Archiv für den Monat: Oktober 2007

Die Wahrheit über den 11. Bundesligaspieltag

Ein grottiger Spieltag und extrem langweilig. Und das lag nicht daran, daß der BVB erst am Sonntag gegen die Bayern spielte. Nein, bis auf Schalke gegen Bremen, ein rasantes Spiel mit Leuten, die etwas vom Fußball verstehen, waren alle Spiele unterirdisch. Angekündigt hatte sich das schon am Freitag in Frankfurt, als der Schiedsrichter im Spiel gegen Hannover schon vor Ablauf der regulären 90 Minuten abpfiff, weil einfach niemand mehr Bock hatte, das torlose Gewürge länger anzusehen. Auch der nächste Saison zu Schalke wechselnde Albert Streit meinte, daß er abgepfiffen hätte, und die Fans sowieso, aber auf die hört ja niemand, wenn die Trainer mit einem taktischen Punkt zufrieden sind. Dieser trantütige Fußball fand seine direkte Fortsetzung in Rostock, wo es gegen den KSC ebenfalls ein torloses Trauerspiel gab, in dem die Fans vor lauter Langeweile nach Stefan Beinlich riefen. In Bielefeld dieselbe Ödnis. Diesmal gegen die andere Zonenmannschaft Cottbus. Bielefeld bemühte sich vergeblich und mit dürftigen Mitteln, den Abwehrriegel der Orangenen zu knacken, und als es dann endlich klappte, ließen sie sich in der 92. Minute nach einem simplen Freistoß zwei Punkte wieder abnehmen. Im Spiel Hertha gegen Bochum gab es zwar immerhin einen Sieger, leider Hertha, aber das auch nur, weil Bochum noch unfähiger war als die Berliner. Maltritz brillierte mit einem sehenswerten Eigentor, bevor Pantelic mit einem zugegeben schönen, aber durchaus verhinderbaren Tor den Endstand herstellte und anschließend sein Leibchen lüpfte, um den Treffer seiner Tochter Ingrid (schon allein das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, seine Tochter Ingrid zu nennen!) und seinem Kollegen Lucio zu widmen, eine blödsinnige Sitte, die vom DFB zu Recht unter Strafe gestellt wurde und hoffentlich eine saftige Geldbuße nach sich zieht. Denn warum glaubt der Mann eigentlich, die Öffentlichkeit mit seiner Tochter belästigen zu dürfen? Kann er diese Privatangelegenheit nicht für sich behalten? Warum quäkt er in die Mikrophone, hey, seht her, ich habe eine Tochter. Mein Gott, da gibt es ziemlich viele Leute, die sowas haben. Aber bitte schön. Stuttgart, wo man knietief in einer Krise watet, nachdem man bislang sämtliche Champions-League-Spiele verloren hat und knapp vor einem Abstiegsplatz steht (da geht’s Dortmund aber noch gold), erkämpfte sich ein glückliches 1:0 gegen Leverkusener, die besser waren, aber einfach nicht treffen. Und in Wolfsburg ging ein verunsicherter Club unter, eine Niederlage, die ebenfalls durch ein grandioses Eigentor (von Charisteas) eingeleitet wurde, bevor Dejagah zum 3:1-Endstand traf. Der Dejagah, der ein Länderspiel gegen Israel aus antisemitischen Gründen abgesagt hatte, die bei ihm »persönliche Gründe« heißen. Der Antisemitismus aber bleibt. Der unglaublich bescheuerte Moderator des Spiels jedoch meinte, Dejagah hätte mit seinem Treffer die richtige Antwort auf die Vorwürfe des Antisemitismus gegeben. Was bitte schön, ist das für eine Logik? Die Balla-Balla-Logik? Vermutlich, aber genau mit solchen Einsichten qualifiziert man sich ja auch zum Fußballreporter.

Grass, Günter

Was? Schon wieder Günter Grass? Hat der ne Meise? Diese drei Fragen werden Sie sich vermutlich stellen, und zwar in dieser Reihenfolge und völlig zu Recht. ABER: Bedenken Sie: Günter Grass ist das andere, das bessere Deutschland, der Botschafter des Friedens im Ausland, ein literarischer Exportschlager von einiger Bedeutung, er ist DER deutsche Schriftsteller, gepudert und gesalbt mit dem Literaturnobelpreis. Und dieser Mann wird am 16. Oktober achtzig. Und deshalb will ich ihm ein kleines Ständchen bringen. Das ist man Deutschland schließlich schuldig. Vor allem soll noch einmal an seine Rolle erinnert werden, die er im Karikaturenstreit gespielt hat, weil die bislang viel zu wenig gewürdigt wurde.Nachdem die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erschienen und in der muslimischen Welt heftige Reaktionen hervorriefen, war dies ein Fall für Günter Grass, der wie immer bestens informiert die westliche Welt darüber aufklärte, wie sich die Sache verhielt. »Es war eine bewußte und geplante Provokation eines rechten dänischen Blattes«, sagte Grass kürzlich in einem Interview in der El Pais. Den Blattmachern von Jyllands-Posten sei bekannt gewesen, daß die Darstellung Allahs oder Mohammeds in der islamischen Welt verboten sei. »Sie haben aber weitergemacht, weil sie rechtsradikal und fremdenfeindlich sind.«Vor der Grass‘schen Enthüllung hat niemand gewußt, daß die Jyllands-Posten ein rechtes Blatt ist. Woher Grass seine Information bezogen hat, weiß ich nicht, aber vielleicht hat er sie ja von einer der infamen Karikaturen selbst, die einen kleinen Jungen namens Mohammed zeigt, der auf eine Tafel schreibt: »Die leitenden Redakteure von ›Jyllands-Posten‹ sind ein Haufen reaktionärer Provokateure.« Also, wenn die das schon selber veröffentlichen, dann wird’s ja wohl stimmen.Der Kulturchef von Jyllands-Posten jedenfalls kommentierte den Abdruck der zwölf Karikaturen, die sich vor allem durch ihre Harmlosigkeit auszeichneten: »Einige Muslime lehnen die moderne, säkularisierte Gesellschaft ab. Sie beanspruchen eine Sonderbehandlung, wenn sie auf eine spezielle Rücksichtnahme auf eigene religiöse Gefühle bestehen. Das ist unvereinbar mit einer westlichen Demokratie und Meinungsfreiheit, angesichts derer man sich damit abfinden muß, zur Zielscheibe von Hohn und Spott zu werden oder sich lächerlich machen zu lassen.« Nicht mit Grass, denn weder Mohammed noch Gott noch Grass dürfen verspottet werden. Meinungsfreiheit schön und gut, aber nicht bei religiösen Gefühlen oder Günter Grass.Der Abdruck der Karikaturen lockt zunächst keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Nur einen fundamentalistischen Imam, der schon mit der Feststellung aufgefallen ist, Frauen seien »ein Instrument des Satans gegen Männer«. Der macht unter seinen Glaubensgenossen mobil und verlangt, daß »notwendige Schritte« unternommen werden müssen, um die Schmähung des Islam zu verhindern. Der Imam ist erstaunlich erfolgreich, wie Henryk M. Broder in seinem Buch »Hurra, wir kapitulieren« beschreibt:»Im Herbst 2005 reist eine Delegation dänischer Muslime in die moslemische Welt, die Rundreise wird von der ägyptischen Regierung gesponsert. Im Gepäck der Imame befinden sich eine Dokumentation, die zwölf Karikaturen aus Jyllands-Posten enthält, dazu drei weitere Zeichnungen, die ein paar Zacken schärfer sind: der Prophet als pädophiler Teufel, mit Schweineohren und beim Sex mit einem Hund. Woher die drei Zugaben stammen, wer sie gemacht beziehungsweise gefunden hat und wie sie in die Dokumentation geraten sind, ist bis heute ungeklärt. Irgendjemand muß ein wenig nachgeholfen haben, um die Reaktionen zu optimieren.«Und das gelingt auch. Im Januar 2006 werden über 100 Millionen Moslems zum Abschluß der Pilgerfahrt nach Mekka per Satellit dazu aufgerufen, sich der »Kampagne gegen den Propheten Mohammed zu widersetzen«. Die Meinungskampagne ist so überwältigend, daß Dänemark international immer mehr unter Druck gerät und fast alle westlichen Länder auf Distanz gehen. Dabei hat die dänische Regierung lediglich zu Protokoll gegeben, daß sie die Karikaturen nicht als strafwürdiges Vergehen ansieht und deren Veröffentlichung durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist, in die sich ein Staat gefälligst nicht einmischen sollte. Die Sache geht soweit, daß in Damaskus, Beirut und Teheran die Botschaften Dänemarks angezündet und mit Brandbomben beworfen werden. Von diesen gewalttätigen Reaktionen zeigt sich Grass jedoch wenig überrascht. Es sei nur »die fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Aktion«. »Arrogant und selbstgefällig« sei es doch, sich wie die Redakteure der Jyllands-Posten auf die Presse- und Meinungsfreiheit zu berufen. »Wir haben das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen.«Interessant. Wenn hier jedoch einer die Meinungsfreiheit etwas zu sehr strapaziert hat, dann Grass. Er jedenfalls benötigt bei diesem Gekäse, das er in diesem Fall von sich gab, die Meinungsfreiheit dringender als alle anderen, denn das Abfackeln einer Botschaft dadurch zu rechtfertigen, daß in einem nicht gerade bedeutenden Blatt in einem nicht gerade bedeutenden Land ein paar nicht gerade bedeutende Karikaturen erschienen sind, dazu braucht es allerdings eine große Por­tion Meinungsfreiheit, die selbst die Legitimation offenkundig terroristischer Handlungen in Kauf nimmt. Um seinen absurden Äußerungen etwas mehr Plausibilität zu verleihen, empfiehlt Grass, »sich die Karikaturen einmal näher anzuschauen: Sie erinnern einen an die berühmte Zeitung der Nazi-Zeit, den Stürmer. Dort wurden antisemitische Karikaturen desselben Stils veröffentlicht.« Gerade Grass als ehemaliges SS-Mitglied müßte das eigentlich besser wissen. Julius Streicher je­denfalls wäre über diesen Vergleich schwer beleidigt gewesen. Und das zu Recht.Was aber wird bleiben von Günter Grass? Vermutlich seine die Antiquariate über die nächsten Jahrzehnte hinaus verstopfenden Bücher und die »Fragilaria guenter-grassii«. Das ist eine 1992 in der Danziger Bucht entdeckte und bis dahin unbekannte Algenart, die nach ihm benannt wurde. Und wenn jemand nicht so genau wissen sollte, was eine Alge ist: Es ist eine primitive Lebensform. »Einzeller eben«, wie mir mein Neffe, ein Naturwissenschaftler, abschätzig mitteilte. Und das paßt ja dann irgendwie auch.

Die Wahrheit über den 10. Bundesligaspieltag

Auf der Buchmessen-Rowohlt-Party hatte ich Christoph Biermann getroffen, einen der wenigen wirklich sachverständigen Sportreporter, den sich die Süddeutsche und manchmal auch der Spiegel leistet, ein Mann, der noch mehr geschlagen ist als ich mit Borussia Dortmund: Er ist Fan von Bochum. Er schüttelte immer noch den Kopf über die vollkommen unverdiente Niederlage der Bochumer im Westfalenstadion, obwohl die schon eine Woche zurück lag. Vor allem war er völlig entgeistert über das Dargebotene der Schwarzgelben. Ich hatte das Spiel zwar nicht gesehen, aber ich glaubte ihm sofort. Ein Spiel zum möglichst schnellen Vergessen. Entsprechend war meine Zuversicht hinsichtlich Leverkusen, wo die Dortmunder noch nie viel geholt hatten. In dieser Verfassung würde es ganz übel werden, vor allem, weil Leverkusen richtig guten Fußball spielt und faktisch und nicht bloß dem Wunschdenken nach oben mitspielt. Ich wollte zu Hause bleiben, aber schließlich hielt ich es nicht länger aus und packte rechtzeitig vor Beginn der 2. Halbzeit Miss Trixie, meine 6-jährige Tochter, ins Auto und düste in die Milchbar, auch auf die Gefahr hin, daß sie von den übelst und laut fluchenden verwegenen Gestalten einen Schock fürs Leben davontragen würde. Scheiß drauf! Aber nicht nur staunte ich nicht schlecht, weil es 1:0 für Dortmund stand, auch wurde mir freundlichst und aufmerksam ein Stuhl und ein Tisch zurechtgerückt, denn jeder hoffte, daß Miss Trixie ein »Glücksschwein« sei, das man gut behandeln müsse, um einen Sieg einzufahren, der allerdings vollkommen ungerechtfertigt gewesen wäre, denn das, was wir sahen, war eine bis zur Schmerzgrenze desolate Verteidigung, die von Freier und Barbarez auf engstem Raum wie Slalomstangen umkurvt wurden, bevor Gekas mühelos und unbedrängt nur noch einschieben brauchte. Aber während ungefähr 1000 Wiederholungen dieser Schmach gezeigt werden, erzielte Petric die erneute Führung, die einen derart ohrenbetäubenden Lärm auslöste, daß Miss Trixie ganz hellhörig wurde. Daß also ist Fußball! Wenn volljährige Menschen enthemmt schreien und außer Kontrolle geraten. Toll! Allerdings hoffte ich inständig, daß sie dem Wesen des Spiels noch nicht soviel abgewinnen könnte, denn sonst würde sie ihr Herz an die Leverkusener verlieren, die phasenweise zeigten, was toller Fußball ist. Aber sie hält aus Gründen der Indoktrination den Schwarzgelben die Stange, und als vier Minuten vor Ende doch noch der verdiente Ausgleich der Leverkusener fiel, nahm sie das nicht auf die leichte Schulter. »Nur noch vier Minuten, Papa, dann hätten wir gewonnen. Das ist gemein«, sagte sie später, und ich fand das auch, denn schließlich geht’s hier nicht um Gerechtigkeit. Mit diesem Trost läßt es sich leben. Christoph Biermann hingegen mußte eine weitere Niederlage hinnehmen. Diesmal gegen die Bayern. Auch Bochum durfte sich zunächst Hoffnungen machen, nachdem sie mit 1:0 in Führung gegangen waren, aber dann nahm der Druck zu und die Nerven versagten. Und das ist weit übler, als in Leverkusen mit Glück unentschieden zu spielen.

Out of controll

Amy Winehouse macht im Tempodrom ihrem Namen alle Ehre

Viel war über die Drogenexzesse und die Trinkprobleme von Frau Winehouse zu lesen. Letztere lassen sich wahrscheinlich von ihrem Namen ableiten. Vermutlich hat einer ihrer Vorfahren in Deutschland mal einen Weinladen geführt, bevor er nach Amerika auswanderte und den Teufel Alkohol in seinem genetischen Gepäck mit einführte. Solche Gedanken machte ich mir mit meiner fachkundigen Begleiterin in den zwei Stunden, die Frau Winehouse auf sich warten ließ. Eine harte Prüfung, aber wir hatten schließlich nichts anderes zu tun, nachdem eine Minderjährige in knappem Kleidchen und Stiefeln eine halbe Stunde allein mit ihrer Gitarre die Vorgruppe gab und ihre Probleme als Minderjährigen besungen hatte. Danach hieß es wieder warten und rätseln, und wir stellten uns vor, wie Frau Winehouse zetert: »Erst noch einen Whiskey, bevor ich da rausgehe, und zur Antwort kriegt: Aber du hattest doch schon zehn.« Den Whiskey mußte ich mir dann besorgen, um die langsam gärende schlechte Laune zu verscheuchen, aber dann kam Amy Winehouse auf die Bühne, trippelte ans Mikrophon und ihre göttliche Soulstimme erweckte selbst die Betonkathedrale des Elends Tempodrom zu so etwas wie Leben und versöhnte das ungeduldig gewordene Publikum mit einem Schlag. Und das, obwohl sie ein Bild des Jammers abgab. Ständig zupfte sie an ihrem roten Kleidchen herum, schob es hoch und wieder runter, was Marylin-Monroe-like hätte sein können, aber aussah wie ein verunsichertes Schulmädchen mit jenem leicht nuttigen Einschlag, den man manchmal bei Fixern beobachten kann. So hilflos zappelte sie auf der Bühne herum, bemüht nicht hinzufallen, daß jeder sie gerne sofort in den Arm genommen hätte, um das fragile Wesen zu beschützen. Zu Anschleimversuchen ans Publikum war sie erfreulicherweise gar nicht in der Lage. »This is the last song«, war die einzige direkte Ansprache nach einer dreiviertel Stunde, bevor sie die Hand kurz hob und von der Bühne stolperte zum Koks oder welcher Droge auch immer, die Backstage auf sie wartete. Kaum anzunehmen, daß sie in diesem Zustand noch viele Konzerte überstehen wird. Eigentlich gucke ich Leuten nur ungern dabei zu, wenn sie out of controll sind, aber da gab es noch diese Stimme, für die man jedes Kirchenfenster der Welt eintreten würde und die es immerhin schafft, die Schrecken der Welt für eine knappe Stunde von einem fern zu halten. Und das ist ja schon mal verdammt viel.Klaus Bittermann

Die Wahrheit über den 9. Bundesligaspieltag

An diesem Freitag Abend musste ich selber arbeiten. Ich konnte mir also gar nicht das Gewürge der Dortmunder angucken, selbst wenn ich gewollt hätte. Ich saß im Dienste der Aufklärung auf einer kleinen Bühne im Münchner Vereinsheim, erzählte von den verrückten Taten des von mir hoch verehrten Sportjournalisten Hunter S. Thompson und zeigte dazu auch einige Filmchen. Das Vereinsheim ist ein Laden, in dem sämtliche Spiele der Bayern gezeigt werden. Ob das ein gutes oder schlechtes Omen war, konnte ich nicht sagen. Aber während der Mann am DVD-Player die Scheiben wechselte, schaltete das Programm immer wieder auf Premiere und gestattete für kurze Momente einen Einblick in die laufende Übertragung. Zuletzt hatte sich das Gerät beim Stande von 1:1 eingeschaltet. Als der angenehme Teil des Abends begann, wurde ich doch zunehmend unruhig. Schließlich ist ein 1:1 nicht gerade ein befriedigend. Also rief ich meinen Gewährsmann Fritz Eckenga an, aber der saß gerade in Sizilien in angenehm lauer Luft in einem Restaurant und genoß den Ausblick aufs Meer. Auch er wusste nur, daß es 1:1 gestanden hatte. Der nächste war Jupp, aber der befand sich gerade irgendwo in der Zone, wo es keine Chance gab, das Spiel zu verfolgen. Er hatte sich wiederum über andere Kanäle über den Spielverlauf informieren lassen. 2:1 gewonnen, erstes Tor Tinga, dann Ausgleich, gelb-rot für Wörns, 2:1 Federico, Scheißspiel. Ich war glücklich. 1. Gewonnen und 2. war mir das Scheißspiel erspart geblieben. Ein gelungener Abend. Immerhin hatten die Dortmunder es endlich kapiert, daß es dooferweise eben nur über den Kampf geht, wenn es sonst schon nicht klappt. Okay, mit Christopher Nöthe und Franck Patrick Njambe standen zwei 19jährige Amateure in der Startformation, was zeigt, daß der BVB nicht nur über ein volles Lazarett verfügt, sondern offensichtlich auch über einen dünnen Kader, aber wie es aussieht, ist die Spielkultur gerade futsch. Doll, den manche für zu lasch halten, meinte nach dem Spiel: „Wir haben gesehen, daß wir eine wahre Mannschaft sind. Nach dem Platzverweis sind die Jungs zu zehnt über sich hinausgewachsen. Das macht mich zuversichtlich für die Zukunft.“ So kann mans natürlich auch sehen. Und Doll bleibt gar nichts anderes übrig, um seinen Glauben nicht zu verlieren. Die Fans jedenfalls sahen ein anderes Spiel, und als Kovac eingewechselt wurde, um Wörns zu ersetzen, wurde er ausgepfiffen. Am Samstag ging es nach Wien, wo ich mit meinem hiesigen Manager eine Wettbude aufsuchte, wo auf einem von tausend verschiedenen Bildschirmen die Liga gezeigt wurde. Und die hatte einige fette und schöne Überraschungen parat. Schalke verlor 2:0 zu Hause gegen Karlsruhe, was die Niederlage der Dortmunder in Karlsruhe im nachhinein etwas erträglicher macht, und in Stuttgart geht gerade die Welt unter. 2:0 verloren die Schwaben gegen die nicht gerade übermächtigen Hannoveraner. Und der blinde Pantelic verschoß zu Hause gegen Cottbus einen Elfmeter, so daß die Herthaner über ein 0:0 nicht hinauskamen. Danach konnte ich frohgemut auch in Wien ans Werk gehen.

Die Wahrheit über den 8. Spieltag der Bundesliga

Nach dem Spiel stand ich mit ein paar Unentwegten, die nichts erschüttert und die sich bei passender Gelegenheit gerne an das 10:1 gegen Bielefeld 1981 erinnern (wobei ich für diese Angaben keine Gewähr übernehme, oder muß es heißen Gewehr?), und zerbrach mir den mit hochwertigem Whiskey gefüllten Kopf über den desaströsen Auftritt der Dortmunder in Karlsruhe. Völlig unnötigerweise, denn niemand hatte eine Antwort darauf, außer daß etwas Fundamentales in der Mannschaft nicht stimmt. Ich konnte mich jedenfalls nicht erinnern, schon einmal so ein lächerliches Spiel des BVB gesehen zu haben, auch wenn man solche Partien natürlich gerne verdrängt, was ja auch gut so ist, denn sonst ginge mir das bei den Schwarzgelben schnell an die Substanz. Und an die ging es diesmal wirklich. Ohne Scheiß. Okay, Petric und Kringe fehlten diesmal, ebenso wie die Langzeitverletzten Kehl und Frei, aber selbst durch diese Ausfälle waren die Ausfälle des Mannschaftsrests nicht zu erklären. Was ich als langjähriger Amateur weiß und was nun mal zum ABC eines jeden gehört, der irgendwie mit Fußball zu tun hat, daß man leider nur über den Kampf zum Spiel findet, wenn einem die technischen Mittel fehlen und der Faden gerissen ist, wofür es jede Menge Gründe gibt. Und die müssen nicht mal unbedingt atmosphärisch sein, es kann auch irgendein idiotischer Fußballgott seine schmutzigen Finger im Spiel haben. Und dann hilft eben nun mal nur Kampf und Krampf. Das ist die miese und abartige Seite des Fußballls. Aber es waren nicht die Dortmunder, sondern die Aufsteiger, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles versuchten und deshalb auch verdient gewannen. Doll sprach nach dem Spiel davon, daß jede Mannschaft Probleme kriegt, wenn drei, vier Leute ihre Leistung nicht abrufen. In diesem Fall dürften es neun gewesen sein, denn außer Dede und Kuba hatten die Dortmunder nur Luschen am Start. Kann sein, daß ich ein wenig verbittert bin, aber wenn man erst vor wenigen Tagen die Hamburger gesehen hat, die bereits in der gegnerischen Hälfte die Dortmunder unter Druck gesetzt haben, dann ist es nur schwer zu verkraften, wenn die Dortmunder mauern und auf Konter spielen und dennoch in der Abwehr löchrig sind wie … na? Eben! Allein Weidenfeller hätte an besseren Tagen alle drei Treffer der Karlsruher gehalten, und es war ja auch keiner wirklich unhaltbar. »Federico fand nicht statt«, sagte der Kommentator, und ich mußte dem Arschloch auch noch recht geben. Zorc, der noch nach dem Spiel gegen Hamburg von »Weicheifußball« schwadroniert hatte, wofür er wegen Sprachschändung fristlos hätte entlassen werden müssen, hielt diesmal dankenswerterweise die Klappe, während Doll rat- und hilflos wirkte. Genau wie ich. Aber Doll muß antichambrieren, während ich mir den Frust von der Seele schreiben darf. Am Ende ertappte ich mich sogar dabei, daß ich mir einen 4. und 5. Treffer der Badener wünschte, um frei nach Marx »die Schmach noch schmachvoller« zu machen, nur damit irgendetwas passieren würde in diesem leblosen Haufen. »Depressiver Tag« heißt der Hit von Britta. Das könnte noch die BVB-Hymne werden. Und dann gewann auch noch Bayern glücklich gegen Bayer, aber so what. Bayer ist nicht gerade der Verein, für den ich die Daumen halte. Nein, mein Interesse an den anderen Ergebnissen hielt sich danach in Grenzen. Nur der sensationelle 8:1-Sieg der Bremer über Bielefeld konnte die übel lädierte Laune ein bißchen aufmöbeln. 26 Jahre ist es her, daß Dortmund da mithalten konnte. Und vermutlich wird man ungefähr nochmal so lange warten müssen, bis solche Sternstunden zurückkommen.