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Ein Wimmelbild des Elends. Ein missglücktes Buch über Marseille

»Elend und Macht in Marseille« lautet der Untertitel eines neuen Buches über die zweitgrößte Stadt Frankreichs, und zumindest der erste Teil dieses Untertitels lässt sich auch auf das Buch des Journalisten Philippe Pujol selbst anwenden, denn das Elend seiner Reportage besteht darin, dass es sich um einen in die Länge gezogenen Artikel handelt, wie er in einem beliebigen Magazin stehen könnte. Für viele mag das kein Nachteil sein, wenn sie keine allzugroßen Ansprüche an ein Sachbuch stellen, aber von einem solchen sollte man Hintergründe, Fakten, Analyse und einen historischen Kontext erwarten können. Stattdessen besteht das Buch aus journalistisch zum Teil reißerisch aufgemotzten Berichten über individuelle Schicksale, über Personen also, die in ihrer Typologie so eindimenional und so klischeehaft sind, dass sich außer einem »wie schlimm aber auch« kaum ein Erkenntnisgewinn aus dem Buch ziehen lässt. Außer seiner moralischen Empörung über die Zustände hat der Autor kein begriffliches Handwerkszeug, um über eine so spannende Stadt wie Marseille mehr herauszufinden als den Befund: Überall herrscht Chaos, Gewalt, Korruption. Leser, die sich gerne bestätigen lassen, was sie schon vorher wussten, sind hier an der richtigen Adresse: Für sie funktioniert das Buch als Wimmelbild des Elends und evoziert ein permanentes Einverständnis.
Pujol will beispielsweise »verstehen, was für ein Leben Kader geführt hat«, ein sogenannter »Wegwerfgangster«, wie man gleich in der Kapitelüberschrift erfährt. Dazu taucht Pujol tief ein: »Ich laufe, wo er gelaufen ist. Ich fahre, wo er gefahren ist. Ich trinke das pappsüße Zeug, das er immerzu in sich hineinschüttete. Ich rauche sogar sein abscheuliches Dope.« Eine eigenwillige Berufsauffassung, die des Journalisten Nähe zu seinem Opfer beweisen soll. Aber je näher er hinschaut, desto fremder schaut es zurück: »Letzten Endes komme ich zu dem Ergebnis, dass er einfach nur die verrückte Existenz eines Normalos geführt hat, der nicht in die richtigen Kreise hineingeboren wurde.« Liegt es also am sozialen Umfeld, an den Eltern? »Man kann nicht behaupten, dass Kaders Vater sich nicht um ihn gekümmert hat, und auch nicht, dass es Kader an Liebe oder an Bindung zu den Eltern fehlte.« Es ist die Armut, die Kader schließlich mit drei Kugeln im Kopf enden ließ. Das kann in diesem besonderen Fall zwar so sein, aber es ist eine sehr schlichte Annahme, die vor allem nicht dazu taugt, zu erklären, warum Kader zum Kleinkriminellen wurde, genauso wenig wie Reichtum jemanden dazu prädestiniert, zum Gangsterboss zu werden. In dieser schlichten Vorstellungswelt erfährt man wenig darüber, wie die Problembezirke entstanden sind, wie ihre soziale Zusammensetzung ist und wie sie sich inzwischen vielleicht verändert haben, nur prall mit Details angereicherte Geschichten, die man schnell wieder vergessen hat.
Natürlich kann man über Einzelschicksale berichten. Ganz grandios hat Ramita Navai das in ihrem Buch über Teheran »Stadt der Lügen« gemacht, weil sich allein durch die Kraft ihrer Erzählung und nicht durch einen mahnenden Zeigefinger ein gesellschaftlicher Kosmos öffnet, den man durch ihre Geschichten zu verstehen beginnt. Aber dazu fehlen Pujol nicht nur die sprachlichen Mittel, sondern auch das Verständnis, eine Geschichte zum Leben zu erwecken. Er will empören und schockieren und deshalb reiht er eine Szene an die andere, in der er das schreiende Unrecht der französischen Politik anprangert. Man wird davon jedoch nicht empört, sondern nur müde.

Philippe Pujol »Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille«, Hanser, München 2017, aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz und Till Bardoux, 286 Seiten, 24.- Euro

Die Wahreit über den 7. Spieltag

Fast 85 Prozent von immerhin 150.000 Befragten glauben, dass der BVB das Zeug dazu hat, in dieser Saison Meister zu werden. Sollte jemand von den 150.000 das Spiel in Ausburg gesehen haben, dann ist entweder BVB-Fan und sowieso nicht zurechnungsfähig, hat wenig Ahnung oder ist ein unverbesserlicher Optimist. »Das schlechteste Spiel, seit ich BVB-Trainer bin«, sagte Bosz und da kann man ihm kaum widersprechen. Bosz hat zwar die Mannschaft nach dem Spiel gegen Real Madrid runderneuert, die Mittelfeldachse ausgetauscht gegen die nicht minder erstklassigen Weigl, Dahoud und Kagawa, und auch sonst rotiert, wo es eben ging, denn immer noch fehlen dem Dortmunder Aufgebot wichtige Spieler, die verletzt sind, aber dennoch spielten sie, als würden ihnen die englischen Wochen in den Knochen stecken. Sehenswert waren nur die ersten 25 Minuten, die Zeit, in der auch die drei Tore zum 2:1 für den BVB fielen, ein furioser Beginn, der einen schon an den Kantersieg gegen Gladbach denken ließ, aber als kurz danach der Ausgleich fiel, wurde man schmerzlich an die Schwächen in der Abwehr erinnert. Aber mit dieser Schwäche konnten die Augsburger durchaus mithalten, denn dem wunderbaren Tor-des-Monats-Lupfer von Kagawa ging ein kurioses Mißverständnis von zwei Augsburger Abwehrspielern voraus. Danach allerdings zerfaserte das Spiel und vor allem in der 2. Halbzeit hatten die Augsburger mit ihrer unattraktiven Spielweise mit langen nach vorne geschlagenen Bällen und einer extrem harten Spielweise, die vor allem Yarmolenko wahrscheinlich als Rache für sein kurioses Hackentor zu spüren bekam, das Heft in die Hand genommen. Dortmund fehlte die Möglichkeit, sich dieses aggressiven Spielweise anders zu entziehen, als die Zweikämpfe anzunehmen und die Bälle ebenfalls nach vorne zu bolzen. Schön war das nicht. Kombination sieht anders aus. Dennoch hatte Aubameyang dreimal eine 100prozentige auf dem Fuß, und dreimal patzte er. Sogar einen Elfer lupfte er in die Arme des Augsburger Schlussmanns Hitz, aber der Elfer war fast ein wenig geschenkt und kam erst durch den Videobeweis zustande, als die Augsburger ihren Gegenangriff schon abgeschlossen hatten, also reichlich spät, als niemand mehr daran dachte, dass da was war. Piszczek war aber tatsächlich im Augsburger Strafraum ziemlich hartnäckig gehalten worden, was Sokratis hin und wieder allerdings auch macht. Aber selbst dieses Geschenk ließen die Dortmunder einfach liegen und machten es bis zum Schluss spannend, denn die Augsburger rannten bedingungslos an und zeigten, dass sie nicht umsonst auf Platz 5 standen. Das Mißverständnis Ancelotti hat nach dem 3:0 gegen Paris dann doch ein sehr schnelles Ende gefunden, und wie es aussieht, hat es Ancelotti darauf angelegt mit seiner merkwürdigen Aufstellung, weil er wusste, dass seine Entlassung sowieso bevorsteht, weshalb er sie dann eben ein wenig beschleunigte. Vielleicht kommt ja jetzt Tuchel, der einzige, der z.Z. zu haben wäre, obwohl bereits etliche Bayern-Fans damit gedroht haben, sich in diesem Fall umzubringen. Und tatsächlich wäre ein Crash zwischen den Münchner Alpha-Tierchen und dem asketischen Kontrolletti vorprogrammiert. Und deshalb wäre Tuchel die ideale Besetzung für den vakanten Posten. Er kann dann z.B. Hummels auf die Tribüne setzen, so wie er das schon in Dortmund mit Sahin getan hat.

Die Wahrheit über den 6. Spieltag

Die Bayern haben das Kunststück vollbracht, gegen die derangierten und gerupften Volkswagenwölfe zu Hause ein 2:2 zu erreichen, und das nach einer 2:0 Pausenführung. Auch wenn mit dem Ex-Trainer aus Mainz Schmidt seit kurzem ein neuer Besen kehrt, hat sich an der pomadigen Spielweise der Wolfsburger nichts geändert, weshalb dieses Ergebnis wirklich überraschend war. Vielleicht brachten sich die Münchner auch für ihr Spiel gegen Paris in Stellung, weshalb sich niemand mehr so richtig auf Wolfsburg fokussieren mochte, denn wer will sich schon mit einem potentiellen Absteiger beschäftigen. Auch Paris hat vor dem Treffen am nächsten Mittwoch nur ein torloses Remis geschafft, und das ist etwas wenig bei einem Sturm, der so an die 300 Millionen gekostet hat. Immerhin hat sich Dortmund diesmal nicht der Münchner Pleite angepasst, was sie häufig genug schon getan haben, sondern sich ziemlich bravourös in Szene gesetzt und die Fans mit einem 6:1 gegen Gladbach beglückt, obwohl Bosz das Mittelfeld vollkommen austauschte und mit Götze, Dahoud und Weigl neu zusammensetzte. Der zuletzt auftrumpfende Yarmolenko wurde für Madrid geschont, aber Philipp bildete mit Aubameyang ein Traumduo, das die Gladbacher ziemlich durcheinanderwirbelte, denn die kriegten nie richtig Zugriff auf die Dortmunder Stürmer, denn auch Pulisic ließ sich nicht so leicht stoppen. Dennoch hatten die sehr defensiv auftretenden Gladbacher die erste hundertprozentige Chance, und es blieb nicht bei dieser einen, aber Gladbach machte aus vielleicht vier oder fünf hochkarätigen Möglichkeiten nur ein Tor. Eigentlich kein guter Schnitt für den BVB, wenn er sich weiterhin an der Spitze halten will, denn vor allem Madrid wird am nächsten Dienstag aus solchen Chancen ein paar mehr Tore machen. Auch die Dortmunder verwerteten nicht jede Chance, und wenn der sensationell aufgelegte Gladbacher Torhüter Sippel nicht einige Unhaltbare verhindert hätte, hätte Dortmund auch zweistellig gewinnen können. Der BVB umkreiste den Gegner wie ein lauerndes Raubtier, um dann immer wieder mit steilen Pässen und präzisen Flanken blitzschnell zuzustoßen. Aubameyang auf Philipp, Philipp auf Aubameyang, Götze auf Aubameyang, Sokratis auf Aubameyang. Der Mann mit den wenigen Ballkontakten konnte sich diesmal nicht beschweren, und er dankte seiner Mannschaft mit drei Toren. Lewandowski wird vor Ärger bald an einem Magengeschwür leiden, weil sein mühsam erzielter Vorsprung in der Torschützenliste wieder zunichte gemacht wurde. Es war wieder einer dieser magischen Abende, von denen Dortmund früher mehr geboten hat. Bei den Neueinkäufen hat Zorc wieder ein gutes Händchen bewiesen, denn Yarmolenko und Philipp, die mit den Dembélé-Millionen finanziert wurden, haben den Franzosen schnell vergessen lassen, der in Barcelona sich inzwischen einen Muskelfaserriss zugezogen hat, weshalb man ihn in diesem Jahr nicht mehr sehen wird, ein Umstand, der Dortmund an die 40 Millionen kosten wird, denn er wird wohl kaum mehr die Einsätze erreichen, die an diese fette Nachzahlung geknüpft sind. Hoffenheim konnte sich gegen Schalke behaupten und sitzt den Dortmundern nur mit zwei Punkten Rückstand im Nacken, und auch Leipzig profitierte vom Münchner Ausrutscher und konnte sich mit einem kaum verdienten Sieg gegen Frankfurt nach vorne robben.

Die Wahrheit über den 5. Spieltag

Die Hamburger wollten es unbedingt wissen. Mit allen ihnen zur Verfügung stehenden unfairen Mitteln, mit einem ungeheuren Laufpensum in aussichtslose Räume und mit hohen Bällen nach vorne versuchten sie, die Dortmunder in Bedrängnis zu bringen. Immerhin stellten sie sich nicht vor den eigenen Sechzehner in der Hoffnung auf einen Punkt. Und indem sie, wie der Moderator ständig betonte, »mutig« nach vorne spielten, schien es so, als wollten sie tatsächlich gewinnen. Ein zweifellos ehrgeiziges Unternehmen, das den Dortmundern nicht etwa in die Karten spielte, sondern sie erstaunlicherweise dazu zwang, sich der unattraktiven Spielweise anzupassen mit langen Bällen, die regelmäßig bei den Hamburgern landeten. Immerhin aber ergaben sich durch die »mutige« Spielweise der Gastgeber Räume, die sich den Dortmundern im Liga-Alltag sonst eher weniger bieten, die jedoch von Sahin viel zu wenig genutzt wurden. Aber wenn sie es dann mal spielerisch schafften, die unermüdlich anlaufenden Hamburger abzuschütteln, wurden sie auch durchaus gefährlich. Vor allem Yarmolenko zeigte, zu was er in guten Momenten in der Lage ist, und zwar auf einem technisch hohen Niveau, dem sein Gegenspieler häufig nicht gewachsen war, vor allem aber kann er vernünftige Flanken schlagen, die auch mal ankommen, wie auf den Kopf Aubameyangs, der den Ball jedoch nur an den Außenpfosten setzte. Aber auch wenn viele hochkarätige Chancen vergeben wurden, hatte sich Dortmund genügend herausgespielt, um am Ende ziemlich eindeutig mit 3:0 zu gewinnen durch Tore von Kagawa, Aubameyang auf Vorlage von Yarmolenko und Pulisic nach einem hinreißenden Sololauf. In diesem Spiel bestand der Unterschied in der individuellen Klasse der Spieler, denn das Dortmunder Kombinationsspiel war oft nicht besonders gut. Gegen Real Madrid werden sie sich steigern müssen, wenn sie in der CL nicht gleich die zweite Niederlage in Folge einheimsen wollen. Aber erstmal kommt Gladbach, und die sind ein besserer Test als Hamburg. Leider haben sie Bayern sehr souverän auf Schalke gewonnen und warten auf den ersten Ausrutscher des BVB, um sich wieder an die Spitze schieben zu können.

Die Wahrheit über den 4. Spieltag

Obwohl in der frühen Phase der Saison noch einiges unsortiert ist, wie man am Aufsteiger Hannover 96 sehen kann, die ihr drittes Spiel gewinnen konnten, diesmal gegen den dankbaren Gegner HSV, der wie immer in den letzten Jahren gar nicht schnell genug in den Tabellenkeller kommen kann, zeichnet sich schon jetzt eine Tendenz ab, die auf the same procedure as every year hinausläuft, denn Bayern München ließ der Niederlage in Hoffenheim und trotz einiger Unstimmigkeiten und Querelen in der Mannschaft ein lockeres 3:0 gegen Anderlecht folgen und einen überzeugenden 4:0-Sieg gegen Mainz, die so ziemlich gegen die Wand gespielt wurden und den Münchnern Gelegenheit gab, sich von der unangenehmsten Seite zu zeigen und sich in atavistischem Torjubel zu üben. Und es sieht nicht so aus, als ob die Dortmunder ihnen gefährlich werden könnten, denn gegen das schwache torlose Remis in Freiburg folgte eine herbe 3:1-Pleite bei Tottenham. Zwar versuchte man sich die Niederlage schön zu reden, schließlich hatte man bis zu 68 Prozent Ballbesitz, aber das heißt im modernen Fußball nicht mehr viel. Und auch wenn den Dortmundern ein wunderschöner Treffer von Aubameyang aberkannt wurde, hatte man am Ende nicht zu Unrecht verloren. Das von Bosz verordnete hohe Pressing birgt eben gewisse Risiken, denen die Dortmunder Abwehr nicht gewachsen ist. Trotzdem kann natürlich noch viel passieren. Dazu gehört allerdings nicht, dass sich Hannover oben wird halten können, denn selten wurden mit solchen schwachen Spielen wie sie Hannover abliefert, so viele Punkte gesammelt, weshalb der Trainer Breitenreiter froh ist, dass er sich schon mal ein gewisses Punktepolster anlegen konnte. Hingegen wird Leipzig wieder um die internationalen Tabellenplätze mitspielen, denn auch wenn sie gegen Gladbach zu Hause nur ein 2:2-Unentschieden schafften, lieferten sie doch ein gutes Spiel ab, das ganz anders war als beispielsweise das mehr als unansehnliche Spiel der Stuttgarter zu Hause gegen Wolfsburg, und auch die Frankfurter lassen schon früh erkennen, dass sie keine Rolle in dieser Saison spielen werden, denn zu Hause gegen Augsburg schafften sie es gegen eine diszipliniert auftretende Mannschaft mit gleichwohl limitierten Mitteln nicht mehr als eine Niederlage. Schalke gelang in Bremen nach einer guten Leistung ein Auswärtssieg, so dass die Bremer jetzt gerade mal mit einem Punkt dastehen, weil sie das Pech hatten, gleich zu Saisonbeginn gegen die schwersten Brocken antreten zu müssen. In England, wo sich ein paar mehr Mannschaften als eine um den Meistertitel streiten, stellte Manchester-City mit einem grandiosen 6:0-Torschützenfest in Watford seine Ambitionen auf den Titel unter Beweis. Und diesmal könnte es klappen, denn Gündogan ist nach 9-monatiger Verletzungspause wieder zurück. Liverpool hingegen kam zu Hause gegen Burnley über ein Unentschieden nicht hinaus, und auch Arsenal schwächelt schon wieder. Zwar reicht ihr Potential noch für einen souveränen 3:1-Sieg in der Euro-League gegen Köln aus, aber in der heimischen Liga hat man es mit anderen Kalibern zu tun.

Die Wahrheit über den 3. Spieltag

Es war eins der schlechtesten Spiele Dortmund seit sehr langer Zeit, und ich sage es ungern, aber mit einem Dembélé hätte das Spiel anders ausgesehen, weil er einer der Ausnahmespieler ist, der durch seine verwirrenden Finten ein Bollwerk, wie es die Freiburger vor dem 16er errichtet hatten, auch mal durchbrochen hätte, auch wenn er vielleicht zehnmal vorher hängen geblieben wäre. So kann Dortmund noch von Glück sagen, dass sie nicht verloren haben, denn schon früh tauchte ein Freiburger mit dem unglücklichen Namen Kleindienst allein vor Bürki auf, brachte es aber nur fertig, den Dortmunder Schlussmann anzuschießen. Im übrigen versuchten es die Freiburger mit hartem Einsteigen. Vor allem Ravet tat sich da hervor und trat den gerade wiedergenesenen Schmelzer so um, dass dieser vom Platz getragen werden musste. Ravet erhielt dafür nur gelb, aber als der Schiedsrichter sich das ganze nochmal auf dem Bildschirm angesehen hatte, zückte er völlig zu recht rot. Dortmund spielte also eine Stunde lang in Überzahl. Die Freiburger zogen sich noch mehr zurück, und häufig befanden sich alle Feldspieler außer Bürki 25 Meter vor dem Freiburger Tor. Die ließen sich einschnüren und konnten sich darauf verlassen, dass die Dortmunder sich hintenrum die Bälle zuschoben, weshalb Sokratis die meisten Ballkontakte der Dortmunder hatte. Wenn aber ein derart langweiliges Spiel entsteht, in dem sich präzise wie ein Uhrwerk bestimmte Spielzüge wiederholen, wie z.B. Sahin auf den linken Flügel zu Zagadu und wieder zurück. Wenn man aber sieht, wozu man kein großer Fußballkenner oder Stratege sein muss, dass das Spiel völlig schematisch verläuft und auch Spieler wie Sahin, Götze oder Castro nichts daran ändern, dann ist man gezwungen, mehr Risiko zu gehen, d.h. häufiger mal eins gegen eins zu spielen, um eine Lücke zu reißen, und häufiger auch mal von 20 Metern aus zu schießen. Nichts davon war zu erkennen. In der 2. Halbzeit kam zwar etwas mehr Zug ins Spiel und Pulisic (wer auch sonst) gelang nach einem schönen Zuspiel von Sahin ein gefährlicher Drehschuss, der aber nicht gefährlich genug war, um nicht von Keeper abgewehrt werden zu können. Und dann schloss sich auch noch der Schiedsrichter der allgemeinen schlechten Leistung an und ließ nach einem Foul an Sokratis zunächst das Spiel weiterlaufen, um es erst genau zwei Sekunden, bevor Aubameyang der entscheidende Treffer gelang, doch noch abzubrechen und den Dortmundern den Vorteil zu nehmen. Und das muss man auch erstmal hinkriegen. Wieso gilt da eigentlich kein Videobeweis? Und auch, dass der Schiedsrichter und nicht mal die Videoanalysten nach einem Ellbogencheck gegen Piszczek im Sechzehner, bei dem ihm Stenzel eine blutige Schläfe verpasste, nicht auf Elfer entschieden, ist ein Geheimnis. Die Dortmunder Ideenlosigkeit war jedenfalls erschreckend, Schmelzers Verlust herbe, denn der Beamtenfußball Zagadus auf der linken Seite war noch einschläfernder als das übrige Spiel. Sahin, Götze und Castro bemühten sich zwar, brachten aber kaum etwas zustande, und der 25 Millionen-Mann Yarmolenko, der am Ende eingewechselt wurde, glänzte lediglich mit einem imposanten Fehlschuss. Da sahen die Bayern in Hoffenheim wesentlich besser aus, jedenfalls wurde ihnen von allen Seiten ein hervorragender Fußball attestiert, verloren haben sie aber trotzdem. Und das war noch das schönste an diesem Tag.

Wie ticken die Anhänger von Donald Trump

Es gibt wenig Gründe, das Buch eines Mannes in die Hand zu nehmen, der sich selbst als »modernen Patrioten« bezeichnet, wie J.D. Vance das tut in seinem New York Times Bestseller über die Frage, wie der mittlerweile berühmte weiße Arbeiter in den Vereinigten Staaten tickt, noch dazu eines Mannes, dem jedesmal die Tränen kommen, wenn er Lee Greenwoods kitschige Hymne »Proud to be an American« hört, auf die es doch keine bessere Replik gibt als das schöne »Proud to be an asshole vom El Paso« von Kinky Friedman.
Aber das Buch »Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise« von J.D. Vance gehört zu einem der besten Sachbücher in diesem Jahr. Dass der Autor sich erst auf S. 219 zu den patriotischen Werten seines Landes bekennt, hätte ich ihm normalerweise übel genommen, in diesem Fall muss man dankbar sein, weil man sonst um einen tiefen Blick in die psychische Struktur des Hillbillys gekommen wäre, die einem der Autor auf sehr präzise und sehr unterhaltsame Weise nahebringt. Er kann das deshalb so gut, weil er selbst diesem merkwürdigen Menschenschlag entstammt und in einer Hillbilly-Familie die Hölle durchlaufen hat, die die meisten Leute zu Verlierern prädestiniert und der zu entkommen es kaum eine Chance gibt.
Das Buch ist keine soziologische Analyse und nur hin und wieder zitiert der Autor eine meistens aufschlussreiche Statistik, die seine Beobachtungen und Erinnerungen belegen. J.D. Vance beschreibt einfach, wie er als Kind aufwächst und was er erlebt. Und das, was er erzählt, spricht für sich. Man muss keine zehn Semester Soziologie studiert haben, um zu begreifen, dass Leute mit diesem biografischen Hintergrund nicht allzuviele Chancen haben, um ihrem traurigen Leben zu entfliehen. Hillbilly ist der Hinterwäldler, der in einer ländlichen, gebirgigen Gegend wie den Appalachen wohnt, nicht viel zu sagen hat, und wenn, dann mit einem kaum verständlichen Dialekt, der Whiskey trinkt und schnell zur Waffe greift. Hier befindet sich das Kernland der Waffenlobby.
Viele Menschen zogen in den Siebzigern und Achtzigern in Industrieregionen auf der Suche nach Arbeitsplätzen. Die Familie des 1984 geborenen J.D. Vance verschlug es nach Middletown in Ohio, und wie der Name schon sagt, in eine Gegend, die so austauschbar war wie der Stadtname, den es in fast allen Bundesländern gibt. Als der Manufacturing Belt zum Rust Belt, also zum verrosteten alten Eisen wurde, das in besseren Zeiten dort einmal verarbeitet wurde, saßen viele Menschen, die in solche Städte wie Middletown gezogen waren, fest. Ihre noch nicht abbezahlten Häuser waren plötzlich nichts mehr wert, woanders hinzuziehen, war nicht mehr so einfach, also blieb man und sah der Erosion der Stadt zu.
Diese Verwandlung von ehemals blühenden Städten in moderne Ruinen wurde nirgends so sichtbar wie in Detroit. Die sozialen Folgen sind in jeder Beziehung dramatisch, aufschlussreich aber ist vor allem die psychologische Veränderung, die bei den Einwohnern solcher Regionen vonstatten geht. Und hier entfaltet das Buch die Qualitäten, die auch in Eribons »Rückkehr nach Reims« zu finden sind. Aus Männern, deren Ethos in einem harten Arbeitstag in der Stahlindustrie besteht, die daraus ihr Selbstwertgefühl ziehen und die stolz sind auf die von ihnen geleistete Arbeit und ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft, werden zu Deklassierten, die jede Arbeit nach kurzer Zeit wieder hinwerfen, die kapitulieren und egal in welcher Angelegenheit dem Staat die schuld geben. Die Folge davon ist jedoch nicht ein sozialrevolutionärer Prozess, sondern was sich hier herausbildet, ist eine zutiefst reaktionäre Gesinnung. Aus dem weißen Arbeiter als Stütze einer funktionierenden Gesellschaft, der die Demokraten wählte, wird ein durch seine Unzufriedenheit unberechenbar gewordener Reaktionär und Rassist, ein Wähler von Donald Trump, weil der die Irrationalität ihres Lebens verkörpert und Rache am verhassten Establishment verspricht. Und selbst wenn diese Rache den eigenen Untergang bedeutete, würde man noch zu ihm halten, obwohl Trump das komplette Gegenteil ihrer Interessen vertritt. Und genau in dieser Zeit des Umbruchs ist J.D. Vance aufgewachsen und hat wie ein Seismograph die kleinen und großen Erschütterungen wahrgenommen, die sich direkt auf sein Leben auswirkten.
Wahrscheinlich hätte J.D. Vance das gleiche Schicksal ereilt wie so viele andere, die vor dem Alkoholismus, der Gewalt und dem Elend, die sie umgeben, nicht mehr herausfinden, wenn ihm »Mamaw«, seine Großmutter, nicht den Halt und die Sicherheit gegeben hätte, die seine »Mom« ihm nicht bieten konnte, denn die hatte ein Drogenproblem und ständig wechselnde Partner, ein Phänomen, das nirgends sonst auf der Welt so weit verbreitet ist wie bei amerikanischen Arbeiterfamilien. Und die daraus entstehenden Konflikte sind so unfassbar bizarr, dass man nur ungläubig den Kopf schütteln kann und sogar lachen muss, weil solche Geschichten ein Licht auf Personen werfen, auf die Vance nie verächtlich herabblickt.
So erzählt er, wie auf einer Autofahrt aus nichtigem Anlass ein Streit zwischen ihm und seine Mutter eskaliert, wie seine Mutter am Straßenrand anhält, um ihn zu verprügeln, wie er quer über die Felder zu einem Haus rennt und die dort in einem Swimmingpool liegende Frau um Hilfe anfleht, wie diese sich mit ihm im Haus verbarrikadiert, wie die außer Rand und Band geratene Mutter die Tür eintritt, um ihn herauszuholen, wie die Frau die Polizei anruft, die die unzurechnungsfähige Mutter schließlich abführt, wie Vance schließlich vor Gericht seine Mutter entlasten muss, damit sie nicht hinter Gitter kommt, was gleichzeitig bedeutet, dass das Schreckensszenario weitergeht. Wie seine Mutter eine Urinprobe von ihm fordert, weil das Gesundheitsamt ihre Drogenabhängigkeit überprüfen will. Wie seine Großeltern nach einem Gottesdienst mit vorgehaltenen Schusswaffen jedes Auto durchsuchen, das den Parkplatz verlassen will, weil sie glauben, ihr Enkel sei von einem »Perversen« entführt worden, dabei ist der Enkel nur auf der Kirchenbank eingeschlafen.
Von dieser Art sind die Episoden, die auf das Klima aus Familienstreit und Gewaltexzesse, befeuert von Alkohol, ein Licht werfen und deutlich machen, wie prädestiniert die Karrieren sind, die Menschen in diesem Umfeld einschlagen: früh Kinder kriegen, Drogen und Alkohol, Gefängnis. Umso erstaunlicher, dass der Autor es trotzdem geschafft hat, dass er in der angesehenen Yale-University schließlich Jura studierte und inzwischen als Investor arbeitet. Oder vielleicht auch nicht so erstaunlich, denn er geht, weil ihm nichts besseres einfällt, nach der Schule zum Militär. Und der Drill, dem er während der Grundausbildung unterliegt, macht aus dem übergewichtigen, pummeligen, antriebslosen Jüngling einen Menschen, der nach seiner Militärzeit weiß, was er will und der es auch mit einem neu erwachten, angestachelten Ehrgeiz auch schafft. Aus J.D. Vance wird ein Mann, der ein Ziel vor Augen hat und es schließlich auch erreicht, eine Familie zu gründen, ein Haus, einen guten Job und eine tolle Frau zu haben, denn das ist es letztlich, was den Menschen offenbar antreibt. Es ist nicht die Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit, womöglich sogar nach einer Revolution, sondern es ist home sweet home, weil Menschen wie J.D. Vance das immer vermisst haben.
Das Militär als Erziehungsanstalt und die Familie als Glücksversprechen war schon immer die meist letzte Zuflucht der Verlierer, und das ist ziemlich deprimierend, aber es würde nichts nützen, dieses Phänomen einfach zu ignorieren, denn immerhin haben zumindest in diesem Fall diese Institutionen dazu beigetragen, dass jemand sich in seinem Leben erfolgreich zurechtfindet, der zwar Investor geworden ist, aber auch ein großartiger Buchautor, der eindringlich und überzeugend zu beschreiben versteht, wie verloren und depressiv dieser deklassierte weiße Arbeiter ist, aber auch wie wenig er sich unterkriegen lässt.

J.D. Vance, »Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise«, Ullstein, Berlin 2017

Der Unterwäscheschnüffler ist als Werber bei der AfD gelandet

Thor Kunkel ist, wie der Spiegel 25/17 berichtet, als Werber bei der AfD gelandet. Seine heimliche Leidenschaft zu Nazis hat er schon 2004 in seinem Roman “Endstufe” ausgelebt, der damals einen Eklat im Literaturbetrieb auslöste, weil Kulturkritiker wie Volker Weidermann für den Roman in die Bresche sprangen. Und aus diesem Anlass hier ein Artikel von mir, der damals in der taz erschien:

Längst ist das Nazi-Business lukrativer als das »Shoa-Business«, weshalb seit einiger Zeit gilt: »There’s no business like Nazi-Business«. Das ZDF ist in dieser Hinsicht mit der NS-Verwurstungsmaschinerie namens Guido Knopp marktführend. Geschichte wird hier als Sanso-Schmuse-Kurs offeriert. Das eröffnete zwangsläufig eine Marktlücke, und zwar für diejenigen, die es ein bisschen härter und schmutziger mögen. Für diese Leute ist Thor Kunkel da. Nazis und Pornos, eine Mischung, an die sich Guido Knopps sauberes Familien-TV nicht wagt. Von Rowohlt kurzfristig aus dem Programm genommen, ist Kunkels Werk »Endstufe« nunmehr bei Eichborn erschienen, der es im Börsenblatt des deutschen Buchhandels und in anderen »Fachblättern« wie die Buchkultur mit einem Statement des Autors in eigener Sache bewirbt. Dieses Statement stellt für den Verlag offensichtlich eine Art Quintessenz des Buches da, also etwas, das dem Buchhändler und dem potentiellen Leser in wenigen Sätzen darlegt, was das Buch lesenswert macht. Man darf das Statement also ernst nehmen und nicht etwa als flüchtig in den Tag geplauderte Bagatelle.
»Ich glaube, es ist wichtig, das Dritte Reich unter dem Aspekt der Verführung und Verblendung zu sehen«, wird Kunkel zitiert. »Glauben heißt nicht Wissen«, lautet ein uralter Lehrerspruch, mit dem Schüler traktiert wurden, an dem aber was dran ist. Kunkel weiß also nicht, ob es stimmt, was er sagt, aber er hält seine Unwissenheit für mitteilenswert. Dennoch ist die Sache natürlich ungemein »wichtig«, denn wichtig ist immer gut, auch wenn der Hinweis darauf völlig sinnlos ist, weil vermutlich auch Kunkel niemanden kennt, der sagen würde: Verführung? Interessiert mich nicht die Bohne. Der Aussage Wichtigkeit zuzuschreiben, die schon allein deshalb niemand in Abrede stellt, weil heute fast jeder Schwachsinn für wichtig-wichtig genommen wird, heißt nichts anderes, als die eigene Person mit Bedeutung aufzupumpen.
Derart aufgeblasen, begibt sich Kunkel an den 2. Satz: »Ich habe versucht, das Private zu durchleuchten.« Weder ist irgendein Zusammenhang zum 1. Satz zu erkennen, noch weiß man, wozu das gut sein soll. Was man hingegen ahnt, dass Kunkel gewissen Vorlieben frönt und offensichtlich gerne in der Unterwäsche anderer schnüffelt. Darauf lässt der 3. Satz schließen: »Ich benutze die Pornographie als poetische Metapher, um das Phänomen Drittes Reich vollständig zu erfassen.« Pornographie musste ja schon für alles mögliche herhalten, jetzt also auch noch als »poetische Metapher«. Imitiert der erste Halbsatz die Unsitte der siebziger Jahre, jeden Begriff als Metapher aufzubrezeln, geht man vor dem Folgesatz andächtig in die Knie. Wirklich vollständig? Wie will Kunkel den Nationalsozialismus vollständig erfassen, wenn er nicht mal einen graden Gedanken hinkriegt? Vollständig ist demnach nicht das, was Kunkel erfasst, sondern der Stuss, den er erzählt. Jeder Versuch der Widerlegung muss da scheitern, weil man ihm einen Gedanken unterstellt, der nicht vorhanden ist.
Das dicke Ende aber kommt erst noch: »Die Bilder, die wir bisher kannten, reichen nicht aus, um das Phänomen Drittes Reich mit allen seinen Schrecken nachfühlbar zu machen.« Das steht wirklich so da. Zunächst würde man gerne wissen, aus welcher geheimen Quelle Thor Kunkel weiß, welche Bilder (vermutlich über den NS) »wir« kennen, zumindest bleibt damit im Dunkeln, welche er kennt. Kunkel flüchtet sich ins dubiose Wir, um etwas vollkommen beliebiges mitzuteilen, denn mit der selben Berechtigung ließe sich das gleichermaßen sinnlose Gegenteil behaupten. Wie viele Bilder muss man denn kennen, um sich mit Thor Kunkel schaudern zu dürfen?
Schließlich taucht das Dritte Reich wie unter Beschuss einer Nebelkanone schon wieder als »Phänomen« auf. Als Phänomen aber wird – vielleicht nicht bei Kunkel aber normalerweise – abgehandelt, was aus Gründen des Erkenntnisgewinns durch Abstraktion der sinnlichen Erfahrung entzogen werden soll. Thor Kunkel jedoch ist ganz versessen darauf, das »Phänomen mit allen seinen Schrecken« nachzufühlen. Logisch gesehen ist das Quatsch und inhaltlich wünschte man, der NS möge wieder auferstehen, damit Thor Kunkel in den reinen Genuss dieses Schreckens kommt. Mit einem wie Thor Kunkel hätten die Nazis bestimmt viel Freude gehabt.
Brillanter und fundierter wurde selten in nur vier Sätzen begründet, dass man schon nicht mehr alle Schweine im Rennen haben muss, sollte man vorhaben, den 600-Seiten-Klops tatsächlich lesen zu wollen.

P.S. Und deshalb folgte ich einer Einladung Wiglaf Drostes zur Buchpremiere in Berlin, um zu sehen, wer so was tut. Es war viel schlimmer als ich befürchtet hatte. Drei erloschene Gestalten hockten auf dem Podium und strahlten Ödnis aus. Volker Weidemann von der FAS, der die Einführung machte, fand es gut, dass es das Buch jetzt gibt, und der Eichborn-Verleger Wolfgang Hörner führte auf die Frage, warum er das Buch verlegt habe, einen Eiertanz auf: Es seien mehrere Aspekte gewesen, die er interessant gefunden habe, die Sexualisierung der Gesellschaft und eine Wissenschaft, die sich für jedes Ziel einspannen lasse. »Kalter Kafka«, meinte daraufhin mein Begleiter. Und dann versetzte Hörner dem Buch seines Autors den Todesstoß: Das Buch sei teilweise brillant geschrieben. Aber Kunkel merkte nichts.
Ungefähr zehn Minuten, nachdem die Lesung begonnen hatte, begaben wir uns an den Tresen und tranken – aus Verzweiflung. Thor Kunkel las und las und las, und zum ersten Mal beneidete ich meine Füße – denn die waren vor mir eingeschlafen. Kunkel erreichte diesen Effekt durch die Technik des belanglosen und banalen, um nicht zu sagen Bananen-Dialogs. Zwei Menschen unterhalten sich in reichlich abgedroschenen Phrasen, und es passiert nichts. Es passiert einfach nichts. Balzac hätte gesagt: »Mein Herr, Sie verschwenden für 5 Sous Feuilleton.« Und wenn es endlich einmal zur Sache ging, wie man das bei einem anständigen Naziporno schließlich erwarten darf, dann tischte Kunkel eine ranzige Altherrenprosa auf, die nicht mal mehr durch den perlenden Prosecco wegzuspülen war, den uns die ebenfalls sichtlich genervte Tresenkraft inzwischen ungefragt nachschenkte.
Das Geheimnis dieses Romans besteht also schlicht und einfach darin, dass jemand nicht schreiben kann, dies aber ausführlich tut. Der Skandal liegt nicht im Sujet des Buches. Nazipornos gab es schließlich schon immer in irgendwelchen skurrilen Verlagen. Keiner dieser Verlage hätte Thor Kunkel veröffentlicht, das Zeug wäre einem Fachverlag zu öde gewesen. Insofern ist das Buch ein Schmuckstück für jeden Verlag, für den Literatur sich von Qual ableitet, denn erlitten werden musste die Lektüre. Der Skandal besteht wie schon beim »Tod eines Kritikers« von Walser darin, dass ein schlechtes, knarzendes und ächzendes Stück Prosa zum Gegenstand einer Literaturdebatte wird. Schlechte Romane gab es schon immer und vermutlich war die dazugehörige Literaturkritik auch nicht viel besser, aber mittlerweile schafft sich der Literaturbetrieb seine eigenen Literaturskandale. Zeigt der Daumen des Spiegels wie im Fall Kunkel nach unten, dann kann man sicher sein, dass trotz offensichtlich mangelhafter Qualitäten andere Medien für das Buch in die Bresche springen, weil man inzwischen selbst mit der bescheuertesten Meinung in der Öffentlichkeit reüssieren kann. Immerhin eröffnet dies auch für minder begabte und mittelmäßige Schreiber die Möglichkeit, einmal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu geraten. Allerdings verblasst der Ruhm in der Regel sehr schnell, spätestens dann, wenn das Publikum merkt, was für ein Mist ihm da untergejubelt werden soll. Ein Mechanismus, auf den zumindest manchmal noch Verlass ist. Jedenfalls würde ich mich freuen, wenn sich der Verlag mit dem schnellen Euro verrechnet hat. In vermutlich nur wenigen Monaten wird man dann die »Endstufe« im Ramsch finden, aber auch da wird den Schinken niemand kaufen wollen.

Den Zeitgeist bombardieren mit “Hundert Zeilen Hass”

Maxim Billers Kolumnen »Hundert Zeilen Hass«, die von November 1987 bis Mai 1999 in »Tempo« erschienen und nun gesammelt als »Tempo-Buch« im Hoffmann und Campe Verlag wieder aufgelegt wurden, habe ich damals schon gelesen, und schon damals war ich ziemlich beeindruckt vom Sound, die die Kolumnen durchwehten, von der Treffsicherheit und der Eleganz, mit der jemand auseinander genommen wurde, von der polemischen Wucht, die durchaus Mut erforderte, weil da jemand ohne Rückversicherung zu schreiben schien und sich eine Menge Feinde machte, nicht nur im gerontokratischen Feuilleton, das die Deutungshoheit im Literaturbetrieb innehatte, sondern auch unter Leuten, die man bei flüchtiger Betrachtung für seine Verbündeten halten konnte. Biller hatte die hohe Kunst des Kolumnierens neu erfunden, indem er alle Register zog und auf einer Klaviatur spielte, die sich Oldschool-Kolumnisten von selber verboten, weil sie altbackene Wahrheiten feilboten, die sie schulmeisterlich und ohne Witz ausbreiteten.
Er war ernst und präzise, wenn es sein Gegenstand erforderte, er schüttete Häme und Spott aus, wenn der Gegner es verdiente, er machte sich über sich selbst lustig und relativierte eine steile These und ließ damit dem Leser, der sich gerade über irgendeine offensichtliche Ungerechtigkeit aufregen wollte, gekonnt die Luft raus, er überraschte mit feinen rhetorischen Finten, immer neuen Ideen, was nicht wenig ist bei 140 Kolumnen, und er wusste genau, wann es angebracht war, auf einen groben Klotz einen groben Keil zu setzen.
»Hundert Zeilen Hass« ist eines der lustigsten und kurzweiligsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, und das, obwohl es von einer Zeit handelt, die zwar noch gar nicht so lange zurückliegt, die aber aus heutiger Sicht irreal, absurd und fast schon irgendwie verwunschen und rätselhaft wirkt, wie eine Übergangszeit, die schließlich zu der totalen Verfügbarkeit aller Informationen und damit zu deren Entwertung führte. Oder erinnert sich noch jemand an die Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, vor der die Redakteure antanzen mussten, wenn mal ein Artikel über den von ihr persönlich gepachteten »deutschen Widerstand des 20. Juli« erschien, der diesen nicht in den leuchtendsten Farben erstrahlen ließ, und die tatsächlich an Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker« monierte, er würde »den mehr oder weniger verstummten Antisemitismus wieder neu beleben«, indem er ihn aufzeigte?
Ich weiß nicht, ob dieses damals weit verbreitete Argument Biller entgangen ist, denn ich hätte gerne seinen Kommentar dazu gelesen, aber auch ohne diesen dezidierten Schwachsinn, den die Dönhoff damals von sich gab und den erstaunlicherweise niemand skandalös zu finden schien, bringt seine Beschreibung der »grauen Eminenz« genau auf den Punkt, woran der Journalismus damals krankte: »Ihre Leitartikel sind moralische Tagesbefehle, Belehrungen und Bekehrungen – immer von oben herab, aber nie aus geistiger Höhe … Die große Pfäffin Dönhoff schreibt wie ein Kind: naiv, uninspiriert und schematisch.« Und das traf es wirklich sehr genau, wenn man sich noch ein wenig an die aus Gemeinplätzen bestehenden Artikel erinnert.
Aber wer kennt diese »Lese-Ödnis« noch? Könnte also sein, dass es für in den Achtzigern geborene Leser nur das halbe Vergnügen ist, auf der anderen Seite muss man solche Gespenster heute auch nicht mehr kennen, um trotzdem Vergnügen an den Kolumnen zu empfinden, denn sie haben ihren Gegenstand überlebt, sie glänzen noch in ihrer Geschliffenheit und Frechheit, während die unerbittlich voranschreitende Zeit ihr Kreuz über Frau Dönhoff gemacht und sie dem Vergessen überantwortet hat.
Oder über den ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, den sogar Eingeweihte für ein »aufgeblasenes Nichts« hielten, »für einen Kriecher, einem Nach-unten-Treter, einen Repräsentationsgeilen«: »Es ist nicht egal, dass Kurt Waldheim hässlich ist wie die Nacht. Dass seine abstehenden Ohren und seine lange Nase in bester Nosferatu-Manier sein Äußeres dominieren. Dass seine Augen feige-kalt leuchten und ihn überhaupt eine recht gespenstische Hofburg-Aura umgibt. Das ist, im Gegenteil, gut! … Schade nur, dass Deutschland nicht auch so einen Waldheim-Zombie hat, irgendeinen unsympathischen Kerl, einen echten Nazi-Jenseitigen, der die Leute permanent an ›damals‹ erinnern würde.«
Wenn man schon denkt, dass es vielleicht nicht so klug ist, sich über das Aussehen eines Mannes lustig zu machen, der doch als Nazi so viel auf dem Kerbholz hatte, dass die Äußerlichkeit wie eine Nebensache erscheint, kommt plötzlich die überraschende Volte in der Argumentation. Und so könnte man noch hunderte Stellen zitieren als Belege für Billers Humor, seine Schärfe, seine Präzision, sein Aufbrausen, Stellen, die ich alle angestrichen habe und die die Besprechung locker auf das Zehnfache des geplanten Umfangs bringen würde, wollte ich sie alle aufzählen.
Aber zumindest ein paar Leute sollen noch erwähnt werden, wie z.B. Heiner Müller und seine »quasselig-sophistische DDR-Borniertheit« oder der »bayerische Parvenü mit Hundesalonbesitzer-Charme« Franz Beckenbauer, der »sehr pomadige Schauspieler« Ulrich Tukur mit dem »Talent eines Max Headroom«, wobei das allerdings jetzt ein wenig in die Irre führt, denn Biller wollte kein Gruselkabinett von Vollidioten anlegen, vielmehr sind die Invektiven immer ein Beleg für einen Zustand in der Gesellschaft und der Psyche der Deutschen, für den aufkommenden Rassismus in der Zone nach der Wiedervereinigung, für das Versagen der Linken vor dem »fahnenschwenkenden Siegestaumel« und dem »teutonischen Nationalismus« und natürlich immer wieder für den Antisemitismus, der nach dem neuen Bericht der Bundesregierung aktuell bei 24 Prozent liegt.
Man kann also die Kolumnen auch lesen wie ein Buch über die neuere Geschichte Deutschlands, in dem einem heute einiges immer noch sehr bekannt vorkommt, wie z.B. die Rede vom »Ausländerproblem« und der »Überfremdung unserer Gesellschaft«, und es überrascht manchmal, dass schon damals die Diskussion über diese Themen erbärmlich war. Da macht es einem dann auch gar nichts aus, dass man nicht unbedingt immer einer Meinung mit Biller ist und das auch nicht sein muss, wie z.B. in der Beurteilung der berühmten Aussage Heiner Geißlers, der »die Pazifisten der 20er und 30er Jahre für Auschwitz mitverantwortlich« gemacht hatte. Biller kritisierte sie und beteiligte sich an der allgemeinen Erregung, die Geißler damit in der Öffentlichkeit hervorrief, muss dabei jedoch ignorieren, dass nicht nur die Appeasementpolitik dazu beigetragen hat, Hitler freie Hand zu lassen, sondern auch die »deutsche Friedensbewegung« für Hitler gestimmt hat, d.h. er nimmt die Friedensbewegung genau in dem Augenblick in Schutz, als diese gerade die Nation für sich wieder entdeckt hat. Aber diese Schlachten sind geschlagen, sie heute wieder aufzuwärmen wäre lächerlich.
Maxim Biller war damals ein Einzelkämpfer, ein Guerillero, der darauf achtete, dass er kein Bündnis mit potentiellen Verbündeten und Verwandten im Geiste einging, denn er wollte sein Alleinstellungsmerkmal nicht verlieren. Vieles aber, was man in seinen Kolumnen lesen kann, erinnert einen an Autoren wie Wolfgang Pohrt, Eike Geisel, Christian Schultz-Gerstein oder Wiglaf Droste.
Das sind keine schlechten Referenzen. Seine Verdienste um die Aufklärung dessen, was die Deutschen Ende der Achtziger und in den Neunzigern quälte werden dadurch nicht geringer. Dieses Buch sollte man in der Henri-von-Nannen-Schule zur Pflichtlektüre machen. Vielleicht würde man dann wieder etwas lieber zu einer der Zeitungen greifen, die die so vollkommen mainstreamgebürsteten Absolventen solcher Ausbildungsstätten durch ihre forsche und selbstbewusste Ahnungslosigkeit immer unlesbarer machen.

Maxim Biller, »Hundert Zeilen Hass«, Tempo Bücher im Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2017, 400 Seiten

Die Wahrheit über das Pokalendspiel BVB-Eintracht

Toll war es nicht, da waren sich alle einig. Vor allem der BVB blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Noch vor einer Woche lieferte man sich ein rasantes und grandioses letztes Bundesligaspiel gegen Bremen, in dem es um den 3. Platz ging und jetzt ging es um nicht weniger als darum, nach vier verlorenen Endspielen hintereinander endlich mal wieder zu gewinnen, und das schien gegen die Eintracht durchaus im Bereich des Möglichen. Und Dortmund begann auch furios und kam früh durch einen schönen Spielzug und eine Einzelaktion im Weltklasseformat von Dembélé zum 1:0. Aber dann ließ man wie schon häufig in den Ligaspielen zu beobachten nach und baute den Gegner auf, plötzlich wackelte die Abwehr, fand niemand mehr einen Abnehmer für die Bälle und schlug sie stattdessen weit nach vorne ins Niemandsland. Eintracht nahm die Einladung gerne an und erzielte nach einem Fehler von Sokratis den Ausgleich, und nach einer weiteren schönen Kombination traf Seferovic nur den Pfosten. Und Reus hatte schon in der 1. Halbzeit »ein bisschen Kreuzband«, wie er später sagte, so dass er zur Pause ausgewechselt werden musste. Mit Pulisic und Castro kam endlich mehr Schwung ins Spiel, was man mit Ginter statt des verletzten Weigl und des wieder einmal nicht berücksichtigten Sahin auch nicht erwarten konnte, weil Ginter vielleicht ein Abräumer ist aber eben kein kreativer Spieler. Jetzt geriet die Eintracht wieder in die Defensive. Aubameyang, von dem vorher kaum etwas zu sehen war, hätte mit einem technisch anspruchsvollen Seitenfallzieher fast die Führung erzielt, aber der Ball wurde noch von der Torlinie gekratzt. Kurze Zeit später, nach einem Foul an Pulisic, chippte er den Ball vom Elfmeterpunkt lässig in die Mitte als der Keeper schon ins linke Toreck abgetaucht war. Das waren dann aber auch schon die Highlights des Spiels, von dem auch Reus sagte, dass es nicht gut gewesen sei. Hauptsache gewonnen hört sich bei einem Pokalfinale allerdings nicht so gut an, denn einen Titel will man ja schließlich glanzvoll gewinnen und nicht mit Ach und Krach, und deshalb wird dieser Titelgewinn im vereinsinternen Mythenranking nicht sonderlich hoch im Kurs stehen, höchstens bemerkenswert dadurch, dass es sich um den ersten Titel handelt, den Reus nun auf seine Fahnen schreiben kann, aber selbst Reus hat diesen Medienhype relativiert und gesagt, dass der Titelgewinn zwar schön sei, aber immer noch wichtiger sei, wie man sich als Mannschaft verstünde. Der DFB zeigte mal wieder seinen unterirdischen, aber bestimmt extraordinär teuren Geschmack, indem man die Schnulzensängerin Helene Fischer engagierte, die von den Fans ausgepfiffen wurde. Vor allem von den Eintracht-Fans, weil die Herz-und-Schmerz-Schreckschraube, wie ich zu meinem Entsetzen erfahren musste, sich schon mal in ein BVB-Trikot gezwängt hatte. Die ARD blendete das Stadionmikrophon einfach aus und ergoss den schlimmen Gesang ungefragt über alle Zuschauer, die keine Chance hatten zu flüchten. Und dann der ganze Proll-Goldlametta-Geschmack und die als Statuen in goldenen Abendkleidern missbrauchten Damen, die als Zierat herhalten mussten, all das zeugte davon, wie wenig der DFB von den Fußballfans hält, indem sie ihnen all das zumutet. Interessanter war an diesem Abend das FA-Cup-Finale zwischen Arsenal und Chelsea, das Arsenal souverän mit 2:1 gewann. Und dass sich Bartra ein Stück von einem Tornetz als Trophäe abschnippelte. Und dass Tuchel gerne Trainer bleiben würde, aber damit ziemlich allein steht. Und dass Schmelzer eine Frage zum Trainer einfach unbeantwortet ließ und stattdessen nur die Leistung und den Zusammenhalt der Spieler analysierte. Und dass Aubameyang gehen will. Weshalb dieser Abend einen nach dem verkorksten Spiel dann doch wehmütig stimmte, denn ohne Aubameyang würde sich der Verein schon wieder neu ausrichten müssen.