Archiv für den Monat: November 2007

Joschka Fischer, Ursula von der Leyen und Eva Herman

Heute mal im Dreierpack, quasi im Angebot. Bietet sich ja an im Zeitalter von »Geiz ist geil!« Da wäre zunächst Joschka Fischer. Der hat seine Autobiographie vorgelegt. »Was, jetzt schon?«, werden Sie fragen. Ja, denn die Zeit ist schnellebig. Wer da nicht schon mit 50 ein Lebensresümee verfaßt hat, der kann einpacken. Betrachtet man die Autobiographie aber als Alterswerk, als Rückblick, dann scheint das Leben nicht nur bei Fischer, sondern auch bei Klaus Wowereit, Kai Diekmann und anderen, die mit ihren Autobiographien auf den Markt drängen, in frühen Jahren bereits aus und vorbei zu sein, falls es überhaupt mal stattgefunden hat. Das allerdings zu beurteilen will ich mir nicht anmaßen. Bei Joschka Fischer lohnt sich eine Auseinandersetzung mit seinen Erinnerungen nicht wirklich, weil der Mann kaum etwas zu berichten hat (deshalb auch nur Platz drei in der aktuellen internen Rangliste der peinlichen Prominenz), was nicht schon tausend Mal von der Presse wiedergekäut worden wäre, weshalb sein Buch in Teilauszügen ja auch im Spiegel vorabgedruckt wurden, der sich bei solchen Gelegenheiten gerne als Wiederaufbereitungsanlage für Alteisenideen betätigt. Nur zweimal wurde ich bei der Spiegel-Lektüre stutzig. Zunächst als Fischer schrieb, wie sich ein »Zeitfenster« aufgetan hätte, in dem er dann gejoggt sei. Wie muß man sich das vorstellen? Ist das »Zeitfenster« geschlossen oder offen? Und wenn es aufmacht wird, was verbirgt sich dahinter? Die Leere im Kopf des joggenden Fischer? Stroh? Joggen ist an sich schon bescheuert genug, aber dann auch noch in einem »Zeitfenster« joggen? Was immer das jedenfalls sein soll im anschwellenden Neusprech, schade, daß Joschka Fischer nicht darin verschwinden kann. Beim 2. Mal glänzte Fischer mit einer grandiosen Erkenntnis: »Da saß ich nun, führte Krieg und hatte Geburtstag.« So kanns gehen.Auf Platz zwei folgt Ursula von der Leyen, die von den Nazis mit dem Mutterschaftsverdienstorden mit Eichenlaub ausgezeichnet worden wäre, wofür sie selbstverständlich nichts kann, nein, nein, auf keinen Fall, die Nazis sind einfach so hinterhältig und gemein… also Ursula von der Leyen hat sich im Auftrag von Cicero eine Seite lang Gedanken aus sich herausgepreßt, was sie tun würde, wenn sie noch 24 Stunden lang zu leben hätte. 24 Stunden? Die können sich ganz schön ziehen, vor allem, wenn man plötzlich keine Kinder mehr in die Welt setzen oder Kindergärten besuchen muß. Was macht Ursula von der Leyen dann? Gute Frage. Naja, erstmal die Sache langsam angehen lassen: »Zwei Schalen mit Milchkaffee würde ich zubereiten, die ich mit meinem Mann im Bett genießen würde.« Und dann? »Dann kommt das eigentliche Frühstück… Ich würde wohl Milchkaffee trinken, dazu ein Brötchen mit Beerenmarmelade essen.« Aha, ich sehe schon, das zieht sich. Aber bitte schön, was weiter? »Mein Mann soll sich noch ans Klavier setzen und mich beim Singen begleiten.« Ursula von der Leyen singt? Das wird was sein. Gut, daß ich da nicht dabei sein muß. Aber es sind immer noch geschätzte 15 Stunden. Jetzt vielleicht Mittagessen? »Mittagessen würde ausfallen. Wir haben spät und ausgiebig gefrühstückt. Anschließend gehen wir raus in die Natur.« Danach gibt es »Schwarztee mit Milch. Dazu selbst gebackener Marmorkuchen.« Und dann wird »die Zeit langsam sehr knapp. Wir würden gemeinsam essen. Käse und Salat muß dabei sein.« Wir rekapitulieren den Speisezettel von Ursula von der Leyen an ihrem letzten Tag, bevor sie den Löffel abgibt: Milchkaffee, nochmals Milchkaffee mit Marmeladenbrötchen, Tee mit Marmorkuchen und abends Käse und Salat. Es sieht nicht so aus, als hätte die Frau bei dieser protestantischen Ernährung viel Freude in ihrem Leben gehabt. Manchen würde die Nachricht von ihrem baldigen Ableben (ihrem eigenen, nicht dem von Ursula von der Leyen) den Appetit verderben, was verständlich wäre. Andere würden noch mal richtig reinhauen. Nicht umsonst darf der zum Tode Verurteilte vor den Hinrichtung noch eine Henkersmahlzeit verputzen. Ursula von der Leyen aber hält bis zum Schluß spartanisch ihre Trenndiät ein: Das hat uns von der Leyen voraus / Leiden und Sterben im Reihenhaus. Äh, schon gut, war ja nur ein Versuch, aber so ein Zweizeiler ist ja schnell weggelesen.Jetzt aber ganz fix zum Fall Nummer drei. Platz eins für Mutti nazionale Eva Herman, die ihr neues Traktätchen »Das Prinzip Arche Noah. Warum wir die Familie retten müssen« auf einer Pressekonferenz vorstellte. Und um die Familie zu retten, äußerte Eva Herman auch Verständnis für die Nazis. Nicht alles wäre schlecht gewesen, sie hätten auch gutes getan, z.B. die Autobahn… nein, stopp, nicht die Autobahn, aber so was ähnliches, nämlich – richtig, genau! – die Familie. Aber die wären von der Nachfolgeorganisation der Nazis, den 68ern, wieder abgeschafft worden. Und das wäre ja total gemein gewesen. Um sich wiederum gegen üble Entstellungen wie den hier vorgebrachten zu wehren, bemühte sich Eva Herman um das eigene Originalzitat, d.h. um einen Mitschnitt der Pressekonferenz, welchen man sich auf ihrer Homepage auch anhören kann, wenn Sie möchten. Hier das Gegurke in transkribierter Form: »Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen [man beachte: nur das »Bild«, nicht die »Mutter« selbst! Wieso eigentlich?, Anm. des Übersetzers], das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde [sehr witzig!]. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle [Jau, das wissen wir alle. Total durchgeknallt, dieser … Wer jetzt eigentlich?], aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben…« Trotz dieser »Richtigstellung« wurde die Kündigung des Norddeutschen Rundfunks, der sie jahrelang mit durchgeschleppt hatte, nicht zurückgenommen. Da hat sie sich ständig von rechtsradikalen Gruppierungen wie den Nationalsozialisten mit dem durchgeknallten Hitler als Anführer und von den Linken ja sowieso distanziert, und dann rückt man sie in die rechte Ecke. Übel das. Dabei will sie doch nur »für die menschlichen Grundwerte« eintreten. Schön. Aber »für«? Wieso »für«? Ich glaube, das hat Eva Herman nicht wirklich so gemeint.Klaus Bittermann

Paarverhalten

Martha Gellhorn über Abgründe menschlicher Beziehungen

Sie war mit Hemingway verheiratet, sie war mit Robert Capa befreundet und als große, glamouröse Blondine hatte sie eine Menge Verehrer, zu denen Eleanor Roosevelt, Leonard Bernstein, H.G. Wells und Marlon Brando zählten. Sie war eine der berühmtesten, vielleicht sogar die berühmteste Kriegsreporterin des letzten Jahrhunderts. Ihre Reportagen erschienen in Vogue, im New Yorker, im Harper‘s Bazaar und im Magazin Collier‘s, und sie schrieb zahlreiche Romane. In Deutschland jedoch wurde Martha Gellhorn weitgehend ignoriert, was damit zusammenhängen mochte, daß sie in der Reportagen-Sammlung »Das Gesicht des Krieges«, eines der wenigen Bücher, die übersetzt wurden, nicht sehr freundlich über die Deutschen schrieb. Was auch schwierig gewesen wäre, denn Martha Gellhorn hatte in Dachau das Elend gesehen, nachdem das Lager von den Alliierten befreit worden war. »Man schafft es einfach nicht, diese Leute zu mögen, solange sie nicht tot sind«, zitierte sie einen Häftling, ohne daß sie der Aussage etwas hinzuzufügen hatte, ohne sie abstoßend oder selbstentlarvend zu finden. Abstoßend hingegen fand sie das Bekenntnis, das sie immer wieder wie ein Mantra, wie eine ständig gemurmelte Entschuldigung zu hören bekam, »Wir sind keine Nazis, wir sind Freunde«. Martha Gellhorn empfand das nicht so, und sie schrieb es auf. Hunderttausende von Amerikanern zu Hause, die keine Vorstellung hatten, was sich auf der anderen Seite des Atlantiks abgespielt hatte, bekamen von ihr die ungeschminkte Wahrheit serviert. Keine journalistischen Tricks, kein Zurechtbiegen der Wirklichkeit, keine Propaganda, sondern im ganz und gar emphatischen Sinne die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, die das Deutschlandbild der Amerikaner für lange Zeit prägte.Jetzt unternimmt der Schweizer Dorlemann Verlag im zweiten Anlauf den Versuch, Martha Gellhorn auch als Erzählerin vorzustellen. Den ersten Anlauf hatte Rowohlt 1989 unternommen, wo das Buch in der Reihe »die neue frau« erschien. Wenn man allerdings die vier Novellen »Paare« gelesen hat, dann weiß man, daß es eine Schnapsidee war, den Titel in eine Frauenbuchreihe zu quetschen. Martha Gellhorn hatte mit »Frauenliteratur« wenig am Hut. Sie fühlte sich in »der Welt der Männer, nicht in der Welt Mann/Frau« am wohlsten. Vermutlich ein weiterer Grund, warum sie hierzulande bislang nicht sehr gemocht wurde. In keiner der vier Geschichten kommen die Frauen gut weg. Na gut, Männer auch nicht, aber deren Tun ist wenigstens von Widersprüchen, Zwängen und Emotionen geleitet. Man versteht sie besser. Die Hölle der Ehen, die Gellhorn mit großer psychologischer Überzeugungskraft ausbreitet, wird erst durch die Frauen perfekt.Da ist Kitty aus gutem Hause, eine junge Amerikanerin, die einen italienischen Adligen geheiratet hat und für ihn nicht nur jede Sehnsucht und Eigenständigkeit aufgegeben hat, sondern die auch ihre Bedürfnisse den Wünschen ihres Ehemannes unterordnet. Und da ist Rose, die ihren Mann gegen seinen Willen die Karriereleiter in die englische Politik hochschieben will und der jede Intrige und jedes Mittel recht ist, um ihr Ziel zu erreichen, dem sie alles andere unterordnet, und der es egal ist, ob ihr Mann das überhaupt will. Und schließlich Annette, die unter starkem Asthma leidet und seit Jahrzehnten im Bett vor sich hin vegetiert, während ihr Mann in New York schuftet, um das Haus auf dem Land, den Arzt, eine Pflegerin und die Tante finanzieren zu können und der sich ihr schon lange entfremdet hat. Annette liebt ihren Mann so abgöttisch, daß er es nicht schafft, ihr zu sagen, daß er von einer anderen Frau ein Kind erwartet. Er weiß, daß er ihr damit den Todesstoß versetzen würde. Klar sind das tragische und üble Konstellationen, aber die Beziehungsdramen werden erst durch Frauenhand so deprimierend, daß man wieder weiß, warum man besser einen weiten Bogen um den Ehebund fürs Leben macht.Aber wer kennt nicht aus eigener schmerzhafter Erfahrung das große Beziehungsdrama, das so alt ist wie die Menschheit selbst und dennoch ständig neu aufgeführt wird. Daß die Alternative zur ehelichen oder festen Beziehung ebenfalls kein Zuckerschlecken ist, zeigt Martha Gellhorn in der letzten Novelle, die die spannendste ist. Das fand auch die Autorin selbst, die drei Jahre an dieser weitgehend autobiographischen Geschichte arbeitete. Die Geschichte: Helen verknallt sich in Bara, den berühmtesten Kriegsfotografen der 30er und 40er Jahre, einen »nichtsnutzigen ungarischen Fotografen«, wie Bara von sich selbst sagt, ein Mann, der gern große Bündel Geldscheine unter die Leute bringt, eine Leidenschaft für Poker hat, gut aussieht und jede Menge Frauen um den Verstand bringt, ein charmantes, gut gelauntes, flatterhaftes Wesen, das auf das Bekenntnis »Aber ich liebe dich« nur mit einem fast schon gemeinen »Gut, Schatzi« reagiert. Helen will ihn dennoch heiraten, aber nur selten hält sich Bara in New York auf, und wenn, dann nur für wenige Tage. Er schreibt nicht und erzählt nichts. Nur seine Fotos kann sie jeden Tag in den Zeitungen sehen. Während Helen mit ihrer unerfüllten Sehnsucht kaum psychologische Tiefen aufweist, entwickelt Gellhorn bei Bara ein erstaunlich feines und differenziertes Gespür für dessen Charakter. Ein großartiges Porträt, das niemand anderem gilt als ihrem besten Freund Robert Capa, der im wahren Leben den Nachstellungen von Ingrid Bergmann aus dem Weg ging, die niemals zuvor einem so »freien menschlichen Wesen« begegnet war. Martha Gellhorn versteckt sich in »Bis der Tod uns scheide« hinter dem Namen Marushka, die Bara wie einen Bruder liebt.Gellhorn beschreibt Marushka und entwirft dabei eine kleine Studie über sich selbst, in der sie genau das zum Ausdruck bringt, woran sie immer litt: »Sie stritten natürlich über das Wesen der Welt und des Menschen, was sie allerdings nie begriffen; sie meinten, sich mit den idiotischen Standpunkten des jeweils anderen auseinanderzusetzen. Bara sagte, Marushka sei dümmer als eine Herde Maultiere, sie reise durch die Welt, sie beobachte, sie hinterfrage, sie lese, sie schreibe Artikel über das Elend der Menschheit und lerne nichts daraus. Sie wollte die Welt verbessern, sie verlangte nach Taten und Erlösung. Aber sie hatte doch Augen im Kopf! Was hatte sich je zum Besseren gewendet? Ungerechtigkeit war ihr Steckenpferd, dabei ließen sich doch täglich mühelos Beispiele für Ungerechtigkeit finden, rund um die Uhr. Aber wenn Marushka auf eine Ungerechtigkeit aufmerksam wurde, führte sie sich jedes Mal auf, als sei sie einzigartig und müsse auf der Stelle ausgeräumt werden.« Daß Martha Gellhorn die Vergeblichkeit ihres Tuns reflektierte und damit ihren Einfluß als bekannte Auslandsreporterin erfreulich realistisch einschätzte, ohne jemals aufzuhören, Unrecht öffentlich zu machen, ohne sich mit einer zynischen Haltung vor dem Geschehen der Welt zu schützen, ohne ihren Optimismus aufzugeben, das hat aus ihr eine große und bewundernswerte Frau gemacht.<!–[if !supportEmptyParas]–> <!–[endif]–>Martha Gellhorn »Paare. Ein Reigen in vier Novellen«, Mit einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes, aus dem Amerikanischen übersetzt von Miriam Mandelkow, Zürich 2007.

Too sexy for the Führerbunker

Ein schneller, kleiner, schmutziger, fröhlicher Hank-Meyer-Krimi

Die Zitate, die Stefan Maelck seinem 3. Roman »Tödliche Zugabe« voranstellt, stammen von Nick Cave, Raymond Chandler und Albert Camus. Nick Cave besingt betrunkene Heilige, die den Mond anheulen, Chandler schreibt über schäbige Straßen, durch die ein Mann mit weißer Weste gehen muß, und Camus reflektiert die Konsequenz eines Mords, der aus Vernunftgründen begangen wurde. Bei den drei Referenzen weiß man schon mal eins: Der Mann hat einen guten Geschmack, und das ist ja schon mal die Grundvoraussetzung allen guten Schreibens. Wer jetzt jedoch ein gewichtigen literarischen Wälzer erwartet hat, bei dem die Augen der Feuilletonmafia feucht werden, der wird enttäuscht.Stefan Maelck hat einen kleinen, schnellen, absurden Krimi geschrieben, der durch seine unverantwortliche Fröhlichkeit besticht, und er ist damit weniger in die Fußstapfen eines Chandler getreten als vielmehr in die eines Jonathan Latimer, eines Edgar Box oder eines Kinky Friedman. Hinter dieser Fröhlichkeit aber steckt immer noch Chandler genug, um die meisten anderen Adepten des Krimischreibergewerbes alt aussehen zu lassen, z.B. die Handlung wie ein kaputtes Fenster aussehen zu lassen, das im Wind quietscht und knarrt, wie Chandler einmal in einem Brief schrieb. Wozu auch braucht man eine gut durchkonstruierte Handlung, wenn sie sich dann auf einer derart hölzernen Erzählschiene dahinschleppt, daß höchstens eine barocke Leserschaft auf ihre Kosten kommt, die wissen will, wann genau der Fünf-Uhr-Tee eingenommen wurde, wenn der Mord fünf Minuten später passierte, die Standuhr aber zehn Minuten vorher stehen geblieben ist, oder weiß der Henker, an welchen verzwackten Konstruktionen sich eine Mimi erfreut, die ohne Krimi nie ins Bett geht. Sollten Sie also auf Handlung stehen, vergessen Sie »Tödliche Zugabe«.Hier geht es um andere, weit essentiellere Dinge, z.B. um das Leben und seine Abgründe, und die sind bekanntlich niemals logisch. Na gut, »Tödliche Zugabe« spielt in Halle, wo man einen Privatdetektiv wie Hank Meyer nicht unbedingt vermuten würde, aber why the hell not. Auch ostdeutsche Kleinstädte brauchen jemand wie Stefan Maelck, der sich um sie kümmert und literarisch verewigt. In »Tödliche Zugabe« jedenfalls blüht das Städtchen in einer Weise auf, daß man sogar Lust bekommen könnte, darin zu leben, weil es verruchte Bars mit guter Musik gibt, Puffs mit großzügigen Puffmüttern und Konzerthallen, in denen Gitarristen mit ihrer Gitarre aufgespießt werden. Halle wird das nicht gefallen, denn Halle ist wie jede andere biedere Kleinstadt scharf darauf, ein nettes malerisches Bild in der Öffentlichkeit abzugeben. Aber da muß Halle nun durch.Stefan Maelck ist ein Autor, der für eine gute Pointe seine Großmutter verraten würde. Und aus diesem Grund lassen sich auf jeder Seite mindestens zwei Stellen finden, die man sofort auswendig lernen möchte. Und meistens versteckt sich eine kleine oder größere Referenz dahinter, wie z.B. beim großen Finale, als aus einer überdimensionalen Torte jemand mit Uzi rausspringt, um ein Massaker anzurichten, und einem natürlich sofort die Szene aus »Manche mögens heiß« einfällt, als auf dem Kongreß der »Freunde der italienischen Oper« mit der Mafiakonkurrenz aufgeräumt wird. So macht die Lektüre eines Romans Spaß.Hank Meyer schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Er ist nicht der Mann, der zielstrebig auf die Rente hin arbeitet. »Mein Bekanntenkreis bestand aus Radiofuzzis, Plattendealern und Polizisten, also lediglich aus Menschen, die in der Nahrungskette als Zweitverwerter galten.« Der Protagonist hält sich so gut es geht an Karl Kraus, der hellsichtig erkannt hatte, daß »alle größeren Dummheiten am Vormittag geschehen«, weshalb er dazu rät: »Der Mensch sollte erst erwachen, wenn die Amtsstunden zu Ende sind. Er trete nach Tisch ins Leben hinaus, wenn es frei von Politik ist.« Außer Privatdetektiv und Redakteur einer Musiksendung ist Meyer auch noch Trinker. »Und im Gegensatz zu Menschen, die gar nicht tranken, konnte ich durch Abstinenz jederzeit etwas für meine Gesundheit tun.« Dieser positive Aspekt fehlt bei Hank Meyers Tätigkeit als private eye, denn »die Zeiten waren mies, viele meiner früheren Kunden hatten inzwischen den ganzen Tag zur freien Verfügung und konnten ihre Frauen selbst überwachen. Größere Fälle spielten entweder in der Wirtschaftskriminalität oder im Kino.«Hank Meyer ist verrückt nach Musik, und da fügt es sich auf wundersame Weise, daß ein paar Rock‘n‘Roller aus zwei Ostbands ermordet werden, quasi als Strafe dafür, daß ihre Musik »so klang, als würde man Katzen killen.« Und das ist ein weiterer vergnüglicher Grund, diese Kolportage zu lesen, denn Stefan Maelck ist ein ausgezeichneter Musikkenner, dessen drunken Saints u.a. Warren Zevon, Johnny Cash und Elliot Smith sind. Man erfährt viele aufschlußreiche Dinge, so daß das Buch nicht nur der Erbauung, sondern auch der Belehrung dient. Und was will man mehr von einem kleinen roten Hardcover?Zum Beispiel lernt man, daß es beim Soul ums Überleben geht, »beim Rock‘n‘Roll um die verschiedenen Formen des Todes«, und die werden dann ja auch im Verlauf des Buches in Szene gesetzt. Und wenn am Ende dem Gesetz des Genres mit der Auflösung des Falls Genüge getan wird, kommt noch einmal Albert Camus zur Geltung, der in »Das Absurde und der Mord« schrieb, daß der Mord ohne Vernunftgründe dem »Irrsinn« die Tür öffnet. Die Konsequenz wäre, schreibt Camus, »sich abzuwenden«. Das muß man bei Stefan Maelck nicht, denn der Irrsinn, der bei ihm Einzug hält, ist der Irrsinn eines vollkommen unverantwortlichen Lebens, aus dem sich Anarchie und Chaos einfach nicht vollständig eliminieren lassen. It‘s only Rock‘n‘Roll but I like it.<!–[if !supportEmptyParas]–> <!–[endif]–>Stefan Maelck, »Tödliche Zugabe. Hank Meyer ermittelt«, Rowohlt Berlin, 2007, 207 Seiten, ?.- Euro<!–[if !supportEmptyParas]–> <!–[endif]–>

Wie eine Tasse kalter Kotze

Simon Reynolds bahnbrechende Studie über den Postpunk

Wer die Geschichte der fünftausend großspurigsten Leute, die die Welt der Musik jemals hervorgebracht hat, schon immer mal lesen wollte, der kann das jetzt auch auf deutsch tun, denn »Rip it up and start again« von Simon Reynolds ist gerade auf den Markt gekommen, ein Buch, das nicht nur dem Umfang und dem Gewicht nach bereits jetzt schon zu den Klassikern der Literatur über Punk und die Folgen gezählt werden muß, d.h. über jene Zeit zwischen 1978 und 1984, als in der Musik waghalsige Experimente, verrückte Bühnenshows und wegweisende Erfindungen gemacht wurden. »Rip it up« ist der Nachfolgeband von »England‘s Dreaming« von Jon Savage, der das definitive Werk über die Punk-Jahre und die Geschichte der Sex Pistols geschrieben hat. Es ist ein sensationelles Buch, denn nicht nur trägt Simon Reynolds eine riesige Masse an spannendem Material zusammen, was für sich genommen schon eine beeindruckende Leistung, aber im Zeitalter von google und der Informationsgesellschaft noch nichts besonderes wäre, sondern er versteht es auch, den Stoff in einer Weise aufzubereiten, daß man nichts lieber täte als für möglichst lange Zeit darin zu versinken, die alten Platten wieder herauszukramen und neu zu hören, sich in irgendwelchen abseitigen Verwicklungen der Pop- und Kunstgeschichte zu verlieren und nur noch aufzutauchen, wenn es nicht anders geht und die nervige Außenwelt ihren Tribut fordert. Daß man in einer Zeitreise gerne abdriften würde, daran trägt die erstklassige Übersetzung von Conny Lösch nicht unwesentlich bei, wie überhaupt an diesem Buch alles rund ist bis auf die Tatsache, daß in der deutschen Ausgabe auf ein Register verzichtet wurde, für einen Klassiker ein ziemlich übles Handicap.

Vielleicht muß man in dieser Zeit aufgewachsen sein und vor allem zur Musik eine so intensive Affinität haben wie Simon Reynolds, um sich derart liebevoll und kenntnisreich mit dem Sujet befassen zu können, bevor er dann aus seiner Berufung einen Beruf machte und Redakteur beim Melody Maker wurde. Reynolds hat mit vierzehn die Explosion des Punk während des heißen Sommers 1976 nur am Rande mitbekommen, aber das »fuck this and fuck that / fuck it all and fuck her fucking brat« von Johnny Rotten, und vor allem die typische Vehemenz, mit der der Frontmann der Sex Pistols es aussprach, beeindruckten Reynolds auf eine Weise, die ihn für jede Art von Tätigkeit unbrauchbar machte, für die er eigentlich als Bewohner der Satellitenstadt Hertfordshire prädestiniert gewesen wäre. Wieder einer, who was lost in music. Als sich Reynolds 1978 für die Sex Pistols und den Punk begeisterte, hatten sich die Sex Pistols bereits aufgelöst und Punk war offiziell schon wieder tot. Aber das, was jetzt kam, war so spannend, daß Reynolds weder Zeit noch Interesse hatte, sich mit dem zu befassen, was dem Postpunk vorausgegangen war, oder sich alte Platten zu kaufen.Eines der unbestrittenen Zentren des Punk neben New York, wo er erfunden wurde, war London, und dort war Punk 1977 bereits »zur Parodie seiner selbst geworden. (…) Schlimmer noch: Punk hatte sich als Jungbrunnen eben jener etablierten Plattenindustrie erwiesen, welche die Punks zu entmachten gehofft hatten.« Genau davon aber profitierten die aus allen möglichen Vorstädten, Industriebrachen und Kunsthochschulen hervorsprießenden Gruppen, auf die sich nun die Aufmerksamkeit der Major Labels richtete und die manchmal bereits nach dem ersten Auftritt einen Vertrag in der Tasche hatten. Das ganze aber fand jetzt unter umgekehrten Vorzeichen statt. Allen Ravenstine von Pere Ubu postulierte, daß die »No Future«-Ära, die von den Sex Pistols ausgerufen worden war, vorbei sei, denn »es gibt eine Zukunft, und wir wollen sie aufbauen«. Für dieses hehre Ziel wurde die Literatur und die Kunst des 20. Jahrhunderts geplündert. Man besann sich u.a. auf den Dadaismus, den Konstruktivismus, De Stijl und Bauhaus, auf Alfred Jarry, Hugo Ball, Marcel Duchamp und Bertolt Brecht. Und auf die Situationisten sowieso, seit Malcolm McLaren mit dem »Geheimwissen« der französischen Künstleravantgarde einen Frontalangriff auf die Plattenindustrie versucht hatte. Großen Einfluß hatten auch Anthony Burgess »A Clockwork Orange«, in dem die Ausübung sinnloser Gewalt im Zentrum steht, und J.G. Ballard mit seinen Katastrophenromanen. Man mag sich darüber streiten, inwieweit Punk wirklich am Ende gewesen war – wenn man ihn auf die Sex Pistols reduziert, war er es natürlich –, in jedem Fall aber gab er eine schöne Leiche ab, denn es entstand aus ihm eine unendliche Vielfalt neuer Gruppen, neuer Musik und neuer Musikrichtungen. Und diese Vielfalt arbeitet Simon Reynolds fast schon mit manischer Akribie ab. Das Schöne und Vorteilhafte daran ist, daß man nicht unbedingt das ganze Buch lesen muß. Man kann sich auch die Kapitel mit den Bands herausfischen, die einen interessieren. Und das tue ich jetzt auch, weil allein für die Erwähnung aller Gruppen der Platz gar nicht ausreichen würde.Bereits ein halbes Jahr vor dem letzten Konzert der Sex Pistols am 14. Januar 1978 im Winterland in San Francisco, als sich Johnny Rotten mit dem mittlerweile schon berühmten »Schon mal das Gefühl gehabt, verarscht worden zu sein?« vom Publikum verabschiedet hatte, hatte er in der Radiosendung »The Punk and His Music« aus seiner Enttäuschung über die erstarrten Strukturen im Punk keinen Hehl gemacht und für »mehr unterschiedliche Sachen« plädiert. Er legte »Sweet Surrender« von Tim Buckley auf, Lou Reed, Captain Beefheart und sein Idol Peter Hammill. Damit outete er sich als Ästhet und nebenbei widerlegte er den Mythos, vor Punk hätte musikalisch nur Ödnis geherrscht. In diesem Moment war Lydon in den Augen von McLaren nur noch »ein konstruktiver Waschlappen«. Aber Lydon ging es nicht mehr darum, die Musikindustrie zu zerstören, sondern darum, sich musikalisch weiterzuentwickeln. Und dies ermöglichte ihm Virgin, die von seinem Star-Ruhm profitieren wollte und deshalb »drei der extremsten Alben finanzierte, die jemals auf einem Major Label erschienen sind«. Gleichzeitig jedoch lähmten Lydon die komfortablen Produktionsbedingungen, er verlor die Lust und schädigte dadurch die Plattenfirma wahrscheinlich mehr als in seiner Karriere als Kulturterrorist.Auch wenn es Gruppen wie z.B. Throbbing Gristle oder Devo darum ging, in den Ohren des Publikums so anziehend zu klingen »wie eine Tasse kalter Kotze«, so war man dennoch scharf drauf, in die Charts zu kommen, weil nur ein Publikum und öffentliche Aufmerksamkeit einen vor der Existenz einer Sekte bewahrt. Dieser Widerspruch war bei den Gruppen unterschiedlich ausgeprägt, aber die Experimentierfreudigkeit nahm bald wieder ab, weil das Publikum irgendwann die Schnauze voll hatte von atonalen Klängen und industrial noise. Übrig blieb u.a. so Zeug wie U2 und Madonna, die aus den achtziger Jahren das musikalisch ödeste Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts machten, in dem nicht von ungefähr Live Aid stattfand: »Toll für die Äthiopier, aber schrecklich für die Popmusik.« Noch schrecklicher als »die Tyrannei des Neureichenpop« war jedoch die entsetzliche Disparatheit, die John Peel zu dem Bonmot verleitete: »Ich mag nicht mal mehr die Platten, die ich mag.«Für Simon Reynolds war die Zeit gekommen, sich der Musik von früher zuzuwenden und sich eine Menge alter Platten zuzulegen. Ein einzigartiger Moment in der Musikgeschichte war vorbei, und die Jugend auch.<!–[if !supportEmptyParas]–> <!–[endif]–>Simon Reynolds, »Rip it up and start again. Postpunk 1978-1984«, aus dem Englischen von Conny Lösch, Hannibal, Höfen 2007, geb. mit SU, 576 Seiten, 29.90 Euro

Die Wahrheit über den 13. Bundesligaspieltag

Bei den Bayern hatten die Frankfurter mit Glück, ihrem Torhüter Oka Nikolov und mit viel Beton ein torloses Remis zustande gebracht. Der Geist, der einst bei der Eintracht wehte und von dem ich als »Zeuge Yeboahs« so stark infiziert war, daß sogar die Borussia in meinem Herzen zeitweise nur die 2. Geige spielte, hat sich verflüchtigt. Friedhelm Funkel läßt den berühmten »Sicherheit geht vor«-Beamten-Fußball spielen. Ansehnlich ist das nicht, eher schon ziemlich abschreckend, und deshalb war ich auf alles gefaßt, als die Eintracht im Westfalenstadion auflief. Und genauso war dann auch die 1. Halbzeit, die genau einen Höhepunkt hatte, als Klimowicz gleich in der 2. Minute eine 200prozentige Chance verdattelte. Beim Rest mochte man nur eins: Ihn schnell vergessen. Immerhin hatte es die 2. Halbzeit in sich, denn die Dortmunder bauten permanenten Druck auf. Es gab sogar zwei oder drei Szenen, in denen sie richtig gut kombinierten und man eine Ahnung davon bekam, daß vielleicht doch Potential in der Mannschaft stecken könnte (wenn man sich eines Degen entledigen würde). Das Tor aber machte Amanaditis, der eine Gelegenheit dafür benötigte, während sich Tinga, Kuba und natürlich Valdez als Chancentod erster Güte betätigten. Wenigstens Kringe stocherte den Ball ein wenig regelwidrig über die Linie. Eigentlich schade, denn vielleicht wäre es gar nicht schlecht gewesen, beim schlechtesten Saisonstart des BVB seit 20 Jahren die Schmach noch schmachvoller zu machen, um sich mal ein paar Gedanken über die verfehlte Einkaufspolitik des Dortmunder Sportdirektors zu machen, der für einen Torjäger, der nicht trifft, 5 Millionen hingeblättert hat, ganz zu schweigen von Degen und Buckley, dem beim BVB noch nie auch nur ein einziges kleines Törchen gelungen ist. Klar, daß Valdez einen Stein im Brett bei Zorc hat, weil er sich immer aufopferungsvoll in die Schlacht wirft. Das ist schön, kompensiert aber eben noch nicht die technische Schwäche, mit der der Peruaner zu kämpfen hat. Zorc war zwar ein anderer Spielertyp, aber die Einstellung kommt ihm sehr entgegen. Für einen Künstler und Techniker hat Zorc nicht so viel übrig, wenn er einen solchen überhaupt erkennen würde. Wehmütig kann man da nur nach Bremen gucken, wo man mit Diego einen Sechser im Lotto gezogen hat, der auf sehr hohem und konstantem Niveau den Unterschied zu den Gegnern ausmacht, wie gegen die Karlsruher, die mit 4:0 nach Hause geschickt wurden. Das entscheidende aber ist, daß es Spaß macht Diego zuzusehen. In Dortmund zeigt allenfalls Petric, daß er mit dem Ball ein bißchen besser umgehen kann. Rosickys Weggang konnte nie kompensiert werden. Vielleicht hätte er mit Petric einen Spielpartner gefunden. Bei Arsenal jedenfalls blüht Rosicky auf, weil er dort ein paar Mitspieler hat, die seine Spielweise kapieren. Man sollte sich nicht allzuviel Zeit dabei lassen, wieder einen Weltklassemann nach Dortmund zu holen, und vor allem Degen abzustoßen, denn sonst ist der Zug nach Europa ins internationale Geschäft bald ganz abgefahren.

Weiße Intarsien

Die große Lady des Folksongs gastiert in Berlin

Lucinda Williams paßte ins Berliner Schiller-Theater wie Rod Stewart ins SO36, nämlich gar nicht. Bei Country-Konzert fällt mir immer die Szene in »Blues-Brothers« ein, als ein Gitter vor der Bühne heruntergelassen wird, das die nach der Band geworfenen Bierflaschen abfängt. Naja, vielleicht nicht ganz so übel, aber gegen ein bißchen mehr Stimmung und Cowboy-Hüte wäre nichts einzuwenden gewesen. Getränke waren verboten, Rauchen sowieso, und so saßen wir nach den drei Theatergongs tief in unseren Theatersesseln und klatschten brav Beifall, als die große Lady des Countrysongwritings die Bühne betrat, deren Lieder u.a. von Tom Petty und Emmylou Harris gecovert wurden, deren Song »Still I long for a kiss« in Robert Redfords »Pferdeflüsterer« zu hören war, die schon mit Dylan unterwegs war und die für »Car Wheels on a Gravel Road« 1998 einen Grammy Award bekommen hat. Die Bandmitglieder, alles exzellente Musiker, nahmen ihre Positionen ein. Und da standen sie dann auch, steif und wie angewurzelt. Lucinda Williams hätte dafür das belebende Showelement sein können, aber sie paßte sich perfekt der Langsamkeit und Trägheit ihrer Musik zu Beginn ihres Auftritts an. Das Gewagteste waren die weißen Stickereien auf ihrem linken Blue-Jeans-Bein. Da stand sie mit ihrer Gitarre am Mikrophon, ging ab und zu mal ein bißchen in die Knie, wiegte sparsam ihre Hüften, linste angestrengt auf ihr Textkonvolut, das vor ihr lag, und wenn ein Gitarrensoli einsetzte, verzog sie sich ein paar Schritte nach hinten und ruderte merkwürdig arhythmisch mit den Armen. Aus den Sesseln reißt einen das nicht gerade. Aber man hatte ja immerhin noch die Möglichkeit, einfach nur ihren rauen, verruchten Barfraustimme zu lauschen, wenn sie ihre hinreißenden Balladen sang, von Einsamkeit, Schwäche, Tod, Selbstmord, unglücklicher Liebe, betrunkenen Engeln. Leider wurden ihre Zwischenmoderationen immer ausführlicher. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, aber sie waren von derartig vielen bräsigen »I don‘t know« und »you know« durchsetzt, daß die nicht immer hilfreichen Erläuterungen (»It‘s a song for myself«) exakt dem Bild entsprachen, das sie sowieso abgab, nämlich dem einer Landpomeranze, die zum ersten Mal ein paar zusammenhängende Sätze vor Publikum sagen soll. Da sie aber schon seit über 30 Jahren im Geschäft ist und z.Z. auf Europa-Tournee, wäre es keine schlechte Idee, wenn ihr vielleicht jemand sagen würde, daß sie sich ein paar bühnentaugliche Sätze zurechtzimmern und ein bißchen routinierter und spritziger auftreten sollte. Das jedenfalls hätte das »intelligente Publikum«, bei dem sie sich ständig bedankte, dann auch verdient gehabt. Aber so what. Da war ja noch ihre Stimme, die »Not a day goes by I don‘t think about you« hauchte, einen Song, den ich aus Gründen des Liebesschmerzes mal eine ganze Nacht lang hörte. Sowas prägt. Dafür verzeiht man ihr auch, daß sie mit weißen Stickereien auf den Blue Jeans herumlief.

Die Wahrheit über den 12. Bundesligaspieltag

Von Hamburg aus, wo ich am Vortag gewesen war, hätte ich über Hannover zurückfahren können. Aber abgesehen von gewissen üblen alkoholischen Folgeerscheinungen hatte ich kein gutes Gefühl und auch keine Lust, den Dortmundern schon wieder beim Verlieren zuzugucken. Meine Milchmädchenrechnung basierte auf der Überlegung, daß nach jedem guten Auftritt wie den zuletzt zu Hause gegen die Bayern, als sich alle ungläubig die Augen rieben, der Absturz folgt. Das Bayern-Spiel endete zwar torlos, aber man merkte den Dortmundern an, daß sie bis in die Haarspitzen motiviert waren, schließlich sind Gegner internationalen Formats selten geworden in Dortmund. Die Schwarzgelben hätten sogar gewinnen können, wenn es nicht gerade der Chancentod Valdez gewesen wäre, der frei vor dem Bayerntor zum Schuß kam. Einige Spieler wuchsen sogar über sich hinaus wie Tinga, der sensationell aufspielte. Diese Motivation ist bei einem Gegner wie Hannover natürlich schwer zu halten, aber eigentlich müßte man genau das von einem Trainer wie Doll erwarten können, wenn er schon mit einem rostbraunen Kapuzenshirt herumläuft und auf streetcredibility macht. Aber wenn Doll schon in dieser Hinsicht nicht punkten kann, was bleibt dann? Eine Handschrift kann ich nicht so richtig erkennen. Schnelles, direktes Paßspiel? Dazu fehlt schon das Personal. Zuviel mittelmäßige Spieler, die wie Brzenska schon bei einem einfachen Querpaß in die Bredouille kommen, wenn der Gegner ein bißchen Vorchecking spielt. Immerhin, die ersten zwanzig Minuten war Dortmund besser und hatte sogar ein paar Chancen, aber aus unerfindlichen Gründen überließen sie danach den Hannoveranern die Initiative. Okay, der überragende Tinga mußte verletzt zur Halbzeit heraus, konnte von Kruska in keinem Moment ersetzt werden, Valdez war wie immer bemüht, aber völlig ohne Wirkung, Buckley zeigte sich nur dann, wenn er den Ball ab und zu mal schnell durchs Mittelfeld schleppte, und Degen war sensationell schlecht. Wie er Pinto im Strafraum völlig unnötigerweise umsäbelte, dafür müßte ihm schon eine Dämlichkeitsmedaille überreicht werden. Aber auch vorher glänzte er durch Fehlpässe und ungeschicktes Zweikampfverhalten. Er war der Mann, den der Gegner braucht, um zu gewinnen. Keine Ahnung, warum Doll an ihm festhält und der Verein sogar eine Vertragsverlängerung mit ihm anstrebt. Es war genau das richtige Spiel, um sich übermüdet am Tresen festzuhalten und alles wie durch einen Tunnel an sich vorbeiziehen zu lassen. Ob ich geweint hätte und ob ich nicht endlich meinen Vereinsabzeichen abnehmen würde, simste mir eine Freundin nach dem Spiel. Warum sollte ich? Die 2:1-Niederlage in Hannover ließ mich unberührt. Ich hatte sie erwartet, und insofern hatte ich mich mal wieder auf meinen Verein verlassen können. Und das hat ja auch was. Es ist wie eine alte Ehe. Es passiert nichts Unvorhergesehenes mehr und dennoch trägt man den Ring, and he doesn‘t burn your finger, wie es in einem Lied heißt.

Love hurts

Für den Familienvater Rod Stewart ist das lange vorbei

Die meisten Besucher des Rod Stewart-Konzerts haben weit in die Vergangenheit zurückreichende Gründe, um das alte Idol noch einmal auf der Bühne zu sehen. Bei mir ist es die Erinnerung an einen schönen sonnigen Tag. Ich war gerade aus dem Knast entlassen worden und auf dem Weg zu meiner Flamme, und als ich die Treppe zu ihrem 200qm-Loft hochflog, dröhnte aus den Lautsprechern »Maggie May«, und dann lagen wir uns genau im Rhythmus des zauberhaften Songs nach langer Zeit endlich wieder in den Armen. Damals schien es für mich nichts schöneres zu geben und »Maggie May« wurde zum Lied des Jahres, wie auch für Hunter S. Thompson, der diese Ich-hab-mein-Herz-verloren-Schmonzette auf einen Sampler mit seinen Lieblingsliedern brannte. Solche Dinge vergißt man nie wieder.Rod Stewart hat vor allem mit seiner 1971 erschienenen Platte »Every Picture Tells A Story« viele Leute infiziert, die seither nicht mehr davon lassen konnten oder keine Lust mehr hatten, sich nach etwas anderem umzusehen. Irgendwann heiratete man seine zur Beziehung geronnenen Liebe, bekam Kinder, die inzwischen erwachsen sind, und jetzt geht man wieder zu Rod und schwelgt in den Erinnerungen an alte und bessere Zeiten. Die verblühte Frau im Klammergriff legt sich manche Hand noch einmal auf den breiten Hintern der alten Liebe. Über solche Dinge zu spotten, an denen der Zahn der Zeit genagt hat, wäre dumm. Zwar steigt man den Worten eines Philosophen zufolge niemals zweimal in den selben Fluß, aber dennoch will man manche Erfahrungen immer wieder machen. Darauf beruht das Prinzip der Sucht. Und mit Rod Stewart ist ein wenig die Zeit stehen geblieben, er vermittelt immer noch die Illusion, als könne alles noch einmal ein wenig so sein wie damals.Der alte Showhengst hat sich tatsächlich nie wirklich geändert, er vermittelt immer noch den Eindruck des jugendlich verschmitzten und sympathischen Luftikus, auch wenn er die sechzig bereits hinter sich hat. Und schließlich ist Rod Stewart kein Arschloch wie die meisten, die es in diesem Gewerbe zu Ruhm und Reichtum gebracht haben. Er ist auf erfreuliche Weise kein Intellektueller und kein engagierter Gutmensch wie Bono, der unbedingt den Afrikanern helfen will, damit aber vor allem der Musik einen irreparablen Schaden zugefügt hat und an dem merkwürdigen Syndrom leidet, mit sämtlichen Präsidenten des Erdballs und seiner Rennfahrerbrille abgelichtet werden zu wollen.Rod Stewart hingegen macht das, was er kann, und das macht er immer noch gut. Die Stimme hat noch den heißeren Klang, der einem auch aus einem Pub in Glasgow ans Ohr dröhnen könnte, sie hat noch das gewisse Etwas, das Schmutzige und Rotzige, das ich immer geliebt habe. Diese Stimme ist unverwechselbar und sie ist gut, manchmal vielleicht ein bißchen weichgespült vom Schmalz, durch den Rod Stewart knöcheltief watet. Die drei jungen, üppigen Farbigen, die in knappen Kleidchen und hochhackigen Stiefeln ebenfalls auf der Bühne anwesend sein durften und den Hintergrundchor gaben, hätten ihn mit ihrer ausgebildeten Gesangsstimme allesamt an die Wand geschmettert, aber keine der drei Stimmen hätte ich auseinanderhalten können im Wettbewerb des Höher, Schriller und Lauter. Das weiß auch Rod Stewart, der sich schon lange nicht mehr beweisen muß und der vielmehr versucht, auffällig jungen Damen einen Auftritt und ein Spotlight zu verschaffen, indem er sie nach vorne an den Bühnenrand bittet, damit sie dort ihre einwandfreien Künste als Geigerin, Pianistin oder Zitheristin (oder wie immer eine Dame heißt, die Zither spielt) einem eher mäßig interessierten Publikum offerieren können. Währenddessen macht Rod Stewart eine kleine Pause oder wechselt sein verschwitztes Hemd.Als alter Bühnenhase gibt er in der perfekt organsierten Show manchmal ein bißchen zu auffällig den Choreographen, der gar nicht nötig wäre, denn jeder Handgriff sitzt auf seiner Greatest Hits-Tour in der Max-Schmeling-Halle, die die Aura eines Bahnhofs verstrahlt. Im Hintergrund läuft während des Songs »Father & Son« auf einer großen Videoleinwand ein Filmchen mit Papa Stewart und seinem dreijährigen Sohn, und auch Fotos aus dem Familienalbum werden gezeigt. Ein Song ist Jimmy »Jinky« Johnstone gewidmet, der letztes Jahr gestorben ist und einer der berühmten Flügelflitzer Celtics war, wovon man sich ein paar Minuten lang auf der Leinwand überzeugen kann. Auf dem Bühnenboden ist riesig das Celtic-Emblem angebracht, und als ob das alles noch nicht deutlich genug wäre, verteilt Rod Stewart auch noch ein paar Fußbälle im Publikum. Zwischendrin wird mal kurz die Deutschlandfahne auf der Leinwand eingeblendet, aber nur deshalb, weil Rod Stewart wahrscheinlich denkt, den Deutschen einen Gefallen tun zu müssen. Womit er gar nicht mal so daneben liegen könnte, aber er hat das ohne böse Absicht und ohne Hintergedanken getan.Als schließlich »The Best Of My Love« oder so etwas ähnliches in einer vollkommen verkitschten Discoversion läuft, wo auch seine Stimme nichts mehr retten kann, verlasse ich die Spielstätte von Alba Berlin, die jetzt auch eine des Grauens geworden ist, mit der beruhigenden Gewißheit, daß auch diese Generation aussterben wird, die sich allerdings schon lange vorher selbst überlebt hat und die nur noch durch die Sehnsucht nach lange Vergangenem am Leben gehalten wird, eine Sehnsucht, die auch an diesem Abend keine Erfüllung fand und die mit großer Professionalität und Routine ein wenig aufgefrischt wurde.