Archiv für den Monat: Dezember 2007

Die Wahrheit über den 17. Spieltag

Diesmal wußte ich es. Ganz sicher. Ich schwöre es. Und deshalb war ich auch nicht nach Wolfsburg gefahren, denn diese Pleite wollte ich mir nicht antun, vor allem nicht bei einem VW-Verein. Mit einem 4:0 machten die Dortmunder den guten Eindruck, den sie zuletzt hinterlassen hatten, wieder zunichte, und zwar gründlich. Von Champagner-Fußball war da die Rede gewesen, als sie mit dem höchsten Sieg seit werweißwieviel Jahren die Arminia schwindlig spielten und nebenher auch noch Ernst Middendorp abschossen, den Mann, der einmal zu einem unbotmäßigen Journalisten gesagt hatte: »Knien Sie nieder, Sie Bratwurst!« Was aber seine einzige lustige Idee gewesen sein soll, denn sonst ist er ein humorloser und obendrein arroganter Trainer, und insofern kann die Arminia den Dortmundern sogar dankbar sein, denn ohne ihn gewannen die Arminen gegen zuletzt bei ihrem kurzen Ausflug in die Campions-League von Barca vorgeführte und deshalb besonders motivierte Stuttgarter, die sich frustriert gleich zwei rote Karten abholten. Aber in Dortmund nahm man die mediale Meinung, die nach dem Spiel gegen Bielefeld verbreitet wurde, für bare Münze und wähnte sich nach zwei gewonnenen Spielen gleich wieder auf dem direkten Durchmarsch in die europäische Königsklasse. Zwar fehlten Kehl und Kringe, aber versagt hatten die Dortmunder als Kollektiv, wie Doll resümierte. Ein Kollektiv, das man gerade erst wieder entdeckt zu haben glaubte, nur weil man ein wenig miteinander geredet hatte. Die Laune war gut, die Leistung dann jedoch unterirdisch. Und niemand kann sich einen Reim darauf machen, wie die schwankende Leistung zu erklären ist. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, daß den Dortmundern eine Hackordnung fehlt, ein Fidel Castro, der dem Rest sagt, wo es lang geht. Vielleicht würde ihnen ein wenig sozialistische Diktatur nicht schaden, statt weiterhin auf Doll mit – naja – menschlichem Antlitz zu setzen, in das sich nach der Negativbilanz der Hinrunde schon tiefe Falten eingekerbt haben. Die Angst vor der Kritik, die alles schlecht mache und die Petric in einem Interview einmal monierte, um die mäßige Leistung zu erklären, ist da ein wenig lächerlich. Vor allem, wenn sich einige Fans schon überlegen, zu Hause zu bleiben, um die Spieler nicht unnötig zu verwirren, die vielleicht Probleme mit der Stadionatmosphäre haben könnten. Verwundern dürfte es die Spieler auch nicht, daß einige enttäuschte Fans mit einer Sitzblockade den Bus an der Abfahrt hinderten. Ein bißchen können sie ruhig abkriegen von dem Ärger, den sie ihren Anhängern bereiten. Kein schöner Saisonausklang also. Aber wenigstens ist auch Bayern von der Rolle, die in einem mäßigen Spiel gegen mäßige Herthaner über ein torloses Remis nicht hinauskamen. Und wie Bremen Leverkusen deklassierte, das war schon allererste Sahne. Vor allem, weil Ivan Klasnic nach zwei Nierantransplantationen und zwei Toren wieder zurück ist und eine Art Wiederauferstehung feierte. Punktgleich mit Bayern werden jetzt die Karten für die Rückrunde neu gemischt.Und alle dachten, Bayern wäre schon Meister. Daran hält unbeirrt nur noch Oliver Kahn fest.

Die Wahrheit über den 15. Bundesligaspieltag

Gegen die Zufälligkeiten und die Willkür des Fußballs versucht man oft eine Gesetzmäßigkeit zu entdecken. Ich mache da keine Ausnahme. Irgendwo in diesem Chaos muß es doch eine geheime wirkende Kraft geben, mit der sich das Durcheinander, das Auf und Ab und einer Mannschaft erklären läßt. Und natürlich bin ich fündig geworden, jedenfalls bei Dortmund, denn die Leistungsschwankungen beim BVB weisen ein besonderes Merkmal auf, das sich empirisch belegen läßt und das nach dem 2:1-Sieg der Schwarzgelben in Stuttgart wieder auffällig war. Niemand gab zunächst einen Pfifferling auf die Dortmunder, die schon seit 6 Spielen nicht mehr gewonnen, während die Stuttgarter genauso viel Spiele nicht mehr verloren hatten und sich eindeutig im Aufwind befanden. Vor allem nach dem desaströsen Auftreten der Dortmunder in Nürnberg schien jeder die Saison bereits innerlich abgehakt zu haben. Auf der Jahreshauptversammlung des Vereins wurden die Spieler mit Pfiffen empfangen und Watzkes Rede wurde nach Hinweisen abgesucht, ob Doll oder Zorc in der Winterpause fliegen würden. Auf einer Pressekonferenz machte Doll einen ziemlich ratlosen und deprimierten Eindruck. Aber dann spielten die Schwarzgelben von der ersten Minute an einen Tempofußball, den ihr niemand zugetraut hätte, von dem man bislang nicht mal wußte, daß sie ihn spielen konnte. Gut, Degen war schon mal nicht dabei und der Notnagel Kruska saß auf der Bank. Kehl kommt nach eineinhalb Jahren, nachdem ihn ein Bosnier aus München kaputtgetreten hatte, langsam wieder in Form, und auch Federico scheint wieder aufzuleben. Das sind alles wesentliche Elemente, sieht man mal vom 5-Millionen-Flop Valdez ab, der wie immer seine Mühe zur Schau stellte, mit einem Ball umzugehen. Aber das ist eben nicht alles. Deutlich wurde trotz des gelungenen Comebacks aus der Krise ein Charakteristikum, das kein gutes Licht auf die Mannschaft wirft, denn gut gespielt haben die Dortmunder nur gegen Mannschaften, die sich berechtigte Hoffnungen auf einen der ersten fünf Plätze machen. Gegen Bayern sah man trotz torlosen Remis ein Klassespiel, gegen Bremen die beste Saisonleistung, gegen Leverkusen konnte man mithalten und jetzt holte man sogar drei Punkte beim aktuellen Meister, wo man sich selbst in besseren Zeiten schwer getan hatte. Gegen den Rest der Liga aber sah der BVB ziemlich scheiße aus. Offensichtlich leidet die Mannschaft unter einer völlig ungerechtfertigten Selbstüberschätzung, die Doll trotz aller zur Schau gestellten Demut nicht aus den Köpfen kriegt. Überdeutlich wurde das bereits beim Saisonauftakt zu Hause gegen Duisburg, als jeder schon vorher 100prozentig davon überzeugt war, daß der Drops gelutscht war. Hitzfeld hatte den BVB heimtückisch zum geheimen Mitfavoriten gekürt, wohl wissend, daß die Dortmunder damit nicht zurecht kämen. Und dieser Virus sitzt tief. Dieser Theorie zufolge wird Dortmund nächsten Freitag es gegen Bielefeld wieder mal vergeigen. Schließlich hat man es ja bewiesen, daß man Fußball spielen kann, aber ein gutes Spiel führt noch nicht aus dem Tabellenkeller.

Das wahre Wesen der Katzen

Ergründet von Rudi Hurzlmeier & Harry Rowohlt

Katzenbücher gibt es wie Sand am Meer, wenn nicht sogar noch häufiger, aber jetzt ist eins erschienen, das die Katze einmal in einem ganz anderen Licht bescheint. Nicht wieder eine dieser niedlichen Katzenfotoserien, welche das Herz jeder Omma höher schlagen und sie dahinschmelzen läßt, sondern Katzen, wie sie wirklich sind, wie sie bloß noch nie jemand gesehen hat. Nur einer, nämlich Rudi Hurzlmeier, der Größte auf dem Gebiet der komischen Malerei, hat das Auge für die äußerst delikaten Situationen, in denen sich Katzen manchmal befinden. Z.B. eingeklemmt im Schoße der nackten Lorelei mit Knollennase und ondulierten, strohblonden Haaren. Hat da schon mal jemand ein Foto davon gemacht? Eben! Oder hat schon mal jemand beobachtet, wie Katzen an der Reling stehen und bei hohem Wellengang ins Meer kotzen? Natürlich nicht. Weil noch nie jemand darauf geachtet hat. Aber Rudi Hurzlmeier hat den sechsten, wenn nicht sogar den siebten Sinn für solche Situationen.Er hat auch als erster in Wuppertal eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Dort ließ sich eine Katze auf dem Skateboard von einem Mops ziehen, während Herr und Frau Wuppertal wohlgefällig die Szene beobachten. Daß es sich um Wuppertal handelt, darauf läßt der diesem Gemälde beigefügte Zweizeiler von Harry Rowohlt schließen: »Ich sag‘ ja nichts, ich mein‘ nur mal: / Das zieht sich, dieses Wuppertal.« Überhaupt sind die in der beschwingt leichten Form des Reims hingeworfenen Kurzkommentierungen von Harry Rowohlt äußerst aufschlußreich, um sich auch wirklich einen Reim auf die rätselhaften Bilder machen zu können.Da liegt z.B. eine Katze mit Schnuller im Bett, wobei sich dieses Bett in einem geöffneten Koffer befindet, der wiederum auf einem Bett steht, vor dem jemand ein Paar sehr reizvolle rosa Stöckelschuhe mit Pfennigabsätzen abgestellt hat. Erst Harry Rowohlt entschlüsselt das Geheimnis: »Will man die Fremdheit der Fremde bezwingen, / Umgebe man sich mit persönlichen Dingen.« Aber auch dieser Vers bleibt zweideutig, denn es könnten sowohl die Schühchen als auch der Inhalt des Koffers gemeint sein.Hier haben sich zwei Meister ihres Faches gefunden, die auf grazile Weise miteinander harmonieren, und das schon mehrere Male kongenial unter Beweis gestellt haben. Nach dem gleichen Strickmuster haben sie sich bereits mit Hunden, Engeln und Vögeln beschäftigt und ihnen ein einzigartiges Denkmal errichtet. Rudi Hurzlmeier, der, wie der Kunstkritiker Oliver Maria Schmitt schrieb, »sorglos, dünn oder pastos schlenzt, der das Acryl auf die Leinwände zieht oder pfeffert wie seine Lehrer Rubens, Velázquez, Monet und Magritte es ihm beigebracht haben«. Und Harry Rowohlt, der nicht erst seit der Zusammenarbeit mit Rudi Hurzlmeier zu den ganz großen Dichtern gehört und zudem unübertroffen in der Vortragskunst ist, der mit zwanzig Stimmen sprechen kann, in jedem Dialekt zu Hause ist, der schnurren, gurren, schreien, grummeln kann und dessen Stimme so tief ist »wie die Schlucht, in die die Autobusse fallen«, wie Herr Hacks einmal anmerkte.Von diesen beiden genialen Künstlern einmal abgesehen, hat das Buch den Vorteil, daß man es immer wieder zur Hand nehmen kann und man nie das Gefühl hat, daß sich da was zieht. Jedenfalls nicht in die Länge. Auf 20 Bildtafeln sieht man alles, was man über Katzen wissen muß. Und welches Katzenbuch bietet das schon?

Klaus Bittermann

Rudi Hurzlmeier »Miez Miez«, Mit Versen von Harry Rowohlt, Haffmans bei Zweitausendeins, Hamburg 2007, Euro 9.90

Diekmann, Kai

»Warum ist der ›Gutmensch‹ eigentlich ein Schimpfwort?«, fragte kürzlich Evelyn Finger in der Zeit und gab auch gleich eine Antwort. Die Häme würde bei Nietzsche anfangen, im Stürmer fortgesetzt, ein »Kampfbegriff ist er für die Neue Rechte, und salonfähig wurde er durch die 68er-Kritik im Stil von Klaus Bittermanns Wörterbuch des Gutmenschen«. Letztlich liefe die Kritik auf die »Verachtung« des Menschen hinaus. Soso, nicht schlecht. Mal eine ganz neue Erfahrung, in der direkten Tradition von Nietzsche und Julius Streicher zu stehen. Da war sogar Wolfgang Schäuble differenzierter. Der hatte das »Wörterbuch des Gutmenschen« wenigstens gelesen. Jedenfalls zitierte er so ausführlich daraus, dass sich eine Interpretation erübrigte, denn ein Argument muss in jedem Kontext Bestand haben, und den hatte es. Das war immerhin fair, anders als das insinuierte Geraune von Evelyn »Schlimmer« Finger, der es nur darum ging, das »Wörterbuch des Gutmenschen« unter Naziverdacht zu stellen.Die von mir zusammen mit Gerhard Henschel und Wiglaf Droste herausgegebenen zwei Bände enthielten dabei überhaupt keine »68er-Kritik«. Da wäre es für Evelyn Finger nützlich gewesen, mal einen Blick in das Buch zu riskieren, es sei denn, sie kann eine Kritik an den 68ern als Generation nicht unterscheiden von einer Kritik, die u.a. auch 68er trifft wie eben jeden, der nachweislich Mist erzählt. Vielmehr enthält das Wörterbuch kurze Analysen des »Plapperjargons und der Gesinnungssprache«, z.B. solcher schaumsprachlichen Phrasen wie »Gerade wir als Deutsche«, »Mein Freund ist Ausländer«, »verkrustete Strukturen aufbrechen«, »dem Ansehen Deutschlands schaden«, »nicht den Rechten überlassen«, und wie bereits an der einen oder anderen immer wieder gern in den Mund genommenen Worthülse deutlich wird, dürften die Nazis kaum glücklich darüber sein, wie sie abgehandelt wurden. »Mit Nazis reden«? »Warum?«, schrieb Wiglaf Droste dazu. »Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins; dass man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarrenschachtelwelt passen. Ob man sie dafür einsperrt oder ob sie dafür auf den Obduktionstisch gelegt werden müssen, ist mir gleich, und wer vom Lager für andere träumt, kann gerne selbst hinein. Dort, in der deutschen Baracke, dürfen dann Leute wie Rainer Langhans, Wolfgang Niedecken und Christiane Ostrowski zu Besuch kommen und nach Herzenslust mit denen plaudern, zu denen es sie ständig zieht.« Und natürlich auch Evelyn Finger. Die darf das auch, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass auch sie davon ausgeht, dem »Ansehen Deutschland zu schaden«, wenn man nicht »mit Nazis redet«.Man muss auch nicht bis zu Nietzsche zurückgehen. Das tut nur jemand, der ein bisschen mit Wikipedia-Wissen protzen möchte. Was ein »Gutmensch« ist, erfährt man dadurch jedenfalls nicht. Zur Blüte gelangte sein Jargon in den 80ern, den Hochzeiten der Friedensbewegung, als man nationale Souveränität forderte und schwerst betroffen die »amerikanischen Besatzer« aus dem Land treiben wollte. Beides hat man inzwischen geschafft und deshalb ist das Gutmenschengeplapper seither kein Privileg mehr des linksliberalen Milieus. Inzwischen kann man diese Schaumsprache überall vernehmen, in der Talkshow genauso wie in einer Parlamentsrede für oder gegen die Abschaffung des Asylrechts. »Alle kleiden ihre Argumente in Phrasen der guten Absicht und des guten Willens. Die Gutmenschensprache hat ihren spezifischen Ort verloren, aus dem heraus sie entstanden ist: den Ort des Protests. Seitdem selbst der breit getretendste Mainstreamquark noch als oppositionelle Meinung verkauft wird, ist der Protest Allgemeingut geworden. Jetzt ist jeder gut, jeder Hundehalter ist heute ein Querdenker und fühlt sich als unbequemer Zeitgenosse, jeder Schrebergärtner hat heute eine ›Identität‹ und begreift sein Tun als ›Herausforderung‹«, hieß es im Nachwort der für eine TB-Ausgabe überarbeiteten Version des Wörterbuchs.Das ist jetzt neun Jahre her und nie hätte ich gedacht, auf so wundervolle Weise bestätigt zu werden, denn nun hat Kai Diekmann in »Der große Selbstbetrug« auch in Form eines Buches den Beweis angetreten, dass er zu jener Spezies Menschen gehört, die sich als »Querdenker« fühlen, aber eben nur Dicktuer sind. Kai Diekmann, werden Sie sagen? Muss man wirklich an jeder Mülltonne schnuppern, um zu wissen, dass es daraus stinkt? Ja, Sie haben recht. Muss man nicht. Dennoch lässt sich an ihm ein interessantes Phänomen beobachten. Fast 15 Jahre nach der Sprachanalyse des Gutmenschenjargons kommt Kai Diekmann nun auch auf den vermeintlichen Trichter, obwohl sich der Gutmensch in seiner ursprünglichen Bedeutung schon lange verabschiedet hat. Kai Diekmann lastet einfach alles vermeintlich und von Bild angeprangerte Übel den 68ern an, die er durch die Bank als »Gutmenschen« denunziert. Einen Begriff davon hat er nicht. Ein Gutmensch kann alles und jeder sein, sogar Kai Diekmann selber: »Auch ich bin … oft selbst der ›Gutmensch‹, über den ich mich lustig mache.« Bis auf diese »Ausnahme menschlicher Schwäche« (Göring) jedoch, ist ein Gutmensch einfach nur jemand, dem man alles in die Schuhe schieben kann, ein moderner Sündenbock. Es sind die »Schlechtredner« der deutschen Einheit, die, die hinter der DDR nicht sofort die »Fratze eines bankrotten Staatswesens unter dekadent-korrupter Führung« erblickt haben, die, die nicht gegen die »jahrzehntelange Kaputtsparerei beim Militär« protestiert haben, die, bei denen »Sexualverbrecher, Mörder und Ex-Terroristen auf größtmögliches Verständnis hoffen können«. Diekmann ist nichts dergleichen, aber er lebt von den Sexualverbrechern, Mördern und Ex-Terroristen. Und zwar gut. Jedenfalls ist er der presserechtlich verantwortliche Mann für einen täglich frisch aufgeschütteten Misthaufen, der sich Bild nennt, ein Mann wie ein Ölfilm, dem es geglückt ist, wie Gerhard Henschel schrieb, »sein Hobby – Latrinenparolen, Treppenhausklatsch und üble Nachrede – zum Beruf zu machen«. Jeder aufrechte Patriot müsste einen Anfall kriegen, wenn der »Unterhosenschnüffler« Kai Diekmann ständig seiner Sorge um »die Zukunft dieses Landes« Ausdruck verleiht und wenn er ständig von seiner befremdlichen »natürlichen Vaterlandsliebe« schwadroniert, aber statt auf Distanz zu dem Mann mit dem hohen Schmiergehalt zu gehen, haben sich Schirrmacher, di Lorenzo und Aust mit ihm gemein gemacht, indem sie kein böses Wort über ihren Kollegen in ihren Zeitungen zulassen. Diekmann kommt damit das Verdienst zu, ein Kloakenblatt salonfähig gemacht zu haben, das aber keineswegs, wie er dreist lügt, seriös geworden ist. Eher schon haben sich Zeit, Spiegel und FAZ auf das Niveau von Bild begeben. Und wenn selbst ein Michael Naumann, der genau um die Qualitäten von Bild weiß, sich dafür hergibt, Kai Diekmann aufzuwerten, indem er bei dessen Buchpräsentation mitwirkt, nur um im Oberbürgermeisterwahlkampf in Hamburg Bild gnädig zu stimmen, dann wird deutlich, dass Diekmann sie alle im Sack hat. Darin können sie sich dann alle gemeinsam Sorgen »um das Ansehen Deutschlands« machen. Dass sie selber dabei das größte Problem sind, fällt ihnen nicht auf. Und das ist ja irgendwie auch wieder tröstlich. Jedenfalls kommt einer, der noch alle Schweine im Rennen hat, erst gar nicht in die Versuchung, ein Land zu lieben, das von einer »Elite« regiert wird, die geistig und moralisch auf so niedrigem Niveau steht, dass sie sich von einem Strizzi wie Kai Diekmann herumkommandieren lässt.

Unter den Achseln ein Arier

Antoni Graf Sobanskis Alltagsbeobachtungen aus dem Nazideutschland

Je länger der Nationalsozialismus zurückliegt, desto mehr wird er in Deutschland bewältigt. So eifrig und gründlich die Identifikation mit dem Nationalsozialismus einst war, so eifrig und gründlich wird seine Aufarbeitung betrieben. Es wurden viele dicke Wälzer über ihn verfaßt und es gibt kaum einen Aspekt des Phänomens, der nicht bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet und dem nicht eine umfangreiche Studie gewidmet wurde. Nur einem Aspekt wurde nie allzugroße Aufmerksamkeit zuteil: der Lächerlichkeit Hitlers und seiner Anhänger, denn durch sie glaubte man, würden die Verbrechen in ihrer Bedeutung »relativiert«. Das jedenfalls war die in der Regel geäußerte Befürchtung, als Achim Greser in 44 Cartoons Hitler als kleines Würstchen darstellte, als Versager, Dilettanten und Kleinbürger. Über Hitler zu lachen wurde und wird immer noch als Frevel empfunden. Nur gut, daß sich Cartoons leicht ignorieren lassen.Es war eine Sache, die Naziverbrechen zu verabscheuen und auf ihrer Singularität zu beharren, eine andere war es zu begreifen, wie vollkommen alberne Figuren, die Hitler, Goebbels und Göring gewesen sind, zu dieser Macht kommen und diese Verheerungen anrichten konnten, vor allem, wenn man weiß, daß es nur wenige Menschen gab, »die die späteren Verbrechen des Regimes aus vollem Herzen bejahten, dafür aber eine große Zahl, die absolut bereit waren, sie dennoch auszuführen«, wie Hannah Arendt einmal bemerkte.Über dieses rätselhafte Phänomen erfährt man auch aus der 30. Gesamtdarstellung des NS nur wenig, schon gar nicht von den Betroffenen selber. Eine Ausnahme ist da Sebastian Haffner, der in seiner »Geschichte eines Deutschen« die Veränderungen in der Gesellschaft und in seiner näheren Umgebung registriert, die Zunahme von Brutalität und psychischer Verwahrlosung, den grenzenlosen Opportunismus und die idiotische Lächerlichkeit, die Entfremdung und Verlorenheit eines Individuums beschreibt.So aufschlußreich sind höchstens noch Zeitzeugnisse von Ausländern, die sich zeitweise in Deutschland aufhielten und die den ethnologischen Blick auf ein ihnen fremdes »Kulturvolk« hatten, wie z.B. Howard K. Smith in »Der Feind hört mit«.

Nun ist mit »Nachrichten aus Berlin 1933-1936« ein weiteres wichtiges Werk mit diesem Blick erschienen, das die Lektüre von zwei Kilo Fest ersetzen dürfte. Antoni Sobanski, einer »der aufgeklärtesten polnischen Aristokraten« und »ein Vorbild für Eleganz, Geschmack, distiguierte Umgangsformen und ähnliche Tugenden«, wie ihn Witold Gombrowski beschrieb, hatte 33, 34 und 36 Berlin und Nürnberg besucht und in mehreren Reportagen über seine Eindrücke vom Alltag der Deutschen berichtet. Gerade weil Sobanski kein Linker war und versucht, der »nationalsozialistischen Revolution« ohne Vorbehalte gegenüberzutreten, hat seine stilistisch brillante Aufdeckung der deutschen Mentalität großen Witz und gewährt einen tiefen Einblick in die deutsche Seele. Die vielen für sich vielleicht unbedeutenden Beobachtungen aus dem gesellschaftlichen Leben der Berliner ergeben dabei ein faszinierendes Kaleidoskop, das die Fremdheit, das Lächerliche und das Absurde sich in voller Pracht entfalten läßt.

1934 im Frühsommer: Nach der ersten Terrorwelle herrscht ein Klima der Angst. Überall sind Uniformen zu sehen, und zwar nicht nur die mit dem »häßlichsten aller Brauntöne«, sondern derartig viele verschiedene, daß man offensichtlich leicht den Überblick verlieren konnte. »Nur eine verschwindend kleine Anzahl junger Leute in Berlin gehört keiner Organisation an.« Ebenso verwirrend scheint die Vielfalt der diversen Abzeichen gewesen zu sein und es erforderte schon ein kleines Spezialstudium, um zu wissen, welches Abzeichen an welcher Uniform wo getragen werden durfte. Die Cafés der Bohème sind geöffnet, aber leer. In einem Lokal, dessen Bewirtschaftung »rein national« ist, erheben sich die Gäste oft »und trinken ihr Bier im Stehen, ein sehr kompliziertes Ritual. Es ist mir nicht gelungen, alle seine Geheimnisse aufzudecken.« Die Nazis versuchten, den Alltag der Deutschen bis ins kleinste zu reglementieren und ein »Nationales Amt für Mode« entwarf sogar »Vorschriften für Eintänzerinnen über die Tiefe ihres Ausschnitts«. Sobanski berichtet weiter über den Versuch, die Prostitution abzuschaffen mit dem Ergebnis, daß die Frauen drei Tage nach einer großen Razzia »wieder ihre alten Posten bezogen, etwas wund, aber mit nationalsozialistischem Abzeichen an der Brust.« Es ist die Zeit der zahlreichen Selbstmorde »aus unbekannten Gründen«. Und Sobanski fügt sarkastisch hinzu: »Ja doch, das muss eine Revolution sein.«

Sobanski war auch Zeuge der Bücherverbrennung, die in ihm, dem Bildungsbürger, zwar »große Traurigkeit« auslöste über ein »Volk, das diese Schande auf sich lud«, und darüber, »als gaffender Ausländer Zeuge dieser ›Familienschande‹ gewesen zu sein«, ihn aber nicht davon abhielt, die Veranstaltung als ziemlich mißlungene Inszenierung zu beschreiben, die nichts mit der späteren »hysterischen« Darstellung in der Presse zu tun hatte. Der Umzug war so unscheinbar, daß er nicht den kleinsten Menschenauflauf verursachte, und auch Straßen mußten deshalb nicht gesperrt werden. Die Menge auf den Platz begrüßte den Umzug nicht, »das Interesse auf den Gesichtern fiel in die Kategorie mittelmäßig«. Dann sprach Goebbels. »Keine Redeparodie könnte diesen demagogischen Ton wiedergeben. Bei mir ruft das Original schon Lachen hervor. Nach der kurzen Ansprache des Propagandaministers jubelten ihm nur die ihm am nächsten Stehenden zu, der Rest glotzte teilnahmslos.« Nach dem Ende des Zeremoniells ging die Menge schnell auseinander. Die Feuerwehr löschte das Feuer und Andenkenjäger wühlten in der Asche, um unter dem Motto »dem Feuer entrissen« die Trophäen auf »wahren Auktionen« zu verscherbeln. »Als kleiner Lichtblick in dieser traurigen Geschichte sei noch erwähnt, daß die Studenten auf den Lastwagen während des Umzugs eifrig nach pikanten Werken suchten und für sich zur Seite legten.« Sobanski wertet das als Zeichen, daß »die Jugend menschlich geblieben ist«, eine zwar gewagte These, die aber zeigt, daß er durchaus auch nach positiven Aspekten in den deprimierenden Ereignissen suchte.

Vollkommen abstoßend erscheint Sobanski hingegen der staatlich verordnete Antisemitismus, und auch wenn er ihm von seinen Landsleuten nicht unbekannt gewesen sein dürfte, so machte es doch einen Unterschied, ob eine offensichtlich schwachsinnige Ideologie ein Dasein im gesellschaftlichen Bodensatz fristete, wo er schlimm genug war, aber nicht die Schäden anrichten konnte wie der Antisemitismus, der zur offiziellen Staatsreligion aufgestiegen war. So beschreibt Sobanski, wie er in der Geschäftsstelle der Zeitung »Der Angriff« das Buch »Juden sehen Dich an« vom Sekretär des deutschen PEN-Clubs Johann von Leers durchblättert, das ihm von einem Bekannten empfohlen worden war: »Unwillkürlich steigt in mir nervöses Lachen auf. Die Straße vor dem Fenster, die Redaktion, in der ich sitze, der Herr hinter der Theke – all das spricht dafür, dass ich mich in der zivilisierten Welt befinde. Und dann dieses unglaubliche Dokument der Verwilderung!«, in dem sechs Gruppen unterschieden wurden: »Blutjuden, Lügenjuden, Betrugsjuden, Zersetzungsjuden, Kunstjuden und Geldjuden.«

Was bei jemanden wie Sobanski fassungsloses Staunen und Horror auslöst, wird von den Deutschen schweigend und achselzuckend, vielleicht auch peinlich berührt hingenommen, aber eben hingenommen. Das ist nicht weniger merkwürdig wie das geduldige Ertragen der bis zu einer Stunde dauernden Wochenschau vor Filmbeginn, in der »wilde, mit demagogischem Gebrüll vorgetragene Erklärungen« abgegeben wurden. »Albern sieht dabei nur der Führer selbst aus, obwohl nur er allein bei jedem Erscheinen auf der Leinwand tosenden Applaus hervorruft.«Sobanski kann bei diesem Irrsinn gar nicht anders als sich mit feinem Witz über die Rassevorstellungen der Nazis lustig zu machen, ohne dabei sonderlich übertreiben zu müssen: »Alle bekannten Leitlinien der Zucht werden auf die menschliche Rasse angewandt. Wie bei den Kühen wird es in Zukunft Menschen der ersten, der zweiten usw. Kategorien geben. (…) Man hört den Spruch: ›Wir müssen uns vernorden.‹ Von einer Frau mit blondiertem Haar heißt es scherzhaft: ›Sie hat sich vernordet.‹ Eine Breslauer Zeitung berichtete vollen Ernstes, sie hätte ›aus sicherer Quelle‹ erfahren, dass Hitler, obwohl er einen schwarzen Schnurrbart trägt, unter der Achsel blond sei.« Wenigstens unter der Achsel ein Arier. Wie wenig die nationalsozialistische Nomenklatura den eigenen rassischen Kriterien entsprach, die zur Verfolgung und Aussonderung von Juden, Homosexuellen und Transvestiten dienten, war so offensichtlich, daß man es nur mit einem dicken Brett vor dem Kopf ignorieren konnte. »In Hitlers nächster Umgebung dagegen gibt es einige, denen offenkundig der Instinkt für die ›Arterhaltung‹ fehlt«, drückte es Sobanski in Anspielung auf Görings Homosexualität mit feiner Ironie aus.

1934 reist Sobanski wieder zurück nach Polen. Einer seiner Eindrücke: »Eine Höhle, eine Keule und ein behaarter Ehemann, der sich schützend vor seine Frau mit fliehender Stirn stellt – solche Bilder bekommt man vor Augen, wenn man in dieser Atmosphäre der Verherrlichung von Stammesdenken lebt.«Ein Jahr später wieder in Berlin sieht wieder alles anders aus. Die erste Terrorwelle ist vorbei, das Leben bricht sich wieder Bahn. Plötzlich spürt Sobanski eine »warme Herzlichkeit« der Leute auf den Straßen. Die Cafés sind wieder gefüllt, die Zahl der Uniformierten hat stark abgenommen, vom »Nationalen Amt für Mode« ist nichts mehr zu hören, die Bohème blüht wieder auf, und auch Kurzberichte über Selbstmorde in der Rubrik »Vermischtes« entdeckt man nur noch selten. Nur im Journalismus herrscht hundertprozentige Gleichschaltung, so daß sogar Goebbels die Presse dazu aufruft, den Zeitungen wieder »ein individuelles Antlitz zu verleihen und konstruktive Kritik am Regime zu üben«. Letzteres ist natürlich nicht so gemeint und auch ein wenig hinterhältig, denn als ein Journalist in der Landwirtschaftszeitschrift »Grüne Post« sanfte Kritik an den Bedingungen übt, unter denen die Presse arbeiten muß, wird das Blatt drei Monate aus dem Verkehr gezogen.

Ein drittes Mal reist Sobanski 1936 nach Nürnberg auf den Parteitag, der eine einzige riesige Masseninszenierung ist. Ein Highlight ist eine Pressekonferenz von Julius Streicher, der »selbst unter den Kollegen der Hitler-Elite als ehrlicher Psychopath gilt«, und allein die Beschreibung dieser absurden Veranstaltung verdient es, ausführlich zitiert zu werden, weil sie einen Eindruck von der Normalität des Irrsinns verschafft (die, wie man sehen wird, auch heute noch am Werke ist): »Nun betritt Streicher den Saal. Ein dicker, untersetzter Mann mit einer Hakennase und schmaler Stirn. Feierlich, aber rasch mit erhobenen Händchen, schreitet er durch den ganzen Saal. Anschließend werden wir ihm alle der Reihe nach vorgestellt. Die meisten verneigen sich tief – sie fühlen sich ausgesprochen geehrt. Nach dem Abschreiten ›unserer Front‹ stellt er sich hinter den Tisch und redet eine halbe Stunde. Er ist ein Fanatiker mit rabiater Diktion. Einen Journalisten (…) nennt er ›einen Schweinehund‹. (…) Er spricht wie ein Papst zu abreisenden Missionaren.« Auf der einen Seite betont Streicher, daß die Deutschen nicht die Absicht hätten, das Judentum in allen anderen Ländern zu bekämpfen, auf der anderen Seite betont Streicher, daß die Judenfrage nicht ohne Blutvergießen gelöst werden könne. »Ich schaue in den Saal: in der ersten Reihe ein fettleibiger, olivenfarbiger und abstoßender Italiener mit rabenschwarzem Haar, lüstern hervorquellenden Lippen und Hakennase. Ein hervorragendes Gesicht für die erste Seite des ›Stürmer‹. Jemanden, der weiter vom Ariertum entfernt ist, kann man sich schwer vorstellen. Aber für Streicher ist er ein Bruder.«Später folgt die Eröffnung des Parteitags mit einer Rede Hitlers, in der er u.a. die »Wiedergeburt des deutschen Theaters« feiert. Jeder weiß, daß das deutsche Theater ohne die jüdischen Schauspieler völlig auf den Hund gekommen ist. Aber der Theaterexperte Hitler »läßt uns süffisant wissen, all das habe man erreicht, ohne dass sich ein einziger Jude daran beteiligte. (…) Göring schüttelt sich vor Lachen regelrecht aus. Er hopst in seinem Sessel wie ein Ball auf und ab und klatscht dabei spärlich in seine fetten Hände. (…) Sein weibliches Gesicht wird dabei fürchterlich rosa, fast lachsfarben. Aus seiner Gestalt sprudelt grenzenloser infantiler Sadismus. So muss Nero ausgesehen haben, als er den Brand Roms besungen und auf der Lyra begleitet hat. Schade, dass wir Charles Laughton nie in der Rolle des preußischen Premiers erleben werden.«

Trotz Masseninszenierung, Fahnenmeer, Lichtdom mit 150 Flakscheinwerfern, unendlichen Paraden und Reden, die die Macht und die Pracht des Systems ins rechte Licht rücken sollten, bleibt Sobanski skeptisch. Immerhin, so glaubt er, scheint das System keinen Krieg zu wollen und auch keinen zu erwarten. Kein Wunder, damals waren die Nazis ja auch noch nicht soweit. Drei Jahren später hatte sich das geändert. Aber entscheidend ist nicht die unzutreffende Voraussage von Sobanski, sondern daß er die richtige Frage gestellt hat: Warum haben sich bestimmte gesellschaftliche Gruppen und Parteien in Deutschland, die z.T. nicht mal von der Repression betroffen gewesen waren und fest im Sattel des Staatsapparats saßen, so »offenkundig feige« verhalten? Sobanski meint, weil »die Deutschen ihrer Natur nach schlicht unfähig sind, aus der Reihe zu tanzen.« Als Erklärung vielleicht etwas schlicht, aber ganz so einfach erschließt sich einem polyglotten Polen eben nicht, warum die Deutschen einem albernen Gnom wie Hitler hinterhergerannt sind. Ein Buch von unschätzbarem Wert, weil es Alltagsbeobachtungen aus dem Nazideutschland aus erster Hand enthält, wie man sie selten zu lesen bekommt, niedergeschrieben von einem großartigen Autor, der eine feine Beobachtungsgabe hatte und der mit Witz, Stil und Verstand viel Erhellendes und Unerwartetes aus dem merkwürdigen Universum mit seinen merkwürdigen Eingeborenen berichtete.

Antoni Graf Sobanski »Nachrichten aus Berlin 1933-1936«, Berlin 2007, Parthas Verlag, Aus dem Polnischen von Barbara Kulinska-Krautmann.

Das Paradies schmecken

Nick Tosches auf der Suche nach der letzten Opiumhöhle

Nick Tosches ist ein seltener Glücksfall für die Literatur. Er hat nie an einer Universität studiert, er hat nicht bereits nach dem Schulabschluß gewichtige Lyrik verfaßt, d.h. er hat nichts getan, was den Geschmack an Literatur hätte verderben können, vielmehr wuchs er in einer Gegend auf, in der es, wie er schrieb, »keine Bücher, aber viele Buchmacher gab«. Außerdem ging er in seiner »herrlich vergeudeten Jugend« lieber ins Kino, um Mädchen kennenzulernen. Er wuchs als Sohn eines Barkeepers auf, verließ die Schule mit 14 und schlug sich als Kellner durch. Später arbeitete als Schlangenfänger in Miami, aber nachdem er von einer gebissen wurde, kehrte er nach New York zurück und begann dort eine erstaunliche Laufbahn als Journalist und Schriftsteller. Er hatte bereits eine Menge mitgemacht, bevor er seine eigentlich Profession entdeckte. Daß es sich bei ihm um die Prosa eines erfahrungsarmen Lebens handeln könnte, auf diesen Gedanken wird man bei Tosches nie kommen. Wenn er von jemanden beeinflußt wurde, dann vielleicht am ehesten von Hunter S. Thompson oder Lester Bangs und dem Gonzo-Stil, den die beiden auf ihre Weise pflegten und der immer etwas Rohes, Vehementes und Existentialistisches hatte, also eine Herausforderung für den Autor und den Leser bedeutete.Anders aber als seine Kollegen machte sich Tosches vor allem als großer Biograph einen Namen, man kann sogar sagen, er hat das Gewerbe des Biographieschreibens revolutioniert, denn niemals ist ein von ihm aufgeschriebenes Leben routiniert runtererzählt, sondern Tosches verfolgt jede scheinbar nebensächliche Spur, zieht überraschende Schlüsse und präsentiert das Leben der Porträtierten als großen Plot. Er hat die definitive Geschichte von Dean Martin geschrieben, die, weit entfernt davon nur eine Biographie zu sein, den gesamten Kosmos des Rat-Pack und der Mafia aufblättert. Er hat Sonny Liston noch einmal auferstehen lassen und er hat sich Jerry Lee Lewis angenommen, »das schönste Buch, das jemals über einen Rock‘n‘Roll-Musiker geschrieben wurde – nichts kommt ihm gleich«, wie Greil Marcus begeistert schrieb. Fasziniert vom Verbrechen, das ihm in seiner Jugend nicht fremd gewesen ist, schrieb er auch den großen Roman über den Paten.Jetzt ist eine kleine Auswahl seiner journalistischen Arbeiten erschienen, Artikel, Reportagen und Interviews unter dem Titel »Muddy Waters isst selten Fisch«. Über die Auswahl zu meckern ist müßig, denn letztlich ist sie immer willkürlich. Und deshalb folgt hier auch kein ABER. Die Texte haben einfach eine sehr unterschiedliche Form und nicht alle sind gelungen, aber eine Textsammlung ist wie eine Platte: Wenn zwei oder drei gute Stücke auf einer Scheibe sind, ist das bereits eine Menge. Und das Buch hat ein paar gute Stücke mehr als nur zwei oder drei. Z.B. die Spekulationen über die Gemeinsamkeiten von J. Edgar Hoover und William Burroughs, der den verrückten FBI-Chef in seinem wohl berühmtesten Buch »Naked Lunch« als Tunte im roten Kleid und Federboa, mit Strapsen, Spitzenstrümpfen, Stilettos und zwei Jungs in Leder auftreten läßt. In einem Artikel über Elvis erfährt man, daß der größte Fehler Dylans gewesen sei, nicht bei seinem Motorradunglück zu sterben, und wenn man die Beschreibung des posthumen Hypes um Elvis liest, ist der These durchaus eine gewisse Plausibilität nicht abzusprechen. Robert de Niro, den Schweigsamen, an dem sich schon viele Interviewer die Zähne ausgebissen haben, hat er zum Reden gebracht, was nicht einfach ist, wenn man sich mit dem Mann konfrontiert sieht, der in »Taxidriver« in den Spiegel schaut und fragt: »Redest du mit mir?«Die beste Geschichte, für die sich allein das Buch zu kaufen lohnt, abgesehen vom Nachwort von Franz Dobler, das eigentlich gar kein Nachwort ist, auch keine Eloge, Bauchpinselei oder konventionelle Kritik, sondern eben etwas, worauf man als Autor sein Leben lang wartet, und das meistens vergeblich, was der Grund dafür ist, daß die meisten immer weiter machen, während sie in diesem Fall zufrieden und mit sich selbst im reinen auch einfach den Löffel abgeben könnten… Aber zurück zum Satzanfang: Die beste und auch längste Geschichte ist »Die letzte Opiumhöhle«. Tosches versucht nicht nur, dem Geheimnis des Glücks mit Thomas De Quincey literarisch auf die Spur zu kommen, der schrieb: »Ich glaube nicht, dass jemand, der einmal den himmlischen Genuss des Opiums kennengelernt hat, je wieder zu den rohen irdischen Freuden des Alkohols hinabsteigt.« Tosches gibt nicht nur einen historischen Abriß der Mohnblumendroge und des Opiumrauchens, das in China schon um 1500 herum praktiziert wurde und bei dem sich alle einig waren, daß keiner, der den »gefährlichen Blick in das Paradies« gewagt hatte, unverändert wiederkehrt. Aus diesem Grund wurde der Betrieb von Opiumhöhlen, die sich mit der chinesischen Bevölkerung über ganz Amerika ausbreiteten und die man heute nur noch aus den Hollywood-Filmen kennt, bald mit allen Mitteln untersagt.Nein, Tosches begab sich selber auf die Suche nach der letzten Opiumhöhle. Aber im Verlauf der letzten zwanzig Jahre waren selbst in Asien die Opiumhöhlen verschwunden und mit ihnen die alten Raucher. Mit Heroin war mehr Geld zu verdienen und das auch noch auf viel schnellere Weise. Nach langer Suche wird Tosches schließlich im Sumpfgebiet des Mekong fündig, in einer armseligen Hütte auf Stelzen zwischen Ästen und raschelnden Zweigen. Dort wird Tosches in das nicht ganz einfache Ritual des Opiumrauchens eingeweiht, »köstlicher Duft, schöner als der aller Gärten, das Aroma nie gesehener und nie gekannter Blumen, umhüllt uns… Ich werde hier nicht vom Opium schwärmen«, schreibt Tosches und kann dennoch nicht anders, als zu einer großen Eloge anzuheben: »Ich sage nur so viel: es ist das perfekte Rauschmittel. Es gibt nichts Vergleichbares. In unseren Zeiten, in denen so viele Tabletten geschluckt werden, löst es alles ein, was Drogen wie Prozac versprechen. All der vorsintflutliche Mumpitz wie Serotoninhemmer, die Scheußlichkeiten Freuds, die Ansammlung iatrogener Störungen … vergeßt es. … Das ist nach meiner Überzeugung auch der Grund, weshalb dieses köstlichste und feinste, dieses am wenigsten abstumpfende alle Rauschmittel – noch weniger sogar als Marihuana – trotzdem so abhängig macht. Wie sollte es auch anders sein, wenn man das Paradies schmeckt?« Und man fragt sich: Warum gibt es hier eigentlich keine Opiumhöhlen, wo doch sonst jeder bescheuerte Trend aufgegriffen wird.Von einem berühmten Journalisten liest man nicht alle Tage ein Plädoyer für die Sucht. Günter Grass hätte da schwerste Bedenken anzumelden gehabt, und nachdem er sie ausgebreitet hätte, hätte man nach der Lektüre womöglich tatsächlich jede Lust an der schönsten aller Drogen verloren. Und das wäre schade, denn der Unterschied zwischen Opium und die Finger davon lassen ist so fundamental wie zwischen Tosches und Grass, also zwischen einem Schriftsteller und einem Kulturbetriebsintriganten.

Der Una-Bomber der amerikanischen Literatur

Hunter S. Thompson irrt durch das »Königreich der Angst«

Dieses Buch wurde nachts verfaßt, wenn die Besucher und Nachbarn, die gekommen waren, um sich irgendwelche Baseball- oder Basketballspiele im Fernsehen anzusehen und Wetten abzuschließen, wieder nach Hause gewankt waren. Dann saß Hunter S. Thompson »vor dieser gottverdammten Schreibmaschine, ein leeres Glas neben mir, eine nicht angezündete Zigarette zwischen den Lippen und auf dem Fernsehschirm eine nackte Frau, die ‚Porgy & Bess‘ singt.« Hunter S. Thompson zimmerte fleißig an diesem Mythos des verrückten Außenseiters, der immer noch weiter machte, wenn schon alle die Waffen gestreckt hatten. Und warum auch nicht? Abgesehen von kleineren und größeren Ausmalungen stimmte es ja auch. Sein Leben hatte nur entfernte Ähnlichkeiten mit dem Leben, das ein Schriftsteller für gewöhnlich führt, jedenfalls Schriftsteller, die auf ihre Buchproduktion genauso achten wie auf ihre Gesundheit und deren Literatur die Ausstrahlung von Birkenstockschuhen besitzt.

Und von diesem ungewöhnlichen Leben legte Hunter S.Thompson zuletzt 2003, zwei Jahre vor seinem spektakulären Selbstmord, mit »Kingdom of Fear« noch einmal Zeugnis ab, das jetzt unter dem Titel »Königreich der Angst« auf deutsch erschienen ist. Und auch in diesem Buch erweist sich der »Una-Bomber der amerikanischen Literatur«, wie ihn Time einmal bezeichnet hat, als großer Erzähler und hervorragender Stilist, der Witz und Charme hat, aber auch grob werden kann, wenn er es für angemessen hält.Häufig ist zu vernehmen, daß Hunter S.Thompson seit »Hell‘s Angels« und »Fear and Loathing in Las Vegas« nichts mehr Großes gelungen sei. Dahinter steckt die Erwartung, daß Hunter S. Thompson das später verfilmte »Angst und Schrecken«-Buch noch einmal in etwas abgewandelter Form hätte schreiben sollen, also das zu tun, was andere Autoren zweifellos sofort getan hätten, nämlich an der Schraube der Wiederholung zu drehen und eine Idee zu Tode zu reiten. Hunter S. Thompson hat das nicht getan und mit »Königreich der Angst« ein Buch vorgelegt, das sich mit seinen frühen Erfolgen durchaus messen kann, auch wenn in dieser als seine Memoiren geltenden Schrift häufig nur Artikel zweitverwertet wurden. Das macht aber nichts, weil Hunter S. Thompson sowieso nie eine klassische, linear erzählte Lebenserinnerung geschrieben hätte. Und deshalb erfährt man nichts über die Zeit, als er mit den Hell‘s Angels oder seinem übergewichtigen samoanischen Anwalt herumzog. Das alles hatte er bereits erzählt, und warum es noch einmal erzählen, wenn er überzeugt ist, daß es besser nicht zu machen ist?

Hunter S. Thompson schreibt über sein Leben als jugendlicher Straftäter: »Ich war Billy the Kid aus Louisville. Ich war ›kriminell‹: Ich stahl, zerstörte mutwillig, trank. Mehr muß man als Krimineller ja auch nicht tun.« Er macht sich über den nationalen Nervenzusammenbruch lustig, der in Amerika nach dem 11. September einsetzte, über die staatlich verordnete Hysterie, alles zu überwachen, zu kontrollieren und am besten gleich wegzusperren, bevor »dunkelhäutige Terroristen« das »ganze gottverdammte Land in Schutt und Asche legen«. Dazwischen eingestreut tauchen Zeitungsartikel, Kommentare, Briefe und detaillierte Gedächtnisprotokolle über einen Fall auf, in dem Hunter S. Thompson die Hauptrolle spielte und an deren Zurechtrückung ihm viel lag, denn zum ersten Mal rückte ihm ein obsessiver Staatsanwalt bedrohlich nah auf die Pelle und will ihn wegen einiger Krümel Drogen ein paar Jahre hinter Gitter schicken. Eine Journalistin, die früher im »Sex-Business« tätig war, will unbedingt ein Interview. Hunter S. Thompson hat keine Lust, aber sie erweist sich als aufdringlich und hartnäckig und schafft es schließlich, zur Owl-Farm vorgelassen zu werden. Was sich dort abspielt, darüber gibt es unterschiedliche Darstellungen. Die Journalistin behauptet, sexuell belästigt worden zu sein, und erstattet Anzeige. Daraufhin wird die Staatsanwaltschaft aktiv und ordnet eine Hausdurchsuchung an. Es werden geringe Mengen von Drogen gefunden. Es kommt zum Prozeß, der jedoch für die Staatsanwaltschaft zur Farce gerät, denn nie hatte Hunter S.Thompson einen Hehl aus seinem Drogenkonsum gemacht. Und tatsächlich weist der Richter sämtliche Anklagepunkte ab. »Der Schuß ist nach hinten losgegangen«, schreibt Thompson später euphorisch. »Sie sind allesamt verloren. Schon bald werden sie im Gefängnis sitzen. Diese Hundesöhne besitzen nicht mehr Respekt vor dem Gesetz als das Diebesgesindel in Washington. Sie wird dasselbe Schicksal ereilen wie Charles Manson und Neil Bush.«

Die lustigste Geschichte in diesem Episoden-Buch heißt »Hiiiiiiiiiier ist Johnny! Angst und Schrecken vor Jacks Haus…« und handelt von einem Geburtstagsbesuch, den Hunter S. Thompson Jack Nicholson abstattet und der zu einem totalen Fiasko gerät, weil Thompson es für eine gute Idee hält, irgendwann gegen drei Uhr in der Nacht das einsam in einer Schlucht gelegene Haus von Nicholson mit der Tonbandaufnahme vom Todeskampf eines Schweins zu beschallen, das lebendig von einem Bären gefressen wird, und einen Suchscheinwerfer mit einer Million Watt auf das Anwesen zu richten, außerdem ein bißchen mit einer Neun-Millimeter-Pistole von Smith & Wesson herumzuballern und ein blutiges Wapitiherz an die Tür zu lehnen. Da sich Jack Nicholson bei diesem Frontalangriff verständlicherweise verbarrikadiert und das Licht löscht, fährt Thompson auf seine Owl-Farm zurück, um am nächsten Morgen zu erfahren, daß die gesamte Polizei des County auf der Suche nach einem Durchgeknallten ist, der Jack Nicholson und seine Familie abschlachten wollte. Genau wie in »Shining«.

Wer bei der Lektüre dieser Seiten keinen Lachkoller bekommt, hat von hochkomischer Literatur keine Ahnung. Klar, Reich-Ranicki würde mit diesem großartigen Buch nichts anfangen können.Und das ist auch gut so. Das Prinzip der Bügelfalte in der Literatur, das Alfred Döblin an Thomas Mann spöttisch konstatierte und das Reich-Ranicki an dem gleichen Mann bewundert, wird man bei Hunter S. Thompson vergeblich suchen. Bei ihm geht es um existentielle Dinge, um die Angst und um den Schrecken, die vom amerikanischen Traum übrig geblieben sind, und niemand kann diese bedrohliche Seite des Lebens besser beschreiben. Der Leser wird mit großer suggestiver Kraft in ein Szenario gesogen, das sich verselbständigt und plötzlich mit Thompsons sarkastischem Witz konfrontiert wird: »Wir schreiben das letzte und chaotische Jahr des Amerikanischen Jahrhunderts, und die Leute werden nervös. Hamsterer wagen sich hervor, murmeln düstere Prophezeiungen wegen der Jahrtausendwende und kaufen den Rindereintopf von Dinty Moore gleich kistenweise… Ich persönlich hamstere Munition, viele Tausende Patronen. Kugeln werden sich immer als nützlich erweisen, besonders wenn das Licht ausgeht und das Telefon plötzlich tot ist und die Nachbarn hungrig ausschwärmen. Spätestens dann stellst du fest, wer deine Freunde sind. Selbst enge Verwandte wenden sich gegen dich. Nach dem Jahr 2000 werden die einzigen Freunde, vor denen du dich sicher fühlen kannst, die toten Freunde sein.«

Über Hunter S. Thomspon wurden fünf Biografien geschrieben und weitere werden folgen. Sein Name wird im Internet häufiger genannt als die von William Burroughs, Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Norman Mailer und Tom Wolfe zusammen, und wer »aus dem Leben des letzten amerikanischen Rebellen« etwas wissen will –und wollen wir das nicht alle? Vorausgesetzt wir interessieren uns überhaupt noch für etwas –, kommt um dieses Buch nicht herum. Es sollte zu Aufklärungszwecken an alle Schulen verteilt werden. Man kann schließlich nicht früh genug damit anfangen, junge Menschen zu verderben und mit richtiger Literatur zu konfrontieren.

Über die Verletzung religiöser Gefühle

Henryk M. Broders Aufklärungsbüchlein über den Islam

Henryk M. Broder ist einer der wenigen Provokateure de Luxe, die es in Deutschland noch gibt, und ich meine das als Auszeichnung, er ist einer der wenigen verbliebenen begnadeten Polemiker, die aus dem klassischen Antrieb der Aufklärung heraus schreiben, einer der wenigen scharfsinnigen Ideologiekritiker, die ihr Handwerk verstehen, nachdem Wolfgang Pohrt verstummt und Eike Geisel verstorben ist, Christian Schultz-Gerstein sich zu Tode gesoffen und Lothar Baier Selbstmord begangen hat. Broder ist dabei kein Provokateur um der Provokation willen. Er tut nichts weiter, als nachzuweisen, welche ungeheuren Dinge sich in Gesellschaft und Politik abspielen, und das wird ihm in der Regel übel genommen. In seinem neuen Buch „Hurrah, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken“ beschreibt er, wie der islamistische Terror in den westlichen Gesellschaft auf großes Verständnis trifft und welche kuriosen Rechtfertigungen und Entschuldigungen sie hervorrufen.Zuletzt war es der Papst selbst, der ins Visier der Islamisten geraten ist, und zwar nicht durch eine kritische Äußerung gegenüber der Konkurrenz, die schließlich auf dem freien Markt in den selben trüben Gewässern fischt und deshalb nicht verlangen kann, mit Samthandschuhen angefaßt zu werden, sondern durch ein Zitat über den Zusammenhang von Gewalt und Religion, den zu leugnen so doof wäre wie es nicht mal der Papst ist. Nach den Protesten einiger Muslimbruderschaften, die sogleich einige Eiferer aufmarschieren ließen, knickte der Papst ein und bedauerte eilfertig, „daß einige Passagen seiner Rede als Beleidigung des Empfindens gläubiger Muslime klingen konnten und daß sie in einer Weise interpretiert wurden, die keinesfalls seinen Intentionen entspricht“, wie ein Vatikan-Sprecher verlauten ließ. Und dieser Vorgang ist symptomatisch für das defensive Verhalten gegenüber radikalen Islamisten.Diese Diagnose stellt auch Broder und veranschaulicht sie mit den antimoslemischen Karikaturen in der „Jyllands Posten“, indem er beschreibt, welche verrückten und absurden Reaktionen sie hervorgerufen haben. Man erinnert sich vielleicht an die erschütternde Harmlosigkeit der Karikaturen. Dennoch fühlte sich ein fundamentalistischer Imam in Dänemark beleidigt, „der schon mit der Feststellung aufgefallen ist, Frauen seien ‚ein Instrument des Satans gegen Männer‘“. Um die Reaktionen in den islamischen Ländern ein bißchen anzufeuern, tauchten plötzlich drei weitere Karikaturen auf, die nie in „Jyllands Posten“ erschienen sind, aber „ein paar Zacken schärfer sind: der Prophet als pädophiler Teufel, mit Schweineohren und beim Sex mit einem Hund.“ Die Propagandamaschine lief an, der Mob wurde mobilisiert mit der Folge, daß in Damaskus die dänische Botschaft angezündet, in Beirut sogar niedergebrannt wird.Sind diese Vorgänge schon absurd genug, zeigt Broder, wie nun ein Vorgang einsetzt, der noch erheblich absurder ist. Die westlichen Staaten bemühen sich um „Deeskalation“: „Der britische Außenminister Jack Straw nannte die Veröffentlichung der Karikaturen ‚unnötig, unsensibel, respektlos und falsch‘; der Observer versprach: ‚Erhöhte islamische Sensibilität ist etwas, dem wir in Zukunft Rechnung tragen müssen‘, der Daily Telegraph äußerte angesichts der Krawalle vor seiner Haustür ‚Respekt vor dem Islam, dieser reinsten und abstraktesten aller monotheistischen Religionen‘, und auch die Times schrieb sich ihre Zurückhaltung schön: ‚Dies ist kein Appeasement sondern verantwortlicher Umgang mit dem Recht auf freie Rede.‘“In Deutschland übernahm Günter Grass die Rolle des Deeskalierers und sprach von einer „bewußten und geplanten Provokation eines konservativen dänischen Blattes“, die gewalttätigen Ausschreitungen seien hingegen eine „fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Tat.“ Grass erinnerten die Karikaturen gar „an die berühmte Zeitung der Nazi-Zeit, den Stürmer. Dort wurden antisemitische Karikaturen desselben Stils veröffentlicht“. Da Grass bei der SS gewesen ist, sollte man meinen, er wüßte, wovon er spricht, aber daß es sich um Stürmer-Karikaturen handelt, ist großer Käse, der allerdings nicht groß genug ist, um nicht vom Fraktionschef der Grünen Fritz Kuhn wiedergekäut zu werden. Und so ging es durch die Reihen sämtlicher Parteien, die sich selber ermahnten, nur „keinen Beitrag zur Eskalation“ zu leisten, ganz im Gegenteil müsse man „den Dialog mit dem Islam verstärken“, und Gerhard Schröder rief die Europäer zu „größerem Verständnis für die Gefühle der Muslime“ auf.Diese Probleme haben die Islamisten nicht. Quasi als Rache wurde in Teheran, wie der Economist (21.9.06) berichtet, unter der Schirmherrschaft von Mahmoud Ahmadinedschad eine Ausstellung mit Karikaturen über den Holocaust eröffnet. Ahmadinedschad lud dazu auch Angela Merkel ein und bedauerte in einem Brief, daß über den Besiegten des 2. Weltkriegs immer noch „schwarze Wolken der Erniedrigung und der Scham“ hingen, während doch Israel „der größte Feind der Menschheit“ sei.Henryk M. Broder nimmt seine Leser unter Dauerbeschuß. Er reiht ein Zitat an das andere, und eins ist ungeheuerlicher und abstruser als das andere. Man muß sie nicht erklären oder analysieren. Sie sprechen für sich. Henryk M. Broder ist ein großer Zitaten-Sammler, der seine Schätze genüßlich ausbreitet und der besessen davon ist, sie in möglichst großer Ausführlichkeit zu dokumentieren, um sie der Nachwelt zu überliefern. Er hat sich damit große Verdienste erworben. Die Aneinanderreihung merkwürdiger Aussagen würde in dieser Überdosis jedoch schnell ihren Reiz verlieren, wenn Broder sie nicht glossieren und ironisch kommentieren würde, denn das ist die einzige Möglichkeit, mit dem Material angemessen umzugehen. Und erhöht ungemein die Lust am Text, denn man kommt nicht nur aus dem Staunen, sondern auch aus dem Schmunzeln kaum mehr heraus. Osama Bin Laden hatte die Auslieferung der dänischen Zeichner verlangt, um sie vor ein islamisches Gericht zu stellen. Tolle Idee. Broder: „Daß sie (die Karikaturisten) ihm nicht trauen und das Angebot nicht annehmen, beweist wieder einmal, wie wenig Respekt die Vertreter des dekadenten Westens für die berechtigten Anliegen der gekränkten Moslems empfinden.“Bei aller Ironie treibt Broder der Furor um, daß eine zutiefst inhumane Religion wie der Islam und seine fanatischen Verfechter unter dem Label Ursachenforschung mit großem Verständnis rechnen können. Dabei ginge es darum, unmißverständlich klar zu machen, daß im Unterschied zu einer islamistischen Diktatur in den westlichen Demokratien Meinungsfreiheit herrscht (auch wenn manchmal kaum Gebrauch davon gemacht wird) und eine Regierung nicht zuständig ist für die Karikaturen, die in einer Zeitung erscheinen. Dafür muß man keinen Krieg anzetteln, es genügt ein klarer Standpunkt, mit dem man zu verstehen gibt, daß man für die angeblich verletzten religiösen Gefühle der Muslime nicht zuständig ist, weil ein Gefühl keine Kategorie ist, mit der sich politisch vernünftig auseinandersetzen ließe. Gut, daß es einen klugen Kopf gibt, der den Eiertanz der Politiker und Intellektuellen gegenüber dem islamischen Faschismus karikiert und sich über die Uneindeutigkeit ihrer Haltung lustig macht. Mag sein, daß er dabei ab und zu daneben haut, aber er ist wenigstens unterhaltsam.

Henryk M. Broder, „Hurra, wir kapitulieren. Von der Lust am Einknicken“, jws Verlag, Berlin 2006, 168 Seiten, 16.- Euro

Nichts außer ein paar Beduinenzelte

Alan Dershowitz stemmt sich heroisch gegen Vorurteile

Wenn es eine historische Gerechtigkeit gäbe, würde der Staat der Juden in Deutschland liegen. Am besten in Schleswig-Holstein, meint Henryk M. Broder, weil die Juden das Meer lieben und der kleine Bundesstaat ungefähr die Größe Israels hat. Harry Rowohlt hingegen meinte, als der iranische Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad sich mal wieder beschwerte, daß die Araber ausbaden müßten, was die Deutschen angestellt hatten, daß er gerne bereit wäre, den Juden Bayern zu geben. Wenn man dann noch die Neonazis dorthin abschieben könnte, die ja dann mal probieren könnten, Jagd auf Ausländer zu machen, wäre die Sache perfekt. Die Geschichte aber ist nicht gerecht. Sie ist, wie Marx betonte, eine Geschichte des Stärkeren und des Siegers, und das meinte er nicht ideologisch, sondern rein pragmatisch. Es gibt kein historisch ableitbares Recht auf ein Stück Land, weil es immer jemanden gibt, der schon vorher auf diesem Land gelebt und sich dieses Land gewaltsam angeeignet hat. Die Frage also, wer ein größeres Anrecht hat, in Palästina zu leben, ist falsch gestellt. Hannah Arendt, die sich mit Kritik an den zionistischen Führern, den Militanten und „Sprengstoff-Spießern“ nicht zurückhielt, plädierte dennoch für „das Recht des jüdischen Volkes auf Palästina“, und zwar nicht, weil dieses Recht aus der Vergangenheit abgeleitet werden könne, sondern weil es „mit dem Recht eines jeden Menschen auf die Früchte seiner Arbeit“ zusammenhänge. Die Araber hatten 1500 Jahre Zeit gehabt, „aus einer Steinwüste fruchtbares Land zu machen, die Juden noch nicht 40 Jahre, (…) der Unterschied ist sehr bemerkenswert.“

Es ist die Macht des Faktischen, mit dem sich die Palästinenser besser arrangieren sollten, als weiterhin darauf zu hoffen, mit der Politik des Terrors Israel von der Landkarte zu tilgen. Daß sich die Palästinenser immer noch dieser Illusion hingeben, hat viel mit dem Verständnis zu tun, das ihnen die Weltöffentlichkeit entgegenbringt, weil es die palästinensische Führung bislang ausgezeichnet verstanden hat, ihr Volk als von den Israelis unterdrückt und geknechtet zu verkaufen. Um diese Behauptung zu belegen, tauchen immer wieder die gleichen Argumente auf. Es ist das Verdienst von Alan M. Dershowitz, diese Argumente gesammelt und einer genauen Prüfung unterzogen zu haben. Dershowitz ist Professor an der Harvard Law School und ein bekannter Anwalt, der sich als profilierter Verteidiger von Bürgerrechten einen Namen gemacht hat. In seinem „Plädoyer für Israel“ weist er schlüssig und überzeugend nach, „warum die Anklagen gegen Israel aus Vorurteilen bestehen“. Zum Beispiel geht Dershowitz dem Vorwurf auf den Grund, die europäischen Juden hätten die Palästinenser aus ihrem Land vertrieben. Dieser Annahme liegt der Mythos zugrunde, Anfang der 1880-Jahre, also zur Zeit der ersten Alijah (Einwanderung), hätte es bereits ein palästinensisches Volk gegeben. In dieser Zeit reiste Mark Twain durch Palästina, aber außer einigen „stumpfsinnigen Dörfern“ und ein paar Beduinenzelten in einer ansonsten menschenleeren Wüste fiel ihm wenig auf, das auf so etwas wie die Anwesenheit eines Volkes hätte schließen lassen. Selbst als die Vereinten Nationen 1947 das Gebiet für einen jüdischen Staat abteilten, lebten nur ein Bruchteil der damals auf 100.000 bis 150.000 geschätzten palästinensischen Bevölkerung innerhalb dieser Grenzen. Dabei läßt sich in der Geschichte der „Vertreibung der Palästinenser“ ein interessantes Phänomen beobachten: „Die Zahl der Muslime in den jüdischen Gebieten nahm drastisch zu, nachdem die Siedlungen der Juden aufzublühen begannen“, d.h. die Araber profitierten von der Kultivierung des Landes und von der besseren medizinischen Versorgung, die die Kindersterblichkeit reduzierte und die Lebenserwartung erhöhte.

Ein weiteres Vorurteil besteht in der Annahme, die Palästinsenser hätten mit dem Völkermord an den Juden nichts zu tun. Nicht nur erfreut man sich noch heute als Deutscher bei den Palästinensern großer Beliebtheit, weil man auf eine so glorreiche Vergangenheit unter Hitler zurückblicken kann, auch in der eigenen Geschichte hatte man in Hadsch Amin al-Husseini einen bei der Bevölkerung beliebten kleinen Hitler, der sich während der Kriegsjahre als „Berater für Judenfragen“ in Berlin aufhielt und für den Massenmord an den Juden große Sympathien hegte. Im O-Ton hört sich das so an: „Unsere Grundbedingung für die Zusammenarbeit mit Deutschland war freie Hand, auch den letzten Juden in Palästina und der arabischen Welt auszumerzen. Ich bat Hitler um eine ausdrückliche Garantie, die es uns erlaubt, das Judenproblem auf eine mit unserem nationalen und rassischen Streben konforme und entsprechend den von Deutschland eingeführten wissenschaftlichen Methoden im Umgang mit seinen Juden zu lösen. Ich bekam folgende Antwort: ‚Sie können die Juden haben.‘“ Husseini war genauso wenig wie Hitler ein durchgeknallter Irrer, der dieses Zeug sinnlos vor sich hinbrabbelte, sondern als Mufti von Jerusalem und weltlicher und religiöser Führer der Palästinenser ein von der eigenen Bevölkerung anerkannter durchgeknallter Irrer, und es ist gut, daran zu erinnern, daß die Mehrheit der Palästinenser durchaus bereit gewesen wäre, an der „Ausmerzung der Juden“ mitzuwirken, wenn sie die Gelegenheit dazu bekommen hätte.

Ein zentraler Punkt in Dershowitz’ Auseinandersetzung sind die Friedensverhandlungen im Sommer 2000 in Camp David, als Ehud Barak die Weltöffentlichkeit mit dem Angebot verblüffte, den Palästinensern fast alle Gebiete zurückzugeben, die sie haben wollten, einschließlich von ca. 95 % der Westbank und des gesamten Gazastreifens. Die viel zitierte Resolution 242 des Weltsicherheitsrates wäre erfüllt gewesen, die die Rückgabe von Gebieten (nicht aller Gebiete) forderte, die Israel im Krieg mit Jordanien besetzt hatte. Darüberhinaus machte Barak noch einige andere weitreichende Zugeständnisse, die sehr ungewöhnlich waren, denn noch nie hatte eine siegreiche Nation den Besiegten Friedensbedingungen angeboten, die normalerweise der Gewinner einer kriegerischen Auseinandersetzung für sich in Anspruch nimmt. Arafat jedoch lehnte ab, ohne selbst einen Vorschlag zu unterbreiten, so daß Clinton sich sogar hinreißen ließ, ihn als Lügner zu bezeichnen. Lieber nahm Arafat 3000 weitere Tote in Kauf, die die anschließende Terrorwelle schätzungsweise kostete. Dafür erhielt er dann den Friedensnobelpreis.

Hannah Arendt war aus der Perspektive von 1943 gegen die Gründung eines souveränen jüdischen Staates, weil sie davon ausging, daß das „einzige souveräne Recht (dieses Staates) darin bestünde, Selbstmord zu begehen“, und weil die Geschichte auf erdrückende Weise das staatliche Versagen bewiesen habe, den „Minderheiten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“. Weitaus schlimmer jedoch dürfte es sein, als Palästinenser in einem eigenen souveränen Staat zu leben, denn seit die Linke ihre Liebe zum nationalen Befreiungskampf entdeckt hat weiß man auch, daß dort, wo er Erfolg hatte, die Bevölkerung unter der eigenen Regierung weit mehr zu leiden hatte als unter der vergleichsweisen komfortablen Herrschaft von Besatzern. Obwohl Israel also ein wirtschaftlicher Segen und ein demokratisches Vorbild für die Region im Nahen Osten ist, wird es in Deutschland mißtrauisch beäugt. Über 60 % der Deutschen sind der Meinung, Israel sei die größte Bedrohung für den Weltfrieden, und über 50 % sind überzeugt, Israel behandle die Palästinenser heute so, wie die Nazis die Juden behandelt haben. Dershowitz hat den heroischen Versuch unternommen, diese Vorurteile zu entkräften, aber wie so viele vor ihm, wird auch sein Aufklärungsversuch scheitern, denn das Wesen des Ressentiments besteht darin, durch gute und schlüssige Argumente sich zu allerletzt erschüttern zu lassen.

Alan Dershowitz, „Plädoyer für Israel“, mit einem Vorwort von Henryk M. Broder, Europa Verlag, 416 Seiten, ??.- Euro

Der heroische Verlierer

Adrian Mole versucht auch mit 34 ¾ unbeirrt, dem Chaos zu entkommen

Der neue Adrian Mole ist da. Adrian Mole ist eine Romanfigur, die in England Karriere gemacht hat, ja sogar zur nationalen Kultfigur aufgestiegen ist, weil sie auf liebenswerte Weise verschroben und linkisch und völlig untauglich für die Anforderungen des modernen Lebens ist, auf der anderen Seite jedoch alle möglichen Anstrengungen unternimmt, ein wertvolles, aber auch berühmtes Mitglied der englischen Gesellschaft zu werden. Adrian Mole begann schon mit 13 ¾ Jahren ein bizarres Tagebuch zu führen, in dem er seine Leiden als Pubertierender mit großer unfreiwilliger Komik ausgebreitet hat. Die Kunst, die Komik so aussehen zu lassen als sei sie unfreiwillig, beherrscht Sue Townsend perfekt. Sie hat Adrian Mole erschaffen und wird seither als jemand gefeiert, der neue Maßstäbe in der komischen Literatur gesetzt hat. Sie hat ein feines Gespür dafür, wie ein Jugendlicher tickt, der sich in einer kruden Mischung aus Überangepaßtheit und Opposition gegenüber seinen Eltern selber im Weg steht und mitten im alltäglichen Chaos von der großen Liebe und der großen Schriftstellerkarriere träumt. Mit 30 ¾ Jahren griff der berühmteste Tagebuchschreiber Englands 1997 „wieder zur Feder“ und zeichnete in „Die Cappuccino Jahre“ seine Abenteuer als Starkoch in einem Nobel-Restaurant auf, in dem seine Tätigkeit vor allem darin bestand, Innereien aufzutauen. Im neuen Buch von Sue Townsend „Adrian Mole und die Achse des Bösen“ ist ihr Protagonist 34 ¾ und Tony Blair belästigt gerade die Engländer mit der ständigen Behauptung, der Irak habe Massenvernichtungswaffen und bedrohe den Weltfrieden. Als vorbildlicher Staatsbürger vertraut er seinem Regierungschef. Dummerweise wird sein Sohn als Soldat nach Barsa geschickt und Massenvernichtungswaffen werden auch keine gefunden. Dennoch stemmt sich Adrian Mole heroisch gegen eine Übermacht von Zweiflern, die den Irak-Krieg für einen Dreckskrieg halten. Nebenher arbeitet er in einem Antiquariat, hat sich mit dem Kauf eines Lofts völlig verschuldet, lebt von diversen Kreditkarten, und sein Liebesleben ist das reinste Desaster, denn Adrian Mole ist jemand, der besitzergreifenden Menschen nicht viel entgegenzusetzen hat. Und als er in die Fänge von Marigold und ihren Eltern gerät, entkommt er nur mit letzter Kraft der Hochzeit, deren Vorbereitung bereits auf Hochtouren läuft. Marigolds Leidenschaft besteht darin, Puppenhäuser zu bauen und einzurichten, in Birkenstockschuhen herumzulaufen und sich vegetarisch zu ernähren. Sie ist das personifizierte schlechte Gewissen, das sie wehrlosen Personen wie Adrian Mole macht. Aber so schlecht sich Adrian Mole auch fühlen mag, wenn Marigold ihm tränenüberströmt ihre Liebe gesteht und sogar eine Schwangerschaft vortäuscht, um ihn in die Ehe zu prügeln, so ist er doch auch nicht willensstark genug, um sich nicht auf eine Affäre mit der attraktiven Schwester Marigolds Daisy einzulassen. „Der Sex mit ihr war fog khed dkybwlcu ghtr gthfdsw, wie der große Tagebuchschreiber Samuel Pepys es gut verschlüsselt ausgedrückt hätte“, schreibt Adrian Mole, und Sue Townsend erweist dadurch ihrem Vorbild ihre Referenz. Sie hat Pepys jedoch nicht nur einfach imitiert, sie hat in verfeinert und perfektioniert, sie hat den Witz zugespitzt und ihm neue Facetten abgewonnen. Unbeirrt vom Chaos seines Lebens verfolgt Adrian Mole seine Ambitionen als Schriftsteller. Dazu hat er eine Schreibgruppe ins Leben gerufen, in der man sich gegenseitig aus den neuesten selbstgebastelten Werken vorliest. Und das hört sich so an: „Ken Blunt schimpfte los, es sei die Pflicht des Schriftstellers, über den Krieg zu schreiben, und wie ihn diese Texte ankotzten, die über drei beschissene Seiten hinweg über die Farbe eines Herbstblattes schwafelten… Gary Milksop erging sich weinerlich darüber, wie sehr ihn Kens persönliche Attacke ärgerte, immerhin habe er erst neulich eine Kurzgeschichte mit dem Titel ‚Das Herbstblatt‘ geschrieben. Ken empfahl ihm, ‚Das Herbstblatt‘ zu überarbeiten und das Setting nach Afghanistan oder an sonst einen Ort ‚mit ein bißchen Brisanz‘ zu verlegen. Gary hielt dagegen, er folge lieber dem Rat erfolgreicher Schriftsteller, nämlich daß man immer über etwas schreiben solle, was man selber kennt. Und Herbstblätter kenne er nun mal.“ Das ist schon sehr komisch, ebenso wie die verschiedenen Briefentwürfe an seine Verlobte Marigold, in der er ihr auf Drängen Daisys reinen Wein einschenken soll. Da ist zunächst der Klassiker, demzufolge „ich nicht einmal annähernd gut genug für Dich bin“, dann folgt das Geständnis, schwul zu sein. Auch daß er seit einiger Zeit Frauenkleider trägt und sich Brenda nennt, zieht Adrian in Erwägung, ebenso wie eine seltene Krankheit, die zu plötzlichen und heftigen Gewaltausbrüchen führt. Grandios auch der Brief an Tony Blair, in dem er diesen um eine Bestätigung für die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak bittet, um von einem Reisebüro die Kosten für einen stornierten Urlaub nach Zypern zurückerstattet zu bekommen, weil der Premierminister in einer Rede vor dem Unterhaus „das Parlament davon in Kenntnis setzte, daß Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen binnen fünfundvierzig Minuten Zypern erreichen können.“ Adrian Mole erweist sich in seiner Naivität zwar als Nervensäge, aber in seinem Windmühlenkampf gegen die Realität zieht er immer den Kürzeren. Aus der Perspektive des hoffnungslos Unterlegenen gelingen Townsend bissige Bemerkungen über Blairs Irak-Krieg, das marode englische Gesundheitssystem und die Bürokratie, die jedoch nie ideologisch sind, und nie hat man den Eindruck, sie würde ihre Figuren im höheren Auftrag „Gesellschaftskritik“ üben lassen.Adrian Mole ist der heroische Verlierer, der sich in den Schlingen des Alltagslebens hoffnungslos verheddert, das aber auf hohem komischen Niveau. Vielleicht aus diesem Grund wächst er jedem Leser ans Herz, der instinktiv in Adrian Mole einen Leidensgenossen erkennt, weil der sich von Leuten mit einem ausgeprägten Selbstwertgefühl zu Sachen drängen läßt, die er gar nicht mag. Vor allem aber wird Adrian Mole auch diesmal wieder den Ansprüchen von Lesern gerecht, die Geschmack haben und die von der Literatur vor allem eins erwarten, nämlich daß sie vor Lachen weinen müssen und vor Vergnügen heulen und jaulen. Und für dieses Vergnügen ist man auch gerne bereit, darüber hinwegzusehen, daß Sue Townsend in einem Anfall unnötigen Kitsches das wundervolle Chaos zu einem harmonischen Ende bringt.