Archiv für den Monat: März 2008

Jens, Tilmann

Ob Tilmann Jens es als Sohn von Walter Jens es in seinem Leben eher schwer oder leicht hatte, weiß ich nicht und es ist auch egal. Fest steht, daß Tilmann Jens nie etwas gegen das Tun und Machen seines Vaters einzuwenden hatte, dem Gutmenschen par excellence, der den Betroffenheitskitsch auf hohem Niveau kultivierte, der immer zur rechten Zeit »Wut und Trauer« über was auch immer verspürte, dem es ein wichtiges »Anliegen« war, »die Mauer in den Köpfen einzureißen«, und »verkrustete Strukturen aufzubrechen« war quasi sein Spezialgebiet. Er fühlte sich als »Querdenker«, leistete selbstverständlich »Trauerarbeit«, hatte die »Versöhnung« auf sein Banner geschrieben, und ohne »Vision« hätte er erst gar nicht das Haus verlassen, ein »Vordenker« durch und durch, ein »unbequemer Zeitgenosse«, der »Toleranz« und »Mitmenschlichkeit« predigte. In den achtziger und neunziger Jahren war dies jedoch keine Kunst, das alles zu sein und zu empfinden (und zwar aufs tiefste), denn damals war das quasi Pflicht, wenn man zum Projekt der nationalen Wiedergutwerdung der Deutschen etwas beitragen wollte. Mit anderen Worten, Walter Jens ging einem damals schwer auf den Senkel, denn er konnte nicht gut sein, ohne es an die große Glocke zu hängen, wie zu Beginn des Golfkrieges, als er zwei desertierte amerikanische GIs bei sich beherbergte. Man wußte sofort, Walter Jens hatte die Soldaten nicht versteckt, um sie vor dem Krieg zu schützen, sondern seine Gesinnung unters rechte öffentliche Licht zu stellen und sich als trotzigen und mutigen Widerständler aus Tübingen feiern zu lassen. Ein großes Geheimnis war dabei, wie Walter Jens es zum Professor für Rhetorik bringen konnte, denn wenn seine Reden etwas ausstrahlten, dann bestimmt nicht Überzeugungskraft und Logik, sondern eine Menge reichlich schwammiger Moral, die überdies nicht sonderlich klar strukturiert vorgetragen wurde. Mit theatralischer Gestik und merkwürdigen Grimassen versuchte Walter Jens seinen Argumenten Geltung zu verschaffen, aber man bekam eher den Eindruck, daß da jemand ziemlich wirres Zeug redete, das obendrein holpernd und stotternd vorgetragen wurde. Daß diese Art von Vortrag in Deutschland für Rhetorik gehalten wurde, ist ebenso bezeichnend wie einzigartig auf der Welt, denn nirgendwo gilt für Rhetorik, wenn einer nur Gesichtsgymnastik betreibt.Tilmann Jens hat nicht nur das rhetorische Talent von seinem Vater geerbt, sondern auch dessen moralische Grundeinstellung, mit der er mittels kleiner Filmbeiträge über die richtige Gesinnung in Deutschland wacht. Die werden in der Regel im kleinen tapferen Kultursender 3sat gezeigt, der in Wirklichkeit so mainstreamig ist wie er sich selber für aufgeklärt und unbequem hält. (Dazu ein kleiner Exkurs: Der Autor Gerhard Henschel, der in seinem weithin beachteten Buch »Gossenreport« die Betriebsgeheimnisse des Kloakenblattes Bild ausplauderte, sollte in 3sat Kulturzeit interviewt werden. Alles war vorbereitet, sogar ein Termin in einem Studio des Senders, als das Gespräch ohne Angabe von Gründen abgeblasen wurde. Offenbar hatte man von den mit Kai Dieckmann bekannten, wenn nicht vielleicht sogar befreundeten Senderhäuptlingen einen Wink bekommen, den Chefredakteur von Bild doch bitte unbehelligt zu lassen.) Niemand hingegen hatte etwas einzuwenden, als Tilmann Jens gegen Reich-Ranicki zu Felde zog. Damals jedenfalls fiel mir Tilmann Jens zum ersten Mal unangenehm auf. 1994, fünf Jahre bevor Reich-Ranicki mit seiner Biographie »Mein Leben« zum Liebling aller Deutschen wurde, hatte man einen vermeintlich dunklen Fleck in seinem Leben gefunden, weil er nach dem Krieg kurze Zeit dem polnischen Geheimdienst angehörte. Tilmann Jens tat sich in der Debatte dadurch hervor, daß er die Verrisse des Literaturkritikers als Fortsetzung geheimdienstlicher Skrupellosigkeit in einem totalitären Regime hinzustellen versuchte, ja es kursierte sogar der wenig später sich als Fabel entpuppende Verdacht, daß Reich-Ranicki 1958 aus Polen nicht in die Bundesrepublik geflohen, sondern in geheimdienstlicher Mission unterwegs gewesen sei. Wenn man dann noch wußte, daß Walter Jens und Reich-Ranicki einmal dicke Freunde waren, sich später aber zerstritten, dann wurde man das Gefühl nicht los, als ob da einer eifrig in die Gesinnungsstapfen seines Vaters trat, um quasi im höheren Auftrag Rache an dem Mann zu üben, der das Werk seines Vaters einfach ignorierte, was schlimmer war, als es zu verreißen.Ende 2003 kam dann heraus, daß Walter Jens 1942 mit 19 Jahren in die Partei eingetreten war. Diese Nachricht verschaffte mir keine Genugtuung in dem Sinne, daß ich es ja schon immer gewußt hätte, obwohl ein gewisses verqueres Verhaltensmuster durchaus zu erkennen war, denn auch Grass hatte ja nicht anders reagiert. Dennoch entlockte mir die Nachricht eher ein Gähnen, denn das Nervige an Walter Jens war ja nicht, daß er mal in der NSDAP gewesen war, sondern sein aufdringliches Gutmenschentum. Und da er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, war ich ihm sogar dankbar dafür, daß er nicht auch noch wie Grass wortreich seinen Fehltritt rechtfertigte. Man hätte das alles dem gnädigen Reich des Vergessens überantworten können, wenn da nicht Tilmann Jens gewesen wäre, der vier Jahre später aus der Halbleiche seines Vaters noch einmal publizistischen Gewinn schlägt, indem er in der FAZ die auf ziemlich schwachen Füßen stehende Vermutung auswalzt, daß die Verdrängung der NSDAP-Mitgliedschaft folgerichtig in klinischer Demenz endete, was ungefähr so bewiesen ist wie die Annahme, die erste Mondlandung hätte in einem Studio stattgefunden. Walter Jens kann sich nicht mehr wehren. Angeblich weil er ihn liebt, hat sich Tilmann Jens dafür entschieden, die schwache These in einem längeren faseligen Artikel auszubreiten. Dabei übersieht er das Naheliegende: Weder Grass noch Jens haben aus Scham geschwiegen, sondern aus Karrieregründen, denn mit dem Makel der Parteimitgliedschaft hätten beide nicht die aufdringliche Rolle als moralisches Gewissen Deutschlands spielen können. Aber vielleicht hat Walter Jens genau das verdient, daß ihn sein Sohn als armen bzw. »ertappten Sünder« ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zerrt, um nicht zu hinterfragen müssen, welcher Zusammenhang vielleicht bestanden hat zwischen der Gesinnung als NSDAP-Mitglied und der späteren als Mitglied der Friedensbewegung.

Roman, Der

Was würden Sie davon halten, wenn bei Ihnen unaufgefordert jemand klingelt und sagt: »Hallo, ich bin der Roman … Bin ja nicht gerade der begnadete Schreiberling, eher der (besserwissende) Rhetoriker – aber heute MUSS es sein, weil ich euch was sagen will, weil es mir ein Herzensanliegen ist, weil mich gerade das dringende Bedürfnis überfällt… äh, was wollt ich eigentlich sagen?«Und? Was würden Sie ihm antworten? Würden Sie sagen: »Ach, ist ja interessant. Ein Herzensanliegen möchtest du, lieber Roman, bei mir loswerden? Ein dringendes Bedürfnis? Na, dann komm doch rein. Den Flur entlang, zweite Tür rechts ist die Toilette.« Oder würden Sie eher sagen: »Nein danke, ich kaufe nichts, schon gar nicht von Vertretern, und noch weniger von Vertretern, die selber nicht so genau wissen, was sie eigentlich verscheuern wollen. Und ein Herzensanliegen kann ich gerade auch nicht gebrauchen.« Ich schätze, das wäre noch sehr freundlich formuliert.Ist Ihnen noch nicht passiert? Da hatten Sie aber Schwein. Mir passiert das alle Vierteljahre. Dann bekomme ich Das Magazin zum Leben – Wege zugeschickt. Wenn mir unaufgefordert eine Zeitschrift durch den Briefschlitz geworfen wird, gehe ich zunächst davon aus, daß es sich um einen Beleg handelt. Als Verleger von Beruf kriege ich häufiger Zeitungen zugeschickt, wenn Bücher aus meinem Verlag darin besprochen wurden. Und deshalb begebe ich mich auf die Suche nach einem Grund. Ich blättere und blättere, aber ich entdecke kein Indiz. Statt dessen werde ich von Roman im Editorial angequatscht, der in Ermangelung einer Mitteilung für die Leser des Blattes – was eigentlich die Funktion eines Editorials ist – einen Kessel Buntes aufmacht und etwas sinnfrei drauflos schwadroniert: »Jedoch, was wären die WEGE ohne Euch – ihr wunderbaren Abonnenten, Inserenten und sonstigen WEGE-Leser – ihr, die uns diesen Job erst ermöglichen – ihr seid die Allerwichtigsten! Danke für eure Aufmerksamkeit, eure Treue, für euer Geld, für eure Kooperationsbereitschaft … Gemeinsam haben wir viel erreicht: Die WEGE ist nicht mehr wegzudenken aus der ganzheitlichen Medienlandschaft. Wir alle sind WEGE – ein urgeiles Gefühl! Es treibt sogar mich in derart – unübliche – emotionale Ausbrüche…«Was ist das? Eine Gehirnweichspülmaschine? Ein Quacksalber? Ein Phrasenmäher? Und was macht der Mann? Außer in urgeile Gefühle zu schwelgen? Will er die Leute auf den Arm nehmen? Sie verarschen? Ist das nicht menschenverachtend?Das Heft, über das Roman so aus dem Häuschen gerät, widmet sich der »Körperlust«. Darin wird im Ausrufezeichen-Kommandoton befohlen »SPÜR DICH!« Und als Tip, wie sich dies bewerkstelligen läßt, soll man sich weder zwicken, noch in der Nase popeln, was ja durchaus auch Methoden wären, sich selbst zu spüren, sondern: »Unser Atem macht uns lebendig.« Und: »der Atem hat die Kraft, uns an die Lebendigkeit anzuschließen. Atem ist Schwingung, ist Rhythmus, ist Leben.« Aha. Aber das ist nicht alles: »Der Atem verbindet uns auch mit der Welt. Beim Einatmen nehmen wir ein Stück aus unserer Umgebung in uns auf – und ausatmend geben wir jedesmal ›ein Stück von uns‹ ins Außen ab.« Was das für Stücke sind, die wir ein- und dann als »Stück von uns« wieder abgeben, darüber verrät uns der Autor nichts, aber die Vorstellung, Stücke von was auch immer einzuatmen, beunruhigt mich etwas, denn ich dachte immer, ich würde Luft einatmen. Die kann zwar verschmutzt sein, aber kann sie wirklich so verschmutzt sein, daß wir vom Dreck gleich ganze Stücke einatmen? Und wie groß sind diese Stücke eigentlich? So groß wie ein Stück Kuchen? Das würde wiederum erklären, warum uns das Atmen in Schwingung versetzt, denn so ein Stück will erst mal weggeatmet werden. Ich befürchte, da hat man eine ganze Menge zu tun.Ein anderer Artikel, der sich der »Körperlust« annimmt, heißt »Wenn es fließt…«: »Trotz all der medialen und gesellschaftlichen Offenheit scheint es bei der Sexualität noch immer Tabuthemen zu geben.« Immer noch? Das will man doch jetzt genauer wissen: »Wie zum Beispiel die Weibliche Ejakulation, die selten bis gar nicht zur Sprache kommt. Vielleicht aber ist jetzt die Zeit reif, dass sich Frauen in ihrer Sexualität einen Schritt tiefer wagen. [Aua!] Dass sie ihre Vagina wecken und heilen.« Was aber will uns die Ejakulation erzählen? Und sollen sich Frauen wirklich einen Schritt tiefer in ihre Sexualität wagen? Wie weit? Einen Meter? Zwei? Und wohin soll das führen? Tut das nicht weh? Jedenfalls tut es weh, wenn solche sprachlichen Alpträume einen Schritt tiefer zur Sprache kommen.Aber dann geht es richtig zur Sache: »Als ich vor ein paar Jahren meine Vagina mit dem Finger erkundete – völlig absichtslos, um ihre innere Beschaffenheit und Strukturen zu ertasten und erfühlen…« Was jetzt? Ich grübelte ein wenig darüber nach. Eine schöne contradictio in adjecto, das mußte man der Dame lassen. Gelingt ja auch nicht jedem, so unmittelbar hintereinander. Aber es geht weiter: »– da brach plötzlich ein ganz starkes, tiefes Gefühl aus meinem Innersten hervor. In meinem Herzen war auf einmal ein großes JA. Und kurz nach dieser ›Herzens-Öffnung‹ floss ein Schwall klarer Flüssigkeit aus meiner Muschel.« Interessant. Ich meine: Hätten Sie das für möglich gehalten? Daß so völlig absichtslos derartig die Post abgeht? »Das damit verbundene Gefühlserlebnis war ein kostbares Geschenk, das es mir ermöglicht hat, mich immer tiefer zu öffnen, im Wissen: Mir kann dabei nichts passieren.«Bei diesem tiefer und tiefer werdenden Gefühlserlebnis will ich nicht stören. Nein, wirklich nicht. Aber wenn Roman wieder klingelt und sein Sprüchlein aufsagt »Hallo, ich bin der Roman«, dann schicke ich ihn ein paar Straßen weiter zu meinen Mitbürgern mit türkischem Migrationshintergrund. Die würden vermutlich sagen: »Ey Arschloch, was willst du? Willst du mich anmachen, oder was?« Und könnte sogar sein, daß Roman »eins in die Fresse« kriegt. Aber das wollen wir Roman nicht wünschen, wenn auch nur schweren Herzens. Ein Herzensanliegen wäre es uns jedenfalls nicht wirklich.

Die Wahrheit über den 24. Spieltag

Nach dem Spiel machte Thomas Doll im Vergleich zu den letzten Spielen, als er heftigst auf die Schiedsrichter einramenterte, einen entspannten Eindruck und meinte, man hätte mit etwas Glück auch ein Unentschieden erreichen können. Gegen den HSV, der auf die Champions-League-Plätze zusteuert, zu verlieren ist zwar nicht ehrenrührig, aber ein wenig Enttäuschung wäre durchaus angebracht gewesen, auch wenn Hamburg Dolls eigentliche Liebe ist. Immerhin hat sich Dortmund in nicht ganz so desolaten Zustand präsentiert wie zuletzt. Die Niederlage war verdient, aber der BVB hat zumindest versucht, spielerisch dagegenzuhalten, was umso erstaunlicher ist, weil Valdez mitmachen durfte, der zu den Leiden der Fans nicht unwesentlich beiträgt. Über seinem Grab wird einst stehen: »Er bemühte sich.« Wenn man es aber nicht kann, sehen die Bemühungen ziemlich peinlich aus. Trotz Valdez entstand ein munteres Spiel und deshalb ist die Niederlage weniger schmerzvoll als das tröge 1:1 vor einer Woche gegen Hertha. Vielleicht läßt sich die Niederlage auch deshalb leichter wegzustecken, weil sich der Verein auf das Pokalhalbfinale am Dienstag gegen Jena konzentriert. Sogar die angeschlagenen Kehl und Frei wurden für das Spiel des Jahres geschont, das den Dortmundern das Tor zum internationalen Geschäft aufstoßen könnte. Vorausgesetzt Bayern setzt sich in der 2. Partie gegen Wolfsburg durch und wird Deutscher Meister, woran niemand im Ernst zweifeln kann, auch und gerade nach der desaströsen 2:0-Pleite in Cottbus. »Überheblichkeit« wurde den Spielern nach der Partie vom Beißer vom Dienst Kahn attestiert, was den Münchnern zuzutrauen wäre, jedenfalls war eine Menge Lustlosigkeit mit im Spiel, und selten habe ich einen Verteidiger so völlig ohne Elan und Engagement im Strafraum herumtraben sehen wie Van Buyten beim 1:0 von Branko Jelic, der bislang nur auf der Ersatzbank saß und nur durch Zufall ins Team rückte. Die serbische Geheimwaffe machte dann auch noch das 2:0 und die Schmach der Münchner komplett, und es ist ja auch eine schöne Geschichte, wenn ausgerechnet ein Nobody und Fußballsöldner, der zuletzt in der chinesischen Liga kickte, die bekanntlich nicht zu Top-Ligen der Welt gehört, das Starensemble aus München alt aussehen läßt. Auch Hitzfeld schien plötzlich um zehn Jahre gealtert zu sein und fassungslos starrte er mit vors Gesicht geschlagenen Händen auf den Acker von Cottbus. Vermutlich werden die Stars in den nächsten Tagen nicht viel zu lachen haben und wahrscheinlich ist dies die beste Vorbereitung auf das Pokalhalbfinale gegen Wolfsburg, denn gegen die werden sich die Bayernspieler vermutlich drei Beine ausreißen, wenn sie die hätten, denn ich könnte mir vorstellen, daß Hoeneß den Jungs glaubhaft versichert hat, daß sie sonst in seiner Wurstfabrik enden. Und wer will schon so unrühmlich enden? Die Ausrutscher von Bayern sind selten genug, also muß man sich gebührend über sie freuen und Cottbus danken, denn dies ist der einzige Daseinsgrund der Lausitzer in der 1. Liga: Bayern schlagen und danach bitte wieder absteigen.

Die Wahrheit über den 23. Spieltag

Als ich mich Freitag abend durch das Gewühl in der Milchbar quetschte, um mir einen der letzten Barhocker zu ergattern, kreuzte ich die Wege von Sascha, dessen Anwesenheit sich in der Regel an seinen lauten Schreien der Empörung über meist sehr zahlreiche Stümpereien der Schwarzgelben dokumentierte. »Oh nein, ach du Scheiße, das darf ja wohl nicht wahr sein«, und ähnliche präzise die Situation treffende und angemessene Reaktionen auf Düsenlautstärke. Als wir die deprimierende Situation des BVB bekakelten, sagte Sascha, er hätte diese Saison bereits abgehakt, ja er hätte sich in die Milchbar quälen müssen, weil er nichts mehr von dieser Mannschaft erwarte. Unteres Mittelfeld eben. Und entsprechend auffällig still und geradezu introvertiert verhielt sich der Mann, dessen Stimme sonst einen Raum leerfegen konnte. Fatalistisch ließ er den grausamen Kick gegen Hertha BSE, der irgendwie sogar völlig gerecht in einem 1:1 versandete, an sich vorüberziehen, einem Spiel, in dem der Schiedsrichter für das Highlight sorgte, weil er aufgrund eines Mißverständnisses Pantelic vom Platz stellen wollte, die rote Karte dann aber lieber dem Trainer gab. Schade eigentlich, aber immerhin sorgte das mal für Aufregung. Spielerisch herrschte Meister Zufall, und sensationell in diesen eineinhalb Stunden war höchstens die Fehlpaßquote. Aber dem Fan ist das Wurst. In den Fan-Foren wird jetzt bereits das Fell des Bären verteilt, der noch gar nicht erlegt worden ist, weil man wie selbstverständlich davon ausgeht, daß man nächstes Jahr über den Pokal im internationalen Geschäft mitmischt. Aber Jena ist noch lange nicht besiegt und der BVB ist mit der zweitschlechtesten Abwehr alles andere als unschlagbar, und wer weiß, wen die Qualifikation für die Gruppenphase des Uefa-Cups bringt. Sascha fehlt dieser Optimismus, denn er ist aus der guten alten Schule des Schwarzsehers. Und auch sonst ist der Liga nicht gerade Spaß und Spannung abzugewinnen. Die Bayern bauten dank Ribery durch einen Pflichtsieg über den KSC ihren Vorsprung auf sieben Punkte aus, weil Bremen in Stuttgart 6:3 verlor. Das ist deshalb deprimierend, weil Bremen attraktiven Angriffsfußball bot, und zudem völlig überlegen war, jedoch einige Mal zu oft ausgekontert wurde, dabei hatte Stuttgart dem Sturmlauf der Bremer kaum etwas entgegenzusetzen. Bremen ist die einzige Mannschaft in der Liga, die wirklich mal was riskiert und spektakulär spielt, also Spiele zeigt, die man so schnell nicht vergißt. Umso bitterer ist es natürlich, daß solche Runden verloren gehen gegen Mannschaften, deren Trainer solche Sätze sagen wie: »Ein Spiel wie heute muß man eben auch ab und zu mit einem 1:0 über die Runden bringen.« (Doll) Aber solche Spiele will man nun mal nicht sehen. Lieber grandios gespielt und heroisch gescheitert als trotz Hängen und Würgens nicht mal in der Lage zu sein, ein 1:0 zu halten. Und deshalb geht es in der Liga gerade nicht sehr gerecht zu, was nicht immer schlimm ist, wenn es wenigstens die richtigen treffen würden, aber mit Werder trifft es leider die falschen.

Die Wahrheit über den 22. Spieltag

Was nur treibt einen Mann aus der Ü-50-Liga mit einer Nasennebenhöhlenverstopfung und einer damit einhergehenden partiellen Taubheit in eine durch exzessiven Nikotinausstoß vergilbte, ja verklebte, und düsenjägerlaute Kneipe, bloß um sich eine sichere Pleite seiner Mannschaft in Bremen anzusehen? Man weiß es nicht, man steckt nicht drin. Aber da es sich um mich handelt, sieht der Fall natürlich anders aus. Trotzdem weiß ich es nicht, und eigentlich will ich es auch gar nicht wissen. Vielleicht weil es dann doch einen Moment anders hätte kommen können, als nach einem zerfahrenen Beginn in der 18. Minute ausgerechnet der Ballverstolperer Valdez einen präzisen Paß durch die Bremer Abwehr auf Rukavina spielte, der flach in die Mitte auf Petric weiterleitete. Aber diesmal war kein Verlaß auf den Kroaten, obwohl er den Ball nicht einfach vermurkste, sondern genauso traf, wie er in treffen wollte, leider aber bewies der von rosa auf lila umgestiegene Tim Wiese, daß er Bälle nicht nur nicht nur spektakulär fallen lassen, sondern auch halten kann. Aus dem nichts war diese Großchance entstanden. In drei Zügen schachmatt. Aber es wäre unverdient gewesen, auch wenn sich die Bremer lange dem Dortmunder Niveau angepaßt hatten und man sich im Mittelfeld ausufernde Kopfballduelle lieferte. Aber als dann ein regulärer Treffer vom wie immer überall präsenten Dortmunder Mittelfeldmotor Tinga aberkannt wurde, während den Bremern ein Abseitstor zugesprochen wurde, da wußte man, diese Partie wurde nicht von den Spielern, sondern von Markus Merk entschieden, der den Dortmundern sowieso nicht grün ist und der auch nicht durch ein betont lockeres Zwinkern in die Kamera zu Beginn der Partie nicht davon ablenken kann, daß er die aus seinem bürgerlichen Beruf als Zahnarzt herrührende sadistische Ader auch auf dem Spielfeld auslebt. Jedenfalls hätte Dortmund nach 45 Minuten 2:0 führen müssen, aber nach 90 Minuten stand es 2:0 für Bremen, und wie immer war im Dortmunder Spiel nichts zu erkennen, was nach einem Plan aussah, nach einer Handschrift des Trainers, aber dazu laufen auch einfach zuviel Luschen im schwarzgelben Trikot herum. Das einzige, was seit Doll beim BVB eine Konstante ist, ist die Mittelmäßigkeit. Wenigstens hat die Niederlage Dortmunds ein Gutes: Bremen bleibt den Bayern auf den Fersen und hält den Meisterschaftskampf offen, denn sonst hätten die Münchner durch ihren Sieg auf Schalke ihren Vorsprung auf 7 Punkte ausgebaut. »Heute auch Bayern-Fan?«, fragte, nein, befahl die furchterregende Herta hinterm Tresen. Ich traute mich nicht zu widersprechen, aber ich hätte den Schalkern diesen kleinen Triumph aus guten Gründen gegönnt. Aber wer weiß, vielleicht hat die 3. Niederlage der Schalker in Folge ja auch was Gutes, denn die von Präsident Schnusenberg angeleierte Trainerfrage könnte Slomka den Kopf kosten, was nicht schlecht wäre, denn Slomka ist ein Trainer, der von seinem Metier Ahnung hat, und somit das beste, was sich über Schalke sagen läßt.