Kategorie-Archiv: Der Verleger empfiehlt

Erinnerungsbruchstücke

Obwohl Annie Ernaux in den Kurzbiographien ihrer ins Deutsche übersetzten Bücher wie »Eine vollkommene Leidenschaft« als eine der »renommiertesten Publizistinnen und Autorinnen Frankreichs« vorgestellt wurde, deren Werke mit zahlreichen literarischen Preisen ausgezeichnet wurden, galt sie hierzulande als Autorin von Softpornos, weil Goldmann ein Unterwäschemodel auf das Cover mit Blick auf nackte Beine und Spitzendessous setzte. Ein Fall von Betrug am Leser, der in Erwartung scharfer Sexszenen mit der Innenwelt einer Frau konfrontiert wurde, die auf ihren Geliebten wartet. Vielleicht hat es ja deshalb neun Jahre gedauert, bevor Suhrkamp nun »Die Jahre« herausbrachte, die in Frankreich ein Bestseller waren.
Didier Eribon ist jedenfalls voll des Lobes für Annie Ernaux. Und das vermutlich zu Recht, denn in ihrem Buch entfaltet sie ein ganz eigenartiges und faszinierendes Panorama der französischen Gesellschaft, beginnend in den fünfziger Jahren, in einer dezenten poetischen Sprache, die den Leser nicht los lässt, obwohl Ernaux vieles nur antippt, kurz erwähnt, obwohl sie viele Ereignisse nur aufzählt und die dabei hervorgerufene Assoziation dem Leser überlässt, obwohl sie keine durchgehende Erzählstruktur verwendet, wie man sie kennt und gewohnt ist. Aber sie wollte auf keinen Fall auf konventionelle Weise erzählen, sie wollte sich selbst als »einzelne Existenz« sehen, »die in der Bewegung einer ganzen Generation aufgeht«. Das jedoch wirft gewisse Probleme auf: Wie kann sie »das Vergehen der Zeit, die Veränderungen der Dinge, Ideen und Sitten und gleichzeitig das Innenleben dieser Frau schildern, wie kann sie ein Tableau über 45 Jahre zeichnen und gleichzeitig nach einem Ich außerhalb der großen Geschichte suchen, einem Ich, das in herausgegriffenen Momenten existiert und über das sie mit zwanzig Jahren Gedichte mit Titeln wie Einsamkeit etc. geschrieben hat.«?
Für dieses Projekt ist ihr die Ich-Form »zu beständig, eng, fast beklemmend, beim ›sie‹ ist die Außensicht, der Abstand zu groß«. Richtig lösen lässt sich das Problem nicht, weshalb sie einen Kompromiss eingeht, indem sie ihre Epoche im unpersönlichen »man« erzählt und immer wieder Passagen im »sie« einstreut, wenn es um ihre eigene Geschichte geht, die in den großen Zeitlinien keine unmittelbare Spiegelung findet und zum Ausgangspunkt ein Foto hat, an das sich bestimmte Erinnerungen knüpfen.
Die Erzählung switscht kaum merklich hin und her, zwischen ihren Sehnsüchten als Jugendliche nach Lippenstift, Nylonstrümpfen und Schuhen mit hohen Absätzen, die sich schämt, weil sie immer noch Söckchen tragen muss, die »penibel darauf achtet, nicht gegen das strenge mütterliche Gesetz der Uhrzeit zu verstoßen«, hin zu den schlaglichtartigen gesellschaftlichen Ereignissen: »Bahnstreik im Sommer 53 – der Fall von Dien Bien Phu – Stalins Tod«. Es war die Zeit, als niemand über die Konzentrationslager sprach, und wenn jemand seine Eltern in Buchenwald verloren hatte, folgte betretenes Schweigen, ein Schweigen, wie man es auch aus Deutschland kannte, nur aus unterschiedlichen Gründen.
Sie kommt aus einer sozialen Schicht, die keinen Kühlschrank und kein Badezimmer besitzt, »und wenn man aufs Klo will, muss man raus auf den Hof«. Nach dem Abitur arbeitet sie als Lehrerin auf dem Land, liest Frauenzeitschriften, die ihr Schönheitsideal von Frauen prägen. Sie fährt einen 2 CV. »Sie ist frei und unabhängig… Ihr Leben nach dem Abitur ist eine Treppe, die in den Wolken verschwindet«, aber dann wird diese Erinnerung an den Beginn der »Freizeitgesellschaft« überlagert von zähen Tagen, die sie mit Bücherlesen und Schallplattenhören verbringt, und plötzlich ist die Euphorie wieder verflogen. Die Versprechungen auf das Leben, die die Zukunft zu machen scheint, lösen sich nicht ein, plötzlich wäre sie gerne noch länger jung geblieben, wo sie doch lange Zeit nicht schnell genug erwachsen werden konnte. Dann wieder die Politik: Die Bomben der OAS in Paris, das Attentat auf de Gaulle, der Putsch der Generäle in Algier.
»Man fand es normal, dass die Einwanderer in Armenvierteln lebten, in Fabriken und im Straßenbau malochten, dass ihre Oktoberdemonstration erst verboten und dann blutig niedergeschlagen wurde.« Damals als über zweihundert Algerier in die Seine geworfen, erschossen oder erschlagen wurden und die Leichen durch Paris schwammen und die Polizei das Verbrechen vertuschte und erst sehr viel später herauskam, was wirklich passiert war, als niemand mehr sagen konnte, »was man damals tatsächlich gewusst hatte«, weil man sich nur noch »an einen milden Herbst und den Semesterbeginn« erinnerte.
Während draußen die Welt aus den Fugen geriet, machte »man es sich drinnen gemütlich.«
Vielleicht funktionieren diese kaleidoskopartigen Erinnerungsbruchstücke deshalb und so lange, wie sie auch im Leser Bilder im Kopf entstehen lassen, wenn man feststellt, wie sehr sich trotz aller Unterschiede eine Jugend in Frankreich und Deutschland ähnelte, als man in der ersten eigenen Wohnung ein Che-Guevara-Plakat aufhängte oder das Foto des Napalm-Mädchens aus Vietnam, wie befreiend die Musik und die Filme und die Literatur und Loslösung von den Eltern war, auch wenn man übers Wochenende immer noch zum Wäschewaschen nach Hause kam.
Aber je länger die Erzählung fortschreitet, desto mehr entfernt sie sich aus der gemeinsamen Erinnerung einer Generation, desto mehr diversifiziert sie sich, zerfasert. Die großen weltgeschichtlichen Ereignisse wie der Zusammenbruch des Ostblocks hat nur noch den Bezug zu ihr als wache Beobachterin des politischen Geschehens, Ernaux fängt an, mehr zu kommentieren, zu analysieren, aber sie hat nicht mehr die emotionale Nähe zu den Verwerfungen der Welt, sie ist inzwischen Mutter von erwachsenen Kindern, hat sich von ihrem Mann getrennt und einen neuen kennengelernt. In ihre Erzählung schleicht sich ein leichter melancholischer Ton. Und als Jugoslawien in Trümmern liegt, ist »man« plötzlich sehr müde. »Man hatte alle Gefühle im Golfkrieg verausgabt, und es hatte nichts gebracht.« Noch mehr: »Die soziale Ordnung löste sich auf. Die Sprache verlor ihren Realitätsbezug, sie wurde zu einem Mittel intellektueller Distinktion … Die Gleichgültigkeit wurde größer.«
Von der erhofften Aufbruchsstimmung, die mit dem Jahr 2000 verbunden ist, bleibt nur Melancholie. Ihre Erwartung, dass endlich »etwas passiert«, die in ihrem Text immer wieder kehrt, nimmt zu, auch wenn sie es nicht genau zu benennen weiß, was passieren soll, obwohl sie alles hat und eigentlich zufrieden sein könnte. Aber gerade der erreichte Wohlstand, wenn man sich zurücklehnen und wohlgefällig seinen Blick auf sein eigenes Leben schweifen lassen könnte, treibt in die Jahre gekommene Menschen dazu, noch einmal vom großen Umbruch zu träumen, es beschleicht sie ein Gefühl der Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, weil man sich ihnen umso mehr entfremdet, je älter man wird und die Veränderungen um sich herum nur noch mit Skepsis beobachtet. Man merkt, das Leben geht weiter und man selbst bleibt auf der Strecke.
Die Erzählung wird zunehmend kursorisch und manchmal sogar banal, weil die Ereignisse keinen unmittelbaren Bezug mehr zu ihr selbst haben. Und man beginnt sich zu fragen, ob die Skizze einer Epoche ihr vielleicht deshalb so gut gelungen ist, weil sie nie wirklich ihre Beobachterposition verlassen hat, ihr Lebenslauf ohne außergewöhnliche Brüche blieb, mit einer weitgehend normalen Karriere, in der sich ihre Zeit wiederspiegeln konnte, weil sie immer eine gewisse Distanz bewahrt, sich nie zu nahe an die Abgründe des Lebens gewagt hat, nie allzu waghalsig gewesen war, auch nicht 68, und wahrscheinlich immer die Ordnung der Dinge bedacht hat. Trotzdem ein großes Buch, ein Buch für eine bestimmte Generation, für die Ernaux »etwas von der Zeit« gerettet hat, »in der man nie wieder sein wird«, und sie versteht es, Erinnerungen zu wecken, die längst verschüttet schienen.

Annie Ernaux »Die Jahre«, Suhrkamp, Berlin 2017. Aus dem Französischen von Sonja Fink, 256 Seiten,

Ein Wimmelbild des Elends. Ein missglücktes Buch über Marseille

»Elend und Macht in Marseille« lautet der Untertitel eines neuen Buches über die zweitgrößte Stadt Frankreichs, und zumindest der erste Teil dieses Untertitels lässt sich auch auf das Buch des Journalisten Philippe Pujol selbst anwenden, denn das Elend seiner Reportage besteht darin, dass es sich um einen in die Länge gezogenen Artikel handelt, wie er in einem beliebigen Magazin stehen könnte. Für viele mag das kein Nachteil sein, wenn sie keine allzugroßen Ansprüche an ein Sachbuch stellen, aber von einem solchen sollte man Hintergründe, Fakten, Analyse und einen historischen Kontext erwarten können. Stattdessen besteht das Buch aus journalistisch zum Teil reißerisch aufgemotzten Berichten über individuelle Schicksale, über Personen also, die in ihrer Typologie so eindimenional und so klischeehaft sind, dass sich außer einem »wie schlimm aber auch« kaum ein Erkenntnisgewinn aus dem Buch ziehen lässt. Außer seiner moralischen Empörung über die Zustände hat der Autor kein begriffliches Handwerkszeug, um über eine so spannende Stadt wie Marseille mehr herauszufinden als den Befund: Überall herrscht Chaos, Gewalt, Korruption. Leser, die sich gerne bestätigen lassen, was sie schon vorher wussten, sind hier an der richtigen Adresse: Für sie funktioniert das Buch als Wimmelbild des Elends und evoziert ein permanentes Einverständnis.
Pujol will beispielsweise »verstehen, was für ein Leben Kader geführt hat«, ein sogenannter »Wegwerfgangster«, wie man gleich in der Kapitelüberschrift erfährt. Dazu taucht Pujol tief ein: »Ich laufe, wo er gelaufen ist. Ich fahre, wo er gefahren ist. Ich trinke das pappsüße Zeug, das er immerzu in sich hineinschüttete. Ich rauche sogar sein abscheuliches Dope.« Eine eigenwillige Berufsauffassung, die des Journalisten Nähe zu seinem Opfer beweisen soll. Aber je näher er hinschaut, desto fremder schaut es zurück: »Letzten Endes komme ich zu dem Ergebnis, dass er einfach nur die verrückte Existenz eines Normalos geführt hat, der nicht in die richtigen Kreise hineingeboren wurde.« Liegt es also am sozialen Umfeld, an den Eltern? »Man kann nicht behaupten, dass Kaders Vater sich nicht um ihn gekümmert hat, und auch nicht, dass es Kader an Liebe oder an Bindung zu den Eltern fehlte.« Es ist die Armut, die Kader schließlich mit drei Kugeln im Kopf enden ließ. Das kann in diesem besonderen Fall zwar so sein, aber es ist eine sehr schlichte Annahme, die vor allem nicht dazu taugt, zu erklären, warum Kader zum Kleinkriminellen wurde, genauso wenig wie Reichtum jemanden dazu prädestiniert, zum Gangsterboss zu werden. In dieser schlichten Vorstellungswelt erfährt man wenig darüber, wie die Problembezirke entstanden sind, wie ihre soziale Zusammensetzung ist und wie sie sich inzwischen vielleicht verändert haben, nur prall mit Details angereicherte Geschichten, die man schnell wieder vergessen hat.
Natürlich kann man über Einzelschicksale berichten. Ganz grandios hat Ramita Navai das in ihrem Buch über Teheran »Stadt der Lügen« gemacht, weil sich allein durch die Kraft ihrer Erzählung und nicht durch einen mahnenden Zeigefinger ein gesellschaftlicher Kosmos öffnet, den man durch ihre Geschichten zu verstehen beginnt. Aber dazu fehlen Pujol nicht nur die sprachlichen Mittel, sondern auch das Verständnis, eine Geschichte zum Leben zu erwecken. Er will empören und schockieren und deshalb reiht er eine Szene an die andere, in der er das schreiende Unrecht der französischen Politik anprangert. Man wird davon jedoch nicht empört, sondern nur müde.

Philippe Pujol »Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille«, Hanser, München 2017, aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz und Till Bardoux, 286 Seiten, 24.- Euro

Wie ticken die Anhänger von Donald Trump

Es gibt wenig Gründe, das Buch eines Mannes in die Hand zu nehmen, der sich selbst als »modernen Patrioten« bezeichnet, wie J.D. Vance das tut in seinem New York Times Bestseller über die Frage, wie der mittlerweile berühmte weiße Arbeiter in den Vereinigten Staaten tickt, noch dazu eines Mannes, dem jedesmal die Tränen kommen, wenn er Lee Greenwoods kitschige Hymne »Proud to be an American« hört, auf die es doch keine bessere Replik gibt als das schöne »Proud to be an asshole vom El Paso« von Kinky Friedman.
Aber das Buch »Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise« von J.D. Vance gehört zu einem der besten Sachbücher in diesem Jahr. Dass der Autor sich erst auf S. 219 zu den patriotischen Werten seines Landes bekennt, hätte ich ihm normalerweise übel genommen, in diesem Fall muss man dankbar sein, weil man sonst um einen tiefen Blick in die psychische Struktur des Hillbillys gekommen wäre, die einem der Autor auf sehr präzise und sehr unterhaltsame Weise nahebringt. Er kann das deshalb so gut, weil er selbst diesem merkwürdigen Menschenschlag entstammt und in einer Hillbilly-Familie die Hölle durchlaufen hat, die die meisten Leute zu Verlierern prädestiniert und der zu entkommen es kaum eine Chance gibt.
Das Buch ist keine soziologische Analyse und nur hin und wieder zitiert der Autor eine meistens aufschlussreiche Statistik, die seine Beobachtungen und Erinnerungen belegen. J.D. Vance beschreibt einfach, wie er als Kind aufwächst und was er erlebt. Und das, was er erzählt, spricht für sich. Man muss keine zehn Semester Soziologie studiert haben, um zu begreifen, dass Leute mit diesem biografischen Hintergrund nicht allzuviele Chancen haben, um ihrem traurigen Leben zu entfliehen. Hillbilly ist der Hinterwäldler, der in einer ländlichen, gebirgigen Gegend wie den Appalachen wohnt, nicht viel zu sagen hat, und wenn, dann mit einem kaum verständlichen Dialekt, der Whiskey trinkt und schnell zur Waffe greift. Hier befindet sich das Kernland der Waffenlobby.
Viele Menschen zogen in den Siebzigern und Achtzigern in Industrieregionen auf der Suche nach Arbeitsplätzen. Die Familie des 1984 geborenen J.D. Vance verschlug es nach Middletown in Ohio, und wie der Name schon sagt, in eine Gegend, die so austauschbar war wie der Stadtname, den es in fast allen Bundesländern gibt. Als der Manufacturing Belt zum Rust Belt, also zum verrosteten alten Eisen wurde, das in besseren Zeiten dort einmal verarbeitet wurde, saßen viele Menschen, die in solche Städte wie Middletown gezogen waren, fest. Ihre noch nicht abbezahlten Häuser waren plötzlich nichts mehr wert, woanders hinzuziehen, war nicht mehr so einfach, also blieb man und sah der Erosion der Stadt zu.
Diese Verwandlung von ehemals blühenden Städten in moderne Ruinen wurde nirgends so sichtbar wie in Detroit. Die sozialen Folgen sind in jeder Beziehung dramatisch, aufschlussreich aber ist vor allem die psychologische Veränderung, die bei den Einwohnern solcher Regionen vonstatten geht. Und hier entfaltet das Buch die Qualitäten, die auch in Eribons »Rückkehr nach Reims« zu finden sind. Aus Männern, deren Ethos in einem harten Arbeitstag in der Stahlindustrie besteht, die daraus ihr Selbstwertgefühl ziehen und die stolz sind auf die von ihnen geleistete Arbeit und ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft, werden zu Deklassierten, die jede Arbeit nach kurzer Zeit wieder hinwerfen, die kapitulieren und egal in welcher Angelegenheit dem Staat die schuld geben. Die Folge davon ist jedoch nicht ein sozialrevolutionärer Prozess, sondern was sich hier herausbildet, ist eine zutiefst reaktionäre Gesinnung. Aus dem weißen Arbeiter als Stütze einer funktionierenden Gesellschaft, der die Demokraten wählte, wird ein durch seine Unzufriedenheit unberechenbar gewordener Reaktionär und Rassist, ein Wähler von Donald Trump, weil der die Irrationalität ihres Lebens verkörpert und Rache am verhassten Establishment verspricht. Und selbst wenn diese Rache den eigenen Untergang bedeutete, würde man noch zu ihm halten, obwohl Trump das komplette Gegenteil ihrer Interessen vertritt. Und genau in dieser Zeit des Umbruchs ist J.D. Vance aufgewachsen und hat wie ein Seismograph die kleinen und großen Erschütterungen wahrgenommen, die sich direkt auf sein Leben auswirkten.
Wahrscheinlich hätte J.D. Vance das gleiche Schicksal ereilt wie so viele andere, die vor dem Alkoholismus, der Gewalt und dem Elend, die sie umgeben, nicht mehr herausfinden, wenn ihm »Mamaw«, seine Großmutter, nicht den Halt und die Sicherheit gegeben hätte, die seine »Mom« ihm nicht bieten konnte, denn die hatte ein Drogenproblem und ständig wechselnde Partner, ein Phänomen, das nirgends sonst auf der Welt so weit verbreitet ist wie bei amerikanischen Arbeiterfamilien. Und die daraus entstehenden Konflikte sind so unfassbar bizarr, dass man nur ungläubig den Kopf schütteln kann und sogar lachen muss, weil solche Geschichten ein Licht auf Personen werfen, auf die Vance nie verächtlich herabblickt.
So erzählt er, wie auf einer Autofahrt aus nichtigem Anlass ein Streit zwischen ihm und seine Mutter eskaliert, wie seine Mutter am Straßenrand anhält, um ihn zu verprügeln, wie er quer über die Felder zu einem Haus rennt und die dort in einem Swimmingpool liegende Frau um Hilfe anfleht, wie diese sich mit ihm im Haus verbarrikadiert, wie die außer Rand und Band geratene Mutter die Tür eintritt, um ihn herauszuholen, wie die Frau die Polizei anruft, die die unzurechnungsfähige Mutter schließlich abführt, wie Vance schließlich vor Gericht seine Mutter entlasten muss, damit sie nicht hinter Gitter kommt, was gleichzeitig bedeutet, dass das Schreckensszenario weitergeht. Wie seine Mutter eine Urinprobe von ihm fordert, weil das Gesundheitsamt ihre Drogenabhängigkeit überprüfen will. Wie seine Großeltern nach einem Gottesdienst mit vorgehaltenen Schusswaffen jedes Auto durchsuchen, das den Parkplatz verlassen will, weil sie glauben, ihr Enkel sei von einem »Perversen« entführt worden, dabei ist der Enkel nur auf der Kirchenbank eingeschlafen.
Von dieser Art sind die Episoden, die auf das Klima aus Familienstreit und Gewaltexzesse, befeuert von Alkohol, ein Licht werfen und deutlich machen, wie prädestiniert die Karrieren sind, die Menschen in diesem Umfeld einschlagen: früh Kinder kriegen, Drogen und Alkohol, Gefängnis. Umso erstaunlicher, dass der Autor es trotzdem geschafft hat, dass er in der angesehenen Yale-University schließlich Jura studierte und inzwischen als Investor arbeitet. Oder vielleicht auch nicht so erstaunlich, denn er geht, weil ihm nichts besseres einfällt, nach der Schule zum Militär. Und der Drill, dem er während der Grundausbildung unterliegt, macht aus dem übergewichtigen, pummeligen, antriebslosen Jüngling einen Menschen, der nach seiner Militärzeit weiß, was er will und der es auch mit einem neu erwachten, angestachelten Ehrgeiz auch schafft. Aus J.D. Vance wird ein Mann, der ein Ziel vor Augen hat und es schließlich auch erreicht, eine Familie zu gründen, ein Haus, einen guten Job und eine tolle Frau zu haben, denn das ist es letztlich, was den Menschen offenbar antreibt. Es ist nicht die Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit, womöglich sogar nach einer Revolution, sondern es ist home sweet home, weil Menschen wie J.D. Vance das immer vermisst haben.
Das Militär als Erziehungsanstalt und die Familie als Glücksversprechen war schon immer die meist letzte Zuflucht der Verlierer, und das ist ziemlich deprimierend, aber es würde nichts nützen, dieses Phänomen einfach zu ignorieren, denn immerhin haben zumindest in diesem Fall diese Institutionen dazu beigetragen, dass jemand sich in seinem Leben erfolgreich zurechtfindet, der zwar Investor geworden ist, aber auch ein großartiger Buchautor, der eindringlich und überzeugend zu beschreiben versteht, wie verloren und depressiv dieser deklassierte weiße Arbeiter ist, aber auch wie wenig er sich unterkriegen lässt.

J.D. Vance, »Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise«, Ullstein, Berlin 2017

Den Zeitgeist bombardieren mit “Hundert Zeilen Hass”

Maxim Billers Kolumnen »Hundert Zeilen Hass«, die von November 1987 bis Mai 1999 in »Tempo« erschienen und nun gesammelt als »Tempo-Buch« im Hoffmann und Campe Verlag wieder aufgelegt wurden, habe ich damals schon gelesen, und schon damals war ich ziemlich beeindruckt vom Sound, die die Kolumnen durchwehten, von der Treffsicherheit und der Eleganz, mit der jemand auseinander genommen wurde, von der polemischen Wucht, die durchaus Mut erforderte, weil da jemand ohne Rückversicherung zu schreiben schien und sich eine Menge Feinde machte, nicht nur im gerontokratischen Feuilleton, das die Deutungshoheit im Literaturbetrieb innehatte, sondern auch unter Leuten, die man bei flüchtiger Betrachtung für seine Verbündeten halten konnte. Biller hatte die hohe Kunst des Kolumnierens neu erfunden, indem er alle Register zog und auf einer Klaviatur spielte, die sich Oldschool-Kolumnisten von selber verboten, weil sie altbackene Wahrheiten feilboten, die sie schulmeisterlich und ohne Witz ausbreiteten.
Er war ernst und präzise, wenn es sein Gegenstand erforderte, er schüttete Häme und Spott aus, wenn der Gegner es verdiente, er machte sich über sich selbst lustig und relativierte eine steile These und ließ damit dem Leser, der sich gerade über irgendeine offensichtliche Ungerechtigkeit aufregen wollte, gekonnt die Luft raus, er überraschte mit feinen rhetorischen Finten, immer neuen Ideen, was nicht wenig ist bei 140 Kolumnen, und er wusste genau, wann es angebracht war, auf einen groben Klotz einen groben Keil zu setzen.
»Hundert Zeilen Hass« ist eines der lustigsten und kurzweiligsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, und das, obwohl es von einer Zeit handelt, die zwar noch gar nicht so lange zurückliegt, die aber aus heutiger Sicht irreal, absurd und fast schon irgendwie verwunschen und rätselhaft wirkt, wie eine Übergangszeit, die schließlich zu der totalen Verfügbarkeit aller Informationen und damit zu deren Entwertung führte. Oder erinnert sich noch jemand an die Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, vor der die Redakteure antanzen mussten, wenn mal ein Artikel über den von ihr persönlich gepachteten »deutschen Widerstand des 20. Juli« erschien, der diesen nicht in den leuchtendsten Farben erstrahlen ließ, und die tatsächlich an Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker« monierte, er würde »den mehr oder weniger verstummten Antisemitismus wieder neu beleben«, indem er ihn aufzeigte?
Ich weiß nicht, ob dieses damals weit verbreitete Argument Biller entgangen ist, denn ich hätte gerne seinen Kommentar dazu gelesen, aber auch ohne diesen dezidierten Schwachsinn, den die Dönhoff damals von sich gab und den erstaunlicherweise niemand skandalös zu finden schien, bringt seine Beschreibung der »grauen Eminenz« genau auf den Punkt, woran der Journalismus damals krankte: »Ihre Leitartikel sind moralische Tagesbefehle, Belehrungen und Bekehrungen – immer von oben herab, aber nie aus geistiger Höhe … Die große Pfäffin Dönhoff schreibt wie ein Kind: naiv, uninspiriert und schematisch.« Und das traf es wirklich sehr genau, wenn man sich noch ein wenig an die aus Gemeinplätzen bestehenden Artikel erinnert.
Aber wer kennt diese »Lese-Ödnis« noch? Könnte also sein, dass es für in den Achtzigern geborene Leser nur das halbe Vergnügen ist, auf der anderen Seite muss man solche Gespenster heute auch nicht mehr kennen, um trotzdem Vergnügen an den Kolumnen zu empfinden, denn sie haben ihren Gegenstand überlebt, sie glänzen noch in ihrer Geschliffenheit und Frechheit, während die unerbittlich voranschreitende Zeit ihr Kreuz über Frau Dönhoff gemacht und sie dem Vergessen überantwortet hat.
Oder über den ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, den sogar Eingeweihte für ein »aufgeblasenes Nichts« hielten, »für einen Kriecher, einem Nach-unten-Treter, einen Repräsentationsgeilen«: »Es ist nicht egal, dass Kurt Waldheim hässlich ist wie die Nacht. Dass seine abstehenden Ohren und seine lange Nase in bester Nosferatu-Manier sein Äußeres dominieren. Dass seine Augen feige-kalt leuchten und ihn überhaupt eine recht gespenstische Hofburg-Aura umgibt. Das ist, im Gegenteil, gut! … Schade nur, dass Deutschland nicht auch so einen Waldheim-Zombie hat, irgendeinen unsympathischen Kerl, einen echten Nazi-Jenseitigen, der die Leute permanent an ›damals‹ erinnern würde.«
Wenn man schon denkt, dass es vielleicht nicht so klug ist, sich über das Aussehen eines Mannes lustig zu machen, der doch als Nazi so viel auf dem Kerbholz hatte, dass die Äußerlichkeit wie eine Nebensache erscheint, kommt plötzlich die überraschende Volte in der Argumentation. Und so könnte man noch hunderte Stellen zitieren als Belege für Billers Humor, seine Schärfe, seine Präzision, sein Aufbrausen, Stellen, die ich alle angestrichen habe und die die Besprechung locker auf das Zehnfache des geplanten Umfangs bringen würde, wollte ich sie alle aufzählen.
Aber zumindest ein paar Leute sollen noch erwähnt werden, wie z.B. Heiner Müller und seine »quasselig-sophistische DDR-Borniertheit« oder der »bayerische Parvenü mit Hundesalonbesitzer-Charme« Franz Beckenbauer, der »sehr pomadige Schauspieler« Ulrich Tukur mit dem »Talent eines Max Headroom«, wobei das allerdings jetzt ein wenig in die Irre führt, denn Biller wollte kein Gruselkabinett von Vollidioten anlegen, vielmehr sind die Invektiven immer ein Beleg für einen Zustand in der Gesellschaft und der Psyche der Deutschen, für den aufkommenden Rassismus in der Zone nach der Wiedervereinigung, für das Versagen der Linken vor dem »fahnenschwenkenden Siegestaumel« und dem »teutonischen Nationalismus« und natürlich immer wieder für den Antisemitismus, der nach dem neuen Bericht der Bundesregierung aktuell bei 24 Prozent liegt.
Man kann also die Kolumnen auch lesen wie ein Buch über die neuere Geschichte Deutschlands, in dem einem heute einiges immer noch sehr bekannt vorkommt, wie z.B. die Rede vom »Ausländerproblem« und der »Überfremdung unserer Gesellschaft«, und es überrascht manchmal, dass schon damals die Diskussion über diese Themen erbärmlich war. Da macht es einem dann auch gar nichts aus, dass man nicht unbedingt immer einer Meinung mit Biller ist und das auch nicht sein muss, wie z.B. in der Beurteilung der berühmten Aussage Heiner Geißlers, der »die Pazifisten der 20er und 30er Jahre für Auschwitz mitverantwortlich« gemacht hatte. Biller kritisierte sie und beteiligte sich an der allgemeinen Erregung, die Geißler damit in der Öffentlichkeit hervorrief, muss dabei jedoch ignorieren, dass nicht nur die Appeasementpolitik dazu beigetragen hat, Hitler freie Hand zu lassen, sondern auch die »deutsche Friedensbewegung« für Hitler gestimmt hat, d.h. er nimmt die Friedensbewegung genau in dem Augenblick in Schutz, als diese gerade die Nation für sich wieder entdeckt hat. Aber diese Schlachten sind geschlagen, sie heute wieder aufzuwärmen wäre lächerlich.
Maxim Biller war damals ein Einzelkämpfer, ein Guerillero, der darauf achtete, dass er kein Bündnis mit potentiellen Verbündeten und Verwandten im Geiste einging, denn er wollte sein Alleinstellungsmerkmal nicht verlieren. Vieles aber, was man in seinen Kolumnen lesen kann, erinnert einen an Autoren wie Wolfgang Pohrt, Eike Geisel, Christian Schultz-Gerstein oder Wiglaf Droste.
Das sind keine schlechten Referenzen. Seine Verdienste um die Aufklärung dessen, was die Deutschen Ende der Achtziger und in den Neunzigern quälte werden dadurch nicht geringer. Dieses Buch sollte man in der Henri-von-Nannen-Schule zur Pflichtlektüre machen. Vielleicht würde man dann wieder etwas lieber zu einer der Zeitungen greifen, die die so vollkommen mainstreamgebürsteten Absolventen solcher Ausbildungsstätten durch ihre forsche und selbstbewusste Ahnungslosigkeit immer unlesbarer machen.

Maxim Biller, »Hundert Zeilen Hass«, Tempo Bücher im Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2017, 400 Seiten

Systematische Fehler

Wie kann es sein, fragten 1983 amerikanische Generäle die Israelis, dass sie ihre Kriege gewännen, die Amerikaner mit ihrer Bilanz hingegen schlecht aussähen, vor allem, weil man ja die gleichen Waffen und die gleiche Ausrüstung benutzen würde. Wenn es also daran nicht liegen würde, woran dann? Schließlich versuchte man der Frage auf den Grund zu gehen, wie die Israelis ihre Soldaten für die jeweiligen militärischen Einheiten auswählten. Bislang hing das von der Intuition der Befrager ab, in welche Abteilung ein Rekrut gesteckt wurde, aber dann fand jemand heraus, dass das genau das Problem war: Menschen, die die Persönlichkeit anderer Menschen beurteilen sollten. Gelang es, das Bauchgefühl des Befragers auszuschalten, wurde die Einschätzung besser. Diese Entdeckung gelang dem Psychologen und späteren Nobelpreisträger Daniel Kahnemann, der damit, wie Michael Lewis in der Biographie »Aus der Welt« über ihn schreibt, »mehr für die israelische Armee getan hat als jeder andere Psychologe vor und nach ihm«.
Aus heutiger Sicht mag das erstaunlich klingen, weil man den Sachverhalt automatisch aus der Retrospektive betrachtet, d.h. man ist aus heutiger Sicht weiter und deshalb auch klüger, aber in den siebziger Jahren fing man eben erst an, sich Gedanken um das Wie beim Zustandekommen von Entscheidungsprozessen zu machen. Aber unabhängig davon ließe sich auch sagen, dass hierarchische Entscheidungsstrukturen beim Militär für einen Soziologen wohl kaum etwas neues waren, genauso wenig wie die Einsicht, dass die Häufigkeit von Fehlentscheidungen umso höher ist, je weniger es eine Instanz gibt, die einen Entscheider korrigiert. Und dieser Gedanke beschleicht einen immer wieder bei der Lektüre des Buches, z.B., wenn es um die Frage der häufigen Fehlentscheidungen in der Medizin geht, die natürlich damit zusammenhingen, dass die damals noch als »Götter in Weiß« geltenden Ärzte ihre Diagnosen immer als unumstößlich ansahen und sie jeden Zweifel an ihrer Autorität als Beleidigung auffassten, während erst in einigen Tests darauf hingewiesen werden musste, dass viele Ärzte häufig eine unterschiedliche Diagnose über ein- und dasselbe Geschwür stellten.
Aber Daniel Kahnemann und sein Kollege Amos Tversky, mit dem er jahrelang eng zusammenarbeitete, begnügten sich eben nicht mit der Frage, warum das so war, sondern boten auch eine Lösung, wie sich die Fehler im System minimieren ließen, auf die Statistiken immer wieder hinwiesen. Und dazu musste man wissen, wie der Mensch Entscheidungen trifft, wie er »tickt«, es ging darum, das Gedächtnis zu verstehen, warum beispielsweise das Denken dazu neigt, einen kleinen Ausschnitt mit dem Ganzen zu verwechseln. Und dass es so ist, wiesen die beiden Psychologen durch Befragung und kleine Versuchsanordnungen nach.
Und das, was sie dabei herausfanden, zog nicht wenige Prämissen vieler Wissenschaftsdisziplinen in Mitleidenschaft. »Es ist erstaunlich«, hatte Amos Tversky einmal gesagt, »wie langweilig Geschichtsbücher sind, wenn man bedenkt, wie viel davon Fiktion ist.« Die Interpretation von Geschichte, so die These, unterliegt »Verzerrungen«. Davon zeugte eine Befragung von Studenten, die den überraschenden Staatsbesuch Nixons in China 1972 anhand verschiedener möglicher Antworten beurteilen sollten. Nach dem Staatsbesuch wurden die Probanden wieder befragt, und »nachdem sie das Ergebnis kannten, hielten sie es sehr viel vorhersehbarer als im Moment ihrer Prognose«, weshalb dieses Phänomen den Namen »Rückschaufehler« erhielt. Dass der Mensch Fehler macht, darüber wird sich niemand streiten, das Faszinierende und vielleicht Bahnbrechende an den Forschungen von Kahnemann und Tversky war die Tatsache, »dass wir vorhersehbare und systematische Fehler machen«. Die Menschen wurden als rational entscheidende Wesen vorausgesetzt, die sie jedoch nicht sind. Die beiden kamen zu einer anderen Beurteilung der menschlichen Natur und waren deshalb in der Lage, auch in anderen Wissenschaftsbereichen als unumstößliche Wahrheiten geltende Prämissen in Frage zu stellen.
Der Bestsellerautor Michael Lewis hat lange Zeit recherchiert und in Archiven geforscht, er hat Gespräche mit Kahnemann (sein Partner Tversky war zu diesem Zeitpunkt bereits an Krebs gestorben) und Interviews mit Kollegen, Freunden und Familienangehörigen geführt, und eine fundierte, eingängig zu lesende und niemand überfordernde Biografie der beiden Psychologen geschrieben. Er hat dabei nicht nur ihre wissenschaftlichen Befunde ausgebreitet, für die Kahnemann dann 2002 den Nobelpreis bekam, sondern auch das Verhältnis der beiden gewürdigt, die vielleicht, gerade weil sie in ihrem Naturell so unterschiedlich waren – der eine Holocaustüberlebender und skeptisch gegenüber sich selbst, der andere in Israel geboren, selbstbewusst und eloquent -–, sich auf kongeniale Weise ergänzten.
Manchmal sieht es allerdings so aus, als ob Lewis seinem Gegenstand zu nah war, als dass er noch den nötigen Abstand hätte herstellen können, der notwendig ist, um sich seinem Untersuchungsgegenstand noch kritisch nähern zu können. Darauf jedenfalls lassen seine häufigen Verweise auf die Genialität der beiden schließen. Dass sie jedoch so erfolgreich waren, hing nicht allein an ihrer Genialität, sondern auch daran, dass ihre Forschung auf einen Nutzen ausgerichtet war, die viele Verbesserungen zur Folge hatte. Sie hatten, wenn man so will, die Pionierarbeit geleistet für das, was heute Algorithmen leisten, die menschliche Denkfehler weitgehend ausschließen.

Michael Lewis, »Aus der Welt. Grenzen der Entscheidung oder: Eine Freundschaft, die unsere Denken verändert hat«, Campus, Frankfurt 2017. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und Sebastian Vogel

Auf dem Datenweg zu Gott. Über “Homo Deus” von Yuval Noah Harari

Dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari ist bereits mit dem in 40 Sprachen übersetzten Buch »Eine kurze Geschichte der Menschheit« ein Weltbestseller gelungen. Nun hat er aller Voraussicht nach mit »Homo Deus. Eine Geschichte von morgen« einen zweiten geschrieben, denn Harari weiß das Bedürfnis der Leser nach einer Draufsicht aufs Ganze und nicht nur auf einen Aspekt, im Plauderton geschrieben, hervorragend zu befriedigen. Und ja, es ist intelligent, scharfsinnig und manchmal sogar überraschend witzig, wie die durchweg begeisterten Kritiker auf der ganzen Welt ihm attestieren, denn er eröffnet einen ganz anderen Blick auf Geschichte, und er wagt nun sogar einen Ausflug in die Zukunft.
Hararis Prämissen sind die drei Hauptfeinde der Menschheit, Hunger, Krieg und Seuchen. Die seien nun überwunden und das belegt er mit Zahlen, denen zufolge mehr Menschen Selbstmord begehen als von Soldaten, Terroristen und Kriminellen umgebracht zu werden. Für den Durchschnittsmenschen stellt Coca-Cola oder Zucker »eine weitaus größere Gefahr dar als al-Qaida«. Zwischen 1692 und 1694 beispielsweise, also in nur zwei Jahren, verhungerten in Frankreich ca. 2,8 Millionen Menschen, also rund 15 % der Bevölkerung, heute hingegen gibt es »keine ›natürlichen‹ Hungersnöte mehr auf dieser Welt, sondern nur politische«. An dem überall gefürchteten SARS starben weltweit keine 1000 Personen, während im Mittelalter die Pest die Weltbevölkerung um 75 bis 200 Millionen Menschen dezimierte.
Nachdem der Mensch seine Hauptfeinde besiegt hat, steht nun der Kampf gegen den Tod, das Streben nach Glück und nach einer gottähnlichen Existenz auf der Agenda des Menschen. Der Tod ist für die moderne Wissenschaft laut Harari nur »ein technisches Problem«, und wir befinden uns bereits auf dem Weg dorthin, denn die Menschen werden immer älter. Das vollkommene Glück hingegen hat seine Tücken, denn das Erreichen dieses Zustandes bedeutet Antriebslosigkeit, das genaue Gegenteil dessen, was man benötigt, um Gott werden zu können, eine irgendwie ganz anders geartete Existenz, die durch Algorithmen und freien Datenfluss möglich werden soll. Zwar soll man Hararis Szenarien nicht als Prognosen verstehen, sondern als Möglichkeiten, aber dennoch wird deutlich, dass er dieser Entwicklung gerne freien Lauf lassen würde. »Warum wuchsen die USA schneller als die UdSSR? Weil die Information in den USA freier floss.« Die Menschen können schon lange nicht mehr die ungeheuren Datenströme bewältigen und werden davon auch nicht klug, weshalb man die Datenverarbeitung den Algorithmen überlassen sollte, die alles auf »natürliche Weise« regeln. An dieser Stelle erweist er sich als Anhänger von Airbnb und Uber, die auf dem Weg zu Gott jede Menge Existenzen zerstören werden, weshalb dieses Streben danach vor allem eins ist, ein Prozess, an dem nur eine Elite wird teilhaben können, und gegenüber diesem Prozess werden sich sämtliche vergangenen Epidemien, Hungersnöte und Kriege vermutlich harmlos ausnehmen.

Elliot Pauls wunderschönes Porträt von Paris

Am 22. August 1927 wurden die Anarchisten Sacco und Vanzetti, »ein redlicher Maurer und ein armer Fischverkäufer«, im Bundesstaat Massachusetts wegen eines Raubüberfalls, den sie nicht begangen hatten, hingerichtet. Der Prozess, der sich sieben Jahre lang hinzog, war einer der ersten, der eine riesige Solidarisierungswelle für die Angeklagten auf der ganzen Welt auslöste.
Damals lebte der amerikanische Journalist Elliot Paul in der Pariser Rue de la Huchette, einer kleinen Seitenstraße des Boulevard St. Michel ganz in der Nähe der Seine. Er fühlte sich zutiefst einsam und schämte sich, denn die Leute aus dem Viertel hatten sich in einer kleinen Bar getroffen und warteten auf die Bestätigung des Todesurteils. Ein Austernverkäufer, ein Milchhändler, der »sanfte kleine Jean«, die Bordellbetreiberin Mariette, die »ganz in schwarz gekleidete« Magistratsangestellte Hortense Berthelot und eine »versoffene Alte, die glaubte, sie singe wie Yvette Guilbert«. Alle warten gebannt auf Nachrichten, bis der Barbesitzer von einem Telefonapparat an der Ecke zurückkommt, um die Hinrichtung der beiden zu bestätigen, während eine empörte Menschenmenge auf dem Boulevard de Sébastopol gußeiserne Laternenpfähle herausriss und Schaufenster von Geschäften zertrümmerte. Das war zu einer Zeit, als die Dritte Republik sechs neue Kriegsschiffe bauen ließ, ständig seine Friedensabsichten bekundete, einen Kriegsächtungspakt mit den Vereinigten Staaten abschloss und die spanische Republik den Faschisten überließ. Aber die Leute in der Rue de la Huchette waren nicht so leicht hinters Licht zu führen: »Wenn man so viel vom Frieden redet, dann bekommen wir bestimmt wieder Krieg«, sagte der Barbesitzer und er hatte recht.
Von diesem Einfluss großer Politik und großer Ereignisse auf das Leben kleiner Leute berichtet auf großartige Weise das zu unrecht als »Roman« annoncierte Buch Elliot Pauls »Das letzte Mal in Paris«, denn es sind eher Erzählungen und Reportagen. 1942 erschienen kam es zwei Jahre später unter dem etwas pittoresken Titel »Die kleine Gasse« auch auf deutsch im Exilverlag Bermann-Fischer in Stockholm heraus. Der Maro Verlag hat den zu unrecht vergessenen Elliot Paul wieder entdeckt und in der leider etwas zu zurückhaltend überarbeiteten Übersetzung von Ludovica Hainisch-Marchet wieder aufgelegt.
Elliot Paul war einer der amerikanischen Schriftsteller und Journalisten, die es wie Hemingway Anfang der zwanziger Jahre nach Paris zog. Er arbeitete damals für die internationale Ausgabe der »Chicago Tribune«, gab das Literatur-Journal »Transition« heraus, war mit James Joyce befreundet und Gertrude Stein eng verbunden. Anfang der dreißiger Jahre lebte er ein paar Jahre lang zurückgezogen auf Ibiza, bis ihn der Bürgerkrieg in Spanien zwang, wieder nach Paris zurückzukehren, wo er ein völlig verändertes, politisch unerträgliches Klima vorfindet, weil die Rechten sich im Aufwind befinden. Als sich ein deutscher Panzer in der Rue de la Huchette verirrt, wird es für Elliot Paul Zeit, sein geliebtes Paris zu verlassen und nach Amerika zurückzukehren. Er arbeitet für Hollywood, schreibt Drehbücher, u.a. für »Rhapsody in Blue«, und tritt manchmal in der Umgebung von Los Angeles als Pianist auf, um sich über Wasser zu halten. 1958 stirbt er und hinterlässt ein umfangreiches Werk.
Elliot Pauls Beobachtungen des Pariser Lebens auf den Straßen erinnert von Ferne an Franz Hessels Spaziergänge in Berlin, aber Elliot Paul ist näher an den Leuten, er sieht sich nicht bloß als distanzierter Beobachter, er ist politisch wach und steht sozialem Unrecht nicht gleichgültig gegenüber. Der Zufall führt ihn 1923 zum ersten Mal in die Rue de la Huchette, zu einer Zeit, als »es einem noch vergönnt war, ein wenig in den Tag hineinzuleben«. Er verliebt sich in die Gasse und die dort lebenden Menschen, die er in den folgenden Jahren porträtiert. So lässt er in kurzen Kapiteln ein Panorama entstehen, das von unschätzbaren Wert ist, wenn man wissen will, unter welchen konkreten Bedingungen die Bewohner des Viertels leben mussten, was sie arbeiteten, wie sie wohnten, welche politische Einstellung sie hatten und welche Gewohnheiten sie pflegten. Elliot Paul gewährt einen Blick hinter die Vorhänge des Privaten. An jenem Tag »hockten Männer, Frauen und Kinder auf dem Bürgersteig und den Schwellen ihrer Haustüren und brummten ärgerlich, wenn sie zur Seite gehen mussten, um ein Taxi vorbeizulassen«. Man erfährt, dass viele Pariser sich Katzen nur halten, um sie irgendwann zu verspeisen und dass sie sich mit dem abgezogenen Katzenfell warm reiben, weil ihre Wohnungen nicht beheizbar sind.
Man bekommt einen lebendigen Eindruck, wie ärmlich, provinziell, sparsam, scheu, wie engstirnig, aber auch wie großzügig und manchmal auch trinkfest die Menschen in dieser schmalen Gasse waren, wo das Bureau de Police kein Auto besaß, aber immerhin ein Telefon, wo das große Palaver in den Bars nie verstummte, bevor die Deutschen über die Stadt herfielen. Elliot Paul sind die Menschen dort über die Jahre ans Herz gewachsen, und das merkt man. Er verliebt sich in die junge Schauspielerin Hyacinthe, die ihm wunderschöne Briefe nach Ibiza schreibt, und obwohl erfolgreich, hört sie nicht auf den Rat ihres Freundes, bleibt in Paris und findet den Tod.
Ein Buch, in dem man sich gerne verliert, nicht nur, weil eine bizarre und schon lange untergegangene Welt wieder lebendig wird, sondern auch, weil man erfährt, wie sich die politischen Wirren im Alltag der kleinen Welt der Rue de la Huchette niederschlugen.

Elliot Paul, »Das letzte Mal in Paris«, 400 Seiten, 20.- Euro, Maro Verlag, Augsburg 2016. Aus dem Englischen von Ludovica Hainisch-Marchet

Harry Rowohlts letzte Briefe

Die Briefe von Harry Rowohlt gehören zum lustigsten, das die literarische Welt in Deutschland zu bieten hat. Zwei Bände sind bereits zu Rowohlts Lebzeiten erschienen, nun ist »Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe Bd. III« gerade auf den Markt gekommen. Das Brief-Genre ist eigentlich nicht besonders hoch angesehen ist. Jedenfalls nicht beim großen Publikum. Und in der Regel ist es ja auch so, dass die nachgelassenen Briefe von Schriftstellern eher das Interesse von Literaturhistorikern bedienen und das leider zu recht, denn häufig verströmen solche Briefbände alles andere als Charme und Witz. Es gibt wenig Autoren, die im Bewusstsein ihres Nachruhms das Schreiben von Briefen – heute ja sowieso eine ausgestorbene Form der Kommunikation – als eigenständige Kunstform betrachtet haben. Hunter S. Thompson war so jemand, und das schon in jungen Jahren. Er schrieb an Verwandte und Bekannte, nicht bloß um sich mitzuteilen, sondern um sein Leben auf einer anderen Ebene und mit anderen Mitteln fortzuschreiben, was eine gewisse Hybris voraussetzt und den unbedingten Glauben an sich selbst. Aber während Hunter Thompson ein Poltergeist war, der auf brachiale, aber auch auf sehr kunstvolle und originelle Weise schimpfen konnte, bevorzugt Harry Rowohlt den hintergründigen Witz, die Pointe, die sich erst nach einer seiner Abschweifungen, für die er berühmt ist, erschließt. Das heißt aber nicht, dass er in seinen Urteilen nicht vernichtend sein konnte, wenn ihm jemand auf die Nerven ging.
Auf eine Anfrage der Grünen, für sie Wahlkampfwerbung zu machen, antwortete er 2005: »Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als daß ich auch nur eine Sekunde lang die Grünen unterstütze.« Die Grünen hätten sich diese kleine Invektive ersparen können, wenn sie nicht einfach wahllos Promis angeschrieben, sondern recherchiert hätten, wofür Harry Rowohlt steht. Dann hätten sie herausgefunden, dass er es mit der Linken hielt und Joschka Fischer nicht ausstehen konnte. Er hasste es, wenn jemand seinen Status als Promi ausnutzen wollte.
Manchmal war es auch schlechte Erfahrung, aus der er versuchte klug zu werden, indem er wunderbare kleine Ablehnungsschreiben verfasste. »Für Gerstenberg habe ich schon mal was übersetzt und davon nur durch Zufall erfahren. Diese Zusammenarbeit reicht mir völlig. Wenn Sie das Buch zurückhaben wollen: Bis Samstag 14 Uhr liegt es in meinem Papierkorb.« Oder die Antwort auf eine Anfrage des SWR: »Mir ist plötzlich klar geworden, daß ich eigentlich gar keine Lust habe, am 6. Mai früh aufzustehen, um mir die immer gleichen Fragen stellen zu lassen.« Oder an die Redaktion »Season«: »Danke für die Anfrage. Ich habe m.W. noch nie eine Frauenbiographie gelesen. Nicht mal eine geschrieben.«
In seiner herzlichen Abneigung gegenüber seinen Übersetzerkollegen Hans Wollschläger lief er zur Hochform auf: »Der verehrte Kollege Wollschläger – und wenn ich ›verehrt‹ sage, meine ich ›verehrt‹, denn wenn es jemandem gelingt, sich vom als knausrig bekannten Suhrkamp Verlag fast zehn Jahre lang (andere Leute lernen in der Zeit Englisch) für seine Ulysses-Übersetzung alimentieren zu lassen, ist er jeder kollegialen Verehrung würdig – konnte nicht nur kein Englisch, er weigerte sich auch, es zu lernen«, denn Wollschläger hatte »›a bottle of pop‹ (= kohlensäurehaltiges Erfrischungsgetränk) allen Ernstes in seinem weithin strahlenden Schwachsinn und ohne jedes Unrechtsbewußtsein mit ›eine Flasche Popcorn‹ übersetzt.«
Sprachliche Nachlässigkeit ging ihm gehörig gegen den Strich, vor allem, wenn man seine Ahnungslosigkeit auch noch wie eine Monstranz vor sich her trug. Darüber erzählt er in einem Brief an seinen Verleger Peter Haag und sofort entsteht eine witzige Anekdote: »›Wenn heute jemand was will, bringe ich ihn um‹, habe ich gesagt, und dann war es Frau Dingsbums von dpa, die sagte: ›… und denn können Sie mir ja zumindestens sagen …‹, und ich sagte: ›Entweder ‘mindestens‘ oder ‘zumindest‘; ‘zumindestens‘ gibt es nicht‹, und fortfuhr: ›Wenn Sie mir trotz meines Sprachfehlers …‹, und ich hätte fast gesagt: ›‘Trotz‘ regiert den Dativ, und ein Sprachfehler ist, wenn man lispelt‹, aber sie kam dann zur Sache: ›Also Sie wohnen schon ganz lange in Eppendorf.‹ ›Ja.‹ ›Und sind verheiratet.‹ ›Ja.‹ ›Und was machen Sie so beruflich?‹ Und dann, aber auch erst dann, habe ich gebrüllt.«
Auf der anderen Seite konnte er auch vorbehaltlos begeistert sein, wenn ihm mal eine originelle Frage gestellt wurde, wie das Frau Verena Schmitz von der »Schwäbischen Post« einmal getan hat: »Herr Rowohlt, Sie schrieben einmal, bei Schwäbisch ziehe sich Ihnen das Skrotum zusammen. Isch des im Augebligg au dr Fall?«
Das Schöne an Harry Rowohlts Briefen ist, dass man immer Neues erfährt und deshalb auch klüger wird. Damit ist es nun vorbei, denn Harry Rowohlt ist im Juni 2015 gestorben. Und deshalb muss man seine Briefe ganz langsam lesen, sie genießen wie guten irischen Whiskey, damit man möglichst lange etwas davon hat.

Harry Rowohlt, »Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe III«, Kein & Aber, Zürich 2016, 342 Seiten, 20.- Euro

Die misslungene Entnazifizierung

Den ehemaligen stern-Reporter Niklas Frank hat das Thema NS sein Leben lang verfolgt. Und das ist kein Wunder, denn als Sohn von Hans Frank, der zwischen 1939 und 1945 Generalgouverneur von Polen war und 1946 hingerichtet wurde, konnte er seiner Vergangenheit nicht entfliehen, zu monströs war für Niklas Frank die Tatsache, dass er von zwei Monstern abstammte, die sich als Herrscher über »minderwertiges« Leben und Tod aufspielten. Die meisten Kinder von NS-Prominenten haben die Schuld ihrer Eltern relativiert und verdrängt. Niklas Frank hingegen hat schonungslos gegenüber sich selbst seinen Hass auf seinen Vater publik gemacht. »Der Vater. Eine Abrechnung« hieß sein 1987 erschienenes und im stern vorabgedrucktes Buch, das die Gesellschaft stark in Wallung geraten ließ und das ihm wahrscheinlich mehr Anfeindungen einbrachte als seinem Vater, der als »Schlächter von Polen« bekannt wurde.
Immer wieder hat Niklas Frank mit unversöhnlicher Kritik des NS und seiner Mitläufer das Trauma seiner Kindheit bearbeitet. Er ist einer der wenigen, denen man nachsehen muss, dass er das nicht mit einem historisch-distanzierten Blick tun kann. Niklas Frank hat in seinem neuen Buch »dunkle seele feiges maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizierungsprozess reinwaschen« den Blick auf das große Herausreden der Nazis gerichtet und das Präsens im Untertitel zeigt an, dass für Frank die Geschichte der »Feigheit«, die er in seinem Buch dokumentiert, nicht zu Ende ist. Er sieht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Nazis, die nicht zu dem standen, was sie getan hatten, und der geistigen Verfassung der Täter, die Asylbewerberheime anzünden und ihre politische Heimat bei der AfD gefunden haben.
3 660 648 Entnazifizierungsakten in den alten Bundesländern gibt es. Niklas Frank hat in zahlreichen Archiven wahllos Akten durchgesehen und ist immer auf das selbe gestoßen: Auf Dokumente der Niedertracht und Dummheit, die er unermüdlich und mit großer Empörung kommentiert, obwohl sich der Schrecken dadurch nicht steigern lässt.
Im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv sagte der Archivar: »Bei mir werden Sie nur Widerständler finden«, denn als solche haben sich die Deutschen in der Nachkriegszeit stilisiert. An dieser Einstellung sind schon Kriegsreporterinnen wie Martha Gellhorn verzweifelt, denn nirgends konnte sie auch nur einen Nazi entdecken.
Die Dokumente sind aber auch von unfreiwilliger Komik, wenn sich Belastete mit den absurdesten Argumenten aus der Verantwortung stehlen wollen, so ähnlich wie das Vernehmungsprotokoll von Adolf Eichmann, das Hannah Arendt gelesen hat und dabei laut lachen musste. Aber auf 584 Seiten ist die Lektüre deprimierend und kaum auszuhalten. Die fremdenfeindlichen 20 % der deutschen Bevölkerung, die hier in einen Spiegel sehen könnten, werden das Buch kaum lesen und es ist schade, dass man sie nicht dazu verurteilen kann, diese Anklageschrift Wort für Wort zu lesen, sie zu konfrontieren mit der jämmerlichen Wirklichkeit ihres xenophobischen Daseins.

Niklas Frank, »dunkle seele feiges maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizierungsprozess reinwaschen«, Dietz Verlag, Bonn 2016, 584 Seiten, 29.90 Euro

Reise in ein fremdes Land

Um es gleich vorwegzunehmen: Dieses Buch ist sensationell und hätte auch in Deutschland alle Sachbuchpreise des Jahres verdient. Ohne dass ich mich jemals für den Iran oder Teheran interessiert hätte, ja mir dieses Land und seine Regierung schon immer wegen des zur Staatsreligion erhobenen Antisemitismus zutiefst unsympathisch waren, hat mich »Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran« von Ramita Navai sofort auf eine ungeheuer spannende Reise durch eine terra incognita mitgenommen. Navais Eltern mussten vor der islamischen Revolution aus Teheran flüchten als sie acht war. Alt genug, um sich noch lebhaft an den Sturz des Schahs zu erinnern, an den Jubel, der die Stadt erfüllte, als auf den Straßen getanzt wurde und die Revolution so schön und hinreißend war, dass sich sogar Foucault über ihren wahren Charakter täuschte, der sich bald darauf zeigte, als die Revolutionsgarden ihre Gewehrläufe nicht mehr mit Blumen schmückten, sondern nachts durch die Stadt zogen, um Verhaftungen vorzunehmen, und die Familie Ramita Navais verängstigt in ihrer Wohnung saß und die erste Gelegenheit ergriff, nach London auszuwandern.
Im Sommer 2004 kehrt sie mit 27 Jahren als Korrespondentin der »Times« nach Teheran zurück. Als sie über einen Fall von Menschenrechtsverletzung berichtet, gibt ein Beamter des »Ministeriums für Kultur und islamische Führung« ihr zu verstehen, dass sie sich besser eine zeitlang ruhig verhalten sollte, wenn sie die regelmäßigen Verhöre durch den Geheimdienst vermeiden wolle. Sie beginnt an einer Schule Kinder zu unterrichten, Afghanen ohne Papiere, Zigeuner und uneheliche Kinder von Prostituierten, und lernt über ihre Tätigkeit viele Menschen kennen, von denen sie sich ihr Leben erzählen lässt, was den Menschen umso leichter fällt, da Navai eine Außenstehende ist und trotzdem Teheranerin. Sie teilen ihr ihre Geheimnisse mit, nehmen die Reporterin mit in üble Gegenden und zeigen Navai eine Stadt, die selbst ihr unbekannt ist. Auf diese Weise hat Navai Teheran lieben gelernt, und vielleicht war das die Voraussetzung, um nichts zu beschönigen, die Widersprüche zu beschreiben und den Mut und die Größe von Menschen zu entdecken, die nur in einer Stadt wie Teheran hervortreten können, wo eine brutale, aber auch inkonsistente Willkür herrscht, in der sich immer wieder Schlupflöcher und Fluchtwege öffnen. Oder unerhörtes Leid und der Tod.
So ist die Prostitution trotz Verbot weit verbreitet, was in einer sexfeindlichen islamischen Gesellschaft nicht verwundert. In Zeiten des Internets stehen die Behörden jedoch auf verlorenem Posten. Es gibt sogar einen Straßenstrich und, noch verwirrender, jeder weiß, dass es ihn gibt und wo die käuflichen Mädchen zu finden sind. Und da Mädchen aus den unterschiedlichsten Gründen, aus Not ebenso wie um sich ein neues Smartphone oder die Studiengebühren leisten zu können, bereits mit 16 auf den Strich gehen, erwog das Innenministerium sogar, diese Mädchen in ein »Umerziehungslager« zu stecken.
Je mehr jedoch der Sex tabuisiert wird, desto mehr wird über ihn geredet. Selbst die Mullahs geben unzählige z.T. legendäre Kommentare dazu ab, u.a. eine Fatwa, die mit großer Detailversessenheit ein hypothetisches Szenario behandelt, weshalb sie sich in Teheran großer Beliebtheit erfreut: »Wenn ein junger Mann in seinem Schlafzimmer liegt und seine Tante im direkt darunter liegendem Zimmer schläft und der Fußboden bei einem Erdbeben einbricht, so dass er direkt auf sie fällt, und beide nackt wären, wenn der junge Mann dabei zufällig gerade eine Erektion hätte und auf ihr landen würde, so dass er sie penetrieren würde, wäre dann das Kind, das aus einer solchen Begegnung hervorginge, legitim oder ein Bastard?«
Eine andere Möglichkeit, um außerehelichen Geschlechtsverkehr zu legitimieren, ist eine sogenannte »Sigheh«, eine Bescheinigung, die eine »Ehe auf Zeit« bestätigt und »von Gott und dem Staat genehmigt« wird, und zwar »zwischen einem Mann (der bereits verheiratet sein darf) und einer Frau (die das nicht sein darf) … und ein paar Minuten oder neunundneunzig Jahre dauern kann«. Auf diese Weise verleiht der schiitische Pragmatismus sogar einem Quicki ein islamisches Gütesiegel. Frauenrechtlerinnen beschwerten sich über diese Form von klerikaler Heuchelei, weil nur die Männer im Gegensatz zu den Frauen verheiratet sein durften. Die »Sigheh« gewährt jedoch auch den Prostituierten einen gewissen Schutz vor genau definierten Strafen: »Sexueller Kontakt ohne Penetration verlangte nach kräftigeren Peitschenhieben als Alkoholkonsum. Zuhälterei und Meineid wurden leichter bestraft, im buchstäblichen Sinne, denn die Peitschenhiebe waren weniger heftig als bei Trunkenheit und heftigem Petting… Die verwendete Peitsche muss aus Leder sein, einen Meter lang und nicht dicker als anderthalb Zentimeter… Das Auspeitschen muss bei gemäßigter Temperatur stattfinden – es darf weder zu heiß noch zu kalt sein. Die einzelnen Hiebe müssen gleichmäßig ausgeführt werden.« Nicht immer muss der Verurteilte selbst die Strafe antreten. Es gibt Leute, die einspringen, pro Peitschenhieb »2000 Toman« verlangen und sich das Geld dann mit dem zuständigen Auspeitscher teilen.
Das Buch ist voller solcher absurden, lächerlichen, schrecklichen und verrückten Details, aber die sind es nicht allein, die das Buch lesenswert machen. Navai verleiht den Geschichten ganz unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Milieus einen großen Glanz, sie verurteilt sie nicht, auch wenn es um einen Mafia-Boss geht, der eine Crystal-Meth-Küche betreibt. Sie beobachtet und beschreibt einfach nur, und das sehr genau und elegant. Ihre Biographien strahlen eine Tragik und einen Humor aus, die den Leser tief eintauchen lassen in eine fremde, unbegreifliche Welt, in der die Lüge eine Frage des Überlebens geworden ist, und dabei wird man noch ganz nebenbei über die Geschichte des Landes aufgeklärt. Grandiose Reportagen, die eine einzigartige Liaison mit grandioser Literatur eingegangen sind.

Ramita Navai, »Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran«, aus dem englischen von Yamin von Rauch, Kein & Aber, Zürich 2016.