Archiv für den Monat: April 2008

Aufräumen in 24 Stunden

Ein Roman aus dem Milieu der Überflüssigen

»Wenn du es mit Leuten zu tun hast, die dir in den Rücken zu schießen bereit sind, dann vergiß die guten Manieren und sei schneller.« Das ist eine der Lebensmaximen von Beat, der Hauptperson in Franz Doblers neuem Roman »aufräumen«, ein Roman, der von Melancholie und Traurigkeit, von Liebe und Einsamkeit durchzogen ist, also von den wesentlichen Dingen handelt, die das Leben am Abgrund zu bieten hat. Siebzehn Jahre wurde Franz Dobler nach seinem viel beachteten Debüt »Tollwut« (1991) von allen Seiten bedrängt, wieder einen Roman zu schreiben, und als niemand mehr daran glaubte, legt er wie aus der Hüfte geschossen plötzlich und unerwartet ein Buch vor, das einfach nur grandios genannt zu werden verdient. Ein Roman, den man fiebrig wegliest, der ewig so weiter gehen könnte und der nur einen Fehler hat: Daß nach 206 Seiten bereits Schluß ist. Gegen ihn kann die behäbige, in der FAZ vorabgedruckte und an gleicher Stelle beerdigte Literatur der großdeutschen Schriftsteller einpacken. Aber es ist völlig unangebracht, Dobler mit diesen Autoren in einem Atemzug zu nennen, denn man würde ihm unrecht tun, wollte man seine funkelnde Prosa mit der Bügelfaltenliteratur – wie Alfred Döblin Thomas Manns Schreiben charakterisierte – vergleichen, die ein schlechter Maßstab ist. Also vergessen Sie‘s.

Doblers Roman spielt im Milieu des Prekariats, also dort, wo das für den kapitalistischen Prozeß überflüssige Menschenmaterial sein Dasein fristet, dort, wo die vertraglich geregelte Arbeit nicht sehr häufig vorkommt, die Menschen »unter der Radargrenze des vom Existenzministerium festgesetzten Existenzminimums« herumkrebsen und als Objekt der öffentlichen Wahrnehmung nur noch in irgendwelchen belanglosen Statistiken vorkommen. In diesem Milieu geht es nicht sehr zartfühlend zu, denn die Armut ist nicht der geeignete Hintergrund, auf dem sich ausgewogen urteilen und differenziert argumentieren ließe, wenn das Gesetz des Stärkeren sich Geltung verschafft und Recht und Ordnung keinen gesteigerten Wert darauf legen, sich einzumischen. Hier ist ein wenig Cowboy-Land, und das verheißt gleichzeitig auch ein wenig Freiheit, nicht die Freiheit im politisch emphatischen Sinne, aber die Freiheit, die sich einstellt, wenn es keine Reglementierung durch den Arbeitsprozeß mehr gibt, und die Marx die »Freiheit von der Arbeit« genannt hätte. In diesem Land gedeihen keine schönen Menschen und keine Ideale, hier wuchert die Paranoia wie Unkraut, und Angstzustände beißen sich im Genick fest. Welcome im Land der Penner »mit den langen Köterhaaren und den Klamotten«, die andere »nicht zum Schuheputzen verwenden möchten«, und im Land derjenigen, die auf sie verächtlich herabsehen, die »in ihrem Leben noch keinen bissigen Hunger gehabt« haben, nicht die »Öde des Herzens« kennen, »wenn man einen Monat ohne Fernseher überleben muß«, und die nicht wissen, »wie schnell Mordlust im Körper wächst, wenn der Stoff seit Stunden ausgeblieben und nicht in Sicht ist.« Diesen Leuten würde Beat gerne mal eine 45er unter die Nase halten, nur zeigen, um ihnen ein wenig Ehrfurcht einzuflößen. Aber das ist nur ein Wunsch. Oder macht sich bereits das erste Gift in seinen Gedanken breit, Amok zu laufen wäre im Sinne der sozialen Hygiene vielleicht doch gar keine so schlechte Idee? Aber Beat ist kein Misanthrop. Beat will nur überleben. Einigermaßen jedenfalls. Er kellnert in einer Nachtbar, legt Platten auf und beliefert einen Pornoproduzenten mit Ideen. Früher hat er mal zwei Bücher geschrieben, aber davon ließ sich nicht leben. Beat ist uneitel genug, um sich das einzugestehen. Also macht er das, was ihn über Wasser hält. Die prekäre Situation ist für ihn jedoch kein Grund zu klagen. Eine Festanstellung mit Häuschen im Grünen, plus Frau und Kind, ist nicht der Traum, für den er sich ins Zeug legen würde.

Okay, das Leben ist zum Kotzen, wie es bei Leo Malet heißt, aber Beat nimmt es nicht zum Vorwand, sich selbst zu bemitleiden. Beat hat eine Menge auszusetzen an den Verhältnissen – und Dobler trägt eine Menge zusammen, ohne daß die Kritik flach wird oder sich in Sozialkitsch verliert, was den meisten Autoren mühelos gelingt –, aber er macht sie nicht für sein persönliches Schicksal verantwortlich und er erwartet auch nicht, daß ihm irgendetwas von seinen Problemen abgenommen wird.Er erwartet auch gar keine Hilfe, schon gar nicht, als er vom Pornoproduzenten verfolgt wird, der glaubt, Beat hätte ihn bei den Bullen verpfiffen. Beat weiß, daß mit dem Mann nicht zu spaßen ist, und deshalb begibt er sich nach einer Nacht hinterm Tresen einer Bar auf die Suche nach alten Freunden, von denen er weiß, daß sie ihm das besorgen können, was er braucht, um davon zu kommen, denn das ist alles, was prekäre Verhältnisse anzubieten haben: Noch einmal davon zu kommen. Mit einer 45er nimmt Beat die Chance wahr, die ihm bleibt, nämlich aufzuräumen und schneller zu sein, für den Fall, daß ihm jemand in den Rücken schießen will. Dobler strickt keinen verschachtelten Plot und die Handlung ist gemessen an einen durchschnittlichen Krimi einfach und aufs wesentliche reduziert. Er läßt seinen Protagonisten übernächtigt und mit deshalb geschärften Sinnen durch ein Viertel laufen und beobachten, dort, »wo der Einkommensdurchschnitt zu sinken beginnt und die Knastjahre pro tausend Einwohner mehr werden«, dort, wo sich der verdeckte Wahnsinn breit zu machen beginnt und der Amokläufer still vor sich hin brütet und darauf wartet, daß ihn jemand wach küßt, Menschen, die der soziale Druck zu Versagern gemacht hat und die bereit sind, blind um sich zu schlagen. Aber da trifft Beat eine Frau in einem roten Kleid. Eine prekäre Existenz wie er. Eine kurze Begegnung, aber man weiß, daß die Frau mit dem losen Mundwerk das Besondere werden könnte in Beats sich dahinschleppenden Leben, das in nur 24 Stunden auf eine andere Umlaufbahn gerät und das Dobler wie das Blatt beim Poker langsam Karte für Karte aufschiebt in der Hoffnung, es könnte ein Full House herauskommen, denn der Einsatz, um den es geht, ist nichts geringeres als das Leben selbst.

Was sich zunächst nach einer hardboiled Kolportage mit vielen Leichen anhört, erweist sich bei Dobler als reflektierter Roman, in dem man einige der großen Autoren aus der tough-guy-school wiedererkennt, die amerikanische Tradition, die von Hammett über Bukowski und Hunter S. Thompson bis Kinky Friedman und Jörg Fauser reicht, der ein ähnliches literarisches Koordinatensystem hatte. Dobler ist bei ihnen in die Schule gegangen, aber er imitiert sie nicht, er hat etwas Originäres geschaffen, einen Sound, der unter die Haut geht, eine Prosa, die kompromißlos und manchmal gewalttätig ist und in der Wut, Zorn und Verzweiflung ihre Spuren hinterlassen haben, ohne jedoch ausweglos zu sein und in Tristesse zu versinken, denn gleichzeitig brilliert sie mit Witz und einem Humor, der nicht auf einen Brüller aus ist, wie die das Fernsehen bevölkernden Comedy-Leichen, sondern aus einem dezenten Understatement heraus aufblitzt. Ein Roman, der klingt wie eine dunkel röhrende Harley, die vor dem Start nicht mit dem Motor angeberisch und hektisch aufheulen muß, damit man weiß, daß sie kaum aufzuhalten sein wird.

Franz Dobler, »aufräumen«, Kunstmann, München 2008, HC 206 Seiten

Roche, Charlotte

Vielleicht denken Sie ja jetzt: Bin gespannt, wie der die Roche auseinandernimmt, verhackstückt, verrührt, verquirlt, was weiß ich. Pech gehabt. Mach ich nicht. Denn es wäre albern, wollte ein Mittfünfziger Literatur für Spätpubertierende kritisieren. Und es würde zu Recht Aversionen hervorrufen. Nein, bei Charlotte Roche »Feuchtgebiete« fällt mir nur der Song der Gruppe Superpunk ein: »Was neu ist für dich, ist ein alter Hut für mich. Ich will nicht arrogant sein, doch zu dir fällt mir nicht viel ein.« Muß aber. Und wie so oft bin ich, liebe Leser, für Sie ein bißchen gestorben: In Roches Roman geht es ums Unterrum, und da bin ich für absolute Selbstbestimmung. Jeder und jede soll da machen, was ihm oder ihr Spaß macht. Oder wie es bei den Spardosen heißt: »Dein Po macht mich fertig, dein Dekolleté extrem nervös, total gefährlich, wenn ich die Sache nicht mit dir zusammen lös. Sag warum, spielen wir nicht den ganzen Tag an uns rum?« Das ist nett, witzig, charmant. Bei Roche hingegen wird nicht lange gefackelt, sondern gefickt, »weil wir ja alle Tiere sind, die sich paaren wollen. Am liebsten mit Menschen, die nach Muschi riechen.« Nach Muschi? Ne, also das wär, um mit Roche zu reden, jetzt nicht so mein Ding. Gerüche können himmlisch sein, aber auch Ekel hervorrufen, bei mir jedenfalls. Und außerdem: Ist das Schöne am Sex nicht gerade die Differenz zum katholischen Fortpflanzungssex ist, also die Differenz zum »Rein und raus, rein und raus, aber beklecker nicht das Sofa Sofa«, wie Frank Zappa die Sache einmal so schön besungen hat?

Die Frage jedoch ist die: Will ich das lesen? Bringt mir die Lektüre folgender Zeilen ein intellektuellen oder emotionalen Gewinn? »Mir macht es Riesenspaß, mich nicht nur immer und überall bräsig voll auf die dreckige Klobrille zu setzen. Ich wische sie auch vor dem Hinsetzen mit meiner Muschi in einer kunstvoll geschwungenen Hüftbewegung einmal komplett im Kreis sauber. Wenn ich mit der Muschi auf der Klobrille ansetze, gibt es ein schönes schmatzendes Geräusch und alle fremden Schamhaare, Tropfen, Flecken und Pfützen jeder Farbe und Konsistenz werden von meiner Muschi aufgesogen. Das mache ich jetzt schon seit vier Jahren auf jeder Toilette. Am liebsten an Raststätten, wo es für Männer und Frauen nur eine Toilette gibt. Und ich habe noch nie einen einzigen Pilz gehabt.« Das würde ich gern mal sehen. Den Huftschwung. Aus einem rein anatomischen Interesse heraus. Wie soll das gehen? Nicht daß ich etwas gegen niedliche Perversionen einzuwenden hätte, aber praktikabel sollten sie schon sein, sonst bekommt man, wie überhaupt bei den Ausführungen von Roche, den Eindruck, bei den sexuellen Praktiken und Vorstellungen ginge es vor allem um das olympische Prinzip des Höher, Weiter, Schneller, übersetzt ins Roche‘sche Feuchtgebietsdeutsch: Perverser, Abartiger, Schmutziger.

Genau aber aus diesem Grund fand das Buch von Charlotte Roche weite Beachtung und setzte sich schnell auf Platz eins sogar der internationalen Bestenliste fest. Das Publikum ist von den bizarren Sexpraktiken aus dem gleichen Grund fasziniert wie von Gala oder der Frau im Bild, wenn darin Unglück und Schicksalsschläge irgendwelcher Königshäuser breitgetreten werden. Da wird der Voyeurismus bis zum Abwinken bedient. Literatur übernimmt in diesem Moment die Funktion eines Kuriositätenkabinetts, so wie früher in den Schaubuden Menschen mit Abnormitäten zur Belustigung ausgestellt wurden. Behilflich ist Charlotte Roche natürlich auch ihre TV-Bekanntheit. Verwerflich ist jedoch nicht, daß sie diese nutzt, sondern daß sie deshalb vom Publikum und von den Kritikern wahrgenommen wird. Literatur, die nach dieser Rezeptur hergestellt wurde, sieht man meist zur sehr die Bemühung an, dieses Mainstreamprinzip zu bedienen. Es kann dennoch gute Literatur entstehen. Bei Charlotte Roche ist das nicht der Fall. Ein bißchen Szenesprech ist noch keine literarische Leistung. Die meisten können das, vor allem, weil man dann auf Satzstruktur und Satzzeichen keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht. Dennoch ist es um einiges lesbarer als das, was Grass und Walser zusammenrühren, aber um besser als die beiden Sülzköpfe zu sein, braucht man sowieso kein großer Sprachkünstler zu sein.

Wie auch immer, es gibt offensichtlich eine Menge Leute, die gerne lesen, wie sich Roches Protagonistin einen Duschkopf vaginal einführt und dann den Hahn aufdreht. Ich kann kein Vergnügen dabei empfinden. Auch nicht an der behaupteten ständigen sexuellen Verfügbarkeit einer 18-jährigen, die ein wenig zu sehr dem Wunschtraum des Mannes nach Unterwerfung und dem üblichen Rollenklischee entspricht. Da erscheint ja sogar der Pornostar Jenna Jameson emanzipierter, die sich von Marilyn Manson trennte, weil »er mich für meinen Geschmack zu oft in den Arsch ficken wollte.« Vielleicht kam Charlotte Roche genau aus diesem Grund bei der Kritik gut an. Jedenfalls überwiegend.

Wie so oft war die Reaktion der Medien interessanter als das Buch selbst. Die kleine junge Welt was not amused und holte den dicken Vorschlaghammer heraus: »Sex ist damit auch zwangsläufig Teil kapitalistischer Verwertungslogik, muß einer sich immer weiter verzweigenden Ausdifferenzierung und einem Überangebot an Begehren folgen, während wir gleichzeitig massenhaft Kathedralen des sexuellen Elends errichten.« Uiui. Wenn man jedesmal beim Sex daran denken müßte, daß man doch nur wieder kapitalistische Verwertungslogik betreibt, dann würde einem der Spaß daran schnell vergehen. Die große FAZ läßt sich auch nicht lumpen und versteigt sich ebenfalls zu recht aberwitzigen Ideen, indem sie versucht unter Zuhilfenahme von gut 20 Geistesgrößen des 20. Jahrhunderts mit einem höchst abstrakten und professoralen Vokabular dem Phänomen auf die Schliche zu kommen. Roches Roman schafft »die Grundlage für ein weibliches Selbstbild, in das die Differenz zwischen intimer Wirklichkeit und öffentlicher Inszenierung ganz selbstverständlich eingespeist ist und souverän verwaltet werden kann«, schreibt Frau Harms unter Berufung auf Freud, Lessing, Richard Sennett, Houellebecq und anderen. Wenn jemals etwas über- bzw. totinterpretiert worden ist, dann von Frau Harms, die vor lauter Bedeutungshuberei nicht begreift, daß Roches Roman nicht nur einfach gestrickt ist, sondern auch einfach den Marktmechanismen eines Bestsellers folgt. Insofern muß man Charlotte Roche dankbar sein, denn wenn man schon nicht ihren Roman goutieren kann, dann zumindest das mediale Echo. Das Schlußwort gebührt Frau Harms: »Indem ihr kaltblütiger Seiltanz den grotesken Leib begnadigt, erlöst er die Erotik aus der Verfallenheit ans vollkommene Bild. ›Feuchtgebiete‹ ermächtigt zum Spiel mit der individuellen Versehrtheit und ermutigt den kunstlosen Sexus, endlich erwachsen zu werden.« Uff, da muß man erstmal drauf kommen.

Die Wahrheit über den 30. Spieltag

Ich glaube, ich muß widerrufen. Warum? Weil jetzt auch Effenberg die Entlassung Zorcs fordert und behauptet, niemand könne aus dieser Mannschaft noch etwas machen. Nein, ich muß doch nicht widerrufen, denn das Oberarschloch des deutschen Fußballs hat eine bildzeitungskompatible gewinnfixierte Einstellung, die den Tod des schönen Fußballs bedeutet, und das ist der grundlegende Unterschied zwischen einem Fan und einem »Hauptsache, die Kasse stimmt«-Typen, für den nur zählt, »was hinten rauskommt«. Das Problem mit dem BVB besteht aber nicht darin, daß er nur auf Platz 13 steht, sondern daß der schöne Fußball nur in wenigen Momenten aufblitzte. Diese blödsinnige Ergebnisorientiertheit, die sich bei Bild darin zeigt, daß die schlechteren Noten immer der Verlierer bekommt, nicht aber der spielerisch Bessere, teilt auch Effenberg. Daß er deshalb zu Schlußfolgerungen kommt, die auch ich schon mal geäußert habe, ist deshalb noch kein Grund, es sich anders zu überlegen.Genau besehen hat sich BVB-Trainer Thomas Doll bei seinem Wutausbruch am Mittwoch genau gegen diese Einstellung gewandt. Leider hatte er einfach keine Argumente, und deshalb wirkte sein unkontrollierter Wortschwall peinlich. Es ließ sich inhaltlich wenig herausdestillieren, und die ständige Einforderung von »Respekt« gegenüber seiner Arbeit war ein bißchen wenig und ließ vor allem unberücksichtigt, daß die Information, er werde zum Saisonende entlassen, aus dem Verein kommt. Und schließlich waren seine Argumente auch deshalb inkonsistent, weil er das Erreichen des UEFA-Cups als großen Erfolg verkaufte. Er wüßte selber, daß man »ein paar Punkte zu wenig« auf dem Konto hätte, sagte Doll, aber was in Dortmund vermißt wird, ist eine Handschrift des Trainers, ein Konzept, ein Wille zum schönen Spiel, zu Kombinationen, schnellem Spiel, wie es für die Premier League stilprägend ist.Gegen Frankfurt spielten die Dortmunder genau fünf Minuten lang so, schossen den Ausgleich und hatten zwei 100prozentige. Auf 90 Minuten gesehen ein bißchen wenig, aber zumindest konnte man sehen, daß das Potential da ist, aber eben nur in Ausnahmefällen abgerufen wird. Und das ist das Problem des Trainers, der als Kumpeltyp zwar die Spieler auf seiner Seite hat, dem von diesen aber genau der nötige »Respekt« verweigert wird, den er von der Presse einfordert. Wenn Doll der Presse, die doch sowieso nur Käse schreibt, wie jeder weiß, eine solche Bedeutung zuschreibt, dann läßt sich daran ablesen, wie angeschlagen er wirklich ist, und deshalb kann man wahrscheinlich froh sein, daß der BVB mal wieder ein Pünktchen geholt hat. Immerhin waren die Schwarzgelben die bessere Mannschaft, was die Schalker nicht von sich behaupten konnten, die vom HSV an die Wand gespielt wurden, aber trotzdem 1:0 gewannen. Nürnberg gab ebenfalls trotz Überlegenheit und trotz einer 2:0-Führung das Heft gegen Bielefeld noch aus der Hand. Und am nächsten Samstag geht es dann nach Dortmund. Gegen den Club haben die Borussen die Gelegenheit, sich mal großzügig zu erweisen, denn die Nürnberger dürfen nicht absteigen, schon allein deshalb, weil Koller da spielt.

Die Wahrheit über das Pokalendspiel

Nach den 120 Pokalminuten, als man sich an die Wertung des Spiels machte, hörte man fast ein kontrolliertes Aufatmen. Es war nicht die von allen erwartete »Hinrichtung« (Doll) geworden wie eine Woche zuvor in der Liga, aber trotzdem haben sich die Bayern dann durchgesetzt. Die Dortmunder haben nicht den Spielverderber gemacht und an die schlechten Leistungen der letzten Zeit angeknüpft, haben durch das Tor in der letzten Sekunde ein bißchen was für die Dramaturgie getan, sie kämpften und rackerten und dafür wurde ihnen dann anschließend von allen auf die Schulter geklopft. Das habt ihr prima gemacht. Nette Jungs, tolle Moral. Man kondolierte dem Verlierer ein wenig zu herablassend, und Beckenbauer gab fast schon etwas gelangweilt zu, daß es sich die Bayern eben selber schwer gemacht hätten und am Ende sogar mit etwas Glück gewonnen hätten. Und gerne gestand man Kehl zu, sich in der Illusion zu wiegen, besser gewesen zu sein. Diese allgemeine Sicht der Dinge wurde auch durch den BVB-Boß Watzke gestützt: »Es hat der Glücklichere gewonnen, nicht der Bessere.« Bayern aber war so häufig schon der Glücklichere, daß man sich langsam mal fragen muß, ob da nicht vielleicht ein System dahinter steckt. Letztlich waren alle zufrieden. Die Medienvertreter darüber, daß die Sache nicht ganz so eindeutig war wie befürchtet, was man sich von Bela Réthy auch den gesamten Abend über und bis zum Abwinken anhören mußte. Die Dortmunder Spieler und Fans, die mal kurz am Pott schnuppern durften, und die Münchner, die ihn schließlich einsackten. UND DAS WAR DAS SCHRECKLICHE AN DIESEM ABEND! Es war wie eine gut einstudierte Inszenierung. Und die Dortmunder gaben in diesem abgekarteten Spiel den netten Sparringspartner, der die Münchner zwar ein wenig fordern, aber nicht schlecht aussehen lassen durfte, und es auch nicht konnte. Dank dieser Inszenierung wird dieses Pokalendspiel als eines der langweiligsten Finals in die Geschichte eingehen. Vielleicht wird man sich noch an die rote Karte für Kuba erinnern, aber selbst die war nicht sehr spektakulär, wenngleich die 2. gelbe Karte ungerechtfertigt war, denn Kubas Grätsche nahm Lell dankbar an, um sich am Boden zu wälzen. Lell hätte auch über Kuba hinwegspringen können und weiterspielen, aber dann hätte Kuba eben nicht gelb-rot gesehen und das hätte wiederum gegen die Philosophie der Bayern verstoßen. Rot statt gelb hätte Kuba allerdings für seine Schwalbe im Sechzehner sehen müssen, die so doof wie offensichtlich war. Bei Toni kann er sich abgucken, wie man das viel geschickter macht. Vielleicht wird man sich noch an das Tor in der 92. Minute erinnern, das im Abwehrwirrwarr durch einen abgefälschten Schuß von Petric zustande kam, aber abgesehen von der perfekten Dramaturgie durch den Treffer, der von den Dortmundern gefeiert wurde wie der Pokal selbst (klar, man hatte in der letzten Zeit auch nicht viel zu bejubeln), war in dem gesamten Spiel nicht wirklich etwas dabei, das sich ins Gedächtnis eingraben würde, da war kein großer Moment, keine Magie, keine knisternde Spannung, da waren nur elf wacker kämpfende Schwarzgelbe, die fast alle Valdez hätten heißen können, und selbst in Bedrängnis überlegene Bayern, die den Schiedsrichter auf ihrer Seite hatten, das Glück und den Fußballgott sowieso, und bei niemanden wirklich Zweifel aufkommen ließen, daß sie den Pott gewinnen würden, selbst wenn es zum Elfmeterschießen gekommen wäre. Gegen Wacker Burghausen jedenfalls war die Sache um einiges enger als gegen Dortmund. Daß es so war, ließ sich an einer Frage von Kerner ablesen, die er der Expertenrunde stellte, ob wirklich jemand nach dem späten Ausgleichstor am Sieg der Bayern gezweifelt hätte. Und die Experten hatten nicht gezweifelt, wie auch sonst niemand daran gezweifelt hat, außer vielleicht die Dortmunder, die ihr demoliertes Image etwas aufpolieren wollten und sich ohne Widerspruch der Bayern als die Besseren wähnen durften, die sie aber nicht waren. Der Abend wäre vielleicht unvergeßlich geblieben, hätten die Dortmunder noch ein paar rote Karten gesammelt, wofür sie bei diesem Schiedsrichter gute Chancen gehabt hätten. Dann wäre es ein Spiel gewesen, das mit vier Platzverweisen für die Schwarzgelben noch lange für Gesprächsstoff gesorgt hätte. Oder sie hätten einfach eine Abwehrschlacht geliefert mit elf Mann im Sechzehner. Oder vielleicht einfach mal gewinnen, mit irgendeinem bescheuerten Duseltor. Aber nein, sogar Kringe gab Kahn mit seinem Schuß die Gelegenheit, sich anschließend als Pokalheld feiern zu lassen. Aber nichts Unvorhergesehenes passierte, nichts Überraschendes, nichts, was die Inszenierung durchbrochen hätte, so daß man anschließend nicht die blöden, zufriedenen Fressen hätte ertragen müssen, die alle über einen gelungenen Abend strahlten wie ein ganzes Atomkraftwerk. UND DESHALB WAR DIESER ABEND EIN ÖDES SPEKTAKEL, das Watzke mit dem unterwürfigen Kommentar krönte: »Es hat mich sehr gefreut, daß uns Uli Hoeneß nach dem Spiel zu einer guten Leistung gratuliert hat.« Will man sowas wirklich hören? Ich nicht. »Ich bin ein glücklicher Mensch«, sagte Hoeneß auf eine der üblichen idiotischen Reporterfragen, wie es ihm denn jetzt so ginge. Und diese Antwort war das einzige Erfreuliche an diesem Abend, denn dieser Satz hat die Frage Camus‘ beantwortet, wie man sich einen glücklichen Menschen vorzustellen habe. Dieser glückliche Mensch hat jetzt ein Gesicht, und dieses Gesicht gehört Uli Hoeneß.

Die Wahrheit über den 29. Spieltag

»Berlin, Berlin, was wollt ihr in Berlin?« lautete der Schlachtruf der BVB-Fans nach der unterirdischen Darbietung der Dortmunder. Den Fans bleibt auch gar nichts anderes übrig als Sarkasmus. Schon beim 5:0-Debakel in München feierten die Fans, als ob sie gerade einen historischen Sieg eingefahren hätten. Nur so lassen sich die Pleiten einigermaßen ertragen. Trotz der »Hinrichtung« (ist von Doll, nicht von mir) in München, wurden die Spieler nicht ausgepfiffen. Eine noble Geste. Der Premiere-Experte Effenberg meinte hingegen, die Fans müßten ja wohl ziemlich »schmerzfrei« sein. Daß das Arschloch nicht sofort von einem Blitz erschlagen wurde, beweist mal wieder, daß es einen Gott nicht gibt, und wenn doch, dann muß er gerade sein Hörgerät ausgeschaltet haben. Das ist das Schlimmste im Leben eines Fans: Daß man sich von Labertaschen den dämlichsten Scheiß anhören muß, wo man es doch selber viel besser weiß. Aber was soll man zu Effenberg schon groß sagen: ehemaliger Bayern-Spieler eben! Die Frage der Fans, was man eigentlich in Berlin will außer sich die Kante zu geben, ist nach der erbärmlichen Leistung gegen die auch nicht gerade vor Selbstbewußtsein strotzenden Hannoveraner mehr als berechtigt. Nur noch 61.000 Leute wollten sich das Elend live antun. Die Bayern wären über eine solche Kulisse froh, für Dortmund ist sie ein Minus-Rekord. Nein, was die Dortmunder boten war sensationell schlecht, so daß den Fans wirklich den Mund vor Staunen nicht mehr zu kriegten. Nur ein kleines Beispiel: Freistoß für den BVB an der Mittellinie. Ball wird 5 Meter quer gepaßt. Dann wieder zurück. Hannoveraner kommt angerannt. Ball wird nach hinten gespielt, aber zu kurz, so daß sich für die Gäste ein schöner Konter eröffnet. Das schaffen nur Mannschaften, die völlig von der Rolle sind. Ein übriges tat der Referee dazu, der nach jedem Körperkontakt abbrach und auf jedes Dahinsinken hereinfiel. Was für ein beschissenes Spiel. In der Milchbar bekam man plötzlich Karten fürs morgige Pokal-Endspiel angeboten, denn selten ließen sich die Chancen so exakt bestimmen wie diesmal: 0,0 % für den BVB. Und Bayern trumpft z.Z. nicht nur groß auf, sondern hat auch noch das Glück des doofen Siegers (denn Siegen macht dumm, man muß nur nach dem Spiel van Buyten gesehen haben, um diese auf den ersten Blick wacklige These bestätigt zu bekommen). Und dieses Glück reicht von Getafe nach Frankfurt, wo die Bayern nach menschlichem Ermessen hätten verlieren müssen. Tun sie aber nicht, weil der Gegner mithilft und riesige Chancen verdaddelt, und wenn das allein nicht hilft, ist der Schiedsrichter so nett und übersieht geflissentlich einen Elfer. So geht’s natürlich auch. Und deshalb bin ich kein Hellseher, wenn ich Ihnen an dieser Stelle verrate: Das wird ein gaaanz langweiliges Pokal-Endspiel, das wahrscheinlich schon nach einer halben Stunde entschieden sein wird (halbe Stunde ist vielleicht etwas optimistisch). Hat man die Durchhalteparolen und die Mienen von Kehl und Doll nach der Pleite gegen Hannover gesehen und gehört, dann gibt es nur noch eine Hoffnung: Daß wenigstens Doll endlich fliegt.

Die Wahrheit über den 28. Spieltag

Hat Bremen endlich seine Krise überstanden? Sieht so aus. 5:1 zu Hause gegen Schalke ist ziemlich heftig und macht deutlich, daß Bremen wieder zurück ist im Kampf um Platz 2. Denn nur noch der ist vakant. Die Bayern stehen einsam und allein auf Platz eins. Niemand stört sie dort und niemand will was von ihnen. Eigentlich ist das eine ganz traurige Existenz. Zum Sieg verdammt zu sein, und wenn sie dann mal ein Spiel in den Sand setzen ist die Häme groß. So gesehen täten mir die Bayern wirklich leid, wenn ich nicht was anderes zu tun hätte, und davon gibt es genug. Außerdem haben sie jede Menge Glück, wie in Getafe, als der spanische Torhüter Toni den Ball vor die Füße legte, damit der nur noch einzuschieben brauchte. Manchmal hat man wirklich das Gefühl, als ob der Gegner ebenfalls viel Mitleid mit den Bayern hat und sie deshalb großzügig beschenkt. Und die Bayern nutzen diese Schwäche sehr prollig aus. Jedenfalls ist es nur von mäßigem Interesse, was die Bayern ganz da oben treiben, Spannung herrscht ab Platz zwei, und da haben die Bremer jetzt die Nase vorn, denn nicht nur Schalke schwächelt, sondern auch die Hamburger und die Leverkusener. Mit dem Formtief von Bernd Schneider scheint auch die gesamte Bayer-Truppe auseinanderzufallen. Zumindest ist es eine Kunst, sich von den ja nicht gerade überragenden Dortmundern in den letzten drei Minuten plus Nachspielzeit zwei Tore einschenken zu lassen, wie vor einer Woche geschehen. Aus der schwarzgelben Sicht war es wie ein Wunder, und Wunder müssen gewürdigt werden. Keine Ahnung, wann den Dortmundern so etwas schon mal gelungen ist, aber solche last-minute-Tore müssen ja erzwungen werden, und daß der Wille dazu da war, hat mich sehr erstaunt, denn die in der Regel eher träge Spielweise drängt einen solchen Eindruck nicht gerade auf. Seit Huub Stevens seine Demission zum Saisonende bekannt gegeben hat, steckt auch bei den Hamburgern der Wurm drin. Mit den Dortmundern und den Bremern bildet Hamburg jetzt ein Triumphirat der Vereine, die es geschafft haben, gegen Duisburg zu Hause zu verlieren. Den Duisburgern wird das vermutlich nicht helfen, aber daß sie sich endlich mal von den richtigen alimentieren ließen, ist ein ehrenwerter Ansatz. Nicht nur die Zebras setzen nämlich zum Endspurt an, sondern auch die zwei Zonenvereine. Cottbus hat mit einem 1:0 gegen Bielefeld bereits den 3. Sieg in Folge eingefahren. Eine Leistung, die Dortmund in dieser Saison noch nicht geglückt ist. Und Rostock bediente sich in Karlsruhe, denen nach sensationellem Start auch nicht mehr so viel zu gelingen scheint. Frankfurt vergeigt nach großer Überlegenheit und unglücklich 2:1 in Hannover und verpassen dadurch den großen Sprung auf einen Uefa-Cup-Platz. Das schönste Ergebnis aber war das 5:1. Man möchte es immer wieder vor sich hin sagen: 5:1 – 5:1 – 5:1 – 5:1 … Jajajaja. Schon allein deshalb, damit Slomka endlich fliegt, denn Slomka ist ein Mann, den Schalke gar nicht verdient hat. Er ist bemerkenswert uneitel und zurückhaltend, und deshalb hat er was besseres verdient als Schalke.

Die Wahrheit über den 27. Spieltag

Huch! Gewalt im Stadion! Wie konnte das passieren? Große Aufregung im Spiel der Eintracht. Einige Ultras aus Nürnberg bzw. Nänbärch, wie der Franke sagen würde, unterstützt von angeblich 40 Kollegen von Rapid Wien (Wien? Bislang mehr bekannt durch »Anonymverfügungen«, Kaffeehäuser und Selbstmörder) hatten drei Böller (in Zahlen 3) gezündet und eine Leuchtfackel (in Zahlen 1) aufs Spielfeld geschmissen, und alle Beteiligten befanden sich sofort in heller Aufregung. Oh Gott! Böller! Laute, trommelfellschädigende Böller! Schiedsrichter Gagelmann unterbricht sofort das Spiel. Zwanzig Minuten lang werden die Spieler in Sicherheit gebracht und besorgt spähen die Verantwortlichen auf die Fankurve. Alles geht sich in Deckung. Nur ein kleiner weißhaariger Vorgartenzwerg aus der fränkischen »Woscht«-Metropole begibt sich tapfer vor den Zaun, um mit den Fans zu diskutieren. Am besten, wir lauschen mal ein wenig dem Dialog:»Mensch, des kennte doch net machen! Des kost doch widdä a Stanga Geld! Dou kenntmä doch bessä an neua Spüler defür kaafn!«, sagt Nürnbergs berühmtester Teppichhändler. Und was kriegt er zur Antwort? »Roth, du Oaschluch, väzieh dich.« Jedenfalls ging es seinem, Roths Vorgänger, Voack so, der dann schnell seinen Abschied nahm. »Voagg, du Ouschluch!«, schallte es damals ebenso laut wie zäh und beständig durch das Kleidodstadion am Valznerweiher. So schnell hingegen wird Roth nicht aufgeben, denn jede auf ihn gerichtete Kamera und jedes Blitzlicht, in das er sich stellen kann, hält ihn wieder ein bißchen länger am Leben und entschädigt ihn für seine Statur, mit der er ohne sich zu bücken unter einen Tisch hindurchlaufen kann. Insofern ist er den Ultras wahrscheinlich sogar ein wenig dankbar, denn die gaben ihm die Gelegenheit, sich mal wieder ins Rampenlicht zu stellen, während Gagelmann, Schiri-Beobachter Schmidhuber, die Polizei und die Fan-Beauftragten Huber und Lerch in der Schiri-Kabine beratschlagten. »Nicht abbrechen, die Folgen sind unabsehbar!«, sagten die beiden Fan-Kenner. Uiuiui! Die phobischen Reaktionen gegen solcherlei »Ausschreitungen« haben etwas Lächerliches an sich, wenn man zum Vergleich mal nach Italien oder andere europäische Ligen guckt. Was sich dort abspielt, muß man nun wahrlich nicht gut finden, aber man kann den Spielern auf dem Platz nicht erlauben, dem Gegner legal die Knochen zu brechen, und sich dann wundern, wenn es ein paar Jungs gibt, die das gut finden und ein wenig mitmischen wollen. Wenn sich selbst Beckmann und Kerner in Abscheubekundungen üben und von ein paar »Idioten« sprechen, die dem Fußball großen Schaden zufügen, dann sollte man nicht ganz so voreilig urteilen. Wenn die mal was abkriegen würden, wäre doch gegen die »Idioten« soviel gar nicht einzuwenden, oder? Verdient haben Sie es allemal. Und – meine Güte – wenn mal ein bißchen Leben in die Bude kommt, ist doch auch nicht schlecht. Sonst werden in Deutschland die Spiele nur wegen Nebel abgebrochen.

Die Wahrheit über den 26. Spieltag

Das einzige, auf das man sich beim BVB verlassen kann, ist seine überraschende Unstetigkeit. War schon der Auftritt zu Hause gegen Karlsruhe ungewöhnlich, denn niemand hätte den Dortmundern diese ziemlich starke Leistung zugetraut, auch wenn es dank des 4-Millionen teuren Chancentods Valdez dann doch nur zu einem 1:1 reichte, gegen Bochum wiederum traute ich meinen Augen kaum, weil Wörns und Hummels sich durch lauffreudiges Vorpressing der Bochumer derart verunsichern ließen, wie man es selten bewundern kann. Immer wenn ein Bochumer auf den ballführenden Verteidiger zulief, schienen dessen Nerven wie nichts gutes zu flattern, so daß ich wieder daran glaubte, die Jungs hätten vielleicht doch den »Mentalcoach« nötig gehabt, den Dortmund gerade entlassen hat, weil man im Ruhrgebiet an moderne Trainingsmethoden nicht glaubt. Wenn in Dortmund der Rasen nach einem Spiel nicht umgepflügt ist, dann sieht Sportdirektor Zorc »Weicheierfußball« am Werk. Nun bin auch ich skeptisch gegen den Neusprech, mit dem die sogenannten neuen Methoden im Training bemäntelt werden, und bei Mentalcoach kriege ich Zahnschmerzen, aber es ist schon länger als Freud bekannt, daß der Mensch eine Psyche hat und diese gestreichelt werden will, wenn man von einem Menschen Leistung erwartet. Da würde es manchmal auch einfach reichen, einen Dolmetscher einzustellen, um der deutschen Sprache nicht mächtigen Spielern behilflich zu sein, statt sie wie damals bei der Verpflichtung von Dede und Evanilson sich selber zu überlassen. Da der Mensch aber nicht allein aus Fußball besteht, wie Zorc selbstverständlich annimmt, funktioniert er eben auch nicht auf Knopfdruck. Jetzt aber hat der Vorstand den Motivationstrainer Jürgen Lohr entlassen. Und als ob sie diese Entscheidung kommentieren wollten, präsentierten sich die Dortmunder in der ersten halben Stunde in einem fürchterlich desolaten Zustand. Nur den unermüdlichen Tinga und Dede war es zu verdanken, daß die Schwarzgelben noch einmal zurückkamen und in einer immerhin spannenden Partie nach zweimaligem Rückstand noch ein 3:3 schafften. Wenigstens kein Langweilerkick. Aber seit fünf Spielen kein Spiel mehr gewonnen. Das sollte zu denken geben. Aber auch bei Bremen ist der Wurm drin. Zu Hause gegen Duisburg verloren die Bremer mit 2:1 in einer Partie, bei der sich niemand der Grünweißen ein Bein auszureißen schien. Gegen Duisburg zu Hause eine Niederlage einzustecken, das schaffte bislang nur Dortmund. Aber es war sowieso der Tag der Favoritenabstürze: die Bayern schafften in Nürnberg nur ein 1:1, aber keiner der Verfolger schien Profit daraus schlagen zu wollen, denn sowohl Hamburg, die zu Hause gegen Bielefeld ebenfalls nur ein 1:1 hinkriegten, als auch Bayer Leverkusen, die zu Hause gegen Frankfurt sogar eine 2:0-Niederlage einstecken mußten, konnten den Abstand zum einsamen Tabellenführer verkürzen. Auch Schalke kam über ein 0:0 gegen Karlsruhe nicht hinaus. Dabei hatten die Schalker noch Glück, aber das kennt man ja.