Kategorie-Archiv: Der Verleger empfiehlt

Harry Rowohlts letzte Briefe

Die Briefe von Harry Rowohlt gehören zum lustigsten, das die literarische Welt in Deutschland zu bieten hat. Zwei Bände sind bereits zu Rowohlts Lebzeiten erschienen, nun ist »Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe Bd. III« gerade auf den Markt gekommen. Das Brief-Genre ist eigentlich nicht besonders hoch angesehen ist. Jedenfalls nicht beim großen Publikum. Und in der Regel ist es ja auch so, dass die nachgelassenen Briefe von Schriftstellern eher das Interesse von Literaturhistorikern bedienen und das leider zu recht, denn häufig verströmen solche Briefbände alles andere als Charme und Witz. Es gibt wenig Autoren, die im Bewusstsein ihres Nachruhms das Schreiben von Briefen – heute ja sowieso eine ausgestorbene Form der Kommunikation – als eigenständige Kunstform betrachtet haben. Hunter S. Thompson war so jemand, und das schon in jungen Jahren. Er schrieb an Verwandte und Bekannte, nicht bloß um sich mitzuteilen, sondern um sein Leben auf einer anderen Ebene und mit anderen Mitteln fortzuschreiben, was eine gewisse Hybris voraussetzt und den unbedingten Glauben an sich selbst. Aber während Hunter Thompson ein Poltergeist war, der auf brachiale, aber auch auf sehr kunstvolle und originelle Weise schimpfen konnte, bevorzugt Harry Rowohlt den hintergründigen Witz, die Pointe, die sich erst nach einer seiner Abschweifungen, für die er berühmt ist, erschließt. Das heißt aber nicht, dass er in seinen Urteilen nicht vernichtend sein konnte, wenn ihm jemand auf die Nerven ging.
Auf eine Anfrage der Grünen, für sie Wahlkampfwerbung zu machen, antwortete er 2005: »Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als daß ich auch nur eine Sekunde lang die Grünen unterstütze.« Die Grünen hätten sich diese kleine Invektive ersparen können, wenn sie nicht einfach wahllos Promis angeschrieben, sondern recherchiert hätten, wofür Harry Rowohlt steht. Dann hätten sie herausgefunden, dass er es mit der Linken hielt und Joschka Fischer nicht ausstehen konnte. Er hasste es, wenn jemand seinen Status als Promi ausnutzen wollte.
Manchmal war es auch schlechte Erfahrung, aus der er versuchte klug zu werden, indem er wunderbare kleine Ablehnungsschreiben verfasste. »Für Gerstenberg habe ich schon mal was übersetzt und davon nur durch Zufall erfahren. Diese Zusammenarbeit reicht mir völlig. Wenn Sie das Buch zurückhaben wollen: Bis Samstag 14 Uhr liegt es in meinem Papierkorb.« Oder die Antwort auf eine Anfrage des SWR: »Mir ist plötzlich klar geworden, daß ich eigentlich gar keine Lust habe, am 6. Mai früh aufzustehen, um mir die immer gleichen Fragen stellen zu lassen.« Oder an die Redaktion »Season«: »Danke für die Anfrage. Ich habe m.W. noch nie eine Frauenbiographie gelesen. Nicht mal eine geschrieben.«
In seiner herzlichen Abneigung gegenüber seinen Übersetzerkollegen Hans Wollschläger lief er zur Hochform auf: »Der verehrte Kollege Wollschläger – und wenn ich ›verehrt‹ sage, meine ich ›verehrt‹, denn wenn es jemandem gelingt, sich vom als knausrig bekannten Suhrkamp Verlag fast zehn Jahre lang (andere Leute lernen in der Zeit Englisch) für seine Ulysses-Übersetzung alimentieren zu lassen, ist er jeder kollegialen Verehrung würdig – konnte nicht nur kein Englisch, er weigerte sich auch, es zu lernen«, denn Wollschläger hatte »›a bottle of pop‹ (= kohlensäurehaltiges Erfrischungsgetränk) allen Ernstes in seinem weithin strahlenden Schwachsinn und ohne jedes Unrechtsbewußtsein mit ›eine Flasche Popcorn‹ übersetzt.«
Sprachliche Nachlässigkeit ging ihm gehörig gegen den Strich, vor allem, wenn man seine Ahnungslosigkeit auch noch wie eine Monstranz vor sich her trug. Darüber erzählt er in einem Brief an seinen Verleger Peter Haag und sofort entsteht eine witzige Anekdote: »›Wenn heute jemand was will, bringe ich ihn um‹, habe ich gesagt, und dann war es Frau Dingsbums von dpa, die sagte: ›… und denn können Sie mir ja zumindestens sagen …‹, und ich sagte: ›Entweder ‘mindestens‘ oder ‘zumindest‘; ‘zumindestens‘ gibt es nicht‹, und fortfuhr: ›Wenn Sie mir trotz meines Sprachfehlers …‹, und ich hätte fast gesagt: ›‘Trotz‘ regiert den Dativ, und ein Sprachfehler ist, wenn man lispelt‹, aber sie kam dann zur Sache: ›Also Sie wohnen schon ganz lange in Eppendorf.‹ ›Ja.‹ ›Und sind verheiratet.‹ ›Ja.‹ ›Und was machen Sie so beruflich?‹ Und dann, aber auch erst dann, habe ich gebrüllt.«
Auf der anderen Seite konnte er auch vorbehaltlos begeistert sein, wenn ihm mal eine originelle Frage gestellt wurde, wie das Frau Verena Schmitz von der »Schwäbischen Post« einmal getan hat: »Herr Rowohlt, Sie schrieben einmal, bei Schwäbisch ziehe sich Ihnen das Skrotum zusammen. Isch des im Augebligg au dr Fall?«
Das Schöne an Harry Rowohlts Briefen ist, dass man immer Neues erfährt und deshalb auch klüger wird. Damit ist es nun vorbei, denn Harry Rowohlt ist im Juni 2015 gestorben. Und deshalb muss man seine Briefe ganz langsam lesen, sie genießen wie guten irischen Whiskey, damit man möglichst lange etwas davon hat.

Harry Rowohlt, »Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe III«, Kein & Aber, Zürich 2016, 342 Seiten, 20.- Euro

Die misslungene Entnazifizierung

Den ehemaligen stern-Reporter Niklas Frank hat das Thema NS sein Leben lang verfolgt. Und das ist kein Wunder, denn als Sohn von Hans Frank, der zwischen 1939 und 1945 Generalgouverneur von Polen war und 1946 hingerichtet wurde, konnte er seiner Vergangenheit nicht entfliehen, zu monströs war für Niklas Frank die Tatsache, dass er von zwei Monstern abstammte, die sich als Herrscher über »minderwertiges« Leben und Tod aufspielten. Die meisten Kinder von NS-Prominenten haben die Schuld ihrer Eltern relativiert und verdrängt. Niklas Frank hingegen hat schonungslos gegenüber sich selbst seinen Hass auf seinen Vater publik gemacht. »Der Vater. Eine Abrechnung« hieß sein 1987 erschienenes und im stern vorabgedrucktes Buch, das die Gesellschaft stark in Wallung geraten ließ und das ihm wahrscheinlich mehr Anfeindungen einbrachte als seinem Vater, der als »Schlächter von Polen« bekannt wurde.
Immer wieder hat Niklas Frank mit unversöhnlicher Kritik des NS und seiner Mitläufer das Trauma seiner Kindheit bearbeitet. Er ist einer der wenigen, denen man nachsehen muss, dass er das nicht mit einem historisch-distanzierten Blick tun kann. Niklas Frank hat in seinem neuen Buch »dunkle seele feiges maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizierungsprozess reinwaschen« den Blick auf das große Herausreden der Nazis gerichtet und das Präsens im Untertitel zeigt an, dass für Frank die Geschichte der »Feigheit«, die er in seinem Buch dokumentiert, nicht zu Ende ist. Er sieht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Nazis, die nicht zu dem standen, was sie getan hatten, und der geistigen Verfassung der Täter, die Asylbewerberheime anzünden und ihre politische Heimat bei der AfD gefunden haben.
3 660 648 Entnazifizierungsakten in den alten Bundesländern gibt es. Niklas Frank hat in zahlreichen Archiven wahllos Akten durchgesehen und ist immer auf das selbe gestoßen: Auf Dokumente der Niedertracht und Dummheit, die er unermüdlich und mit großer Empörung kommentiert, obwohl sich der Schrecken dadurch nicht steigern lässt.
Im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv sagte der Archivar: »Bei mir werden Sie nur Widerständler finden«, denn als solche haben sich die Deutschen in der Nachkriegszeit stilisiert. An dieser Einstellung sind schon Kriegsreporterinnen wie Martha Gellhorn verzweifelt, denn nirgends konnte sie auch nur einen Nazi entdecken.
Die Dokumente sind aber auch von unfreiwilliger Komik, wenn sich Belastete mit den absurdesten Argumenten aus der Verantwortung stehlen wollen, so ähnlich wie das Vernehmungsprotokoll von Adolf Eichmann, das Hannah Arendt gelesen hat und dabei laut lachen musste. Aber auf 584 Seiten ist die Lektüre deprimierend und kaum auszuhalten. Die fremdenfeindlichen 20 % der deutschen Bevölkerung, die hier in einen Spiegel sehen könnten, werden das Buch kaum lesen und es ist schade, dass man sie nicht dazu verurteilen kann, diese Anklageschrift Wort für Wort zu lesen, sie zu konfrontieren mit der jämmerlichen Wirklichkeit ihres xenophobischen Daseins.

Niklas Frank, »dunkle seele feiges maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizierungsprozess reinwaschen«, Dietz Verlag, Bonn 2016, 584 Seiten, 29.90 Euro

Reise in ein fremdes Land

Um es gleich vorwegzunehmen: Dieses Buch ist sensationell und hätte auch in Deutschland alle Sachbuchpreise des Jahres verdient. Ohne dass ich mich jemals für den Iran oder Teheran interessiert hätte, ja mir dieses Land und seine Regierung schon immer wegen des zur Staatsreligion erhobenen Antisemitismus zutiefst unsympathisch waren, hat mich »Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran« von Ramita Navai sofort auf eine ungeheuer spannende Reise durch eine terra incognita mitgenommen. Navais Eltern mussten vor der islamischen Revolution aus Teheran flüchten als sie acht war. Alt genug, um sich noch lebhaft an den Sturz des Schahs zu erinnern, an den Jubel, der die Stadt erfüllte, als auf den Straßen getanzt wurde und die Revolution so schön und hinreißend war, dass sich sogar Foucault über ihren wahren Charakter täuschte, der sich bald darauf zeigte, als die Revolutionsgarden ihre Gewehrläufe nicht mehr mit Blumen schmückten, sondern nachts durch die Stadt zogen, um Verhaftungen vorzunehmen, und die Familie Ramita Navais verängstigt in ihrer Wohnung saß und die erste Gelegenheit ergriff, nach London auszuwandern.
Im Sommer 2004 kehrt sie mit 27 Jahren als Korrespondentin der »Times« nach Teheran zurück. Als sie über einen Fall von Menschenrechtsverletzung berichtet, gibt ein Beamter des »Ministeriums für Kultur und islamische Führung« ihr zu verstehen, dass sie sich besser eine zeitlang ruhig verhalten sollte, wenn sie die regelmäßigen Verhöre durch den Geheimdienst vermeiden wolle. Sie beginnt an einer Schule Kinder zu unterrichten, Afghanen ohne Papiere, Zigeuner und uneheliche Kinder von Prostituierten, und lernt über ihre Tätigkeit viele Menschen kennen, von denen sie sich ihr Leben erzählen lässt, was den Menschen umso leichter fällt, da Navai eine Außenstehende ist und trotzdem Teheranerin. Sie teilen ihr ihre Geheimnisse mit, nehmen die Reporterin mit in üble Gegenden und zeigen Navai eine Stadt, die selbst ihr unbekannt ist. Auf diese Weise hat Navai Teheran lieben gelernt, und vielleicht war das die Voraussetzung, um nichts zu beschönigen, die Widersprüche zu beschreiben und den Mut und die Größe von Menschen zu entdecken, die nur in einer Stadt wie Teheran hervortreten können, wo eine brutale, aber auch inkonsistente Willkür herrscht, in der sich immer wieder Schlupflöcher und Fluchtwege öffnen. Oder unerhörtes Leid und der Tod.
So ist die Prostitution trotz Verbot weit verbreitet, was in einer sexfeindlichen islamischen Gesellschaft nicht verwundert. In Zeiten des Internets stehen die Behörden jedoch auf verlorenem Posten. Es gibt sogar einen Straßenstrich und, noch verwirrender, jeder weiß, dass es ihn gibt und wo die käuflichen Mädchen zu finden sind. Und da Mädchen aus den unterschiedlichsten Gründen, aus Not ebenso wie um sich ein neues Smartphone oder die Studiengebühren leisten zu können, bereits mit 16 auf den Strich gehen, erwog das Innenministerium sogar, diese Mädchen in ein »Umerziehungslager« zu stecken.
Je mehr jedoch der Sex tabuisiert wird, desto mehr wird über ihn geredet. Selbst die Mullahs geben unzählige z.T. legendäre Kommentare dazu ab, u.a. eine Fatwa, die mit großer Detailversessenheit ein hypothetisches Szenario behandelt, weshalb sie sich in Teheran großer Beliebtheit erfreut: »Wenn ein junger Mann in seinem Schlafzimmer liegt und seine Tante im direkt darunter liegendem Zimmer schläft und der Fußboden bei einem Erdbeben einbricht, so dass er direkt auf sie fällt, und beide nackt wären, wenn der junge Mann dabei zufällig gerade eine Erektion hätte und auf ihr landen würde, so dass er sie penetrieren würde, wäre dann das Kind, das aus einer solchen Begegnung hervorginge, legitim oder ein Bastard?«
Eine andere Möglichkeit, um außerehelichen Geschlechtsverkehr zu legitimieren, ist eine sogenannte »Sigheh«, eine Bescheinigung, die eine »Ehe auf Zeit« bestätigt und »von Gott und dem Staat genehmigt« wird, und zwar »zwischen einem Mann (der bereits verheiratet sein darf) und einer Frau (die das nicht sein darf) … und ein paar Minuten oder neunundneunzig Jahre dauern kann«. Auf diese Weise verleiht der schiitische Pragmatismus sogar einem Quicki ein islamisches Gütesiegel. Frauenrechtlerinnen beschwerten sich über diese Form von klerikaler Heuchelei, weil nur die Männer im Gegensatz zu den Frauen verheiratet sein durften. Die »Sigheh« gewährt jedoch auch den Prostituierten einen gewissen Schutz vor genau definierten Strafen: »Sexueller Kontakt ohne Penetration verlangte nach kräftigeren Peitschenhieben als Alkoholkonsum. Zuhälterei und Meineid wurden leichter bestraft, im buchstäblichen Sinne, denn die Peitschenhiebe waren weniger heftig als bei Trunkenheit und heftigem Petting… Die verwendete Peitsche muss aus Leder sein, einen Meter lang und nicht dicker als anderthalb Zentimeter… Das Auspeitschen muss bei gemäßigter Temperatur stattfinden – es darf weder zu heiß noch zu kalt sein. Die einzelnen Hiebe müssen gleichmäßig ausgeführt werden.« Nicht immer muss der Verurteilte selbst die Strafe antreten. Es gibt Leute, die einspringen, pro Peitschenhieb »2000 Toman« verlangen und sich das Geld dann mit dem zuständigen Auspeitscher teilen.
Das Buch ist voller solcher absurden, lächerlichen, schrecklichen und verrückten Details, aber die sind es nicht allein, die das Buch lesenswert machen. Navai verleiht den Geschichten ganz unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Milieus einen großen Glanz, sie verurteilt sie nicht, auch wenn es um einen Mafia-Boss geht, der eine Crystal-Meth-Küche betreibt. Sie beobachtet und beschreibt einfach nur, und das sehr genau und elegant. Ihre Biographien strahlen eine Tragik und einen Humor aus, die den Leser tief eintauchen lassen in eine fremde, unbegreifliche Welt, in der die Lüge eine Frage des Überlebens geworden ist, und dabei wird man noch ganz nebenbei über die Geschichte des Landes aufgeklärt. Grandiose Reportagen, die eine einzigartige Liaison mit grandioser Literatur eingegangen sind.

Ramita Navai, »Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran«, aus dem englischen von Yamin von Rauch, Kein & Aber, Zürich 2016.

Irrationalität und Rechtsruck. Über Didier Eribons “Rückkehr nach Reims”

Didier Eribon wurde in Deutschland bislang nur über seine Foucault-Biographie wahrgenommen, obwohl er in Frankreich auf zahlreiche Buchveröffentlichungen zurückblicken kann, u.a. auf »Réflexions sur la question gay« und »Une Morale du minoritaire«. Mit sieben Jahren Verspätung ist nun bei Suhrkamp »Rückkehr nach Reims« erschienen, hat bereits zahlreiche Auflagen erlebt und wurde hymnisch besprochen, womit auch der Verlag nicht gerechnet hat, sonst hätte man dem Buch einen Hardcover-Auftritt verschafft. Didier Eribon beschreibt seine Herkunft aus der Unterschicht in der französischen Provinz und seinen langen Weg der Emanzipation, der vor allem die Emanzipation von seinen Eltern, Geschwistern und Verwandten bedeutete, die Eribon nur deshalb zu gelingen schien, weil er nach einer lange sich hinziehenden schleichenden Entfremdung den Kontakt schließlich vollkommen abgebrochen hat. Zwanzig Jahre lang sieht er seine Eltern nicht mehr, bis sein Vater stirbt und er die »Rückkehr nach Reims« antritt, um über sich und sein Verhältnis zur Familie etwas in Erfahrung zu bringen.
Eribon hat jedoch nicht nur eine Selbstfindungsgeschichte geschrieben, sondern er hat sie als soziologisches Material verwendet, um zu untersuchen, warum ein Großteil des kommunistisch wählenden Milieus, dem er entstammt, inzwischen zur Front Nationale übergelaufen ist. Das hat in erster Linie mit den strukturellen Übereinstimmungen der auf den ersten Blick unterschiedlichen Milieus zu tun, die nationalistisch oder kommunistisch wählen, bzw. vielmehr gewählt haben, denn die Kommunisten spielen schon lange keine Rolle mehr, während die Front Nationale sich auf einem guten Weg befindet, die französische Wirklichkeit radikal umzukrempeln. Und wenn die regierenden Sozialisten es endlich geschafft haben, die Reste des Sozialstaats und die Arbeitsgesetzgebung wie den Kündigungsschutz zu liquidieren, dann braucht sich Marie Le Pen nur noch ins gemachte Nest zu setzen.
Die strukturellen Ähnlichkeiten beschreibt Eribon sehr eindrücklich. Im ständigen Streit seiner traditionell KP wählenden Eltern kam der gleiche diffuse Hass auf »die da oben« zum Vorschein wie bei den Rechten, die gleiche Fremdenfeindlichkeit und Homophobie, unter der Eribon als Schwuler besonders zu leiden hatte. »Lange habe ich mir die Frage nach dem Warum gestellt. Aber auch die Frage: ›Was haben wir eigentlich getan?‹ Es gibt keine andere Antwort darauf als die Willkür und Absurdität der sozialen Verdikte. Wie in Kafkas Prozess ist es zwecklos, nach einem Gericht zu suchen, das dieses Urteil erlassen hätte. Es existiert nicht. Dieses Gericht tagt nicht. Wir kommen in eine Welt, in der die Urteile längst gesprochen sind. Früher oder später nehmen wir unseren Platz in ihr ein. Den Platz derjenigen, die von der öffentlichen Rachsucht längst dazu verdammt worden sind, dass es immer einen anklagenden Zeigefinger geben wird, der auf sie deutet, und denen gar keine andere Wahl bleibt, als sich mehr schlecht als recht vor dieser Rachsucht in Acht zu nehmen und ihre ›beschädigte Identität‹, wie der Untertitel von Erving Goffmans Buch Stigma lautet, irgendwie zu verwalten. Die Verfluchungen und Verurteilungen, mit denen man leben muss, pflanzen tief im Selbst eine Unsicherheit und Verletzlichkeit ein, eine diffuse Angst, die die schwule Subjektivität prägt.«
Letztlich ist das der Grund, warum Eribon alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, obwohl das nicht unbedingt der logische und zwangsläufige Lebensweg war, seine Karriere vielmehr vollkommen atypisch war. Seine Geschwister sind alle Mitglieder ihrer Klasse geblieben, weil in dem französischen Bildungssystem der Nachkriegszeit die Chance, aufzusteigen, nicht sehr groß war. Nur Didier Eribon wurde auf eine weiterführende Schule geschickt, was für seine Eltern nicht einfach war und ihnen Opfer abverlangte, und das, obwohl sich an ihren Vorurteilen gegenüber Bildung und die intellektuelle Elite nichts änderte, die abfällig »die Herren Professoren« genannt wurde. Da Eribon später Trotzkist wurde, beging er damit im Vokabular seiner Ideologie »Klassenverrat«. Und auch seine Eltern dürften das so empfunden haben. Nur haben sie es nicht so genannt, sondern dem Sohn »Undankbarkeit« vorgeworfen. Welche Abneigungen und Vorurteile eine solche Wortwahl nahe legt, die in diesem Konflikt zwischen radikaler Selbstemanzipation und der Ermöglichung dieses Schrittes zugefügten Verletzungen auf beiden Seiten verheilen nie richtig. Und manchmal, wie in diesem Fall, ermöglicht es erst eine völlige Entfremdung voneinander, auf das beschädigte Leben mit einer gewissen Distanz zu blicken.
Diese Aporie gab es Deutschland nicht in diesem Ausmaß. Hier waren die Voraussetzungen und Konflikte andere, selbst wenn die soziale Herkunft ähnlich war. Die nazistische Durchstrukturierung der Gesellschaft war gar nicht nötig, es genügte die Tradierung der reaktionär-autoritären gesellschaftlichen Muster aus dem Kaiserreich, die in der Nachkriegszeit weiterwirkte, um aus den Menschen angstbesetzte, gegenüber Vorgesetzten hörige Wesen zu machen, deren einziges Ziel es war, nicht aufzufallen und sich nirgends einzumischen, schon gar nicht aufzubegehren oder auf sein Recht zu pochen. Diese psychische Verfasstheit wurde vorgelebt und an die nachfolgende Generation weitergegeben. Der autoritäre Erziehungsstil, der sich aus einer tiefsitzenden Angst vor Chefs und sozial höherstehenden Menschen speiste, bestand auch darin, sich möglichst nach außen abzuschotten, neue Erfahrungen nur dann zuzulassen, wenn sie mit dem steigenden Konsum zu tun hatten. Die jüngste Vergangenheit, die Nazis und die Vernichtung der Juden wurden ausgeblendet und schien es nie gegeben zu haben. In der Schule, in der noch Nazis unterrichteten, kam man im Geschichtsunterricht nie weiter als bis zum Kaiserreich und Bismarck.
Aber in Deutschland gab es im Unterschied zu Frankreich ein Wirtschaftswunder, das das große Schweigen versüßte. Die Vernichtung ungeheurer Ressourcen durch den Krieg erwies sich als Gewinn, weil alles neu aufgebaut werden musste. Arbeiterkinder hatten viel leichteren Zugang zu Bildung und Studium, was bedeutete, dass Eltern nicht so große persönliche Opfer bringen mussten, um ihre Kinder auf die Uni zu schicken, wie in Frankreich. Zum ersten Mal mussten sie nicht direkt nach der Grundschule arbeiten gehen, um einen Beitrag für den Haushalt zu leisten, sondern konnten höhere Bildungseinrichtungen besuchen, weil »sie es später einmal besser haben sollten«, wie das gängige Argument damals lautete, während es heute vergleichbaren sozialen Schichten egal ist, was aus den eigenen Kindern wird. Das Argument taucht vielmehr wieder in den eher bildungsbürgerlichen Schichten auf, die in prekären Verhältnissen leben. Aber der Widerspruch zwischen dem, was die Gesellschaft alles versprach, was in ihr als Möglichkeit und Versprechen aufschien, ein Versprechen, das die Jugendlichen eingelöst sehen wollten, und dem rückständigen Bewusstsein der alten politischen Eliten, die sich geistig nie weit vom Nationalsozialismus entfernt hatten, musste kulminieren. Zunächst schien es so, als ob die 68er eine revolutionäre Umwälzung der Gesellschaft wollten, später stellte sich heraus, dass es sich um einen Generationenkonflikt handelte, in dem es lediglich darum ging, die Stellung der Väter einzunehmen und nicht nur die Krümel der Wohlstandsgesellschaft abzubekommen.
Und während das passierte, konnte man in Frankreich das gleiche beobachten wie in Deutschland: Eribon schreibt, dass »ein Gutteil der Linken sich nun plötzlich das alte Projekt des Sozialabbaus auf die Fahnen schrieb (…) Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden, sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden.« Diese Beobachtung, als die führenden Rebellen sich für höhere Aufgaben qualifiziert zu haben glaubten und nunmehr staatstragend wurden, beschreibt bezogen auf deutsche Verhältnisse auch Wolfgang Pohrt: »Nichtsdestotrotz beschwören nun lauter mustergültig Resozialisierte einander, endlich von den verhängnisvollen linksradikalen Irrtümern abzulassen. Leute mit Familie, festem Wohnsitz, Beruf und ersten Altersgebrechen tun so, wie wenn sie ein Haufen Wildkatzen wären. Es klingt, als müsse eine aufgewühlte Menge beschwichtigt werden, die gerade den Regierungssitz stürmen will. Aber jeder mahnt jeden nur, zu unterlassen, was ohnehin keiner täte. Man würde die Szene vielleicht komisch finden, wenn das ganze Schauspiel nicht so langweilig wäre. Es findet auch weitgehend unter Ausschluß der breiteren Öffentlichkeit statt.«
Als Folge dieses »Verrats«, wie ihn Eribon beschreibt, die Abwendung von den unteren sozialen Schichten durch eine Politik, die mit der Wahl Mitterands einmal angetreten war, um die Sache der Unterprivilegierten zu vertreten, passiert etwas, das Eribon »Allianz sozialer Schichten« nennt, die sich zuvor feindlich gegenüberstanden, nun aber zu den Wahlerfolgen der Front National beitragen, weil durch das Verschwinden der Arbeiterklasse und »des Klassenbegriffs überhaupt aus dem politischen Diskurs« ein historischer Block entsteht, der »heute große Teile der prekarisierten und verwundbaren Unterschicht mit Leuten aus Handelsberufen, mit wohlhabenden, in Südfrankreich lebenden Rentnern, ja sogar mit faschistischen Exmilitärs und traditionalistischen Katholiken verbindet.« So richtig schlüssig ist diese Argumentation nicht, vermutlich weil Eribon mit einem soziologischen Handwerkszeug arbeitet, die die Dynamik des demographischen Wandels und die Neuzusammensetzung und Konzentration der Bevölkerung nicht genügend berücksichtigt, wenn Massen durch den Neoliberalismus in prekäre Verhältnisse abgeschoben werden, und weil Eribon auch nicht wirklich berücksichtigt, welche psychologischen Mechanismen am Werk sind, um jede Verantwortung für das eigene Leben abzulehnen, stattdessen sich mit dem Status eines Sozialempfängers abzufinden und eine Mentalität zu entwickeln, die von unreflektiertem Hass geprägt ist auf alles, einschließlich sich selbst. In diesem Milieu, dem Dummheit, Intoleranz und Rassismus vorzuwerfen völlig verpufft, nicht weil es nicht stimmen würde, sondern weil das Milieu diese Vorwürfe wie einen Schwamm aufsaugt, um sich gegen jegliche Vernunft und letztlich Zivilisation zu immunisieren, wird es schwer, wenn nicht sogar unmöglich, »einen theoretischen Rahmen und eine politische Sichtweise auf die Realität zu konstruieren, die es erlauben, jene negativen Leidenschaften … weitgehend zu neutralisieren.« Genau das aber begreift Didier Eribon als Aufgabe des kritischen Intellektuellen und der sozialen Bewegungen: »Wenn die Linke sich als unfähig erweist, einen Resonanzraum zu organisieren, wo solche Fragen diskutiert und wo Sehnsüchte und Energien investiert werden können, dann ziehen Rechte und Rechtsradikale diese Sehnsüchte und Energien auf sich.« Er verbleibt damit in einem Argumentations- und Gedankenschema, das letztlich antiquiert wirkt, weil er davon ausgeht, es würde darauf ankommen, wer die attraktivere, die hegemoniale Politik macht, aber genau darauf kommt es nicht an. Die AfD hat Erfolg, weil sie die Irrationalität dieser »Energien« bedient, den Rassismus und die Vorurteile. Die Wähler der AfD wollen nicht aufgeklärt, sondern in ihrem beschränkten und schlichten Weltbild bestätigt werden. Sie müssen noch nie einen Flüchtling zu Gesicht bekommen haben, um ausländerfeindlich zu sein, genausowenig wie es irgendwo Juden geben muss, um sie für das Unglück dieser Welt verantwortlich zu machen.
Wenn Eribon also nach Lösungen sucht, um den Rechtsruck in Frankreich zu verhindern, der in Frankreich noch viel dramatischer ist als in Deutschland, dann wird er vielleicht sogar notgedrungen schwammig. Genau und präzise aber ist er in seiner Gesellschaftsanalyse und seiner Beschreibung, wie und warum sich Frankreich in diese fast schon ausweglose Situation gebracht hat, in der sich Deutschland noch nicht befindet, aber schon mal darauf zusteuert, wenn man die Wahlerfolge der AfD sich vor Augen hält, denn diese sind ein genauer Indikator für das, was Eribon die »negativen Energien« nennt, wobei der Umgang mit der AfD in der Öffentlichkeit und den Medien und ihre Hofierung dazu beigetragen hat, diesen »Energien« eine gewisse Plausibilität zu verleihen, die sie jedoch nicht haben.

Didier Eribon, »Rückkehr nach Reims«, Suhrkamp, Berlin 2016

Eine neue Geschichte des Existenzialismus

Der französische Existenzialismus, wie ihn Sartre, Merleau-Ponty, Camus und andere geprägt haben, war schon lange mausetot. Jetzt kommt die Londoner Schriftstellerin Sarah Bakewell, die an der Uni Creative Writing lehrt und die bis vor dem Erscheinen ihres Bestsellers über Montaigne niemand kannte, und erweckt den Existenzialismus wieder zum Leben, indem sie ihn in allen möglichen Facetten und Abschweifungen nachspürt, die Biographie ihrer Protagonisten mit ihren Theorien kurz schließt, zeigt, wie das eine sich auf das andere auswirkt, wie die Hauptpersonen zueinander finden und sich gegenseitig beeinflussen, sie lässt Figuren auftauchen, von denen man nicht unbedingt erwartet hatte, dass sie eine Rolle spielen wie Boris Vian, in dessen Nachtclub Tabou sich Sartre und seine Freunde trafen und tanzten und dessen Roman »Schaum der Tage« in der »Temps moderne« vorabgedruckt wurde, sie erzählt auf elegante und verständliche, aber nicht vereinfachende Weise die großen philosophischen Werke von Heidegger, Husserl, Sartre und Merlau-Ponty und bringt es fertig, sie in ihrem Wesenskern auch für Menschen begreifbar zu machen, die sich für den Existenzialismus nie sonderlich interessiert haben. Sie versteht es, die Neugier des Lesers darauf zu wecken, was wohl als nächstes passieren wird, so dass man zugeben muss, dass das nicht gerade sonderlich gut beleumundete creative writing offenbar auch positive Seiten haben kann.
Der wesentliche Grund aber, warum »Das Café der Existenzialisten« so grandios ist, findet sich in Sarah Bakewells Begeisterung für ihr Thema, die aus ihrer Jugend herrührt, als sie fasziniert war von Sartres »Ekel« und alles las, was ihr in die Hände fiel. Zwischen den wenigen abgedruckten Fotos der Hauptpersonen, findet sich auch ein Teenagerfoto von Sarah Bakewell. Man könnte das für etwas vermessen halten, aber die Autorin erinnert damit an die Strahlkraft, die der Existenzialismus damals auf die junge Generation auch weit über die Grenzen Frankreichs hinaus ausübte. »Unter Sartres Einfluss wurde ich zu einer leidenschaftlichen Schulschwänzerin. Ich nahm einen Nebenjob in einem Laden an, wo ich Reggae-Platten und Haschischpfeifen verkaufte. Es war eine interessantere Ausbildung als jeder Schulunterricht.«
Sie studierte nicht, um Prüfungen zu bestehen, sondern sie las die Existenzialisten, weil sie etwas entdeckt hatte, das sie unmittelbar zu sich selbst in Bezug setzen konnte, zu ihrer Existenz, ihrem Sein und dem der anderen, zu einer Philosophie, die ihr eine ganze Welt öffnete, weil sie mit der Aufforderung verbunden war, sich zu engagieren und selbst verantwortlich zu sein für das, was man tut. Nur unter dieser Voraussetzung kann es einem gelingen, Leser in Bann zu schlagen auch mit einem Thema, zu dem diese sonst nie einen Zugang gefunden hätten, weil die Hauptwerke wie »Das Sein und das Nichts«, »Sein und Zeit« oder »Phänomenologie der Wahrnehmung«, die Bakewell verhandelt, Leuten verschlossen bleiben, die sich nicht professionell damit beschäftigen.
Es ist nicht unbedingt so, dass man aus dem Buch etwas neues erfahren würde, denn Leben und Wirken und Philosophie der Hauptakteure sind vollständig erforscht, aber das neue Arrangement des Gegenstands vermittelt immer wieder überraschende Einblicke und Erkenntnisse, Bakewells Herangehensweise, die Theorien zu erklären und nachvollziehbar zu machen, ist nicht im geringsten ideologisch, sondern fast liebevoll und von großem Verständnis geprägt, auch wenn sich ein Autor verrannt hat wie Heidegger, der zum Nationalsozialismus überlief, oder Sartre, der Maoist wurde, oder Merleau-Ponty, der eine Zeitlang dogmatisch prosowjetische Positionen vertrat. In diesen biographischen Verfehlungen spiegeln sich eben auch die Zeit und die politischen Verwerfungen wieder, auf die die Philosophen, jeder auf seine Weise, eine Antwort zu geben versuchten. Und dabei gerieten sie sich in die Haare, d.h. es geht auch um die Zerwürfnisse der Protagonisten, um das Auseinanderbrechen großer Freundschaften wie zwischen Sartre und Camus, ein Streit, der »als Chiffre für eine ganze Epoche« gilt.
Während Merleau-Ponty mit dem nordkoreanischen Angriff auf den Süden des Landes seinen Glauben an den Kommunismus verlor, radikalisierte sich der vorher eher zurückhaltende Sartre nach einem bizarren Vorkommnis in Frankreich. Eine Polizeistreife entdeckte bei einer Verkehrskontrolle im Auto des Generalsekretärs der KPF ein Funkgerät und zwei Tauben, die angeblich für Spionagezwecke verwendet wurden. Die Tauben, die Jacques Duclos vorher erstickt haben sollte, wurden obduziert und nach versteckten Mikrofilmen untersucht. Es wurden Experten bemüht, die herausfinden sollten, ob es sich um Brief- oder gewöhnliche Haustauben handelte, ein absurde Affäre, die Louis Aragon zu einem Gedicht über das »Taubenkomplott« inspirierte und die »Konversion« Sartres auslöste, für ihn der Höhepunkt jahrelanger Schikanen gegen die Kommunisten. Er schrieb in rasender Geschwindigkeit, mit Zorn im Herzen und Corydran im Blut (Sartre hat täglich durchschnittlich 20 Seiten verfasst) lange Rechtfertigungen des Sowjetstaates, die später sogar in der Behauptung gipfelten, der Sowjetbürger würde deshalb nicht ins Ausland reisen, weil er kein Bedürfnis danach verspüre. Als dann Camus »Mensch in der Revolte« erschien, war der alte Freund aus Zeiten der Résistance in den Augen Sartres und Beauvoirs zum Konterrevolutionär geworden.
Selbst in solchen Handlungen findet Bakewell noch nachvollziehbare Beweggründe, die man nicht teilen muss, die sie aber aus der Zeit zu erklären versucht, als Sartre unter Druck stand und als »dekadenter Bourgois« verspottet wurde, um schließlich zu einem »Ultra-Bolschewisten« zu werden, wie ihn Merleau-Ponty in seinem Buch »Die Abenteuer der Dialektik« bezeichnete, in dem er sich vom Kommunismus abwandte, was Merleau-Ponty nicht davon abhielt, in Sartre einen »guten Menschen« zu sehen, dem seine »Gutherzigkeit« schließlich zum Verhängnis wurde. Selbst Heidegger, der in allem, was Bakewell beschreibt, als egomanischer Unsympath erscheint ohne die geringste Fähigkeit zur Empathie, der sich für das Leben der anderen nicht interessierte, der Freunde verleugnete und hinterging, wenn er sich davon einen Vorteil versprach, und dessen Nähe zum Nationalsozialismus unerträglich war, auch Heidegger verurteilt sie nie, sondern hebt seine Fähigkeit zu »bohrendem Denken« hervor. Sarah Bakewells Geschichte über den Existenzialismus ist eines der sehr seltenen Bücher, die niemals enden sollten, weil die Autorin nicht einen Aspekt abarbeitet, sondern verschwenderisch und auf hinreißende Weise das Wissen der Welt ausbreitet.

Sarah Bakewell, »Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails«, C.H. Beck, München 2016. Aus dem Englischen von Rita Seuß.

Eine Liebeserklärung and das Pariser Bistro

»Die Geschichte ist uns auf den Fersen. Sie folgt uns wie ein Schatten, wie der Tod«, schreibt der Anthropologe Marc Augé in seinem Buch »Orte und Nicht-Orte«, das ihn auch in Deutschland bekannt gemacht hat. Wenn uns die Geschichte vorantreibt, dann hat das etwas mit der Beschleunigung der Zeit zu tun, die immer rasanter wird, weshalb selbst die historischen Ereignisse immer mehr an Bedeutung verlieren. Kaum ist etwas an die Oberfläche der medialen Wahrnehmung geschwemmt worden, ist es auch schon Geschichte.
Dieses Phänomen ist ein Problem anthropologischer Natur. Und als ob Marc Augé sich nicht mit der Konstatierung des Problems abfinden will, scheint er mit seinem neuen Buch »Das Pariser Bistro« an etwas festhalten zu wollen, das sich dem rasenden Verwehen der Zeit entgegenstellt, resistent ist durch den Alltag der Leute, die mit ihren Gewohnheiten und täglichen Ritualen ein Moment der Trägheit sind, denn das Bistro ist ein Ort, auf den die beschleunigte Entwicklung und die Ereignisdichte keinen Zugriff hat und der sich in einer Art Parallelwelt befindet, eine Insel der Ruhe und der Glückseligkeit inmitten tosender Wellen. Und deshalb ist das Buch vor allem ein melancholisches Buch.
Louis Aragon, der für Augé eine Referenzgröße darstellt, hat in »Der Pariser Bauer« beklagt, dass »das Gefühl für das Wunderbare des Alltäglichen« verloren geht und dass das »Leben wie auf einem immer besser gepflasterten Weg voranschreitet«. Marc Augé versucht in seiner »Liebeserklärung« dieses Gefühl wiederzuentdecken. Dabei führt ihn die Erinnerung an seine Jugend in den 50er Jahren zum Place Saint-Sulpice am Café de la Mairie vorbei, wo André Breton saß und den Schüler vom Lycée Louis-le-Grand schwer beeindruckt. Damals konnte man in den Cafés in Saint Germain noch Sartré, Beauvoir, Althusser, Barthes begegnen. Augé beschwört diese Atmosphäre, auch wenn das Bistro als »irgendwo zwischen den schlichtesten Troquets [eine kleine Bar, in der man trinkt] und den kultiviertesten Cafés angesiedelt« nicht der Ort ist, der die Sehnsucht der Paris-Touristen immer wieder von neuem anfacht, wie überhaupt »Bistro« sich eben alles mögliche nennt und alles mögliche sein kann, von einer gewöhnlichen Bierkneipe bis zu einem gehobenen Restaurant. Aber das »Bistro« transportiert »eine unmittelbare Sympathie«, weshalb es für Augé auf eine »allzu strenge Definition nicht ankommt«. Und tatsächlich ist für Augé nicht entscheidend, was das Bistro ist, sondern wie es in seinen Erinnerungen vorkommt und was es für seinen Alltag bedeutet.
Als während der Befreiung von Paris von überall Menschen herbeiströmen und die vorrückenden Panzer umjubeln, da tauchen aus einem Bistro Weinflaschen auf, das von Augés Eltern immer gemieden wurde, obwohl sie im selben Haus wohnten. Vielleicht war das unbewusst eine prägende Erfahrung, in solchen Orten mehr zu sehen als nur Anrüchiges. Für Hemingway war das Bistro »ein behagliches, mitunter geselliges Zuhause, ein Büro zum Arbeiten und ein Salon, in dem er Gäste empfing«. Das Bistro ist also ein Ort für Gewohnheitstiere, ein Ort des Noch-nicht-zuhause-Seins, aber auch des Nicht-mehr-unterwegs-Seins, ein Ort, wo sich »Tragödie und Komödie« vermischen, ein Ort »der nichtssagenden Worte und des vielsagenden Schweigens, des lauten Lachens, des unterdrückten Seufzers und der diffusen Melancholie«.
Das Bistro ist die ideale Umgebung für oberflächliche Beziehungen, nach denen jeder Mensch ein Bedürfnis hat. Das Bistro enthält die Möglichkeit, sich in eine Zeitung ebenso wie in ein Gespräch zu vertiefen, ohne dass man sich deshalb verabreden muss, weshalb solche Gespräche oder vielleicht nur kleine Wortwechsel etwas Spontanes, aber auch etwas Ritualisiertes an sich haben.
In einer Welt, in der Großstadtmenschen sich während ihrer Arbeitspause immer mehr den Restaurantketten anvertrauen, in denen sich schnell und gedankenlos etwas hinunterschlingen lässt, entdeckt Augé die »paradoxen Existenz der Bistros« als etwas, das »als eine Form von Widerstand« betrachtet werden kann. »Sich an seinem Ort seine Zeit zu nehmen: Diese Formel, die das Ideal des Pariser Bistros gut definiert, hat heute etwas Provokantes.« Ob sich in ihnen allerdings das Wunderbare des Alltäglichen wieder entdecken lässt, das schon Aragon suchte?

Marc Augé »Das Pariser Bistro. Eine Liebeserklärung«, Aus dem Französischen von Felix Kurz, Matthes & Seitz Berlin

Das Kriegsspiel. Über die Repräsentation des Kriegs und die Dialektik aller Konflikte

Ursprünglich war es als Spiel konzipiert, dann aber wurde es Kunst. Als »Le ›Jeu de la Guerre‹« von Guy Debord und Alice Becker-Ho, das nun auch auf deutsch unter dem Titel »Kriegsspiel« vorliegt, 1987 in Frankreich erschien, da trug es den Untertitel »Geländeskizzen der aufeinander folgenden Positionen der gesamten Streitkräfte im Laufe einer Partie«, die Debord mit seiner Frau Alice Becker-Ho gespielt hat. Die Partie dauerte ungefähr zwei Stunden und es fanden 110 Spielzüge statt, die alle mit einem Kommentar versehen dokumentiert wurden. Als Spielanleitung taugt so etwas nicht wirklich. Und auch die mehr als 20 Seiten umfassende Erläuterung der Spielregeln lässt sich nicht ohne Probleme anwenden. Becker-Ho räumt in einer Neuauflage des Buches Fehler ein, und auch der deutsche Übersetzer Ronald Voullié, der den nicht einfachen Stoff hervorragend gemeistert hat, entdeckte noch regelwidrige Züge. Und wenn schließlich bei Debord zu lesen ist, dass das »Kriegsspiel« »den Gesetzen der Theorie von Clausewitz« folgt, also »auf dem Modell des klassischen Krieges des 18. Jahrhunderts« beruht, »erweitert um die Kriege der Französischen Revolution und des französischen Kaiserreichs«, dann liegt die Vermutung, dass das Spiel einer gewissen Vorbereitung bedarf, doch ziemlich nahe, denn Debord gibt zu verstehen, dass man nicht nur Clausewitz, sondern auch Jomini und Sun Tse gelesen haben sollte. In England kam das »Kriegsspiel« mit Spielbrett, Infanterie, Kavallerie und Artillerie heraus, aber selbst in Frankreich ging niemand davon aus, dass Leute sich der Mühe unterziehen würden, das Kriegsspiel zu erlernen.
Mitte der fünfziger Jahre hat sich Debord das »Kriegsspiel« ausgedacht. 1965 meldete er es als Patent an und 1977 gründete Debord mit seinem damaligen Freund und Verleger Gérard Lebovici eine Firma, die die Produktion, Publikation und Verwertung des Spiels vorantreiben sollte. Ein Kunsthandwerker stellte vier oder fünf Exemplare des Kriegsspiels mit ziselierten Figuren aus versilberten Kupfer her. Ein Exemplar wurde dann 2013 in der großen Ausstellung des Nachlasses von Debord in der Bibliothèque nationale gezeigt.
Dieses Spiel hat Debord sein Leben lang nicht losgelassen. Nicht nur erschienen auf sein Betreiben hin im Verlag Champ Libre viele Bücher von Kriegstheoretikern, Debords intensive Beschäftigung mit diesem Thema schlägt sich auch in seinem theoretischen Hauptwerk »Die Gesellschaft des Spektakels« nieder und ging soweit, dass er seine Rolle während des Mai 68 als Protagonist der Situationistischen Internationale in Begriffen der Kriegsführung dachte, wie in seiner filmischen Rückschau »In girum imus nocte et consumimur igni« deutlich wird, wenn er davon spricht, »mehr oder weniger starke Einheiten im richtigen Moment ins Gefecht zu werfen« und als Illustration Ausschnitte aus Filmen über den amerikanischen Sezessionskrieg, eine in Formation reitende Kavallerie, Eisensteins »Panzerkreuzer Potemkin« und das »Kriegsspiel« selbst gezeigt werden.
Auf das »Kriegsspiel«, so Debord nicht ohne Stolz, trifft zu, was Marco Girolamo 1529 über Schach gesagt hat: »Ludimus effigiem belli« – was wir hier spielen, ist eine Repräsentation des Krieges. Diese Repräsentation bringt jedoch Einschränkungen mit sich, denn einige Faktoren, die im Krieg eine entscheidende Rolle spielen, können im »Kriegsspiel« nur »unzureichend abgebildet« werden, wie Debord schreibt, weder der Zufall lässt sich darstellen, noch die klimatischen Bedingungen und die Moral oder die Erschöpfung der Truppen. Dennoch ist Debord überzeugt, dass das »Kriegsspiel« »exakt sämtliche Faktoren, die im Krieg eine Rolle spielen, und noch allgemeiner: die Dialektik aller Konflikte reproduziert«.
Um das bestätigt zu finden, muss man sich auf ein Wagnis einlassen, das nichts mit der bei Brettspielen intendierten Zerstreuung zu tun hat, sondern ein wirkliches Interesse voraussetzt, aber Debord ist ja auch nicht dafür bekannt, dass er es einem dabei hätte leicht machen wollen. Ein wunderbar sperriges Werk, das den Charme der Unnahbarkeit versprüht.

Der Kampfhund Erinnerung. “Panikherz” von Benjamin von Stuckrad-Barre

Hunter S. Thompson schrieb einmal, Schreiben sei wie Ficken, es mache nur den Amateuren Spaß. Jenseits der Qual jedoch, die das Schreiben über sein Leben vermutlich auch Benjamin von Stuckrad-Barre bereitet hat, war es für ihn vor allem eine Therapie, um wieder Zugriff auf sein Leben zu bekommen, das ihm für einige Jahre entglitten war, weil Kokain das Kommando übernommen hatte. Niemandem fällt es leicht, über seine Abhängigkeit zu schreiben. Aber das ist nicht der Punkt, denn plötzlich ist nicht mehr die Droge der Feind bzw. der Freund, sondern der Leser, also ein Fremder, dem man sich öffnet und dessen voyeuristischem Blick man sich aussetzt. Man braucht also eine exhibitionistische Ader, will man das Publikum nicht langweilen, sondern unterhalten und in seinen Bann ziehen. Und das beherrscht Stuckrad-Barre wie kaum ein anderer. In seiner Autobiographie »Panikherz« lässt sich nachlesen, wie er durch Raum und Zeit jagt wie ein Getriebener, dessen Leben schneller verbrennt als andere, und das nicht nur deshalb, weil er drogenabhängig war.
Stuckrad-Barre ist einer der ersten Autoren, die ein Leben als Popstar geführt haben. Und genau das wollte er auch. Als Schüler in Göttingen fängt alles an, als Plattenkritiker, um gratis an Musik und auf Konzerte zu kommen. In seinem Leben auf der Überholspur ist er Praktikant bei der taz Hamburg, arbeitet als Redakteur beim Rolling Stone, bekommt einen Job bei der Plattenfirma Motor Music, wird Gagschreiber bei Harald Schmidt, persönlicher Referent von Küppersbusch, Redakteur bei den Berliner Seiten der FAZ, Moderator bei MTV, schreibt in kurzer Zeit mehrere Bücher und geht mit ihnen auf ausverkaufte Tourneen. Alkohol und Kokain werden zu seinen ständigen Begleitern, um die immer schneller rotierende Maschine zu ölen, um sich wegzubeamen und abzuheben.
Mitte der achtziger Jahre wird Stuckrad-Barre von Udo Lindenberg musiksozialisiert, eine Liebe, die sein ganzes Leben bestehen bleibt, weil Lindenberg bei ihm eine Saite zum Schwingen bringt, die mit der Sehnsucht der Jugend zu tun hat, dem Gefängnis des alten Lebens zu entrinnen. Bei Lindenberg entdeckt Stuckrad-Barre den »Rausch als Spaß und Selbstzweck, Rausch aber auch als Protest, als Haltung. Als Art, durchs Leben zu taumeln und nur sehr ausgewählt die permanenten Ernsthaftigkeitsangebote der Umwelt anzunehmen.« Und das ist eine Beschreibung, die Lindenberg auch Leuten sympathisch macht, die ihn eher für etwas schlicht halten, denn es ist nicht das schlechteste Lebenskonzept. Und auch wenn Stuckrad-Barre in den Anfängen seines Journalistenlebens Lindenberg einmal im Rolling Stone in die Pfanne haut, weil er zu klug ist, die fortschreitende »Mumifizierung« Lindenbergs nicht zu bemerken, so haben ihn die Lindenberg-Songs doch geprägt. Noch im weggetretensten Zustand kann er die Lyrics auswendig, findet er in seiner Autobiographie für jede Situation die richtigen Lindenberg-Worte. Lindenberg wird ein wichtiger Freund, der immer da ist, wenn Stuckrad-Barre ihn braucht. Stuckrad-Barre muss konzedieren, dass sich mit Häme ein Idol nicht so ohne weiteres aus dem Weg räumen lässt, dass enttäuschte Liebe nur dazu taugt, als »Karikatur seiner selbst« zu enden, und dass »mitmachen« viel besser ist.
Das kann man leicht als selbstentlarvend empfinden, und nicht wenige werden sagen, dass Stuckrad-Barre nie etwas anderes wollte. Und das stimmt auch, aber der Erkenntniswert des Das-habe-ich-ja-schon-immer-gewusst ist eher gering, denn das Geltungsbestreben eines jungen Menschen ist letztlich grundsätzlich von der Paradoxie bestimmt, alles einreißen zu wollen, dies aber nur tun zu können, wenn man mitmischt, wenn man nicht »rein« bleibt, indem man alle Angebote ausschlägt und somit auch nichts bewegt.
Stuckrad-Barres literarische Helden heißen Bukowski, Fante, Hemingway, Kerouac, Burroughs, Henry Miller und Ellis. Nicht zu vergessen Jörg Fauser, der in Stuckrad-Barre den Wunsch weckt, »später mal … allabendlich mit Trenchcoat im ROTLICHTVIERTEL rumzutigern, immer auf der Flucht und in Schwierigkeiten, Hinterzimmer, Tapetentüren, letzte Münzen in die Jukebox und dann ab durch den Notausgang, mit der Kellnerin durchbrennen.« Und genau das macht er dann auch. Sehr konsequent und zielstrebig, bis sämtliche Türen zugeschlagen sind und es keinen Ausweg mehr gibt. Mit diesen Leuten im Gepäck ist er gegen das Leben immunisiert, das seine Eltern für ihn vorgesehen haben und das er fürchtet.
Nach dem Leben als Popstar kommt der Absturz. Stuckrad-Barre geht durch die Hölle. Er hinterlässt »eine Schneise der Enttäuschung und Zerstörung«, er verliert den Bezug zur Realität, flüchtet aus allen sozialen Bindungen, vergräbt sich, heckt wahnwitzige Pläne aus, solange das Koks das Gehirn auf Touren bringt, und versteht die kurz vorher entworfene »rätselhafte Pfeilgraphik« selbst nicht mehr, die das ganz große Ding hätte werden sollen.
Die Sucht ist deprimierend, eintönig, öde. Sie zu beschreiben, daran sind viele gescheitert, denn sie lässt den Menschen auf ein Reiz-Reaktions-Bündel schrumpfen, weil kaum etwas passiert und jede Abweichung vom Gewohnten als bedrohlich wahrgenommen wird. Stuckrad-Barre bleibt distanziert, analytisch, erscheint nie mitleidig, und dennoch schafft er es, dass man zu begreifen glaubt, was das ist, die Sucht. So intensiv und nah und erschreckend und detailliert hat sonst nur Sebastian Horsley darüber geschrieben.
Vielleicht wegen seiner Gewissheit, wirklich am Ende zu sein, gerät Stuckrad-Barre aus dem Gleichgewicht, als ihn die Einladung zum 20-jährigen Klassentreffen erreicht. In einer seitenlangen angstneurotisch gesteuerten Suada, die literarisch zu einem der Highlights in dem an Highlights nicht armen Buch gehört, fallen ihm tausend Gründe ein, warum er die Einladung nicht annehmen kann. »Wer sagt, ›Das müssen wir unbedingt wiederholen‹, will nach Hause. Wer etwas zu laut und oft sagt, ›Ich bin ein totaler Familienmensch‹, ist fertig mit den Nerven, sehnt sich nach Einsamkeit. Wer sagt, ›Du hast dich ja echt kaum verändert‹, möchte genau das über sich selbst hören, und zwar schnell.« Am Ende der langen Liste von Verhaltensgestörtheiten, die jeder kennt, bleibt nichts mehr übrig, ist jede Gewissheit, die den Menschen am Laufen hält, zerpflückt. Stuckrad-Barre kann all diesen Leuten nicht gegenübertreten, weil er sich in ihnen spiegeln würde, sich selbst wieder begegnen, dem, der er mal war und werden wollte. »Die Erinnerung ist die einzige Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt. Und an sie zu rühren, sie zu betreten, sie mit Gegenwart aufzuladen, heißt, einen Kampfhund zu reizen.«
Stattdessen entdeckt er auf der Flucht vor ihr eine ungewöhnliche Schönheit: die Reeperbahn, »wenn die Nacht sich dem folgenden Tag ergab, wenn es schon dämmerte und die allerletzten Angebote gemacht wurden, wenn wirklich nur noch die Profis und Fertigen unterwegs waren und das sanfte Crescendo der Straßenkehrmaschinenbürsten andeuteten: Das war‘s für heute.« Das mag romantisierend klingen, auch wenn die gesellschaftliche Konvention in einem solchen Bild nur etwas abschreckendes sehen kann. Aber Erlebnisse, in denen wir Glück empfunden haben, werden nun mal später zwangsläufig romantisiert, weil sie unwiederbringlich vorbei sind und dadurch zu unerfüllten Sehnsuchtsorten werden.
Stuckrad-Barre hat den Kampfhund Erinnerung gereizt und herausgekommen ist ein großes Buch, ein Buch, das bleiben wird, weil er sein Leben in die Waagschale geworfen hat, um Ruhm und Erfolg zu erlangen. Er ähnelt damit mehr als er es vielleicht weiß, weil der Name in seinen hagiographischen Aufzählungen nie auftaucht, Hunter S. Thompson, auch ein Getriebener und großer Autor.
»Das Leben ist ein mittelmäßiges Theaterstück mit einem schlecht geschriebenen dritten Akt«, zitiert Stuckrad-Barre gerne einen seiner Säulenheiligen Fitzgerald, weil ihm sein eigenes Leben so erscheint. Das hört sich wie Koketterie an, denn auf das Leben, das uns aus seinem Buch entgegentritt, trifft das ganz und gar nicht zu.

Unterwegs sein wie ein Defraudant. Enzensbergers Tumult

Memoiren werden häufig in einer Zeit verfasst, in der Autoren ihren Zenit überschritten haben. Der Rückblick auf das Leben wird dann in der Regel zu einer Schau, in der man verständlicherweise möglichst gut dastehen möchte, weshalb dieses Genre in literarischer Hinsicht eher belächelt wird. Und deshalb schreiben manche Schriftsteller ihre Memoiren bereits mit zwanzig oder machen sich über die Erinnerungsliteratur insgesamt lustig, indem sie stattdessen lieber »Die Memoiren meiner Frau« verfassen oder die »Memoiren eines alten Arschlochs«.
Es ist also eine durchaus heikle Angelegenheit, selbst für einen so souveränen Schriftsteller wie den bald 85-jährigen Hans Magnus Enzensberger. Er ist sich der Fallen und Probleme einer Autobiographie bewusst. Traut man nämlich nicht der rudimentären Erinnerung, die einem zur Verfügung steht, oder hat man wie Enzensberger sowieso einen Widerwillen, sich alles wieder ins Gedächtnis zu rufen oder in den Autobiographien der Zeitgenossen zu blättern, und zudem weiß, wie wenig Verlass auf Zeugenaussagen ist, dann sind das gute Argumente, um lieber keine Autobiographie zu verfasssen. Enzensberger möchte sich nur ungern auf unsicheres Terrain begeben, das »von der bewußten Lüge bis zur stillschweigenden Verbesserung, vom schlichten Irrtum bis zur raffinierten Selbstinszenierung« reicht und wo »die Übergänge schwer zu markieren« sind.
Dass sich Enzensberger dennoch darauf eingelassen hat, zumindest über die sechziger Jahre zu schreiben, den Zeitabschnitt seines Lebens, in dem der »Tumult« am größten war, hat mit einem zufälligen Fund in seinem Keller zu tun, als er eine vergessene Pappschachtel mit Briefen, Notizbüchern, Photos, Zeitungsausschnitten und Manuskripten entdeckte. Enzensberger musste sich also nicht auf sein eigenes oder ein fremdes Gedächtnis verlassen. Er hatte jetzt einen Menschen vor sich, der ihm allerdings völlig fremd war. »Dieses Ich war ein anderer«, paraphrasiert er Rimbaud. Um die Fremdheit zu überwinden, tritt er mit dem anderen in einen Dialog, er befragt ihn, er fühlt ihm auf dem Zahn und streitet mit ihm. Der andere stellt von Anfang an klar: »Ich habe das meiste vergessen und das Wichtigste nicht verstanden.« Das ist vielleicht ein wenig Koketterie, aber die Absicht Enzensbergers wird deutlich: Man darf die ganze Sache nicht so ernst nehmen. »Das einzige, was mich interessierte, waren seine Antworten auf die Frage: Mein Liebster, was hast du dir bei alledem gedacht?«
Was den späten Enzensberger interessiert erfährt man von dem jungen nicht immer, aber es ist auch nicht das entscheidende Motiv, denn selbstverständlich ist das ganze nur ein Spiel mit der unzuverlässigen Erinnerung, aber das ist höchst spannend. Obwohl Enzensberger in den Zeiten des Tumults mitten drin war, hat er doch immer wieder die »Straßenschlachten verpaßt oder verschlafen«. Nur einmal hielt er eine Rede auf einer Großkundgebung gegen die Notstandsgesetze vor 25000 Leuten und bemerkte, wie er auf dem besten Wege war, sich »in einen Demagogen zu verwandeln«. Vielleicht löste das in ihm den Reflex aus, immer lieber woanders zu sein. Fast das gesamte Buch nämlich erzählt von seiner unbändigen Reiselust. Nach Rußland, wo er seine 2. Frau Mascha kennenlernt, in die USA, nach London, nach Italien, Norwegen, San Francisco, nach Südaustralien und Französisch-Polynesien und vor allem immer wieder nach Kuba. Und das waren noch lange nicht alle Stationen. Man gewinnt den Eindruck, als ob Enzensberger auf der ständigen Flucht vor sich selbst gewesen ist, und es gefiel ihm auch, »ohne Adresse zu verschwinden. Unterwegs zu sein wie ein Defraudant«. Die nomadische Unruhe bewahrte ihn vor dem Schicksal vieler Zeitgenossen selbst aus dem engsten Freundeskreis, die häufig in einer Ideologie Halt suchten und ihren offenen Blick auf die Welt verloren. Den hat sich Enzensberger immer bewahrt, er hat nie verbissen an einer idee fixe festgehalten. Das ist ihm gelungen, weil er mitten im Tumult immer wieder eine »andere Welt« betrat, vergessene Winkel der Erde, Zufluchtsorte von Juden, konspirative Hinterzimmer in Barcelona, Mansarden in Ménilmontant, verstaubte Archive in Amsterdam. Er bewegte sich abseits vom Zentrum, auf das alle Leute starrten. Dennoch wurde er zu einer Art Autorität. Es hat ihn nie interessiert. Und das macht ihn und seine »Erinnerungen« so einzigartig.

Hans Magnus Enzensberger „Tumult“, Suhrkamp Insel, 285 Seiten.

Briefe eines Nomaden. Bruce Chatwins Briefe

»Veränderung ist das Einzige, für das es sich zu leben lohnt«, schrieb Bruce Chatwin schon 1966 in einem Brief an einen Freund, noch bevor er sich dem Gegenstand seiner Forschung anverwandelte und selbst zum Nomaden wurde. Wie es dazu kam, macht jetzt ein sorgfältig edierter und von Nicholas Shakespeare und Elizabeth Chatwin herausgegebener Band »Der Nomade« mit den Briefen Bruce Chatwins deutlich und belegt aus erster Hand die von Shakespeare verfasste umfangreiche Biografie aus dem Jahr 2000.
Drei Jahre arbeitete Bruce Chatwin an einem Buch über die Frage »Warum wandern die Menschen anstatt stillzusitzen?« und über die heftigen Vorurteilen der zivilisierten Welt gegen die unsteten Wanderer. Nomaden sind Analphabeten, sie sind hart, intolerant, grausam und träge, die »Massenvernichtung« jedoch »ist eine Spezialität der Zivilisierten. Die ›Neobarbarei‹ Hitlers war Zivilisation in ihrer bösartigsten Form.« Seinem ersten Verleger Tom Maschler schreibt er ausführlich seinen Plan, und der ist begeistert. Nach der Lektüre der ersten fünfzig Manuskriptseiten jedoch gibt Maschler auf. Hölzern und ungenießbar findet er das Buch und auch Chatwin muss feststellen, »dass es ein Haufen humorloser, selbstgefälliger, schulmeisterlicher Quatsch ist«. Er hört auf, sich dem Phänomen der Nomaden wissenschaftlich nähern zu wollen und schreibt mit seinem Patagonien-Buch einen Weltbestseller.
Seine Briefe aus allen Winkeln der Welt handeln häufig von seinen zukünftigen Reiseplänen, gerichtet an Leute, bei denen er unterzukommen hofft. Er blieb eine Weile, und bevor es ungemütlich wurde, zog er weiter. Er war »egoistisch und egozentrisch wie die meisten Künstler«, aber er war auch »hinreißend, clever und intelligent« und er hatte ein einnehmendes und höfliches Wesen. Seine Briefe belegen das in allen Nuancen und entfalten manchmal einen großartigen Humor, vor allem wenn Elizabeth Chatwin seine Hirngespinste und hochfliegenden Pläne mit trockenen Kommentaren versieht.

Bruce Chatwin »Der Nomade. Briefe«, Aus dem Englischen von Anna Leube und Dietrich Leube, Hanser, 638 Seiten, 27.90 Euro