Archiv für den Monat: Juli 2008

Niedecken, Wolfgang

Der Mann »mit der Aura einer Landplage« (Wiglaf Droste) hat schon etliche Verbrechen auf dem Kerbholz, die, obwohl sie ungeheuerlich waren, nie die NATO auf den Plan gerufen haben, dabei marschiert die doch sonst gerne mal wo ein und macht ganze Länder platt. Mit Köln hätte sie ein gutes Werk tun können, denn sie hätte da nicht nur Niedecken erwischen können, falls der nicht gerade in Afrika gewesen wäre, um dort nach dem Rechten und dem Verkauf seiner Platten zu gucken. Mit jedem Kölner, der als Kollateralschaden ebenfalls platt gemacht worden wäre, hätte die NATO ein gutes Werk getan, denn mit großer Sicherheit hätte es eine penetrante »rheinische Frohnatur« erwischt, einen 1. FC-Anhänger oder Willy Millowitsch (na gut, der ist schon tot, aber das heißt nur, daß es mit ihm wie übrigens auch mit dem Langeweiler Heinrich Böll oder Konrad Adenauer schon früher gute Gründe gegeben hat, internationale Eingreiftruppen nach Köln zu schicken). Niedeckens Verbrechen bestehen u.a. darin, daß er nicht nur die Songs von Bob Dylan auf Kölsch interpretiert, sondern auch dessen Autobiographie auf CD gesaut hat. Daß der Mann, der musikalisch in den Sechzigern steckengeblieben ist, sich in einem Atemzug mit Kurt Cobain, Lou Reed und Tom Waits nennt, aber völlig schmerzfrei auf der Bühne eine 1. FC Köln-Hymne herunterschrubbt, in der er auf höchstem Niveau dichtet: »FC, jeff Jas, he weed nit resigniert, selvs wenn mer verliere.«

Eigentlich Fachmann in Sachen Rock‘n‘Roll – »Im Prinzip bin ich Rock‘n‘Roller geblieben … Rock‘n‘Roll ist eigentlich alles, was authentisch ist« (soso) – ist er jetzt auch Experte fürs Älterwerden geworden. Zu diesem Thema jedenfalls wurde er von der taz befragt und die bekam zuverlässig bescheuerte Antworten. »Das beschäftigt mich, klar. Ich bin 57, ich habe vier Kinder aus zwei Ehen, und ich spüre die Verantwortung mehr denn je. Heute frage ich mich so ganz platt: Was wird aus denen? Erstens privat und beruflich. Und auf der anderen Seite: Was für eine Welt hinterlasse ich ihnen?« Meine Güte. Platt ist es, da wollen wir nicht widersprechen, aber an Hybris ist der Mensch kaum zu überbieten. Niedecken hinterläßt seinen Kindern gleich eine ganze Welt und sorgt sich auch noch um ihren Zustand. Die Welt jedenfalls, die Niedecken seinen Kindern hinterläßt, ist vor allem von ihm zugemüllt, mit seinem schrecklichen Kölsch-Rock, mit seiner guten Absicht, »mit Nazis reden« zu wollen, mit seinem auch ungefragt überall abgegebenen Senf und sich dabei wohlzufühlen, wenngleich: »Ja, gut, es gibt ein paar Sachen, bei denen man sagen würde, wär schön, wenn das jetzt nicht wär, wenn ich jetzt nicht aufs Gewicht aufpassen müßte…« Die Gewichtsprobleme Niedeckens sind das einzige, was am Rock‘n‘Roll noch authentisch sind, jedenfalls beim Kölschen Schrammelrock, wenn Dylans »Forever Young« zum 60. Geburtstag des BAP-Schlagzeugers verhunzt wird. »Höllisch riskant« sei das gewesen, meint Niedecken, und »lange überlegt« hätte er auch (eine interessante contradictio in adjecto), aber dann wurde der Schlagzeuger zufälligerweise 60 und Dylans Song fällig. Eine eigenartige Begründung, um einen Song zu »bearbeiten«, den zu covern man »höllisch riskant« findet.

Aber abgesehen von der musikalischen Verirrung ist der authentische Rock‘n‘Roller Niedecken jetzt reif geworden, wenn nicht sogar überreif. Jedenfalls sind seine politischen Ansichten so ranzig, daß sie bereits streng wie ein zerlaufener Harzer Käse riechen. Niedecken jedenfalls hat die Authentizität des Rock‘n‘Roll im Jargon der Politiker entdeckt, und ebenso weichgespült wie diese redet er auch, so daß er ihnen in jeder Talkshow das Brackwasser reichen könnte. Einer Karriere als Politiker steht da nichts mehr im Wege: »Man muss alles neu überdenken. In Sachfragen zusammenarbeiten und das Vertrauen nicht auf eine Partei oder irgendwas festschreiben, sondern wenn man Leute kennenlernt, mit denen man kann, daraus etwas entwickeln.« Und was wird aus dem Gewürge, wenn es fertig ist? »Das beste Beispiel für mich ist Bundespräsident Horst Köhler. Ich habe ein wunderbares Verhältnis zu unserem Bundespräsidenten, das beruht auf Gegenseitigkeit. Der hat mich jetzt schon etliche Male eingeladen zu Afrikakonferenzen, zu Staatsbesuchen nach Afrika.« Not bad! Die Korruption einer Betriebsnudel könnte nicht kürzer zusammengefaßt werden, denn es geht nur darum mitzuteilen, ich bin wichtig, nein, ich bin superwichtig. Er ist der Bono für Arme. Kaum oben angekommen ist es ein »Zeichen von Reife« »mitzumischen«, auch mit einem miesen Choleriker wie Horst Köhler, der seine Untergebenen zur Sau macht.

Wenn einer wie Niedecken Wischiwaschi in seinen Aussagen ist, nur noch schaumsprachlich unterwegs ist und nichts zu bieten hat außer eine gutmenschliche Gratisgesinnung, dann fängt er auch an, irgendwann komisches Zeug zu träumen: »Ich träume davon, dass die Bereitschaft der Menschen größer wird, sich gegenseitig verstehen zu wollen.« Ne jetzt. Man kanns nicht glauben, aber so steht das da! Niedecken träumt davon, »dass die Bereitschaft der Menschen größer wird, sich gegenseitig verstehen zu wollen.« Ist ja irre. Geht’s denn auch etwas präziser? So vielleicht: »Doch, ich träume wirklich davon, dass alle daran interessiert sind, was die anderen denken und wie sie dazu kommen. Aber dieses Bemühen, sich gegenseitig zu verstehen, das geht nur mithilfe der Medien.« Ausgerechnet mit den Medien! Die für jeden Mist zu haben sind und die allemal mehr für die Verblödung als für die Aufklärung getan haben, was sogar Niedeckens neuer Freund Horst Köhler bestätigen würde.

»Nehmen wir Tibet und China. Jeder, der halbwegs denken kann, wusste, dass es vor Olympia losgehen würde mit den Protesten in Tibet. Das ist auch gut so, denn jetzt ist die Awareness [Whow!] dafür da. Die Weltöffentlichkeit guckt jetzt hin, hört jetzt hin, kann gar nicht genug darüber berichten.« Das ist nicht nur von großer Geistesverlassenheit, sondern auch von großer Ahnungslosigkeit geprägt, denn bei dem, was Niedecken nicht auszudrücken weiß, handelt es sich um die Verteidigung eines autoritären Ständestaats, demgegenüber sogar China fortschrittlich und aufgeklärt ist. Über den Typus Niedecken hat Hunter S. Thompson mal was nettes geschrieben: »Jeder Depp mit einem Hundert-Dollar-Schein zu viel in der Tasche kann sich ein Gramm Koks in die Birne ziehen und anschließend Neunmalkluges zu so gut wie jedem Thema absondern.« Bei der »Landplage« Niedecken allerdings geht es auch ganz ohne Koks.