Archiv für den Monat: September 2008

Die Wahrheit über den 6. Spieltag

Die Milchbar war wieder einmal wie die Pforte zur Hölle: »Lasst alle Hoffnung fahren« stand darüber, denn das unterirdische Gekicke zuletzt gegen Hertha verhieß nichts Gutes. Zwar hatte Dortmund gewonnen, aber so schön das zwar gegen die Hauptstadtdeppen ist, war es alles andere als ein ästhetischer Genuss und außerdem reine Glückssache. Stuttgart würde vermutlich nicht so gurkenhaft auftreten. Nach nur wenigen Minuten jedoch waren die Desaster der letzten Zeit vergessen. Als der kleine Hajnal einen zauberhaften Treffer ins obere Toreck jagte, fragte man sich wieder mal, wie in nur wenigen Tagen eine derartige Wendung in Form und Leistung zustande kommen kann? Okay, die Stuttgarter überließen den Dortmundern überraschend viel Raum, aber es ist ja nicht immer so, dass Dortmund den auch zu nutzen weiß. Nein, es gab auch überraschende Kombinationen, die sogar mal klappten, es gab ein Zusammenspiel und vor allen Dingen eine Lust am Spiel, die man vor allem Kuba anmerkte, der mit einer Leichtigkeit über den Platz fegte, dass Leute gröberen Zuschnitts wie Boulahrouz ihn nur auflaufen und niederrempeln konnten. Das 2:0 köpfte Dortmunds 2,5-Millionen-Mann Santana ein, nachdem Lehmann der Ball durch die Handschuhe rutschte. Ein »Skandal-Tor« ereiferte sich Bild, Effenberg und Lehmann, aber wer glaubt schon notorischen Lügnern? Zwar gab es einen Körperkontakt, und der passierte im 5-Meterraum, aber Santanas Einsatz war nicht ursächlich dafür, dass Lehmann patzte. Aber weil Lehmann immer noch ein Ehrgeizling ist, der Fehler nicht zugeben mag, zeigte er dem Schiri sogar den Vogel, ohne rot zu sehen. Zudem war dieser Treffer nicht entscheidend, und wenn es eine Fehlentscheidung gewesen wäre, dann wäre sie egalisiert worden, als Magnin Kuba im Strafraum ungestraft über die Klinge springen ließ, ohne auch nur in die Nähe des Balles zu kommen. Außerdem hatte Stuttgart gerade mal eine Chance, während die ungenutzten Hundertprozentigen auf Dortmunds Seite sich unangenehm häuften. Wäre Petric noch da, hätte Dortmund 5:0 gewonnen, so aber schießt der jetzt Hamburg an die Spitze, wenngleich in einem schwachen Spiel gegen schwache Gladbacher. Die schönen Spiele fanden woanders statt. In Bremen, wo im wahrscheinlich rasantesten Spiel der gesamten Saison Hoffenheim noch einen 4:1-Rückstand egalisierte, bevor der als Diego-Nachfolger gehandelte Özil den 5:4-Treffer ins Tor der Blauen wuchtete, gegen den Verein, der von jedem Trottel als »große Bereicherung« gefeiert wird, der aber auch von Experten nicht nur auf Dortmunds Südtribüne als der »verfickteste und total übler neoliberaler Schweineverein« bewertet wird, weshalb Hoffenheims Hopp gleich Strafverfolgung forderte, weil er solchen Gegenwind im BDI nicht gewohnt ist. Und ein weiterer neoliberaler Schweineverein verlor, nämlich die Bayern, und das schon zum 2. Mal hintereinander, was zuletzt vor geschätzten 30 Jahren passierte, während Klinsmann zu Protokoll gab, dass er wieder rotieren würde. Nur zu. Ich hätte nichts dagegen, wenn es hilft, die Bayern in die Mittelmäßigkeit zu führen. Jedenfalls scheinen sich laut Ribéry die Mitspieler »im Kopf oder physisch nicht wohlzuführen«, und das tut auch Hoeneß nicht, der verbissen und selbstversunken auf der Bank saß. Ach ja, und auch Hertha verbaselte es zu Hause gegen Cottbus. What a nice day.

Die Wahrheit über den 5. Spieltag

In meinem Nebenjob als Spielervermittler beobachtete ich das Spiel einer B-Jugend-Mannschaft irgendwo im Hunsrück (schließlich muss man ja ein paar Kröten verdienen) und war erstaunt, dass selbst die Klasse der 15 bis 16-jährigen ziemlich modernen Fußball spielen, d.h. mit auf einer Linie stehender Viererkette, mit schnellem direkten Kurzpassspiel, mit tororientiertem Konterfußball. Man ist also schon etwas weiter als damals, als ich als rechter Verteidiger mich an die Fersen des Linksaußen heften musste. Aber da ich als Prekärer auch noch einen Job als Kolumnist habe, guckte ich im Vereinsheim mit einem Auge auf das Spiel des Tages, auf Bayern gegen Bremen. Die Norddeutschen hatten statistisch gesehen keine guten Karten, aber wer hat die schon gegen Bayern. Da Bremen gerade eine zähe Phase durchlief, machte ich mir wenig Hoffnungen. Aber dann stand es zur Pause bereits 2:0 und ich dachte, dass die Bayern sich vielleicht ein Beispiel an die diszipliniert spielenden Hunsrücker Jugendlichen hätten nehmen sollen, denn sie gingen eindeutig zu pomadig an die Sache. Aber ich wusste auch, dass es den Dortmundern am letzten Donnerstag gegen Udinese nicht anders ergangen war, als sie versuchten, das Spiel zu machen und gegen disziplinierte Gegner sich präzise Kontor einfingen, die sämtlich in Tore umgemünzt wurden. Das führte in München zu gewissen Frustrationen wie bei Schweinsteiger, als er den Ball an die Bande hämmern wollte und dabei ausrutschte. Diese Szene versinnbildlichte die gesamte Bayern-Misere an diesem Tag. Nicht mal der Frustabbau ließ sich elegant in Szene setzen. Und deshalb salbaderte Beckenbauer auch ausschließlich darüber, dass man schnellstens auf das Oktoberfest gehen, sich mehrere Maß in sich hineinschütten und alles vergessen sollte, denn solche Tage gäbe es eben mal im Fußball, an denen einfach alles schief lief, womit er Recht hatte, jedenfalls war der Oberblödmann der Kommentatorenriege Marcel Reif-Ranicki schon kaum mehr zu ertragen in seinen durch Wiederholung nicht besser werdenden Hinweisen, wie schlimm die Blamage und wie unfassbar die Leistung der Bayern gewesen sei. Das will ich schon nicht hören, wenn dieser Nervbolzen Dortmund-Spiele kommentiert, jetzt wird mir das auch bei den Bayern zu blöd. Schön war es hingegen, von den Werder-Fans Sprechchöre für Jürgen Klinsmann zu hören, dem Sinnbild für den neoliberalistischen Niedergang des Fußballs. Und man erkannte, als die 5:2-Klatsche schließlich perfekt war, in der versteinerten Miene von Uli Hoeneß, wie ihm langsam dämmert, dass er auf ein falsches Pferd gesetzt haben könnte, was gar nicht unwahrscheinlich ist, denn Klinsmann könnte sich durchaus als Scharlatan erweisen, der außer Buddha kein Konzept hat, das über eine ganze Saison hinweg trägt. Außer das übliche Blahblah nach einem solchen Spiel hatte er nichts zu bieten, außer dass er dies in wohlsortierten Worten ausdrückte und dabei immer schön lächelte wie bei einer Zahnpastawerbung. Ich trank mein Glas aus und fragte mich, warum vor den Fenstern des Vereinshauses, von dem aus man einen guten Blick auf das Spielfeld hatte, Gitter angebracht waren. Klar, wegen der Querschläger und der Glasereirechnung. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich, dass vielleicht zu viele suizidgefährdete Leute in dieser Gegend lebten. Aber vermutlich perlt das ganze Fußballexpertengequalle an den Hunsrückern völlig ab.

Die Wahrheit über den 4. Spieltag

“Der Alltag ist nur durch das Derby erträglich”, stand auf einem BVB-Transparent, und nur Leute, die mit Fußball nichts anzufangen wissen, nicken weise mit dem Kopf und verstehen die schöne Selbstironie nicht, die in diesem Spruch steckt. An den Alltag jedenfalls dachte niemand mehr, denn die 132. Begegnung der beiden Revier-Konkurrenten hatte alles zu bieten, was man in der gesamten letzten Saison vergeblich suchte, Tore, Spannung, Tragik, brutale Fouls, Platzverweise, große Comebacks, einfach alles. Erstaunlich war zunächst, daß die Dortmunder die ersten zehn Minuten den Schalkern spielerisch überlegen waren und durch zwei Großchancen von Zidan bereits früh hätten in Führung gehen können, aber der Ägypter verstolperte kläglich. Petric hätte sich nicht so dämlich angestellt wie Zidan, der sich eigensinnig immer wieder festrannte. Und dann sah es so aus, als ob sich diese hirnverbrannte Entscheidung Zorcs, Petric nach Hamburg zu verscherbeln, rächen würde, denn mitten in der Dortmunder Überlegenheit unterlief Subotic ein versehentliches Handspiel und ratzfatz stand es 1:0, und dann leistete sich Weidenfeller zwei schwere Patzer und schon stand es 3:0. Eigentlich dachte jeder, Schalke hätte ein Torwartproblem, weil die ihren 3. Mann einsetzen mußten, aber danach wußte man es besser. Danach war die Luft raus und ein paar aufdringliche Schalke-Fans spotteten im Intertank, wohin ich mich wegen Überfüllung in der Milchbar geflüchtet hatte, daß es jetzt aber an der Zeit wäre, Ricken einzuwechseln. Aber es kam Frei und Tinga, die zwei schönsten Comebacks zu genau dem richtigen Zeitpunkt und genau zum richtigen Spiel. Denn gerade als die Schalker glaubten, die Dortmunder durch spielerische Arroganz demütigen zu können, machte Subotic sein Handspiel wieder gut und köpfte zu einem wunderschönen Anschlußtreffer. Und plötzlich wurden die Schalker nervös, vor allem als vier Minuten später Frei nach einem Paß von Tinga mit einem sensationellen Treffer ins obere linke Toreck in der 71. Minute auf 2:3 verkürzte. Jetzt waren sie nicht nur nervös, jetzt liefen die Schalker auch noch Amok gegen Kuba, was sowohl Pander als auch Ernst eine rote Karte einbrachte, die nicht mal von den Schalker Fans angezweifelt wurde. Und dabei hatten sie Glück, denn Rafinha hätte nach zwei groben Fouls und einer Tätlichkeit allein schon zweimal vom Platz gehen müssen. Aber daß man ein Spiel mit solchen fiesen Tricks nicht immer über die Runden kriegt, zeigte sich in der Schlußminute, als der Mann des Tages, Kuba, mit einem Kopfball Kristajic am Arm traf und Lutz Wagner auf den Elfmeterpunkt zeigte. Frei machte sich an diesem sonnigen Nachmittag in Dortmund auf immer unsterblich, indem er souverän zum 3:3 ausglich. So mutig diese Entscheidung des Schiris war, so ängstlich und bedauerlich war sein pünktlicher Abpfiff, denn die drei bis vier Minuten Nachspielzeit wären nochmal sehr spannend gewesen, aber gerade als sich der Ganzkörpertätowierte Jones um eine weitere rote Karte bewarb, nahm Lutz Wagner den Spielern das Spielgerät weg. In Dortmund weiß man wieder, warum man Fan ist.