Kategorie-Archiv: Allgemein

Die Wahrheit über den 14. Spieltag

Reus kündigte vor dem Derby gegenüber den Fans Wiedergutmachung an, denn das letzte Aufeinandertreffen war ein Desaster, weil der BVB eine 4:0-Führung zur Halbzeit noch verspielte, als Naldo in der Nachspielzeit noch der Ausgleichstreffer gelang. Das war ein großer Knacks im Dortmunder Mannschaftsgefüge, der sich den ganzen Rest der unglückseligen letzten Saison hinzog. Die letzten fünf Derbys konnte der BVB nicht mehr gewinnen, aber diesmal standen die Chancen so gut wie selten nicht mehr, denn Schalke hatte zu Saisonbeginn nicht nur eine beeindruckende Serie von Niederlagen hingelegt, auch in der Folgezeit konnte man gerade mal vier Siege verbuchen, nicht viel für Teilnehmer der CL. Aber da man weiß, dass ein gewonnenes Derby jede vermurkste Saison retten kann, konnte man nicht im vornherein sicher sein, dass ein Sieg der Dortmunder glatt über die Bühne gehen würde. Und er ging auch nicht glatt über die Bühne, denn Tedesco setzte auf ein besonders fieses Mittel, um die Überlegenheit der Dortmunder zu brechen. Er setzte auf Kampf, Fouls, Übermotivation und Provozieren des Gegners. In diesem speziellen Fach fiel besonders Caligiuri auf, der nach dem ungerechtfertigten Ausgleich durch einen Elfer eine Rudelbildung auslöste mit Schubsern und Rangeleien, die er dazu nutzte, sich theatralisch fallen zu lassen. Und Burgstaller verletzte sich bei einer ebenso übermotivierten wie sinnlosen Grätsche, weil der Dortmunder eben viel zu schnell war, und auch die Gegenspieler von Sancho mussten eine Demütigung nach der anderen über sich ergehen lassen, weil der kleine Engländer die Schalker auch zu zweit oder zu dritt immer wieder schlecht aussehen ließ. Die Dortmunder ließen sich nicht aus dem Konzept bringen, blieben ruhig und spielten ihre technische Überlegenheit aus, die allerdings häufig genug von der Schalker Robustheit unterbrochen wurde. Tedesco zog sogar trotz Kälte seine Jacke aus, um seinen Spielern zu signalisieren, dass sie noch einen Zacken zulegen sollten, was taktisch gesehen ein bisschen dürftig ist. Er erreichte durch diese Vorgaben an seine Mannschaft nur das brutale Einsteigen beispielsweise von Sané, der bei einer Ecke im Dortmunder Strafraum ohne die geringste Chance an den Ball zu kommen sich straflos in einer Spielertraube wuchtete und dabei Witsel so am Kopf traf, dass es an ein Wunder grenzte, dass der Belgier anschließend noch weiterspielen konnte. Wunderschön anzusehen waren nur die Dortmunder Aktionen, wie die, die zum 2:1 durch Sancho führte nach Doppelpass mit Guerreiro. Am Ende hätte Dortmund eigentlich ein, zwei Tore mehr schießen müssen, denn Reus vergab noch eine Riesenchance und Guerreiro traf nur den Pfosten. Dennoch war es keine Gala, weil nicht nur Schalke, sondern auch die anderen Bundesligamannschaften versuchen ihre technische Unterlegenheit durch defensive Härte zu kompensieren. Wichtig war der Sieg vor allem deshalb, um die Bayern, die gegen schwache Nürnberger 3:0 gewannen, auf Distanz zu halten. Zwei andere Verfolger hingegen ließen Federn, Leipzig ging in Freiburg gleich 3:0 unter, während leider auch die Eintracht mit seinem hochgelobten Sturm die zweite Niederlage hintereinander hinnehmen musste, und das ausgerechnet in Berlin, weil die Frankfurter zu spät aufdrehten und nach einem klaren Foul von Grujic an Jovic keinen Elfmeter zugesprochen bekamen.

Die Wahrheit über den 13. Spieltag

Dass das Heimspiel der Dortmunder gegen Freiburg kein Selbstläufer werden würde, war zu erwarten, denn nicht nur fordern trotz großen Kaders die englischen Wochen ihren Tribut, auch versuchen die gegnerischen Trainer natürlich ein Rezept zu finden, um die Offensive der Dortmunder möglichst wirkungslos zu machen, weil nach diversen Spielen zu sehen war, dass die meisten Bundesligavereine auf diesem Niveau nicht mithalten können. Wenn sie das Spiel offen gestalten wollten, also selbst in die Offensive gehen wollten, dann konnte es hin und wieder sein, dass sie eine ordentliche Packung bekamen. Also verfiel der Freiburg-Trainer Streich auf die naheliegende Idee, mit einer Fünferkette die Räumen möglichst so eng zu machen, dass sie sich spielerisch nur schwer aushebeln ließ. Natürlich kommt unter solchen Voraussetzungen kein spannendes Spiel zustande. Und so war es auch an diesem Abend in Dortmunder Stadion, wo das Spiel fast ausschließlich in der Freiburger Hälfte stattfand, es also lediglich um die Frage ging, würde es den Dortmundern gelingen, den Riegel zu knacken, oder würden sie sich die Zähne daran ausbeißen, was erfahrungsgemäß nicht sonderlich attraktiv ist. Zudem war es merkwürdig still im Stadion, weil die Fans gegen die zunehmende Kommerzialisierung im Fußball protestierten, ein Kampf gegen Windmühlen, denn weder die Vereine noch dazn oder sky werden damit aufhören, aus der Leidenschaft für den Fußball pekuniär alles herauszupressen, was nur irgendwie geht. Trotz dieser Widrigkeiten, versuchten die Dortmunder, mit schnellen Kombinationen die Abwehr in Verlegenheit zu bringen, was ihnen hin und wieder auch tatsächlich gelang. Vor allem Sanchez ist kaum zu bremsen, und man fragt sich, wie es in so kurzer Zeit zu dieser Leistungsexplosion kommen konnte. Man kann jetzt schon sicher sein, dass alle großen europäischen Vereine ihn im Visier haben, denn er ist für jede Mannschaft ein großer Gewinn, weil er durch seine Dribbelkünste und seine Schnelligkeit in der Lage ist, zwei, ja sogar drei Mann auf sich zu ziehen, die dann natürlich woanders fehlen. Er hat einen sensationellen Überblick und seine Vorlagen sind klug und präzise. Er ist jetzt schon ein einzigartiges Talent, und wie es aussieht, auch ein Talent, dass mit seinen Gaben nur auf dem Spielfeld verschwenderisch umgeht, dem der plötzliche Reichtum nicht so zu Kopf steigt wie Dembele, der mit seinen Starallüren nicht einmal für Barcelona tragbar ist, wo man ihn gerne wieder los werden würde. Auch diesmal hatte der BVB Sancho das alles entscheidende Tor zu verdanken, wenngleich nur durch ein an ihn begangenes Foul im Strafraum. Reus verwandelte den Elfer und schuf dadurch eine knappe Führung, die nur einmal durch einen an die Latte klatschenden Freistoßschuss gefährdet war. Auch diesmal wurde Alcacer erst spät für Götze eingewechselt, und auch diesmal gelang ihm in der Nachspielzeit nach Vorlage von Pisczcek das 2:0. Obwohl er zumeist nur 20 Minuten auf dem Platz steht, führt er die Torschützenliste an. Bayern siegt nun auch wieder, aber der Unbesiegbarkeitsnimbus ist verloren gegangen. In Bremen spielte man die letzten zehn Minuten auf Zeit, um die 2:1-Führung irgendwie über die Runden zu kriegen, die sehr glücklich durch einen Abpraller zustande kam, während Sahin nicht schnell genug war, um die Flanke von Müller zu verhindern.

Denn sie wissen, was sie tun. Mit Nazis reden?

Seit die AfD auf dem Vormarsch ist, zerbrechen sich die Intellektuellen über den Frustwähler den Kopf. Svenja Flaßpöhler schreibt in der SZ, »wir« sollten »uns nur kurz einmal vorstellen, wie man sich so fühlt, als ein Mensch, der elitefern in, sagen wir, Sachsen lebt, aus Frust AfD-Wähler ist und von linken Intellektuellen liest, die ihn als regressiv und blockiert, also im Grunde als geistig zurückgeblieben bezeichnen.«
Das Einfühlungsvermögen in den AfD-Wähler ist erstaunlich groß, größer jedenfalls als gegenüber dem Wähler einer anderen Partei. Man sieht in ihm einen gutwilligen Menschen, der niemandem etwas Böses will, dem aber keine Aufmerksamkeit zuteil wird. Politiker fordern auf fast hilflose Weise, ihn nicht verloren zu geben, und ignorieren dabei das ganz Offenkundige, nämlich dass die sogenannten »Wutbürger« keineswegs ihrer Wut über die soziale Lage Ausdruck verleihen wollen. Vielmehr spricht Ignoranz und Ressentiments aus ihrem Wahlverhalten. Argumente sind für den AfD-Wähler höchstens Lügen. Antworten erhält man von ihnen nicht, sondern nur eine vorgefasste Meinung. Diese geben sie auf Transparenten kund, deren Aussage nicht verhandelbar ist. Sie behaupten, keine Nazis zu sein, haben aber nichts dagegen, dass diese in der AfD den Ton angeben. Wenn Bernd Höcke im Kreise seiner »Kameraden« gegen Ausländer demonstriert oder öffentlich antisemitische Äußerungen von sich gibt, dann stört das den Wähler nicht, vielmehr sind das notwendige Voraussetzungen, um ihm die AfD sympathisch zu machen. Sie sagen, sie haben Angst vor den Ausländern. Aber nicht ihre Häuser werden von Ausländern angezündet, sondern die Unterkünfte von Flüchtlingen, und in den seltenen Fällen, in denen man den Tätern auf die Spur kommen konnte, waren es natürlich keine Nazis, sondern unbescholtene und um die Zukunft des Landes besorgte Bürger.
Es handelt sich also nicht um verlorene, verführte oder sonstwie manipulierte Menschen, sondern um Überzeugungstäter, die genau wissen, was sie tun und wollen, wenn sie die AfD wählen. Man sollte sie nicht für dümmer halten als sie in Wirklichkeit sein mögen. Der »Protestwähler« ist eine Chimäre, mit der man sich einreden kann, sie würden wieder CDU, SPD oder Grüne wählen, würde man nur die richtige Politik machen. Aber die gibt es nicht. Vielmehr scheint sich jede Regierungspartei automatisch zu desavouieren und das Hoch bei den Umfragewerten der Grünen hält vermutlich so lange an, wie sie in der Opposition sind. Mit Wahlversprechen ist der Wähler der AfD nicht zu ködern. Er wählt die AfD, auch wenn diese seine Interessen überhaupt nicht vertritt. Aus dem Wähler wurde ein durch seine Unzufriedenheit unberechenbar gewordener Reaktionär und Rassist, der in den USA Donald Trump ins Weiße Haus verholfen hat, weil der die Irrationalität ihres Lebens verkörpert und Rache am verhassten Establishment verspricht, dem er selbst angehört, wie auch die AfD-Politiker natürlich zum Establishment gehören. Selbst wenn diese Rache den eigenen Untergang bedeutete, würden sie sich keines Besseren belehren lassen, wie J.D. Vance das in »Hillbilly-Elegie« überzeugend beschrieben hat.
Man muss nicht an jeder Mülltonne schnuppern, um zu wissen, dass es daraus stinkt. Das wissen auch die Politiker und Intellektuellen, und dennoch spornen sie sich gegenseitig an, es zu tun. Sie sagen, dass eine polarisierte Gesellschaft nicht gut sei. Dabei ist sie keineswegs ein neues Phänomen, es fällt den Regierenden allerdings erst dann auf, wenn ihre Wählerbasis schwindet, weil es nur noch wenig Grund gibt, sie zu wählen, und zwar aus einem Motiv, das jeder kennt: man findet sich nicht mehr oder nicht genügend repräsentiert. Wie im Fußball hält sich jeder für einen Experten, der genau weiß, wie die Probleme zu lösen sind. Trump ist schließlich das lebende Beispiel dafür, dass auch Idioten einen Staat führen können, also auch man selbst.
Jahrzehntelang haben die Intellektuellen, die die gesellschaftliche Meinung dominiert haben, sich als Stichwortgeber für die Rechten betätigt, sie haben die nationale Identität befummelt und auch gute Seiten an ihr entdeckt, sie haben mit den Nazis reden wollen, obwohl die gar keinen Wert darauf legten, sie erfanden den Heimat- und Naturschutz, und Linke haben schon in den Achtzigern dafür plädiert, den unkontrollierten Zuzug von Ausländern zu stoppen, weil sie Angst davor hatten, dass in den Töpfen für Soziales weniger für sie übrig bleiben würde. Wie bei der SPD, die mit Hartz IV eine neoliberale Sozialpolitik durchboxte, wie sich das die CDU niemals getraut hätte, die ihr aber gut in den Kram passte, so bereiteten die Linken ideologisch vor, worauf die Rechten nur noch zurückgreifen mussten.
Vor diesem Hintergrund verpuffen die gut gemeinten Ratschläge von Svenja Flaßpöhler, alles daranzusetzen, »die Mündigkeit der Bürger und ihre Fähigkeit zum aufgeklärten, kontroversen Diskurs zu stärken«, weil der in solchen Predigten kaum zu überhörende pädagogische Formungswille das Gegenteil dessen bewirkt, was beabsichtigt ist, vor allem wenn der Schwafelgehalt so hoch ist, dass sich beim »Bürger« entweder Widerwille regen dürfte oder ihm resigniert die Augen zufallen.
Die Rechten können sich ausbreiten, so lange sie das Milieu vorfinden, das der Wähler ihnen bietet, und so lange man versucht, Verständnis für sie aufzubringen. Vielmehr kommt es aber darauf an, zu verstehen, wie sie ticken, denn dann wird schnell deutlich, dass Dialog für sie bedeutet, das Gegenüber zum Müllabladeplatz für krude Weltverschwörungstheorien zu machen. Warum sich also in den Frustwähler hineindenken wollen? Glaubt jemand ernsthaft, Leute in »demokratische Prozesse« einbeziehen zu können, die sich schon längst von ihnen verabschiedet haben. Warum nicht den Streit aushalten, die AfD auf Granit beißen lassen? Warum nicht sie ausgrenzen und isolieren, sondern sie hoffähig machen mit immer neuen Dialogangeboten? Vielleicht deshalb, weil die bürgerlichen Intellektuellen insgeheim wissen, dass von ihnen nicht allzuviel zu erwarten ist, wenn es hart auf hart käme? Adorno und Horkheimer verließen Deutschland 1932 deshalb, weil sie eine empirische Studie über das politische Bewußtsein von den sozialdemokratisch und liberal gesinnten Bürgern gemacht hatten und wussten, dass Widerstand von dieser Seite am wenigsten zu erwarten war. Die bloße Absichtserklärung, an »Werten festhalten« zu wollen, reicht nicht mehr aus. Wie Hannah Arendt schrieb, lehrt uns »der totale Zusammenbruch der ehrenwerten Gesellschaft während des Hitlerregimes, daß es sich bei denen, auf die unter Umständen Verlaß ist, nicht um jene handelt, denen Werte lieb und teuer sind und die an moralischen Normen und Werten festhalten; man weiß jetzt, daß sich dies alles über Nacht ändern kann…« Aber dann ist es bereits zu spät.

Die Wahrheit über den 12. Spieltag

Zum vierten Mal hintereinander konnten die Bayern nicht mehr zu Hause gewinnen. Nicht gegen Augsburg, als es an der Chancenverwertung haperte, nicht gegen Gladbach, nicht gegen Freiburg und jetzt nicht mal mehr gegen den Vorletzten Düsseldorf. Dabei wurde wie zuletzt in Dortmund deutlich, dass die bis vor kurzem noch als unüberwindliches Bollwerk geltende Abwehr mit Hummels, Boateng und Süle plötzlich löchrig wie ein Paar alter Socken ist und mit spritzigen jungen Leuten nicht mehr mitkommt. Der Alptraum Boatengs hieß Lukebakio, von dem bis zu diesem Tag nicht allzuviele Leute gehört haben dürften, wenn sie nicht zufällig Fortuna-Fans sind. Gleich drei Tore steuerte er zum 3:3-Endstand bei, und jedes Mal sah Boateng nicht gut aus. Zu abwartend, zu langsam, zu unbeteiligt, und vermutlich beißen sich Rummenigge und Hoeneß gegenseitig in den Hintern, dass man diesen Brillenwerbeträger nicht Anfang der Saison nach Paris hat ziehen lassen, als jemand für ihn noch etwas ausgegeben hätte. Dennoch waren die Bayern spielerisch überlegen, und vermutlich sprachen alle Werte für sie, sie führten bis zur 75. Minute mit 3:1, und eigentlich hätte nichts mehr passieren dürfen, und noch bis zu Beginn der Saison wäre auch nichts passiert, weil jede Mannschaft im eigenen Strafraum verharrend auf den finalen Todesstoß gewartet hätte. Aber die Bayern-Krise hat sich herumgesprochen, vielleicht auch die Erkenntnis, dass die Chancen zu verlieren nicht größer werden, wenn man stürmt, aber immerhin dann die Chance besteht, einen oder auch drei Punkte mitzunehmen. Und wenn man bei den Bayern schon kein Glück bei der Chancenverwertung hat, dann kommt auch noch Pech in Form von Unvermögen hinzu, wie in der 93. Minute, als Hennings einfach den Ball Richtung Bayern-Tor schießt, zufällig genau in den Lauf von Lukebakio, der auch noch als Höchststrafe Neuer durch die Beine schießt. Die Stimmung bei den Bayern war hervorragend. Nico Kovac war sauer und total enttäuscht. Und Hoeneß will alles im Verein auf die Waage stellen, nur sich selbst nicht, was er aber mal dringend tun müsste. Er würde eine Überraschung erleben. Kovac, der von Hoeneß bis zuletzt noch unterstützt wurde, steht zur Disposition und hat nur noch eine Gnadenfrist bis zu nächsten Spiel morgen gegen Lissabon. Inzwischen haben die Bayern neun Punkte Rückstand auf Dortmund, keine Differenz, die beunruhigen müsste, aber dazu müsste man erstmal wieder in Spur kommen, aber das »Siegergen«, von dem man in München immer triumphierend gesprochen hat, ist zerbröselt. Den Dortmundern kanns nur recht sein. Sie haben jetzt den bislang von Barcelona nur ausgeliehenen Alcacer verpflichtet, und weil er der beste von der Bank kommende Torschütze ist, wird er immer nur eingewechselt. So auch im Spiel gegen zuletzt und auch diesmal wieder stark aufspielende Mainzer, die es den Dortmundern nicht einfach machten und phasenweise die Schwarzgelben in deren eigene Hälfte pressten. Und wieder war Sancho der Dosenöffner, der einen präzisen Steilpass auf Reus spielte. Plötzlich frei auf den Mainzer Torwart zulaufend, brauchte er nur noch quer auf Alcacer zu spielen, und nach dem Ausgleich kurz danach, gelang Piszczek mitten im Gewühl am Sechszehner ein Glücksschuss in den Winkel, womit die Dortmunder das Glück zu sich gelockt haben, das sich von den Bayern abgewendet hat. Vielleicht ist Bayern einfach zu lange zu souverän von Sieg zu Sieg geeilt, mit einem Nimbus, der die Gegner im vornherein einschüchterte, die darauf bedacht waren, nur nicht zu hoch zu verlieren. Vielleicht rächt sich das jetzt, während Dortmund für jeden Sieg sich abstrampeln muss. Immerhin ist das mal weniger langweilig, weshalb fast alle Fußball-Fans die Spiele von Dortmund gucken wollen.

Die Wahrheit über den historischen 11. Spieltag

Der Ex-Knacki und Bayern-Boss Hoeneß stapelte vor der Begegnung beim BVB tief, um die Außenseiterposition seiner Mannschaft zu unterstreichen, denn ihm war klar, dass nur aus dieser Position heraus sich vielleicht etwas mitnehmen ließ, ganz abgesehen davon, dass angesichts der letzten Bayern-Spiele Optimismus nun gar nicht angesagt war. Die Bedeutung dieser Begegnung war für die Bayern immens, denn dieses Spiel hätte ihnen das verlorene Selbstvertrauen, das laut Hoeneß 50% der Leistung eines Spielers ausmacht, wieder zurückbringen können, es hätte die Mannschaft mit einem Schlag wieder zurück in die Erfolgsspur bringen können, aber es half alles nichts, denn jetzt steht Bayern vor seinem eigenen zerstörten Nimbus, der mit sechs hintereinander gewonnenen Meisterschaften nunmehr wie ein Alp auf der Mannschaft und dem Verein liegen dürfte. Jedenfalls hoffe ich das stark, denn sonst wird es langsam langweilig. Sollte der Trend anhalten, könnte es tatsächlich mal eine spannende Meisterschaft werden. Die Bayern fingen zwar wie in alten Tagen erstaunlich überlegen an, setzten Dortmund schwer unter Druck, dem vor allem der für Delaney in die Mannschaft gerückte Weigl überhaupt nicht gewachsen war, aber die großen Torchancen hatte Reus, der dem völlig indisponierten Hummels den Ball wegspitzelte und allein auf Neuer zulief, um dann, weil er zuviel Zeit hatte zu überlegen, ob er schießen, lupfen oder abgeben sollte, prompt die falsche Entscheidung traf. Das 1:0 war von den Bayern fein herausgespielt und die Flanke von Gnabry mit dem dann klassisch verwandelten Kopfball von Lewandowsky war kaum zu verteidigen, weil alles millimetergenau stimmte. In dieser Phase bestand das größte Verdienst des BVB darin, nicht in Hektik zu verfallen, was vor allem an Witsel lag, der in jeder Situation die Ruhe und den Überblick behielt. In der zweiten Hälfte kam Dahoud für Weigl, der mehr Offensivpower ins Spiel der Dortmunder brachte, und jetzt zeigte sich, dass die Bayern offensiv in die Bredouille zu bringen waren, vor allem, weil Neuer bei einer Steilvorlage zunächst zögerte, um sich danach Reus so in den Weg zu werfen, dass der zwar noch den Ball vorbeispitzeln konnte, aber nicht verhindern konnte, mit Neuer zu kollidieren. Der Elfer war so glasklar, dass es nur dem Bayern-Manager Salihamidzic einfallen konnte, ihn als ungerechtfertigt zu bezeichnen. Aber nur ein paar Minuten später war es wieder Lewandowsky, der aus einer unübersichtlichen Strafraumszene heraus den Ball auf den Kopf bekam und ins Tor bugsierte. Dann überschlugen sich die Ereignisse, denn wieder vergab Reus alleinstehend vor Neuer, ebenso der für Götze eingewechselte Alcacer, so dass einem langsam das Gefühl beschlich, das Bayern-Tor könnte von teuflischen Kräften vernagelt worden sein, bis schließlich Reus ein Flanke von Sancho auf höchsten Niveau per Direktabnahme versenkte und damit aus keiner Chance ein Tor machte. Der Siegtreffer durch Alcacer war dann wirklich traumhaft herausgespielt, nachdem Sancho am eigenen Sechszehner den Ball Ribéry abluchste, der Ball dann im One-touch-Stil präzise und in Höchstgeschwindigkeit nach vorne getrieben wurde, wo Alcacer nach einer genialen Vorlage von Witsel den Ball elegant über den herausstürzenden Neuer zum Siegtreffer lupfte. Lewandowsky gelangen zwar noch zwei Treffer, einer davon in der 95. Minute, aber beide wurden aus einer Abseitsposition heraus erzielt. Ein großartiges Spiel, von dem man noch lange wird zehren können, mit einem verdienten Sieg, der nach der 2:0-Niederlage bei Atletico Madrid am Dienstag nicht unbedingt zu erwarten war. Sinnbildhaft für dieses Spiel war, wie Sancho Hummels den Ball abknöpfte und ihm leichtfüßig enteilte. Hummels sagte anschließend, er hätte Schwindelanfälle gehabt wegen einer Erkältung, aber so richtig intelligent hörte sich die Ausrede nicht an. Jetzt haben die Dortmunder sieben Punkte Vorsprung vor den Bayern. Der neue Verfolger heißt jetzt Borussia Mönchengladbach. Die haben nur vier Punkte Rückstand, nach einem 3:1-Sieg in Bremen. So kanns gerne weitergehen.

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Die FAS war voll des Lobes über das Dortmunder Spiel in Wolfsburg und sah den unbedingten Willen zu gewinnen am Werk, eine erfrischende Offensive und einen nie nachlassenden Torhunger, auch wenn das Spiel schon entschieden ist. Angesichts des mageren und in einigen Situationen durchaus gefährdeten 1:0-Sieges sieht die Bewertung ein wenig optimistisch aus, denn auch wenn Wolfsburg nie wirklich vorne gefährlich war, sie waren ansonsten durchaus in der Lage mitzuhalten und vor allem in der Verteidigung standen sie sicher, ohne einfach nur zu mauern. Immerhin war Alcacer fast unsichtbar und Sancho hatte in Roussillon einen Gegenspieler, der genauso schnell war, weshalb das neue englische Wunderkind irgendwann auf die andere Seite auswich und von dort auch die entscheidende Flanke schlug, die Delaney neben das Tor geköpft hätte, wenn nicht zufällig Reus in der Nähe gestanden wäre und nur den Kopf hinhalten musste. Ein Zufallstreffer also, wie das ja meistens der Fall ist, wenngleich man dem Zufall natürlich ein wenig auf die Sprünge helfen kann. In der Schlussphase, als Wolfsburg gezwungen war, alles auf eine Karte zu setzen, ergaben sich dann zwar noch zwei Großchancen, aber sowohl Reus als auch Bruun-Larsen vergaben sie alleinstehend, weil sie zu viel Zeit hatten darüber nachzudenken, wie sie den Ball am besten verwerten könnten. Das Spiel war also kein Selbstläufer, sondern durchaus ein Spiel auf Augenhöhe, was bei Wolfsburg etwas erstaunt, denn vor der Niederlage gegen den BVB hatten sie mit jeweils drei Siegen, Niederlagen und Remis eine ausgeglichene, also eher mittelmäßige bis durchwachsene Bilanz. Wenn man also nach der Statistik geht, wäre Wolfsburg kein Gegner gewesen, den man hätte fürchten müssen. Trotzdem hat der BVB gut gespielt, aber man merkt so langsam die Belastung der englischen Wochen. Man kann eben nicht immer auf einem so hohen Niveau spielen wie gegen Athletico Madrid, wo der BVB letztlich auch mit Glück gewonnen hat. Und auch die Rotation birgt Gefahren, wie man im Pokal gegen Union gesehen hat, als man erst am Ende der Nachspielzeit durch einen Elfer die Partie für sich entscheiden konnte. Die Erfolgswelle, auf der der BVB also gerade schwimmt, ist eine wackligere Angelegenheit, als manche annehmen. Der zweifellos mutige Schritt des BVB, die Mannschaft derart radikal umzumodeln, scheint aber erstmal gelungen zu sein, und zwar erstaunlich schnell, was die Rede vom langdauernden Prozess einer Neuformierung ad absurdum führt. Und umgekehrt kann man ebenso schnell wieder aus einem Formtief kommen. Damit haben Real Madrid und Bayern gerade zu kämpfen, die nach einer langen Erfolgsphase eine überalterte Mannschaft nicht rechtzeitig verjüngt haben. Jetzt schalten sich sogar Spielerfrauen ein und mäkeln an der Arbeit von Kovac herum, in diesem Fall von Müller, dessen Einwechslung in der 70. Minute spöttisch als lang überfälliger »Geistesblitz« kommentiert wurde. Zu Hause nach einer 1:0-Führung gegen Freiburg noch den Ausgleich hinnehmen zu müssen, öffnet in einem Verein wie Bayern alle Türen für Neid, Missgunst und Häme. Dass Kovac das jetzt ausbaden muss zusammen mit den ziemlich lächerlichen Drohungen der langsam selber ein wenig überalterten Vereinsführung gegen eine den Bayern angeblich übel gesinnte Presse, ist hart, aber nicht wirklich etwas, dass einen Tränen in die Augen treibt.

Die Wahrheit über den 9. Spieltag

Irgendwann musste es so kommen. Das Glück, das den BVB in den letzten Wochen begleitet hatte, war aufgebraucht, aber dass es sich ausgerechnet im Spiel gegen Hertha abwendete, war doch etwas bitter, weil man nicht gern gegen einen Club verliert, der dafür wirbt, dass man in Berlin »alles« sein darf, sogar Fan von Hertha BSC. Diesmal haben die Blauweißen in der Nachspielzeit das Spiel noch gedreht durch einen von Zagadou verursachten Elfmeter, als er sich mehr als ungeschickt in einem eigentlich schon gewonnenen Zweikampf gegen Selke anstellte. Aber auch das erste Tor der Hertha war einem krassen Fehlpass von Dahoud geschuldet, bei dem Piszczek seinen Anteil hatte, weil er dem Pass nicht entgegen lief, was für die Spielweise der Dortmunder eher ungewöhnlich ist. Und dann gab es auch noch die Erbsenzähler in Köln, die per Videobeweis ein wunderschönes Hackentor von Sancho aberkannten, weil Reus mit der Fußspitze im Abseits gestanden haben soll. Würden sich diese Leute immer so akribisch einmischen, käme überhaupt nichts mehr zustande. Durch solche absurden Entscheidungen arbeiten sie hart daran, das schöne Spiel zu zerstören. Aber selbst das war nicht unbedingt allein entscheidend für das schmeichelhafte 2:2 der Hertha, die zwar ungewöhnlich konzentriert und präzise spielten, also über ihre Möglichkeiten, was die meisten Vereine tun, wenn sie gegen Dortmund spielen, entscheidend war, dass die Dortmunder einige Großchancen versiebten, wie z.B. Guerreiro, der allein vor Jarstein es mit einem Lupfer probierte und scheiterte, oder Bruun Larsen, der ungehindert eine flache Hereingabe nicht verwerten konnte. Mit diesen Treffern wäre die Partie entschieden gewesen, aber so kam es, wie es kommen musste, nämlich dass dem ansonsten überragenden Zagadou ein Patzer unterlief. Aber nach der letztlich auch glücklichen 4:0-Gala gegen Athletico Madrid kann man nicht erwarten, dass es immer so weitergeht, wichtig ist nur, dass der BVB gerade so ziemlich den attraktivsten Fußball in Europa spielt. Das anerkannte sogar Simeone, dessen Job als Trainer von Athletico nicht gerade darin besteht, hingerissen vom Spiel die Dortmunder über den grünen Klee zu loben. Eine schlechte Figur machte nur der BVB-Chef Watzke, der in einem Interview mit dem Sportstudio sich in selbstgefälliger Bescheidenheit übte und auf unangenehme Weise alles schon vorher gewusst haben wollte, vor allem aber dadurch unsympathisch erschien, weil er in merkwürdiger Unterwürfigkeit das absurde Medien-Bashing der Bayern-Bosse unkommentiert ließ und einem dabei das Gefühl beschlich, dass er dem autoritären Zusammenstauchen der Medien im Stile des bayrischen Alleinherrschers Franz Josef Strauß durchaus etwas abgewinnen konnte. Und in diesem Stil würde vermutlich auch Watzke gerne regieren, umgeben von ein paar Beratern, mit denen es »wahnsinnig Spaß macht«, kontrovers zu diskutieren. Die hässliche Seite des Fußball als bloße Vermarktungsmaschine wird dabei nur noch von einer anderen häßlichen Seite gestört, nämlich den Hooligans, die im Hertha-Block sich mit der Polizei prügelten, wobei diese Fans, die sich prügeln müssen, weil sie sonst nichts mehr spüren, gleichzeitig gebraucht werden, weil sie in den Worten Wolfgang Pohrts »so was wie der Dreck sind, an welchem der Saubermann zeigen kann, dass er einer ist«. Diesmal durfte Michael Preetz in dieser Rolle brillieren.

Die Wahrheit über den 8. Spieltag

Vier Spieltage waren die Bayern sieglos geblieben. Dafür gibt es vermutlich alle möglichen Gründe, wie z.B. die Überalterung des Kaders, Verletzungspech, vielleicht schlechte Stimmung. Man steckt nicht drin, aber ein Grund dürfte es sicherlich nicht gewesen sein, nämlich die Presse, weil sie so schlecht über die Bayern schreibt. Bislang haben sich die Profis nicht durch intellektuelle Anstrengung hervorgetan, vielmehr sind sie eben schnell beleidigt, weil sie sich als Millionäre und durch ihren Status als Stars unantastbar fühlen und mindestens eine Hofberichterstattung erwarten, was häufig ja auch der Fall ist. Hoeneß und Rummenigge haben ihren schlechten Ruf noch etwas vertieft und auf einer Pressekonferenz zu verstehen gegeben, dass sie es als Majestätsbeleidigung ansehen, wenn »herabwürdigend«, ja sogar »Menschenverachtend« über den Verein und die Spieler berichtet wird. Damit konfrontiert, dass Hoeneß auch nicht gerade zimperlich ist und andere Spieler schon mal als »geisteskrank« bezeichnet hat, suchte Hoeneß Zuflucht in der hochkochenden Emotionalität unmittelbar nach dem Spiel, auch wenn der »Scheißdreck«, den jemand gespielt haben soll, schon eine Stunde lang vorbei war. Und Rummenigge berief sich gar auf Artikel 1 des Grundgesetzes und jeder noch so gewogene Reporter muss vor Scham angesichts dieser Peinlichkeit in den Erdboden versunken sein. Jedem dürfte klar gewesen sein, dass dieses Manöver – ganz wie Mourinho das immer gemacht hat – dazu diente, die Aufmerksamkeit auf den Vorstand zu lenken, um die Spieler aus den Fokus zu nehmen. Und das hat dann ja auch geklappt, denn die Bayern gewannen ziemlich souverän in Wolfsburg mit 3:1, was sie allerdings vermutlich auch getan hätten, hätte es die Pressekonferenz nicht gegeben, auf der Rummenigge sich über die »faktische« Berichterstattung beschwerte. Und das ja auch irgendwie zu recht, denn würde jeder immer nur die Fakten referieren, wäre die Langeweile vollkommen. Für die Fakten gibt es das Fernsehen, wo man mit eigenen Augen immer noch unterschiedliche Fakten wahrnimmt, aber wenn man schon liest, will man ein bisschen mehr erfahren. Denn was macht schließlich den Fußball aus? Das Theater, die Ausraster, die Beschimpfung, die ungerechtfertigten Anschuldigungen und niemand weiß das besser als Hoeneß, der immerhin schon mal spielsüchtiger Börsenspekulant war und jetzt auch noch eine lächerliche Figur aus der Muppetshow. Das Erstaunliche ist nur, dass solche Figuren einen so umsatzträchtigen Verein wie Bayern führen, aber gerade weil das so ist, können sie sich gar nicht lächerlich genug machen, denn wären sie nicht durch ihren Status geschützt, könnte man sie auch für einen Fall für die Anstalt halten. Aber in jedem Fall hatte die Show einen großen Unterhaltungswert, und zwar auch deshalb, weil die bitteren Vorwürfe der beiden Chefs, dass viele der Pressevertreter sie gerne verlieren sehen würden, so herzzerreißend waren. Und man fragt sich bereits, was noch zu erwarten sein wird, wenn die Bayern wieder verlieren sollte. Der BVB jedenfalls kann dem absurden Theater entspannt zusehen. Mit 4:0 gewann man diesmal in Stuttgart, ausnahmsweise mal in der ersten Halbzeit, wo man mit einem 3:0 schon frühzeitig alles klar machte, während man die ersten 15 Minuten der 2. Halbzeit mit Glück überstand, als die Schwaben so nett waren, allergrößte Chancen zu versieben.

The Most Dangerous Game. Die rekonstruierte Bibliothek in Silkeborg

Der Pop-Theoretiker Greil Marcus hat in seinem Buch »Lippenstiftspuren« die flüchtigen, im Verborgenen verlaufenden Linien von Ideen und Bewegungen nachgezeichnet, die im letzten Jahrhundert sich an die Arbeit der Zerstörung der Gesellschaft machten. Die Situationistische Internationale war für ihn eine der Linien, die eine ideale Verlaufsform hatte, denn als eine Hand voll Künstler die Situationistische Internationale im Juli 1957 in einem kleinen Bergdorf in Ligurien gründete, nahm außer im Kosmos der avantgardistischen Kunst kaum jemand Notiz davon, und dieser Kosmos war sehr klein, denn in der damals noch überall spürbaren Nachkriegszeit kam der nicht etablierten Kunst höchstens eine Nischenexistenz zu. Die Fäden zu den künstlerischen Bewegungen der Vorkriegszeit waren zerrissen und der Zivilisationsbruch verhinderte es, dass man einfach weitermachen konnte als wäre nichts geschehen. Da gab es den Surréalisme Révolutionnaire junger belgischer Aktivisten, die dänischen Künstlerverbände Host und Helhesten, die niederländische Experimentele Groep, die internationale Vereinigung CoBrA, das Movimento internazionale per una Bauhaus immaginista u.a., die Fragen gegenüber offen waren, wie man sich gegenüber der Gesellschaft positionieren konnte, wie man ihre Veränderung betreiben oder sie gar abschaffen konnte, ohne selbst Teil des Kunstbetriebs zu werden, den man kritisierte. Mit dieser Quadratur des Kreises beschäftigte sich vor allem der theoretische Kopf der künstlerischen Avantgarde Guy Debord intensiv, ohne den Widerspruch wirklich auflösen zu können. Dennoch machte Debord immer wieder auf die Récupération aufmerksam, auf die Befriedung und Vereinnahmung revolutionärer, widerständiger Energie, auf die integrierende Kraft des Spektakels. Phantasie und Kreativität, mit denen man im Mai 68 der repressiven Gesellschaft zu Leibe rücken wollte, wurden kurze Zeit später zum festen Bestandteil der Werbung.
Man kann aber auch noch weiter zurückgehen, bis 1952, als ein paar trinkfeste und aus Heimen geflohene Jugendliche aus der lost generation, Künstler und übel beleumundete Personen die Lettristische Internationale gründeten, eine Linksabspaltung der von Isidor Isou ins Leben gerufenen Lettristen. Die damals im Verborgenen auftauchenden Ideen, die aus der prekären Existenz der Beteiligten entstanden, das Umherschweifen als Methode der psychogeographischen Erforschung der Stadt, die »Konstruktion von Situationen« u.a. wären vielleicht untergegangen, wenn Guy Debord sie nicht der flüchtigen Existenz entrissen hätte, wenn er sie nicht weiter entwickelt hätte in Potlatch und im späteren Organ der SI Internationale Situationniste. Von diesen Ideen nahm lange niemand Notiz und erst mit dem Beginn der Unruhen Mitte der sechziger Jahre, wurden sie immer mehr rezipiert und zum theoretischen Handwerkszeug derjenigen, die nach Antworten suchten, die außerhalb des politischen Meinungsspektrums lagen. Die Theorie wurde zur Gewalt, wie Marx sich das erträumt hatte.
Inzwischen ist die Situationistische Internationale schon lange zu einem musealen Gegenstand geworden, zu einem Objekt zahlreicher Ausstellungen, aber da die SI nur wenig hinterlassen hat, was üblicherweise als Kunst verstanden wird, erweist sie sich auch heute noch als sperrig, was für Kuratoren mit Anspruch und Ambition aber eher als Herausforderung begriffen wird. Wolfgang Scheppe, der mit »Migropolis«, einem zweibändigen »Atlas der globalen Situation« über Venedig, ein beeindruckendes Werk in die Welt gesetzt hat, Roberto Ohrt, der SI-Kunstexperte in Deutschland, und Eleonora Sovrani, haben versucht, ihre Ausstellung anders zu konzipieren als das bislang der Fall war. Im Zentrum der Ausstellung steht ein 1961 von Debord und Jorn gefasster Plan, eine Bibliothèque situationniste zusammenzustellen mit Büchern, Manifesten und Dokumenten nicht nur der SI, sondern von allen Gruppen und Initiativen, mit denen die SI in Verbindung stand. Debord, dem schon früh klar war, dass nur über ein Archiv der Nachruhm zu sichern war, fertigte ein detailliertes Exposé an und schickte auch vieles an das von Jorn ins Leben gerufene Kunstmuseum in Silkeborg, wo das Projekt jedoch nicht weiter verfolgt wurde. In den letzten 20 Jahren wurde eine Rekonstruktion dieser Bibliothek vorgenommen, und die bildet nun einen Schwerpunkt des »Most dangerous game«, das zwar nicht mehr gefährlich ist, aber immerhin eine neue Idee in die Ausstellungsgeschichte der SI bringt.
Mit der Ausführung des Konzepts allerdings verlangen die Aussteller dem Besucher eine Menge ab und man darf bezweifeln, dass der Betrachter sich darauf einlassen wird. Die Filme, die Zeitschriften in den Vitrinen, die Gemälde und Fotos sind ohne jeden Hinweis auf Titel, Urheber oder Hintergrund. Will der Besucher etwas verstehen, muss er einen 900-Seiten-Wälzer im Merve-Format zu Rate ziehen. Die ersten 400 Seiten bieten eine als »Tafeln« bezeichnete unsystematische Collage vermutlich aus den Dokumenten, die für die Bibliothek in Silkeborg rekonstruiert wurden. Auf den folgenden 500 Seiten werden die Dokumente in den Vitrinen und die Bilder und Fotos an den Wänden mit Namen, Entstehungsjahr und Urheber aufgelistet, und zu manchen Dokumenten gibt es eine ausführliche Legende, aus der man häufig sehr aufschlussreiche Dinge erfährt, die bislang weniger bekannt waren, weshalb man – will man über die ausgestellten Dokumente etwas erfahren und sie nicht nur betrachten – dazu genötigt wird, den Ausstellungsziegelstein mit sich herumzuschleppen. Manchmal aber verliert sich auch ein Beitrag im typisch bedeutungsheischenden Kuratorensprech, wo man sich gerne im Nebel unnötiger Abstraktionen und theoretischer Konstruktionen umgibt, der undurchdringlich ist und lediglich eine Distanz zum Betrachter dokumentiert und letztlich die Ausstellungsmacher die schlechte Tradition derjenigen fortsetzen, deren Werke man zu würdigen glaubt.

Ausstellungskatalog: Wolfgang Scheppe, Roberto Ohrt, The Most Dangerous Game, Merve, Berlin 2018

Chaos im Hause Johne Fantes

Die Frau ist schwanger und alles andere als glücklich, denn sie wohnt in einem großen Haus und ist müde von der vielen Arbeit, aber sie will sich auch nicht helfen lassen und sagt auf das Angebot ihres Ehemannes nur: »Faß mich nicht an. Untersteh dich.« Und auch jede andere harmlose Bemerkung kommentiert sich beleidigt, sarkastisch, abweisend. Sie fragt sich verzweifelt, warum sie diesen Trottel bloß geheiratet hat. »Ich blieb still und lächelte dümmlich, weil ich es auch nicht wusste, aber ich war sehr froh, dass sie es getan hatte.« Das Kind wird ein Junge, aber einen Jungen will die Frau nicht: »Die sind ekelhaft. Aller Ärger der Welt kommt von denen.«
Es geht also um etwas sehr Existenzielles, um eine ausgemachte eheliche Krise, dennoch kommt das Buch ganz und gar nicht schwer, deprimierend oder niederschmetternd daher, sondern leicht, spritzig und sehr lustig, denn der Autor ist John Fante, der wie meist über sich schreibt, diesmal aus der Perspektive des angehenden Vaters, der sich mindestens sieben Kinder wünscht, während seine Frau sich das nie wieder antun will, was seinem Projekt aber keinen Abbruch tut.
John Fante, der kleine Bandini-Junge, der unter ärmlichsten und ziemlich harten Bedingungen in einer italienischen Einwanderer-Familie aufgewachsen ist, hat es geschafft. Er hat von seinem ersten Roman 2300 Exemplare verkauft, von seinem zweiten 4800 und seinem dritten 2100. Nichts, wovon man als Autor leben könnte, aber dafür zahlt Hollywood für Drehbücher mit dicken Schecks. Eine Frau, ein Haus und Kinder sind die logische, unausweichliche Folge dieses Geldsegens, aber im Leben des John Fante heißt das noch lange nicht, dass kleinbürgerliche Ruhe einkehren würde, und solche Krisen können John Fante nicht umhauen, denn aus seiner Kindheit ist er ganz anderes gewöhnt. Doch seine Frau Joyce in der Küche durch den termitenzerfressenen Holzboden kracht, nimmt die ganz normale Krise doch noch eine andere Dimension an, denn John Fante kommt auf die Idee, einen Handwerker im Ruhestand mit der Reparatur des Fußbodens zu beauftragen. Dummerweise ist dieser Handwerker sein Vater, der den Beruf seines Sohnes nicht versteht und immer noch hofft, der würde mal was Anständiges lernen, in das Heimatstädtchen zurückkommen und sich dort niederlassen. Und als sich der Vater schließlich entschließt, seinem Sohn im weit entfernten Los Angeles zu helfen, werden das Chaos und die Hektik noch viel größer als das sowieso der Fall war, denn nicht etwa wird der Fußboden repariert, sondern der Vater baut stattdessen einen überdimensionierten und nutzlosen, aber wunderschönen Steinkamin, und als die ersten Wehen einsetzen, schreit sein Vater ständig nach heißem Wasser, seine Frau will ganz schnell getauft werden und Fante versucht am Telefon den Arzt zu überreden, ganz schnell zu kommen.
John Fante ist ein grandioser Autor mit einem ausgeprägten Sinn für Humor und Witz und wie diese am besten in den Dialogen zur Geltung kommen. Man merkt, dass Fante als Drehbuchautor gearbeitet hat, und auch wenn er nur Verachtung für seinen Brotjob übrig hatte, er konnte es sich in seinen Drehbüchern nicht erlauben, seine Figuren vor sich hin labern zu lassen. Und er beachtete eine wichtige Regel im Schriftstellerberuf: er schrieb nur über das, worin er sich auskannte, nämlich über seine eigene Biografie. Und er hat nie über etwas anderes geschrieben. Und dennoch war er nie sicher. »Ich fand jede Zeile, die ich schrieb, nur durchschnittlich.« Und genau dieser Zweifel an sich machte aus ihm einen großen Schriftsteller, und man muss Bukowski auf Knien danken, dass er die Leute mit der Nase darauf gestoßen hat.

John Fante, »Voll im Leben«, aus dem Amerikanischen von Doris Engelke, Maro Verlag, Augsburg 2018, Pb, 160 Seiten, 18.- Euro