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Das Ende der Zivilisation. Zum 30. Todestag von Primo Levi

Es gibt nur wenige Autoren, die aus eigener Erfahrung das System der Konzentrationslager beschreibend so durchdrungen haben wie Primo Levi, der in seinem autobiographischen und schon 1947 erschienenen Bericht »Ist das ein Mensch?« (dtsch. 1961) über seine Zeit im Arbeitslager Monowitz bei Auschwitz den Zivilisationsbruch reflektiert, der von den Nazis durch die gezielte Entmenschlichung der Opfer systematisch betrieben wurde. Dies ist ein zentraler Punkt, um das System der Konzentrationslager zu verstehen, nämlich den Menschen so zu demütigen und ihn so »auf das Niveau seiner Eingeweide herabzuwürdigen«, dass es als perverser Akt der Gnade erscheint, ihn aus der Welt zu schaffen.
In dem Buch »So war Auschwitz«, das jetzt zu seinem 30. Todestag erschienen ist, kommt Primo Levi wieder darauf zurück. Er beschreibt in einem Vortrag aus dem Jahr 1961, dass »das beliebte, typische, tägliche Zeremoniell des Aufmarsches der Lumpen-Menschen zur Musik eines Orchesters« vor allem dazu da war, den 14-18 Jahre alten Hitler-Jungen, die diesem grotesken Lager-Appell beiwohnten, den Eindruck zu vermitteln: »Das also sind die Juden, von denen man uns erzählt hat, die Kommunisten, die Feinde unseres Vaterlands? Aber das sind doch keine Menschen, das sind ja Hampelmänner, Tiere. Sie sind schmutzig, zerlumpt, sie waschen sich nicht, schlägt man sie, wehren sie sich nicht, sie lehnen sich nicht auf, sie denken nur daran, sich den Bauch vollzuschlagen. Es ist richtig, sie bis zum Tod arbeiten zu lassen, es ist richtig, sie zu töten.«
Primo Levi war 19 Jahre alt und studierte gerade im ersten Semester Chemie in Turin, als die Rassegesetze in Italien erlassen wurden. Während man in Sebastian Haffners »Geschichte eines Deutschen« nachlesen kann, welche verheerenden Auswirkungen diese Gesetze an der Berliner Uni hatten und wie begeistert sie von den nationalsozialistischen Studentenverbänden umgesetzt wurden, fühlte sich Levi trotz »der stickigen Atmosphäre der Universität von damals nicht unwohl«. Die wenigen faschistischen Studenten waren nicht gefährlich und eher verwundert über die Gesetze. Levi konnte trotz einiger Schikanen weiter studieren und 1941 promovieren. Die Juden waren mehr oder weniger toleriert, man betrachtete sie an der Uni sogar »mit einer Art von schuldbewusster Verlegenheit«. Das änderte sich schlagartig 1943. In Turin kam es im März zu großen Streiks der Arbeiter. Die Regierung reagierte nur zaghaft darauf, löste sich schließlich am 25. Juli auf und brach am 8. September endgültig zusammen. Die Deutschen übernahmen das Kommando. Levi hatte keinen Plan, aber auch keinen Zweifel daran, irgendetwas tun zu müssen. Er ging in die Bergen und traf dort Deserteure, versprengte Soldaten, Arbeiter und andere Leute auf der Flucht. Sie versuchten, Kontakt zur Resistenza aufzunehmen, weil sie weder Geld noch Waffen noch Erfahrung hatten. In einer großangelegten Razzia wird Levi am 13. Dezember verhaftet, und obwohl er falsche Papiere besaß und, wie er glaubte, hätte verbergen können, dass er Jude war, gab er in einem Verhör schließlich zu, in den Untergrund gegangen zu sein, weil es ihm aus jugendlich-naiven Gründen »unehrenhaft« vorkam, seine Herkunft zu verleugnen. Als der Beamte erfuhr, dass »wir Juden und keine ›echten Partisanen‹ waren, sagte er zu uns: ›Es wird euch nichts Böses geschehen. Wir schicken euch ins Lager Fossoli‹.« Und tatsächlich ging es einem in diesem Lager damals noch »ziemlich gut«. Aber dann übernahm die SS das Lager und stellte innerhalb von zwei Tagen einen Abtransport von 650 Juden zusammen. Levi macht von nun an Bekanntschaft mit der Grausamkeit und mit dem den Italienern völlig fremden »Vernichtungsantisemitismus« der Deutschen, wie ihn Goldhagen genannt hat. Es beginnt für ihn ein elf Monate währender Aufenthalt in der Hölle, den er nur durch Glück übersteht.
Levi hat sich Zeit seines Lebens damit auseinandergesetzt, hat Bücher geschrieben, Vorträge gehalten, bei Prozessen ausgesagt, Erklärungen abgegeben und Berichte verfasst, wie den »über die hygienisch-medizinische Organisation des KZs für Juden in Monowitz« 1945 auf Anforderung der russischen Befreier. In diesem allerersten Dokument, das nun in »So war Auschwitz« vorliegt, versucht er möglichst präzise Angaben zu machen über das, was passiert war, jeden Erinnerungsfetzen festzuhalten für die Nachwelt, weil sie die letzten Überlebenden des Lagers waren, denn die Nazis hatten versucht, alle Spuren zu verwischen.
Heute ist die Literatur über den NS und die Vernichtung der Juden unüberschaubar. Man gewinnt den Eindruck, als ob jeder Aspekt der Gewaltherrschaft erforscht sei. Inzwischen ist es schwer, sich in eine Zeit zurückzuversetzen, in der die Literatur spärlich und das Interesse an der Erforschung des NS wie an den Zeugnissen von Überlebenden eher gering war. Für viele Davongekommene war das Zeugnisablegen ein starkes Motiv, das Lager zu ertragen, aber als sie die Möglichkeit dazu hatten, mussten sie feststellen, dass sich niemand für ihre Geschichten interessierte. Es handelte sich dabei jedoch weniger um »Ignoranz«, wie die Herausgeber Domenico Scarpa und Fabio Levi glauben, sondern um »Verdrängung«, denn gerade in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs wollte man nicht mit den unangenehmen Erinnerungen belästigt werden, weil gegenüber den Überlebenden sich automatisch die Frage stellte, was man selbst hätte tun können, um deren Schicksal zu verhindern. Und deshalb waren die Überlebenden häufig und lange Zeit nicht sehr beliebt. Erst in den 80er Jahren begann sich das zu ändern.
1986 erschien »Die Untergegangenen und die Geretteten«, eines der besten Bücher über Auschwitz neben Ruth Klügers »weiter leben«, in dem er die Verdrängungen und Verzerrungen der Erinnerungen sowohl der Opfer als auch der Täter nachspürt und der »Scham« derer, die mit Glück und durch Zufall davongekommen waren. Ein halbes Jahr später, am 11. April 1987, stürzte Primo Levi den Aufzugschacht hinab. Er hinterließ kein Abschiedsschreiben. Sein Tod ist bis heute ein Rätsel.

Primo Levi »So war Auschwitz. Zeugnisse 1945-1986«, Hrg. von Domenico Scarpa und Fabio Levi. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner, Hanser Verlag, München 2017.

Die Wahrheit über den 28. Spieltag

Tuchel analysierte das Spiel seiner Elf in München als vollkommen chancenlos, nie hätte der BVB Zugriff auf das Spiel gehabt, und nur einem BVB mit einem guten Tag und in guter Form mit allen Spielern an Bord, wie den verletzten Reus, Weigl und dem zuletzt starken Kagawa, hätte es gelingen können, den Bayern etwas entgegenzusetzen. So aber wären die Dortmunder meistens hinterhergelaufen, waren zweikampfschwächer und immer etwas zu spät. Das ist natürlich richtig, auf der anderen Seite hätte sich Tuchel mit der Mannschaft, die ihm zur Verfügung stand, vielleicht auch mal etwas anderes probieren müssen. So stand Schmelzer auf der linken Seite völlig allein gegen Robben, der immer mit Tempo den Dortmunder Kapitän anlaufen konnte und mit der einzigen ihm zur Verfügung stehenden, aber effektiven Finte nach innen den Abschluss suchte, was dann in der 49. Minute zum 3:1 führte, womit die Partie kurz nach der Halbzeit entschieden war. Wie man Robben und Ribéry aber schachmatt setzt, hatte Klopp in den Meisterjahren bewiesen, als man die Flügelzange der Bayern doppelte und die beiden wenn möglich gar nicht erst die Zeit hatten, den Ball anzunehmen. So aber ließ Tuchel Robben und Ribéry jede Menge Raum, den die natürlich zu nutzen wussten. Tuchel, dessen taktische Variabilität gerühmt wird, setzte auf das Konzept einer Dreierkette, die durch die Außen notfalls zu einer Fünferkette ergänzt werden konnte. Aber so richtig funktioniert hat das schon in den letzten Spielen nicht. Vor allem war klar, dass der BVB nicht wie gegen viele andere Bundesligamannschaften seinen Ballbesitzfußball würde etablieren können, denn dafür ist Bayern zu stark und zu präsent und spielt ihnen zudem in die Karten. Vielleicht hätte eine andere Taktik den Dortmundern auch nichts genutzt, aber dass mit der herkömmlichen Taktik mit diesem zur Verfügung stehenden Mannschaftskader kein Blumentopf zu gewinnen war, ließ sich jedenfalls ziemlich leicht voraussehen. Aber vielleicht wollte Tuchel keine Experimente eingehen, weil er in seinem ersten Spiel gegen die Bayern damit baden gegangen war. Die Niederlage ist jedoch leicht zu verschmerzen und es würde völlig reichen, wenn man dafür das Halbfinale der CL gegen die Bayern gewinnt, die den Dortmundern dann drohen, falls sie Monaco schlagen, was nicht ausgemacht ist. Für Tabelle ist die Pleite unerheblich, weil man den 4. Platz ziemlich sicher hat, und nach der Niederlage der Hoffenheimer in Hamburg ist der Kontakt auf einen Platz weiter vorn noch da. Leipzig hat zwar mit einem glücklichen Tor in der 93. Minute sich gegen Leverkusen durchsetzen können, aber gegen eine Mannschaft, die sich gerade in der Krise befindet, nur mit Glück zu gewinnen, ist nicht gerade eine tolle Leistung. Mainz befindet sich gerade mit der fünften Niederlage in Folge im freien Fall, weil man auch bei den starken Freiburgern in einem umkämpften und unansehlichen Spiel nicht zu einem Tor kam. Langsam rückt den Mainzern Ingolstadt auf dem Pelz und nach oben leisten ihnen nur noch die Wolfsburger enge Gesellschaft, die auf Schalke hoffnungslos unterlegen waren.

Systematische Fehler

Wie kann es sein, fragten 1983 amerikanische Generäle die Israelis, dass sie ihre Kriege gewännen, die Amerikaner mit ihrer Bilanz hingegen schlecht aussähen, vor allem, weil man ja die gleichen Waffen und die gleiche Ausrüstung benutzen würde. Wenn es also daran nicht liegen würde, woran dann? Schließlich versuchte man der Frage auf den Grund zu gehen, wie die Israelis ihre Soldaten für die jeweiligen militärischen Einheiten auswählten. Bislang hing das von der Intuition der Befrager ab, in welche Abteilung ein Rekrut gesteckt wurde, aber dann fand jemand heraus, dass das genau das Problem war: Menschen, die die Persönlichkeit anderer Menschen beurteilen sollten. Gelang es, das Bauchgefühl des Befragers auszuschalten, wurde die Einschätzung besser. Diese Entdeckung gelang dem Psychologen und späteren Nobelpreisträger Daniel Kahnemann, der damit, wie Michael Lewis in der Biographie »Aus der Welt« über ihn schreibt, »mehr für die israelische Armee getan hat als jeder andere Psychologe vor und nach ihm«.
Aus heutiger Sicht mag das erstaunlich klingen, weil man den Sachverhalt automatisch aus der Retrospektive betrachtet, d.h. man ist aus heutiger Sicht weiter und deshalb auch klüger, aber in den siebziger Jahren fing man eben erst an, sich Gedanken um das Wie beim Zustandekommen von Entscheidungsprozessen zu machen. Aber unabhängig davon ließe sich auch sagen, dass hierarchische Entscheidungsstrukturen beim Militär für einen Soziologen wohl kaum etwas neues waren, genauso wenig wie die Einsicht, dass die Häufigkeit von Fehlentscheidungen umso höher ist, je weniger es eine Instanz gibt, die einen Entscheider korrigiert. Und dieser Gedanke beschleicht einen immer wieder bei der Lektüre des Buches, z.B., wenn es um die Frage der häufigen Fehlentscheidungen in der Medizin geht, die natürlich damit zusammenhingen, dass die damals noch als »Götter in Weiß« geltenden Ärzte ihre Diagnosen immer als unumstößlich ansahen und sie jeden Zweifel an ihrer Autorität als Beleidigung auffassten, während erst in einigen Tests darauf hingewiesen werden musste, dass viele Ärzte häufig eine unterschiedliche Diagnose über ein- und dasselbe Geschwür stellten.
Aber Daniel Kahnemann und sein Kollege Amos Tversky, mit dem er jahrelang eng zusammenarbeitete, begnügten sich eben nicht mit der Frage, warum das so war, sondern boten auch eine Lösung, wie sich die Fehler im System minimieren ließen, auf die Statistiken immer wieder hinwiesen. Und dazu musste man wissen, wie der Mensch Entscheidungen trifft, wie er »tickt«, es ging darum, das Gedächtnis zu verstehen, warum beispielsweise das Denken dazu neigt, einen kleinen Ausschnitt mit dem Ganzen zu verwechseln. Und dass es so ist, wiesen die beiden Psychologen durch Befragung und kleine Versuchsanordnungen nach.
Und das, was sie dabei herausfanden, zog nicht wenige Prämissen vieler Wissenschaftsdisziplinen in Mitleidenschaft. »Es ist erstaunlich«, hatte Amos Tversky einmal gesagt, »wie langweilig Geschichtsbücher sind, wenn man bedenkt, wie viel davon Fiktion ist.« Die Interpretation von Geschichte, so die These, unterliegt »Verzerrungen«. Davon zeugte eine Befragung von Studenten, die den überraschenden Staatsbesuch Nixons in China 1972 anhand verschiedener möglicher Antworten beurteilen sollten. Nach dem Staatsbesuch wurden die Probanden wieder befragt, und »nachdem sie das Ergebnis kannten, hielten sie es sehr viel vorhersehbarer als im Moment ihrer Prognose«, weshalb dieses Phänomen den Namen »Rückschaufehler« erhielt. Dass der Mensch Fehler macht, darüber wird sich niemand streiten, das Faszinierende und vielleicht Bahnbrechende an den Forschungen von Kahnemann und Tversky war die Tatsache, »dass wir vorhersehbare und systematische Fehler machen«. Die Menschen wurden als rational entscheidende Wesen vorausgesetzt, die sie jedoch nicht sind. Die beiden kamen zu einer anderen Beurteilung der menschlichen Natur und waren deshalb in der Lage, auch in anderen Wissenschaftsbereichen als unumstößliche Wahrheiten geltende Prämissen in Frage zu stellen.
Der Bestsellerautor Michael Lewis hat lange Zeit recherchiert und in Archiven geforscht, er hat Gespräche mit Kahnemann (sein Partner Tversky war zu diesem Zeitpunkt bereits an Krebs gestorben) und Interviews mit Kollegen, Freunden und Familienangehörigen geführt, und eine fundierte, eingängig zu lesende und niemand überfordernde Biografie der beiden Psychologen geschrieben. Er hat dabei nicht nur ihre wissenschaftlichen Befunde ausgebreitet, für die Kahnemann dann 2002 den Nobelpreis bekam, sondern auch das Verhältnis der beiden gewürdigt, die vielleicht, gerade weil sie in ihrem Naturell so unterschiedlich waren – der eine Holocaustüberlebender und skeptisch gegenüber sich selbst, der andere in Israel geboren, selbstbewusst und eloquent -–, sich auf kongeniale Weise ergänzten.
Manchmal sieht es allerdings so aus, als ob Lewis seinem Gegenstand zu nah war, als dass er noch den nötigen Abstand hätte herstellen können, der notwendig ist, um sich seinem Untersuchungsgegenstand noch kritisch nähern zu können. Darauf jedenfalls lassen seine häufigen Verweise auf die Genialität der beiden schließen. Dass sie jedoch so erfolgreich waren, hing nicht allein an ihrer Genialität, sondern auch daran, dass ihre Forschung auf einen Nutzen ausgerichtet war, die viele Verbesserungen zur Folge hatte. Sie hatten, wenn man so will, die Pionierarbeit geleistet für das, was heute Algorithmen leisten, die menschliche Denkfehler weitgehend ausschließen.

Michael Lewis, »Aus der Welt. Grenzen der Entscheidung oder: Eine Freundschaft, die unsere Denken verändert hat«, Campus, Frankfurt 2017. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und Sebastian Vogel

Auf dem Datenweg zu Gott. Über “Homo Deus” von Yuval Noah Harari

Dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari ist bereits mit dem in 40 Sprachen übersetzten Buch »Eine kurze Geschichte der Menschheit« ein Weltbestseller gelungen. Nun hat er aller Voraussicht nach mit »Homo Deus. Eine Geschichte von morgen« einen zweiten geschrieben, denn Harari weiß das Bedürfnis der Leser nach einer Draufsicht aufs Ganze und nicht nur auf einen Aspekt, im Plauderton geschrieben, hervorragend zu befriedigen. Und ja, es ist intelligent, scharfsinnig und manchmal sogar überraschend witzig, wie die durchweg begeisterten Kritiker auf der ganzen Welt ihm attestieren, denn er eröffnet einen ganz anderen Blick auf Geschichte, und er wagt nun sogar einen Ausflug in die Zukunft.
Hararis Prämissen sind die drei Hauptfeinde der Menschheit, Hunger, Krieg und Seuchen. Die seien nun überwunden und das belegt er mit Zahlen, denen zufolge mehr Menschen Selbstmord begehen als von Soldaten, Terroristen und Kriminellen umgebracht zu werden. Für den Durchschnittsmenschen stellt Coca-Cola oder Zucker »eine weitaus größere Gefahr dar als al-Qaida«. Zwischen 1692 und 1694 beispielsweise, also in nur zwei Jahren, verhungerten in Frankreich ca. 2,8 Millionen Menschen, also rund 15 % der Bevölkerung, heute hingegen gibt es »keine ›natürlichen‹ Hungersnöte mehr auf dieser Welt, sondern nur politische«. An dem überall gefürchteten SARS starben weltweit keine 1000 Personen, während im Mittelalter die Pest die Weltbevölkerung um 75 bis 200 Millionen Menschen dezimierte.
Nachdem der Mensch seine Hauptfeinde besiegt hat, steht nun der Kampf gegen den Tod, das Streben nach Glück und nach einer gottähnlichen Existenz auf der Agenda des Menschen. Der Tod ist für die moderne Wissenschaft laut Harari nur »ein technisches Problem«, und wir befinden uns bereits auf dem Weg dorthin, denn die Menschen werden immer älter. Das vollkommene Glück hingegen hat seine Tücken, denn das Erreichen dieses Zustandes bedeutet Antriebslosigkeit, das genaue Gegenteil dessen, was man benötigt, um Gott werden zu können, eine irgendwie ganz anders geartete Existenz, die durch Algorithmen und freien Datenfluss möglich werden soll. Zwar soll man Hararis Szenarien nicht als Prognosen verstehen, sondern als Möglichkeiten, aber dennoch wird deutlich, dass er dieser Entwicklung gerne freien Lauf lassen würde. »Warum wuchsen die USA schneller als die UdSSR? Weil die Information in den USA freier floss.« Die Menschen können schon lange nicht mehr die ungeheuren Datenströme bewältigen und werden davon auch nicht klug, weshalb man die Datenverarbeitung den Algorithmen überlassen sollte, die alles auf »natürliche Weise« regeln. An dieser Stelle erweist er sich als Anhänger von Airbnb und Uber, die auf dem Weg zu Gott jede Menge Existenzen zerstören werden, weshalb dieses Streben danach vor allem eins ist, ein Prozess, an dem nur eine Elite wird teilhaben können, und gegenüber diesem Prozess werden sich sämtliche vergangenen Epidemien, Hungersnöte und Kriege vermutlich harmlos ausnehmen.

Die Wahrheit über den 27. Spieltag

Mit dem HSV stand der Angstgegner des BVB auf dem Rasen, diese unangenehme Kloppertruppe, die nur Grätschen, Ackern und Foulen kennt und der ein schönes, elegantes Spiel fremd ist. Aber auch wenn der HSV in der Foulstatistik souverän mit 12:6 führte, waren es immerhin nicht die weit über 20 Fouls, die der BVB sonst erleiden muss, so dass das Spiel insgesamt relativ fair und ohne größere Verletzungen verlief. Wieder glänzte der BVB mit einer riesigen Zahl vergebener Chancen und das bereits in der 13. Minute durch Castro erzielte direkte Freistoßtor verlieh alles andere als Sicherheit. Es war Castros erster gelungener Versuch in seiner Karriere, und dieser Schuss war nicht gerade unhaltbar, weil Rene Adler auf einen Ball ins lange Eck spekuliert hatte. Immerhin überhaupt einmal ein direktes Freistoßtor. Die Hamburger waren zwar in fast allen Belangen unterlegen, aber sie fügten sich nicht in die Rolle des Unterlegenen, sondern suchten ihr Glück auch vorne in der nicht allzu abwegigen Annahme, dass man ja selber auch ein Tor erzielen kann, wenn es schon die Dortmunder nicht tun. Und Chancen hatten die Hamburger, aber offenbar hatten sie sich ein Beispiel am Gegner genommen. Der amerikanische Stürmerstar Wood sorgte zwar für Unruhe, vergab aber wie Aubameyang auch alleinstehend vor dem Torhüter. Das Spiel war ein ständiges Auf und Ab, rief ein ständiges Wechselbad der Gefühle hervor, und mit jeder neu vergebenen Chance ging einem langsam die Luft aus. Die Dortmunder machten es bis zum Schluss spannend, aber bevor wieder eine Diskussion anfangen konnte darüber, ob Aubameyang nun an einer Torblockade leiden würde, stürmte er nach feiner Vorlage von Kagawa einfach auf und davon und machte in der 92. Minute dann doch noch den ersehnten Treffer, den alle von ihm erwartet hatten. Mit dieser Leistung allerdings haben die Dortmunder in München wenig Aussichten, auch nur einen Punkt mitzunehmen, vor allem, weil sich Bayern nach dem 1:0 in Hoffenheim keine zweite Niederlage in Folge leisten kann. Und Bayern war ja auch nur in der ersten Halbzeit schlecht, in der 2. Hälfte hatte Hoffenheim Glück, dass auch Bayern verschwenderisch mit seinen Möglichkeiten umgehen kann, wie um zu beweisen, dass dies kein Alleinstellungsmerkmal der Borussen ist. Und wenn Hoffenheim dann weiter gewinnt, kann sich der BVB schon mal mit dem 4. Platz abfinden, denn auch Leipzig scheint sich wieder gefangen zu haben, bzw. das Glück wiedergefunden zu haben, denn in einer heiß umkämpften und hart geführten Partie in Mainz waren sie die coolere und abschlusssicherere Mannschaft, was schade ist, denn Mainz war die bessere und sympathischere Mannschaft sowieso. Bremen hingegen hat einen Lauf, fertigt wie nebenbei Schalke mit 3:0 ab und setzt sich nicht nur von den Abstiegsrängen ab, sondern kann sogar nach oben schielen, denn zu den internationalen Rängen sind es nur 5 Punkte, zu den Abstiegsrängen allerdings auch nur 6, was zeigt, wie dicht die Liga zusammengerückt ist, sieht man von den ersten vier Plätzen ab.

Die Wahrheit über den 26. Spieltag

Das erste schöne richtig warme Wochenende, und dann geht man für ein mieses 1:1 in eine miese Kneipe, ein Unentschieden im Revierderby, das sich anfühlte wie eine Niederlage und sich nicht nur so anfühlte, sondern auch tatsächlich eine war, denn alle anderen Konkurrenten um die CL-Plätze gewannen souverän, so dass der BVB jetzt auf den 4. Platz abrutschte. Und es fühlte sich wie eine Niederlage an, weil der BVB alle Möglichkeiten hatte zu gewinnen. Aber häufig wurde in der allerletzten Aktion vor dem sicheren Tor die falsche Entscheidung getroffen, was den Spielern nicht vorzuwerfen ist, weil es sich dabei um eine instinktive Reaktion handelt, die eben manchmal richtig und manchmal falsch ist. In diesem Spiel war sie meistens falsch. Dortmund war haushoch überlegen, und vor allem Dembelé wurde häufig gefoult, weil er sonst einfach nicht mit seiner perfekten Körpertäuschung und seiner Schnelligkeit zu stoppen war. Schalke spielte wie eine Auswärtsmannschaft und war auf Konter aus, die in der Regel jedoch durch das hohe Pressing der Dortmunder im Keim erstickt wurden. Das ziemlich gute Spiel wurde in der 2. Halbzeit dann richtig rasant, vor allem nach dem 1:0 der Dortmunder nach einem genialen Steilpass von Dembelé auf Kagawa, der vor dem herausstürzenden Fährmann quer auf Aubameyang spielte, so dass der nur einschieben brauchte, ein Treffer, den der Torschütze auf sympathisch-verspielte Weise mit einer Spiderman-Maske feierte. Die Schalker beschwerten sich beim Schiedsrichter, weil dem Tor angeblich ein Foul von Sokratis im Strafraum vorangegangen war und sie gerne einen Elfer dafür gekriegt hätten, aber da hätte Schalke zu diesem Zeitpunkt nur noch mit 9 oder 10 Mann gespielt, hätte der Schiedsrichter solche Fouls konsequent geahndet. Jetzt musste Schalke in die Offensive gehen, weshalb sich für die Dortmunder mehr Raum zum Kontern bot, aber die Chancen, die sich durch die Konter ergaben, wurden leichtsinnig vergeben, vor allem als Aubameyang allein vor Fährmann generös auf Dembelé spielen wollte, statt allein den sicheren Abschluss zu suchen, sodass Höwedes in letzter Sekunde klären konnte. Dann verletzte sich Schmelzer bei einer Rettungsaktion. Und obwohl die medizinische Abteilung sofort eine Auswechslung signalisierte, ließ man sich auf der Dortmunder Bank Zeit, bis der Ausgleich der Schalker perfekt war. Und dieses Tor gab den Schalkern Auftrieb, sie drängten die Dortmunder in die Defensive, und als Bartra in der Nachspielzeit der Ball an die Hand sprang, forderte Schalke vehement einen Elfer und sogar Tuchel meinte, dass man dafür hätte einen Elfer geben können, was aber nicht dem Reglement entsprochen hätte, das vorsieht, nur absichtliches Handspiel zu ahnden, wenn der Spieler versucht, einen Schuss durch eine sogenannte Vergrößerung der Abwehrfläche zu verhindern. Bartra aber blockte keinen Schuss ab, sondern versuchte den Ball unter seine Kontrolle zu bringen, der ihm dann unglücklich an die Hand sprang, eine Chance vereitelte er nicht. Und mit dieser Einschätzung rahmte Tuchel eine paar weitere Fehlentscheidungen, denn er ließ sich nicht nur viel Zeit mit der Einwechslung nach Schmelzers Verletzung, sondern ließ auch den indisponierten Passlack spielen, und wechselte in der 87. Minute Pulisic für Kagawa ein, der einer der besten Spieler war, als ob er auf Zeit spielen wollte, denn Pulisic hätte er natürlich ein bisschen früher bringen müssen und zwar nicht für Kagawa, sondern für Passlack. Und um das beurteilen zu können, muss man kein Trainer sein, der nahe an der Mannschaft steht. Ein verlorenes Wochenende.

Die Wahrheit über den 25. Spieltag

Der BVB war die einzige Bundesligamannschaft, der ein Spiel unter der Woche in den Knochen steckte und bereits drei Tage danach wieder auflaufen musste. Das Pokalnachholspiel gegen den Drittligisten Lotte wurde zwar standesgemäß mit 3:0 über die Bühne gebracht, aber die Dortmunder mussten einiges aufbieten, um die mit robusten Mitteln zu Werke gehenden Mannschaft zu bezwingen, und man konnte auch nicht einfach einen Gang runterschalten, weil es lange Zeit 0:0 stand. Bei ähnlichen Gelegenheiten sah der darauf folgende Bundesligaalltag zumeist eher trist aus. Ich erinnere mich mit Grausen an Darmstadt, der gegen den BVB völlig verdient gewann. Und diesmal kam der Tabellenvorletzte Ingolstadt, und auch diesmal wurde es ein zähes Spiel. Und nicht nur das, es wurde das schlechteste Spiel der Dortmunder in dieser Saison, nur machten sie es diesmal wie die Bayern, die auch solche Spiele irgendwie gewinnen. Dieses Irgendwie allerdings hatten sich die Ingolstädter selbst zuzuschreiben, denn sie vergaben alle Chancen, die die Dortmunder ihnen großzügig einräumten, und sie vergaben sie kläglich. Der BVB spielte nicht überragende, aber doch ganz lebendige fünfzehn Minuten zu Beginn, und in dieser Zeit gelang ihnen nach dem einzigen sehenswerten Angriff nach genialem Pass von Kagawa auch Schmelzer, dessen etwas zu sehr in den Rücken gespielte Flanke von Aubameyang auf erstaunliche Weise verwandelt wurde. Danach passten sich die Dortmunder dem Ingolstädter Spiel an und schlugen einfach lange Bälle nach vorne, im Unterschied zu Ingolstadt kamen die langen Bälle der Dortmunder aber so gut wie nie an, während die Ingolstädter den Dortmundern keinen Raum gaben, ihr Spiel aufzuziehen. Unter diesem Druck wirkten die Dortmunder merkwürdig verunsichert, und nach solchen Spielen fragt man sich immer, wie der BVB gegen internationale Spitzenmannschaften bestehen kann. Natürlich fehlten den Dortmundern einige wichtige Spieler, wie der gesperrte Dembélé und der verletzte Marco Reus, aber eigentlich besitzt der Verein genügend großartige Spieler, um auch mit einer kompletten B-Elf gegen eine Mannschaft wie Ingolstadt zu gewinnen, ohne auf deren Hilfe angewiesen zu sein. Solche Spiele werden als Arbeitssiege betrachtet, in Wirklichkeit hatte man einfach Glück. Und dieses Glück hatte man dringend nötig, denn auch die dem BVB im Nacken sitzenden Hoffenheimer gewannen ihre Partie in Leverkusen mit 1:0. Das Ergebnis war zwar genauso knapp, aber Hoffenheim spielte besser, und musste das auch tun, denn Leverkusen hielt durchaus dagegen. Wenigstens verlor die Hertha in Köln mit 4:2 und liegt jetzt schon sechs Punkte hinter den Dortmundern zurück, was ein angenehmes Polster ist. Modeste steuerte für Köln gleich drei Tore bei und überholte jetzt mit 22 Treffern sogar Lewandowski im Duell der Torjäger. Am schönsten war zweifellos das Ergebnis in Bremen, weil Werder mit 3:0 Leipzig eine unverhoffte Niederlage beibrachte, wodurch sich der Abstand zum BVB auf drei Punkte verringerte. Könnte sein, dass sie jetzt langsam nervös werden.

Die Wahrheit über den 24. Spieltag

Ein paar Fragen an Tuchel stellen sich am Ende der Niederlage der Dortmunder bei der Hertha dann doch. Wenn er schon Dembelé und Pulisic auf die Bank setzt, um ihnen eine Pause zu gönnen, warum tut er das nicht am Dienstag im Pokalspiel gegen Lotte? Warum in Berlin, müsste er doch wissen, wie unangenehm die Hertha schon immer gegen den BVB war? Und darüber sollte auch die 1:0-Niederlage der Berliner zuletzt gegen Hamburg nicht hinwegtäuschen. Und warum vertraute er Schürrle und Durm, die jede Durchschlagskraft vermissen ließen? Und warum brachte er Dembelé und Pulisic erst 15 Minuten vor Schluss und nicht schon eine halbe Stunde früher? Und warum setzte er Ginter ausgerechnet in diesem wichtigen Spiel zentral in die Abwehr, lässt er ihn doch sonst kaum spielen? Und weil Ginter eben die Spielpraxis fehlte, unterliefen ihm gleich die zwei entscheidenden Fehler, die zu den beiden Treffern der Berliner führten. Und das betrifft nur die Personalien, auch das ungewohnte Spielsystem des 3-4-1-2, das Tuchel verordnet hatte, ist bei einer Mannschaft nicht unproblematisch, die nicht nur so noch nie gespielt hat, die dieses Spielsystem mit Leuten umsetzen musste, die wie der nur selten eingesetzte Kagawa auf einer zentralen Position umsetzen sollte. Es war, als wollte Tuchel Ginter und Kagawa einen Denkzettel verpassen, als wollte er ihnen sagen: Ihr beschwert Euch, dass Ihr nicht so oft eingesetzt werdet, aber wenn ich Euch spielen lasse, verliert Ihr. Kann sein, dass ich völlig daneben liege, aber das ist eben der Eindruck, der sich ein wenig aufdrängte. Auch die für einen Außenstehenden völlig sinnlose Hereinnahme des Mittelfeldspielers Merino für Schürrle, als ob Tuchel zum Schluss ein bisschen auf Zeit spielen wollte, gab Rätsel auf. Dennoch schlug sich Dortmund gut und setzte die Hertha vor allem in der 2. Hälfte unter Druck, aber genau in dieser Phase setzte Weiser zu einem Sprint an, den Ginter nur ungeschickt an der Strafraumgrenze zu stoppen wusste. Dass Plattenhardt den Ball mit Wucht zwar, aber eben doch in die Torwartecke drosch, lässt vermuten, dass auch Bürki nicht seinen besten Tag erwischt hatte. Für nicht wenige Torhüter wäre das keine unlösbare Aufgabe gewesen. Und schließlich kam dann noch die miese Nummer von Weiser hinzu, der nicht nur den Ball wegschlug, sondern sich dann auch noch theatralisch am Boden wälzte, als hätte ihn ein Elefant getreten. Irgendwie war das eine unnötige und ärgerliche Niederlage, aber nicht so ärgerlich wie zu Hause gegen Wolfsburg zu verlieren, wie das den Leipzigern passierte. Oder die 3:0-Niederlage der Eintracht in München, obwohl die Frankfurter in der ersten Halbzeit die bessere Mannschaft war und einige hochkarätige Chancen liegen ließ, während den Bayern die Tore einfach so gelingen, was nur den Ex-Dortmundern zu verdanken ist, Lewandowski, der zwei Tore erzielte, und Hummels, der eine 100-prozentige der Eintracht vereitelte. Jetzt hat Dortmund die Chance liegen lassen, Leipzig bis auf drei Punkte auf den Pelz zu rücken und muss jetzt aufpassen, dass sie nicht von Hoffenheim überholt werden.

Die Wahrheit über den 23. Spieltag

Gegen Leverkusen zu spielen ist alles andere als ein Selbstläufer für Dortmund, denn gerade wenn die Bayer-Elf eine grottenschlechte Phase wie zuletzt hat, steigt sie gegen den BVB gern wie Phönix aus der Asche und steht plötzlich tiptop auf dem Platz. Und ein weiteres schlechtes Omen war das Unentschieden der Leipziger am Vortag in Augsburg, denn auch bei einer solchen Steilvorlage nahm sich die Dortmunder Elf in der Regel eine Auszeit. Aber diesmal war alles anders. Leverkusen war zwar nicht schlecht, wie der Trainer Schmidt seinem Team konzedierte, das Team kombinierte gefällig, aber nicht wirklich durchschlagskräftig. Und sie wollten durch hohes Pressing die für diese Taktik anfällige Dortmunder Abwehrreihe verunsichern, was ihnen jedoch kaum gelang. Es war wieder einmal Dembelé, der nicht zu stoppen war, der den Gegner schwindlig spielte und immer für Gefahr sorgte. Ihm zuzusehen ist einfach zauberhaft, und zusammen mit Reus und Aubameyang kann es dieses Trio sogar mit Messi, Neymar und Suarez von Barcelona aufnehmen, oder mit Madrids Sturmtrio. Aber auch das Zentrum mit Castro und Guerreiro ist so einfach nicht zu toppen. Der einzige, der da nicht so ohne weiteres hineinpasst ist Durm, auch wenn er in diesem Spiel sogar eine Torvorlage lieferte. Leverkusen versuchte es wieder mit üblen Fouls den Dortmundern den Schneid abzukaufen. 20:7 stand es am Ende in der Foul-Statstik. Und diese Fouls hatten es in sich. Musste schon in der ersten Halbzeit Aranguiz ausgewechselt werden, weil er rotgefährdet war, erwies sich der für ihn eingewechselte Bellarabi als noch gefährlicher für die Unversehrtheit der Dortmunder Spieler, und dass er nicht gelb-rot bekam, war einzig der Ansicht des Schiedsrichters zu verdanken, die er exklusiv für sich hatte. Auch wenn es am Ende 6:2 stand, war die Partie lange Zeit offen, vor allem, weil Aubameyang ein Riesenchance zum 3:0 ausließ. Damit wäre das Spiel entschieden gewesen, so aber ließ man die Leverkusener noch einmal herankommen durch ein Tor von Volland, bei dem Sokratis nicht gut aussah. Und nach dem 3:1 durch Aubameyang rückten die Leverkusener dem BVB wieder mit einem Freistoßtor auf die Pelle, aber nach dem 4:2 durch Pulisic war der Drops gelutscht, Leverkusen brach ein, entnervt durch die schnelle Spielweise, auf die sich der im Sommer zu Dortmund wechselnde Toprak schon mal freuen kann, der, wie man leider zugeben muss, Aubameyang ziemlich gut im Griff hatte und auch keinem Laufduell aus dem Weg ging. Jetzt sind die Dortmunder bis auf sechs Punkte an Leipzig herangekommen. Das ist kein uneinholbarer Vorsprung, aber Leipzig macht einen zu gefestigten Eindruck, als dass sie sich den 2. Platz wieder abnehmen lassen werden. Viel gefährlicher für den BVB ist da Hoffenheim, die nur zwei Punkte hinter Dortmund stehen, während die anderen Verfolger, außer vielleicht Hertha, wohl kaum eine Rolle spielen werden für die CL-Plätze. Schon gar nicht die Schalker, die gegen Gladbach untergingen und jetzt auch noch in der Euroleague gegen die beste Rückrundenmannschaft antreten müssen.

Elliot Pauls wunderschönes Porträt von Paris

Am 22. August 1927 wurden die Anarchisten Sacco und Vanzetti, »ein redlicher Maurer und ein armer Fischverkäufer«, im Bundesstaat Massachusetts wegen eines Raubüberfalls, den sie nicht begangen hatten, hingerichtet. Der Prozess, der sich sieben Jahre lang hinzog, war einer der ersten, der eine riesige Solidarisierungswelle für die Angeklagten auf der ganzen Welt auslöste.
Damals lebte der amerikanische Journalist Elliot Paul in der Pariser Rue de la Huchette, einer kleinen Seitenstraße des Boulevard St. Michel ganz in der Nähe der Seine. Er fühlte sich zutiefst einsam und schämte sich, denn die Leute aus dem Viertel hatten sich in einer kleinen Bar getroffen und warteten auf die Bestätigung des Todesurteils. Ein Austernverkäufer, ein Milchhändler, der »sanfte kleine Jean«, die Bordellbetreiberin Mariette, die »ganz in schwarz gekleidete« Magistratsangestellte Hortense Berthelot und eine »versoffene Alte, die glaubte, sie singe wie Yvette Guilbert«. Alle warten gebannt auf Nachrichten, bis der Barbesitzer von einem Telefonapparat an der Ecke zurückkommt, um die Hinrichtung der beiden zu bestätigen, während eine empörte Menschenmenge auf dem Boulevard de Sébastopol gußeiserne Laternenpfähle herausriss und Schaufenster von Geschäften zertrümmerte. Das war zu einer Zeit, als die Dritte Republik sechs neue Kriegsschiffe bauen ließ, ständig seine Friedensabsichten bekundete, einen Kriegsächtungspakt mit den Vereinigten Staaten abschloss und die spanische Republik den Faschisten überließ. Aber die Leute in der Rue de la Huchette waren nicht so leicht hinters Licht zu führen: »Wenn man so viel vom Frieden redet, dann bekommen wir bestimmt wieder Krieg«, sagte der Barbesitzer und er hatte recht.
Von diesem Einfluss großer Politik und großer Ereignisse auf das Leben kleiner Leute berichtet auf großartige Weise das zu unrecht als »Roman« annoncierte Buch Elliot Pauls »Das letzte Mal in Paris«, denn es sind eher Erzählungen und Reportagen. 1942 erschienen kam es zwei Jahre später unter dem etwas pittoresken Titel »Die kleine Gasse« auch auf deutsch im Exilverlag Bermann-Fischer in Stockholm heraus. Der Maro Verlag hat den zu unrecht vergessenen Elliot Paul wieder entdeckt und in der leider etwas zu zurückhaltend überarbeiteten Übersetzung von Ludovica Hainisch-Marchet wieder aufgelegt.
Elliot Paul war einer der amerikanischen Schriftsteller und Journalisten, die es wie Hemingway Anfang der zwanziger Jahre nach Paris zog. Er arbeitete damals für die internationale Ausgabe der »Chicago Tribune«, gab das Literatur-Journal »Transition« heraus, war mit James Joyce befreundet und Gertrude Stein eng verbunden. Anfang der dreißiger Jahre lebte er ein paar Jahre lang zurückgezogen auf Ibiza, bis ihn der Bürgerkrieg in Spanien zwang, wieder nach Paris zurückzukehren, wo er ein völlig verändertes, politisch unerträgliches Klima vorfindet, weil die Rechten sich im Aufwind befinden. Als sich ein deutscher Panzer in der Rue de la Huchette verirrt, wird es für Elliot Paul Zeit, sein geliebtes Paris zu verlassen und nach Amerika zurückzukehren. Er arbeitet für Hollywood, schreibt Drehbücher, u.a. für »Rhapsody in Blue«, und tritt manchmal in der Umgebung von Los Angeles als Pianist auf, um sich über Wasser zu halten. 1958 stirbt er und hinterlässt ein umfangreiches Werk.
Elliot Pauls Beobachtungen des Pariser Lebens auf den Straßen erinnert von Ferne an Franz Hessels Spaziergänge in Berlin, aber Elliot Paul ist näher an den Leuten, er sieht sich nicht bloß als distanzierter Beobachter, er ist politisch wach und steht sozialem Unrecht nicht gleichgültig gegenüber. Der Zufall führt ihn 1923 zum ersten Mal in die Rue de la Huchette, zu einer Zeit, als »es einem noch vergönnt war, ein wenig in den Tag hineinzuleben«. Er verliebt sich in die Gasse und die dort lebenden Menschen, die er in den folgenden Jahren porträtiert. So lässt er in kurzen Kapiteln ein Panorama entstehen, das von unschätzbaren Wert ist, wenn man wissen will, unter welchen konkreten Bedingungen die Bewohner des Viertels leben mussten, was sie arbeiteten, wie sie wohnten, welche politische Einstellung sie hatten und welche Gewohnheiten sie pflegten. Elliot Paul gewährt einen Blick hinter die Vorhänge des Privaten. An jenem Tag »hockten Männer, Frauen und Kinder auf dem Bürgersteig und den Schwellen ihrer Haustüren und brummten ärgerlich, wenn sie zur Seite gehen mussten, um ein Taxi vorbeizulassen«. Man erfährt, dass viele Pariser sich Katzen nur halten, um sie irgendwann zu verspeisen und dass sie sich mit dem abgezogenen Katzenfell warm reiben, weil ihre Wohnungen nicht beheizbar sind.
Man bekommt einen lebendigen Eindruck, wie ärmlich, provinziell, sparsam, scheu, wie engstirnig, aber auch wie großzügig und manchmal auch trinkfest die Menschen in dieser schmalen Gasse waren, wo das Bureau de Police kein Auto besaß, aber immerhin ein Telefon, wo das große Palaver in den Bars nie verstummte, bevor die Deutschen über die Stadt herfielen. Elliot Paul sind die Menschen dort über die Jahre ans Herz gewachsen, und das merkt man. Er verliebt sich in die junge Schauspielerin Hyacinthe, die ihm wunderschöne Briefe nach Ibiza schreibt, und obwohl erfolgreich, hört sie nicht auf den Rat ihres Freundes, bleibt in Paris und findet den Tod.
Ein Buch, in dem man sich gerne verliert, nicht nur, weil eine bizarre und schon lange untergegangene Welt wieder lebendig wird, sondern auch, weil man erfährt, wie sich die politischen Wirren im Alltag der kleinen Welt der Rue de la Huchette niederschlugen.

Elliot Paul, »Das letzte Mal in Paris«, 400 Seiten, 20.- Euro, Maro Verlag, Augsburg 2016. Aus dem Englischen von Ludovica Hainisch-Marchet