Archiv für den Monat: Mai 2008

Götz Aly (I)

Gestern konnte man im Brecht-Haus auf einer Podiumsdiskussion zwischen Götz Aly und KD Wolf über Alys Abrechnung mit den 68ern »Unser Kampf« Zeuge werden, wie unbeirrt jemand an seinen Irrtümern und Unwahrheiten festhält und sie mit größter Selbstverständlichkeit als grandiose Forschungsergebnisse ausgibt. Man könnte es Chuzpe nennen, aber irgendwie gleicht Aly da den Nazis, die mit der gleichen Selbstverständlichkeit ihre groteske Weltanschauung in die Öffentlichkeit bliesen. Längst wurde beispielsweise nachgewiesen, daß 1968 in Deutschland eben nicht die meisten Naziprozesse stattgefunden haben. Das mag sich nicht gerade bedeutsam anhören, aber darauf beruht eine der Hauptthesen Alys. Die Linken hätten die Prozesse ignoriert, während der gute Staat quasi vorbildlich Vergangenheitsbewältigung betrieben hätte. Die 68er hätten also damals aufgehört, sich mit der Nazivergangenheit ihrer Väter zu beschäftigen, und das wäre ganz schlimm gewesen. Dieser Vorwurf löst sich schnell in Luft auf, wenn man bedenkt, daß in einer Revolte es selbstverständlich besseres zu tun gibt, als sich mit der Vergangenheit der Väter auseinanderzusetzen. Äußerst komisch wäre es gewesen, wenn die Leute, denen jede Menge unter den Nägeln brannte (Vietnam, Uni, Familie, Autorität, das Leben selbst), statt zu revoltieren sich dem Studium der Nazizeit gewidmet hätten. Leider hat man bislang viel zu sehr versucht, Aly in dieser Hinsicht zu widerlegen. Dabei hat er vollkommen recht. Nur auf eine andere Weise, als er gerne hätte. Auch daß die meisten Protagonisten der 68er bürgerliche Berufe ergriffen haben und in der ML-Phase außer verbalen Müll nichts zustande gebracht haben, ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis. Immerhin hat Götz Aly von seiner ehemaligen Mitgliedschaft der Kommunistischen Roten Hilfe auch profitiert, nämlich die vollkommene Unfähigkeit, auf Fragen einzugehen. Und deshalb sollte er nicht so schlecht über seine Vergangenheit sprechen. Zumindest die Kunst des zähen und autistischen Argumentierens beherrscht er perfekt.
Zu Aly fällt mir eigentlich nur ein ausländerfeindlicher Witz ein, den Harry Rowohlt einmal erzählt hat. Begegnet ein Berliner seinem türkischen Nachbarn im Hinterhof, der gerade seinen Teppich klopft, und sagt: »Na Aly, springt er nicht an?« Von dem Buch Alys kann man das nicht behaupten. 120.000 wurden angeblich schon verkauft. Dank der Medien. Denn sonst gibt es nicht wirklich jemanden, der sich damit auseinandersetzen mag. Außer seine ehemaligen Genossen. Und die waren denn auch gekommen, weshalb man sich auf der Veranstaltung wie im Altersheim fühlte. Warum auch sollte jüngere Leute interessieren, was Aly schlechtes über seine alten Kollegen zu erzählen hat? Das ist wie ein alter Familienstreit, und der erhitzt eben auch nur die Gemüter der Angehörigen.

Auf einem Grillabend mit Elektro-Pop

Gustav ist eine charmante Wienerin, die es mit lediglich zwei Zeilen verdient hätte, in die Pop-Geschichte einzugehen: »Rettet die Wale und stürzt das System.« Mit ihrer mädchenhaft unschuldigen Stimme, sparsam instrumentiert, hat sie die Ironie wieder zu Ehren verholfen, die natürlich, ich gebe es zu, nur in irgendwelchen abgelegenen, verwaisten Nischen existieren kann, die von der Pop-Geschichte vollkommen ignoriert werden. Aber wenn man den Song einmal gehört hat, weiß man, daß er das Zeug hat, etwas ganz großes zu sein, wenn die Leute nur ein bißchen mehr im Kopf hätten. Aber weil dem nicht so ist, werden diese genialen Zeilen immer nur ein paar wenige beglücken.

Ich tappte nur wegen diesen einen Liedes in den Festsaal Kreuzberg, nur um festzustellen, daß man eine Menge auf sich nehmen muß, um an diesem Glück kurz partizipieren zu dürfen. Eine Stunde jedenfalls mußte ich mich an einer Flasche Bier festhalten, um die Vorgruppe zu überstehen, einem Mädchen mit riesiger Schirmmütze, die ein bißchen ihre Gitarre quälte und ihr dünnes Stimmchen dazu gab, völlig in sich versunken und aus Angst vor dem Publikum es ignorierend. Vermutlich trat sie zum ersten Mal auf und war froh, als sie es überstanden hatte, und deshalb halte ich an dieser Stelle auch meine Klappe, aber ich glaube, es wird auch so deutlich, daß es sich nicht gerade um eine zweite Soko handelte, die im Festsaal die Gutmütigkeit der Zuschauer strapazierte, die ihre Darbietung großzügig mit Beifall bedachte. Man wußte nur nicht, ob das Publikum ein großes Herz hatte oder einfach nur einen schlechten Geschmack.Ich vermute, von beiden etwas, und so nachlässig sie gegenüber dem Auftritt waren, so präsentierte es sich auch selber, so daß man ein wenig wehmütig an etwas vehementere und leidenschaftlichere Zeiten denken mochte, nicht, weil dann ein paar Stühle zu Bruch gingen, sondern weil das Publikum selber mehr hermachte, wie beispielsweise die Mods, die vielleicht nicht viel in der Birne hatten, dafür aber wenigstens Stil, egal ob man den nun gut oder schlecht findet. Hier im Festsaal war es vermutlich umgekehrt, auch wenn man niemandem ansah, daß er gerne das System gestürzt hätte, eher schon die Wale gerettet, aber irgendwie war es ein bißchen traurig, so viele Menschen zu sehen, denen so wenig Wille zur Selbstdarstellung anzumerken war. Wozu bitteschön geht man auf ein Konzert, und ich meine jetzt kein klassisches, wo man sich auch einfach in den Sessel lümmeln, die Augen schließen und die Musik über sich ergehen lassen kann? Man will doch schließlich auf der Bühne jemanden sehen, der einen affiziert, durch die Musik, durch die Show, durch das Gehabe, den Auftritt, durch Entertainment, durch Glanz und Glamour. Aber da hatte ich mich offenbar geirrt. Es herrschte eine Art familiäre Nachlässigkeit wie auf einem Kindergeburtstag oder auf einem Grillabend, wenn man ein paar Leute eingeladen hat, und man weiß, die Darsteller sind die gleichen Laien und Amateure wie man selbst.

Ich will nicht sagen, daß die Musik von Gustav so war, und bestimmt hat sie lange daran herumgetüftelt, aber auf jeden Fall ihr Auftreten. Es war nicht kalkuliert, sie machte keine Attitüde daraus, aber gegen etwas mehr Routine und Professionalität hätte ich nichts einzuwenden gehabt, wenn man schon Eintritt bezahlt. Sowieso war der Elektro-Pop gewöhnungsbedürftig, weil man nie ganz sicher sein konnte, ob das schräge und schrille Gekreische aus der Dose gewollt oder nur das Ergebnis einer Rückkopplung war. Mit der Zeit gewöhnte man sich allerdings daran, wenn die den ganzen Körper durchwummernden Bässe etwas nachließen und hier und da so etwas wie Rhythmus zu spüren war. Dann wurde Gustav sogar richtig mitreißend. Ihre wunderbaren Balladen gab es nur als Zugabe. Und deshalb hielt ich bis zum Schluß durch, obwohl die Hitze mich bereits weichgekocht hatte und mir das Wasser in kleinen Sturzbächen in die Schuhe lief. Mehr konnte man an diesem Abend von mir nicht verlangen, und es zeigt, wie sehr ich Gustavs Musik mag.

Mit Jürgen Klopp vollgas in die Pleite

Ich habe gebetet, ja, ich gebe es zu, daß der Quacksalber Klopp an den Schwarzgelben vorbei gehen möge. Es hat wie immer nix genutzt. Jetzt muß ich mich mit dem Gröfatz (Größter Fatzke) arrangieren. Das fällt nicht leicht, denn das meiste spricht nicht für ihn. Schon gar nicht seine Herumkumpelei mit Bubi Kerner im ZDF, der immerhin bei älteren Damen echten Schlag hat. Dort tut er mit der größten Selbstverständlichkeit so, als ob er für jeden Spielzug eine plausible Erklärung hätte, dabei weiß man doch, daß im Fußball, jedenfalls auf BVB-Niveau, der Zufall mit satten 60 Prozent veranschlagt werden kann (großzügige Schätzung von mir). Daß Klopp auf Anhieb in Dortmund gut ankommt, zeugt nicht nur von der großen Sehnsucht nach einem Messias, sondern vor allem davon, daß heute im Trainergeschäft weniger der Sachverstand zählt, sondern die Fähigkeit als Kommunikator, d.h. worauf es ankommt, ist die Produktion von Luftblasen. Klopp gilt als großer Motivator. Den Mainzern spielte er den »Haka-Tanz« vor, den Kriegstanz der neuseeländischen Ureinwohner Maori. Er verteilte sogenannte »Motivationsbackpfeifen« und machte »Überlebenstraining«, eine Art Abenteuerurlaub, in dem man ohne Handy Kanu fahren und selber das Klo putzen muß. Die armen Spieler. Aber es kommt noch schlimmer: »Wenn ich sage, die müssen mit dem Kopf gegen die Wand laufen, müßten sie das tun.« Wenn das die modernen Trainingsmethoden sind, dann gute Nacht, Borussia, dann ist pünktlich zum 100. Geburtstag im nächsten Jahr der Tiefpunkt erreicht. Von all dem halte ich nichts, denn Motivationsheinis verschießen meist schnell ihr Pulver.

Zorc hält Klopp für eine Idealbesetzung. In Dortmund munkelt man, daß die Sponsoren einen seriösen Trainer bevorzugt hätten, und das ist das erste Mal, daß ich mit den Geldgebern übereinstimme, denn ich mag die Trainer nicht, die in Sportklamotten unwürdig an der Seitenauslinie herumhampeln. Ich mag Trainer nicht, die sich von Spielern bespringen lassen, wenn sie mal ein Tor geschossen haben, ich mag diese Inszenierung hemmungsloser Begeisterung nicht, weil das nur davon zeugt, daß der Zufall der Faktor ist, auf den man sich verläßt und auf den man hofft. »Wir wünschen ihm, daß es ihm gelingt, seine Vorstellungen von ›Vollgasveranstaltungen‹ im Signal Iduna Park umzusetzen. Dazu kloppen wir auf Holz«, kalauerte der Hauptsponsor Evonik, und ich fürchte, daß die Verpflichtung Klopps ein ähnlicher Kalauer wird wie die »Vollgasveranstaltungen«: Auf daß nie wieder eine »Vollgasveranstaltung« auf deutschem Boden zu Ende gehen möge, oder: Ohne Vollgas geht in Deutschland nichts.

Aber fairerweise muß ich zugeben, daß es auch durchaus positive Seiten an Klopp gibt, zumindest an seinen Trainingsmethoden, von denen man annimmt, daß sie inzwischen selbstverständlich sind. Sind sie aber nicht. Z.B. intensives, ballorientiertes Training, exzessive Videoanalyse (Arsene Wenger macht das schon seit Jahrzehnten systematisch) und attraktiven Angriffsfußball. Dazu allerdings braucht man die richtigen Spieler, und von denen hat Dortmund nicht viel. Wenn jetzt auch noch Mladen Petric, dem die Fans zu anspruchsvoll sind, nach einer eventuellen Wertsteigerung durch die EM verkauft werden würde, dann ginge der einzige, der wirklich mit dem Ball tanzen kann, und auch wenn Alexander Frei sich immer reinhängt wie nix gutes, sein Powerfußball ist begrenzt. Und die für die nächste Saison verpflichteten Felipe Santana und Marko Basa sind beide Abwehrleute und müssen Wörns und Kovac ersetzen. Na immerhin die Namen haben schon mal einen tollen Sound.

Die Wahrheit über den 34. Spieltag

Klaus Bittermann

In der Milchbar hatte ich meinen Hintern noch gar nicht richtig auf dem Barhocker positioniert, noch nicht mal eine Bestellung aufgegeben, noch nicht mal die letzten Aufrechten begrüßt, die sich immer noch in den dunklen Schuppen schleppen, weil sie es einfach nicht lassen können und sonst nur nervös zu Hause herumsitzen würden, als es bereits 2:0 für Wolfsburg stand. Zwei Standards von Marcellinho, zwei Tore, obwohl man das nicht mal als Schüsse bezeichnen konnte. Die Bälle flogen, wenngleich nicht ganz ohne Heimtücke, aber auch nicht gerade brandgefährlich aufs Tor, Dortmunds 2. Ersatzmann im Tor Höttecke ließ sich irritieren, und schon fühlte ich mich wie in Dantes Hölle und ließ alle Hoffnung fahren. Immerhin konzentrierte sich jetzt die Aufmerksamkeit auf den Schirm, denn wenn das so weiter ging, versprach es, ein lustiges Schützenfest zu werden. Wurde es auch. Auch wenn der BVB danach das Heft in die Hand nahm und sogar nochmal herangekommen wäre, wenn Frei nicht einen Elfer verschossen hätte. So kann man natürlich kein Spiel gewinnen, was schwierig genug gewesen wäre nach dem Ausfall von Hummels, der einer der besten Dortmunder war, und dessen Ersatzmann Amedick mit Marcelinho völlig überfordert war. Wolfsburg qualifizierte sich mit dem Sieg in Dortmund für das internationale Geschäft, dank der Millionen, die hinter Magath stehen. Fragt sich nur wie lange, denn andere Mannschaften dürften nicht ganz so großzügig sein wie Dortmund an diesem Tag. Und auch bei Dortmund kann man sich fragen, was sie im Uefa-Cup zu suchen haben. Dann aber immerhin mit dem Brasilianer Santana, einem 1,92 Meter großen Bollwerk, das den scheidenden Wörns ersetzen soll. Doll konnte sich mit dieser Niederlage nicht für eine Weiteranstellung empfehlen, aber auch ein glänzender Sieg hätte über die dürftige Gesamtleistung der Dortmunder nicht hinwegtäuschen können. Gerüchte besagen, daß Jürgen Klopp nach Dortmund kommt, wenn Mainz nicht aufsteigen sollte (bei Redaktionsschluß noch nicht bekannt). Das wäre nicht schön, denn Leuten, die mit Kerner herummachen und den Fußballexperten im TV geben, ist nicht zu trauen. Aber wer will sonst schon nach Dortmund? Eine große Auswahl von befähigten Trainern gibt es nicht. Aber mit Doll in die nächste Saison zu gehen, wäre keine gute Idee, denn eine erkennbare Handschrift im Fußballsystem war nicht zu entziffern, auch wenn man berücksichtigen muß, daß es eine Menge Verletzter gab. Aber die hatte auch Bremen zu beklagen und dennoch qualifizierten sie sich zum 5. Mal hintereinander direkt für die Königsklasse. Schalke muß als Tabellendritter jetzt in die Qualifikation. Ein schwacher Trost. Vorher schickten sie kollegialerweise noch den Club in die 2. Liga, wobei dem Club vor dem 7. Abstieg nicht wirklich zu helfen war, denn mit dem schlechtesten Torverwertungskoeffizienten der Liga kann man nicht wirklich die Klasse halten. Wie das Spiel in Berlin hätte der Club auch gegen Schalke gewinnen können, aber »zuerst fehlte das Glück und dann kam auch noch Pech dazu«, wie Kobra Wegmann einmal sagte. Bielefeld hätte sich Stuttgart gar kein Bein mehr ausreißen müssen, um ein weiteres Jahr in der Bundesliga um den Abstieg zu kämpfen. Das wird auch Karlsruhe, die mit einer 7:0-Pleite in Hamburg schon mal einen Vorgeschmack auf die nächste Saison bekamen, wenn das verflixte 2. Jahr des Aufsteigers bevorsteht. In München vergoß Hitzfeld Tränen und schrieb sie dann für die Bild auf. Ein bißchen würdiger hätte sein Abschied schon sein können.

Die Wahrheit über den 33. Spieltag

Klaus Bittermann

Vor dem entscheidenden Spieltag in Berlin rief Thomas von Heesen noch einmal seinen Freund Doll an, um ihm zu sagen, dass es nicht ganz unwichtig wäre, wenn Dortmund in Bielefeld, dem direkten Mitabstiegskonkurrenten des Clubs, ein paar Punkte holen würde. Aber auch die Engelszungen Thomas von Heesens nützten nichts. Die Dortmunder nahmen sich nach dem großen Fight gegen Stuttgart wieder ein Aus und wechselten in der ihnen typischen Art von Top auf Flop. Bielefeld war die agilere Mannschaft, und auch wenn dem BVB ein paar wichtige Kräfte fehlten, war das noch lange kein Grund, so schlaff aufzutreten. Nur der Schweizer Frei hängte sich mächtig ins Zeug. Bis kurz vor Ende schien die Sache gelaufen, denn da führten die Bielefelder mit Toren des mittelmäßigen Wichniarek mit 2:1, was alles andere als ein vorteilhaftes Licht auf die BVB-Abwehr wirft, während die glücklosen Nürnberger mit einer 1:0-Pleite in Berlin auch nicht gerade ihren Beitrag zum Nichtabstieg lieferten. Aber dann passierte doch noch etwas, das den Club im Rennen hält. Und das war gleichzeitig das einzige Highlight in Bielefeld: Ein Tor aus dem Kuriositätenkabinett, ein von Frei an den Pfosten gesetzter Freistoß prallte dem Bielefelder Keeper an den Kopf und flipperte erst dann ins Tor. Zwanzig Mal wurde dieser Kunstschuß in Zeitlupe und aus allen möglichen Perspektiven gezeigt, und der arme Torwart wird sich noch oft das Unglück ansehen müssen, das dem Club am letzten Spieltag eine letzte Chance einräumt. Dann geht es zu Hause gegen Schalke. Deren Fans bereiten sich offensichtlich akribisch auf dieses entscheidende Spiel vor, denn von ihnen entdeckte ich schon am Wochenende welche in Nürnberg. Und das ist auch kein Wunder, denn auch für Schalke geht es um die letzte Chance auf einen direkten Zugang zur Champions-League. Aber bislang warteten die Schalker vergeblich auf einen Ausrutscher der Bremer, die Hannover souverän und mit Leichtigkeit überrollten, was vielleicht auch damit zu tun hatte, dass die Hannoveraner durch die Bremer Qualifikation im internationalen Geschäft noch einen Nachschlag von 1,5 Millionen für Mertesacker einsacken. Da tat sich Schalke gegen Frankfurt um einiges schwerer, und noch schwerer wird es in Nürnberg, denn dort erwartet sie – alte Fanfreundschaft hin oder her – die Hölle. Auch Bielefeld muß gewinnen, und zwar bei den Stuttgartern, die ihre Chance auf einen Uefa-Cup-Platz wahrnehmen und vor heimischen Publikum noch einmal eine gute Figur abgeben wollen, was umso notwendiger erscheint, als Armin Veh zwei Niederlagen in Folge zu verkraften hat. Bielefeld oder Nürnberg, Bremen oder Schalke, da fällt die Wahl nicht schwer. Es wird tatsächlich noch einmal spannend. Und auch Dortmund kann noch ein gutes Werk tun, indem sie den Wolfsburgern in die Uefa-Cup-Suppe spuckt. Aber wahrscheinlich werden sie auch das vermasseln.

Oliver Kahn

In der letzten Zeit konnte man sich vor Oliver Kahn kaum retten. Er verfolgt einen auf Schritt und Tritt, kaum daß man eine Zeitung aufschlägt oder sich ins Internet flüchtet. Oliver Kahn ist schon all hier. Sogar der Rolling Stone opferte ihm fünf Seiten. Eine optische Belästigung, mit der nicht mal Miss Angie »Piggie« Merkel mithalten kann. Am 17. Mai bestreitet er sein letztes Spiel und es hagelte Nachrufe, Würdigungen und Elogen. Als Torhüter hatte er zweifellos seine Qualitäten, er wurde sogar dreimal zum Welttorhüter des Jahres gewählt (Gianluigi Buffon allerdings viermal), aber daß ihm die Medien diese Aufmerksamkeit zukommen ließen, hatte weniger mit seinem Können zu tun, das im Überschwang der Reportergefühle häufig völlig überschätzt wurde, sondern mit seiner Rolle als aggressiver Ehrgeizling, die er sich im Laufe der Zeit aneignete, als er merkte, daß die Medien darauf ansprangen, wenn er den Kraftprotz mimte und sich der dazugehörigen Kraftprotzrhetorik bediente.

Die katastrophal verlaufene EM in Portugal, als die Deutschen bereits in der Gruppenphase ausschieden, veranlaßte mich, dieses Getue zu glossieren: »›Wir brauchen Eier‹, bellte Oliver Kahn nach Spielschluß einmal in die Kamera. Dann schrieb die Gestalt gewordene Maul- und Klauenseuche ein Buch. ›Nummer eins‹ heißt es, und darin steht: ›Ich bin der Arsch.‹ Jetzt müßten beide noch zusammenfinden und Kahn könnte es sich selber besorgen. Aber keine dieser sensationellen Enthüllungen Kahns über sich hat die deutsche Öffentlichkeit so erschüttert wie die von »Bild« gnadenlos ans Tageslicht gezerrte Tatsache, daß die Eier und der Arsch gar nicht deutsch, sondern halblettisch sind. ›Kahn ist Halblette‹ war denn auch eins der ganz großen Highlights der EM in Portugal. Zumindest aus deutscher Sicht.«

Niemand verkörperte so gut wie er das Prinzip des »Immer weiter, niemals aufgeben«, der Schlachtruf des Geltungstriebes, der bei ihm krankhafte Formen annahm. Normalerweise landen solche Leute in einer Anstalt, wird dieser Trieb jedoch erfolgreich kanalisiert, dann wird aus den Fällen mit einem veritablen Dachschaden in der Regel ein erfolgreicher Politiker, wie Hitler einer gewesen ist, der ja im Prinzip nichts weiter war als ein armes Würstchen, das erst durch die Anerkennung der Massen zur »Lichtgestalt« wurde, weshalb solche Phänomene immer auch ein schlechtes Licht auf diejenigen wirft, die auf solche merkwürdigen Figuren hereinfallen.

Ähnlich verhält es sich mit Oliver Kahn. Seine zähnefletschende Beckmesserei und die befremdlichen Anwandlungen seinen Mitmenschen gegenüber hätten ihn normalerweise straks in der Klapse geführt, gäbe es aufmerksame Mitbürger, die ein Verhalten, wie es Kahn manchmal an den Tag gelegt hat, als das erkannt hätten, was es ist: Psychotisch. Aber da die Extremsportler sowieso einen an der Waffel haben, brachte ihm sein merkwürdiges Gebaren keine Gummizelle, sondern öffentliche Anerkennung ein. Es wurde ihm sogar eine Aura der Unüberwindlichkeit angedichtet. Dummerweise hatte sich das nicht bis Manchester herumgesprochen. Im berühmten Champions-League-Endspiel 1999 nahm ManU keine Rücksicht darauf und schenkte Kahn in der Nachspielzeit noch zwei Tore ein.

In der Heimat wurde er berühmt-berüchtigt nicht für echte Attacken, sondern für Schein-Attacken. Als er Heiko Herrlich am Hals nagte, hinterließ er keine Bißwunde. Es sah nicht einmal beeindruckend aus, sondern ziemlich befremdlich, eher wie ein angehender Vampir, der sich ungeschickt anstellt. Als er mit gestrecktem Bein voraus dem Dortmunder Stürmer Chapuisat Kung-Fu-mäßig entgegenflog, war weit davon entfernt, gefährlich zu sein. Aber er wollte signalisieren, daß er auch bereit wäre, ihm alle Knochen zu brechen, was er natürlich nie gemacht hätte. Es sollte nur so aussehen. Er gerierte sich als furchterregendes Monster, um die Gegenspieler zu verunsichern. Und das gelang ihm häufig genug. Das ist zwar keine spielerische Qualität, aber im Fußball besteht die Hälfte des Erfolgs sowieso aus Psychologie, bzw. atavistisches Verhalten. Und es gab in der Tat nicht wenige, die auf das affige Getue Kahns hereinfielen.

Manchmal wird die Psychologie allerdings ein wenig arg strapaziert, vor allem, wenn sich Kahn selbst darin übt. Dann entpuppt sie sich als bloße Fehlentscheidung des Schiedsrichters wie im Herzschlagfinale 2001, als den Bayern in der 94. Minute von Merk ein Freistoß im Strafraum und damit die Meisterschaft geschenkt wurde. In seinem neuen, gerade erschienenen Buch, das nicht zufällig »Ich.« heißt, also eine glatte Lüge ist, interpretiert er dieses Tor als »Triumph des Willens«, genauer Triumph seines Willens, obwohl er keinen Anteil daran hatte, außer daß er behauptet: »Ich bin jetzt nur noch Wille, komplett beherrscht vom ›Das-kann-nicht-sein, Das-darf-nicht-sein!‹. Ich will dieses Spiel noch drehen. Ich bin bereit, dafür alles zu geben, und jeden Preis zu zahlen.« Aber es ist Merk, der einen abgefälschten Ball als Rückpass interpretiert, und es ist Andersson, der den Freistoß ins gegnerische Tor hämmert.

Der Grad von Kahns Gestörtheit dokumentiert sich aber nicht nur in der Überbewertung seiner Rolle, sondern in seiner Reaktion nach dem Treffer, denn er fällt nicht etwa dem Schützen um den Hals, sondern er herzt, drückt und knutscht die Eckfahne, vermutlich, weil seine Mitspieler Grund hatten, sich vor seinen emotionalen Ausbrüchen zu fürchten.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt glaubte Kahn vielleicht tatsächlich das, was in der Presse über ihn zu lesen war: Der »Titan«, der »Unüberwindbare«. Als Unbesiegbarer »belohnte« er sich, wie der Rolling Stone schrieb, »mit einem Ferrari-Cabrio und einer Disco-Mieze« mit dem Hinweis: »Die Leute sollen sehen, aha, der Kahn hat auch andere Facetten.« Facetten ist gut. Könnte vielleicht sogar sein, daß es diese Facetten waren, die Klinsmann veranlaßten, ihn bei der letzten WM nur noch als Ersatzmann zu berücksichtigen. Spätestens dann wandelte sich Kahn vom Ehrgeizling zum elder statesman, dem nur das Wohl und der Erfolg Deutschlands am Herzen liegt. Er brachte es fertig, seine Degradierung als Größe zu verkaufen und alle, die ihn jahrelang in allen Stadien der Republik mit Bananen beworfen hatten, zu beschämen, weil in Zeiten der WM die Deutschen auf unangenehme Weise zu einem Kollektiv verwachsen. Schön ist das nicht, aber immerhin kann man sich schon auf die nächste Bundesligasaison freuen, denn dann ist der Spuk namens Oliver »Aga« Kahn vorbei. Jedenfalls auf‘m Platz.

Klaus Bittermann

Die Wahrheit über den 32. Spieltag

Klaus Bittermann

In einem Interview beschwerte sich BVB-Coach Thomas Doll, es könne nicht sein, daß er für die »Eigenmotivation« der Spieler verantwortlich gemacht werde. Eigenmotivation? Was ist das? Nicht nur, daß ich dabei immer an Eigenurin denken muß, Eigenmotivation steht offensichtlich im Gegensatz zur Fremdmotivation, bei der mir immerhin Daum einfällt, der seinen Spielern befahl, Gras zu fressen. Sollte Doll analog dazu darauf bestehen, daß seine Spieler das freiwillig tun?

Im Spiel gegen den Club jedenfalls trat Dortmund wie halbseitig gelähmt auf, daß man schon fast fürchtete, die Ursache wäre physischer Natur. Umso überraschender war die Energieleistung, die die Dortmunder gegen die Stuttgarter boten, die sich immerhin noch Hoffnungen auf einen Champions-League-Platz machten. Da die Dortmunder den Schwaben spielerisch unterlegen waren, mußten sie das Manko durch Eifer ausgleichen, ohne daß sich jedoch sagen ließ, ob die Motivation eigen- oder fremdbestimmt war. Auf jeden Fall war sie überraschend. Auch für den Kicker, der offenbar so überwältigt war, daß gleich vier Dortmunder in die »Elf des Tages« und Valdez sogar zum »Mann des Tages« gewählt wurde. Tatsächlich war Valdez mal was gelungen, als er zwischen zwei Stuttgartern hindurchlief und perfekt für Frei auflegte. Das »irre Laufpensum«, das ihm zugute gehalten wurde, ist eigentlich keine besondere Leistung; bei den »couragierten Dribblings« blieb er oft genug hängen. Vielleicht bin ich ihm gegenüber ja zu negativ eingestellt, aber ein gutes Spiel pro Saison ist ein bißchen wenig für einen Spieler, der sechs Millionen gekostet hat. Es war ein hartes Stück Arbeit und der Sieg nur möglich, indem die Mannschaft, wie Frei es ausdrückte, »immer am Limit spielte«.

Nächste Saison würden vielleicht 80 Prozent reichen, weil man sich dann verstärkt habe. Na, da bin ich aber gespannt. Mein Vertrauen in Zorc ist da sehr begrenzt. Ganz unwichtig war der Sieg der Dortmunder übrigens nicht, denn jetzt hat sich der BVB wenigstens noch vor die Bochumer geschoben, was die schwarzgelb gefärbte Ruhrgebietsseele wieder etwas versöhnen dürfte. Bayern wurde schon letzten Sonntag Meister, aber interessiert hat es keinen, und auch beim 2:0-Sieg zu Hause gegen Bielefeld war wichtig nur, daß Bielefeld jetzt nur noch ein zartes Pünktchen vom Abstieg trennt, denn Nürnberg hatte Duisburg geschlagen und ist so den Bielefeldern auf den Pelz gerückt. Jetzt ist das nächste Spiel der Dortmunder in Bielefeld für die Franken nicht ganz unwichtig. Sollte der BVB versagen, könnte das das Aus für den Club bedeuten. Und das wäre nun wahrlich das Letzte, nachdem man den Nürnbergern schon die drei Punkte am letzten Wochenende nicht gegönnt hat.

In Nürnberg hat man Koller jetzt wieder lieb, nachdem man einsehen mußte, daß es ohne ihn wohl direkt in die 2. Liga gehen würde. Und auch nicht schlecht: »Babyspeck« Tim Wiese macht in Hamburg als Kung-Fu-Kämpfer von sich reden. In diesem Fall würde ich ausnahmsweise mal sagen: Hauptsache Bremen hat gewonnen und Schalke ist wieder auf Platz 3.

Die Wahrheit über den 31. Spieltag

Klaus BittermannJetzt, nachdem alles gelaufen ist, hätte man annehmen können, die Dortmunder würden ihre Fans ein wenig verwöhnen und ein bißchen munterer spielen als zuletzt. Aber vor allem in der ersten Halbzeit gegen die abstiegsbedrohten Nürnberger wurde wieder ein unglaublicher Murks abgeliefert. Und wieder ging die Diskussion los, ob sie es einfach nicht können oder nicht wollen oder ob Doll die Pflaume ist, der es einfach nicht auf die Reihe kriegt. Zum Glück konnte es der Club auch nicht besser, aber wenigstens ging er engagierter zu Werke, weshalb ich ihm sogar die drei Punkte gegönnt hätte, damit er ein wenig aus der Abstiegszone herauskommt, in der er nach dem Sieg der Bielefelder jetzt tiefer drinsteckt als zuvor. Und bis zum Spielende hätte ich tatsächlich nichts dagegen gehabt, wenn die Dortmunder für ihr unansehnliches Gekicke bestraft worden wären. Dann aber bedauerte ich es, daß Frei zweimal frei vor dem Nürnberger Schlußmann versagt hatte, denn als der Zweimeterriese mit der süßen Glatze Koller der Aufforderung der Südtribüne »Wir wolln den Koller sehn« folgte und sich vor der gelbschwarzen Wand feiern ließ, da weinten alle nostalgischen Herzen und wären bereit gewesen, mal wieder vor der miesen Leistung ein Auge zuzudrücken, vor allem, als sich Koller und der kleine Dede in den Armen lagen.
Nur die extremistischen Club-Fans, die gerne ihren nackten Oberkörper präsentieren, rasteten aus und beschimpften ihren besten Mann mit »Koller, du Arschloch!«, streckten ihm dem Mittelfinger entgegen und deuteten mit Gesten an, daß sie ihm gerne die Kehle durchschneiden würden. »Fucking Nürnberg-Fans«, schimpfte Koller und mußte einsehen, daß nicht immer der am nächsten zur Heimat gelegene Ort der angenehmste ist und daß der Ratschlag der Ehefrau, die ihn aus Dortmund lockte, nicht immer der klügste ist.

Das ist der Unterschied zu den BVB-Fans, die ihre Ikonen immer warm empfangen, auch wenn sie in den Diensten eines anderen Vereins stehen. Die Fans wissen genau, wer für sie und die Mannschaft alles gegeben hat. Das wird anerkannt, denn selbst tun die Fans das auch, denn die müssen mehr geben und aushalten, wenn sie immer wieder voller Hoffnung ins Stadion gehen und dann enttäuscht werden. Nur den Doofen, für die ein Stadion nur eine Bühne ist, um sich selbst vollkommen grundlos abzufeiern und die meistens so breit sind, daß sie gar nicht wissen, was sich auf dem Rasen abspielt, geht das Gespür ab, wer sich für sie opfert. Sie wollen nur Unterordnung und beschissene Nibelungentreue. Und vielleicht ist es deshalb gar nicht schlecht, wenn dem Club mal wieder das Kunststück gelingt, nach dem Gewinn eines Titels direkt in die 2. Liga zu marschieren, wie schon 1968, als man zum letzten Mal Meister wurde. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Vier Punkte fehlen zu Bielefeld und Cottbus auf einem Nichtabstiegsplatz. Neun Punkte sind noch im Topf. Und da der BVB noch nach Bielefeld gehen muß, um dort mit großer Wahrscheinlichkeit drei Punkte zu lassen, könnte die Strafe für den Club auf dem Fuß folgen. Manchmal werden die Sünden eben gleich bestraft.