Kategorie-Archiv: Der Verleger empfiehlt

Wie ticken die Anhänger von Donald Trump

Es gibt wenig Gründe, das Buch eines Mannes in die Hand zu nehmen, der sich selbst als »modernen Patrioten« bezeichnet, wie J.D. Vance das tut in seinem New York Times Bestseller über die Frage, wie der mittlerweile berühmte weiße Arbeiter in den Vereinigten Staaten tickt, noch dazu eines Mannes, dem jedesmal die Tränen kommen, wenn er Lee Greenwoods kitschige Hymne »Proud to be an American« hört, auf die es doch keine bessere Replik gibt als das schöne »Proud to be an asshole vom El Paso« von Kinky Friedman.
Aber das Buch »Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise« von J.D. Vance gehört zu einem der besten Sachbücher in diesem Jahr. Dass der Autor sich erst auf S. 219 zu den patriotischen Werten seines Landes bekennt, hätte ich ihm normalerweise übel genommen, in diesem Fall muss man dankbar sein, weil man sonst um einen tiefen Blick in die psychische Struktur des Hillbillys gekommen wäre, die einem der Autor auf sehr präzise und sehr unterhaltsame Weise nahebringt. Er kann das deshalb so gut, weil er selbst diesem merkwürdigen Menschenschlag entstammt und in einer Hillbilly-Familie die Hölle durchlaufen hat, die die meisten Leute zu Verlierern prädestiniert und der zu entkommen es kaum eine Chance gibt.
Das Buch ist keine soziologische Analyse und nur hin und wieder zitiert der Autor eine meistens aufschlussreiche Statistik, die seine Beobachtungen und Erinnerungen belegen. J.D. Vance beschreibt einfach, wie er als Kind aufwächst und was er erlebt. Und das, was er erzählt, spricht für sich. Man muss keine zehn Semester Soziologie studiert haben, um zu begreifen, dass Leute mit diesem biografischen Hintergrund nicht allzuviele Chancen haben, um ihrem traurigen Leben zu entfliehen. Hillbilly ist der Hinterwäldler, der in einer ländlichen, gebirgigen Gegend wie den Appalachen wohnt, nicht viel zu sagen hat, und wenn, dann mit einem kaum verständlichen Dialekt, der Whiskey trinkt und schnell zur Waffe greift. Hier befindet sich das Kernland der Waffenlobby.
Viele Menschen zogen in den Siebzigern und Achtzigern in Industrieregionen auf der Suche nach Arbeitsplätzen. Die Familie des 1984 geborenen J.D. Vance verschlug es nach Middletown in Ohio, und wie der Name schon sagt, in eine Gegend, die so austauschbar war wie der Stadtname, den es in fast allen Bundesländern gibt. Als der Manufacturing Belt zum Rust Belt, also zum verrosteten alten Eisen wurde, das in besseren Zeiten dort einmal verarbeitet wurde, saßen viele Menschen, die in solche Städte wie Middletown gezogen waren, fest. Ihre noch nicht abbezahlten Häuser waren plötzlich nichts mehr wert, woanders hinzuziehen, war nicht mehr so einfach, also blieb man und sah der Erosion der Stadt zu.
Diese Verwandlung von ehemals blühenden Städten in moderne Ruinen wurde nirgends so sichtbar wie in Detroit. Die sozialen Folgen sind in jeder Beziehung dramatisch, aufschlussreich aber ist vor allem die psychologische Veränderung, die bei den Einwohnern solcher Regionen vonstatten geht. Und hier entfaltet das Buch die Qualitäten, die auch in Eribons »Rückkehr nach Reims« zu finden sind. Aus Männern, deren Ethos in einem harten Arbeitstag in der Stahlindustrie besteht, die daraus ihr Selbstwertgefühl ziehen und die stolz sind auf die von ihnen geleistete Arbeit und ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft, werden zu Deklassierten, die jede Arbeit nach kurzer Zeit wieder hinwerfen, die kapitulieren und egal in welcher Angelegenheit dem Staat die schuld geben. Die Folge davon ist jedoch nicht ein sozialrevolutionärer Prozess, sondern was sich hier herausbildet, ist eine zutiefst reaktionäre Gesinnung. Aus dem weißen Arbeiter als Stütze einer funktionierenden Gesellschaft, der die Demokraten wählte, wird ein durch seine Unzufriedenheit unberechenbar gewordener Reaktionär und Rassist, ein Wähler von Donald Trump, weil der die Irrationalität ihres Lebens verkörpert und Rache am verhassten Establishment verspricht. Und selbst wenn diese Rache den eigenen Untergang bedeutete, würde man noch zu ihm halten, obwohl Trump das komplette Gegenteil ihrer Interessen vertritt. Und genau in dieser Zeit des Umbruchs ist J.D. Vance aufgewachsen und hat wie ein Seismograph die kleinen und großen Erschütterungen wahrgenommen, die sich direkt auf sein Leben auswirkten.
Wahrscheinlich hätte J.D. Vance das gleiche Schicksal ereilt wie so viele andere, die vor dem Alkoholismus, der Gewalt und dem Elend, die sie umgeben, nicht mehr herausfinden, wenn ihm »Mamaw«, seine Großmutter, nicht den Halt und die Sicherheit gegeben hätte, die seine »Mom« ihm nicht bieten konnte, denn die hatte ein Drogenproblem und ständig wechselnde Partner, ein Phänomen, das nirgends sonst auf der Welt so weit verbreitet ist wie bei amerikanischen Arbeiterfamilien. Und die daraus entstehenden Konflikte sind so unfassbar bizarr, dass man nur ungläubig den Kopf schütteln kann und sogar lachen muss, weil solche Geschichten ein Licht auf Personen werfen, auf die Vance nie verächtlich herabblickt.
So erzählt er, wie auf einer Autofahrt aus nichtigem Anlass ein Streit zwischen ihm und seine Mutter eskaliert, wie seine Mutter am Straßenrand anhält, um ihn zu verprügeln, wie er quer über die Felder zu einem Haus rennt und die dort in einem Swimmingpool liegende Frau um Hilfe anfleht, wie diese sich mit ihm im Haus verbarrikadiert, wie die außer Rand und Band geratene Mutter die Tür eintritt, um ihn herauszuholen, wie die Frau die Polizei anruft, die die unzurechnungsfähige Mutter schließlich abführt, wie Vance schließlich vor Gericht seine Mutter entlasten muss, damit sie nicht hinter Gitter kommt, was gleichzeitig bedeutet, dass das Schreckensszenario weitergeht. Wie seine Mutter eine Urinprobe von ihm fordert, weil das Gesundheitsamt ihre Drogenabhängigkeit überprüfen will. Wie seine Großeltern nach einem Gottesdienst mit vorgehaltenen Schusswaffen jedes Auto durchsuchen, das den Parkplatz verlassen will, weil sie glauben, ihr Enkel sei von einem »Perversen« entführt worden, dabei ist der Enkel nur auf der Kirchenbank eingeschlafen.
Von dieser Art sind die Episoden, die auf das Klima aus Familienstreit und Gewaltexzesse, befeuert von Alkohol, ein Licht werfen und deutlich machen, wie prädestiniert die Karrieren sind, die Menschen in diesem Umfeld einschlagen: früh Kinder kriegen, Drogen und Alkohol, Gefängnis. Umso erstaunlicher, dass der Autor es trotzdem geschafft hat, dass er in der angesehenen Yale-University schließlich Jura studierte und inzwischen als Investor arbeitet. Oder vielleicht auch nicht so erstaunlich, denn er geht, weil ihm nichts besseres einfällt, nach der Schule zum Militär. Und der Drill, dem er während der Grundausbildung unterliegt, macht aus dem übergewichtigen, pummeligen, antriebslosen Jüngling einen Menschen, der nach seiner Militärzeit weiß, was er will und der es auch mit einem neu erwachten, angestachelten Ehrgeiz auch schafft. Aus J.D. Vance wird ein Mann, der ein Ziel vor Augen hat und es schließlich auch erreicht, eine Familie zu gründen, ein Haus, einen guten Job und eine tolle Frau zu haben, denn das ist es letztlich, was den Menschen offenbar antreibt. Es ist nicht die Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit, womöglich sogar nach einer Revolution, sondern es ist home sweet home, weil Menschen wie J.D. Vance das immer vermisst haben.
Das Militär als Erziehungsanstalt und die Familie als Glücksversprechen war schon immer die meist letzte Zuflucht der Verlierer, und das ist ziemlich deprimierend, aber es würde nichts nützen, dieses Phänomen einfach zu ignorieren, denn immerhin haben zumindest in diesem Fall diese Institutionen dazu beigetragen, dass jemand sich in seinem Leben erfolgreich zurechtfindet, der zwar Investor geworden ist, aber auch ein großartiger Buchautor, der eindringlich und überzeugend zu beschreiben versteht, wie verloren und depressiv dieser deklassierte weiße Arbeiter ist, aber auch wie wenig er sich unterkriegen lässt.

J.D. Vance, »Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise«, Ullstein, Berlin 2017

Den Zeitgeist bombardieren mit “Hundert Zeilen Hass”

Maxim Billers Kolumnen »Hundert Zeilen Hass«, die von November 1987 bis Mai 1999 in »Tempo« erschienen und nun gesammelt als »Tempo-Buch« im Hoffmann und Campe Verlag wieder aufgelegt wurden, habe ich damals schon gelesen, und schon damals war ich ziemlich beeindruckt vom Sound, die die Kolumnen durchwehten, von der Treffsicherheit und der Eleganz, mit der jemand auseinander genommen wurde, von der polemischen Wucht, die durchaus Mut erforderte, weil da jemand ohne Rückversicherung zu schreiben schien und sich eine Menge Feinde machte, nicht nur im gerontokratischen Feuilleton, das die Deutungshoheit im Literaturbetrieb innehatte, sondern auch unter Leuten, die man bei flüchtiger Betrachtung für seine Verbündeten halten konnte. Biller hatte die hohe Kunst des Kolumnierens neu erfunden, indem er alle Register zog und auf einer Klaviatur spielte, die sich Oldschool-Kolumnisten von selber verboten, weil sie altbackene Wahrheiten feilboten, die sie schulmeisterlich und ohne Witz ausbreiteten.
Er war ernst und präzise, wenn es sein Gegenstand erforderte, er schüttete Häme und Spott aus, wenn der Gegner es verdiente, er machte sich über sich selbst lustig und relativierte eine steile These und ließ damit dem Leser, der sich gerade über irgendeine offensichtliche Ungerechtigkeit aufregen wollte, gekonnt die Luft raus, er überraschte mit feinen rhetorischen Finten, immer neuen Ideen, was nicht wenig ist bei 140 Kolumnen, und er wusste genau, wann es angebracht war, auf einen groben Klotz einen groben Keil zu setzen.
»Hundert Zeilen Hass« ist eines der lustigsten und kurzweiligsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, und das, obwohl es von einer Zeit handelt, die zwar noch gar nicht so lange zurückliegt, die aber aus heutiger Sicht irreal, absurd und fast schon irgendwie verwunschen und rätselhaft wirkt, wie eine Übergangszeit, die schließlich zu der totalen Verfügbarkeit aller Informationen und damit zu deren Entwertung führte. Oder erinnert sich noch jemand an die Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, vor der die Redakteure antanzen mussten, wenn mal ein Artikel über den von ihr persönlich gepachteten »deutschen Widerstand des 20. Juli« erschien, der diesen nicht in den leuchtendsten Farben erstrahlen ließ, und die tatsächlich an Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker« monierte, er würde »den mehr oder weniger verstummten Antisemitismus wieder neu beleben«, indem er ihn aufzeigte?
Ich weiß nicht, ob dieses damals weit verbreitete Argument Biller entgangen ist, denn ich hätte gerne seinen Kommentar dazu gelesen, aber auch ohne diesen dezidierten Schwachsinn, den die Dönhoff damals von sich gab und den erstaunlicherweise niemand skandalös zu finden schien, bringt seine Beschreibung der »grauen Eminenz« genau auf den Punkt, woran der Journalismus damals krankte: »Ihre Leitartikel sind moralische Tagesbefehle, Belehrungen und Bekehrungen – immer von oben herab, aber nie aus geistiger Höhe … Die große Pfäffin Dönhoff schreibt wie ein Kind: naiv, uninspiriert und schematisch.« Und das traf es wirklich sehr genau, wenn man sich noch ein wenig an die aus Gemeinplätzen bestehenden Artikel erinnert.
Aber wer kennt diese »Lese-Ödnis« noch? Könnte also sein, dass es für in den Achtzigern geborene Leser nur das halbe Vergnügen ist, auf der anderen Seite muss man solche Gespenster heute auch nicht mehr kennen, um trotzdem Vergnügen an den Kolumnen zu empfinden, denn sie haben ihren Gegenstand überlebt, sie glänzen noch in ihrer Geschliffenheit und Frechheit, während die unerbittlich voranschreitende Zeit ihr Kreuz über Frau Dönhoff gemacht und sie dem Vergessen überantwortet hat.
Oder über den ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, den sogar Eingeweihte für ein »aufgeblasenes Nichts« hielten, »für einen Kriecher, einem Nach-unten-Treter, einen Repräsentationsgeilen«: »Es ist nicht egal, dass Kurt Waldheim hässlich ist wie die Nacht. Dass seine abstehenden Ohren und seine lange Nase in bester Nosferatu-Manier sein Äußeres dominieren. Dass seine Augen feige-kalt leuchten und ihn überhaupt eine recht gespenstische Hofburg-Aura umgibt. Das ist, im Gegenteil, gut! … Schade nur, dass Deutschland nicht auch so einen Waldheim-Zombie hat, irgendeinen unsympathischen Kerl, einen echten Nazi-Jenseitigen, der die Leute permanent an ›damals‹ erinnern würde.«
Wenn man schon denkt, dass es vielleicht nicht so klug ist, sich über das Aussehen eines Mannes lustig zu machen, der doch als Nazi so viel auf dem Kerbholz hatte, dass die Äußerlichkeit wie eine Nebensache erscheint, kommt plötzlich die überraschende Volte in der Argumentation. Und so könnte man noch hunderte Stellen zitieren als Belege für Billers Humor, seine Schärfe, seine Präzision, sein Aufbrausen, Stellen, die ich alle angestrichen habe und die die Besprechung locker auf das Zehnfache des geplanten Umfangs bringen würde, wollte ich sie alle aufzählen.
Aber zumindest ein paar Leute sollen noch erwähnt werden, wie z.B. Heiner Müller und seine »quasselig-sophistische DDR-Borniertheit« oder der »bayerische Parvenü mit Hundesalonbesitzer-Charme« Franz Beckenbauer, der »sehr pomadige Schauspieler« Ulrich Tukur mit dem »Talent eines Max Headroom«, wobei das allerdings jetzt ein wenig in die Irre führt, denn Biller wollte kein Gruselkabinett von Vollidioten anlegen, vielmehr sind die Invektiven immer ein Beleg für einen Zustand in der Gesellschaft und der Psyche der Deutschen, für den aufkommenden Rassismus in der Zone nach der Wiedervereinigung, für das Versagen der Linken vor dem »fahnenschwenkenden Siegestaumel« und dem »teutonischen Nationalismus« und natürlich immer wieder für den Antisemitismus, der nach dem neuen Bericht der Bundesregierung aktuell bei 24 Prozent liegt.
Man kann also die Kolumnen auch lesen wie ein Buch über die neuere Geschichte Deutschlands, in dem einem heute einiges immer noch sehr bekannt vorkommt, wie z.B. die Rede vom »Ausländerproblem« und der »Überfremdung unserer Gesellschaft«, und es überrascht manchmal, dass schon damals die Diskussion über diese Themen erbärmlich war. Da macht es einem dann auch gar nichts aus, dass man nicht unbedingt immer einer Meinung mit Biller ist und das auch nicht sein muss, wie z.B. in der Beurteilung der berühmten Aussage Heiner Geißlers, der »die Pazifisten der 20er und 30er Jahre für Auschwitz mitverantwortlich« gemacht hatte. Biller kritisierte sie und beteiligte sich an der allgemeinen Erregung, die Geißler damit in der Öffentlichkeit hervorrief, muss dabei jedoch ignorieren, dass nicht nur die Appeasementpolitik dazu beigetragen hat, Hitler freie Hand zu lassen, sondern auch die »deutsche Friedensbewegung« für Hitler gestimmt hat, d.h. er nimmt die Friedensbewegung genau in dem Augenblick in Schutz, als diese gerade die Nation für sich wieder entdeckt hat. Aber diese Schlachten sind geschlagen, sie heute wieder aufzuwärmen wäre lächerlich.
Maxim Biller war damals ein Einzelkämpfer, ein Guerillero, der darauf achtete, dass er kein Bündnis mit potentiellen Verbündeten und Verwandten im Geiste einging, denn er wollte sein Alleinstellungsmerkmal nicht verlieren. Vieles aber, was man in seinen Kolumnen lesen kann, erinnert einen an Autoren wie Wolfgang Pohrt, Eike Geisel, Christian Schultz-Gerstein oder Wiglaf Droste.
Das sind keine schlechten Referenzen. Seine Verdienste um die Aufklärung dessen, was die Deutschen Ende der Achtziger und in den Neunzigern quälte werden dadurch nicht geringer. Dieses Buch sollte man in der Henri-von-Nannen-Schule zur Pflichtlektüre machen. Vielleicht würde man dann wieder etwas lieber zu einer der Zeitungen greifen, die die so vollkommen mainstreamgebürsteten Absolventen solcher Ausbildungsstätten durch ihre forsche und selbstbewusste Ahnungslosigkeit immer unlesbarer machen.

Maxim Biller, »Hundert Zeilen Hass«, Tempo Bücher im Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2017, 400 Seiten

Systematische Fehler

Wie kann es sein, fragten 1983 amerikanische Generäle die Israelis, dass sie ihre Kriege gewännen, die Amerikaner mit ihrer Bilanz hingegen schlecht aussähen, vor allem, weil man ja die gleichen Waffen und die gleiche Ausrüstung benutzen würde. Wenn es also daran nicht liegen würde, woran dann? Schließlich versuchte man der Frage auf den Grund zu gehen, wie die Israelis ihre Soldaten für die jeweiligen militärischen Einheiten auswählten. Bislang hing das von der Intuition der Befrager ab, in welche Abteilung ein Rekrut gesteckt wurde, aber dann fand jemand heraus, dass das genau das Problem war: Menschen, die die Persönlichkeit anderer Menschen beurteilen sollten. Gelang es, das Bauchgefühl des Befragers auszuschalten, wurde die Einschätzung besser. Diese Entdeckung gelang dem Psychologen und späteren Nobelpreisträger Daniel Kahnemann, der damit, wie Michael Lewis in der Biographie »Aus der Welt« über ihn schreibt, »mehr für die israelische Armee getan hat als jeder andere Psychologe vor und nach ihm«.
Aus heutiger Sicht mag das erstaunlich klingen, weil man den Sachverhalt automatisch aus der Retrospektive betrachtet, d.h. man ist aus heutiger Sicht weiter und deshalb auch klüger, aber in den siebziger Jahren fing man eben erst an, sich Gedanken um das Wie beim Zustandekommen von Entscheidungsprozessen zu machen. Aber unabhängig davon ließe sich auch sagen, dass hierarchische Entscheidungsstrukturen beim Militär für einen Soziologen wohl kaum etwas neues waren, genauso wenig wie die Einsicht, dass die Häufigkeit von Fehlentscheidungen umso höher ist, je weniger es eine Instanz gibt, die einen Entscheider korrigiert. Und dieser Gedanke beschleicht einen immer wieder bei der Lektüre des Buches, z.B., wenn es um die Frage der häufigen Fehlentscheidungen in der Medizin geht, die natürlich damit zusammenhingen, dass die damals noch als »Götter in Weiß« geltenden Ärzte ihre Diagnosen immer als unumstößlich ansahen und sie jeden Zweifel an ihrer Autorität als Beleidigung auffassten, während erst in einigen Tests darauf hingewiesen werden musste, dass viele Ärzte häufig eine unterschiedliche Diagnose über ein- und dasselbe Geschwür stellten.
Aber Daniel Kahnemann und sein Kollege Amos Tversky, mit dem er jahrelang eng zusammenarbeitete, begnügten sich eben nicht mit der Frage, warum das so war, sondern boten auch eine Lösung, wie sich die Fehler im System minimieren ließen, auf die Statistiken immer wieder hinwiesen. Und dazu musste man wissen, wie der Mensch Entscheidungen trifft, wie er »tickt«, es ging darum, das Gedächtnis zu verstehen, warum beispielsweise das Denken dazu neigt, einen kleinen Ausschnitt mit dem Ganzen zu verwechseln. Und dass es so ist, wiesen die beiden Psychologen durch Befragung und kleine Versuchsanordnungen nach.
Und das, was sie dabei herausfanden, zog nicht wenige Prämissen vieler Wissenschaftsdisziplinen in Mitleidenschaft. »Es ist erstaunlich«, hatte Amos Tversky einmal gesagt, »wie langweilig Geschichtsbücher sind, wenn man bedenkt, wie viel davon Fiktion ist.« Die Interpretation von Geschichte, so die These, unterliegt »Verzerrungen«. Davon zeugte eine Befragung von Studenten, die den überraschenden Staatsbesuch Nixons in China 1972 anhand verschiedener möglicher Antworten beurteilen sollten. Nach dem Staatsbesuch wurden die Probanden wieder befragt, und »nachdem sie das Ergebnis kannten, hielten sie es sehr viel vorhersehbarer als im Moment ihrer Prognose«, weshalb dieses Phänomen den Namen »Rückschaufehler« erhielt. Dass der Mensch Fehler macht, darüber wird sich niemand streiten, das Faszinierende und vielleicht Bahnbrechende an den Forschungen von Kahnemann und Tversky war die Tatsache, »dass wir vorhersehbare und systematische Fehler machen«. Die Menschen wurden als rational entscheidende Wesen vorausgesetzt, die sie jedoch nicht sind. Die beiden kamen zu einer anderen Beurteilung der menschlichen Natur und waren deshalb in der Lage, auch in anderen Wissenschaftsbereichen als unumstößliche Wahrheiten geltende Prämissen in Frage zu stellen.
Der Bestsellerautor Michael Lewis hat lange Zeit recherchiert und in Archiven geforscht, er hat Gespräche mit Kahnemann (sein Partner Tversky war zu diesem Zeitpunkt bereits an Krebs gestorben) und Interviews mit Kollegen, Freunden und Familienangehörigen geführt, und eine fundierte, eingängig zu lesende und niemand überfordernde Biografie der beiden Psychologen geschrieben. Er hat dabei nicht nur ihre wissenschaftlichen Befunde ausgebreitet, für die Kahnemann dann 2002 den Nobelpreis bekam, sondern auch das Verhältnis der beiden gewürdigt, die vielleicht, gerade weil sie in ihrem Naturell so unterschiedlich waren – der eine Holocaustüberlebender und skeptisch gegenüber sich selbst, der andere in Israel geboren, selbstbewusst und eloquent -–, sich auf kongeniale Weise ergänzten.
Manchmal sieht es allerdings so aus, als ob Lewis seinem Gegenstand zu nah war, als dass er noch den nötigen Abstand hätte herstellen können, der notwendig ist, um sich seinem Untersuchungsgegenstand noch kritisch nähern zu können. Darauf jedenfalls lassen seine häufigen Verweise auf die Genialität der beiden schließen. Dass sie jedoch so erfolgreich waren, hing nicht allein an ihrer Genialität, sondern auch daran, dass ihre Forschung auf einen Nutzen ausgerichtet war, die viele Verbesserungen zur Folge hatte. Sie hatten, wenn man so will, die Pionierarbeit geleistet für das, was heute Algorithmen leisten, die menschliche Denkfehler weitgehend ausschließen.

Michael Lewis, »Aus der Welt. Grenzen der Entscheidung oder: Eine Freundschaft, die unsere Denken verändert hat«, Campus, Frankfurt 2017. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und Sebastian Vogel

Auf dem Datenweg zu Gott. Über “Homo Deus” von Yuval Noah Harari

Dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari ist bereits mit dem in 40 Sprachen übersetzten Buch »Eine kurze Geschichte der Menschheit« ein Weltbestseller gelungen. Nun hat er aller Voraussicht nach mit »Homo Deus. Eine Geschichte von morgen« einen zweiten geschrieben, denn Harari weiß das Bedürfnis der Leser nach einer Draufsicht aufs Ganze und nicht nur auf einen Aspekt, im Plauderton geschrieben, hervorragend zu befriedigen. Und ja, es ist intelligent, scharfsinnig und manchmal sogar überraschend witzig, wie die durchweg begeisterten Kritiker auf der ganzen Welt ihm attestieren, denn er eröffnet einen ganz anderen Blick auf Geschichte, und er wagt nun sogar einen Ausflug in die Zukunft.
Hararis Prämissen sind die drei Hauptfeinde der Menschheit, Hunger, Krieg und Seuchen. Die seien nun überwunden und das belegt er mit Zahlen, denen zufolge mehr Menschen Selbstmord begehen als von Soldaten, Terroristen und Kriminellen umgebracht zu werden. Für den Durchschnittsmenschen stellt Coca-Cola oder Zucker »eine weitaus größere Gefahr dar als al-Qaida«. Zwischen 1692 und 1694 beispielsweise, also in nur zwei Jahren, verhungerten in Frankreich ca. 2,8 Millionen Menschen, also rund 15 % der Bevölkerung, heute hingegen gibt es »keine ›natürlichen‹ Hungersnöte mehr auf dieser Welt, sondern nur politische«. An dem überall gefürchteten SARS starben weltweit keine 1000 Personen, während im Mittelalter die Pest die Weltbevölkerung um 75 bis 200 Millionen Menschen dezimierte.
Nachdem der Mensch seine Hauptfeinde besiegt hat, steht nun der Kampf gegen den Tod, das Streben nach Glück und nach einer gottähnlichen Existenz auf der Agenda des Menschen. Der Tod ist für die moderne Wissenschaft laut Harari nur »ein technisches Problem«, und wir befinden uns bereits auf dem Weg dorthin, denn die Menschen werden immer älter. Das vollkommene Glück hingegen hat seine Tücken, denn das Erreichen dieses Zustandes bedeutet Antriebslosigkeit, das genaue Gegenteil dessen, was man benötigt, um Gott werden zu können, eine irgendwie ganz anders geartete Existenz, die durch Algorithmen und freien Datenfluss möglich werden soll. Zwar soll man Hararis Szenarien nicht als Prognosen verstehen, sondern als Möglichkeiten, aber dennoch wird deutlich, dass er dieser Entwicklung gerne freien Lauf lassen würde. »Warum wuchsen die USA schneller als die UdSSR? Weil die Information in den USA freier floss.« Die Menschen können schon lange nicht mehr die ungeheuren Datenströme bewältigen und werden davon auch nicht klug, weshalb man die Datenverarbeitung den Algorithmen überlassen sollte, die alles auf »natürliche Weise« regeln. An dieser Stelle erweist er sich als Anhänger von Airbnb und Uber, die auf dem Weg zu Gott jede Menge Existenzen zerstören werden, weshalb dieses Streben danach vor allem eins ist, ein Prozess, an dem nur eine Elite wird teilhaben können, und gegenüber diesem Prozess werden sich sämtliche vergangenen Epidemien, Hungersnöte und Kriege vermutlich harmlos ausnehmen.

Elliot Pauls wunderschönes Porträt von Paris

Am 22. August 1927 wurden die Anarchisten Sacco und Vanzetti, »ein redlicher Maurer und ein armer Fischverkäufer«, im Bundesstaat Massachusetts wegen eines Raubüberfalls, den sie nicht begangen hatten, hingerichtet. Der Prozess, der sich sieben Jahre lang hinzog, war einer der ersten, der eine riesige Solidarisierungswelle für die Angeklagten auf der ganzen Welt auslöste.
Damals lebte der amerikanische Journalist Elliot Paul in der Pariser Rue de la Huchette, einer kleinen Seitenstraße des Boulevard St. Michel ganz in der Nähe der Seine. Er fühlte sich zutiefst einsam und schämte sich, denn die Leute aus dem Viertel hatten sich in einer kleinen Bar getroffen und warteten auf die Bestätigung des Todesurteils. Ein Austernverkäufer, ein Milchhändler, der »sanfte kleine Jean«, die Bordellbetreiberin Mariette, die »ganz in schwarz gekleidete« Magistratsangestellte Hortense Berthelot und eine »versoffene Alte, die glaubte, sie singe wie Yvette Guilbert«. Alle warten gebannt auf Nachrichten, bis der Barbesitzer von einem Telefonapparat an der Ecke zurückkommt, um die Hinrichtung der beiden zu bestätigen, während eine empörte Menschenmenge auf dem Boulevard de Sébastopol gußeiserne Laternenpfähle herausriss und Schaufenster von Geschäften zertrümmerte. Das war zu einer Zeit, als die Dritte Republik sechs neue Kriegsschiffe bauen ließ, ständig seine Friedensabsichten bekundete, einen Kriegsächtungspakt mit den Vereinigten Staaten abschloss und die spanische Republik den Faschisten überließ. Aber die Leute in der Rue de la Huchette waren nicht so leicht hinters Licht zu führen: »Wenn man so viel vom Frieden redet, dann bekommen wir bestimmt wieder Krieg«, sagte der Barbesitzer und er hatte recht.
Von diesem Einfluss großer Politik und großer Ereignisse auf das Leben kleiner Leute berichtet auf großartige Weise das zu unrecht als »Roman« annoncierte Buch Elliot Pauls »Das letzte Mal in Paris«, denn es sind eher Erzählungen und Reportagen. 1942 erschienen kam es zwei Jahre später unter dem etwas pittoresken Titel »Die kleine Gasse« auch auf deutsch im Exilverlag Bermann-Fischer in Stockholm heraus. Der Maro Verlag hat den zu unrecht vergessenen Elliot Paul wieder entdeckt und in der leider etwas zu zurückhaltend überarbeiteten Übersetzung von Ludovica Hainisch-Marchet wieder aufgelegt.
Elliot Paul war einer der amerikanischen Schriftsteller und Journalisten, die es wie Hemingway Anfang der zwanziger Jahre nach Paris zog. Er arbeitete damals für die internationale Ausgabe der »Chicago Tribune«, gab das Literatur-Journal »Transition« heraus, war mit James Joyce befreundet und Gertrude Stein eng verbunden. Anfang der dreißiger Jahre lebte er ein paar Jahre lang zurückgezogen auf Ibiza, bis ihn der Bürgerkrieg in Spanien zwang, wieder nach Paris zurückzukehren, wo er ein völlig verändertes, politisch unerträgliches Klima vorfindet, weil die Rechten sich im Aufwind befinden. Als sich ein deutscher Panzer in der Rue de la Huchette verirrt, wird es für Elliot Paul Zeit, sein geliebtes Paris zu verlassen und nach Amerika zurückzukehren. Er arbeitet für Hollywood, schreibt Drehbücher, u.a. für »Rhapsody in Blue«, und tritt manchmal in der Umgebung von Los Angeles als Pianist auf, um sich über Wasser zu halten. 1958 stirbt er und hinterlässt ein umfangreiches Werk.
Elliot Pauls Beobachtungen des Pariser Lebens auf den Straßen erinnert von Ferne an Franz Hessels Spaziergänge in Berlin, aber Elliot Paul ist näher an den Leuten, er sieht sich nicht bloß als distanzierter Beobachter, er ist politisch wach und steht sozialem Unrecht nicht gleichgültig gegenüber. Der Zufall führt ihn 1923 zum ersten Mal in die Rue de la Huchette, zu einer Zeit, als »es einem noch vergönnt war, ein wenig in den Tag hineinzuleben«. Er verliebt sich in die Gasse und die dort lebenden Menschen, die er in den folgenden Jahren porträtiert. So lässt er in kurzen Kapiteln ein Panorama entstehen, das von unschätzbaren Wert ist, wenn man wissen will, unter welchen konkreten Bedingungen die Bewohner des Viertels leben mussten, was sie arbeiteten, wie sie wohnten, welche politische Einstellung sie hatten und welche Gewohnheiten sie pflegten. Elliot Paul gewährt einen Blick hinter die Vorhänge des Privaten. An jenem Tag »hockten Männer, Frauen und Kinder auf dem Bürgersteig und den Schwellen ihrer Haustüren und brummten ärgerlich, wenn sie zur Seite gehen mussten, um ein Taxi vorbeizulassen«. Man erfährt, dass viele Pariser sich Katzen nur halten, um sie irgendwann zu verspeisen und dass sie sich mit dem abgezogenen Katzenfell warm reiben, weil ihre Wohnungen nicht beheizbar sind.
Man bekommt einen lebendigen Eindruck, wie ärmlich, provinziell, sparsam, scheu, wie engstirnig, aber auch wie großzügig und manchmal auch trinkfest die Menschen in dieser schmalen Gasse waren, wo das Bureau de Police kein Auto besaß, aber immerhin ein Telefon, wo das große Palaver in den Bars nie verstummte, bevor die Deutschen über die Stadt herfielen. Elliot Paul sind die Menschen dort über die Jahre ans Herz gewachsen, und das merkt man. Er verliebt sich in die junge Schauspielerin Hyacinthe, die ihm wunderschöne Briefe nach Ibiza schreibt, und obwohl erfolgreich, hört sie nicht auf den Rat ihres Freundes, bleibt in Paris und findet den Tod.
Ein Buch, in dem man sich gerne verliert, nicht nur, weil eine bizarre und schon lange untergegangene Welt wieder lebendig wird, sondern auch, weil man erfährt, wie sich die politischen Wirren im Alltag der kleinen Welt der Rue de la Huchette niederschlugen.

Elliot Paul, »Das letzte Mal in Paris«, 400 Seiten, 20.- Euro, Maro Verlag, Augsburg 2016. Aus dem Englischen von Ludovica Hainisch-Marchet

Harry Rowohlts letzte Briefe

Die Briefe von Harry Rowohlt gehören zum lustigsten, das die literarische Welt in Deutschland zu bieten hat. Zwei Bände sind bereits zu Rowohlts Lebzeiten erschienen, nun ist »Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe Bd. III« gerade auf den Markt gekommen. Das Brief-Genre ist eigentlich nicht besonders hoch angesehen ist. Jedenfalls nicht beim großen Publikum. Und in der Regel ist es ja auch so, dass die nachgelassenen Briefe von Schriftstellern eher das Interesse von Literaturhistorikern bedienen und das leider zu recht, denn häufig verströmen solche Briefbände alles andere als Charme und Witz. Es gibt wenig Autoren, die im Bewusstsein ihres Nachruhms das Schreiben von Briefen – heute ja sowieso eine ausgestorbene Form der Kommunikation – als eigenständige Kunstform betrachtet haben. Hunter S. Thompson war so jemand, und das schon in jungen Jahren. Er schrieb an Verwandte und Bekannte, nicht bloß um sich mitzuteilen, sondern um sein Leben auf einer anderen Ebene und mit anderen Mitteln fortzuschreiben, was eine gewisse Hybris voraussetzt und den unbedingten Glauben an sich selbst. Aber während Hunter Thompson ein Poltergeist war, der auf brachiale, aber auch auf sehr kunstvolle und originelle Weise schimpfen konnte, bevorzugt Harry Rowohlt den hintergründigen Witz, die Pointe, die sich erst nach einer seiner Abschweifungen, für die er berühmt ist, erschließt. Das heißt aber nicht, dass er in seinen Urteilen nicht vernichtend sein konnte, wenn ihm jemand auf die Nerven ging.
Auf eine Anfrage der Grünen, für sie Wahlkampfwerbung zu machen, antwortete er 2005: »Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als daß ich auch nur eine Sekunde lang die Grünen unterstütze.« Die Grünen hätten sich diese kleine Invektive ersparen können, wenn sie nicht einfach wahllos Promis angeschrieben, sondern recherchiert hätten, wofür Harry Rowohlt steht. Dann hätten sie herausgefunden, dass er es mit der Linken hielt und Joschka Fischer nicht ausstehen konnte. Er hasste es, wenn jemand seinen Status als Promi ausnutzen wollte.
Manchmal war es auch schlechte Erfahrung, aus der er versuchte klug zu werden, indem er wunderbare kleine Ablehnungsschreiben verfasste. »Für Gerstenberg habe ich schon mal was übersetzt und davon nur durch Zufall erfahren. Diese Zusammenarbeit reicht mir völlig. Wenn Sie das Buch zurückhaben wollen: Bis Samstag 14 Uhr liegt es in meinem Papierkorb.« Oder die Antwort auf eine Anfrage des SWR: »Mir ist plötzlich klar geworden, daß ich eigentlich gar keine Lust habe, am 6. Mai früh aufzustehen, um mir die immer gleichen Fragen stellen zu lassen.« Oder an die Redaktion »Season«: »Danke für die Anfrage. Ich habe m.W. noch nie eine Frauenbiographie gelesen. Nicht mal eine geschrieben.«
In seiner herzlichen Abneigung gegenüber seinen Übersetzerkollegen Hans Wollschläger lief er zur Hochform auf: »Der verehrte Kollege Wollschläger – und wenn ich ›verehrt‹ sage, meine ich ›verehrt‹, denn wenn es jemandem gelingt, sich vom als knausrig bekannten Suhrkamp Verlag fast zehn Jahre lang (andere Leute lernen in der Zeit Englisch) für seine Ulysses-Übersetzung alimentieren zu lassen, ist er jeder kollegialen Verehrung würdig – konnte nicht nur kein Englisch, er weigerte sich auch, es zu lernen«, denn Wollschläger hatte »›a bottle of pop‹ (= kohlensäurehaltiges Erfrischungsgetränk) allen Ernstes in seinem weithin strahlenden Schwachsinn und ohne jedes Unrechtsbewußtsein mit ›eine Flasche Popcorn‹ übersetzt.«
Sprachliche Nachlässigkeit ging ihm gehörig gegen den Strich, vor allem, wenn man seine Ahnungslosigkeit auch noch wie eine Monstranz vor sich her trug. Darüber erzählt er in einem Brief an seinen Verleger Peter Haag und sofort entsteht eine witzige Anekdote: »›Wenn heute jemand was will, bringe ich ihn um‹, habe ich gesagt, und dann war es Frau Dingsbums von dpa, die sagte: ›… und denn können Sie mir ja zumindestens sagen …‹, und ich sagte: ›Entweder ‘mindestens‘ oder ‘zumindest‘; ‘zumindestens‘ gibt es nicht‹, und fortfuhr: ›Wenn Sie mir trotz meines Sprachfehlers …‹, und ich hätte fast gesagt: ›‘Trotz‘ regiert den Dativ, und ein Sprachfehler ist, wenn man lispelt‹, aber sie kam dann zur Sache: ›Also Sie wohnen schon ganz lange in Eppendorf.‹ ›Ja.‹ ›Und sind verheiratet.‹ ›Ja.‹ ›Und was machen Sie so beruflich?‹ Und dann, aber auch erst dann, habe ich gebrüllt.«
Auf der anderen Seite konnte er auch vorbehaltlos begeistert sein, wenn ihm mal eine originelle Frage gestellt wurde, wie das Frau Verena Schmitz von der »Schwäbischen Post« einmal getan hat: »Herr Rowohlt, Sie schrieben einmal, bei Schwäbisch ziehe sich Ihnen das Skrotum zusammen. Isch des im Augebligg au dr Fall?«
Das Schöne an Harry Rowohlts Briefen ist, dass man immer Neues erfährt und deshalb auch klüger wird. Damit ist es nun vorbei, denn Harry Rowohlt ist im Juni 2015 gestorben. Und deshalb muss man seine Briefe ganz langsam lesen, sie genießen wie guten irischen Whiskey, damit man möglichst lange etwas davon hat.

Harry Rowohlt, »Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe III«, Kein & Aber, Zürich 2016, 342 Seiten, 20.- Euro

Die misslungene Entnazifizierung

Den ehemaligen stern-Reporter Niklas Frank hat das Thema NS sein Leben lang verfolgt. Und das ist kein Wunder, denn als Sohn von Hans Frank, der zwischen 1939 und 1945 Generalgouverneur von Polen war und 1946 hingerichtet wurde, konnte er seiner Vergangenheit nicht entfliehen, zu monströs war für Niklas Frank die Tatsache, dass er von zwei Monstern abstammte, die sich als Herrscher über »minderwertiges« Leben und Tod aufspielten. Die meisten Kinder von NS-Prominenten haben die Schuld ihrer Eltern relativiert und verdrängt. Niklas Frank hingegen hat schonungslos gegenüber sich selbst seinen Hass auf seinen Vater publik gemacht. »Der Vater. Eine Abrechnung« hieß sein 1987 erschienenes und im stern vorabgedrucktes Buch, das die Gesellschaft stark in Wallung geraten ließ und das ihm wahrscheinlich mehr Anfeindungen einbrachte als seinem Vater, der als »Schlächter von Polen« bekannt wurde.
Immer wieder hat Niklas Frank mit unversöhnlicher Kritik des NS und seiner Mitläufer das Trauma seiner Kindheit bearbeitet. Er ist einer der wenigen, denen man nachsehen muss, dass er das nicht mit einem historisch-distanzierten Blick tun kann. Niklas Frank hat in seinem neuen Buch »dunkle seele feiges maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizierungsprozess reinwaschen« den Blick auf das große Herausreden der Nazis gerichtet und das Präsens im Untertitel zeigt an, dass für Frank die Geschichte der »Feigheit«, die er in seinem Buch dokumentiert, nicht zu Ende ist. Er sieht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Nazis, die nicht zu dem standen, was sie getan hatten, und der geistigen Verfassung der Täter, die Asylbewerberheime anzünden und ihre politische Heimat bei der AfD gefunden haben.
3 660 648 Entnazifizierungsakten in den alten Bundesländern gibt es. Niklas Frank hat in zahlreichen Archiven wahllos Akten durchgesehen und ist immer auf das selbe gestoßen: Auf Dokumente der Niedertracht und Dummheit, die er unermüdlich und mit großer Empörung kommentiert, obwohl sich der Schrecken dadurch nicht steigern lässt.
Im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv sagte der Archivar: »Bei mir werden Sie nur Widerständler finden«, denn als solche haben sich die Deutschen in der Nachkriegszeit stilisiert. An dieser Einstellung sind schon Kriegsreporterinnen wie Martha Gellhorn verzweifelt, denn nirgends konnte sie auch nur einen Nazi entdecken.
Die Dokumente sind aber auch von unfreiwilliger Komik, wenn sich Belastete mit den absurdesten Argumenten aus der Verantwortung stehlen wollen, so ähnlich wie das Vernehmungsprotokoll von Adolf Eichmann, das Hannah Arendt gelesen hat und dabei laut lachen musste. Aber auf 584 Seiten ist die Lektüre deprimierend und kaum auszuhalten. Die fremdenfeindlichen 20 % der deutschen Bevölkerung, die hier in einen Spiegel sehen könnten, werden das Buch kaum lesen und es ist schade, dass man sie nicht dazu verurteilen kann, diese Anklageschrift Wort für Wort zu lesen, sie zu konfrontieren mit der jämmerlichen Wirklichkeit ihres xenophobischen Daseins.

Niklas Frank, »dunkle seele feiges maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizierungsprozess reinwaschen«, Dietz Verlag, Bonn 2016, 584 Seiten, 29.90 Euro

Reise in ein fremdes Land

Um es gleich vorwegzunehmen: Dieses Buch ist sensationell und hätte auch in Deutschland alle Sachbuchpreise des Jahres verdient. Ohne dass ich mich jemals für den Iran oder Teheran interessiert hätte, ja mir dieses Land und seine Regierung schon immer wegen des zur Staatsreligion erhobenen Antisemitismus zutiefst unsympathisch waren, hat mich »Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran« von Ramita Navai sofort auf eine ungeheuer spannende Reise durch eine terra incognita mitgenommen. Navais Eltern mussten vor der islamischen Revolution aus Teheran flüchten als sie acht war. Alt genug, um sich noch lebhaft an den Sturz des Schahs zu erinnern, an den Jubel, der die Stadt erfüllte, als auf den Straßen getanzt wurde und die Revolution so schön und hinreißend war, dass sich sogar Foucault über ihren wahren Charakter täuschte, der sich bald darauf zeigte, als die Revolutionsgarden ihre Gewehrläufe nicht mehr mit Blumen schmückten, sondern nachts durch die Stadt zogen, um Verhaftungen vorzunehmen, und die Familie Ramita Navais verängstigt in ihrer Wohnung saß und die erste Gelegenheit ergriff, nach London auszuwandern.
Im Sommer 2004 kehrt sie mit 27 Jahren als Korrespondentin der »Times« nach Teheran zurück. Als sie über einen Fall von Menschenrechtsverletzung berichtet, gibt ein Beamter des »Ministeriums für Kultur und islamische Führung« ihr zu verstehen, dass sie sich besser eine zeitlang ruhig verhalten sollte, wenn sie die regelmäßigen Verhöre durch den Geheimdienst vermeiden wolle. Sie beginnt an einer Schule Kinder zu unterrichten, Afghanen ohne Papiere, Zigeuner und uneheliche Kinder von Prostituierten, und lernt über ihre Tätigkeit viele Menschen kennen, von denen sie sich ihr Leben erzählen lässt, was den Menschen umso leichter fällt, da Navai eine Außenstehende ist und trotzdem Teheranerin. Sie teilen ihr ihre Geheimnisse mit, nehmen die Reporterin mit in üble Gegenden und zeigen Navai eine Stadt, die selbst ihr unbekannt ist. Auf diese Weise hat Navai Teheran lieben gelernt, und vielleicht war das die Voraussetzung, um nichts zu beschönigen, die Widersprüche zu beschreiben und den Mut und die Größe von Menschen zu entdecken, die nur in einer Stadt wie Teheran hervortreten können, wo eine brutale, aber auch inkonsistente Willkür herrscht, in der sich immer wieder Schlupflöcher und Fluchtwege öffnen. Oder unerhörtes Leid und der Tod.
So ist die Prostitution trotz Verbot weit verbreitet, was in einer sexfeindlichen islamischen Gesellschaft nicht verwundert. In Zeiten des Internets stehen die Behörden jedoch auf verlorenem Posten. Es gibt sogar einen Straßenstrich und, noch verwirrender, jeder weiß, dass es ihn gibt und wo die käuflichen Mädchen zu finden sind. Und da Mädchen aus den unterschiedlichsten Gründen, aus Not ebenso wie um sich ein neues Smartphone oder die Studiengebühren leisten zu können, bereits mit 16 auf den Strich gehen, erwog das Innenministerium sogar, diese Mädchen in ein »Umerziehungslager« zu stecken.
Je mehr jedoch der Sex tabuisiert wird, desto mehr wird über ihn geredet. Selbst die Mullahs geben unzählige z.T. legendäre Kommentare dazu ab, u.a. eine Fatwa, die mit großer Detailversessenheit ein hypothetisches Szenario behandelt, weshalb sie sich in Teheran großer Beliebtheit erfreut: »Wenn ein junger Mann in seinem Schlafzimmer liegt und seine Tante im direkt darunter liegendem Zimmer schläft und der Fußboden bei einem Erdbeben einbricht, so dass er direkt auf sie fällt, und beide nackt wären, wenn der junge Mann dabei zufällig gerade eine Erektion hätte und auf ihr landen würde, so dass er sie penetrieren würde, wäre dann das Kind, das aus einer solchen Begegnung hervorginge, legitim oder ein Bastard?«
Eine andere Möglichkeit, um außerehelichen Geschlechtsverkehr zu legitimieren, ist eine sogenannte »Sigheh«, eine Bescheinigung, die eine »Ehe auf Zeit« bestätigt und »von Gott und dem Staat genehmigt« wird, und zwar »zwischen einem Mann (der bereits verheiratet sein darf) und einer Frau (die das nicht sein darf) … und ein paar Minuten oder neunundneunzig Jahre dauern kann«. Auf diese Weise verleiht der schiitische Pragmatismus sogar einem Quicki ein islamisches Gütesiegel. Frauenrechtlerinnen beschwerten sich über diese Form von klerikaler Heuchelei, weil nur die Männer im Gegensatz zu den Frauen verheiratet sein durften. Die »Sigheh« gewährt jedoch auch den Prostituierten einen gewissen Schutz vor genau definierten Strafen: »Sexueller Kontakt ohne Penetration verlangte nach kräftigeren Peitschenhieben als Alkoholkonsum. Zuhälterei und Meineid wurden leichter bestraft, im buchstäblichen Sinne, denn die Peitschenhiebe waren weniger heftig als bei Trunkenheit und heftigem Petting… Die verwendete Peitsche muss aus Leder sein, einen Meter lang und nicht dicker als anderthalb Zentimeter… Das Auspeitschen muss bei gemäßigter Temperatur stattfinden – es darf weder zu heiß noch zu kalt sein. Die einzelnen Hiebe müssen gleichmäßig ausgeführt werden.« Nicht immer muss der Verurteilte selbst die Strafe antreten. Es gibt Leute, die einspringen, pro Peitschenhieb »2000 Toman« verlangen und sich das Geld dann mit dem zuständigen Auspeitscher teilen.
Das Buch ist voller solcher absurden, lächerlichen, schrecklichen und verrückten Details, aber die sind es nicht allein, die das Buch lesenswert machen. Navai verleiht den Geschichten ganz unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Milieus einen großen Glanz, sie verurteilt sie nicht, auch wenn es um einen Mafia-Boss geht, der eine Crystal-Meth-Küche betreibt. Sie beobachtet und beschreibt einfach nur, und das sehr genau und elegant. Ihre Biographien strahlen eine Tragik und einen Humor aus, die den Leser tief eintauchen lassen in eine fremde, unbegreifliche Welt, in der die Lüge eine Frage des Überlebens geworden ist, und dabei wird man noch ganz nebenbei über die Geschichte des Landes aufgeklärt. Grandiose Reportagen, die eine einzigartige Liaison mit grandioser Literatur eingegangen sind.

Ramita Navai, »Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran«, aus dem englischen von Yamin von Rauch, Kein & Aber, Zürich 2016.

Irrationalität und Rechtsruck. Über Didier Eribons “Rückkehr nach Reims”

Didier Eribon wurde in Deutschland bislang nur über seine Foucault-Biographie wahrgenommen, obwohl er in Frankreich auf zahlreiche Buchveröffentlichungen zurückblicken kann, u.a. auf »Réflexions sur la question gay« und »Une Morale du minoritaire«. Mit sieben Jahren Verspätung ist nun bei Suhrkamp »Rückkehr nach Reims« erschienen, hat bereits zahlreiche Auflagen erlebt und wurde hymnisch besprochen, womit auch der Verlag nicht gerechnet hat, sonst hätte man dem Buch einen Hardcover-Auftritt verschafft. Didier Eribon beschreibt seine Herkunft aus der Unterschicht in der französischen Provinz und seinen langen Weg der Emanzipation, der vor allem die Emanzipation von seinen Eltern, Geschwistern und Verwandten bedeutete, die Eribon nur deshalb zu gelingen schien, weil er nach einer lange sich hinziehenden schleichenden Entfremdung den Kontakt schließlich vollkommen abgebrochen hat. Zwanzig Jahre lang sieht er seine Eltern nicht mehr, bis sein Vater stirbt und er die »Rückkehr nach Reims« antritt, um über sich und sein Verhältnis zur Familie etwas in Erfahrung zu bringen.
Eribon hat jedoch nicht nur eine Selbstfindungsgeschichte geschrieben, sondern er hat sie als soziologisches Material verwendet, um zu untersuchen, warum ein Großteil des kommunistisch wählenden Milieus, dem er entstammt, inzwischen zur Front Nationale übergelaufen ist. Das hat in erster Linie mit den strukturellen Übereinstimmungen der auf den ersten Blick unterschiedlichen Milieus zu tun, die nationalistisch oder kommunistisch wählen, bzw. vielmehr gewählt haben, denn die Kommunisten spielen schon lange keine Rolle mehr, während die Front Nationale sich auf einem guten Weg befindet, die französische Wirklichkeit radikal umzukrempeln. Und wenn die regierenden Sozialisten es endlich geschafft haben, die Reste des Sozialstaats und die Arbeitsgesetzgebung wie den Kündigungsschutz zu liquidieren, dann braucht sich Marie Le Pen nur noch ins gemachte Nest zu setzen.
Die strukturellen Ähnlichkeiten beschreibt Eribon sehr eindrücklich. Im ständigen Streit seiner traditionell KP wählenden Eltern kam der gleiche diffuse Hass auf »die da oben« zum Vorschein wie bei den Rechten, die gleiche Fremdenfeindlichkeit und Homophobie, unter der Eribon als Schwuler besonders zu leiden hatte. »Lange habe ich mir die Frage nach dem Warum gestellt. Aber auch die Frage: ›Was haben wir eigentlich getan?‹ Es gibt keine andere Antwort darauf als die Willkür und Absurdität der sozialen Verdikte. Wie in Kafkas Prozess ist es zwecklos, nach einem Gericht zu suchen, das dieses Urteil erlassen hätte. Es existiert nicht. Dieses Gericht tagt nicht. Wir kommen in eine Welt, in der die Urteile längst gesprochen sind. Früher oder später nehmen wir unseren Platz in ihr ein. Den Platz derjenigen, die von der öffentlichen Rachsucht längst dazu verdammt worden sind, dass es immer einen anklagenden Zeigefinger geben wird, der auf sie deutet, und denen gar keine andere Wahl bleibt, als sich mehr schlecht als recht vor dieser Rachsucht in Acht zu nehmen und ihre ›beschädigte Identität‹, wie der Untertitel von Erving Goffmans Buch Stigma lautet, irgendwie zu verwalten. Die Verfluchungen und Verurteilungen, mit denen man leben muss, pflanzen tief im Selbst eine Unsicherheit und Verletzlichkeit ein, eine diffuse Angst, die die schwule Subjektivität prägt.«
Letztlich ist das der Grund, warum Eribon alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, obwohl das nicht unbedingt der logische und zwangsläufige Lebensweg war, seine Karriere vielmehr vollkommen atypisch war. Seine Geschwister sind alle Mitglieder ihrer Klasse geblieben, weil in dem französischen Bildungssystem der Nachkriegszeit die Chance, aufzusteigen, nicht sehr groß war. Nur Didier Eribon wurde auf eine weiterführende Schule geschickt, was für seine Eltern nicht einfach war und ihnen Opfer abverlangte, und das, obwohl sich an ihren Vorurteilen gegenüber Bildung und die intellektuelle Elite nichts änderte, die abfällig »die Herren Professoren« genannt wurde. Da Eribon später Trotzkist wurde, beging er damit im Vokabular seiner Ideologie »Klassenverrat«. Und auch seine Eltern dürften das so empfunden haben. Nur haben sie es nicht so genannt, sondern dem Sohn »Undankbarkeit« vorgeworfen. Welche Abneigungen und Vorurteile eine solche Wortwahl nahe legt, die in diesem Konflikt zwischen radikaler Selbstemanzipation und der Ermöglichung dieses Schrittes zugefügten Verletzungen auf beiden Seiten verheilen nie richtig. Und manchmal, wie in diesem Fall, ermöglicht es erst eine völlige Entfremdung voneinander, auf das beschädigte Leben mit einer gewissen Distanz zu blicken.
Diese Aporie gab es Deutschland nicht in diesem Ausmaß. Hier waren die Voraussetzungen und Konflikte andere, selbst wenn die soziale Herkunft ähnlich war. Die nazistische Durchstrukturierung der Gesellschaft war gar nicht nötig, es genügte die Tradierung der reaktionär-autoritären gesellschaftlichen Muster aus dem Kaiserreich, die in der Nachkriegszeit weiterwirkte, um aus den Menschen angstbesetzte, gegenüber Vorgesetzten hörige Wesen zu machen, deren einziges Ziel es war, nicht aufzufallen und sich nirgends einzumischen, schon gar nicht aufzubegehren oder auf sein Recht zu pochen. Diese psychische Verfasstheit wurde vorgelebt und an die nachfolgende Generation weitergegeben. Der autoritäre Erziehungsstil, der sich aus einer tiefsitzenden Angst vor Chefs und sozial höherstehenden Menschen speiste, bestand auch darin, sich möglichst nach außen abzuschotten, neue Erfahrungen nur dann zuzulassen, wenn sie mit dem steigenden Konsum zu tun hatten. Die jüngste Vergangenheit, die Nazis und die Vernichtung der Juden wurden ausgeblendet und schien es nie gegeben zu haben. In der Schule, in der noch Nazis unterrichteten, kam man im Geschichtsunterricht nie weiter als bis zum Kaiserreich und Bismarck.
Aber in Deutschland gab es im Unterschied zu Frankreich ein Wirtschaftswunder, das das große Schweigen versüßte. Die Vernichtung ungeheurer Ressourcen durch den Krieg erwies sich als Gewinn, weil alles neu aufgebaut werden musste. Arbeiterkinder hatten viel leichteren Zugang zu Bildung und Studium, was bedeutete, dass Eltern nicht so große persönliche Opfer bringen mussten, um ihre Kinder auf die Uni zu schicken, wie in Frankreich. Zum ersten Mal mussten sie nicht direkt nach der Grundschule arbeiten gehen, um einen Beitrag für den Haushalt zu leisten, sondern konnten höhere Bildungseinrichtungen besuchen, weil »sie es später einmal besser haben sollten«, wie das gängige Argument damals lautete, während es heute vergleichbaren sozialen Schichten egal ist, was aus den eigenen Kindern wird. Das Argument taucht vielmehr wieder in den eher bildungsbürgerlichen Schichten auf, die in prekären Verhältnissen leben. Aber der Widerspruch zwischen dem, was die Gesellschaft alles versprach, was in ihr als Möglichkeit und Versprechen aufschien, ein Versprechen, das die Jugendlichen eingelöst sehen wollten, und dem rückständigen Bewusstsein der alten politischen Eliten, die sich geistig nie weit vom Nationalsozialismus entfernt hatten, musste kulminieren. Zunächst schien es so, als ob die 68er eine revolutionäre Umwälzung der Gesellschaft wollten, später stellte sich heraus, dass es sich um einen Generationenkonflikt handelte, in dem es lediglich darum ging, die Stellung der Väter einzunehmen und nicht nur die Krümel der Wohlstandsgesellschaft abzubekommen.
Und während das passierte, konnte man in Frankreich das gleiche beobachten wie in Deutschland: Eribon schreibt, dass »ein Gutteil der Linken sich nun plötzlich das alte Projekt des Sozialabbaus auf die Fahnen schrieb (…) Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden, sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden.« Diese Beobachtung, als die führenden Rebellen sich für höhere Aufgaben qualifiziert zu haben glaubten und nunmehr staatstragend wurden, beschreibt bezogen auf deutsche Verhältnisse auch Wolfgang Pohrt: »Nichtsdestotrotz beschwören nun lauter mustergültig Resozialisierte einander, endlich von den verhängnisvollen linksradikalen Irrtümern abzulassen. Leute mit Familie, festem Wohnsitz, Beruf und ersten Altersgebrechen tun so, wie wenn sie ein Haufen Wildkatzen wären. Es klingt, als müsse eine aufgewühlte Menge beschwichtigt werden, die gerade den Regierungssitz stürmen will. Aber jeder mahnt jeden nur, zu unterlassen, was ohnehin keiner täte. Man würde die Szene vielleicht komisch finden, wenn das ganze Schauspiel nicht so langweilig wäre. Es findet auch weitgehend unter Ausschluß der breiteren Öffentlichkeit statt.«
Als Folge dieses »Verrats«, wie ihn Eribon beschreibt, die Abwendung von den unteren sozialen Schichten durch eine Politik, die mit der Wahl Mitterands einmal angetreten war, um die Sache der Unterprivilegierten zu vertreten, passiert etwas, das Eribon »Allianz sozialer Schichten« nennt, die sich zuvor feindlich gegenüberstanden, nun aber zu den Wahlerfolgen der Front National beitragen, weil durch das Verschwinden der Arbeiterklasse und »des Klassenbegriffs überhaupt aus dem politischen Diskurs« ein historischer Block entsteht, der »heute große Teile der prekarisierten und verwundbaren Unterschicht mit Leuten aus Handelsberufen, mit wohlhabenden, in Südfrankreich lebenden Rentnern, ja sogar mit faschistischen Exmilitärs und traditionalistischen Katholiken verbindet.« So richtig schlüssig ist diese Argumentation nicht, vermutlich weil Eribon mit einem soziologischen Handwerkszeug arbeitet, die die Dynamik des demographischen Wandels und die Neuzusammensetzung und Konzentration der Bevölkerung nicht genügend berücksichtigt, wenn Massen durch den Neoliberalismus in prekäre Verhältnisse abgeschoben werden, und weil Eribon auch nicht wirklich berücksichtigt, welche psychologischen Mechanismen am Werk sind, um jede Verantwortung für das eigene Leben abzulehnen, stattdessen sich mit dem Status eines Sozialempfängers abzufinden und eine Mentalität zu entwickeln, die von unreflektiertem Hass geprägt ist auf alles, einschließlich sich selbst. In diesem Milieu, dem Dummheit, Intoleranz und Rassismus vorzuwerfen völlig verpufft, nicht weil es nicht stimmen würde, sondern weil das Milieu diese Vorwürfe wie einen Schwamm aufsaugt, um sich gegen jegliche Vernunft und letztlich Zivilisation zu immunisieren, wird es schwer, wenn nicht sogar unmöglich, »einen theoretischen Rahmen und eine politische Sichtweise auf die Realität zu konstruieren, die es erlauben, jene negativen Leidenschaften … weitgehend zu neutralisieren.« Genau das aber begreift Didier Eribon als Aufgabe des kritischen Intellektuellen und der sozialen Bewegungen: »Wenn die Linke sich als unfähig erweist, einen Resonanzraum zu organisieren, wo solche Fragen diskutiert und wo Sehnsüchte und Energien investiert werden können, dann ziehen Rechte und Rechtsradikale diese Sehnsüchte und Energien auf sich.« Er verbleibt damit in einem Argumentations- und Gedankenschema, das letztlich antiquiert wirkt, weil er davon ausgeht, es würde darauf ankommen, wer die attraktivere, die hegemoniale Politik macht, aber genau darauf kommt es nicht an. Die AfD hat Erfolg, weil sie die Irrationalität dieser »Energien« bedient, den Rassismus und die Vorurteile. Die Wähler der AfD wollen nicht aufgeklärt, sondern in ihrem beschränkten und schlichten Weltbild bestätigt werden. Sie müssen noch nie einen Flüchtling zu Gesicht bekommen haben, um ausländerfeindlich zu sein, genausowenig wie es irgendwo Juden geben muss, um sie für das Unglück dieser Welt verantwortlich zu machen.
Wenn Eribon also nach Lösungen sucht, um den Rechtsruck in Frankreich zu verhindern, der in Frankreich noch viel dramatischer ist als in Deutschland, dann wird er vielleicht sogar notgedrungen schwammig. Genau und präzise aber ist er in seiner Gesellschaftsanalyse und seiner Beschreibung, wie und warum sich Frankreich in diese fast schon ausweglose Situation gebracht hat, in der sich Deutschland noch nicht befindet, aber schon mal darauf zusteuert, wenn man die Wahlerfolge der AfD sich vor Augen hält, denn diese sind ein genauer Indikator für das, was Eribon die »negativen Energien« nennt, wobei der Umgang mit der AfD in der Öffentlichkeit und den Medien und ihre Hofierung dazu beigetragen hat, diesen »Energien« eine gewisse Plausibilität zu verleihen, die sie jedoch nicht haben.

Didier Eribon, »Rückkehr nach Reims«, Suhrkamp, Berlin 2016

Eine neue Geschichte des Existenzialismus

Der französische Existenzialismus, wie ihn Sartre, Merleau-Ponty, Camus und andere geprägt haben, war schon lange mausetot. Jetzt kommt die Londoner Schriftstellerin Sarah Bakewell, die an der Uni Creative Writing lehrt und die bis vor dem Erscheinen ihres Bestsellers über Montaigne niemand kannte, und erweckt den Existenzialismus wieder zum Leben, indem sie ihn in allen möglichen Facetten und Abschweifungen nachspürt, die Biographie ihrer Protagonisten mit ihren Theorien kurz schließt, zeigt, wie das eine sich auf das andere auswirkt, wie die Hauptpersonen zueinander finden und sich gegenseitig beeinflussen, sie lässt Figuren auftauchen, von denen man nicht unbedingt erwartet hatte, dass sie eine Rolle spielen wie Boris Vian, in dessen Nachtclub Tabou sich Sartre und seine Freunde trafen und tanzten und dessen Roman »Schaum der Tage« in der »Temps moderne« vorabgedruckt wurde, sie erzählt auf elegante und verständliche, aber nicht vereinfachende Weise die großen philosophischen Werke von Heidegger, Husserl, Sartre und Merlau-Ponty und bringt es fertig, sie in ihrem Wesenskern auch für Menschen begreifbar zu machen, die sich für den Existenzialismus nie sonderlich interessiert haben. Sie versteht es, die Neugier des Lesers darauf zu wecken, was wohl als nächstes passieren wird, so dass man zugeben muss, dass das nicht gerade sonderlich gut beleumundete creative writing offenbar auch positive Seiten haben kann.
Der wesentliche Grund aber, warum »Das Café der Existenzialisten« so grandios ist, findet sich in Sarah Bakewells Begeisterung für ihr Thema, die aus ihrer Jugend herrührt, als sie fasziniert war von Sartres »Ekel« und alles las, was ihr in die Hände fiel. Zwischen den wenigen abgedruckten Fotos der Hauptpersonen, findet sich auch ein Teenagerfoto von Sarah Bakewell. Man könnte das für etwas vermessen halten, aber die Autorin erinnert damit an die Strahlkraft, die der Existenzialismus damals auf die junge Generation auch weit über die Grenzen Frankreichs hinaus ausübte. »Unter Sartres Einfluss wurde ich zu einer leidenschaftlichen Schulschwänzerin. Ich nahm einen Nebenjob in einem Laden an, wo ich Reggae-Platten und Haschischpfeifen verkaufte. Es war eine interessantere Ausbildung als jeder Schulunterricht.«
Sie studierte nicht, um Prüfungen zu bestehen, sondern sie las die Existenzialisten, weil sie etwas entdeckt hatte, das sie unmittelbar zu sich selbst in Bezug setzen konnte, zu ihrer Existenz, ihrem Sein und dem der anderen, zu einer Philosophie, die ihr eine ganze Welt öffnete, weil sie mit der Aufforderung verbunden war, sich zu engagieren und selbst verantwortlich zu sein für das, was man tut. Nur unter dieser Voraussetzung kann es einem gelingen, Leser in Bann zu schlagen auch mit einem Thema, zu dem diese sonst nie einen Zugang gefunden hätten, weil die Hauptwerke wie »Das Sein und das Nichts«, »Sein und Zeit« oder »Phänomenologie der Wahrnehmung«, die Bakewell verhandelt, Leuten verschlossen bleiben, die sich nicht professionell damit beschäftigen.
Es ist nicht unbedingt so, dass man aus dem Buch etwas neues erfahren würde, denn Leben und Wirken und Philosophie der Hauptakteure sind vollständig erforscht, aber das neue Arrangement des Gegenstands vermittelt immer wieder überraschende Einblicke und Erkenntnisse, Bakewells Herangehensweise, die Theorien zu erklären und nachvollziehbar zu machen, ist nicht im geringsten ideologisch, sondern fast liebevoll und von großem Verständnis geprägt, auch wenn sich ein Autor verrannt hat wie Heidegger, der zum Nationalsozialismus überlief, oder Sartre, der Maoist wurde, oder Merleau-Ponty, der eine Zeitlang dogmatisch prosowjetische Positionen vertrat. In diesen biographischen Verfehlungen spiegeln sich eben auch die Zeit und die politischen Verwerfungen wieder, auf die die Philosophen, jeder auf seine Weise, eine Antwort zu geben versuchten. Und dabei gerieten sie sich in die Haare, d.h. es geht auch um die Zerwürfnisse der Protagonisten, um das Auseinanderbrechen großer Freundschaften wie zwischen Sartre und Camus, ein Streit, der »als Chiffre für eine ganze Epoche« gilt.
Während Merleau-Ponty mit dem nordkoreanischen Angriff auf den Süden des Landes seinen Glauben an den Kommunismus verlor, radikalisierte sich der vorher eher zurückhaltende Sartre nach einem bizarren Vorkommnis in Frankreich. Eine Polizeistreife entdeckte bei einer Verkehrskontrolle im Auto des Generalsekretärs der KPF ein Funkgerät und zwei Tauben, die angeblich für Spionagezwecke verwendet wurden. Die Tauben, die Jacques Duclos vorher erstickt haben sollte, wurden obduziert und nach versteckten Mikrofilmen untersucht. Es wurden Experten bemüht, die herausfinden sollten, ob es sich um Brief- oder gewöhnliche Haustauben handelte, ein absurde Affäre, die Louis Aragon zu einem Gedicht über das »Taubenkomplott« inspirierte und die »Konversion« Sartres auslöste, für ihn der Höhepunkt jahrelanger Schikanen gegen die Kommunisten. Er schrieb in rasender Geschwindigkeit, mit Zorn im Herzen und Corydran im Blut (Sartre hat täglich durchschnittlich 20 Seiten verfasst) lange Rechtfertigungen des Sowjetstaates, die später sogar in der Behauptung gipfelten, der Sowjetbürger würde deshalb nicht ins Ausland reisen, weil er kein Bedürfnis danach verspüre. Als dann Camus »Mensch in der Revolte« erschien, war der alte Freund aus Zeiten der Résistance in den Augen Sartres und Beauvoirs zum Konterrevolutionär geworden.
Selbst in solchen Handlungen findet Bakewell noch nachvollziehbare Beweggründe, die man nicht teilen muss, die sie aber aus der Zeit zu erklären versucht, als Sartre unter Druck stand und als »dekadenter Bourgois« verspottet wurde, um schließlich zu einem »Ultra-Bolschewisten« zu werden, wie ihn Merleau-Ponty in seinem Buch »Die Abenteuer der Dialektik« bezeichnete, in dem er sich vom Kommunismus abwandte, was Merleau-Ponty nicht davon abhielt, in Sartre einen »guten Menschen« zu sehen, dem seine »Gutherzigkeit« schließlich zum Verhängnis wurde. Selbst Heidegger, der in allem, was Bakewell beschreibt, als egomanischer Unsympath erscheint ohne die geringste Fähigkeit zur Empathie, der sich für das Leben der anderen nicht interessierte, der Freunde verleugnete und hinterging, wenn er sich davon einen Vorteil versprach, und dessen Nähe zum Nationalsozialismus unerträglich war, auch Heidegger verurteilt sie nie, sondern hebt seine Fähigkeit zu »bohrendem Denken« hervor. Sarah Bakewells Geschichte über den Existenzialismus ist eines der sehr seltenen Bücher, die niemals enden sollten, weil die Autorin nicht einen Aspekt abarbeitet, sondern verschwenderisch und auf hinreißende Weise das Wissen der Welt ausbreitet.

Sarah Bakewell, »Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails«, C.H. Beck, München 2016. Aus dem Englischen von Rita Seuß.