zur Abwechslung auch mal ein Sieg drin sein können, aber das Können der Stars blitzt immer nur kurz auf. Dann sieht man von ihnen nichts mehr. Bis sie ausgewechselt werden.

Die Wahrheit über den 24. Spieltag

Die Remis-Könige aus Wolfsburg haben nicht nur Martin Schmidt zerschlissen, sie sind auch unter dem neuem Mann, dem Spezialisten für die Rettung vor dem Abstieg Bruno Labbadia, ihrem Konzept treu geblieben: Nähre dich redlich und nimm besser einen Punkt mit als gar keinen. In Wolfsburg wird ein Beamtenfußball zelebriert, der nur gedeihen kann, wenn er künstlich hochgepäppelt wird wie in der VW-Stadt, wo die größte Attraktion der Bahnhof ist, um schnell woanders hinzukommen. Bruno Labbadia soll nun die Leidenschaft zurückbringen, die es da nie gegeben hat. Der Mann, der bald alle Erstligisten durch hat, wird aber auch in Wolfsburg scheitern. Er wird den Klassenerhalt nur deshalb schaffen, weil es mit Hamburg und Köln zwei Vereine gibt, die es noch eiliger haben, in die Bedeutungslosigkeit abzutauchen. Auch Hamburg hat mit Hollerbach bereits einen Trainer engagiert, den nicht mal die Vereine in der 2. Liga haben wollen, aber synonym für Kampf und Krampf steht, also genau das, was den HSV-Vereinsbossen bei ihren Spielern fehlt, weil sie glauben, nur damit bestehen zu können. In Bremen traf der »Dino« auf den Abstiegskonkurrenten, und entsprechend ansehnlich war auch das Spiel. Hollerbach hatte hinten Beton angerührt und ließ den genialen Kruse aus dem Spiel nehmen. Folge war, dass nach vorne so gut wie gar nichts stattfand, weshalb in der ersten Halbzeit die HSV-Fans mit Pyrotechnik die Initiative übernahmen, damit wenigstens ein bisschen was passierte. Zweimal unterbrach der Schiedsrichter das Spiel, und das waren auch schon die Höhepunkte der ersten Halbzeit. Belohnt wurde das Engagement der Fans nicht, denn irgendwann zahlte sich dann doch der größere Wille der Bremer aus, gewinnen zu wollen, der sich ziemlich deutlich in der Statistik ausdrückte: Von 526 Pässen kamen 104 nicht an, die Hamburger spielten 107 Fehlpässe, allerdings bei nur insgesamt 290 Abspielen, was eine ziemlich grottige Passquote von 63% ergibt. Und deshalb ist es mehr als gerecht, als den Bremern in der 86. Minute nach einem wilden Gestochere der entscheidende Treffer gelang. Hollerbach ist nicht zu beneiden, denn nach den letzten Saisons, in denen der HSV immer nur im allerletzten Moment den Hals aus der Schlinge zog, sieht aktuell nichts danach aus, als ob man das rettende Ufer noch irgendwie erreichen würde. Schade wärs nicht wirklich um den Verein, schließlich hat Hamburg doch mit St. Pauli schon einen Fußballverein. Zu was braucht man da noch den HSV? Auch die anderen Spiele waren eher zum Abwinken. Nicht mal Bayern hatte diesmal Lust, seinen eigenen Rekord von 14 Siegen hintereinander zu brechen. Hingegen schaffte Hertha einen neuen Rekord, der darin bestand, in drei aufeinanderfolgenden Auswärtsspielen zu Null gespielt zu haben. Und so jagt ein Rekord den anderen, was allerdings nicht darüber hinwegtäuscht, dass Bayern kein Rezept fand, den Herthaner Abwehrriegel zu knacken, der sich vor allem auf Lewandowsi konzentrierte, weil es sich sogar bis zum Fuchs Dardai herumgesprochen hatte, dass der in sieben oder noch mehr Heimspielen in Folge (noch irgendein Rekord) getroffen hatte. Das hieß allerdings auch, dass Heynckes auf einen Torhüter hätte verzichten können. Aber was solls, einen Punkt aus München entführt. Das ist nicht schlecht, obwohl Hertha das bei anderen Mannschaften einfacher hätten haben können.

Die Wahrheit über den 23. Spieltag

Die Liga wird hierarchisch gesehen immer flacher, und ansehen mag man sich das zunehmend öder werdende Gekicke auch nicht. Das fällt einem umso mehr auf, wenn man sich ein Spiel wie das von Real Madrid gegen PSG ansieht und dann weiß, welche Attraktivität in einem solchen Spiel stecken kann, wie präzise Pässe sein können, wie ein Rädchen sich ins andere fügt, wie Spieler wie Neymar sich zwischen seinen Gegenspielern hindurchschlängelt. Dann fällt einem plötzlich das Gewürge wie zwischen Freiburg und Bremen sehr unangenehm auf. Nun kann sich nicht jeder Verein einen Neymar leisten, aber attraktive Spiele können auch Freiburg und Bremen liefern. Vielleicht hatten sie einen schlechten Tag, was vorkommen kann, aber vermutlich war das in der vorgegebenen Taktik angelegt, dass beide Vereine unbedingt gewinnen wollten, um aus dem Abstiegssumpf herauszukommen. Und deswegen war es eben eher ein Geholze und Gebolze, ein unbedingtes Wollen, aber nicht Können. Aber so geht es fast allen Mannschaften, selbst solchen, die eigentlich um einen internationalen Platz spielen, denn sie brauchen nur zwei, drei Spiele zu verlieren, um Anschluss nach unten zu kriegen, und deshalb legt sich eine Verkrampfung über die Spiele, in denen nichts klappt und nur der Gegenspieler und der Rasen zu Schaden kommen, was nicht sehr viel ist für das Geld, das man zahlt, um sich sowas anzusehen. Dass dafür der Freiburger Trainer Streich gelobt wird, hat etwas absurdes an sich. Niemand will absteigen, das ist verständlich, aber eigentlich will auch niemand mehr in die Euroleague, denn wie man an zahlreichen Beispielen gesehen hat, wie aktuell bei Köln, heißt das, seine Existenz in der Liga zu gefährden. Wenn eine Mannschaft also mal zufällig eine gute Phase erwischt, die einen sehr schnell nach oben katapultiert, weil sonst jeder gegen jeden verlieren oder auch gewinnen kann, dann verheißt das inzwischen nichts mehr gutes. Darauf sind inzwischen auch die Vereine gekommen, dass die paar Millionen, die sie aus dem europäischen Fußball bekommen, nichts sind gegen den Verlust, den es bedeutet, aus der 1. Liga zu fliegen. Deshalb ist Neapel in der Euroleague mit einer 2. Mannschaft gegen Leipzig angetreten. Lieber will man aus dem Wettbewerb fliegen, als die vor Augen liegende italienische Meisterschaft zu gefährden. Dort liefert man sich ein Kopf an Kopf Rennen mit Juventus, und zum ersten Mal seit fünf oder sechs Jahren ist es im Bereich des Möglichen, das die Turiner mal nicht Meister werden. Und auch für Köln scheint der Preis ziemlich hoch zu sein, abzusteigen dafür, dass man einmal gegen Arsenal spielen durfte. Nur die Bayern können machen, was sie wollen, sie kriegen einfach keine Niederlage zustande, weil es niemanden gibt, der die Gelegenheit beim Schopf ergreifen würde, wenn sich die Möglichkeit schon mal bietet, wie Wolfsburg, die nicht mal eine B-Elf der Bayern davon abhalten konnten, in letzter Minute den Siegtreffer zu erzielen. Aber auch Dortmund würde sich da schwer tun, würde ihnen diese Chance mal eingeräumt werden, was nicht der Fall ist, weil die Bayern Dortmund immer noch für einen ernst zu nehmenden Gegner halten, der er aber nicht mehr ist. Inzwischen hält man sogar Schürrle für einen guten Spieler, der in Bayern nicht mal zum Training zugelassen werden würde, nur weil er mal wieder aus Zufall getroffen hat.

Über Liebe und Tod. Über Lucia Berlins neues Buch

Die Stories-Sammlung von Lucia Berlin »Was ich sonst noch verpasst habe« war 2016 eine literarische Sensation. Das Feuilleton war voll des Lobes, und wieder einmal stellte sich die Frage, wie eine so großartige Autorin so lange unentdeckt oder ignoriert werden konnte. Der Anerkennung kam jedoch zu spät, denn 2004 starb sie mit nur 68 Jahren. In dieser Zeit hatte sie so ziemlich alle Höhen und Tiefen durchgemacht, die ein menschliches Leben verkraften kann. Sie wächst als Tochter einer Alkoholikerin auf. Auch ihr Großvater ist Alkoholiker und missbraucht ihre Mutter und ihre Schwester. Sie ist ständig auf Reisen, lebt das unbeschwerte Leben in Reichtum und stürzt in völlige Mittellosigkeit. Noch minderjährig flüchtet sie aus dem Elternhaus, wird abhängig von Drogen, Alkohol, Liebhabern und kämpft sich als alleinerziehende Frau von vier Kindern wieder an die Oberfläche. Es ist ein Leben von Balzacschem Format und hätte einem Autor Stoff für Tausende von Seiten geliefert. Lucia Berlin hat jedoch ein eher schmales Werk hinterlassen. Sie hat dabei nie den Schrecken und die Qual in den Vordergrund gestellt, sondern sich immer auf Andeutungen beschränkt, sie hat ihren sehr reduzierten Stil von jeglicher Kommentierung befreit und bewies dabei ein Gespür für das Komische, das noch der bedrückendsten Situation innewohnt – eine Gabe, die sehr selten ist.
Da das erste Buch eine Auswahl ihrer Geschichten enthielt, lag die Vermutung nahe, dass der zweite nun erschienene Erzählungsband die schwächeren Arbeiten enthält, aber das ist nicht der Fall. In der Geschichte »Bis später« gleich am Anfang erzählt Lucia Berlin auf hinreißende Weise von ihrem Freund Max, der sie immer anruft, egal, wo er oder sie sich gerade aufhalten, um ihr »Hallo« zu sagen, und wie sehr sie es liebt, ihn das sagen zu hören, und wie er sie eines Tages in New York besucht, wo sie mit ihrem Mann lebt, »mit Rosen, einer Flasche Brandy und vier Flugtickets«. Und Berlin schreibt lapidar: »Ich weckte die Jungs, und wir gingen.«
Lucia Berlin beschreibt das Glück und die Liebe, ohne im geringsten kitschig zu sein. »Wir blieben so lange auf, bis der Mond groß und blass geworden war.« Und dann? »Eines Tages erwachte ich, bevor die Sonne aufging, und er war nicht da. Es war still im Zimmer. Er muss schwimmen gegangen sein, dachte ich. Ich ging ins Bad. Max saß auf der Toilette, kochte etwas in einem schwarz angelaufenen Löffel. Eine Spritze lag auf dem Waschbecken. ›Hallo‹, sagte er. ›Max, was ist das?‹ ›Das ist Heroin‹, sagte er.« Die beiden bekommen noch zwei Söhne. Sie reisen durch ganz Mexiko und die Vereinigten Staaten, lassen sich schließlich in einem Dorf an der mexikanischen Küste nieder. »Wir waren für lange Zeit glücklich, wir alle, und dann wurde es schwer und einsam, weil er Heroin viel mehr liebte.«
Später wohnt sie bei ihrer sterbenden Schwester, um sie in den Tod zu begleiten. »Wir lachen leise in ihrem Zimmer, zeichnen. Im Grunde ist die Liebe für mich kein Rätsel mehr. Max ruft an und sagt Hallo. Ich sage ihm, dass meine Schwester bald tot sein wird. Wie geht es dir?, fragt er.« Und damit endet die Geschichte. Sie hat keinen Plot und keine Moral. Sie hört einfach auf wie das Leben aufhört, unspektakulär und ohne großen Knall. Ein Mensch stirbt, das Leben geht weiter, und auch die Liebe. Und irgendwann ruft Max an und sagt »Hallo«. Niemand kann Liebe in ihrer ganzen Banalität, ihrer Tragik und Schönheit besser in einem Text zum Leuchten bringen als Lucia Berlin, denn sie wusste genau, wovon sie schrieb.

Lucia Berlin, »Was wirst du tun, wenn du gehst. Stories«, aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Antje Rávic Strubel, Arche, Zürich-Hamburg 2017.