Archiv für den Monat: August 2008

Durchs wilde China

China ist ein fernes exotisches Land, und obwohl nicht viele Leute wissen, was es mit den Chinesen auf sich hat, gibt es eine Menge Menschen, die sofort eine Meinung haben und die das Land wegen Menschenrechtsverletzungen anklagen, weil der dauergrinsende Dalai Lama dort nicht so hoch im Ansehen steht wie im Westen. Jedenfalls kommt China im Westen nicht besonders gut weg, und wenn aus China berichtet wird, dann höchstens über Piraterie, Umweltsünden und Naturkatastrophen. Und da ist es gut, dass mal jemand über China schreibt, der einen anderen Blick auf das Land hat und der sich mit dem ausdrücklichen Wunsch, selber Chinese zu werden, auf einen beschwerlichen Trip begeben hat.

Der ehemalige Titanic-Redakteur Christian Y. Schmidt ist mit einer Chinesin verheiratet und lebt schon seit ein paar Jahren in Peking, ein Experte ist er deshalb nicht. Die Sprache beherrscht er nur rudimentär, aber er machte sich dennoch auf eine 5386 Kilometer lange Reise quer durch das Land vom Gelben Meer im Osten bis zum Himalaya, und zwar auf der Nationalstraße 318, die so was ähnliches ist wie die Route 66 in Amerika. Sich in einem Land zu bewegen, ohne sich besonders gut verständigen zu können, ohne Reiseleiter und ganz auf sich allein gestellt, mag heute zwar nichts mehr Besonderes sein, aber in China ist das etwas anderes. Schmidt begibt sich in eine ähnliche Situation wie die frühen englischen Reiseschriftsteller des vorletzten Jahrhunderts, die auch nicht so genau wußten, auf was sie sich einlassen. Schmidt wird wie sie mit abstrusen Abenteuern und Begebenheiten konfrontiert, an die er uns teilhaben lässt und die wir bequem zu Hause im Sessel nachlesen können, die man selber aber nicht unbedingt erleben will, weil sie nur für den Leser spannend sind, für den Autor jedoch nervtötend und anstrengend.

Jedenfalls erfährt man durch seine Art der Beschreibung mehr über die Chinesen als durch irgendwelche ziegelsteindicken soziologischen Abhandlungen. Die Chinesen strahlen eine große Gelassenheit aus: »Ich staune jedes Mal, wenn ich in Peking abgerissene Lumpensammler beobachte, die auf den leeren Ladeflächen ihrer Dreiräder hocken. Sie haben offensichtlich den ganzen Tag noch keinen Cent verdient, und trotzdem schwatzen sie stundenlang, lachen und rauchen Zigaretten, als seien sie die reichsten Männer der Welt.« Aber wenn den Chinesen der Geduldsfaden reißt, dann laufen sie auch Amok und prügeln ohne Rücksicht auf Verluste aufeinander ein. Und sie sind das schaulustigste Volk der Welt: »Ich habe einmal fünfzig meiner Nachbarn eine geschlagene Stunde auf die unverhüllte Leiche eines Selbstmörderin starren sehen, die aus dem 15. Stock gesprungen ist und zermatscht auf dem Pflaster lag.« Okay, das sind jetzt nicht unbedingt gravierende Unterschiede zu den Deutschen, aber es sind ja gerade die Ähnlichkeiten, die verblüffen, denn gerade von den Chinesen hätte man das nicht unbedingt gedacht, jedenfalls nicht von dem Bilderbuchchinesen, der sich hierzulande in den Köpfen eingeprägt hat.

Solche Episoden gibt es in dem Buch zuhauf und einige von ihnen belasten das im Westen zusammengefügte Bild einer kommunistischen Diktatur nicht unerheblich. Zum Beispiel, wenn auf einem öffentlichen Platz einige Körperbehinderte schreckliche Musik spielen, von der Polizei unter großer Anteilnahme von Schaulustigen ermahnt werden, doch bitte damit aufzuhören, was im Westen wahrscheinlich als Unterdrückung von Minderheiten gewertet werden würde, um nach dem Abrücken der Staatsmacht sich an genau dem selben Ort wieder zusammenzufinden und weiter zu musizieren.

Interessantes erfährt man auch über das im Westen beliebte Thema Piraterie, das so ziemlich jeder Staatsgast in Peking anspricht. Wirklich geklaut aber hat der Westen. Zum Beispiel »Nudeln, faltbare Regenschirme, Drachen, den Kompass, Seide, Papiergeld, Stahl und Toilettenpapier. Bezahlt wurde nie, denn als die Westler die Erfindungen abkupferten, war das Copyright noch nicht erfunden. Wenn die Chinesen aber heute ein paar Gucci-Taschen, Ritter-Sport-Schokoladetafeln und Rolexuhren kopieren, redet alle Welt von geistigem Diebstahl, statt einfach froh zu sein, dass China nicht den Rest der Welt auf Billionen verklagt, allein für das Nachkochen von Stahl.« Das klingt sehr einleuchtend und lässt das Geschrei um die schlimme Kopiererei in einem etwas anderen Licht erscheinen.

Aber es gibt nicht nur Nettes über den Chinamann zu berichten. Auch in dem großen weiten Land trifft man auf Leute, die mit strahlendem Lächeln »Cheil Xitele« ausrufen, wenn sie erfahren, dass man aus Deutschland kommt, weil sie glauben, einem eine Freude damit zu machen. Immerhin hört sich das lustig an, dennoch, so meint Christian Schmidt, wäre es vielleicht sinnvoll, wenn das Goethe-Institut mal Aufklärung betreiben und den Chinesen erklären würde, dass Hitler nicht nur ein großer Verbrecher war, sondern auch ein Bundesgenosse der Japaner, die im Zweiten Weltkrieg den Chinesen übel mitspielten, statt »immer nur Juli Zeh oder DJ Fix und Foxi nach Peking einfliegen zu lassen«.

Diese kleinen Abschweifungen bereiten großes Vergnügen, aber im Vordergrund des Buches steht die Reise selbst, wie z.B. das Inspizieren des größten Staudamms der Welt, der auf vehemente Kritik stieß, aber immerhin soviel Energie erzeugt wie die Verbrennung von fünfzig Millionen Tonnen Kohle, was vermutlich zu einem ziemlich hohen Grad an Luftverschmutzung führen und so stinken würde wie in Neukölln im Winter in den siebziger Jahren. Für den Bau des Staudamms wurden 27,94 Millionen Kubikmeter Beton und 463000 Tonnen Stahl verwendet. »Für mich gibt es zumindest keinen Zweifel: Dieser Damm ist sicher.« Das ist doch schon mal sehr beruhigend, auch wenn der Damm nicht gut aussieht, aber das muss er auch nicht unbedingt. Dafür haben die Chinesen bei der Eröffnung der Olympischen Spiele neue ästhetische Maßstäbe gesetzt und der Welt gezeigt, wie man so ein Spektakel richtig inszeniert.

Eine Begebenheit der besonderen Art entdeckt Christian Schmidt im Busbahnhof von Fengdu, wo er sich nach Reiseverbindungen erkundigen will, dann aber Plakate entdeckt, auf denen grauenhafte Busunglücke abgebildet sind. »Die Plakate sind nicht unbedingt Werbung fürs Busfahren in China, und ich frage mich, warum man die Unfälle den Passagieren zeigt. Will man die Leute fertigmachen?« Aber solche ungelösten Rätsel sind es doch letztlich, die eine Reise durch unbekannte Länder spannend machen und die, da kann man sicher sein, nie in einem der üblichen Reisebücher auftauchen, die die Gehirne der Touristen mit einem Overkill an Informationen zu bombardieren.

Nein, in diesem Buch erfährt man nicht unbedingt sensationelle Neuigkeiten, aber wenn sich bislang das Weltbild über China aus der Tagesschau oder den heute Nachrichten zusammensetzt, wovon man bei den meisten Deutschen ausgehen kann, dann ist man nach der Lektüre von Christian Y. Schmidts Buch »Allein unter 1,3 Milliarden« nicht nur klüger, sondern hatte auch das Vergnügen, etliche im Umlauf befindlichen Vorurteile ad acta legen zu können, ganz abgesehen davon, daß das im angenehmen Plauderton verfasste Buch mit einem versierten und unaufdringlichen Humor und Witz daher kommt und sich deshalb verschlingen lässt wie nichts gutes. Ich finde, ein Buch über China sollte man in seinem Leben schon mal gelesen haben. Das von Christian Y. Schmidt ist da keine schlechte Wahl.

Christian Y. Schmidt »Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai bis Kathmandu«, rowohlt Berlin 2008, 318 Seiten, ??.- Euro

Die Wahrheit über den 2. Spieltag

Vorher wäre wohl jeder einigermaßen realistische BVB-Fan froh gewesen über einen Punkt. In der vorangehenden Nacht hatte ich geträumt, dass es wieder mal eine 5:0-Klatsche gesetzt hat, aber nach dem Spiel war die Enttäuschung groß und in der Milchbar rumorte heftiger Unwille zwischen den Holzstuhlreihen. Und auch Klopp dozierte, dass es eigentlich ziemlich einfach gewesen wäre, die drei in Aussicht stehenden Punkte einzusacken, die durch einen Sonntagsschuss Kubas schon so gut wie sicher waren, denn die Bayern spielten grottig. Okay, dem goldenen Treffer Kubas ging ein Fehler in der Ballannahme voraus, denn Valdez hat ziemliche technische Schwierigkeiten, aber dennoch war es unverdient, dass in der 2. Halbzeit aus dem Gewühl heraus der vollkommen dem Zufall zu verdankende Ausgleich fiel. Dortmund hatte einfach die besseren Chancen, aber Kringe brachte das Kunststück fertig, zwei Meter vor dem Tor einen Bayernspieler anzuschießen. Und zudem hatten es die Dortmunder schon ab der 23. Minuten nur noch mit neun Münchner Feldspielern zu tun, denn endlich wurde einer der unfairsten Spieler der Liga van Bommel konsequent vom Feld geschickt, auch wenn man für die beiden gelben Karten auch rot hätte zeigen können. Leider ist das Unterzahlspiel nicht immer ein Nachteil, nicht mal für die Bayern. Hoeneß schätzte die Lage ähnlich realistisch wie Klopp ein, als er davon sprach, dass man angesichts des Spielverlaufs froh über den einen Punkt sein könne, aber man sah, wie es in ihm arbeitete, und dass er es wahrscheinlich inzwischen für einen Fehler hält, Klinsmann für derartig viel Kohle verpflichtet zu haben, dass nichts mehr für Spielereinkäufe übrig geblieben ist. Und natürlich ließ er ein wenig das kleine arrogante Arschloch heraushängen, als er sagte, dass die Liga ja wohl jetzt schon total langweilig wäre, wenn die Bayern bereits sechs Punkte hätten. So befinden sie sich nicht mal im gesicherten Mittelfeld. Wenn man bedenkt, dass Dortmund auf die besten Spieler verzichten musste, dann wird erst so richtig deutlich, welche Leistung die Schwarzgelben vollbracht haben, denn sowohl Dede fiel durch einen Kreuzbandriss aus, als auch die Langzeitverletzten Tinga und Frei, ganz zu schweigen von Petric, der zu einem Schleuderpreis im Tauschgeschäft gegen einen Ägypter nach Hamburg transferiert wurde. Und wieder hat Zorc einen Spieler abgegeben, der es als einer der wenigen versteht, wirklich mit dem Ball umzugehen und Dinge damit anzustellen, von denen der Verstolperer Valdez nur träumen kann. Hoeneß wäre bestimmt nicht so dämlich gewesen, einen solchen Ausnahmespieler abzugeben. In Bremen hat man Pizarro von Chelsea zurückgeholt, wenn auch nur geliehen, aber dennoch reichte es nur für einen Punkt gegen Schalke, und das ist eine große Enttäuschung, denn Bremen war heillos überlegen, aber in der Abwehr nicht aufmerksam genug. So hat Hoffenheim als einzige Mannschaft die ersten beiden Spiele gewonnen und steht an der Spitze. Und Der BVB steht auf Platz 4. Diese Tabelle sollte man sich schon mal ausschneiden. So schnell kommt das nicht wieder.

Walser, Martin

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, daß der Prominente höllisch aufpassen müsse, nichts zu sagen, das möglicherweise falsch interpretiert werden könnte, besteht das Schöne an der Prominenz gerade in der Tatsache, dass es vollkommen egal ist, welchen Schwachsinn der Promi von sich gibt. Je dümmer, desto größer das Echo in den Medien, und in diesem Land der Irren gilt das Prinzip, jede Meldung ist eine gute Meldung, Hauptsache man steht in den Schlagzeilen. Das Erstaunliche ist nur, daß dieses Prinzip inzwischen nicht nur für die Branche der Doofen gilt, für die Stars und Sternchen und für die Container-Insassen, sondern auch und speziell für Martin Walser, ein Mann, der in Deutschland als Schriftsteller gilt, weil er mittlerweile über fünfzig Bücher geschrieben hat, die noch nie jemand gebraucht hat und die man hierzulande dennoch über sich hat ergehen lassen.

Aber im Gegensatz zu seiner Prosa, in der Regel öde Riemen, die sogar zu langweilig sind, um sie als Einschlaflektüre verwenden zu können, versteht sich Walser auf die Herstellung kleiner Skandälchen, die er gerne durch Äußerungen über Dinge hervorruft, von denen er keine Ahnung hat, Äußerungen zudem, die durch nichts belegt sind als durch seine eigenen Ressentiments. Oder anders und einfacher ausgedrückt, der Mann hat eine konservative, antisemitische bis rechtsextreme Klatsche, weshalb ihn sogar seine über Jahrzehnte zugetane und sehr geduldige Kollegin Ruth Klüger als »politisch wirklich ein bißchen dumm« bezeichnete.

Dass der Hinweis Klügers noch dezent ausfiel, bewies Walser, als er Ende Juli in einem Interview mit Capital den deutschen Unternehmen unter die Arme griff und Bestechung bei der Beschaffung von Aufträgen für legitim hielt: »Jeder weiß, dass in vielen Ländern Großaufträge ohne Bestechung nicht zu bekommen sind«, und es sei »deutsch, deutsch bis ins Mark«, wenn Manager hierzulande an den Pranger gestellt würden. Das sind zwei interessante Bemerkungen, denn zum einen legitimiert Walser einen Zustand einfach dadurch, dass es ihn gibt, eine Logik, derzufolge man auch sagen könnte: »Jeder weiß, dass in vielen Ländern die Opposition unterdrückt wird«, was also ist schlecht daran, wenn wir in Deutschland das auch machen? Und zum anderen: »Deutsch bis ins Mark«, so dachte ich jedenfalls nach seinen zahlreichen vaterlandstümelnden Artikeln, Aufrufen und Essays ist vor allem Martin Walser. Wie kommt es also, daß »deutsch bis ins Mark« von ihm plötzlich so pejorativ belegt wird? Das, liebe Leser, ist, ich gebe es zu, eine überflüssige Frage, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Walser sehr populistisch argumentiert, so dass logische Maßstäbe an seine Äußerungen nicht angelegt werden können. Insofern kann man sich über die abstrusen Widersprüche Walsers nur lustig machen, denn wenn einer »deutsch bis ins Mark« ist, dann ja wohl der Chorknabe der deutschen Nation und deutschen Gefühligkeit. Vielleicht handelt es sich ja auch um den berühmten deutschen Selbsthass, der hier bei Walser plötzlich ausbricht. Wer kann das schon so genau wissen? Und vor allem, wer will das schon so genau wissen?

Ganz konkret nimmt Walser den in einer Schmiergeldaffäre verwickelten früheren Vorstands- und Aufsichtsratschef von Siemens Heinrich von Pierer in Schutz: »Hier ist eine öffentliche Person in den Medien mehr oder weniger zur Hinrichtung präpariert worden, ohne dass wirklich etwas nachzuweisen ist.« Der Arme gehört wie Walser selbst einer bedrohten und daher besonders schützenswerten Menschenart an, einer unterprivilegierten Gruppe, die keine Schonzeit genießt. Das verspürt Walser immer wieder aufs neue am eigenen Leib, wenn eine ihm nicht genehme Rezension über eins seiner Bücher erscheint, denn dann möchte er »auswandern, nur noch auswandern«. Warum Walser, der vom Büchner-Preis bis zum Großen Verdienstkreuz so ziemlich alles abgegriffen hat, was es abzugreifen gibt, das bei den vielen »Nicht-Ehrungen«, ja sogar »Schmähungen« bislang noch nicht getan hat, wird eines der großen Rätsel der Menschheitsgeschichte bleiben.

Dass Walser für die deutschen Unternehmer eine Lanze bricht, hat auch einen persönlichen Hintergrund. Beim Verlagswechsel von Suhrkamp zu Rowohlt musste Walser für ein beträchtliches Honorar-Vermögen, das ihm sein Freund Siegfried Unseld als Kapitaleinlage im Suhrkamp-Verlag empfohlen hatte, Steuern zahlen. Eine zweifellos »bittere Erfahrung«, wie Henryk M. Broder anmerkt. Walser war schwerst empört: »Ich wusste seit einiger Zeit schon, dass dieser Staat ein Raubstaat ist.« Eine radikale Erkenntnis, wie sie nur Kleinbürgern kommt, wenn sie selbst betroffen sind und mal zur Kasse gebeten werden, und die gegen den gleichen Staat nichts einzuwenden haben, solange er sich bei anderen bedient.

Zum Beispiel bei den Armen. Denn die gibt es eigentlich gar nicht. Jedenfalls keine wachsende Armut: »Da bin ich absolut erkenntnisabweisend. Wenn es jetzt heißt, jeder achte Deutsche ist arm, und wenn der Staat nicht zuzahlte, dann müsste jeder vierte als arm bezeichnet werden – das kann ich mir nicht vorstellen.« Und was Walser sich nicht vorstellen kann, das existiert einfach nicht. So kann man sich natürlich auch ein Weltbild zusammenzimmern, und zwar ein »erkenntnisabweisendes«. Eine in diesem Falle mal tatsächlich tolle Wortschöpfung, die auf Walser prima passt, denn das ist er wirklich. Das ist die Qualität, die ihn auszeichnet.

Diese Imprägnierung schützt ihn vor der möglichen Einsicht, dass er politisch nicht nur ein »bisschen dumm« ist, sondern auch ein mieser Schriftsteller. Nur so kann Walser überhaupt existieren, denn sonst könnte er nicht solche Dialoge wie in seinem letzten Buch »Angstblüte« schreiben: »Fickst du mich richtig durch. – Ich ficke dich richtig durch. – Besorgst du‘s mir wirklich. – Ich besorg es dir wirklich. – Ist deine Fotze scharf auf meinen Schwanz. – Meine Fotze ist scharf auf deinen Schwanz. – Bist du nichts als eine geile Fotze. – Ich bin nichts als eine geile Fotze…«

Ich weiß ja nicht, aber vielleicht kriegt Walser für diese ranzige Altherrenprosa ja mal den Literaturnobelpreis. Die gute Nachricht für ihn wäre dann jedenfalls: Das Preisgeld ist steuerfrei.

Die Wahrheit über den 1. Spieltag

Mit Jürgen Klopp ist die ungezügelte Hoffnung, die in Dortmund ja sowieso ihre Heimat hat, nach einem kurzen Durchhänger namens Doll wieder zurückgekehrt und macht sich dort dick und fett breit. Das musste ich quasi am eigenen Leib erfahren, denn nachdem ich meine kritischen Anmerkungen zu Klopp kurz nach seiner Verpflichtung in der jungen Welt niedergeschrieben hatte, landete der Artikel auf einer BVB-Fanseite, und seither bin ich eine persona non grata, jedenfalls wurde heftigst auf mich eingeprügelt, weil da jemand die zum Teil sehr bizarren Motivationsmethoden des neuen Heilsbringers ein bisschen in Zweifel gezogen hatte. Gegen einen neuen Guru ist jedoch nichts auszurichten, denn hier handelt es sich um eine Glaubenssache und da haben Argumente keine Chance. Darüber ist sich Klopp ebenfalls klar, weshalb er seitdem damit beschäftigt ist, die üppigen Erwartungen zu dämpfen und die Leute davon zu überzeugen, dass er auch nur mit Wasser kocht. Jedenfalls ist es ja nicht schlecht, wenn man einen Trainer hat, der imstande ist, über Fußball auf eine Art und Weise zu reden, bei der man nicht das Gefühl hat, es schon 1000 Mal gehört zu haben. Es kündigte sich also Großes in Dortmund an, und tatsächlich, das erste Wunder passierte, als Real Madrid Interesse an Kruska zeigte. Seither erfreut sich der Nachwuchsmann, der schon auf der Abschiebeliste stand, wieder großer Beliebtheit. Ein weiteres Wunder passierte, als man gegen die Bayern im inoffiziellen Super-Cup überlegen spielte und verdient gewann. Aber das war nur ein kleines Wunder, denn der Ehrgeiz der Bayern hält sich bei solchen Spielen meistens in Grenzen. Ein größeres war hingegen, dass der von Klopp hochgeschätzte Chancenverstolperer Valdez plötzlich in der ersten Pokalrunde gegen Rotweiß Essen traf, zwar kein entscheidendes Tor, aber dafür, dass er für sechs Millionen in den letzten Jahren gerade mal eine Handvoll Tore erzielt hat, kann man schon etwas überrascht sein. Klopps Strategie besteht darin, gegen schwächere Mannschaften zu gewinnen und gegen stärkere ab und zu mal. Leider weiß man nie so recht, wer gerade die stärkere ist. War der erste BVB-Gegner Leverkusen stärker? Es schien so, denn in den letzten 16 Jahren war es den Dortmundern gerade einmal gelungen, aus der Schlaftablettenstadt drei Punkte mitzunehmen. Ich ahnte das Besondere dieser Situation und fuhr extra nach Wien, um von der Stadt der Gelassenheit aus mit gebührendem Abstand das Spiel aus einer völlig anderen Perspektive zu erleben. Es hat sich gelohnt. Dortmund gewann 3:2. Okay, mit Glück, aber sie ließen sich nicht die Butter vom Brot nehmen wie die Bayern und verschusselten keine 2-Tore-Führung. Weidenfeller brachte das Kunststück fertig, sich selbst eine tiefe Fleischwunde zuzufügen, aber, o Wunder, Valdez bereitete ein Tor vor und schoss selber eins. Sollte man sich auf nichts mehr verlassen können? Wird Dortmund womöglich noch Meister? Kurzfristig jedenfalls standen sie schon auf Platz 2, irgendwann in der 49. Minute, als das 3:1 fiel. In Dortmund jedenfalls werden die Bäume in den Himmel wachsen, und das ist sehr lustig.