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Der Unterwäscheschnüffler ist als Werber bei der AfD gelandet

Thor Kunkel ist, wie der Spiegel 25/17 berichtet, als Werber bei der AfD gelandet. Seine heimliche Leidenschaft zu Nazis hat er schon 2004 in seinem Roman “Endstufe” ausgelebt, der damals einen Eklat im Literaturbetrieb auslöste, weil Kulturkritiker wie Volker Weidermann für den Roman in die Bresche sprangen. Und aus diesem Anlass hier ein Artikel von mir, der damals in der taz erschien:

Längst ist das Nazi-Business lukrativer als das »Shoa-Business«, weshalb seit einiger Zeit gilt: »There’s no business like Nazi-Business«. Das ZDF ist in dieser Hinsicht mit der NS-Verwurstungsmaschinerie namens Guido Knopp marktführend. Geschichte wird hier als Sanso-Schmuse-Kurs offeriert. Das eröffnete zwangsläufig eine Marktlücke, und zwar für diejenigen, die es ein bisschen härter und schmutziger mögen. Für diese Leute ist Thor Kunkel da. Nazis und Pornos, eine Mischung, an die sich Guido Knopps sauberes Familien-TV nicht wagt. Von Rowohlt kurzfristig aus dem Programm genommen, ist Kunkels Werk »Endstufe« nunmehr bei Eichborn erschienen, der es im Börsenblatt des deutschen Buchhandels und in anderen »Fachblättern« wie die Buchkultur mit einem Statement des Autors in eigener Sache bewirbt. Dieses Statement stellt für den Verlag offensichtlich eine Art Quintessenz des Buches da, also etwas, das dem Buchhändler und dem potentiellen Leser in wenigen Sätzen darlegt, was das Buch lesenswert macht. Man darf das Statement also ernst nehmen und nicht etwa als flüchtig in den Tag geplauderte Bagatelle.
»Ich glaube, es ist wichtig, das Dritte Reich unter dem Aspekt der Verführung und Verblendung zu sehen«, wird Kunkel zitiert. »Glauben heißt nicht Wissen«, lautet ein uralter Lehrerspruch, mit dem Schüler traktiert wurden, an dem aber was dran ist. Kunkel weiß also nicht, ob es stimmt, was er sagt, aber er hält seine Unwissenheit für mitteilenswert. Dennoch ist die Sache natürlich ungemein »wichtig«, denn wichtig ist immer gut, auch wenn der Hinweis darauf völlig sinnlos ist, weil vermutlich auch Kunkel niemanden kennt, der sagen würde: Verführung? Interessiert mich nicht die Bohne. Der Aussage Wichtigkeit zuzuschreiben, die schon allein deshalb niemand in Abrede stellt, weil heute fast jeder Schwachsinn für wichtig-wichtig genommen wird, heißt nichts anderes, als die eigene Person mit Bedeutung aufzupumpen.
Derart aufgeblasen, begibt sich Kunkel an den 2. Satz: »Ich habe versucht, das Private zu durchleuchten.« Weder ist irgendein Zusammenhang zum 1. Satz zu erkennen, noch weiß man, wozu das gut sein soll. Was man hingegen ahnt, dass Kunkel gewissen Vorlieben frönt und offensichtlich gerne in der Unterwäsche anderer schnüffelt. Darauf lässt der 3. Satz schließen: »Ich benutze die Pornographie als poetische Metapher, um das Phänomen Drittes Reich vollständig zu erfassen.« Pornographie musste ja schon für alles mögliche herhalten, jetzt also auch noch als »poetische Metapher«. Imitiert der erste Halbsatz die Unsitte der siebziger Jahre, jeden Begriff als Metapher aufzubrezeln, geht man vor dem Folgesatz andächtig in die Knie. Wirklich vollständig? Wie will Kunkel den Nationalsozialismus vollständig erfassen, wenn er nicht mal einen graden Gedanken hinkriegt? Vollständig ist demnach nicht das, was Kunkel erfasst, sondern der Stuss, den er erzählt. Jeder Versuch der Widerlegung muss da scheitern, weil man ihm einen Gedanken unterstellt, der nicht vorhanden ist.
Das dicke Ende aber kommt erst noch: »Die Bilder, die wir bisher kannten, reichen nicht aus, um das Phänomen Drittes Reich mit allen seinen Schrecken nachfühlbar zu machen.« Das steht wirklich so da. Zunächst würde man gerne wissen, aus welcher geheimen Quelle Thor Kunkel weiß, welche Bilder (vermutlich über den NS) »wir« kennen, zumindest bleibt damit im Dunkeln, welche er kennt. Kunkel flüchtet sich ins dubiose Wir, um etwas vollkommen beliebiges mitzuteilen, denn mit der selben Berechtigung ließe sich das gleichermaßen sinnlose Gegenteil behaupten. Wie viele Bilder muss man denn kennen, um sich mit Thor Kunkel schaudern zu dürfen?
Schließlich taucht das Dritte Reich wie unter Beschuss einer Nebelkanone schon wieder als »Phänomen« auf. Als Phänomen aber wird – vielleicht nicht bei Kunkel aber normalerweise – abgehandelt, was aus Gründen des Erkenntnisgewinns durch Abstraktion der sinnlichen Erfahrung entzogen werden soll. Thor Kunkel jedoch ist ganz versessen darauf, das »Phänomen mit allen seinen Schrecken« nachzufühlen. Logisch gesehen ist das Quatsch und inhaltlich wünschte man, der NS möge wieder auferstehen, damit Thor Kunkel in den reinen Genuss dieses Schreckens kommt. Mit einem wie Thor Kunkel hätten die Nazis bestimmt viel Freude gehabt.
Brillanter und fundierter wurde selten in nur vier Sätzen begründet, dass man schon nicht mehr alle Schweine im Rennen haben muss, sollte man vorhaben, den 600-Seiten-Klops tatsächlich lesen zu wollen.

P.S. Und deshalb folgte ich einer Einladung Wiglaf Drostes zur Buchpremiere in Berlin, um zu sehen, wer so was tut. Es war viel schlimmer als ich befürchtet hatte. Drei erloschene Gestalten hockten auf dem Podium und strahlten Ödnis aus. Volker Weidemann von der FAS, der die Einführung machte, fand es gut, dass es das Buch jetzt gibt, und der Eichborn-Verleger Wolfgang Hörner führte auf die Frage, warum er das Buch verlegt habe, einen Eiertanz auf: Es seien mehrere Aspekte gewesen, die er interessant gefunden habe, die Sexualisierung der Gesellschaft und eine Wissenschaft, die sich für jedes Ziel einspannen lasse. »Kalter Kafka«, meinte daraufhin mein Begleiter. Und dann versetzte Hörner dem Buch seines Autors den Todesstoß: Das Buch sei teilweise brillant geschrieben. Aber Kunkel merkte nichts.
Ungefähr zehn Minuten, nachdem die Lesung begonnen hatte, begaben wir uns an den Tresen und tranken – aus Verzweiflung. Thor Kunkel las und las und las, und zum ersten Mal beneidete ich meine Füße – denn die waren vor mir eingeschlafen. Kunkel erreichte diesen Effekt durch die Technik des belanglosen und banalen, um nicht zu sagen Bananen-Dialogs. Zwei Menschen unterhalten sich in reichlich abgedroschenen Phrasen, und es passiert nichts. Es passiert einfach nichts. Balzac hätte gesagt: »Mein Herr, Sie verschwenden für 5 Sous Feuilleton.« Und wenn es endlich einmal zur Sache ging, wie man das bei einem anständigen Naziporno schließlich erwarten darf, dann tischte Kunkel eine ranzige Altherrenprosa auf, die nicht mal mehr durch den perlenden Prosecco wegzuspülen war, den uns die ebenfalls sichtlich genervte Tresenkraft inzwischen ungefragt nachschenkte.
Das Geheimnis dieses Romans besteht also schlicht und einfach darin, dass jemand nicht schreiben kann, dies aber ausführlich tut. Der Skandal liegt nicht im Sujet des Buches. Nazipornos gab es schließlich schon immer in irgendwelchen skurrilen Verlagen. Keiner dieser Verlage hätte Thor Kunkel veröffentlicht, das Zeug wäre einem Fachverlag zu öde gewesen. Insofern ist das Buch ein Schmuckstück für jeden Verlag, für den Literatur sich von Qual ableitet, denn erlitten werden musste die Lektüre. Der Skandal besteht wie schon beim »Tod eines Kritikers« von Walser darin, dass ein schlechtes, knarzendes und ächzendes Stück Prosa zum Gegenstand einer Literaturdebatte wird. Schlechte Romane gab es schon immer und vermutlich war die dazugehörige Literaturkritik auch nicht viel besser, aber mittlerweile schafft sich der Literaturbetrieb seine eigenen Literaturskandale. Zeigt der Daumen des Spiegels wie im Fall Kunkel nach unten, dann kann man sicher sein, dass trotz offensichtlich mangelhafter Qualitäten andere Medien für das Buch in die Bresche springen, weil man inzwischen selbst mit der bescheuertesten Meinung in der Öffentlichkeit reüssieren kann. Immerhin eröffnet dies auch für minder begabte und mittelmäßige Schreiber die Möglichkeit, einmal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu geraten. Allerdings verblasst der Ruhm in der Regel sehr schnell, spätestens dann, wenn das Publikum merkt, was für ein Mist ihm da untergejubelt werden soll. Ein Mechanismus, auf den zumindest manchmal noch Verlass ist. Jedenfalls würde ich mich freuen, wenn sich der Verlag mit dem schnellen Euro verrechnet hat. In vermutlich nur wenigen Monaten wird man dann die »Endstufe« im Ramsch finden, aber auch da wird den Schinken niemand kaufen wollen.

Den Zeitgeist bombardieren mit “Hundert Zeilen Hass”

Maxim Billers Kolumnen »Hundert Zeilen Hass«, die von November 1987 bis Mai 1999 in »Tempo« erschienen und nun gesammelt als »Tempo-Buch« im Hoffmann und Campe Verlag wieder aufgelegt wurden, habe ich damals schon gelesen, und schon damals war ich ziemlich beeindruckt vom Sound, die die Kolumnen durchwehten, von der Treffsicherheit und der Eleganz, mit der jemand auseinander genommen wurde, von der polemischen Wucht, die durchaus Mut erforderte, weil da jemand ohne Rückversicherung zu schreiben schien und sich eine Menge Feinde machte, nicht nur im gerontokratischen Feuilleton, das die Deutungshoheit im Literaturbetrieb innehatte, sondern auch unter Leuten, die man bei flüchtiger Betrachtung für seine Verbündeten halten konnte. Biller hatte die hohe Kunst des Kolumnierens neu erfunden, indem er alle Register zog und auf einer Klaviatur spielte, die sich Oldschool-Kolumnisten von selber verboten, weil sie altbackene Wahrheiten feilboten, die sie schulmeisterlich und ohne Witz ausbreiteten.
Er war ernst und präzise, wenn es sein Gegenstand erforderte, er schüttete Häme und Spott aus, wenn der Gegner es verdiente, er machte sich über sich selbst lustig und relativierte eine steile These und ließ damit dem Leser, der sich gerade über irgendeine offensichtliche Ungerechtigkeit aufregen wollte, gekonnt die Luft raus, er überraschte mit feinen rhetorischen Finten, immer neuen Ideen, was nicht wenig ist bei 140 Kolumnen, und er wusste genau, wann es angebracht war, auf einen groben Klotz einen groben Keil zu setzen.
»Hundert Zeilen Hass« ist eines der lustigsten und kurzweiligsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, und das, obwohl es von einer Zeit handelt, die zwar noch gar nicht so lange zurückliegt, die aber aus heutiger Sicht irreal, absurd und fast schon irgendwie verwunschen und rätselhaft wirkt, wie eine Übergangszeit, die schließlich zu der totalen Verfügbarkeit aller Informationen und damit zu deren Entwertung führte. Oder erinnert sich noch jemand an die Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, vor der die Redakteure antanzen mussten, wenn mal ein Artikel über den von ihr persönlich gepachteten »deutschen Widerstand des 20. Juli« erschien, der diesen nicht in den leuchtendsten Farben erstrahlen ließ, und die tatsächlich an Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker« monierte, er würde »den mehr oder weniger verstummten Antisemitismus wieder neu beleben«, indem er ihn aufzeigte?
Ich weiß nicht, ob dieses damals weit verbreitete Argument Biller entgangen ist, denn ich hätte gerne seinen Kommentar dazu gelesen, aber auch ohne diesen dezidierten Schwachsinn, den die Dönhoff damals von sich gab und den erstaunlicherweise niemand skandalös zu finden schien, bringt seine Beschreibung der »grauen Eminenz« genau auf den Punkt, woran der Journalismus damals krankte: »Ihre Leitartikel sind moralische Tagesbefehle, Belehrungen und Bekehrungen – immer von oben herab, aber nie aus geistiger Höhe … Die große Pfäffin Dönhoff schreibt wie ein Kind: naiv, uninspiriert und schematisch.« Und das traf es wirklich sehr genau, wenn man sich noch ein wenig an die aus Gemeinplätzen bestehenden Artikel erinnert.
Aber wer kennt diese »Lese-Ödnis« noch? Könnte also sein, dass es für in den Achtzigern geborene Leser nur das halbe Vergnügen ist, auf der anderen Seite muss man solche Gespenster heute auch nicht mehr kennen, um trotzdem Vergnügen an den Kolumnen zu empfinden, denn sie haben ihren Gegenstand überlebt, sie glänzen noch in ihrer Geschliffenheit und Frechheit, während die unerbittlich voranschreitende Zeit ihr Kreuz über Frau Dönhoff gemacht und sie dem Vergessen überantwortet hat.
Oder über den ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, den sogar Eingeweihte für ein »aufgeblasenes Nichts« hielten, »für einen Kriecher, einem Nach-unten-Treter, einen Repräsentationsgeilen«: »Es ist nicht egal, dass Kurt Waldheim hässlich ist wie die Nacht. Dass seine abstehenden Ohren und seine lange Nase in bester Nosferatu-Manier sein Äußeres dominieren. Dass seine Augen feige-kalt leuchten und ihn überhaupt eine recht gespenstische Hofburg-Aura umgibt. Das ist, im Gegenteil, gut! … Schade nur, dass Deutschland nicht auch so einen Waldheim-Zombie hat, irgendeinen unsympathischen Kerl, einen echten Nazi-Jenseitigen, der die Leute permanent an ›damals‹ erinnern würde.«
Wenn man schon denkt, dass es vielleicht nicht so klug ist, sich über das Aussehen eines Mannes lustig zu machen, der doch als Nazi so viel auf dem Kerbholz hatte, dass die Äußerlichkeit wie eine Nebensache erscheint, kommt plötzlich die überraschende Volte in der Argumentation. Und so könnte man noch hunderte Stellen zitieren als Belege für Billers Humor, seine Schärfe, seine Präzision, sein Aufbrausen, Stellen, die ich alle angestrichen habe und die die Besprechung locker auf das Zehnfache des geplanten Umfangs bringen würde, wollte ich sie alle aufzählen.
Aber zumindest ein paar Leute sollen noch erwähnt werden, wie z.B. Heiner Müller und seine »quasselig-sophistische DDR-Borniertheit« oder der »bayerische Parvenü mit Hundesalonbesitzer-Charme« Franz Beckenbauer, der »sehr pomadige Schauspieler« Ulrich Tukur mit dem »Talent eines Max Headroom«, wobei das allerdings jetzt ein wenig in die Irre führt, denn Biller wollte kein Gruselkabinett von Vollidioten anlegen, vielmehr sind die Invektiven immer ein Beleg für einen Zustand in der Gesellschaft und der Psyche der Deutschen, für den aufkommenden Rassismus in der Zone nach der Wiedervereinigung, für das Versagen der Linken vor dem »fahnenschwenkenden Siegestaumel« und dem »teutonischen Nationalismus« und natürlich immer wieder für den Antisemitismus, der nach dem neuen Bericht der Bundesregierung aktuell bei 24 Prozent liegt.
Man kann also die Kolumnen auch lesen wie ein Buch über die neuere Geschichte Deutschlands, in dem einem heute einiges immer noch sehr bekannt vorkommt, wie z.B. die Rede vom »Ausländerproblem« und der »Überfremdung unserer Gesellschaft«, und es überrascht manchmal, dass schon damals die Diskussion über diese Themen erbärmlich war. Da macht es einem dann auch gar nichts aus, dass man nicht unbedingt immer einer Meinung mit Biller ist und das auch nicht sein muss, wie z.B. in der Beurteilung der berühmten Aussage Heiner Geißlers, der »die Pazifisten der 20er und 30er Jahre für Auschwitz mitverantwortlich« gemacht hatte. Biller kritisierte sie und beteiligte sich an der allgemeinen Erregung, die Geißler damit in der Öffentlichkeit hervorrief, muss dabei jedoch ignorieren, dass nicht nur die Appeasementpolitik dazu beigetragen hat, Hitler freie Hand zu lassen, sondern auch die »deutsche Friedensbewegung« für Hitler gestimmt hat, d.h. er nimmt die Friedensbewegung genau in dem Augenblick in Schutz, als diese gerade die Nation für sich wieder entdeckt hat. Aber diese Schlachten sind geschlagen, sie heute wieder aufzuwärmen wäre lächerlich.
Maxim Biller war damals ein Einzelkämpfer, ein Guerillero, der darauf achtete, dass er kein Bündnis mit potentiellen Verbündeten und Verwandten im Geiste einging, denn er wollte sein Alleinstellungsmerkmal nicht verlieren. Vieles aber, was man in seinen Kolumnen lesen kann, erinnert einen an Autoren wie Wolfgang Pohrt, Eike Geisel, Christian Schultz-Gerstein oder Wiglaf Droste.
Das sind keine schlechten Referenzen. Seine Verdienste um die Aufklärung dessen, was die Deutschen Ende der Achtziger und in den Neunzigern quälte werden dadurch nicht geringer. Dieses Buch sollte man in der Henri-von-Nannen-Schule zur Pflichtlektüre machen. Vielleicht würde man dann wieder etwas lieber zu einer der Zeitungen greifen, die die so vollkommen mainstreamgebürsteten Absolventen solcher Ausbildungsstätten durch ihre forsche und selbstbewusste Ahnungslosigkeit immer unlesbarer machen.

Maxim Biller, »Hundert Zeilen Hass«, Tempo Bücher im Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2017, 400 Seiten

Die Wahrheit über das Pokalendspiel BVB-Eintracht

Toll war es nicht, da waren sich alle einig. Vor allem der BVB blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Noch vor einer Woche lieferte man sich ein rasantes und grandioses letztes Bundesligaspiel gegen Bremen, in dem es um den 3. Platz ging und jetzt ging es um nicht weniger als darum, nach vier verlorenen Endspielen hintereinander endlich mal wieder zu gewinnen, und das schien gegen die Eintracht durchaus im Bereich des Möglichen. Und Dortmund begann auch furios und kam früh durch einen schönen Spielzug und eine Einzelaktion im Weltklasseformat von Dembélé zum 1:0. Aber dann ließ man wie schon häufig in den Ligaspielen zu beobachten nach und baute den Gegner auf, plötzlich wackelte die Abwehr, fand niemand mehr einen Abnehmer für die Bälle und schlug sie stattdessen weit nach vorne ins Niemandsland. Eintracht nahm die Einladung gerne an und erzielte nach einem Fehler von Sokratis den Ausgleich, und nach einer weiteren schönen Kombination traf Seferovic nur den Pfosten. Und Reus hatte schon in der 1. Halbzeit »ein bisschen Kreuzband«, wie er später sagte, so dass er zur Pause ausgewechselt werden musste. Mit Pulisic und Castro kam endlich mehr Schwung ins Spiel, was man mit Ginter statt des verletzten Weigl und des wieder einmal nicht berücksichtigten Sahin auch nicht erwarten konnte, weil Ginter vielleicht ein Abräumer ist aber eben kein kreativer Spieler. Jetzt geriet die Eintracht wieder in die Defensive. Aubameyang, von dem vorher kaum etwas zu sehen war, hätte mit einem technisch anspruchsvollen Seitenfallzieher fast die Führung erzielt, aber der Ball wurde noch von der Torlinie gekratzt. Kurze Zeit später, nach einem Foul an Pulisic, chippte er den Ball vom Elfmeterpunkt lässig in die Mitte als der Keeper schon ins linke Toreck abgetaucht war. Das waren dann aber auch schon die Highlights des Spiels, von dem auch Reus sagte, dass es nicht gut gewesen sei. Hauptsache gewonnen hört sich bei einem Pokalfinale allerdings nicht so gut an, denn einen Titel will man ja schließlich glanzvoll gewinnen und nicht mit Ach und Krach, und deshalb wird dieser Titelgewinn im vereinsinternen Mythenranking nicht sonderlich hoch im Kurs stehen, höchstens bemerkenswert dadurch, dass es sich um den ersten Titel handelt, den Reus nun auf seine Fahnen schreiben kann, aber selbst Reus hat diesen Medienhype relativiert und gesagt, dass der Titelgewinn zwar schön sei, aber immer noch wichtiger sei, wie man sich als Mannschaft verstünde. Der DFB zeigte mal wieder seinen unterirdischen, aber bestimmt extraordinär teuren Geschmack, indem man die Schnulzensängerin Helene Fischer engagierte, die von den Fans ausgepfiffen wurde. Vor allem von den Eintracht-Fans, weil die Herz-und-Schmerz-Schreckschraube, wie ich zu meinem Entsetzen erfahren musste, sich schon mal in ein BVB-Trikot gezwängt hatte. Die ARD blendete das Stadionmikrophon einfach aus und ergoss den schlimmen Gesang ungefragt über alle Zuschauer, die keine Chance hatten zu flüchten. Und dann der ganze Proll-Goldlametta-Geschmack und die als Statuen in goldenen Abendkleidern missbrauchten Damen, die als Zierat herhalten mussten, all das zeugte davon, wie wenig der DFB von den Fußballfans hält, indem sie ihnen all das zumutet. Interessanter war an diesem Abend das FA-Cup-Finale zwischen Arsenal und Chelsea, das Arsenal souverän mit 2:1 gewann. Und dass sich Bartra ein Stück von einem Tornetz als Trophäe abschnippelte. Und dass Tuchel gerne Trainer bleiben würde, aber damit ziemlich allein steht. Und dass Schmelzer eine Frage zum Trainer einfach unbeantwortet ließ und stattdessen nur die Leistung und den Zusammenhalt der Spieler analysierte. Und dass Aubameyang gehen will. Weshalb dieser Abend einen nach dem verkorksten Spiel dann doch wehmütig stimmte, denn ohne Aubameyang würde sich der Verein schon wieder neu ausrichten müssen.

Die Wahrheit über den 34. Spieltag

Nach der letzten verkrampften und unansehnlichen Partie in Augsburg war dieses Sensationsspiel nicht unbedingt zu erwarten. Im Unterschied zu fast allen anderen Partien ging es allerdings noch um den 3. Platz, also um die direkte Qualifikation zur Champions-League. Aber auch für Bremen ging es um etwas, denn die hätten mit einem Sieg noch die Euroleague erreichen können. Und Bremen war unglaublich stark, spielfreudig und kombinationssicher. Vor allem Kruse und Bartels, die mit je einem Treffer die Bremer nach der Pause zur 3:2-Führung schossen und damit ihren Traum wahrgemacht hätten, ließen die BVB-Abwehr häufig nicht gut aussehen. Aber dann drückten die Dortmunder wieder aufs Pedal und erhöhten den Druck so sehr, dass den Bremern ein Foul im Strafraum unterlief. Reus verwandelte den Elfer zum Ausgleich, und in der 88. Minute schließlich spitzte sich das Drama zu, denn da flog Pulisic in den Strafraum. Das war zwar kein Elfer, was sich aber erst nach mehreren Zeitlupenaufnahmen erkennen ließ. Da die Dortmunder aber schon in der ersten Halbzeit einen Elfer nicht bekommen hatten, handelte es sich um ausgleichende Gerechtigkeit. Reus überließ Aubameyang die Kugel, der einige der letzten Elfer nicht mehr verwandelt hatte, aber unbedingt mit 31 Treffern die Torschützenkanone haben wollte, was möglich war, weil Lewandowski in München trotz des 4:1 gegen Freiburg kein Tor mehr gelang. Es war ein unglaublich rasantes Spiel, in dem es hin und her wogte und Tore fielen, die einem im Traum noch verfolgen, so schön waren sie, wie Dembélés gelupfter Ball in den Strafraum, den Aubameyang direkt annahm und verwandelte, ein Tor des Jahres. Danach fielen sich alle glücklich in die Arme. Bartra hielt seinen bandagierten Arm, der beim Anschlag verletzt worden war, vor der gelben Wand in die Luft wie als Zeichen, dass man sich nicht unterkriegen lassen würde. Sogar Tuchel und Watzke umarmten sich kurz. Aber wahrscheinlich waren sie sich nur zufällig über den Weg gelaufen, denn immer noch stehen die Zeichen auf Trennung. Das wurde inzwischen auch von der FAZ bestätigt, die vergeblich ein Interview mit Watzke zu bekommen versucht hatte und dann mit dem Berater von Tuchel vorlieb nehmen musste, der bestätigte, dass es keine direkten Gespräche zwischen Tuchel und Watzke gegeben hatte und alles über den Berater lief. Aber die Vertragsverlängerung mit Tuchel stand diesmal nicht im Vordergrund, vielmehr das Gerücht um Aubameyang, für den China 80 Millionen zu zahlen bereit sein soll. Und es sah im Interview nach dem Spiel ganz danach aus, als ob Aubameyang nicht abgeneigt ist, ein solches Angebot anzunehmen, wenn es das tatsächlich geben sollte. Schade, wieder wird eine Mannschaft geschwächt kurz bevor sie zu den Sternen greifen könnte. Aber so ist das in der Hackordnung der Vereine. Und jetzt mischt auch noch China mit, weil man dort jetzt auch Fußballmacht werden will. Und vermutlich wird auch das wie alles andere eben auch bei den Chinesen eine noch größere Sache. Im direkten Duell um den Platz für den Nachsitzer der Saison verlor mit Wolfsburg die bessere Mannschaft. Die Hamburger wussten, dass ein erneutes Relegationsspiel bei dem Zustand der Mannschaft riskant wäre. Deshalb feierten sie den Sieg und den Erhalt der Klasse wie eine Meisterschaft. »Ich bin einfach dankbar und froh, dass wir heute den Sack zumachen konnten«, stammelte Gisdol in die Kamera. »Wir wollten die Geschichtsbücher neu schreiben«, hieß es, und daran sieht man, dass in Hamburg Anspruch und Wirklichkeit schon immer weit auseinanderklaffen.

Die Wahrheit über den 33. Spieltag

Vor einer Woche erschien ein Hintergrundbericht über die Querelen beim BVB von Freddie Röckenhaus in der SZ, der für Furore sorgte. Röckenhaus ist nicht irgendjemand. Er hat die Machenschaften des damaligen BVB-Bosses Niebaum aufgedeckt und ihn zu Fall gebracht. Er ist ein ausgezeichneter Kenner des Vereins, und er ist dem BVB sehr zugeneigt. Er ist also nicht darauf aus, dem Verein zu schaden. Wenn er also schreibt, dass das Zerwürfnis so weit geht, dass auch Spieler sich über Tuchel beklagen, dann ist das nicht erfunden, wie das vielleicht Bild machen würde, um den Konflikt anzuheizen. Natürlich kann der Spieler nicht seinen Namen nennen, denn dann wäre er weg vom Fenster. Aber das lieferte Tuchel den Vorwand, den Konflikt am Schwelen zu halten. Es seien viele Unwahrheiten über ihn verbreitet worden, die die persönliche Grenze überschritten hätten. Wenn er sich dabei auf den Bericht in der SZ bezieht, dann allerdings lässt sich ihm schwerlich zustimmen und es macht nur eines deutlich, nämlich dass das Verhältnis von Vereinsführung und dem Trainer völlig zerrüttet ist. Davon zeugt auch das Auftreten von Nuri Sahin im zdf-Sportstudio, der auf diesen Konflikt angesprochen natürlich nicht offen Partei ergreifen konnte, aber es wurde durch das, was er nicht sagte, auch so ziemlich deutlich. Er sprach nur von dem rein professionellen Verhältnis, das die Spieler zum Trainer hätten, und gab nicht den Hauch eines Bekenntnisses zu Tuchel ab. Warum auch, denn es ist kein Geheimnis, dass Tuchel ihn kaum berücksichtigte, der wiederum es wahrscheinlich als Affront begriffen haben dürfte, dass der Verein den Vertrag mit Sahin gerade um zwei Jahre verlängert hatte. Und obwohl der Berater Tuchels darauf drängte, dass beide Seiten sich langsam mit Äußerungen zurückhalten sollten, hört Tuchel nicht auf, sich über irgendwelche nicht näher benannten Anschuldigungen und über ihn verbreiteten Unwahrheiten zu beschweren, ohne jedoch Anstalten zu machen, sich mal mit der Vereinsführung zu treffen, um den Dissens und die Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Dass dieser Konflikt die Mannschaft unberührt lässt, ist schwerlich zu glauben. Das Spiel in Augsburg jedenfalls war alles andere als ansehnlich, obwohl Tuchel die nominell stärkste Mannschaft aufgestellt hatte. Dann verletzte sich auch noch Weigl schwer und fällt für die restlichen zwei Spiele aus. Und Tuchel lässt am Ende nicht etwa auf Sieg spielen, sondern auf Ergebnishalten eines traurigen Remi. Jetzt ist Hoffenheim im Kampf um Platz 3 wieder dran und nur 4 Tore schlechter. Irgendwie kann man den Eindruck bekommen, dass Tuchel genau weiß, dass seine Zeit beim BVB abgelaufen ist und nun aus Rache versucht, das letzte Spiel zu vergeigen, was gegen Bremen z.Z. auch gar nicht so schwer sein dürfte. Und das Pokalfinale gegen die Eintracht? Da weiß man schließlich, dass der Pokal seine eigenen Gesetze hat. Wahrscheinlich deshalb redet Tuchel die ganze Zeit davon, dass er sich auf die letzten Spiele fokussieren will, wobei ihm aber immer noch Zeit genug bleibt, Öl ins Feuer zu gießen. Z.Z. macht es jedenfalls keinen Spaß, dem BVB zuzusehen. Fast alle anderen Spiele sind da interessanter, wie das Mainzer Spiel gegen die Eintracht, das sie nach 0:2 noch 4:2 gewannen, womit sie einen großen aus dem Abstiegssumpf heraus gemacht haben. Oder das 1:1 zwischen Schalke und dem HSV, als Schalke in der Nachspielzeit der Siegtreffer aberkannt wurde, weil der Ball bei einer Ecke angeblich die Torauslinie überschritten hatte, wofür es aber keinen Beweis gab, was wieder mal ein Beleg für den unglaublichen Dusel der Hamburger in ihrem schon jahrelang andauernden zähen Abstiegskampf ist. Ingolstadt hingegen ist durch dieses eine nicht anerkannte Tor nun endgültig abgestiegen. Jetzt gibt es am letzten Spieltag ein echtes Finale um den Abstieg in Hamburg gegen Wolfsburg. Der HSV muss siegen, aber es sieht nicht so aus, als ob er das könnte. Immerhin ein Spiel, das man sich gelassen angucken kann, denn egal, wie das Spiel ausgeht, es hat auf jeden Fall den richtigen getroffen.

Die Wahrheit über den 32. Spieltag

Es sieht nicht gut aus beim BVB. Watzke ist erstaunt und irritiert über die Kritik von Tuchel an der schnellen CL-Spielansetzung nach dem Anschlag auf den Bus, und äußert das auch noch. Tuchel verbietet sich jeden Kommentar dazu, weil er sich auf die Saisonziele (Platz 3 in der Bundesliga und Pokalendspiel) fokussieren will. Warum das alles nicht intern geklärt wird, sondern von der Presse breittreten lässt, weiß man nicht, aber es lässt auf einen ausgewachsenen Streit zwischen Vorstand und Trainer schließen. Jetzt äußerte Watzke auch noch, dass mindestens Platz 3, eigentlich Platz 2, der kaum mehr zu erreichen sein dürfte nach dem Sieg der Leipziger bei einer indisponierten Hertha, wie ein Zeugnis sei, das bei den Vertragsverhandlungen mit Tuchel am Saisonende eine Rolle spielen würde. Das aber ist keine gute Voraussetzung für Gespräche, ganz zu schweigen davon, dass es erstaunlich ist, wie hoch die Ziele bei der Borussia gesteckt waren nach dem Totalumbruch der Mannschaft. Das Betriebsklima war also ziemlich schlecht vor dem vorentscheidenden Spiel gegen Hoffenheim um Platz 3. Und genauso schlecht war auch das Spiel selbst. Nominell stand die stärkste Formation auf dem Platz, aber das Zusammenspiel war von unerklärlichen Fehlpässen und Missverständnissen geprägt. Es war phasenweise grausam anzusehen. Hauptsache gewonnen, kann man nach einem solchen Spiel nur sagen, denn verdient war der Sieg nicht, obwohl die Hoffenheimer auch nicht gerade glänzte und mit Schwalben und üblen Fouls versuchten, die Dortmunder aus dem Takt zu bringen, was ihnen auch gelang. Das ging dann ungefähr so: Ein Hoffenheimer attackiert Reus mit allen Mitteln, der sich beschwert, worauf der Hoffenheimer sich zu Boden fallen lässt, als hätte ihn der Blitz getroffen, worauf Reus die gelbe Karte erhält. Ein tolles Spiel kommt mit dieser Spielweise nicht zustande, und ich frage mich, warum Nagelsmann als Trainer so hoch im Kurs steht, wenn er seine Mannschaft mit dieser Einstellung auf den Platz schickt? Dafür übersah der Schiedsrichter dann die klare Abseitsposition von Reus, bevor er das 1:0 erzielte. Und er übersah auch noch einiges andere, aber da das Endergebnis stimmte, sollte man da nicht allzu sehr darauf herumreiten, denn schließlich kann sich Hoffenheim noch heute dafür bedanken, dass Dortmund ihnen vor zwei Jahren die Punkte geschenkt hat, die sie vor dem sicheren Abstieg retteten. Aber da Hoffenheim keine Fans hat, gibt es auch kein kollektives Gedächtnis, und deshalb auch keine Dankbarkeit oder Zuneigung, sondern nur Hauen, Kratzen und Stechen, weshalb es kein Wunder ist, dass solche Vereine in Dortmund auf wenig Liebe stoßen. Im Kampf um den Relegationsplatz haben Mainz und Wolfsburg gepunktet, jetzt stehen Mainz und Hamburg unter Zugzwang, die am Sonntag aufeinandertreffen (Ergebnis bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt). Bremen hat in einem furiosen Spiel in Köln verloren und musste die Rheinländer an sich vorbeiziehen lassen, weshalb es im Kampf um die Euroleague-Plätze noch einmal richtig spannend wird, denn sogar Schalke und Frankfurt im Mittelfeld können da noch mitmischen.

Die Wahrheit über den 31. Spieltag

Nach dem sensationellen 3:2 Pokalhalbfinalsieg der Dortmunder in München, der natürlich nicht ohne intensiven Aufwand gelungen war, war die Chance, zu Hause gegen Köln zu gewinnen, mit Sicherheit nicht so groß wie es die Wettquoten vermuten ließen, denn die Kölner spielten so, wie es zu erwarten war, mit zwei Viererketten vor der Abwehr. Die Dortmunder hätten schon fast so viel Glück gebraucht wie in München, um diese taktisch defensive und sehr stabile Grundausrichtung zu erschüttern. Trotzdem ist es immer wieder gelungen, aber entweder die Dortmunder verstolperten beim letzten Zuspiel den Ball wie nach der gefühlvollen Vorlage Dembélés über die Kölner Abwehr auf Castro, der mit der Brust auf Aubameyang weiterleiten wollte, was aber misslang, oder der Kölner Schlussmann Horn hielt sensationell stark wie den Kopfball von Guerreiro in der Nachspielzeit. Die Kölner hatten also das Glück auf ihrer Seite, das Dortmund gegen Bayern hatte, als Lewandowski zweimal und Robben einmal allein vor dem Tor scheiterten, weil Benders seither gefeierte Fußspitze den Ball an den Pfosten lenkte, der von dort an die Latte sprang, um erst dann zur sicheren Beute der Dortmunder zu werden. Und wenn die Kölner kein Glück hatten, dann stand ihnen der Schiedsrichter zur Seite, der gleich zwei Tore annullierte, weil Kagawas Fußspitze im Abseits gewesen sein soll, während im Falle von Reus‘ Tor überhaupt nicht ersichtlich war, wer da abseits gewesen sein sollte. Aber sonst hielt das Bollwerk der Kölner gegen die immer neuen schwarzgelben Angriffe, die zum Ende der ersten und zweiten Halbzeit jedoch langsam abebbten. Der schönste Moment passierte nach dem Spiel, als der Ex-Dortmunder Subotic von den Dortmunder Fans ebenso gefeiert wurde wie von den Kölner Fans. Als echter Stabilitätsfaktor in der Kölner Abwehr wäre er auch ein Gewinn für die Dortmunder gewesen, aber Tuchel mochte nicht mehr auf ihn setzen. Stattdessen lässt er die Dortmunder regelmäßig faktisch mit zehn Mann antreten, indem er immer wieder Durm bringt, der nur nominell als elfter Mann auf dem Rasen steht, aber nichts wirklich zum Spiel beizutragen hat. Und dafür, das muss man anerkennen, haben sich die Dortmunder ganz gut geschlagen. Allerdings reichte der eine Punkt nicht, um den dritten Platz zu halten, den Hoffenheim nach einem unglaublich zähen Spiel in der 90. Minute gegen die Eintracht wieder zurückeroberte, ein Vorgeschmack auf das Pokalendspiel, in dem die Eintracht alles auf rustikale Spielzerstörung setzen wird. Darmstadt zögert mit Siegen in Serie seinen Abstieg immer wieder hinaus, diesmal mit einem grandiosen 3:0 gegen die Freiburger, die sich zuletzt immerhin Hoffnungen auf einen internationalen Platz machten. Die zuletzt arg gebeutelten Augsburger fegten Hamburg mit 4:0 vom Platz und hüpfte auf Platz 13. Und nach der 4:1-Niederlage der Leverkusener zu Hause gegen Schalke, mischt nun auch Rudi Völler wieder im Abstiegskampf mit, in dem Hamburg und Wolfsburg allerdings in der Pole-Position sind. Bremen deklassiert Hertha mit 2:0 und ist den Berlinern, die auf Platz 5 stehen, jetzt bis auf einen Punkt auf den Fersen, und gelten bei ihrem Lauf nunmehr als vielversprechendster Kandidat auf einen der Euroleague-Plätze. Und sonst? Ach ja: Nach dem trostlosen torlosen Remis der Leipziger gegen Ingolstadt steht Bayern nach einem 6:0 beim Schießbudenverein Wolfsburg drei Spieltage vor Schluss zum 5. Mal hintereinander als deutscher Meister fest. Und niemand freut sich. Allen steckt noch das Aus im Pokal und in der CL in den Knochen.

Die Wahrheit über den 30. Spieltag

Die Hoffenheimer hatten am Freitag abend in Köln mit einem 1:1 die Steilvorlage für den BVB gegeben, um sich wieder auf den 3. Platz vorzurobben. Bei mir löste das allerdings ungute Gefühle aus, denn immer wenn sich so eine Möglichkeit eröffnet, scheint den Dortmundern die Versagensangst im Nacken zu sitzen. Aber auch jenseits solcher Zweifel abergläubischen Ursprungs gab es gute Gründe, nicht im vornherein von einem souveränen Sieg des BVB auszugehen. Zum Beispiel die Aufstellung, in der Durm, der gegen Monaco schon nach einer halben Stunde ausgewechselt werden musste, wieder auf der linken Außenbahn stand, als wäre nichts geschehen. Diese Nibelungentreue zu einem Spieler, der kaum etwas zum Spiel beiträgt, dem kaum etwas gelingt außer Sicherheitspässe zurück, der keinen Zweikampf gewinnt und bei dem man schon froh sein kann, wenn er einen Einwurf herausholt, ist äußerst merkwürdig und kaum dadurch zu erklären, dass Durm seine Position hält. Und da Ginter anstelle von Pisczcek die rechten Seite verteidigte, kann man sich vorstellen, dass sich über diese Bahn so gut wie gar nichts tat. Dafür ließ Tuchel u.a. Kagawa, Aubameyang und Weigl auf der Bank, um sie für das Pokalhalbfinale in München zu schonen, was man für eine übertriebene Maßnahme halten kann, denn dort haben die Dortmunder nun mal nur eine äußert geringe Chance weiterzukommen, und es müsste schon wie vor zwei Jahren noch unter Klopp zugehen, als die Bayern im Elfmeterschießen slapstickhaft alle Schüsse auf grandiose Weise versemmelten, und wo allein die Tatsache, dass die Dortmunder es bis in die Verlängerung geschafft hatten, sich wie ein Wunder ausnahm, und die wiederholen sich bekanntlich nicht. Dennoch starteten die Dortmunder furios, pressten, spielten schnell und beweglich. Aber nur ein Treffer sprang dabei heraus, weil der nächste Saison bei Dortmunder spielende Dahoud Pulisic auf der Strafraumlinie umsäbelte. Reus verwandelte sehr cool und lässig. Aber dann schienen sich alle Befürchtungen zu bestätigen. Nicht nur, dass die Dortmunder ihre Chancen liegen ließen, jetzt wurde auch noch Sahin im Gladbacher Strafraum niedergetreten, ohne dass Schiedsrichter Stark dem eine Bedeutung beigemessen hätte. Er ließ einfach weiterspielen, und erst als Bürki den Ball ins Aus bugsierte, konnte Sahin mit einem Bänderriss am Knöchel vom Platz getragen werden. Allein die Tatsache, dass Strobl auch den Ball getroffen hat, schien es zu rechtfertigen, dass er Sahin eine schwere Verletzung zufügen konnte, ohne dafür belangt zu werden, weshalb Fußball immer mehr zu einer Sportart wird, in der schwere Verletzungen billigend in Kauf genommen werden. Für Sahin kam der völlig unerfahrene Merino, dem prompt ein schwerer Abspielfehler unterlief, der die bis dahin völlig chancenlosen Gladbacher zum Ausgleich verhalf. Als dann noch Schmelzer ein Eigentor unterlief, schienen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Aber dann rafften sich die Dortmunder noch einmal auf. Aubameyang gelang 101 Sekunden nach seiner Einwechslung ein Weltklassetreffer und Guerreiro köpfte kurz vor Schluss ins lange Eck. Den lange abstiegsgefährdeten Bremern haben eine beachtliche Siegesserie hingelegt und spielten sich mit vier Toren durch Kruse auf Platz 6, während Mainz mit einem nicht unverdienten 2:2 bei den Bayern im Abstiegskampf gleich zwei Plätze gut machte, wo sich die Mainzer mit Ingolstadt, Augsburg, Wolfsburg und Hamburg, die zu Hause gegen Darmstadt verloren, jedenfalls ein spannenderes Duell liefern als es an der Tabellenspitze der Fall ist.

Die Wahrheit über das CL-Viertelfinale

Nach dem jeweils verdienten Ausscheiden von Bayern und dem BVB aus der Champions-League steht seit 2009 zum ersten Mal kein deutscher Verein im Halbfinale. Rummenigge erwies sich dabei als schlechter Verlierer und gab dem Schiedsrichter die Schuld an der Niederlage gegen Real Madrid, weil er zwei Abseitstore durch Ronaldo gegeben hatte und den chilenischen Irokesen vom Platz gestellt hatte in einer Situation, in der er ausnahmsweise mal nicht Foul gespielt hatte. Genaugenommen hätte Vidal schon viel früher vom Platz gestellt werden müssen, und wenn Real nur die Hälfte der zahlreichen Chancen verwandelt hätte, wäre die Niederlage viel höher ausgefallen. Aber bei den Bayern kann nicht sein, was nicht sein darf, also war der Schiedsrichter schuld, auch wenn beide Niederlagen mehr als hoch verdient waren, denn obwohl der Mann in schwarz einige Fehlentscheidungen traf, so traf er sie nicht nur gegen Bayern, denn auch der Anschlusstreffer der Bayern zum 2:1 war irregulär. Es ist einfach so, dass die Bayern auf eine Mannschaft getroffen sind, die ihnen letztlich sehr ähnlich ist und gegen die der in der Bundesliga immer wieder verfangende Ballbesitzfußball gegen sie selbst gewendet wurde, d.h. sie wurden mit den gleichen Waffen geschlagen, mit denen sie die Bundesliga dominieren. Real war einfach besser, und wahrscheinlich war es diese offensichtliche Tatsache, die Rummenigge von Betrug und Schiebung schwafeln ließ, dabei haben die Bayern schon häufig genug genau davon profitiert und sogar durch krasse Fehlentscheidungen einmal die Champions-League gewonnen. Gegen den BVB. Aber der war diesmal genauso chancenlos gegen Monaco, die als Außenseiter gerade die französische Liga aufmischen und inzwischen kaum mehr als Außenseiter gehandelt werden können. Trotzdem war das Ausscheiden der Dortmunder unglücklich, nicht nur wegen der 3:2-Heimniederlage einen Tag nach dem Anschlag, als man sehen konnte, dass die Dortmunder vor allen in der ersten Halbzeit einfach nicht auf dem Platz waren und krasse Fehler zu einem schnellen 2:0 führten, Fehler, die wahrscheinlich noch aus der Verunsicherung herrührten, die die Explosion hinterlassen hatte. Auch in Monaco saßen die Spieler aus Sicherheitsgründen plötzlich eine halbe Stunde im Bus fest und vermutlich wurden die Traumata wieder reaktiviert, die den Spielern sowieso in den Knochen steckten. Jedenfalls begann die erste Halbzeit ähnlich desaströs wie beim Hinspiel. Die Spieler standen zu weit von den Gegenspielern entfernt, Bürki patzte schon in der 3. Minute, und auch Pisczcek spielte als letzter Mann einem Monegassen den Ball in die Füße. Wären den Dortmundern all die Fehler, die zu Toren führten, nicht unterlaufen, wären sie sogar weiter gekommen, und dennoch waren die Monegassen überlegen und machten im Unterschied zum BVB eben auch keine Fehler. Unter normalen Umständen und mit einer normalen Form, wäre der BVB vielleicht ein ebenbürtiger Gegner gewesen, so aber trug sogar Tuchel seinen Teil zur Niederlage bei, auch wenn er es nicht zugab. Aber dass er schon in der 27. Minute den völlig überforderten Durm, der in einer halben Stunde gerade mal einen Zweikampf gewonnen hatte, durch Dembélé ersetzte, war wie ein Eingeständnis, sich völlig verschätzt zu haben. Aber auch sonst spielten viele Dortmunder einfach das, was sie eigentlich können, wie z.B. Guerreiro, der sonst eine Bank ist, diesmal aber blass blieb, und auch Aubameyang machte keinen Stich gegen die kompakte Defensive der Monegassen. Und schließlich kam auch noch Pech dazu, als Sahin einen Freistoß an den Pfosten setzte. Andererseits gingen auch die Monegassen sehr großzügig mit ihren Chancen um, und deshalb muss man sagen, dass sie nicht nur die glücklicheren, sondern auch die verdienten Sieger waren. Barcelona ist ein weiteres Wunder nicht gelungen, nicht gegen Juve, die die beste Defensive in der CL haben. Auch Atletico ist weiter. Schon wieder ein Endspiel zwischen den Madrider Mannschaften wäre allerdings so langsam etwas öde.

Die Wahrheit über den 29. Spieltag

Fünf Tage nach den Bomben auf den BVB-Bus wissen die Ermittler immer noch nicht, wer hinter dem Anschlag steckt. Inzwischen ist laut Bild auch noch die Wettmafia hinzugekommen, aber aus welchen Gründen? Weil der BVB zu unberechenbar ist? Anders als Bayern? Aber dann müssten die nach dem Unentschieden gegen Bayer auch Ärger kriegen, weil das 0:0 die Wettquoten verdorben hat. Jedenfalls sind den Verschwörungstheorien Türen und Tore geöffnet. Am wahrscheinlichsten sind es die Rechten oder die Islamisten oder sonst irgendein Verrückter gewesen, zwischen denen aber sowieso kaum ein Unterschied besteht, betätigen sich die Islamisten doch als Steigbügelhalter für die AfD, die diese wiederum mütterlich in die Arme nimmt, weil sie weiß, dass sie ohne Islamisten keine Chance hätte. In jedem Fall war der missglückte Anschlag einer mit größtmöglicher Wirkung in der Öffentlichkeit, in der die Moderatoren sehr feinfühlig und mit viel Menschlichkeit endlos plapperten. Die Uefa mit ihrem gnadenlosen Spielplan wurde angeklagt, weil das Rückspiel gegen Monaco einen Tag später angesetzt wurde und damit keine Zeit zur Trauerarbeit bliebe, als ob tatsächlich Leute gestorben wären. Watzke sagte, man hätte sich tatsächlich kurz überlegt, das Spiel ganz abzusagen, aber eben nur kurz, eine reale Option war es nicht. Das Spiel wäre als verloren gewertet worden, und verloren hat das Spiel der BVB dann sowieso, weil Tuchel zunächst eine falsche Taktik gewählt hatte mit Ginter auf der rechten Außenbahn, weshalb die erste Halbzeit auch entsprechend unterirdisch war. Erst in der zweiten Hälfte kam mit Sahin und Pulisic Schwung in die Partie. Vermutlich wäre das Spiel auch ohne Anschlag so verlaufen, denn wenn der Schiedsrichter ein Abseitstor gibt, dann hat das wenig damit zu tun, dass Spieler mental nicht auf der Höhe sind. Und katastrophale Abspielfehler wie der von Pisczcek auf Sokratis sind den Dortmundern auch schon unter Normalbedingungen unterlaufen. Es ist schwer zu sagen, welche Folgen ein solcher Anschlag auf das Nervenkostüm des einzelnen hinterlässt, spätestens gegen Frankfurt jedoch standen keine Nervenbündel auf dem Platz, sondern mit dem einige Spiele verletzten Reus auch jemand, der sofort Schwung in die Partie brachte, als ihm in Zusammenarbeit mit Pulisic gleich in den 2. Minute ein Traumtor gelang. Und auch Sokratis und Aubameyang nach einem sensationellen Pass von Sahin auf Dembélé steuerten wunderschöne Treffer bei, aber trotzdem war die Eintracht keinesfalls unterlegen, sondern hatte durchaus Chancen, und hätte es am Ende ein Remis gegeben, hätten sich die Dortmunder nicht beschweren können. So hat man wenigstens nicht den Anschluss zu Hoffenheim verpasst, die in einem nicht minder rasanten Spiel gegen Mönchengladbach mit 5:3 gewannen. Und auch Leipzig gab sich keine Blöße und gewann gleich 4:0 gegen Freiburg. Im Kampf um den Relegationsplatz hat Ingolstadt einen herben Rückschlag erlitten, weil man gegen die Mitfavoriten um den Abstieg Wolfsburg 3:0 verlor, während Mainz und Augsburg gewannen.