Archiv für den Monat: April 2007

Bubblegum And Beer

Eddie Spaghetti und die Supersuckers im Kato

Vom Multimedia-Mann Hartmut El Kurdi, Schriftsteller, Kinderbuchautor, Mitglied der Countryband Twang, halber Araber, halber Oberhesse, Schauspieler und Theaterstückeschreiber, bekam ich den Tip: Und der hieß Eddie Spaghetti. Schon allein der Name ist Trash vom feinsten, und seine zwei Scheiben zerstreuten endgültig den Verdacht, es könnte sich vielleicht um ein Mißverständnis handeln. »The Sauce« heißt ein Album, und auf dem Cover ist eine über und über mit roter Sauce verschmierte Blondine zu sehen. Die meisten Songs sind Coverversionen, wie z.B. »The Best of all possible worlds« von Kristofferson, »Gotta get drunk« von Willie Nelson oder »Cocaine Blues«, und die bringt Eddie Spaghetti fetziger rüber als die Erfinder. Nur bei »Peace in the valley« hat Eddie Spaghetti keine Chance, denn das ist vom unnachahmlichen Solomon Burke nicht zu toppen, der allerdings trotz harter Konkurrenz mit »Nashville« sowieso die beste Platte des letzten Jahres produziert hat.Eddie Spaghetti macht keine Kunst, sondern »simple music from a simple guy, simply done«. »Bubblegum and beer« zum Beispiel, aber warum nicht? Manchmal ist das genau das richtige. Zumindest zeugt die Auswahl der gecoverten Songs von einem guten Geschmack, und nicht nur das: mit seiner rauen, dreckigen Stimme haucht er sogar den durchgenudelsten Liedern wieder etwas Leben ein. Aber auch als Songschreiber kann er durchaus mithalten, jedenfalls ist ihm mit »Sleepy Vampire« ein hinreißendes Countrystück gelungen, das so schön ist, weil es mit der schnurrenden Gitarre von Jordan Shapiro so einfach die Sehnsucht nach Liebe ausdrückt, und das ist ja auch schließlich die genuine Aufgabe von gutem Country.Vergleichen kann man ihn mit Hank Williams III., dem Größten aus dem Genre Outlaw-Country. Und ich schätze, daß ich Eddie Spaghetti damit nicht beleidige. Aber unterwegs ist er nicht als Countrysänger, sondern mit den Supersuckers, und die sind, wie Eddie Spaghetti bei seinem Auftritt im Kato nicht müde wurde zu wiederholen, the best Rock‘n‘Roll Band in the world. Das versuchten sie denn auch mit der gesamten Rockattitüde, die eine Band in ihrem Kriegsarsenal hat, zu beweisen. Düsenjägerlaut, ferrarischnell, aggressiv und immer voll auf die Zwölf. Es wurden keine Gefangene gemacht, die Drums wurden bearbeitet als wollte ein Mullah eine Horde Ungläubiger persönlich auf den Pfad der Tugend prügeln, am Mischpult hatte jemand die Nerven verloren und die Regler voll aufgedreht, und mit den Gitarren wurde nicht nur ein Gewitter erzeugt, sondern eine Art Weltuntergang, an dem die germanischen Götter ihre Freude gehabt hätten. Das heißt nicht, daß die Supersuckers ihre Instrumente nicht beherrscht hätten, aber für einen Mann, der es gerne etwas ruhiger und auch ein Ohr für Zwischentöne hat, versank selbst der geliebte »Sleepy Vampire« und das grandiose »Roadworn and weary« in einem tosenden Soundinferno.Das Publikum verlangte jedoch danach. Die Teenies mit Maurerdekolleté und blitzendem rosa Slip und die Punks mit Hemden, die von der Kriegsgeneration noch nicht aufgetragen worden waren, wollten es genauso haben, nämlich »pretty fucked up«. An den Countrysänger Eddie Spaghetti erinnerte nur noch sein outfit. Mit seinem schwarzen Cowboyhut, seinem Schnäuzer und der Sonnebrille sah er aus wie Kinky Friedman in jungen Jahren, und als er nach der Bühnenshow, bei der man nicht behaupten kann, er hätte nicht alles gegeben, hinter dem Fanartikeltisch seine CDs signierte, während eine üppige Blondine mit üppigen Tattoos aufpaßte, daß nichts anbrannte bei den Teenies, die mehr als bloß ein Auge auf ihn geworfen hatten, da wurde er mir wieder sympathisch, denn schließlich ist Trash eben Trash und man kann von einer Trash-Ikone nicht erwarten, daß sie etwas anderes macht als Trash, also auch den klassischen Punkrock, der längst zum Klischee seiner selbst geworden ist. But what can a poor boy do except to sing in a rock‘n‘roll band? Eben.

Eine verhuschte Schwedin singt traurige Lieder

Sophie Zelmani in der Passionskirche

Ich liebe Sophie Zelmani, ihre traurigen, rätselhaften Lieder, die sie mehr haucht als singt, sparsam instrumentiert, aber sehr melodiös und eingängig, und wenn man zuviel davon hört, dann wächst die Bereitschaft, sich vom 7. Stock zu stürzen. Am Dienstag gastierte sie Berlin. In der Passionskirche, in der auch schon mal Kinky Friedman aufgetreten ist, aber da ein bißchen mehr hermachte vor dem wuchtigen Kreuz, das im Rücken der Künstler bedrohlich aufragt, als Sophie Zelmani. Die Dame aus Schweden erschien in einem knöchellangen, knallroten Kleid, das von der Taille abwärts gerüscht war. Und wenn sie auf dem Hocker vor dem Mikrophon saß und ein dezenter Schlitz ein bißchen Bein zeigte, dann konnte man die nicht gerade erotischen braunen, klobigen Treter sehen, die man normalerweise eher zum Bergsteigen benutzt. Man hätte vermuten können, daß sie die braucht, um eine waghalsige Bühnenshow hinzulegen, bei der feine, hochhackige Pumps in Reptilienmuster selbstmörderisch sein könnten. Aber sie bewegte sich nicht. Und zwar gar nicht. Sie hauchte nur ins Mikrophon. Aber das machte sie gut. All ihre grandiosen Songs, wie zum Beispiel »Time to kill«, der eigentlich nicht zum Publikum paßte, das durchweg ein paar Jahre mehr auf den Buckel hatte als Sophie Zelmani, ein gesittetes und alternatives Publikum, das von den ruhigen Songs angezogen wird, die ihm Halt geben in der unübersichtlichen Welt des Krachs und der Dissonanzen moderner Musik, und gegen ein solches Publikum ist ja nichts einzuwenden. Ich hatte schon vorher die Vermutung, daß Zelmanis Musik nicht gerade konzerttauglich ist. Aber Sophie Zelmani machte auch nicht die geringsten Anstalten, sie konzerttauglich erscheinen zu lassen. Verhuscht und schüchtern wie ein Mädchen, das gerade in die Pubertät geraten ist, sprach sie immer dann ins Mikro, wenn Beifall geklatscht wurde, wenn sie überhaupt was sagte. Nichts konnte man verstehen, und wenn sie ein Instrument anfaßte, dann bekam man als Zuschauer Beklemmungen, weil man merkte, daß das Fremdkörper für sie waren. Ihre Stimme aber ist Gold und ihre traurigen Lieder rühren mich wie jeden, der eine unglückliche Liebe zu beweinen hat, sich nach der großen Liebe sehnt, nach Harmonie und diesen ganzen Schmonzens, der sich nie erfüllen wird und für den besonders Frauen und Männer anfällig sind, die sich in einer Kuschelbeziehung eingerichtet haben und sich nach dem ganz anderen Zustand sehnen, nach etwas, das nirgends besser zum Ausdruck kommt als bei Sophie Zelmani.