Archiv für den Autor: Bittermann

Die Wahrheit über den 34. Spieltag

Nach der letzten verkrampften und unansehnlichen Partie in Augsburg war dieses Sensationsspiel nicht unbedingt zu erwarten. Im Unterschied zu fast allen anderen Partien ging es allerdings noch um den 3. Platz, also um die direkte Qualifikation zur Champions-League. Aber auch für Bremen ging es um etwas, denn die hätten mit einem Sieg noch die Euroleague erreichen können. Und Bremen war unglaublich stark, spielfreudig und kombinationssicher. Vor allem Kruse und Bartels, die mit je einem Treffer die Bremer nach der Pause zur 3:2-Führung schossen und damit ihren Traum wahrgemacht hätten, ließen die BVB-Abwehr häufig nicht gut aussehen. Aber dann drückten die Dortmunder wieder aufs Pedal und erhöhten den Druck so sehr, dass den Bremern ein Foul im Strafraum unterlief. Reus verwandelte den Elfer zum Ausgleich, und in der 88. Minute schließlich spitzte sich das Drama zu, denn da flog Pulisic in den Strafraum. Das war zwar kein Elfer, was sich aber erst nach mehreren Zeitlupenaufnahmen erkennen ließ. Da die Dortmunder aber schon in der ersten Halbzeit einen Elfer nicht bekommen hatten, handelte es sich um ausgleichende Gerechtigkeit. Reus überließ Aubameyang die Kugel, der einige der letzten Elfer nicht mehr verwandelt hatte, aber unbedingt mit 31 Treffern die Torschützenkanone haben wollte, was möglich war, weil Lewandowski in München trotz des 4:1 gegen Freiburg kein Tor mehr gelang. Es war ein unglaublich rasantes Spiel, in dem es hin und her wogte und Tore fielen, die einem im Traum noch verfolgen, so schön waren sie, wie Dembélés gelupfter Ball in den Strafraum, den Aubameyang direkt annahm und verwandelte, ein Tor des Jahres. Danach fielen sich alle glücklich in die Arme. Bartra hielt seinen bandagierten Arm, der beim Anschlag verletzt worden war, vor der gelben Wand in die Luft wie als Zeichen, dass man sich nicht unterkriegen lassen würde. Sogar Tuchel und Watzke umarmten sich kurz. Aber wahrscheinlich waren sie sich nur zufällig über den Weg gelaufen, denn immer noch stehen die Zeichen auf Trennung. Das wurde inzwischen auch von der FAZ bestätigt, die vergeblich ein Interview mit Watzke zu bekommen versucht hatte und dann mit dem Berater von Tuchel vorlieb nehmen musste, der bestätigte, dass es keine direkten Gespräche zwischen Tuchel und Watzke gegeben hatte und alles über den Berater lief. Aber die Vertragsverlängerung mit Tuchel stand diesmal nicht im Vordergrund, vielmehr das Gerücht um Aubameyang, für den China 80 Millionen zu zahlen bereit sein soll. Und es sah im Interview nach dem Spiel ganz danach aus, als ob Aubameyang nicht abgeneigt ist, ein solches Angebot anzunehmen, wenn es das tatsächlich geben sollte. Schade, wieder wird eine Mannschaft geschwächt kurz bevor sie zu den Sternen greifen könnte. Aber so ist das in der Hackordnung der Vereine. Und jetzt mischt auch noch China mit, weil man dort jetzt auch Fußballmacht werden will. Und vermutlich wird auch das wie alles andere eben auch bei den Chinesen eine noch größere Sache. Im direkten Duell um den Platz für den Nachsitzer der Saison verlor mit Wolfsburg die bessere Mannschaft. Die Hamburger wussten, dass ein erneutes Relegationsspiel bei dem Zustand der Mannschaft riskant wäre. Deshalb feierten sie den Sieg und den Erhalt der Klasse wie eine Meisterschaft. »Ich bin einfach dankbar und froh, dass wir heute den Sack zumachen konnten«, stammelte Gisdol in die Kamera. »Wir wollten die Geschichtsbücher neu schreiben«, hieß es, und daran sieht man, dass in Hamburg Anspruch und Wirklichkeit schon immer weit auseinanderklaffen.

Die Wahrheit über den 33. Spieltag

Vor einer Woche erschien ein Hintergrundbericht über die Querelen beim BVB von Freddie Röckenhaus in der SZ, der für Furore sorgte. Röckenhaus ist nicht irgendjemand. Er hat die Machenschaften des damaligen BVB-Bosses Niebaum aufgedeckt und ihn zu Fall gebracht. Er ist ein ausgezeichneter Kenner des Vereins, und er ist dem BVB sehr zugeneigt. Er ist also nicht darauf aus, dem Verein zu schaden. Wenn er also schreibt, dass das Zerwürfnis so weit geht, dass auch Spieler sich über Tuchel beklagen, dann ist das nicht erfunden, wie das vielleicht Bild machen würde, um den Konflikt anzuheizen. Natürlich kann der Spieler nicht seinen Namen nennen, denn dann wäre er weg vom Fenster. Aber das lieferte Tuchel den Vorwand, den Konflikt am Schwelen zu halten. Es seien viele Unwahrheiten über ihn verbreitet worden, die die persönliche Grenze überschritten hätten. Wenn er sich dabei auf den Bericht in der SZ bezieht, dann allerdings lässt sich ihm schwerlich zustimmen und es macht nur eines deutlich, nämlich dass das Verhältnis von Vereinsführung und dem Trainer völlig zerrüttet ist. Davon zeugt auch das Auftreten von Nuri Sahin im zdf-Sportstudio, der auf diesen Konflikt angesprochen natürlich nicht offen Partei ergreifen konnte, aber es wurde durch das, was er nicht sagte, auch so ziemlich deutlich. Er sprach nur von dem rein professionellen Verhältnis, das die Spieler zum Trainer hätten, und gab nicht den Hauch eines Bekenntnisses zu Tuchel ab. Warum auch, denn es ist kein Geheimnis, dass Tuchel ihn kaum berücksichtigte, der wiederum es wahrscheinlich als Affront begriffen haben dürfte, dass der Verein den Vertrag mit Sahin gerade um zwei Jahre verlängert hatte. Und obwohl der Berater Tuchels darauf drängte, dass beide Seiten sich langsam mit Äußerungen zurückhalten sollten, hört Tuchel nicht auf, sich über irgendwelche nicht näher benannten Anschuldigungen und über ihn verbreiteten Unwahrheiten zu beschweren, ohne jedoch Anstalten zu machen, sich mal mit der Vereinsführung zu treffen, um den Dissens und die Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Dass dieser Konflikt die Mannschaft unberührt lässt, ist schwerlich zu glauben. Das Spiel in Augsburg jedenfalls war alles andere als ansehnlich, obwohl Tuchel die nominell stärkste Mannschaft aufgestellt hatte. Dann verletzte sich auch noch Weigl schwer und fällt für die restlichen zwei Spiele aus. Und Tuchel lässt am Ende nicht etwa auf Sieg spielen, sondern auf Ergebnishalten eines traurigen Remi. Jetzt ist Hoffenheim im Kampf um Platz 3 wieder dran und nur 4 Tore schlechter. Irgendwie kann man den Eindruck bekommen, dass Tuchel genau weiß, dass seine Zeit beim BVB abgelaufen ist und nun aus Rache versucht, das letzte Spiel zu vergeigen, was gegen Bremen z.Z. auch gar nicht so schwer sein dürfte. Und das Pokalfinale gegen die Eintracht? Da weiß man schließlich, dass der Pokal seine eigenen Gesetze hat. Wahrscheinlich deshalb redet Tuchel die ganze Zeit davon, dass er sich auf die letzten Spiele fokussieren will, wobei ihm aber immer noch Zeit genug bleibt, Öl ins Feuer zu gießen. Z.Z. macht es jedenfalls keinen Spaß, dem BVB zuzusehen. Fast alle anderen Spiele sind da interessanter, wie das Mainzer Spiel gegen die Eintracht, das sie nach 0:2 noch 4:2 gewannen, womit sie einen großen aus dem Abstiegssumpf heraus gemacht haben. Oder das 1:1 zwischen Schalke und dem HSV, als Schalke in der Nachspielzeit der Siegtreffer aberkannt wurde, weil der Ball bei einer Ecke angeblich die Torauslinie überschritten hatte, wofür es aber keinen Beweis gab, was wieder mal ein Beleg für den unglaublichen Dusel der Hamburger in ihrem schon jahrelang andauernden zähen Abstiegskampf ist. Ingolstadt hingegen ist durch dieses eine nicht anerkannte Tor nun endgültig abgestiegen. Jetzt gibt es am letzten Spieltag ein echtes Finale um den Abstieg in Hamburg gegen Wolfsburg. Der HSV muss siegen, aber es sieht nicht so aus, als ob er das könnte. Immerhin ein Spiel, das man sich gelassen angucken kann, denn egal, wie das Spiel ausgeht, es hat auf jeden Fall den richtigen getroffen.

Die Wahrheit über den 32. Spieltag

Es sieht nicht gut aus beim BVB. Watzke ist erstaunt und irritiert über die Kritik von Tuchel an der schnellen CL-Spielansetzung nach dem Anschlag auf den Bus, und äußert das auch noch. Tuchel verbietet sich jeden Kommentar dazu, weil er sich auf die Saisonziele (Platz 3 in der Bundesliga und Pokalendspiel) fokussieren will. Warum das alles nicht intern geklärt wird, sondern von der Presse breittreten lässt, weiß man nicht, aber es lässt auf einen ausgewachsenen Streit zwischen Vorstand und Trainer schließen. Jetzt äußerte Watzke auch noch, dass mindestens Platz 3, eigentlich Platz 2, der kaum mehr zu erreichen sein dürfte nach dem Sieg der Leipziger bei einer indisponierten Hertha, wie ein Zeugnis sei, das bei den Vertragsverhandlungen mit Tuchel am Saisonende eine Rolle spielen würde. Das aber ist keine gute Voraussetzung für Gespräche, ganz zu schweigen davon, dass es erstaunlich ist, wie hoch die Ziele bei der Borussia gesteckt waren nach dem Totalumbruch der Mannschaft. Das Betriebsklima war also ziemlich schlecht vor dem vorentscheidenden Spiel gegen Hoffenheim um Platz 3. Und genauso schlecht war auch das Spiel selbst. Nominell stand die stärkste Formation auf dem Platz, aber das Zusammenspiel war von unerklärlichen Fehlpässen und Missverständnissen geprägt. Es war phasenweise grausam anzusehen. Hauptsache gewonnen, kann man nach einem solchen Spiel nur sagen, denn verdient war der Sieg nicht, obwohl die Hoffenheimer auch nicht gerade glänzte und mit Schwalben und üblen Fouls versuchten, die Dortmunder aus dem Takt zu bringen, was ihnen auch gelang. Das ging dann ungefähr so: Ein Hoffenheimer attackiert Reus mit allen Mitteln, der sich beschwert, worauf der Hoffenheimer sich zu Boden fallen lässt, als hätte ihn der Blitz getroffen, worauf Reus die gelbe Karte erhält. Ein tolles Spiel kommt mit dieser Spielweise nicht zustande, und ich frage mich, warum Nagelsmann als Trainer so hoch im Kurs steht, wenn er seine Mannschaft mit dieser Einstellung auf den Platz schickt? Dafür übersah der Schiedsrichter dann die klare Abseitsposition von Reus, bevor er das 1:0 erzielte. Und er übersah auch noch einiges andere, aber da das Endergebnis stimmte, sollte man da nicht allzu sehr darauf herumreiten, denn schließlich kann sich Hoffenheim noch heute dafür bedanken, dass Dortmund ihnen vor zwei Jahren die Punkte geschenkt hat, die sie vor dem sicheren Abstieg retteten. Aber da Hoffenheim keine Fans hat, gibt es auch kein kollektives Gedächtnis, und deshalb auch keine Dankbarkeit oder Zuneigung, sondern nur Hauen, Kratzen und Stechen, weshalb es kein Wunder ist, dass solche Vereine in Dortmund auf wenig Liebe stoßen. Im Kampf um den Relegationsplatz haben Mainz und Wolfsburg gepunktet, jetzt stehen Mainz und Hamburg unter Zugzwang, die am Sonntag aufeinandertreffen (Ergebnis bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt). Bremen hat in einem furiosen Spiel in Köln verloren und musste die Rheinländer an sich vorbeiziehen lassen, weshalb es im Kampf um die Euroleague-Plätze noch einmal richtig spannend wird, denn sogar Schalke und Frankfurt im Mittelfeld können da noch mitmischen.

Die Wahrheit über den 31. Spieltag

Nach dem sensationellen 3:2 Pokalhalbfinalsieg der Dortmunder in München, der natürlich nicht ohne intensiven Aufwand gelungen war, war die Chance, zu Hause gegen Köln zu gewinnen, mit Sicherheit nicht so groß wie es die Wettquoten vermuten ließen, denn die Kölner spielten so, wie es zu erwarten war, mit zwei Viererketten vor der Abwehr. Die Dortmunder hätten schon fast so viel Glück gebraucht wie in München, um diese taktisch defensive und sehr stabile Grundausrichtung zu erschüttern. Trotzdem ist es immer wieder gelungen, aber entweder die Dortmunder verstolperten beim letzten Zuspiel den Ball wie nach der gefühlvollen Vorlage Dembélés über die Kölner Abwehr auf Castro, der mit der Brust auf Aubameyang weiterleiten wollte, was aber misslang, oder der Kölner Schlussmann Horn hielt sensationell stark wie den Kopfball von Guerreiro in der Nachspielzeit. Die Kölner hatten also das Glück auf ihrer Seite, das Dortmund gegen Bayern hatte, als Lewandowski zweimal und Robben einmal allein vor dem Tor scheiterten, weil Benders seither gefeierte Fußspitze den Ball an den Pfosten lenkte, der von dort an die Latte sprang, um erst dann zur sicheren Beute der Dortmunder zu werden. Und wenn die Kölner kein Glück hatten, dann stand ihnen der Schiedsrichter zur Seite, der gleich zwei Tore annullierte, weil Kagawas Fußspitze im Abseits gewesen sein soll, während im Falle von Reus‘ Tor überhaupt nicht ersichtlich war, wer da abseits gewesen sein sollte. Aber sonst hielt das Bollwerk der Kölner gegen die immer neuen schwarzgelben Angriffe, die zum Ende der ersten und zweiten Halbzeit jedoch langsam abebbten. Der schönste Moment passierte nach dem Spiel, als der Ex-Dortmunder Subotic von den Dortmunder Fans ebenso gefeiert wurde wie von den Kölner Fans. Als echter Stabilitätsfaktor in der Kölner Abwehr wäre er auch ein Gewinn für die Dortmunder gewesen, aber Tuchel mochte nicht mehr auf ihn setzen. Stattdessen lässt er die Dortmunder regelmäßig faktisch mit zehn Mann antreten, indem er immer wieder Durm bringt, der nur nominell als elfter Mann auf dem Rasen steht, aber nichts wirklich zum Spiel beizutragen hat. Und dafür, das muss man anerkennen, haben sich die Dortmunder ganz gut geschlagen. Allerdings reichte der eine Punkt nicht, um den dritten Platz zu halten, den Hoffenheim nach einem unglaublich zähen Spiel in der 90. Minute gegen die Eintracht wieder zurückeroberte, ein Vorgeschmack auf das Pokalendspiel, in dem die Eintracht alles auf rustikale Spielzerstörung setzen wird. Darmstadt zögert mit Siegen in Serie seinen Abstieg immer wieder hinaus, diesmal mit einem grandiosen 3:0 gegen die Freiburger, die sich zuletzt immerhin Hoffnungen auf einen internationalen Platz machten. Die zuletzt arg gebeutelten Augsburger fegten Hamburg mit 4:0 vom Platz und hüpfte auf Platz 13. Und nach der 4:1-Niederlage der Leverkusener zu Hause gegen Schalke, mischt nun auch Rudi Völler wieder im Abstiegskampf mit, in dem Hamburg und Wolfsburg allerdings in der Pole-Position sind. Bremen deklassiert Hertha mit 2:0 und ist den Berlinern, die auf Platz 5 stehen, jetzt bis auf einen Punkt auf den Fersen, und gelten bei ihrem Lauf nunmehr als vielversprechendster Kandidat auf einen der Euroleague-Plätze. Und sonst? Ach ja: Nach dem trostlosen torlosen Remis der Leipziger gegen Ingolstadt steht Bayern nach einem 6:0 beim Schießbudenverein Wolfsburg drei Spieltage vor Schluss zum 5. Mal hintereinander als deutscher Meister fest. Und niemand freut sich. Allen steckt noch das Aus im Pokal und in der CL in den Knochen.

Die Wahrheit über den 30. Spieltag

Die Hoffenheimer hatten am Freitag abend in Köln mit einem 1:1 die Steilvorlage für den BVB gegeben, um sich wieder auf den 3. Platz vorzurobben. Bei mir löste das allerdings ungute Gefühle aus, denn immer wenn sich so eine Möglichkeit eröffnet, scheint den Dortmundern die Versagensangst im Nacken zu sitzen. Aber auch jenseits solcher Zweifel abergläubischen Ursprungs gab es gute Gründe, nicht im vornherein von einem souveränen Sieg des BVB auszugehen. Zum Beispiel die Aufstellung, in der Durm, der gegen Monaco schon nach einer halben Stunde ausgewechselt werden musste, wieder auf der linken Außenbahn stand, als wäre nichts geschehen. Diese Nibelungentreue zu einem Spieler, der kaum etwas zum Spiel beiträgt, dem kaum etwas gelingt außer Sicherheitspässe zurück, der keinen Zweikampf gewinnt und bei dem man schon froh sein kann, wenn er einen Einwurf herausholt, ist äußerst merkwürdig und kaum dadurch zu erklären, dass Durm seine Position hält. Und da Ginter anstelle von Pisczcek die rechten Seite verteidigte, kann man sich vorstellen, dass sich über diese Bahn so gut wie gar nichts tat. Dafür ließ Tuchel u.a. Kagawa, Aubameyang und Weigl auf der Bank, um sie für das Pokalhalbfinale in München zu schonen, was man für eine übertriebene Maßnahme halten kann, denn dort haben die Dortmunder nun mal nur eine äußert geringe Chance weiterzukommen, und es müsste schon wie vor zwei Jahren noch unter Klopp zugehen, als die Bayern im Elfmeterschießen slapstickhaft alle Schüsse auf grandiose Weise versemmelten, und wo allein die Tatsache, dass die Dortmunder es bis in die Verlängerung geschafft hatten, sich wie ein Wunder ausnahm, und die wiederholen sich bekanntlich nicht. Dennoch starteten die Dortmunder furios, pressten, spielten schnell und beweglich. Aber nur ein Treffer sprang dabei heraus, weil der nächste Saison bei Dortmunder spielende Dahoud Pulisic auf der Strafraumlinie umsäbelte. Reus verwandelte sehr cool und lässig. Aber dann schienen sich alle Befürchtungen zu bestätigen. Nicht nur, dass die Dortmunder ihre Chancen liegen ließen, jetzt wurde auch noch Sahin im Gladbacher Strafraum niedergetreten, ohne dass Schiedsrichter Stark dem eine Bedeutung beigemessen hätte. Er ließ einfach weiterspielen, und erst als Bürki den Ball ins Aus bugsierte, konnte Sahin mit einem Bänderriss am Knöchel vom Platz getragen werden. Allein die Tatsache, dass Strobl auch den Ball getroffen hat, schien es zu rechtfertigen, dass er Sahin eine schwere Verletzung zufügen konnte, ohne dafür belangt zu werden, weshalb Fußball immer mehr zu einer Sportart wird, in der schwere Verletzungen billigend in Kauf genommen werden. Für Sahin kam der völlig unerfahrene Merino, dem prompt ein schwerer Abspielfehler unterlief, der die bis dahin völlig chancenlosen Gladbacher zum Ausgleich verhalf. Als dann noch Schmelzer ein Eigentor unterlief, schienen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Aber dann rafften sich die Dortmunder noch einmal auf. Aubameyang gelang 101 Sekunden nach seiner Einwechslung ein Weltklassetreffer und Guerreiro köpfte kurz vor Schluss ins lange Eck. Den lange abstiegsgefährdeten Bremern haben eine beachtliche Siegesserie hingelegt und spielten sich mit vier Toren durch Kruse auf Platz 6, während Mainz mit einem nicht unverdienten 2:2 bei den Bayern im Abstiegskampf gleich zwei Plätze gut machte, wo sich die Mainzer mit Ingolstadt, Augsburg, Wolfsburg und Hamburg, die zu Hause gegen Darmstadt verloren, jedenfalls ein spannenderes Duell liefern als es an der Tabellenspitze der Fall ist.

Die Wahrheit über das CL-Viertelfinale

Nach dem jeweils verdienten Ausscheiden von Bayern und dem BVB aus der Champions-League steht seit 2009 zum ersten Mal kein deutscher Verein im Halbfinale. Rummenigge erwies sich dabei als schlechter Verlierer und gab dem Schiedsrichter die Schuld an der Niederlage gegen Real Madrid, weil er zwei Abseitstore durch Ronaldo gegeben hatte und den chilenischen Irokesen vom Platz gestellt hatte in einer Situation, in der er ausnahmsweise mal nicht Foul gespielt hatte. Genaugenommen hätte Vidal schon viel früher vom Platz gestellt werden müssen, und wenn Real nur die Hälfte der zahlreichen Chancen verwandelt hätte, wäre die Niederlage viel höher ausgefallen. Aber bei den Bayern kann nicht sein, was nicht sein darf, also war der Schiedsrichter schuld, auch wenn beide Niederlagen mehr als hoch verdient waren, denn obwohl der Mann in schwarz einige Fehlentscheidungen traf, so traf er sie nicht nur gegen Bayern, denn auch der Anschlusstreffer der Bayern zum 2:1 war irregulär. Es ist einfach so, dass die Bayern auf eine Mannschaft getroffen sind, die ihnen letztlich sehr ähnlich ist und gegen die der in der Bundesliga immer wieder verfangende Ballbesitzfußball gegen sie selbst gewendet wurde, d.h. sie wurden mit den gleichen Waffen geschlagen, mit denen sie die Bundesliga dominieren. Real war einfach besser, und wahrscheinlich war es diese offensichtliche Tatsache, die Rummenigge von Betrug und Schiebung schwafeln ließ, dabei haben die Bayern schon häufig genug genau davon profitiert und sogar durch krasse Fehlentscheidungen einmal die Champions-League gewonnen. Gegen den BVB. Aber der war diesmal genauso chancenlos gegen Monaco, die als Außenseiter gerade die französische Liga aufmischen und inzwischen kaum mehr als Außenseiter gehandelt werden können. Trotzdem war das Ausscheiden der Dortmunder unglücklich, nicht nur wegen der 3:2-Heimniederlage einen Tag nach dem Anschlag, als man sehen konnte, dass die Dortmunder vor allen in der ersten Halbzeit einfach nicht auf dem Platz waren und krasse Fehler zu einem schnellen 2:0 führten, Fehler, die wahrscheinlich noch aus der Verunsicherung herrührten, die die Explosion hinterlassen hatte. Auch in Monaco saßen die Spieler aus Sicherheitsgründen plötzlich eine halbe Stunde im Bus fest und vermutlich wurden die Traumata wieder reaktiviert, die den Spielern sowieso in den Knochen steckten. Jedenfalls begann die erste Halbzeit ähnlich desaströs wie beim Hinspiel. Die Spieler standen zu weit von den Gegenspielern entfernt, Bürki patzte schon in der 3. Minute, und auch Pisczcek spielte als letzter Mann einem Monegassen den Ball in die Füße. Wären den Dortmundern all die Fehler, die zu Toren führten, nicht unterlaufen, wären sie sogar weiter gekommen, und dennoch waren die Monegassen überlegen und machten im Unterschied zum BVB eben auch keine Fehler. Unter normalen Umständen und mit einer normalen Form, wäre der BVB vielleicht ein ebenbürtiger Gegner gewesen, so aber trug sogar Tuchel seinen Teil zur Niederlage bei, auch wenn er es nicht zugab. Aber dass er schon in der 27. Minute den völlig überforderten Durm, der in einer halben Stunde gerade mal einen Zweikampf gewonnen hatte, durch Dembélé ersetzte, war wie ein Eingeständnis, sich völlig verschätzt zu haben. Aber auch sonst spielten viele Dortmunder einfach das, was sie eigentlich können, wie z.B. Guerreiro, der sonst eine Bank ist, diesmal aber blass blieb, und auch Aubameyang machte keinen Stich gegen die kompakte Defensive der Monegassen. Und schließlich kam auch noch Pech dazu, als Sahin einen Freistoß an den Pfosten setzte. Andererseits gingen auch die Monegassen sehr großzügig mit ihren Chancen um, und deshalb muss man sagen, dass sie nicht nur die glücklicheren, sondern auch die verdienten Sieger waren. Barcelona ist ein weiteres Wunder nicht gelungen, nicht gegen Juve, die die beste Defensive in der CL haben. Auch Atletico ist weiter. Schon wieder ein Endspiel zwischen den Madrider Mannschaften wäre allerdings so langsam etwas öde.

Die Wahrheit über den 29. Spieltag

Fünf Tage nach den Bomben auf den BVB-Bus wissen die Ermittler immer noch nicht, wer hinter dem Anschlag steckt. Inzwischen ist laut Bild auch noch die Wettmafia hinzugekommen, aber aus welchen Gründen? Weil der BVB zu unberechenbar ist? Anders als Bayern? Aber dann müssten die nach dem Unentschieden gegen Bayer auch Ärger kriegen, weil das 0:0 die Wettquoten verdorben hat. Jedenfalls sind den Verschwörungstheorien Türen und Tore geöffnet. Am wahrscheinlichsten sind es die Rechten oder die Islamisten oder sonst irgendein Verrückter gewesen, zwischen denen aber sowieso kaum ein Unterschied besteht, betätigen sich die Islamisten doch als Steigbügelhalter für die AfD, die diese wiederum mütterlich in die Arme nimmt, weil sie weiß, dass sie ohne Islamisten keine Chance hätte. In jedem Fall war der missglückte Anschlag einer mit größtmöglicher Wirkung in der Öffentlichkeit, in der die Moderatoren sehr feinfühlig und mit viel Menschlichkeit endlos plapperten. Die Uefa mit ihrem gnadenlosen Spielplan wurde angeklagt, weil das Rückspiel gegen Monaco einen Tag später angesetzt wurde und damit keine Zeit zur Trauerarbeit bliebe, als ob tatsächlich Leute gestorben wären. Watzke sagte, man hätte sich tatsächlich kurz überlegt, das Spiel ganz abzusagen, aber eben nur kurz, eine reale Option war es nicht. Das Spiel wäre als verloren gewertet worden, und verloren hat das Spiel der BVB dann sowieso, weil Tuchel zunächst eine falsche Taktik gewählt hatte mit Ginter auf der rechten Außenbahn, weshalb die erste Halbzeit auch entsprechend unterirdisch war. Erst in der zweiten Hälfte kam mit Sahin und Pulisic Schwung in die Partie. Vermutlich wäre das Spiel auch ohne Anschlag so verlaufen, denn wenn der Schiedsrichter ein Abseitstor gibt, dann hat das wenig damit zu tun, dass Spieler mental nicht auf der Höhe sind. Und katastrophale Abspielfehler wie der von Pisczcek auf Sokratis sind den Dortmundern auch schon unter Normalbedingungen unterlaufen. Es ist schwer zu sagen, welche Folgen ein solcher Anschlag auf das Nervenkostüm des einzelnen hinterlässt, spätestens gegen Frankfurt jedoch standen keine Nervenbündel auf dem Platz, sondern mit dem einige Spiele verletzten Reus auch jemand, der sofort Schwung in die Partie brachte, als ihm in Zusammenarbeit mit Pulisic gleich in den 2. Minute ein Traumtor gelang. Und auch Sokratis und Aubameyang nach einem sensationellen Pass von Sahin auf Dembélé steuerten wunderschöne Treffer bei, aber trotzdem war die Eintracht keinesfalls unterlegen, sondern hatte durchaus Chancen, und hätte es am Ende ein Remis gegeben, hätten sich die Dortmunder nicht beschweren können. So hat man wenigstens nicht den Anschluss zu Hoffenheim verpasst, die in einem nicht minder rasanten Spiel gegen Mönchengladbach mit 5:3 gewannen. Und auch Leipzig gab sich keine Blöße und gewann gleich 4:0 gegen Freiburg. Im Kampf um den Relegationsplatz hat Ingolstadt einen herben Rückschlag erlitten, weil man gegen die Mitfavoriten um den Abstieg Wolfsburg 3:0 verlor, während Mainz und Augsburg gewannen.

Das Ende der Zivilisation. Zum 30. Todestag von Primo Levi

Es gibt nur wenige Autoren, die aus eigener Erfahrung das System der Konzentrationslager beschreibend so durchdrungen haben wie Primo Levi, der in seinem autobiographischen und schon 1947 erschienenen Bericht »Ist das ein Mensch?« (dtsch. 1961) über seine Zeit im Arbeitslager Monowitz bei Auschwitz den Zivilisationsbruch reflektiert, der von den Nazis durch die gezielte Entmenschlichung der Opfer systematisch betrieben wurde. Dies ist ein zentraler Punkt, um das System der Konzentrationslager zu verstehen, nämlich den Menschen so zu demütigen und ihn so »auf das Niveau seiner Eingeweide herabzuwürdigen«, dass es als perverser Akt der Gnade erscheint, ihn aus der Welt zu schaffen.
In dem Buch »So war Auschwitz«, das jetzt zu seinem 30. Todestag erschienen ist, kommt Primo Levi wieder darauf zurück. Er beschreibt in einem Vortrag aus dem Jahr 1961, dass »das beliebte, typische, tägliche Zeremoniell des Aufmarsches der Lumpen-Menschen zur Musik eines Orchesters« vor allem dazu da war, den 14-18 Jahre alten Hitler-Jungen, die diesem grotesken Lager-Appell beiwohnten, den Eindruck zu vermitteln: »Das also sind die Juden, von denen man uns erzählt hat, die Kommunisten, die Feinde unseres Vaterlands? Aber das sind doch keine Menschen, das sind ja Hampelmänner, Tiere. Sie sind schmutzig, zerlumpt, sie waschen sich nicht, schlägt man sie, wehren sie sich nicht, sie lehnen sich nicht auf, sie denken nur daran, sich den Bauch vollzuschlagen. Es ist richtig, sie bis zum Tod arbeiten zu lassen, es ist richtig, sie zu töten.«
Primo Levi war 19 Jahre alt und studierte gerade im ersten Semester Chemie in Turin, als die Rassegesetze in Italien erlassen wurden. Während man in Sebastian Haffners »Geschichte eines Deutschen« nachlesen kann, welche verheerenden Auswirkungen diese Gesetze an der Berliner Uni hatten und wie begeistert sie von den nationalsozialistischen Studentenverbänden umgesetzt wurden, fühlte sich Levi trotz »der stickigen Atmosphäre der Universität von damals nicht unwohl«. Die wenigen faschistischen Studenten waren nicht gefährlich und eher verwundert über die Gesetze. Levi konnte trotz einiger Schikanen weiter studieren und 1941 promovieren. Die Juden waren mehr oder weniger toleriert, man betrachtete sie an der Uni sogar »mit einer Art von schuldbewusster Verlegenheit«. Das änderte sich schlagartig 1943. In Turin kam es im März zu großen Streiks der Arbeiter. Die Regierung reagierte nur zaghaft darauf, löste sich schließlich am 25. Juli auf und brach am 8. September endgültig zusammen. Die Deutschen übernahmen das Kommando. Levi hatte keinen Plan, aber auch keinen Zweifel daran, irgendetwas tun zu müssen. Er ging in die Bergen und traf dort Deserteure, versprengte Soldaten, Arbeiter und andere Leute auf der Flucht. Sie versuchten, Kontakt zur Resistenza aufzunehmen, weil sie weder Geld noch Waffen noch Erfahrung hatten. In einer großangelegten Razzia wird Levi am 13. Dezember verhaftet, und obwohl er falsche Papiere besaß und, wie er glaubte, hätte verbergen können, dass er Jude war, gab er in einem Verhör schließlich zu, in den Untergrund gegangen zu sein, weil es ihm aus jugendlich-naiven Gründen »unehrenhaft« vorkam, seine Herkunft zu verleugnen. Als der Beamte erfuhr, dass »wir Juden und keine ›echten Partisanen‹ waren, sagte er zu uns: ›Es wird euch nichts Böses geschehen. Wir schicken euch ins Lager Fossoli‹.« Und tatsächlich ging es einem in diesem Lager damals noch »ziemlich gut«. Aber dann übernahm die SS das Lager und stellte innerhalb von zwei Tagen einen Abtransport von 650 Juden zusammen. Levi macht von nun an Bekanntschaft mit der Grausamkeit und mit dem den Italienern völlig fremden »Vernichtungsantisemitismus« der Deutschen, wie ihn Goldhagen genannt hat. Es beginnt für ihn ein elf Monate währender Aufenthalt in der Hölle, den er nur durch Glück übersteht.
Levi hat sich Zeit seines Lebens damit auseinandergesetzt, hat Bücher geschrieben, Vorträge gehalten, bei Prozessen ausgesagt, Erklärungen abgegeben und Berichte verfasst, wie den »über die hygienisch-medizinische Organisation des KZs für Juden in Monowitz« 1945 auf Anforderung der russischen Befreier. In diesem allerersten Dokument, das nun in »So war Auschwitz« vorliegt, versucht er möglichst präzise Angaben zu machen über das, was passiert war, jeden Erinnerungsfetzen festzuhalten für die Nachwelt, weil sie die letzten Überlebenden des Lagers waren, denn die Nazis hatten versucht, alle Spuren zu verwischen.
Heute ist die Literatur über den NS und die Vernichtung der Juden unüberschaubar. Man gewinnt den Eindruck, als ob jeder Aspekt der Gewaltherrschaft erforscht sei. Inzwischen ist es schwer, sich in eine Zeit zurückzuversetzen, in der die Literatur spärlich und das Interesse an der Erforschung des NS wie an den Zeugnissen von Überlebenden eher gering war. Für viele Davongekommene war das Zeugnisablegen ein starkes Motiv, das Lager zu ertragen, aber als sie die Möglichkeit dazu hatten, mussten sie feststellen, dass sich niemand für ihre Geschichten interessierte. Es handelte sich dabei jedoch weniger um »Ignoranz«, wie die Herausgeber Domenico Scarpa und Fabio Levi glauben, sondern um »Verdrängung«, denn gerade in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs wollte man nicht mit den unangenehmen Erinnerungen belästigt werden, weil gegenüber den Überlebenden sich automatisch die Frage stellte, was man selbst hätte tun können, um deren Schicksal zu verhindern. Und deshalb waren die Überlebenden häufig und lange Zeit nicht sehr beliebt. Erst in den 80er Jahren begann sich das zu ändern.
1986 erschien »Die Untergegangenen und die Geretteten«, eines der besten Bücher über Auschwitz neben Ruth Klügers »weiter leben«, in dem er die Verdrängungen und Verzerrungen der Erinnerungen sowohl der Opfer als auch der Täter nachspürt und der »Scham« derer, die mit Glück und durch Zufall davongekommen waren. Ein halbes Jahr später, am 11. April 1987, stürzte Primo Levi den Aufzugschacht hinab. Er hinterließ kein Abschiedsschreiben. Sein Tod ist bis heute ein Rätsel.

Primo Levi »So war Auschwitz. Zeugnisse 1945-1986«, Hrg. von Domenico Scarpa und Fabio Levi. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner, Hanser Verlag, München 2017.

Die Wahrheit über den 28. Spieltag

Tuchel analysierte das Spiel seiner Elf in München als vollkommen chancenlos, nie hätte der BVB Zugriff auf das Spiel gehabt, und nur einem BVB mit einem guten Tag und in guter Form mit allen Spielern an Bord, wie den verletzten Reus, Weigl und dem zuletzt starken Kagawa, hätte es gelingen können, den Bayern etwas entgegenzusetzen. So aber wären die Dortmunder meistens hinterhergelaufen, waren zweikampfschwächer und immer etwas zu spät. Das ist natürlich richtig, auf der anderen Seite hätte sich Tuchel mit der Mannschaft, die ihm zur Verfügung stand, vielleicht auch mal etwas anderes probieren müssen. So stand Schmelzer auf der linken Seite völlig allein gegen Robben, der immer mit Tempo den Dortmunder Kapitän anlaufen konnte und mit der einzigen ihm zur Verfügung stehenden, aber effektiven Finte nach innen den Abschluss suchte, was dann in der 49. Minute zum 3:1 führte, womit die Partie kurz nach der Halbzeit entschieden war. Wie man Robben und Ribéry aber schachmatt setzt, hatte Klopp in den Meisterjahren bewiesen, als man die Flügelzange der Bayern doppelte und die beiden wenn möglich gar nicht erst die Zeit hatten, den Ball anzunehmen. So aber ließ Tuchel Robben und Ribéry jede Menge Raum, den die natürlich zu nutzen wussten. Tuchel, dessen taktische Variabilität gerühmt wird, setzte auf das Konzept einer Dreierkette, die durch die Außen notfalls zu einer Fünferkette ergänzt werden konnte. Aber so richtig funktioniert hat das schon in den letzten Spielen nicht. Vor allem war klar, dass der BVB nicht wie gegen viele andere Bundesligamannschaften seinen Ballbesitzfußball würde etablieren können, denn dafür ist Bayern zu stark und zu präsent und spielt ihnen zudem in die Karten. Vielleicht hätte eine andere Taktik den Dortmundern auch nichts genutzt, aber dass mit der herkömmlichen Taktik mit diesem zur Verfügung stehenden Mannschaftskader kein Blumentopf zu gewinnen war, ließ sich jedenfalls ziemlich leicht voraussehen. Aber vielleicht wollte Tuchel keine Experimente eingehen, weil er in seinem ersten Spiel gegen die Bayern damit baden gegangen war. Die Niederlage ist jedoch leicht zu verschmerzen und es würde völlig reichen, wenn man dafür das Halbfinale der CL gegen die Bayern gewinnt, die den Dortmundern dann drohen, falls sie Monaco schlagen, was nicht ausgemacht ist. Für Tabelle ist die Pleite unerheblich, weil man den 4. Platz ziemlich sicher hat, und nach der Niederlage der Hoffenheimer in Hamburg ist der Kontakt auf einen Platz weiter vorn noch da. Leipzig hat zwar mit einem glücklichen Tor in der 93. Minute sich gegen Leverkusen durchsetzen können, aber gegen eine Mannschaft, die sich gerade in der Krise befindet, nur mit Glück zu gewinnen, ist nicht gerade eine tolle Leistung. Mainz befindet sich gerade mit der fünften Niederlage in Folge im freien Fall, weil man auch bei den starken Freiburgern in einem umkämpften und unansehlichen Spiel nicht zu einem Tor kam. Langsam rückt den Mainzern Ingolstadt auf dem Pelz und nach oben leisten ihnen nur noch die Wolfsburger enge Gesellschaft, die auf Schalke hoffnungslos unterlegen waren.

Systematische Fehler

Wie kann es sein, fragten 1983 amerikanische Generäle die Israelis, dass sie ihre Kriege gewännen, die Amerikaner mit ihrer Bilanz hingegen schlecht aussähen, vor allem, weil man ja die gleichen Waffen und die gleiche Ausrüstung benutzen würde. Wenn es also daran nicht liegen würde, woran dann? Schließlich versuchte man der Frage auf den Grund zu gehen, wie die Israelis ihre Soldaten für die jeweiligen militärischen Einheiten auswählten. Bislang hing das von der Intuition der Befrager ab, in welche Abteilung ein Rekrut gesteckt wurde, aber dann fand jemand heraus, dass das genau das Problem war: Menschen, die die Persönlichkeit anderer Menschen beurteilen sollten. Gelang es, das Bauchgefühl des Befragers auszuschalten, wurde die Einschätzung besser. Diese Entdeckung gelang dem Psychologen und späteren Nobelpreisträger Daniel Kahnemann, der damit, wie Michael Lewis in der Biographie »Aus der Welt« über ihn schreibt, »mehr für die israelische Armee getan hat als jeder andere Psychologe vor und nach ihm«.
Aus heutiger Sicht mag das erstaunlich klingen, weil man den Sachverhalt automatisch aus der Retrospektive betrachtet, d.h. man ist aus heutiger Sicht weiter und deshalb auch klüger, aber in den siebziger Jahren fing man eben erst an, sich Gedanken um das Wie beim Zustandekommen von Entscheidungsprozessen zu machen. Aber unabhängig davon ließe sich auch sagen, dass hierarchische Entscheidungsstrukturen beim Militär für einen Soziologen wohl kaum etwas neues waren, genauso wenig wie die Einsicht, dass die Häufigkeit von Fehlentscheidungen umso höher ist, je weniger es eine Instanz gibt, die einen Entscheider korrigiert. Und dieser Gedanke beschleicht einen immer wieder bei der Lektüre des Buches, z.B., wenn es um die Frage der häufigen Fehlentscheidungen in der Medizin geht, die natürlich damit zusammenhingen, dass die damals noch als »Götter in Weiß« geltenden Ärzte ihre Diagnosen immer als unumstößlich ansahen und sie jeden Zweifel an ihrer Autorität als Beleidigung auffassten, während erst in einigen Tests darauf hingewiesen werden musste, dass viele Ärzte häufig eine unterschiedliche Diagnose über ein- und dasselbe Geschwür stellten.
Aber Daniel Kahnemann und sein Kollege Amos Tversky, mit dem er jahrelang eng zusammenarbeitete, begnügten sich eben nicht mit der Frage, warum das so war, sondern boten auch eine Lösung, wie sich die Fehler im System minimieren ließen, auf die Statistiken immer wieder hinwiesen. Und dazu musste man wissen, wie der Mensch Entscheidungen trifft, wie er »tickt«, es ging darum, das Gedächtnis zu verstehen, warum beispielsweise das Denken dazu neigt, einen kleinen Ausschnitt mit dem Ganzen zu verwechseln. Und dass es so ist, wiesen die beiden Psychologen durch Befragung und kleine Versuchsanordnungen nach.
Und das, was sie dabei herausfanden, zog nicht wenige Prämissen vieler Wissenschaftsdisziplinen in Mitleidenschaft. »Es ist erstaunlich«, hatte Amos Tversky einmal gesagt, »wie langweilig Geschichtsbücher sind, wenn man bedenkt, wie viel davon Fiktion ist.« Die Interpretation von Geschichte, so die These, unterliegt »Verzerrungen«. Davon zeugte eine Befragung von Studenten, die den überraschenden Staatsbesuch Nixons in China 1972 anhand verschiedener möglicher Antworten beurteilen sollten. Nach dem Staatsbesuch wurden die Probanden wieder befragt, und »nachdem sie das Ergebnis kannten, hielten sie es sehr viel vorhersehbarer als im Moment ihrer Prognose«, weshalb dieses Phänomen den Namen »Rückschaufehler« erhielt. Dass der Mensch Fehler macht, darüber wird sich niemand streiten, das Faszinierende und vielleicht Bahnbrechende an den Forschungen von Kahnemann und Tversky war die Tatsache, »dass wir vorhersehbare und systematische Fehler machen«. Die Menschen wurden als rational entscheidende Wesen vorausgesetzt, die sie jedoch nicht sind. Die beiden kamen zu einer anderen Beurteilung der menschlichen Natur und waren deshalb in der Lage, auch in anderen Wissenschaftsbereichen als unumstößliche Wahrheiten geltende Prämissen in Frage zu stellen.
Der Bestsellerautor Michael Lewis hat lange Zeit recherchiert und in Archiven geforscht, er hat Gespräche mit Kahnemann (sein Partner Tversky war zu diesem Zeitpunkt bereits an Krebs gestorben) und Interviews mit Kollegen, Freunden und Familienangehörigen geführt, und eine fundierte, eingängig zu lesende und niemand überfordernde Biografie der beiden Psychologen geschrieben. Er hat dabei nicht nur ihre wissenschaftlichen Befunde ausgebreitet, für die Kahnemann dann 2002 den Nobelpreis bekam, sondern auch das Verhältnis der beiden gewürdigt, die vielleicht, gerade weil sie in ihrem Naturell so unterschiedlich waren – der eine Holocaustüberlebender und skeptisch gegenüber sich selbst, der andere in Israel geboren, selbstbewusst und eloquent -–, sich auf kongeniale Weise ergänzten.
Manchmal sieht es allerdings so aus, als ob Lewis seinem Gegenstand zu nah war, als dass er noch den nötigen Abstand hätte herstellen können, der notwendig ist, um sich seinem Untersuchungsgegenstand noch kritisch nähern zu können. Darauf jedenfalls lassen seine häufigen Verweise auf die Genialität der beiden schließen. Dass sie jedoch so erfolgreich waren, hing nicht allein an ihrer Genialität, sondern auch daran, dass ihre Forschung auf einen Nutzen ausgerichtet war, die viele Verbesserungen zur Folge hatte. Sie hatten, wenn man so will, die Pionierarbeit geleistet für das, was heute Algorithmen leisten, die menschliche Denkfehler weitgehend ausschließen.

Michael Lewis, »Aus der Welt. Grenzen der Entscheidung oder: Eine Freundschaft, die unsere Denken verändert hat«, Campus, Frankfurt 2017. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und Sebastian Vogel