Archiv für den Monat: Mai 2007

Sich mit Sarkasmus über Wasser halten

Bobby Bare jr. auf Tour machte im West-Germany Station

Der Countrysänger und Songwriter Bobby Bare Jr. hatte mit seiner young criminal starvation league eine quer durch Europa führende Tournee hinter sich, um die neue CD »The longest meow« (Das längste Miauen) vorzustellen, auf der sich mindestens drei Songs finden, die man sofort in seine persönliche Hitliste aufnehmen möchte, um sie seiner Liebsten zu schicken. In Berlin endete die Reise, und wenn die Auftrittsorte so waren wie in Kreuzberg, dann hat er die Hölle zumindest nicht mehr vor sich. Das »West-Germany«, fünf Minuten vom Kottbusser Tor entfernt und in einem perversen sozialdemokratischen Betonklotz untergebracht, gleicht eher einem ausgebombten Unterschlupf für Heckenschützen in einem Bürgerkriegsgebiet als einem Ort, an dem man gerne Musik hören möchte, die ein paar mehr Nuancen zu bieten hat als die berühmten Three Chords aus Punk-Zeiten. Aber genau dorthin hat ihn ein verbrecherischer Manager hinverklappt. Der gekachelte Raum, in dem Zwischenwände und die Decke herausgerissen wurden, verstrahlt den Charme einer Metzgerei. Nicht gerade der richtige Ort, um einen Künstler zu animieren, alles zu geben. Schon gar nicht vor 26 Leuten, einschließlich Techniker, Freunde, Verwandte und Bekannte. Und man sieht Bobby Bare auch den Überdruß an, in einem solchen Laden zu spielen. Aber dann entert er die winzige Bühne, die vollgestellt ist mit Equipment und auf der er sich kaum bewegen kann und singt ein paar seiner ruhigeren Stücke solo, Songs vom fürchterlichen Sonnenaufgang, wenn der Teufel in die Nase gekrochen ist und alles außer Kontrolle gerät. Er schüttelt seine ihm in die Augen hängenden Locken, das karierte Hemd hängt ihm aus der am Schritt zerrissenen Cordhose. Er müht sich, er schließt die Augen, um das vor ihm liegende Elend nicht zu sehen oder um sich zu konzentrieren, er ignoriert die wenigen Zuschauer und versucht erst gar nicht, zu ihnen einen Draht herzustellen. Erst als ein Bandmitglied sich auf der Bühne eine Gitarre greift und damit an die Decke stößt, kann er sich den Witz nicht verkneifen, doch hier bitte nicht die Einrichtung zu demolieren. Dann kündigt er an, daß es von Stück zu Stück lauter wird, und das wird es auch, vielleicht weil er dem Zauber seiner Musik nicht traut und die traurige Szenerie mit dem unvermeidlichen Gitarrengewitter zukleistern muß. Dabei kehrt er dem Publikum wie zur Strafe den Rücken zu und haut autistisch in die Saiten. Am Ende trägt er noch einmal ganz dick auf: Wenn Dolly Parton nackt vor ihm läge, er müßte ihr leider einen Korb geben, weil er nämlich jetzt die Zugabe für ein Publikum spielen würde, für das er alles gibt. Wie kann man sich gegen die Zumutungen anders zur Wehr setzen als mit Sarkasmus? An einem wackligen Tisch kaufe ich die neue CD und lasse sie mir durch ein betont krakeliges Autogramm entwerten. Bei einem Tullamore Dew in der Ankerklause frage ich mich, ob das Mädchen, das Bobby Bare in »Painting her Fingernails« so hinreißend besingt und das darauf wartet, daß irgendetwas passiert, im West-Germany an diesem Abend das gefunden hätte, wovon sie träumte. Vermutlich nicht. Aber wer kann das schon so genau wissen.