Archiv für den Monat: Juni 2008

Götz Aly (II)

Der Evergreen auf der bundesrepublikanischen Bühne, der bereits seit Anfang der achtziger Jahre läuft und eine Hochphase während der Wiedervereinigung hatte und in dem lauter mustergültig resozialisierte Ex-Linke einander beschwören, von ihren verhängnisvollen Irrtümern abzulassen, wird seit ein paar Monaten wieder neu aufgeführt unter dem Titel »Unser Kampf«, geschrieben von Götz Aly, eine absolut glaubwürdige Persönlichkeit, denn Aly war selber Maoist und Mitglied der Roten Hilfe, ein typischer Kader also, dem die richtige ideologische Ausrichtung eine Glaubensfrage war, die verbiestert verfolgt wurde und die einschließlich Totschlag alles sanktioniert hätte, wenn der Mann denn die politische Macht dazu gehabt hätte, an die Götz Aly Gottseidank nie kam, woran er bis heute leidet, weshalb er in der Erlangung der Deutungshoheit über 68 die damals verlorene Schlacht wenigstens auf diesem Umweg und nachträglich gewinnen will.

Aly versucht das auf eine merkwürdig antiquierte Weise, indem er sich als überangepaßter Musterschüler den heutigen Verhältnissen auf unangenehme, ja unappetitliche Weise an den Hals schmeißt, die seine Hilfe jedoch gar nicht benötigen, weil die Regierung die Auseinandersetzung ja eh schon längst für sich entschieden hat. Insofern könnte man die Bemühungen Alys als Versuch interpretieren, durch Anbiederung auf konservativste Art und Weise noch einen Posten an irgendeiner Uni zu ergattern, jedenfalls ist eine große Verbitterung spürbar, wenn Aly anmerkt, daß selbst »einer, der sich seinen Lebensunterhalt zuletzt als Masseur verdient hatte, noch eine Professur in Erfurt ergattert« hat, ohne so vorbildlich abgeschworen zu haben, wie Aly das getan hat.
Götz Aly, das wird nach der Lektüre weniger Seiten deutlich, ist nicht klug, sondern peinlich. Er ärgert sich über »die verlorene Lebenszeit«, ohne zu begreifen, daß 68 erst die Karrieren ermöglicht hat, die später eingeschlagen wurden, jedenfalls konnte Aly aus seiner Vergangenheit anständig Kapital schlagen. Aus der Klage über die »verlorene Lebenszeit« spricht zudem eine Buchhaltermentalität, wegen der allein man schon froh sein muß, daß eine Revolution mit Götz Aly in ihrer Reihe nicht geklappt hat, sie wäre noch beschränkter und inhumaner gewesen als der Sozialismus mit dem Cordthütchen-Antlitz eines Honneckers. Der jedenfalls hätte die Kritik an der Westlinken nicht besser formulieren können als Aly, der seinen ehemaligen Mitstreitern »erschlichene Sozialhilfe« und »Parasitenstolz« vorwirft, jedenfalls denen, die es nicht zu Amt und Würden geschafft haben. Aber auch die, die es geschafft haben, kitzeln nur Alys Sozialneid hervor. Diese reichlich beschränkte Kritik hat man noch von Franz Josef Strauß im Ohr, und genau wie dieser argumentiert Götz Aly auch.

Es gibt viele Gründe, die 68er nicht zu mögen, daß sie nur auf der faulen Haut gelegen haben und keine nützlichen Mitglieder der Gesellschaft waren, ist schon allein deshalb idiotisch, weil Aly damit kritisiert, daß es sie überhaupt gegeben hat, d.h. Aly hat keine Vorstellung mehr davon, wodurch 68 hervorgerufen wurde, was eine Kunst ist, weil er immerhin ein Teil der Bewegung war, ganz abgesehen davon, daß er nur einen sehr eingeschränkten Blickwinkel auf 68 hat und ihm die subkulturelle Bedeutung dieser Zeit vollkommen fremd ist. Gerade die Zeitverschwender und Blaumacher, die Schulschwänzer und Trebegänger, die Aussteiger und Dropouts, d.h. all die, die für das System nicht mehr funktionierten, was immerhin eine Voraussetzung ist, wenn man das System stürzen will, haben zu 68 etwas Existentielles beigetragen, nämlich sich selbst, und waren nicht bloß auf einen Posten erpicht wie Götz Aly, der, als ihm die Revolution keinen verschaffen konnte, umschwenkte und seither bemüht ist, alle guten Gründe, die es für eine Veränderung gab, zu vergessen und abzustreiten.

Götz Aly entspricht ziemlich genau dem Typus des Intellektuellen, den Horkheimer schon 1939 beschrieben hat: »Aufatmend werfen sie die unbequeme Waffe weg und kehren zum Neuhumanismus, zu Goethes Persönlichkeit, zum wahren Deutschland und anderem Kulturgut zurück. (…) jetzt preisen die literarischen Gegner der totalitären Gesellschaft den Zustand, dem sie ihr Dasein verdankt und verleugnen die Theorie, die sein Geheimnis aussprach, als es noch Zeit war.«

Lucy in the Sky with Diamants. Die bewegte Geschichte des LSD

Wie eindimensional und autistisch Bücher wie »Unser Kampf« von Götz Aly wirklich sind, wird besonders deutlich, wenn man parallel dazu Günter Amendt liest. Während Aly ganz in orthodox stalinistischer Manier die 68er nur durch die Polit-Brille des ehemaligen SDS wahrnimmt, und damit einen Teilaspekt der Realität gewaltig aufbauscht, einen Aspekt, der außerdem am wenigsten interessant war, weshalb sich für sein Buch eigentlich nur seine ehemaligen Genossen interessieren (der Rest ist dem Jubiläumshype in den Medien zu verdanken), beleuchtet Amendt in seinem neuen Buch »Die Legende vom LSD« den gleichen Zeitabschnitt aus einem anderen Blickwinkel und er zeigt darin, daß die Bewegung in den sechziger Jahren vielfältiger war als die reduzierte Geschichtsschreibung Alys vermuten läßt, der zudem das Vergangene aus einer neoliberalen Perspektive beschreibt, und das ganz ohne Auftrag des Bundesinnenministeriums. Zwar geht es Amendt sowieso um etwas anderes, aber dennoch läßt sich ein interessanter Unterschied in der Herangehensweise und der Methode beobachten. Amendt muß sich nicht wie Aly im nachhinein rechtfertigen, aus dem einfachen Grund, weil er nicht aus Schuldgefühl sich zum Konservativen wendete, d.h. er reflektiert die Ereignisse, ohne daß man das Gefühl hat, er würde seine Befunde auf bestimmte ideologische Prämissen hin zurechtbiegen. Die bewußtseinserweiternde Wirkung des LSD, von der immer die Rede war, Götz Aly jedenfalls hätte man sie gewünscht. »Über die sechziger Jahre zu sprechen, ohne über LSD zu sprechen, heißt, sich eines höchst unredlichen Geschichtsrevisionismus schuldig zu machen«, heißt es bei Amendt, und damit ist eigentlich schon alles wesentliche zu Aly gesagt.

Jedenfalls hat die psychedelische Droge Nummer eins, die in den sechziger Jahren den Markt überschwemmte, große Auswirkungen auf die Subkultur, ja sie hatte auf ihr Entstehen nicht unwesentlich Einfluß. Alan Ginsberg veröffentlichte schon 1959 »Lysergic Acid«, es gab den Psychedelic Rock der Grateful Dead, Jefferson Airplane, der Doors, Pink Floyd, Jimi Hendrix, Lou Reed und anderen, die Beatles waren »erleuchtet«, und wenn es die restliche Pop-Welt nicht schon war, dann folgten sie ihrem Beispiel und legten sich einen Guru zu. Auch in der Jazz-Szene (Thelonius Monk, Dizzy Gillespie und John Coltrane) wurde mit LSD experimentiert, Schriftsteller, Maler, Filmemacher, Schauspieler – die meisten Künstler ließen sich von Acid inspirieren. Wie es zu der Popularität der Droge kam und welche weitreichende Folgen sie für die Gesellschaften hatte, das alles behandelt Günter Amendt überaus souverän und kenntnisreich.

Zwar wurde LSD nur durch Zufall gefunden durch den kürzlich verstorbenen Schweizer Chemiker Albert Hofmann, dem ein Fehler beim Hantieren mit den Alkaloiden des Mutterkorns unterlief, aber mit niemandem ist die Geschichte des LSD mehr verbunden als mit Timothy Leary, der in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen gearbeitet hatte und dessen »Behauptung, die Methoden der traditionellen Psychiatrie würden ebenso vielen Patienten schaden wie helfen, … ihn zum Dissidenten innerhalb der kalifornischen Psychiatrie-Szene« machten. 1959 herrschte auf einer wissenschaftlichen Konferenz noch der »Geist des Optimismus«, weil man glaubte, LSD würde »tiefe Einblicke in das Seelenleben des Menschen« gestatten. Es ging um die große Frage: »Wie verändert man menschliches Verhalten?« Und mit LSD glaubte Leary auf dem richtigen Weg zu sein, auf einen besseren jedenfalls als den, den die klassische Psychiatrie zu bieten hatte. Diese Frage war jedoch nicht nur für die Subkultur von Interesse, sondern auch für staatliche Stellen, die herausfinden wollten, ob LSD geeignet war, die Wehrkraft des Feindes zu zersetzen. Die in diese Richtung gehenden Forschungen waren jedoch wenig zufriedenstellend, während LSD in der Anfang der sechziger Jahre über das Land schwappenden Anti-Vietnam-Protestbewegung, der Bürgerrechtsbewegung, der Free-Speech-Movement, d.h. in einer schwer kontrollierbaren Gegenkultur seinen Siegeszug antrat. Bis 1970 hatten bereits über sieben Millionen Amerikaner LSD genommen. Ein alarmierendes Zeichen für die Behörden, die mit Leary in einem Punkt übereinstimmten: »Alles, was das Bewußtsein verändert, ist eine Bedrohung der etablierten Ordnung.« Die ins Leben gerufene Anti-Drogenkampagne versuchte mit allen Mitteln, d.h. mit Lügen und Horrorgeschichten, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Vieles von der Karriere des LSD spiegelt sich in dem bewegten Leben Timothy Learys. 1969 wurde er von Nixon zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt, wegen Besitzes von Marihuana zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, kurz darauf von den Weathermen in einer spektakulären Aktion befreit, er setzte sich nach Algerien ab, wo er sich in der Obhut des »durchgeknallten Machtjunkie« Eldrige Cleaver von den Black Panthers befand, er zog weiter in die Schweiz, und als der Verfolgungsdruck der amerikanischen Behörden zu groß wurde, reiste er weiter nach Afganistan, wo er schließlich 1973 festgesetzt und an die Vereinigten Staaten ausgeliefert wurde. 1976 kam er frei, aber der Status des »Superstars« war weg.

Auch die Faszination von LSD begann zu verblassen. Jedenfalls ging die Zahl der Beschlagnahmungen erheblich zurück, was darauf schließen ließ, daß auch nicht mehr allzuviel im Handel war. Gab es zu Beginn der Illegalität noch die »Brotherhood of Eternal Love«, die den Markt mit »Orange Sunshine« flutete und die, wie Gerüchte besagen, sogar die Befreiung Learys finanziert haben soll, nahm die Nachfrage in den 80er und 90er Jahren immer mehr ab. LSD erfuhr einen beispiellosen »Bedeutungsverlust«. Gründe dafür gibt es mehrere. Der Zusammenbruch der Distribution, wie sie beispielsweise die Grateful Dead auf ihren Tourneen betrieben, mehr allerdings durch den sog. »Missile silo bust«, als ein Labor, das in einem verlassenen Raketensilo untergebracht war und 95 Prozent der Produktion deckte, ausgehoben wurde. Am meisten jedoch hatte die veränderte Gesellschaft selbst mit dem Angebotsrückgang zu tun, denn jede Epoche hat ihre eigene Modedroge. Die Träume aber, LSD für medizinisch-therapeutische Zwecke zu nutzen, sind noch nicht ausgeträumt. Während die Zahl der Vietnamveteranen, die psychologische Hilfe bedurften, noch bei 10 Prozent lagen, sind es bei den Afghanistan- und Irak-Heimkehrern bereits 30 Prozent, die über die typischen Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung leiden.

Günter Amendt gibt einen kurzen, ausgezeichneten Überblick über die Geschichte des LSD, seinen Einfluß auf die Subkultur, die verschiedenen Nutzungsinteressen, ohne es zu verteufeln oder zu glorifizieren. Die bewußtseinsverändernde Wirkung allerdings, die der Droge nachgesagt wird, ist ihr eigentlicher Mythos, denn letztlich hat sie bei den einzelnen nur zu Tage gebracht, was diese in ihr sehen wollten und was bei den »Acid-Heads« bereits als Bedürfnis vorhanden war. Man kann mit LSD einfach etwas großartiges erleben, wenn man jedoch mehr von der Droge erwartet, dann findet man auch sein religiöses Heil in ihr, ja sogar eine Erlösung von den schlechten Verhältnissen, die sich davon jedoch kaum beeindrucken lassen und denen damit kaum beizukommen ist.

Günter Amendt, »Die Legende vom LSD«, Frankfurt 2008, Zweitausendeins.

Schicke Lalalala-Musik der Fratellis im Lido

Die erste Enttäuschung an diesem Abend war, daß die Fratellis ohne Zylinder und ohne die Pin Ups auftraten, mit denen man sie auf ihrem Video-Clip sehen kann und die auch ihre erste Scheibe »Costello Music« zieren. Genau das hob sie aus der Masse der anderen Rockgruppen hervor. Aber mit Styling haben die Jungs aus Schottland nichts zu tun. Im nachhinein tut es ihnen sogar leid, daß sie das von den burlesken Glasgower Sängerinnen aufgehübschte Video durchgehen ließen. Der Bassist, ein molliger Typ, von dem sich schwerlich behaupten läßt, daß er sexy ist und der sein Gerät als Waffe benutzte, mit dem er sich jeden direkt in die Gehörgänge grub, trug ein T-Shirt mit der Aufschrift »Who the fuck is Mick Jagger«, ein Statement, das offensichtlich komisch war, falls es nicht ernst gemeint war. Möglicherweise sind sich die Fratellis darüber selber nicht im Klaren. Sie kamen einfach auf die Bühne und legten mit ihren Gassenhauern los, der Regler bis zum Anschlag, fetzige Rocknummern, mit denen man jedes einigermaßen willige Publikum platt machen oder in Verzückung geraten lassen kann. Gute-Laune-Musik eben, und was soll daran schon schlecht sein? Vor allem, wenn die schnellen Rhythmen selbst müde Beine zum Wippen bringen. »Whistle For The Choir« ist mein Lieblingsstück, mit dem ich schönen Frauen und guten Freunden in den Ohren lag, um sie in Entzücken zu versetzen. Ein nicht sehr komplizierter Song über die verrückte Liebe zwischen einem »irresistible boy« und einem »irresistible girl«. Um was es eben so geht im Rock‘n‘Roll. Nichts besonderes, eine eher ruhige Ballade im ansonsten auf der Scheibe ausgebreiteten Klangteppich mit zuviel Gitarrengewitter, aber ein Ohrwurm, der einen puscht und das Lachen zurückbringt. Nur wegen diesen einen Liedes ging ich ins Lido und kam taub wieder heraus. But it was fucking great, um das Kompliment, das der Sänger sich nicht schämte, dem Publikum zu machen, zurückzugeben. War einem erstmal der Kopf weggeblasen worden und hatte der malträtierte Baß und der auf Hochtouren wirbelnde Schlagzeuger mit 380 Umdrehungen pro Minute und offenem Mund von dem Besitz ergriffen, was übrig geblieben war, dann konnten einen auch die Teenies nicht mehr erschüttern, wenn sie ihre Arme hochrissen, begeistert klatschten und springend und kreischend Bierzeltatmosphäre verbreiteten. Why the hell not. Schicke »Lalalala«-Musik, mit der die Fratellis auf Anhieb Erfolg hatten. »Chelsea Dagger« wurde im Uefa-Cup-Finale bei der Siegerehrung eingespielt und Celtic Glasgow flutet damit das Stadion nach jedem Tor, das sie schießen. Und das ist eine grandiose Idee, auf die der BVB nie käme. Dennoch, eine Band, die Geschichte schreiben wird, sind sie nicht, denn die gute Laune verpufft meistens schnell oder sie wird irgendwann komisch und peinlich. Aber wer kann das schon so genau wissen. Wie der Sänger Jon völlig richtig bemerkte, die besten Rock‘n‘Roll-Songs in der Geschichte hatten keine Bedeutung. Das Schöne aber ist, daß die Fratellis das alles nicht kümmert. Jedenfalls noch nicht.