Kategorie-Archiv: Der Verleger empfiehlt

Der Sound der Diktatur

Es ist die vielleicht eigenartigste Konstellation im Literaturbetrieb. Helmut Lethen, in den Sechzigern sozialisiert, emeritierter Professor für Deutsche Literatur, erfolgreicher Autor, der 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, verheiratet mit einer ehemaligen Studentin, mit der er drei Kinder hat, sieht sich mit dem kruden Gedankengut der Identitären Bewegung konfrontiert, bei dem er sich nicht auf historische Quellen stützen kann, die sich mit wissenschaftlicher Distanz analysieren lassen. Seine Frau ist eine Aktivisten der Rechten und hat ein Buch im Verlag von Götz Kubitschek veröffentlicht, das sie auf der Leipziger Buchmesse vorstellen wird.
Helmut Lethen geht in seinem neuen Buch »Die Staatsräte« über die Elite im Dritten Reich nicht darauf ein, denn seine Untersuchung rechter Denkstrukturen unter der Nazi-Herrschaft am Beispiel von vier Protagonisten, die auch heute noch jedem ein Begriff sind: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch und Carl Schmitt (seine »Helden« in den Fünfzigern, wie Lethen sagt), ist rein historisch. Sie ist eine sehr detaillreiche Abhandlung über die Illusion der konservativen deutschen Elite, unter den Nazis eine eigenständige Rolle spielen zu können. Göring hatte diesen Bedeutung simulierenden »Preußischer Staatsrat« in Leben gerufen, um die Mitglieder glauben zu lassen, der Führer wäre an dessen Meinung interessiert.
Im psychischen Korsett der Deutschen begann sich unter den Nazis etwas durchzusetzen, das Hannah Arendt einmal so beschrieb: »Es gab im Dritten Reich nur wenige Menschen, die die späteren Verbrechen des Regimes aus vollem Herzen bejahten, dafür aber eine große Zahl, die absolut bereit waren, sie dennoch auszuführen.« Das galt auch für die Elite des Reichs. Allerdings waren die vier von Lethen ausgewählten Staatsräte nicht typisch dafür. Der Staatsrechtler Carl Schmitt war Antisemit und von Anfang an Anhänger der neuen Machthaber. Er denunzierte seine jüdischen Kollegen, denen er seine Karriere verdankte. Aus seiner Hoffnung, der »Souffleur« Hitlers zu werden, wird nichts. Ihm fällt die Hauptrolle im Stück von Lethen zu. Gustaf Gründgens, von 1937 bis 1945 »Generalintendant der Preußischen Staatstheater«, steht unter dem Schutz Görings. Er genießt eine gewisse Narrenfreiheit und Privilegien, die es ihm sogar erlauben, auch mal einen Verfolgten zu retten. Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch ist Direktor der Charité und gibt sich unpolitisch. Er ist ausschließlich an seiner Arbeit interessiert. Als »Generalarzt des Heeres« findet er nichts Verwerfliches daran, Senfgasversuche an KZ-Häftlingen vornehmen zu lassen, protestiert aber auch gegen das Euthanasieprogramm und stellt sein Haus am Wannsee Regimekritikern aus der »Mittwochsgesellschaft« zur Verfügung. Als Star unter den Chirurgen kann er sich das leisten. Wilhelm Furtwängler, Dirigent und Komponist und ab 1934 Direktor der Berliner Staatsoper, ist zwar gegen die Entlassung jüdischer Musiker, sucht aber gleichzeitig die Nähe zur Macht und dirigiert zu Ehren Hitlers an dessen Geburtstag. Er verlernt, wie Lethen schreibt, »zuweilen den aufrechten Gang«, der allerdings in dieser Position sowieso nicht durchzuhalten gewesen ist.
Allen gemein ist ihr Opportunismus, den sie durch eine gewisse Exzentrik, die ihnen ihre gesellschaftliche Stellung erlaubt und die Nazis durchgehen lassen, kaschieren zu können glauben. In Wirklichkeit aber bereichern sie nur »mit kleinen Dissonanzen den Sound der Diktatur«, denn mit diesen Dissonanzen konnte die Diktatur gut leben, so lange man seinen Job gut machte, wie z.B. der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung Franz Josef Schöningh, der zwar aus seiner Verachtung gegenüber den Nazis keinen Hehl machte, aber dennoch »überdurchschnittliches Format« (Himmler) bewies, als er in Galizien die »Judenumsiedlung« organisierte. Und hier wird deutlich, welche psychischen Leistungen nötig waren, um die Verbrechen, die man im Auftrag der Nazis beging, von seiner persönlichen Verantwortung zu trennen.
Lethen zeigt auf sehr sachkundige und präzise Weise, dass es im NS-Staat keine wirkliche Opposition geben konnte. Solange die Elite für den NS nützlich war, konnte sie auch ein bisschen Kritik üben. Die allerdings half ungemein in der Nachkriegszeit, als »sie von der Behauptung ihrer Unschuld« zehrte. Sobald Lethen jedoch die vier Staatsräte in fiktiven Gesprächen zusammenführt, beginnt man sich zu fragen, was sich Lethen von diesem Mittel der künstlichen Nähe verspricht? Will er die Figuren plastischer oder glaubhafter hervortreten lassen? Aber ist die Naziprominenz biographisch nicht sowieso ziemlich gut durchleuchtet? Worin aber besteht dann der Sinn dieser Gespräche?

Helmut Lethen »Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich«, Rowohlt Berlin, 351 Seiten,

Über Liebe und Tod. Über Lucia Berlins neues Buch

Die Stories-Sammlung von Lucia Berlin »Was ich sonst noch verpasst habe« war 2016 eine literarische Sensation. Das Feuilleton war voll des Lobes, und wieder einmal stellte sich die Frage, wie eine so großartige Autorin so lange unentdeckt oder ignoriert werden konnte. Der Anerkennung kam jedoch zu spät, denn 2004 starb sie mit nur 68 Jahren. In dieser Zeit hatte sie so ziemlich alle Höhen und Tiefen durchgemacht, die ein menschliches Leben verkraften kann. Sie wächst als Tochter einer Alkoholikerin auf. Auch ihr Großvater ist Alkoholiker und missbraucht ihre Mutter und ihre Schwester. Sie ist ständig auf Reisen, lebt das unbeschwerte Leben in Reichtum und stürzt in völlige Mittellosigkeit. Noch minderjährig flüchtet sie aus dem Elternhaus, wird abhängig von Drogen, Alkohol, Liebhabern und kämpft sich als alleinerziehende Frau von vier Kindern wieder an die Oberfläche. Es ist ein Leben von Balzacschem Format und hätte einem Autor Stoff für Tausende von Seiten geliefert. Lucia Berlin hat jedoch ein eher schmales Werk hinterlassen. Sie hat dabei nie den Schrecken und die Qual in den Vordergrund gestellt, sondern sich immer auf Andeutungen beschränkt, sie hat ihren sehr reduzierten Stil von jeglicher Kommentierung befreit und bewies dabei ein Gespür für das Komische, das noch der bedrückendsten Situation innewohnt – eine Gabe, die sehr selten ist.
Da das erste Buch eine Auswahl ihrer Geschichten enthielt, lag die Vermutung nahe, dass der zweite nun erschienene Erzählungsband die schwächeren Arbeiten enthält, aber das ist nicht der Fall. In der Geschichte »Bis später« gleich am Anfang erzählt Lucia Berlin auf hinreißende Weise von ihrem Freund Max, der sie immer anruft, egal, wo er oder sie sich gerade aufhalten, um ihr »Hallo« zu sagen, und wie sehr sie es liebt, ihn das sagen zu hören, und wie er sie eines Tages in New York besucht, wo sie mit ihrem Mann lebt, »mit Rosen, einer Flasche Brandy und vier Flugtickets«. Und Berlin schreibt lapidar: »Ich weckte die Jungs, und wir gingen.«
Lucia Berlin beschreibt das Glück und die Liebe, ohne im geringsten kitschig zu sein. »Wir blieben so lange auf, bis der Mond groß und blass geworden war.« Und dann? »Eines Tages erwachte ich, bevor die Sonne aufging, und er war nicht da. Es war still im Zimmer. Er muss schwimmen gegangen sein, dachte ich. Ich ging ins Bad. Max saß auf der Toilette, kochte etwas in einem schwarz angelaufenen Löffel. Eine Spritze lag auf dem Waschbecken. ›Hallo‹, sagte er. ›Max, was ist das?‹ ›Das ist Heroin‹, sagte er.« Die beiden bekommen noch zwei Söhne. Sie reisen durch ganz Mexiko und die Vereinigten Staaten, lassen sich schließlich in einem Dorf an der mexikanischen Küste nieder. »Wir waren für lange Zeit glücklich, wir alle, und dann wurde es schwer und einsam, weil er Heroin viel mehr liebte.«
Später wohnt sie bei ihrer sterbenden Schwester, um sie in den Tod zu begleiten. »Wir lachen leise in ihrem Zimmer, zeichnen. Im Grunde ist die Liebe für mich kein Rätsel mehr. Max ruft an und sagt Hallo. Ich sage ihm, dass meine Schwester bald tot sein wird. Wie geht es dir?, fragt er.« Und damit endet die Geschichte. Sie hat keinen Plot und keine Moral. Sie hört einfach auf wie das Leben aufhört, unspektakulär und ohne großen Knall. Ein Mensch stirbt, das Leben geht weiter, und auch die Liebe. Und irgendwann ruft Max an und sagt »Hallo«. Niemand kann Liebe in ihrer ganzen Banalität, ihrer Tragik und Schönheit besser in einem Text zum Leuchten bringen als Lucia Berlin, denn sie wusste genau, wovon sie schrieb.

Lucia Berlin, »Was wirst du tun, wenn du gehst. Stories«, aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Antje Rávic Strubel, Arche, Zürich-Hamburg 2017.

Die Psychopathalogie der Macht. Die süße Rache des Edward St. Aubyn an seiner Klasse

Niemand beherrscht in der Welt der Literatur die Form des herablassenden Sarkasmus und der ans Pathologische grenzenden Arroganz der Upper Class besser als Edward St. Aubyn. Er kennt diesen Stil, denn er ist in einer prominenten Familie des englischen Hochadels aufgewachsen. Für ihn war es die Hölle, weil ihn sein Vater sexuell missbrauchte. Er besuchte die Westminster School, eine sogenannte »Knabenschule«, und diese antiquierte Bezeichnung lässt bereits erahnen, welcher Terror des Mobbings und welch seltsame Riten der Demütigung da geherrscht haben, weshalb Edward St. Aubyn schon als Schüler drogenabhängig wurde.
St. Aubyn hat diese Atmosphäre täglich eingeatmet und er hätte am liebsten Selbstmord begangen. Er kam noch einmal davon und er hat es geschafft, von den Drogen loszukommen. Das Schreiben war für ihn eine notwendige Therapie und hielt ihn vermutlich sogar am Leben, mehr jedenfalls als die meisten Schriftsteller, bei denen häufig Koketterie mitschwingt, wenn sie behaupten, das Schreiben wäre für sie überlebensnotwendig.
St. Aubyn nahm mit seiner autobiographisch durchwebten »Melrose«-Trilogie den Hochadel aufs Korn, den er so auftreten ließ, wie er wahrscheinlich tatsächlich ist, in seiner ganzen Dummheit und Niedertracht, Vertrotteltheit und Ignoranz, und gerade in der Beschreibung dieser Spezies ist St. Aubyn zur stilistischen Hochform aufgelaufen. Er hat auf geniale Weise Verrat an der Klasse verübt, der er entstammt, er hat sie auf eine Weise lächerlich gemacht, dass das Vergnügen daran so groß ist wie sonst nur an einem Drei-Sterne-Menü.
In seinem neuen Buch „Dunbar und seine Töchter“ hat St. Aubyn Shakespeares „König Lear“ neu bearbeitet. Der ins Alter gekommene Medienzar Henry Dunbar hat bei der Regelung seiner Nachfolge seine innig geliebte Tochter Florence aus Gründen verletzten Stolzes und seinen engsten und ihm treu ergebenen Berater verstoßen, um sein Imperium seinen beiden anderen Töchtern Abigail und Megan zu vermachen. Die sind aber die Bösen und sie nutzen die erste Gelegenheit, um ihn nach einem Schwächeanfall in einem Sanatorium medikamentös ruhig zu stellen und abzumelden, um möglichst schnell möglichst viel aus dem Unternehmen herauszuschlagen. In der Anstalt, wo der Machtmensch Dunbar plötzlich konfrontiert wird mit seiner Machtlosigkeit, dämmert ihm, dass der letzte entscheidende Schritt bei der Übergabe der Geschäfte falsch war.
Zusammen mit einem Patienten, dem Fernsehkomiker und Alkoholiker Peter Walker, flieht er aus dem Sanatorium und bringt dadurch den Stein ins Rollen, ein Drama mit shakespearschen Ausmaßen. Alle begeben sich sofort auf die Suche, weil es von entscheidender Bedeutung ist, wer zuerst seiner habhaft werden kann. Davon hängt ab, ob das von Dunbar aufgebaute Multiunternehmen erhalten bleibt oder aufgeteilt wird. Aber das ist nur das Hintergrundrauschen für die Motive der handelnden Personen, um die Geschichte voranzutreiben.
Die Protagonisten sind in gewisser Weise eindimensional, oszillierende Charaktere gibt es nicht, ebensowenig ein Zwischenreich der Uneindeutigkeit. Es sind Getriebene, die ihre Rolle bis zum Ende spielen, und selbst der Opportunist bleibt sich selbst treu und wechselt zur jeweils vielversprechenderen Seite, d.h. entweder zu den Guten oder zu den Bösen, ohne sein Wesen ändern zu müssen. Wenn also St. Aubyn kapitelweise wechselnd mit inneren Monologen offenlegt, wie die einen oder die anderen ticken, dann stellt man schnell fest, dass wie in jedem Western oder Abenteuerfilm die Guten ein bisschen fade wirken, fast schon selbstgenügsam, während man beim bösen Geschwisterpaar in Abgründe blickt, die sofort die Spannung erhöhen. Die beiden sind in ihrer Bosheit und ihrem Hass um einiges brillanter und unterhaltsamer als die grundanständige Florence, die selbstlos ihrem Vater helfen will und an seinem Unternehmen gar nicht interessiert ist, die glücklich verheiratet ist, Kinder hat und der es auch sonst an nichts fehlt.
Wenn sexbesessene Megan hingegen träumt, dass sie das Sanatorium am liebsten „von der Erdoberfläche tilgen würde“, „fände sie die Zeit dafür“, und wenn sie sich darüber empört, dass die Verantwortlichen „den Eindruck schuldig geblieben waren, dass der Mariannengraben zu flach zur Aufnahme ihrer Schande sei“ und man doch eigentlich erwarten dürfte, „dass sie nach Dunbars Auffinden als kleinen Beitrag zur Wiedergutmachung sich selbstverständlich das Leben nehmen würden“, dann will man von dieser eleganten Bösartigkeit einfach mehr. „Natürlich waren sie beide scharf auf die Nachfolge von Daddy, aber wenn es keinen Spaß machte, wozu dann das Ganze?“ Megan entpuppt sich als Psychopathin, die vor keinem Mittel zurückschreckt, nicht nur weil sie sich durch ihre Machtposition geschützt glaubt, sondern weil sie bei jeder neuen Grenzüberschreitung immer wieder neu den Kitzel des Verbotenen spüren will, wie ein kleines Kind, das jedes Mal neu testet, wie weit es gehen kann. Im Unterschied aber zum Kind ist ihre Habgier, die vor nichts zurückschreckt, nicht niedlich, sondern zutiefst asozial.
Jeder Leser ist fasziniert vom Verbrechen der außerhalb des Rechts stehenden Macht, von Intrige und Niedertracht. Bei St. Aubyn wird man in diesem Genre unvergleichlich gut bedient, weil er diesem Milieu entstammt. Er gestattet einem tiefe Einblicke in die Psyche, ohne die Sicht nur auf das Monströse und Spektakuläre zu beschränken. Er beschreibt nicht das Grauen, sondern die menschliche Komödie, in der trotz aller Tragik das Absurde und das vergebliche Streben zum Vorschein kommt, und damit hat er Skakespeare und dieser Komödie einen glänzenden Auftritt verschafft.

Edward St. Aubyn „Dunbas und seine Töchter“, aus dem Englischen von Nikolaus Hansen, Knaus, München 2017, 253 Seiten

Die Kunst der Provokation. Das Phänomen Houellebecq entschlüsselt

Als Michel Houellebecq in einem Interview 2001 nach der Lektüre des Koran den Islam »die bescheuertste Religion von allen« nannte, war die Aufregung groß. Mehrere muslimische Verbände zeigten ihn an und verlangten, das TV-Literaturmagazin »Campus« auf France 2 vor der Ausstrahlung zu sehen, um solche Aussagen zu zensieren. Ein Szenario, das wie geschaffen war für Houellebecq, denn es hätte aus seinem Roman „Unterwerfung“ sein können. Houellebecqs Kommentar zu dem umstrittenen Satz, in der dann ausgestrahlten Fernsehsendung lautete: »Der Islam, die bescheuertste Religion der Welt? Das hängt vom Tag ab.« Und auch diese Nonchalance haben ihm seine Kritiker wohl kaum als Zugeständnis ausgelegt, denn ihnen dürfte völlig zu recht geschwant haben, dass Houellebecq sie nicht ernst nimmt.
Als Provokateur hat, wie die FAS-Redakteurin Julia Encke in ihrem neuen Buch »Wer ist Michel Houellebecq?« sehr material- und kenntnisreich ausbreitet, sich der Schriftsteller große Verdienste erworben. Er hat aber nicht nur den Zorn der Muslime auf sich gezogen, sondern auch eine ungewöhnliche Abneigung eines großen Teils des französischen Kulturbetriebs hervorgerufen, der einerseits zur Skandalisierung seiner Bücher beigetragen hat, es aber andererseits degoutant findet, dass der Autor dadurch berühmt wurde und nicht etwa durch die literarische Qualität, bzw. das, was das Feuilleton glaubt, es wäre eine. So entstehen Feindschaften fürs Leben. Das Feuilleton, vor allem das französische, leidet darunter, dass es eine Figur erschaffen hat, die der Betrieb nicht mehr los wird, die ein munteres Eigenleben führt, und das, obwohl man den Lesern ausführlich mitteilt, wie wenig Houellebecq taugt.
Julia Encke, die Houellebecq häufig getroffen hat, geht es jedoch nicht nur um den Provokateur Houellebecq, sondern auch um den »Schriftsteller«, den »Romantiker«, den »Gewinner« und den »Visionär«, wie die Kapitel des Buches heißen. Aber in welcher Rolle auch immer sich der Autor äußert, er ruft sofort seine Widersacher auf den Plan. So z.B. mit seiner Beobachtung, dass man die Ehe abschaffte, würde man die Prostitution verbieten, wie das viele liberale Stimmen mit den besten Absichten fordern, ohne zu sehen, wie ihnen Houellebecq vorwirft, dass dies für die europäischen Gesellschaften auf einen »Selbstmord« hinausliefe. Seine Diagnose wurde sofort als Polemik missverstanden, u.a. auch von Barbara Vinken, die in der NZZ schrieb, Houellebecq mache sich »zum Sprachrohr einer völlig erotikfreien, spießbürgerlich-kapitalistisch-verdinglichten Doppelmoral«.
Houellebecqs Erfolg, scheibt Julia Encke, besteht darin, dass er einer Art »neuem Realismus« verpflichtet sei, indem er den »durchschnittlichen Menschen« zu seinem Sujet gemacht habe. Dieser gewöhnliche Mensch ist nicht angenehm, und er bietet eine große Projektionsfläche, denn in einer »für den einzelnen unerträglich« gewordenen neoliberalen Gesellschaft erweist sich der Mensch als äußerst anpassungsfähig und zugleich sperrig und widerspenstig, wenn er seinen Hass in den sozialen Medien auslebt. Der Mensch, wie ihn Houellebecq in seinen Romanen beschreibt, ist »der absoluten Unumkehrbarkeit von Verfallsprozessen« ausgeliefert, d.h. die Mitglieder der Gesellschaft sind nicht nur einem unerbittlichen Konkurrenzkampf ausgesetzt, als vereinzelte Nomaden haben sie auch ihre alten Gewissheiten verloren und irren ziellos umher, monströse Gestalten, die ihrer sozialen Fähigkeiten verlustig gingen. Diese Konstante in Houellebecqs Romanen ist ziemlich deprimierend, aber als Zustandsbeschreibung durchaus realistisch. Mit einem gewissen sarkastischen Vergnügen zeigt Houellebecq die psychischen Abgründe auf, in die die Menschen unter diesen Voraussetzungen stürzen. Er kennt dieses Milieu, weil er selbst in Firmen gearbeitet hat, in denen er studieren konnte, wie die neoliberale Realität die menschliche Psyche deformiert. Dabei verwischt Houellebecq, wie Encke zeigt, immer mehr die Grenzen zwischen sich als Autor und seinen Protagonisten, bzw. vielleicht ist es gar kein Verwischen, sondern einfach eine partielle Übereinstimmung, die bei so ziemlich jedem Autor vorkommt, nur dass sie bei Houellebecq zum Skandal wird, weil seine Figuren eben keine sympathischen Menschen mit hehren Vorstellungen sind.
Houellebecqs Romane sind nicht besonders gut geschrieben, sie entwickeln keinen Sog, sie bereiten kein Vergnügen. Allerdings legt der Autor, wie Julia Encke nachweist, auch gar keinen Wert darauf, »Stil zu haben«, die Vorwürfe des »ärmlichen«, »ungelenken« »kraftlosen« Stils sind also für ihn keine Kritik, mit der er sich auseinandersetzen müsste.
Wenn man einen brillanten Stil liebt, muss man seine Bücher auch nicht lesen, aber wenn man sie liest, muss man sich mit ihnen und dem Autor auseinandersetzen, und dank Julia Encke weiß man jetzt, auch wenn man Houellebecq nicht gelesen haben sollte, dass er mit seiner radikalen Gesellschaftskritik auf sehr intelligente Weise mit den Erwartungen und Vorurteilen der Medien spielt, die schnell dabei sind, jemanden in die rechte Ecke zu stellen, weil er den ideologischen Konsens einer neoliberalen Gesellschaft desavouiert. Dass er dafür den Kulturbetrieb ausnutzt und letztlich auch mitmacht, kann man ihm dabei kaum vorwerfen.

Julia Encke, »Wer ist Houellebecq? Porträt eines Provokateurs«, Rowohlt Berlin, 252 Seiten

Erinnerungsbruchstücke

Obwohl Annie Ernaux in den Kurzbiographien ihrer ins Deutsche übersetzten Bücher wie »Eine vollkommene Leidenschaft« als eine der »renommiertesten Publizistinnen und Autorinnen Frankreichs« vorgestellt wurde, deren Werke mit zahlreichen literarischen Preisen ausgezeichnet wurden, galt sie hierzulande als Autorin von Softpornos, weil Goldmann ein Unterwäschemodel auf das Cover mit Blick auf nackte Beine und Spitzendessous setzte. Ein Fall von Betrug am Leser, der in Erwartung scharfer Sexszenen mit der Innenwelt einer Frau konfrontiert wurde, die auf ihren Geliebten wartet. Vielleicht hat es ja deshalb neun Jahre gedauert, bevor Suhrkamp nun »Die Jahre« herausbrachte, die in Frankreich ein Bestseller waren.
Didier Eribon ist jedenfalls voll des Lobes für Annie Ernaux. Und das vermutlich zu Recht, denn in ihrem Buch entfaltet sie ein ganz eigenartiges und faszinierendes Panorama der französischen Gesellschaft, beginnend in den fünfziger Jahren, in einer dezenten poetischen Sprache, die den Leser nicht los lässt, obwohl Ernaux vieles nur antippt, kurz erwähnt, obwohl sie viele Ereignisse nur aufzählt und die dabei hervorgerufene Assoziation dem Leser überlässt, obwohl sie keine durchgehende Erzählstruktur verwendet, wie man sie kennt und gewohnt ist. Aber sie wollte auf keinen Fall auf konventionelle Weise erzählen, sie wollte sich selbst als »einzelne Existenz« sehen, »die in der Bewegung einer ganzen Generation aufgeht«. Das jedoch wirft gewisse Probleme auf: Wie kann sie »das Vergehen der Zeit, die Veränderungen der Dinge, Ideen und Sitten und gleichzeitig das Innenleben dieser Frau schildern, wie kann sie ein Tableau über 45 Jahre zeichnen und gleichzeitig nach einem Ich außerhalb der großen Geschichte suchen, einem Ich, das in herausgegriffenen Momenten existiert und über das sie mit zwanzig Jahren Gedichte mit Titeln wie Einsamkeit etc. geschrieben hat.«?
Für dieses Projekt ist ihr die Ich-Form »zu beständig, eng, fast beklemmend, beim ›sie‹ ist die Außensicht, der Abstand zu groß«. Richtig lösen lässt sich das Problem nicht, weshalb sie einen Kompromiss eingeht, indem sie ihre Epoche im unpersönlichen »man« erzählt und immer wieder Passagen im »sie« einstreut, wenn es um ihre eigene Geschichte geht, die in den großen Zeitlinien keine unmittelbare Spiegelung findet und zum Ausgangspunkt ein Foto hat, an das sich bestimmte Erinnerungen knüpfen.
Die Erzählung switscht kaum merklich hin und her, zwischen ihren Sehnsüchten als Jugendliche nach Lippenstift, Nylonstrümpfen und Schuhen mit hohen Absätzen, die sich schämt, weil sie immer noch Söckchen tragen muss, die »penibel darauf achtet, nicht gegen das strenge mütterliche Gesetz der Uhrzeit zu verstoßen«, hin zu den schlaglichtartigen gesellschaftlichen Ereignissen: »Bahnstreik im Sommer 53 – der Fall von Dien Bien Phu – Stalins Tod«. Es war die Zeit, als niemand über die Konzentrationslager sprach, und wenn jemand seine Eltern in Buchenwald verloren hatte, folgte betretenes Schweigen, ein Schweigen, wie man es auch aus Deutschland kannte, nur aus unterschiedlichen Gründen.
Sie kommt aus einer sozialen Schicht, die keinen Kühlschrank und kein Badezimmer besitzt, »und wenn man aufs Klo will, muss man raus auf den Hof«. Nach dem Abitur arbeitet sie als Lehrerin auf dem Land, liest Frauenzeitschriften, die ihr Schönheitsideal von Frauen prägen. Sie fährt einen 2 CV. »Sie ist frei und unabhängig… Ihr Leben nach dem Abitur ist eine Treppe, die in den Wolken verschwindet«, aber dann wird diese Erinnerung an den Beginn der »Freizeitgesellschaft« überlagert von zähen Tagen, die sie mit Bücherlesen und Schallplattenhören verbringt, und plötzlich ist die Euphorie wieder verflogen. Die Versprechungen auf das Leben, die die Zukunft zu machen scheint, lösen sich nicht ein, plötzlich wäre sie gerne noch länger jung geblieben, wo sie doch lange Zeit nicht schnell genug erwachsen werden konnte. Dann wieder die Politik: Die Bomben der OAS in Paris, das Attentat auf de Gaulle, der Putsch der Generäle in Algier.
»Man fand es normal, dass die Einwanderer in Armenvierteln lebten, in Fabriken und im Straßenbau malochten, dass ihre Oktoberdemonstration erst verboten und dann blutig niedergeschlagen wurde.« Damals als über zweihundert Algerier in die Seine geworfen, erschossen oder erschlagen wurden und die Leichen durch Paris schwammen und die Polizei das Verbrechen vertuschte und erst sehr viel später herauskam, was wirklich passiert war, als niemand mehr sagen konnte, »was man damals tatsächlich gewusst hatte«, weil man sich nur noch »an einen milden Herbst und den Semesterbeginn« erinnerte.
Während draußen die Welt aus den Fugen geriet, machte »man es sich drinnen gemütlich.«
Vielleicht funktionieren diese kaleidoskopartigen Erinnerungsbruchstücke deshalb und so lange, wie sie auch im Leser Bilder im Kopf entstehen lassen, wenn man feststellt, wie sehr sich trotz aller Unterschiede eine Jugend in Frankreich und Deutschland ähnelte, als man in der ersten eigenen Wohnung ein Che-Guevara-Plakat aufhängte oder das Foto des Napalm-Mädchens aus Vietnam, wie befreiend die Musik und die Filme und die Literatur und Loslösung von den Eltern war, auch wenn man übers Wochenende immer noch zum Wäschewaschen nach Hause kam.
Aber je länger die Erzählung fortschreitet, desto mehr entfernt sie sich aus der gemeinsamen Erinnerung einer Generation, desto mehr diversifiziert sie sich, zerfasert. Die großen weltgeschichtlichen Ereignisse wie der Zusammenbruch des Ostblocks hat nur noch den Bezug zu ihr als wache Beobachterin des politischen Geschehens, Ernaux fängt an, mehr zu kommentieren, zu analysieren, aber sie hat nicht mehr die emotionale Nähe zu den Verwerfungen der Welt, sie ist inzwischen Mutter von erwachsenen Kindern, hat sich von ihrem Mann getrennt und einen neuen kennengelernt. In ihre Erzählung schleicht sich ein leichter melancholischer Ton. Und als Jugoslawien in Trümmern liegt, ist »man« plötzlich sehr müde. »Man hatte alle Gefühle im Golfkrieg verausgabt, und es hatte nichts gebracht.« Noch mehr: »Die soziale Ordnung löste sich auf. Die Sprache verlor ihren Realitätsbezug, sie wurde zu einem Mittel intellektueller Distinktion … Die Gleichgültigkeit wurde größer.«
Von der erhofften Aufbruchsstimmung, die mit dem Jahr 2000 verbunden ist, bleibt nur Melancholie. Ihre Erwartung, dass endlich »etwas passiert«, die in ihrem Text immer wieder kehrt, nimmt zu, auch wenn sie es nicht genau zu benennen weiß, was passieren soll, obwohl sie alles hat und eigentlich zufrieden sein könnte. Aber gerade der erreichte Wohlstand, wenn man sich zurücklehnen und wohlgefällig seinen Blick auf sein eigenes Leben schweifen lassen könnte, treibt in die Jahre gekommene Menschen dazu, noch einmal vom großen Umbruch zu träumen, es beschleicht sie ein Gefühl der Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, weil man sich ihnen umso mehr entfremdet, je älter man wird und die Veränderungen um sich herum nur noch mit Skepsis beobachtet. Man merkt, das Leben geht weiter und man selbst bleibt auf der Strecke.
Die Erzählung wird zunehmend kursorisch und manchmal sogar banal, weil die Ereignisse keinen unmittelbaren Bezug mehr zu ihr selbst haben. Und man beginnt sich zu fragen, ob die Skizze einer Epoche ihr vielleicht deshalb so gut gelungen ist, weil sie nie wirklich ihre Beobachterposition verlassen hat, ihr Lebenslauf ohne außergewöhnliche Brüche blieb, mit einer weitgehend normalen Karriere, in der sich ihre Zeit wiederspiegeln konnte, weil sie immer eine gewisse Distanz bewahrt, sich nie zu nahe an die Abgründe des Lebens gewagt hat, nie allzu waghalsig gewesen war, auch nicht 68, und wahrscheinlich immer die Ordnung der Dinge bedacht hat. Trotzdem ein großes Buch, ein Buch für eine bestimmte Generation, für die Ernaux »etwas von der Zeit« gerettet hat, »in der man nie wieder sein wird«, und sie versteht es, Erinnerungen zu wecken, die längst verschüttet schienen.

Annie Ernaux »Die Jahre«, Suhrkamp, Berlin 2017. Aus dem Französischen von Sonja Fink, 256 Seiten,

Ein Wimmelbild des Elends. Ein missglücktes Buch über Marseille

»Elend und Macht in Marseille« lautet der Untertitel eines neuen Buches über die zweitgrößte Stadt Frankreichs, und zumindest der erste Teil dieses Untertitels lässt sich auch auf das Buch des Journalisten Philippe Pujol selbst anwenden, denn das Elend seiner Reportage besteht darin, dass es sich um einen in die Länge gezogenen Artikel handelt, wie er in einem beliebigen Magazin stehen könnte. Für viele mag das kein Nachteil sein, wenn sie keine allzugroßen Ansprüche an ein Sachbuch stellen, aber von einem solchen sollte man Hintergründe, Fakten, Analyse und einen historischen Kontext erwarten können. Stattdessen besteht das Buch aus journalistisch zum Teil reißerisch aufgemotzten Berichten über individuelle Schicksale, über Personen also, die in ihrer Typologie so eindimenional und so klischeehaft sind, dass sich außer einem »wie schlimm aber auch« kaum ein Erkenntnisgewinn aus dem Buch ziehen lässt. Außer seiner moralischen Empörung über die Zustände hat der Autor kein begriffliches Handwerkszeug, um über eine so spannende Stadt wie Marseille mehr herauszufinden als den Befund: Überall herrscht Chaos, Gewalt, Korruption. Leser, die sich gerne bestätigen lassen, was sie schon vorher wussten, sind hier an der richtigen Adresse: Für sie funktioniert das Buch als Wimmelbild des Elends und evoziert ein permanentes Einverständnis.
Pujol will beispielsweise »verstehen, was für ein Leben Kader geführt hat«, ein sogenannter »Wegwerfgangster«, wie man gleich in der Kapitelüberschrift erfährt. Dazu taucht Pujol tief ein: »Ich laufe, wo er gelaufen ist. Ich fahre, wo er gefahren ist. Ich trinke das pappsüße Zeug, das er immerzu in sich hineinschüttete. Ich rauche sogar sein abscheuliches Dope.« Eine eigenwillige Berufsauffassung, die des Journalisten Nähe zu seinem Opfer beweisen soll. Aber je näher er hinschaut, desto fremder schaut es zurück: »Letzten Endes komme ich zu dem Ergebnis, dass er einfach nur die verrückte Existenz eines Normalos geführt hat, der nicht in die richtigen Kreise hineingeboren wurde.« Liegt es also am sozialen Umfeld, an den Eltern? »Man kann nicht behaupten, dass Kaders Vater sich nicht um ihn gekümmert hat, und auch nicht, dass es Kader an Liebe oder an Bindung zu den Eltern fehlte.« Es ist die Armut, die Kader schließlich mit drei Kugeln im Kopf enden ließ. Das kann in diesem besonderen Fall zwar so sein, aber es ist eine sehr schlichte Annahme, die vor allem nicht dazu taugt, zu erklären, warum Kader zum Kleinkriminellen wurde, genauso wenig wie Reichtum jemanden dazu prädestiniert, zum Gangsterboss zu werden. In dieser schlichten Vorstellungswelt erfährt man wenig darüber, wie die Problembezirke entstanden sind, wie ihre soziale Zusammensetzung ist und wie sie sich inzwischen vielleicht verändert haben, nur prall mit Details angereicherte Geschichten, die man schnell wieder vergessen hat.
Natürlich kann man über Einzelschicksale berichten. Ganz grandios hat Ramita Navai das in ihrem Buch über Teheran »Stadt der Lügen« gemacht, weil sich allein durch die Kraft ihrer Erzählung und nicht durch einen mahnenden Zeigefinger ein gesellschaftlicher Kosmos öffnet, den man durch ihre Geschichten zu verstehen beginnt. Aber dazu fehlen Pujol nicht nur die sprachlichen Mittel, sondern auch das Verständnis, eine Geschichte zum Leben zu erwecken. Er will empören und schockieren und deshalb reiht er eine Szene an die andere, in der er das schreiende Unrecht der französischen Politik anprangert. Man wird davon jedoch nicht empört, sondern nur müde.

Philippe Pujol »Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille«, Hanser, München 2017, aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz und Till Bardoux, 286 Seiten, 24.- Euro

Wie ticken die Anhänger von Donald Trump

Es gibt wenig Gründe, das Buch eines Mannes in die Hand zu nehmen, der sich selbst als »modernen Patrioten« bezeichnet, wie J.D. Vance das tut in seinem New York Times Bestseller über die Frage, wie der mittlerweile berühmte weiße Arbeiter in den Vereinigten Staaten tickt, noch dazu eines Mannes, dem jedesmal die Tränen kommen, wenn er Lee Greenwoods kitschige Hymne »Proud to be an American« hört, auf die es doch keine bessere Replik gibt als das schöne »Proud to be an asshole vom El Paso« von Kinky Friedman.
Aber das Buch »Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise« von J.D. Vance gehört zu einem der besten Sachbücher in diesem Jahr. Dass der Autor sich erst auf S. 219 zu den patriotischen Werten seines Landes bekennt, hätte ich ihm normalerweise übel genommen, in diesem Fall muss man dankbar sein, weil man sonst um einen tiefen Blick in die psychische Struktur des Hillbillys gekommen wäre, die einem der Autor auf sehr präzise und sehr unterhaltsame Weise nahebringt. Er kann das deshalb so gut, weil er selbst diesem merkwürdigen Menschenschlag entstammt und in einer Hillbilly-Familie die Hölle durchlaufen hat, die die meisten Leute zu Verlierern prädestiniert und der zu entkommen es kaum eine Chance gibt.
Das Buch ist keine soziologische Analyse und nur hin und wieder zitiert der Autor eine meistens aufschlussreiche Statistik, die seine Beobachtungen und Erinnerungen belegen. J.D. Vance beschreibt einfach, wie er als Kind aufwächst und was er erlebt. Und das, was er erzählt, spricht für sich. Man muss keine zehn Semester Soziologie studiert haben, um zu begreifen, dass Leute mit diesem biografischen Hintergrund nicht allzuviele Chancen haben, um ihrem traurigen Leben zu entfliehen. Hillbilly ist der Hinterwäldler, der in einer ländlichen, gebirgigen Gegend wie den Appalachen wohnt, nicht viel zu sagen hat, und wenn, dann mit einem kaum verständlichen Dialekt, der Whiskey trinkt und schnell zur Waffe greift. Hier befindet sich das Kernland der Waffenlobby.
Viele Menschen zogen in den Siebzigern und Achtzigern in Industrieregionen auf der Suche nach Arbeitsplätzen. Die Familie des 1984 geborenen J.D. Vance verschlug es nach Middletown in Ohio, und wie der Name schon sagt, in eine Gegend, die so austauschbar war wie der Stadtname, den es in fast allen Bundesländern gibt. Als der Manufacturing Belt zum Rust Belt, also zum verrosteten alten Eisen wurde, das in besseren Zeiten dort einmal verarbeitet wurde, saßen viele Menschen, die in solche Städte wie Middletown gezogen waren, fest. Ihre noch nicht abbezahlten Häuser waren plötzlich nichts mehr wert, woanders hinzuziehen, war nicht mehr so einfach, also blieb man und sah der Erosion der Stadt zu.
Diese Verwandlung von ehemals blühenden Städten in moderne Ruinen wurde nirgends so sichtbar wie in Detroit. Die sozialen Folgen sind in jeder Beziehung dramatisch, aufschlussreich aber ist vor allem die psychologische Veränderung, die bei den Einwohnern solcher Regionen vonstatten geht. Und hier entfaltet das Buch die Qualitäten, die auch in Eribons »Rückkehr nach Reims« zu finden sind. Aus Männern, deren Ethos in einem harten Arbeitstag in der Stahlindustrie besteht, die daraus ihr Selbstwertgefühl ziehen und die stolz sind auf die von ihnen geleistete Arbeit und ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft, werden zu Deklassierten, die jede Arbeit nach kurzer Zeit wieder hinwerfen, die kapitulieren und egal in welcher Angelegenheit dem Staat die schuld geben. Die Folge davon ist jedoch nicht ein sozialrevolutionärer Prozess, sondern was sich hier herausbildet, ist eine zutiefst reaktionäre Gesinnung. Aus dem weißen Arbeiter als Stütze einer funktionierenden Gesellschaft, der die Demokraten wählte, wird ein durch seine Unzufriedenheit unberechenbar gewordener Reaktionär und Rassist, ein Wähler von Donald Trump, weil der die Irrationalität ihres Lebens verkörpert und Rache am verhassten Establishment verspricht. Und selbst wenn diese Rache den eigenen Untergang bedeutete, würde man noch zu ihm halten, obwohl Trump das komplette Gegenteil ihrer Interessen vertritt. Und genau in dieser Zeit des Umbruchs ist J.D. Vance aufgewachsen und hat wie ein Seismograph die kleinen und großen Erschütterungen wahrgenommen, die sich direkt auf sein Leben auswirkten.
Wahrscheinlich hätte J.D. Vance das gleiche Schicksal ereilt wie so viele andere, die vor dem Alkoholismus, der Gewalt und dem Elend, die sie umgeben, nicht mehr herausfinden, wenn ihm »Mamaw«, seine Großmutter, nicht den Halt und die Sicherheit gegeben hätte, die seine »Mom« ihm nicht bieten konnte, denn die hatte ein Drogenproblem und ständig wechselnde Partner, ein Phänomen, das nirgends sonst auf der Welt so weit verbreitet ist wie bei amerikanischen Arbeiterfamilien. Und die daraus entstehenden Konflikte sind so unfassbar bizarr, dass man nur ungläubig den Kopf schütteln kann und sogar lachen muss, weil solche Geschichten ein Licht auf Personen werfen, auf die Vance nie verächtlich herabblickt.
So erzählt er, wie auf einer Autofahrt aus nichtigem Anlass ein Streit zwischen ihm und seine Mutter eskaliert, wie seine Mutter am Straßenrand anhält, um ihn zu verprügeln, wie er quer über die Felder zu einem Haus rennt und die dort in einem Swimmingpool liegende Frau um Hilfe anfleht, wie diese sich mit ihm im Haus verbarrikadiert, wie die außer Rand und Band geratene Mutter die Tür eintritt, um ihn herauszuholen, wie die Frau die Polizei anruft, die die unzurechnungsfähige Mutter schließlich abführt, wie Vance schließlich vor Gericht seine Mutter entlasten muss, damit sie nicht hinter Gitter kommt, was gleichzeitig bedeutet, dass das Schreckensszenario weitergeht. Wie seine Mutter eine Urinprobe von ihm fordert, weil das Gesundheitsamt ihre Drogenabhängigkeit überprüfen will. Wie seine Großeltern nach einem Gottesdienst mit vorgehaltenen Schusswaffen jedes Auto durchsuchen, das den Parkplatz verlassen will, weil sie glauben, ihr Enkel sei von einem »Perversen« entführt worden, dabei ist der Enkel nur auf der Kirchenbank eingeschlafen.
Von dieser Art sind die Episoden, die auf das Klima aus Familienstreit und Gewaltexzesse, befeuert von Alkohol, ein Licht werfen und deutlich machen, wie prädestiniert die Karrieren sind, die Menschen in diesem Umfeld einschlagen: früh Kinder kriegen, Drogen und Alkohol, Gefängnis. Umso erstaunlicher, dass der Autor es trotzdem geschafft hat, dass er in der angesehenen Yale-University schließlich Jura studierte und inzwischen als Investor arbeitet. Oder vielleicht auch nicht so erstaunlich, denn er geht, weil ihm nichts besseres einfällt, nach der Schule zum Militär. Und der Drill, dem er während der Grundausbildung unterliegt, macht aus dem übergewichtigen, pummeligen, antriebslosen Jüngling einen Menschen, der nach seiner Militärzeit weiß, was er will und der es auch mit einem neu erwachten, angestachelten Ehrgeiz auch schafft. Aus J.D. Vance wird ein Mann, der ein Ziel vor Augen hat und es schließlich auch erreicht, eine Familie zu gründen, ein Haus, einen guten Job und eine tolle Frau zu haben, denn das ist es letztlich, was den Menschen offenbar antreibt. Es ist nicht die Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit, womöglich sogar nach einer Revolution, sondern es ist home sweet home, weil Menschen wie J.D. Vance das immer vermisst haben.
Das Militär als Erziehungsanstalt und die Familie als Glücksversprechen war schon immer die meist letzte Zuflucht der Verlierer, und das ist ziemlich deprimierend, aber es würde nichts nützen, dieses Phänomen einfach zu ignorieren, denn immerhin haben zumindest in diesem Fall diese Institutionen dazu beigetragen, dass jemand sich in seinem Leben erfolgreich zurechtfindet, der zwar Investor geworden ist, aber auch ein großartiger Buchautor, der eindringlich und überzeugend zu beschreiben versteht, wie verloren und depressiv dieser deklassierte weiße Arbeiter ist, aber auch wie wenig er sich unterkriegen lässt.

J.D. Vance, »Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise«, Ullstein, Berlin 2017

Den Zeitgeist bombardieren mit “Hundert Zeilen Hass”

Maxim Billers Kolumnen »Hundert Zeilen Hass«, die von November 1987 bis Mai 1999 in »Tempo« erschienen und nun gesammelt als »Tempo-Buch« im Hoffmann und Campe Verlag wieder aufgelegt wurden, habe ich damals schon gelesen, und schon damals war ich ziemlich beeindruckt vom Sound, die die Kolumnen durchwehten, von der Treffsicherheit und der Eleganz, mit der jemand auseinander genommen wurde, von der polemischen Wucht, die durchaus Mut erforderte, weil da jemand ohne Rückversicherung zu schreiben schien und sich eine Menge Feinde machte, nicht nur im gerontokratischen Feuilleton, das die Deutungshoheit im Literaturbetrieb innehatte, sondern auch unter Leuten, die man bei flüchtiger Betrachtung für seine Verbündeten halten konnte. Biller hatte die hohe Kunst des Kolumnierens neu erfunden, indem er alle Register zog und auf einer Klaviatur spielte, die sich Oldschool-Kolumnisten von selber verboten, weil sie altbackene Wahrheiten feilboten, die sie schulmeisterlich und ohne Witz ausbreiteten.
Er war ernst und präzise, wenn es sein Gegenstand erforderte, er schüttete Häme und Spott aus, wenn der Gegner es verdiente, er machte sich über sich selbst lustig und relativierte eine steile These und ließ damit dem Leser, der sich gerade über irgendeine offensichtliche Ungerechtigkeit aufregen wollte, gekonnt die Luft raus, er überraschte mit feinen rhetorischen Finten, immer neuen Ideen, was nicht wenig ist bei 140 Kolumnen, und er wusste genau, wann es angebracht war, auf einen groben Klotz einen groben Keil zu setzen.
»Hundert Zeilen Hass« ist eines der lustigsten und kurzweiligsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, und das, obwohl es von einer Zeit handelt, die zwar noch gar nicht so lange zurückliegt, die aber aus heutiger Sicht irreal, absurd und fast schon irgendwie verwunschen und rätselhaft wirkt, wie eine Übergangszeit, die schließlich zu der totalen Verfügbarkeit aller Informationen und damit zu deren Entwertung führte. Oder erinnert sich noch jemand an die Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, vor der die Redakteure antanzen mussten, wenn mal ein Artikel über den von ihr persönlich gepachteten »deutschen Widerstand des 20. Juli« erschien, der diesen nicht in den leuchtendsten Farben erstrahlen ließ, und die tatsächlich an Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker« monierte, er würde »den mehr oder weniger verstummten Antisemitismus wieder neu beleben«, indem er ihn aufzeigte?
Ich weiß nicht, ob dieses damals weit verbreitete Argument Biller entgangen ist, denn ich hätte gerne seinen Kommentar dazu gelesen, aber auch ohne diesen dezidierten Schwachsinn, den die Dönhoff damals von sich gab und den erstaunlicherweise niemand skandalös zu finden schien, bringt seine Beschreibung der »grauen Eminenz« genau auf den Punkt, woran der Journalismus damals krankte: »Ihre Leitartikel sind moralische Tagesbefehle, Belehrungen und Bekehrungen – immer von oben herab, aber nie aus geistiger Höhe … Die große Pfäffin Dönhoff schreibt wie ein Kind: naiv, uninspiriert und schematisch.« Und das traf es wirklich sehr genau, wenn man sich noch ein wenig an die aus Gemeinplätzen bestehenden Artikel erinnert.
Aber wer kennt diese »Lese-Ödnis« noch? Könnte also sein, dass es für in den Achtzigern geborene Leser nur das halbe Vergnügen ist, auf der anderen Seite muss man solche Gespenster heute auch nicht mehr kennen, um trotzdem Vergnügen an den Kolumnen zu empfinden, denn sie haben ihren Gegenstand überlebt, sie glänzen noch in ihrer Geschliffenheit und Frechheit, während die unerbittlich voranschreitende Zeit ihr Kreuz über Frau Dönhoff gemacht und sie dem Vergessen überantwortet hat.
Oder über den ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, den sogar Eingeweihte für ein »aufgeblasenes Nichts« hielten, »für einen Kriecher, einem Nach-unten-Treter, einen Repräsentationsgeilen«: »Es ist nicht egal, dass Kurt Waldheim hässlich ist wie die Nacht. Dass seine abstehenden Ohren und seine lange Nase in bester Nosferatu-Manier sein Äußeres dominieren. Dass seine Augen feige-kalt leuchten und ihn überhaupt eine recht gespenstische Hofburg-Aura umgibt. Das ist, im Gegenteil, gut! … Schade nur, dass Deutschland nicht auch so einen Waldheim-Zombie hat, irgendeinen unsympathischen Kerl, einen echten Nazi-Jenseitigen, der die Leute permanent an ›damals‹ erinnern würde.«
Wenn man schon denkt, dass es vielleicht nicht so klug ist, sich über das Aussehen eines Mannes lustig zu machen, der doch als Nazi so viel auf dem Kerbholz hatte, dass die Äußerlichkeit wie eine Nebensache erscheint, kommt plötzlich die überraschende Volte in der Argumentation. Und so könnte man noch hunderte Stellen zitieren als Belege für Billers Humor, seine Schärfe, seine Präzision, sein Aufbrausen, Stellen, die ich alle angestrichen habe und die die Besprechung locker auf das Zehnfache des geplanten Umfangs bringen würde, wollte ich sie alle aufzählen.
Aber zumindest ein paar Leute sollen noch erwähnt werden, wie z.B. Heiner Müller und seine »quasselig-sophistische DDR-Borniertheit« oder der »bayerische Parvenü mit Hundesalonbesitzer-Charme« Franz Beckenbauer, der »sehr pomadige Schauspieler« Ulrich Tukur mit dem »Talent eines Max Headroom«, wobei das allerdings jetzt ein wenig in die Irre führt, denn Biller wollte kein Gruselkabinett von Vollidioten anlegen, vielmehr sind die Invektiven immer ein Beleg für einen Zustand in der Gesellschaft und der Psyche der Deutschen, für den aufkommenden Rassismus in der Zone nach der Wiedervereinigung, für das Versagen der Linken vor dem »fahnenschwenkenden Siegestaumel« und dem »teutonischen Nationalismus« und natürlich immer wieder für den Antisemitismus, der nach dem neuen Bericht der Bundesregierung aktuell bei 24 Prozent liegt.
Man kann also die Kolumnen auch lesen wie ein Buch über die neuere Geschichte Deutschlands, in dem einem heute einiges immer noch sehr bekannt vorkommt, wie z.B. die Rede vom »Ausländerproblem« und der »Überfremdung unserer Gesellschaft«, und es überrascht manchmal, dass schon damals die Diskussion über diese Themen erbärmlich war. Da macht es einem dann auch gar nichts aus, dass man nicht unbedingt immer einer Meinung mit Biller ist und das auch nicht sein muss, wie z.B. in der Beurteilung der berühmten Aussage Heiner Geißlers, der »die Pazifisten der 20er und 30er Jahre für Auschwitz mitverantwortlich« gemacht hatte. Biller kritisierte sie und beteiligte sich an der allgemeinen Erregung, die Geißler damit in der Öffentlichkeit hervorrief, muss dabei jedoch ignorieren, dass nicht nur die Appeasementpolitik dazu beigetragen hat, Hitler freie Hand zu lassen, sondern auch die »deutsche Friedensbewegung« für Hitler gestimmt hat, d.h. er nimmt die Friedensbewegung genau in dem Augenblick in Schutz, als diese gerade die Nation für sich wieder entdeckt hat. Aber diese Schlachten sind geschlagen, sie heute wieder aufzuwärmen wäre lächerlich.
Maxim Biller war damals ein Einzelkämpfer, ein Guerillero, der darauf achtete, dass er kein Bündnis mit potentiellen Verbündeten und Verwandten im Geiste einging, denn er wollte sein Alleinstellungsmerkmal nicht verlieren. Vieles aber, was man in seinen Kolumnen lesen kann, erinnert einen an Autoren wie Wolfgang Pohrt, Eike Geisel, Christian Schultz-Gerstein oder Wiglaf Droste.
Das sind keine schlechten Referenzen. Seine Verdienste um die Aufklärung dessen, was die Deutschen Ende der Achtziger und in den Neunzigern quälte werden dadurch nicht geringer. Dieses Buch sollte man in der Henri-von-Nannen-Schule zur Pflichtlektüre machen. Vielleicht würde man dann wieder etwas lieber zu einer der Zeitungen greifen, die die so vollkommen mainstreamgebürsteten Absolventen solcher Ausbildungsstätten durch ihre forsche und selbstbewusste Ahnungslosigkeit immer unlesbarer machen.

Maxim Biller, »Hundert Zeilen Hass«, Tempo Bücher im Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2017, 400 Seiten

Systematische Fehler

Wie kann es sein, fragten 1983 amerikanische Generäle die Israelis, dass sie ihre Kriege gewännen, die Amerikaner mit ihrer Bilanz hingegen schlecht aussähen, vor allem, weil man ja die gleichen Waffen und die gleiche Ausrüstung benutzen würde. Wenn es also daran nicht liegen würde, woran dann? Schließlich versuchte man der Frage auf den Grund zu gehen, wie die Israelis ihre Soldaten für die jeweiligen militärischen Einheiten auswählten. Bislang hing das von der Intuition der Befrager ab, in welche Abteilung ein Rekrut gesteckt wurde, aber dann fand jemand heraus, dass das genau das Problem war: Menschen, die die Persönlichkeit anderer Menschen beurteilen sollten. Gelang es, das Bauchgefühl des Befragers auszuschalten, wurde die Einschätzung besser. Diese Entdeckung gelang dem Psychologen und späteren Nobelpreisträger Daniel Kahnemann, der damit, wie Michael Lewis in der Biographie »Aus der Welt« über ihn schreibt, »mehr für die israelische Armee getan hat als jeder andere Psychologe vor und nach ihm«.
Aus heutiger Sicht mag das erstaunlich klingen, weil man den Sachverhalt automatisch aus der Retrospektive betrachtet, d.h. man ist aus heutiger Sicht weiter und deshalb auch klüger, aber in den siebziger Jahren fing man eben erst an, sich Gedanken um das Wie beim Zustandekommen von Entscheidungsprozessen zu machen. Aber unabhängig davon ließe sich auch sagen, dass hierarchische Entscheidungsstrukturen beim Militär für einen Soziologen wohl kaum etwas neues waren, genauso wenig wie die Einsicht, dass die Häufigkeit von Fehlentscheidungen umso höher ist, je weniger es eine Instanz gibt, die einen Entscheider korrigiert. Und dieser Gedanke beschleicht einen immer wieder bei der Lektüre des Buches, z.B., wenn es um die Frage der häufigen Fehlentscheidungen in der Medizin geht, die natürlich damit zusammenhingen, dass die damals noch als »Götter in Weiß« geltenden Ärzte ihre Diagnosen immer als unumstößlich ansahen und sie jeden Zweifel an ihrer Autorität als Beleidigung auffassten, während erst in einigen Tests darauf hingewiesen werden musste, dass viele Ärzte häufig eine unterschiedliche Diagnose über ein- und dasselbe Geschwür stellten.
Aber Daniel Kahnemann und sein Kollege Amos Tversky, mit dem er jahrelang eng zusammenarbeitete, begnügten sich eben nicht mit der Frage, warum das so war, sondern boten auch eine Lösung, wie sich die Fehler im System minimieren ließen, auf die Statistiken immer wieder hinwiesen. Und dazu musste man wissen, wie der Mensch Entscheidungen trifft, wie er »tickt«, es ging darum, das Gedächtnis zu verstehen, warum beispielsweise das Denken dazu neigt, einen kleinen Ausschnitt mit dem Ganzen zu verwechseln. Und dass es so ist, wiesen die beiden Psychologen durch Befragung und kleine Versuchsanordnungen nach.
Und das, was sie dabei herausfanden, zog nicht wenige Prämissen vieler Wissenschaftsdisziplinen in Mitleidenschaft. »Es ist erstaunlich«, hatte Amos Tversky einmal gesagt, »wie langweilig Geschichtsbücher sind, wenn man bedenkt, wie viel davon Fiktion ist.« Die Interpretation von Geschichte, so die These, unterliegt »Verzerrungen«. Davon zeugte eine Befragung von Studenten, die den überraschenden Staatsbesuch Nixons in China 1972 anhand verschiedener möglicher Antworten beurteilen sollten. Nach dem Staatsbesuch wurden die Probanden wieder befragt, und »nachdem sie das Ergebnis kannten, hielten sie es sehr viel vorhersehbarer als im Moment ihrer Prognose«, weshalb dieses Phänomen den Namen »Rückschaufehler« erhielt. Dass der Mensch Fehler macht, darüber wird sich niemand streiten, das Faszinierende und vielleicht Bahnbrechende an den Forschungen von Kahnemann und Tversky war die Tatsache, »dass wir vorhersehbare und systematische Fehler machen«. Die Menschen wurden als rational entscheidende Wesen vorausgesetzt, die sie jedoch nicht sind. Die beiden kamen zu einer anderen Beurteilung der menschlichen Natur und waren deshalb in der Lage, auch in anderen Wissenschaftsbereichen als unumstößliche Wahrheiten geltende Prämissen in Frage zu stellen.
Der Bestsellerautor Michael Lewis hat lange Zeit recherchiert und in Archiven geforscht, er hat Gespräche mit Kahnemann (sein Partner Tversky war zu diesem Zeitpunkt bereits an Krebs gestorben) und Interviews mit Kollegen, Freunden und Familienangehörigen geführt, und eine fundierte, eingängig zu lesende und niemand überfordernde Biografie der beiden Psychologen geschrieben. Er hat dabei nicht nur ihre wissenschaftlichen Befunde ausgebreitet, für die Kahnemann dann 2002 den Nobelpreis bekam, sondern auch das Verhältnis der beiden gewürdigt, die vielleicht, gerade weil sie in ihrem Naturell so unterschiedlich waren – der eine Holocaustüberlebender und skeptisch gegenüber sich selbst, der andere in Israel geboren, selbstbewusst und eloquent -–, sich auf kongeniale Weise ergänzten.
Manchmal sieht es allerdings so aus, als ob Lewis seinem Gegenstand zu nah war, als dass er noch den nötigen Abstand hätte herstellen können, der notwendig ist, um sich seinem Untersuchungsgegenstand noch kritisch nähern zu können. Darauf jedenfalls lassen seine häufigen Verweise auf die Genialität der beiden schließen. Dass sie jedoch so erfolgreich waren, hing nicht allein an ihrer Genialität, sondern auch daran, dass ihre Forschung auf einen Nutzen ausgerichtet war, die viele Verbesserungen zur Folge hatte. Sie hatten, wenn man so will, die Pionierarbeit geleistet für das, was heute Algorithmen leisten, die menschliche Denkfehler weitgehend ausschließen.

Michael Lewis, »Aus der Welt. Grenzen der Entscheidung oder: Eine Freundschaft, die unsere Denken verändert hat«, Campus, Frankfurt 2017. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und Sebastian Vogel

Auf dem Datenweg zu Gott. Über “Homo Deus” von Yuval Noah Harari

Dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari ist bereits mit dem in 40 Sprachen übersetzten Buch »Eine kurze Geschichte der Menschheit« ein Weltbestseller gelungen. Nun hat er aller Voraussicht nach mit »Homo Deus. Eine Geschichte von morgen« einen zweiten geschrieben, denn Harari weiß das Bedürfnis der Leser nach einer Draufsicht aufs Ganze und nicht nur auf einen Aspekt, im Plauderton geschrieben, hervorragend zu befriedigen. Und ja, es ist intelligent, scharfsinnig und manchmal sogar überraschend witzig, wie die durchweg begeisterten Kritiker auf der ganzen Welt ihm attestieren, denn er eröffnet einen ganz anderen Blick auf Geschichte, und er wagt nun sogar einen Ausflug in die Zukunft.
Hararis Prämissen sind die drei Hauptfeinde der Menschheit, Hunger, Krieg und Seuchen. Die seien nun überwunden und das belegt er mit Zahlen, denen zufolge mehr Menschen Selbstmord begehen als von Soldaten, Terroristen und Kriminellen umgebracht zu werden. Für den Durchschnittsmenschen stellt Coca-Cola oder Zucker »eine weitaus größere Gefahr dar als al-Qaida«. Zwischen 1692 und 1694 beispielsweise, also in nur zwei Jahren, verhungerten in Frankreich ca. 2,8 Millionen Menschen, also rund 15 % der Bevölkerung, heute hingegen gibt es »keine ›natürlichen‹ Hungersnöte mehr auf dieser Welt, sondern nur politische«. An dem überall gefürchteten SARS starben weltweit keine 1000 Personen, während im Mittelalter die Pest die Weltbevölkerung um 75 bis 200 Millionen Menschen dezimierte.
Nachdem der Mensch seine Hauptfeinde besiegt hat, steht nun der Kampf gegen den Tod, das Streben nach Glück und nach einer gottähnlichen Existenz auf der Agenda des Menschen. Der Tod ist für die moderne Wissenschaft laut Harari nur »ein technisches Problem«, und wir befinden uns bereits auf dem Weg dorthin, denn die Menschen werden immer älter. Das vollkommene Glück hingegen hat seine Tücken, denn das Erreichen dieses Zustandes bedeutet Antriebslosigkeit, das genaue Gegenteil dessen, was man benötigt, um Gott werden zu können, eine irgendwie ganz anders geartete Existenz, die durch Algorithmen und freien Datenfluss möglich werden soll. Zwar soll man Hararis Szenarien nicht als Prognosen verstehen, sondern als Möglichkeiten, aber dennoch wird deutlich, dass er dieser Entwicklung gerne freien Lauf lassen würde. »Warum wuchsen die USA schneller als die UdSSR? Weil die Information in den USA freier floss.« Die Menschen können schon lange nicht mehr die ungeheuren Datenströme bewältigen und werden davon auch nicht klug, weshalb man die Datenverarbeitung den Algorithmen überlassen sollte, die alles auf »natürliche Weise« regeln. An dieser Stelle erweist er sich als Anhänger von Airbnb und Uber, die auf dem Weg zu Gott jede Menge Existenzen zerstören werden, weshalb dieses Streben danach vor allem eins ist, ein Prozess, an dem nur eine Elite wird teilhaben können, und gegenüber diesem Prozess werden sich sämtliche vergangenen Epidemien, Hungersnöte und Kriege vermutlich harmlos ausnehmen.