Archiv für den Monat: Oktober 2008

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Am Abend vor dem alles entscheidenden Spiel in Köln, in dem es darum ging, ob der BVB nach den vielen Remis auch mal wieder gewinnen kann, vor allem weil die nominellen Chancen gegen einen potentiellen Absteiger nicht schlecht standen, hielt ich in einem Bremer Punkschuppen vor ein paar jungen zum Teil kahlrasierten Punkerinnen einen Vortrag über die Schönheit des Rauchens bei den Hollywoodikonen in den 30er und 40er Jahren, während nur ein paar Kilometer entfernt Bremen eine historische 2:0-Schlappe gegen Leverkusen einstecken mußte. Mein Mitreisender, der mit mir die Sache des Rauchs hoch halten sollte, Franz Dobler, war vom Hochbett gefallen und saß mit einer gebrochenen Rippe (die 8. links) schmerzgekrümmt in einem Sessel, während der Veranstalter steif und fest behauptete, er wäre von einem militanten Nichtraucher angeschossen worden, was gemein war, denn Lachen verhieß üble Schmerzen. Diese bösen Omen veranlaßten mich, am nächsten Morgen sofort nach Berlin zurückzufahren, obwohl ich am nächsten Tag in Hamburg sein mußte, nur um mir das Dortmund-Spiel in der Milchbar anzusehen. Irgendwie mußte der Bann gebrochen werden, und das ging nur, wenn ich physisch anwesend war und die Schwarzgelben durch meinen prüfenden Blick zur Höchstleistung anspornte. Dennoch war ich mir natürlich nicht sicher, ob es klappen würde, denn man muß ja auch immer darauf gefaßt sein, daß der Einbruch kommt. Aber ich glaube, es war gut gewesen, daß ich die 400 Km zurückgeschrubbt war, denn auch die Schwarzgelben drückten aufs Tempo. Aber im Gegensatz zu mir, der ich zumindest einmal geblitzt wurde, gelang den Dortmundern trotz ziemlich dicker Chancen einfach kein Tor. Und so etwas rächt sich bekanntlich, wie einem jeder halbwegs versierte Fußballreporter bestätigen wird. Köln hielt erstaunlich gut mit, was mir gar nicht behagte, zeitweise gewannen sie sogar die meisten Zweikämpfe. Unfaßbar aber war wieder Kuba, der wegen eines gebrochenen Nasenbeins mit einer Maske auflief und damit ziemlich furchterregend aussah. Könnte es so etwas nicht auch für eine Rippe geben? Aber vor einem Korsett würde sich wahrscheinlich niemand fürchten. Kuba jedenfalls lief den Kölner immer wieder davon und glänzte mit tollen Vorlagen. Der Bann war gebrochen. Daum hatte nämlich noch nie ein Spiel gegen Dortmund verloren, sagte der Sprecher, und der muß es schließlich wissen. Als endlich das erlösende 1:0 durch Kringe fiel, der kurz vorher eine hundertprozentige an die Latte setzte, war der Bann gebrochen, aber nicht die Spannung vorbei, denn ein kleiner blöder Zufall reichte, um alles wieder zunichte zu machen. Es war verdammt anstrengend, aber es hatte sich gelohnt, die 400 Km zurückgefahren zu sein. Ein kleines Erfolgserlebnis kann schließlich nicht schaden. Und Hoffenheim befindet sich weiter auf dem Höhenflug. In Bochum gewannen sie 3:1. Dorthin muß Dortmund am nächsten Sonntag, wenn ich in Frankfurt bin. Wenn das mal gut geht.

Die Wahrheit über den 9. Spieltag

Wolfsburg hat in neue Spieler investiert wie nichts Gutes, entweder weil VW den Braten nicht roch, daß für die Autobauer schwere Zeiten anbrechen würden, oder weil man sich für ein neues Spekulationsfeld interessierte. Gebracht hat es nicht das, was man für die Millionen erwarten kann. Schwankend wie Dortmund in den besten Zeiten sind die Wölfe, aber das sind in dieser Saison ja fast alle Mannschaften. In München hätten sie allerdings mal beweisen können, daß die Ablösesummen gut angelegt sind. 4:1 hätten sie in Führung gehen können, aber zweimal versagte der Argentinier Santana vor dem Tor Rensings. Eine 2:0-Führung hätte Bielefeld vermutlich gereicht, aber Wolfsburg wurde in der 2. Hälfte demontiert. Die Signalbirne von Hoeneß fing hektisch an zu blinken, und das war wahrscheinlich Alarmstufe eins, also höchste Zeit für die Spieler, jetzt zur Sache zu kommen, wollte man nicht in der Wurstfabrik des Managers landen und als Bratwurst ein zweites kurzes Leben verhauchen. Laut Hitzfeld ist Bayern wieder auf Meisterschaftskurs. Wenn, dann liegt es mal wieder an der Schwäche der Konkurrenz. In Bremen, wo man sich ebenfalls Chancen auf die Schale ausgerechnet hatte, vor allem, weil Diegos letzte Saison bei den Hanseaten angebrochen ist, stottert die gesamte Mannschaftsmaschine. In der Champions-League drei Unentschieden und jetzt nach dem spektakulären 3:3 gegen Dortmund nur ein 1:1 in Hannover. Übermächtig schien da der Wunsch einiger Werder-Fans, die eigene Mannschaft endlich wieder zu einem Sieg zu verhelfen, ihn zu erzwingen, weshalb sie versuchten, Hannovers Schlußmann Fromlowitz mit Laser-Pointern zu blenden. Keine schöne Sache, und soll ja auch illegal sein, aber kann man von wirklichen Fans etwas anderes erwarten? Die Spieler auf dem Feld gehen auch nicht gerade zimperlich miteinander um, werden sogar von Trainern und dem Verein dazu angehalten, denn absolute Priorität haben immer die drei Punkte, warum also verwundert sein, wenn die Fans das ihre dazutun, um den Verein weiterzuhelfen? In Gladbach ist Hans Meyer auf die Trainerbank zurückgekehrt und mit ihm das Glück und endlich wieder ein bißchen trockener Humor, von dem seine Kollegen nicht mal wissen, was das ist. »Ich hatte der Mannschaft vorher gesagt, daß wir einen Sieg brauchen. Egal, wie. Es kann auch ein Krampfspiel sein. Daß sie mich aber so wörtlich nehmen, habe ich nicht erwartet…« Ein ähnliches Krampfspiel fand auf Schalke statt. Meistens mischt dann Bielefeld mit. Und so war es dann auch. Schalke schaffte es einfach nicht, den Ball über die Bielefelder Torlinie zu kriegen. Auch nicht Kuranyi, der sich ganz auf seinen Job als Mittelstürmer konzentrieren kann, seit er aus verletzter Eitelkeit seinen Abschied aus der deutschen Nationalmannschaft gegeben hat, wo er aber ganz gut hingepaßt hat, denn zumindest Nitendo kann der Mann echt gut spielen. Da kriegt er noch jeden Ball ins Tor. Ein Kellerduell gab es auch noch, das Frankfurt in Cottbus 3:2 für sich entschied. Liberopoulos heißt der Mann, der den Siegtreffer köpfte. Wenn das mal kein Omen für Frankfurts Spielweise ist.

Literatur als Antidepressivum

Kinky Friedmans philosophische Funksprüche aus dem Gefängnis

»Es ist keine Schande, aus Texas zu kommen, es ist nur eine Schande, dahin zurückzukehren«, lautet eine der schönen Sottisen, mit denen sich Kinky Friedman in »Der Gefangene der Vandam Street« selber zitiert, von den insgesamt 17 Krimis der vorletzte, der nun auch auf deutsch vorliegt. Diese Selbstironie findet man selten, denn nach seinem langen Leben als Krimiautor in eben der Vandam Street in New York kehrte der »jüdische Cowboy« wieder zurück nach Texas, um dort am 7. November 2006 als Kandidat bei den Gouverneurswahlen ins Rennen zu gehen. Wenn er auch nur 4. wurde, konnte er doch immerhin 14 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich vereinen, und ich bezweifle, daß es soviel Leute in Bayern gibt, die einen Mann wählen würden, der sich von Berlin aus so abfällig über die Südprovinz geäußert hätte.

Aber das ist nicht das einzige Erstaunliche an diesem Exzentriker, der lange Jahre mit den »Texas Jewboys« die Welt des Country mit grandiosen Songs, dargeboten in bizarren Kostümen, aufmischte. Erst als sein Koks-Konsum so angestiegen war, daß er »auf eine Leiter steigen mußte, um sich am Hintern zu kratzen«, fing er mit dem Schreiben von Krimis an. Nicht die übliche Krimiware natürlich, und ich bezweifle, daß die Mimi, die ohne Krimi nie ins Bett geht, dabei auf ihre Kosten käme. Nein, Kinkys Krimis entziehen sich dem Genre auf elegante Weise, es dient ihm nur noch als Folie, um eine Philosophie des Schwermuts und der Verzweiflung auszubreiten, und zwar mit so viel Poesie, daß ich nichts lieber tue als mit Kinky in eine andere Welt abzudriften, dorthin, »wo kein Nachtbus mehr fährt«. Aber ohne einfach nur in der Melancholie langsam vor sich hin zu schmoren, besteht der Kampf Kinkys, von dem letztlich seine Bücher handeln, darin, sich ständig und immer wieder neu daraus zu befreien. Ein schmaler Grat, aber er wirkt nicht zuletzt deshalb so überzeugend, wenn man weiß, daß er so ziemlich alle Abgründe des Lebens ausgelotet hat. Und dennoch macht einen die Lektüre nicht depressiv, jedenfalls weit weniger als die Gute-Laune-Fibeln, die einem Ratschläge erteilen, wie man am besten ein Arschloch wird und wie man sich dabei toll fühlt. Kinkys Krimis sind lustig, sein Humor ist grimmig und kann »einen Eisbären zum Kochen bringen«. Er ist rauh und nichts für zartbesaitete Gemüter, also genau der Humor, der ziemlich schwarz ist und ganz und gar nichts für Leute, die zum Ablachen zu Michael Mittermeier in eine Stadthalle gehen, weil genau diese Leute ihn für zutiefst inhuman halten, wenn sie ihn überhaupt verstehen.

Kinky ist selber der »Gefangene der Vandam Street«. Ein Malaria-Anfall hat ihn niedergestreckt, er liegt vom Fieber geschüttelt in seinem Loft und die »Village Irregulars«, seine Kumpels, die schon in seinen früheren Krimis zum festen Handlungspersonal gehören, kümmern sich um ihn. In diesen zwei nicht allzu langen und nicht allzu komplizierten Sätzen läßt sich im Prinzip die gesamte Handlung zusammenfassen. Der Fall ist eigentlich gar kein Fall, auch wenn es am Ende eine tote Frau gibt, aber wie Kinky mit schöner Ironie schreibt: »Die Tatsache, daß die Person, der man helfen will, tot ist, kann einem ziemlich den Wind aus der Ermittlung nehmen.« Vielmehr geht es um Freundschaft in einer Ausnahmesituation zwischen einem vom Delirium durchgerüttelten Verrückten, der nicht weiß, ob er sich »erschießen oder zum Friseur gehen sollte«, und ein paar Trinkern, die planlos durch die Welt stolpern, und wenn jemand glaubt, daß das eine sehr spezielle Sache ist, dann hat er zweifellos recht, aber wer will schon wissen, wie es bei ganz normalen Leuten in einem ganz normalen Mietshaus zugeht, obwohl sich auch da sicherlich Überraschendes zu Tage fördern ließe, wenn man es genauer wissen wollte. Wo auch immer sich diese zähen existentiellen Dramen abspielen, über die Kinky Friedman sich lustig macht, dort vergeht die Zeit in einer ganz bestimmten Weise, und zwar so, »wie sie das in Krankenhäusern, Flughäfen, Bordellen, Bahnhöfen und Schlachthöfen macht: Sie strich vorbei wie ein Hobo in der Nacht, so langsam, so unbemerkt, so ruhig, daß man beinahe vergaß, daß es sie gab. Die Gegenwart vermischte sich mit der Vergangenheit, und längst Vergangenes lag einem auf einmal am Herzen, die Verstorbenen und Verfeindeten waren einem plötzlich lieb und teuer, und die perlenreichen Muschelstrände der Kindheit waren das leuchtende Herbstlaub im Hof eines alten Mannes«. Nicht unbedingt die Poesie, mit der ein Grass oder Walser hausieren gehen würden, abgesehen davon, daß sie dazu gar nicht in der Lage wären, auch nicht zu der Art von Humor, den Kinder mögen. Diese verantwortungslose Fröhlichkeit streut Kinky zwischen den trostlos erscheinenden Erkenntnissen ein, denen er damit auf listige Weise die Wirkung nimmt.

Kinkys Bücher können wie Antidepressiva gelesen werden, und wer Kinkys Humor und Poesie etwas abgewinnen kann, hat bei der Lektüre schon mal drei bis vier Stunden gewonnen, wo er sich keine Gedanken darüber zu machen braucht, daß »jede Veränderung eine Verschlechterung ist«, wie es Joseph Heller für die Ü-50-Generation ausgedrückt hat. Und das ist ja wohl nicht das Verkehrteste.

Kinky Friedman, »Der Gefangene der Vandam Street«, Haffmans bei Zweitausendeins, Frankfurt 2008, 236 Seiten, ?.- Euro. Aus dem Amerikanischen von Gunnar Kwisinski

Auf der Buchmesse unterwegs – Teil 3

Auf einem der vielen Umtrünke, die ab 17 Uhr die Hallenluft mit alkoholischen Getränken schwängern und auf denen die Reserviertheit der Büchermenschen fällt, wurde ich Zeuge eines unerhörten Dialogs, der Bände spricht, was das Preisverleihungssystem in Deutschland angeht, wo ja Reich-Ranicki schon Preise ins Leben gerufen hat, die er sich später selber verleihen ließ, wobei dieser Mann sich durch seinen tollen Auftritt bei Herrn Minipli fast schon unsterblich machte. Es ging um den Göttinger Elch, dem einzigen Satirepreis in Deutschland. Max Goldt hatte den Preis einmal abgelehnt mit der Begründung, daß er nicht zur Steigerung des Fremdenverkehrs in Göttingen beitragen wolle, was eine sehr schöne Begründung ist. Einer der Jury-Mitglieder, Deutschlands bekanntester Welt-Kolumnist, ließ im Gespräch mit einem lange preisverdächtigen Autor, der früher Deutschlands bekanntester taz-Kolumnist war und sich rühmen kann, der bestgehaßte Schrifsteller in der Welt des Feuilletons zu sein, durchblicken, daß die Chancen für den Preis steigen würden, wenn sich der Autor eine Brust wachsen und untenrum rasieren ließe. Benommen kippte ich schnell noch ein Glas Wein hinunter und verließ den Ort der hemmungslosen Mauschelei unter der Gürtellinie. War das noch Satire? Auf dem Beck-Empfang im Hessichen Hof mußte man für ein paar Bratwürstchen und ein paar belegte Schinkenbrötchen einen einstündigen Vortrag eines Juristen über sich ergehen lassen, der wahrscheinlich bei der Lehmans Bank Geld verloren hatte und jetzt sehr sauer auf den Neoliberalismus war. Er schimpfte wie ein Linksradikaler. Das wurde mir jedenfalls berichtet, denn während dessen stand ich im Flur und ließ mir von fürsorglichen Bediensteten des Hotels Wein bringen als Entschädigung für die ziemliche spärliche Bewirtung, bis der bekannte und bekennende Fußballexperte Norbert Seitz auftauchte, der seine Leidensgeschichte als Redakteur bei den Frankfurter Heften erzählte, bei denen er mit allen Tricks hinausgemobbt worden war. Eine Schweinebande sei die SPD, was mir jetzt nicht unbedingt etwas neues war, und Klaus Harprecht ein Arschloch, was ich auch schon von anderen Leuten gehört hatte, wenngleich vielleicht nicht ganz so deutlich. So wurde es doch noch ein schöner Abend bei Beck, auf der ich auch Necla Kelec kennenlernte, die mit großem Engagement auf mich einredete, wobei ich leider nicht mehr weiß, um was es ging. Wahrscheinlich darum, daß es die Presse nicht immer gut mit ihr meint. Das jedenfalls ist bei jedem Autor ein Punkt, mit dem sich ein ganzer Abend bestreiten läßt. Vor dem Hessischen Hof stand Harry Rowohlt und rauchte. Er hatte mal wieder einen Preis abkassiert und mokierte sich über das Prekariat bei Beck, das mit Würstchen abgespeist worden war. Er jedenfalls hätte hervorragend gegessen.

Ich flüchtete zur Titanic, wo der Chefredakteur Thomas Gsella abdankte, weil diese stalinistische Zeitung mindestens einen Chefredakteur pro Jahr verschleißt. Wer sein Nachfolger wurde, weiß ich nicht, weil ich damit beschäftigt war, dem Türsteher ein paar Getränkemarken aus den Rippen zu leiern. Die Spur der Erinnerung wird von da an sehr dünn, aber gut weiß ich noch, wie mir Oliver Maria Schmitt aus seinem FAZ-Feuilletonaufmacher über die Buchmesse vorlas, in dem er beschrieb, wie ich sein Bestsellermanuskript abgelehnt hätte (siehe junge Welt vom Freitag) mit der Begründung, daß die Türkei “keinen Arsch” interessiert, und daran würde auch ein “Orhan Pumuckl” nichts ändern. Dazu möchte ich erklären, daß mir ein Orhan Pumuckl gänzlich unbekannt ist. Ich kenne nicht mal Orhan Pamuk. Aber solche feinen Unterschiede werden mal wieder unter den Teppich gekehrt, während die zentrale Aussage des Interviews unterschlagen wurde, eine Feststellung, der auch Necla Kelec zustimmte: Daß nämlich das Buch über türkische Literatur eins der dünnsten in der Literaturgeschichte überhaupt ist.

Die Wahrheit über den 8. Spieltag

Schwer angeschlagen von der Titanic-Fete in der Nacht zuvor, die reichlich kurz war und in der umgekehrt proportional viel Alkohol einen gewissen Einfluß auf meine Befindlichkeit hatte, ergriff ich nur zu gerne die Gelegenheit, die Messe nach einem kurzen Pflichtbesuch schnell zu verlassen, um in Frankfurt nach einer Kneipe zu suchen, die angeblich alle Werder-Spiele zeigte, und das war das Spitzenspiel, denn in Bremen war der BVB zu Gast. Im Totengräberoutfit kam ich mir wie ein Alien vor, aber kein Werder-Fan beschwerte sich, denn die Jungs aus dem Norden sind zurückhaltend und nicht leicht in Wallung zu kriegen, schon gar nicht durch einen Fremden, der sich in ihren Laden verirrt. Ich bekam sogar ein Bier. Aber ich blieb gelassen, denn Dortmund hatte in meinen Augen nicht die geringste Chance, also war ich auch kein Grund des Ärgernisses, höchstens des Mitleids. Bremen konnte mit dem besten Mittelfeld der Liga auftreten, mit Diego, Jensen und Özil, während Dortmunds Spielmacher Hajnal und Sahin verletzt passen mußten. Keine gute Voraussetzung gegen eine spielstarke Mannschaft. Es war also kein Zufall, daß Dortmund mit 24 % Fehlpässen doppelt so häufig dem Gegner in die Füße spielte wie umgekehrt. Umso erstaunlicher war es, daß Dortmund trotzdem mithielt. Was ihnen an fußballerischem Vermögen fehlte, machten sie durch Eifer wieder wett. Immerhin gewährten sie den Bremern keine Chance, während Baumann in letzter Sekunde einen Ball von der Linie kratzen mußte. Dortmund ging sogar durch einen von Baumann verursachten Elfer in Führung, aber ich machte mir keine sonderlich großen Hoffnungen, daß die Schwarzgelben den Vorsprung über die Zeit retten würden. Baumann machte dann auch kurze Zeit seinen Fehler wieder wett und glich mit einem schönen Kopfballtreffer aus. Langsam kam Stimmung auf in dem Laden. Mit diesem Schwung im Rücken der Bremer mußte Dortmund aufpassen, nicht unter die Räder zu geraten. Aber erstaunlicherweise ließ sich Dortmund nicht aus der Ruhe bringen und erzielte nach genialer Vorarbeit von Kuba den neuerlichen Führungstreffer. Die Minuten verstrichen. So langsam und selbstverständlich sehr verhalten fing ich an innerlich zu jubilieren. Aber dann machte der große Schwachpunkt und Schwachmat Weidenfeller einen grandiosen Patzer, den sich Pizarro nicht entgehen ließ. Kann man diesen Mann nicht mal zum Mond schießen, dachte ich noch, als Pizarro Weidenfeller schon wieder ziemlich alt aussehen ließ, indem er ihn elegant umkurvte, während Dortmunds Ehrgeizling wie eine Flunder am Boden zappelte, der Ball aber im Tor. Innerhalb der letzten zwei Minuten hatten die Bremer das Spiel gedreht, die Nachspielzeit lief und die vollständig in grünweißen Trikots angetretenen Bremen-Fans waren noch schwerst am Toben, als über die linke Seite der letzte Dortmunder Angriff über Kringe lief. Bei der Flanke dachte Tim Wiese wahrscheinlich, was Weidenfeller kann, kann ich schon lange und schob den Ball dem Problemkind Zidan vor die Füße, der tatsächlich zum 3:3 traf. Okay, ich sage nichts mehr Schlechtes über Klopp. Unter seinem Regiment jedenfalls gab es schon mehr aufregende und sensationelle Spiele als in der gesamten letzten Saison. Und bei diesem mag man sich nicht mal über Weidenfeller ärgern.

Auf der Buchmesse unterwegs – Teil 2

Auf der Buchmesse begegnet er einem quasi in geballter Form: der Verleger. In der Regel kein schöner Anblick. In den Jahren der Entbehrung ergraut und verhärmt, zieht er die bequeme braune weite Cordhose vor, dazu braune Wildlederschuhe, die er in der B-Ebene einer U-Bahn gekauft hat, ein graublau kariertes Hemd und ein über die Schultern hängendes Jackett mit Lederaufsätzen auf den Ellbogen. Verarmter Landadel meinte meine Freundin, ich aber sagte, schlechter Geschmack, der dem Diktat der Bequemlichkeit folgt, einem Prinzip, das den Erfolg von Jack Wolfskin und der häßlichen Freizeitbekleidung ermöglicht hat. Der Wille zu einem erkennbaren Stil ist längst erloschen, denn derlei gilt bei einem Mann, der sich der Linken zurechnet, als ebenso überflüssig wie reaktionär, und letztlich ist die Sache der Linken deshalb auch so unattraktiv, denn die Codes signalisieren nach außen Ödnis, Fadheit und das Mufflige im Leben. Es würde passen, wenn der Mann den politischen Langeweiler Noam Chomsky publiziert, weil er darin seine antisemitische Gesinnung bestätigt findet. Komisch, aber das ging mir durch den Kopf, als ich noch benebelt an einem Stand saß und leicht gelähmt vor mich hin starrte. Und deshalb ist das natürlich auch keine hieb- und stichfeste Beweisführung, sondern nur die Wiedergabe einer Stimmung, die mich in der tristen Hektik der Messehallen manchmal befällt. Aber es gibt auch Interessantes zu berichten, z.B. daß die Verlagskonzerne die Konkurrenz sich auch deshalb einverleiben, um sich die teuren Lizenzen zu ersparen. Sich allerdings eine ganze Kuh zu kaufen, nur weil man etwas Milch haben möchte, ist nicht wirklich schlau, abgesehen davon, daß die übernommenen Verlage ganz schnell ihr Profil verlieren und dem Renditegedanken entsprechend mainstreamig werden, auch wenn sie ihren Namen behalten dürfen.

Von Christian Y. Schmidt erfuhr ich auf dem Weg zum Empfang der Chinesen, daß auf der Rowohlt-Party Stefan Aust die Herausgeberschaft von Titanic angeboten wurde. Er überlegt es sich noch, weil ihn sein Pferdegestüt zu Hause nicht auslastet. Deshalb treibt sich auch Aust auf solchen Parties herum, um solche Avancen entgegennehmen zu können. Der China-Empfang war sehr chinesisch, also steif. In gebührendem Abstand hatte sich ein Kreis von Chinesen gebildet, die nicht nur den langatmigen Reden chinesischer Repräsentanten folgte, sondern auch die Übersetzung ins Englische durch eine kleine Chinesin, die zwischendrin immer das Mikrofon zu sich herunterziehen mußte und dabei aber ebenso vom Blatt ablas wie der chinesische Repräsentant. Zwischendrin erläuterte mir Herr Schmidt, der das hervorragende China-Reisebuch “Allein unter drei Milliarden” (ich glaube, es waren drei) geschrieben hat und ein China-Experte ist, was “super”, “Frankfurt” und “sehr glücklich” auf chinesisch heißt. Das zu wissen sei sehr wichtig, denn demnächst würde hier sowieso alles von den Chinesen übernommen, wenn im Westen die Finanzen zusammenkrachen. Die junge Welt wäre dann das Blatt der Zukunft, meinte Herr Schmidt. Das konnte ich nur schwer glauben, aber wer weiß schon, was die Chinesen im Schilde führen. Es ist ja auch alles so undurchsichtig. Als nach einer Stunde die chinesische “Happy Hour” immer noch nicht eröffnet worden war, ließ ich Herrn Schmidt bei den Chinesen zurück, ging zurück an meinen Stand und überlegte, wie man von diesem riesigen chinesischen Markt profitieren könnte. Aber ich glaube, die Reden würde ich auf Dauer nicht aushalten. Wenn ich sie verstünde, wahrscheinlich noch weniger.

Auf der Buchmesse unterwegs – Teil 1

Rund 30 Prozent der auf der Messe ausgestellten Bücher können bereits auf einem E-Book gelesen werden. Und vermutlich wird sich dieser Trend fortsetzen. Bislang war der elektronische Ersatz für das Buch nicht besonders überzeugend, aber die Technik macht Fortschritte, das E-Book wird handlicher und brauchbarer. Und obwohl ich noch nie eins gesehen habe, könnte es ein Segen sein, statt dicker Papierstapel ein elegantes kleines Gerät mitzuführen. Daß das E-Book das Ende der Buchkultur bedeutet, muß niemand befürchten, denn das Problem ist nicht das Ersatzbuch, sondern der Trend zum Nichtlesen bei jüngeren Menschen, wo man sich nicht mehr die Augen durchs Lesen verdirbt, so wie ich das noch als mütterlichen Vorwurf kenne, sondern wo sich durch den gekrümmten SMS-Daumen bereits evoutionäre Veränderungen andeuten. Daß es den Verlegern schlecht geht, hängt sowieso nur zu einem unwesentlichen Teil mit der Leseunlust zusammen, sondern mit der Konzentration auf dem Markt und der heillosen Überproduktion von Büchern und Zeitungen, die niemand braucht. Kein Wunder, könnte man sagen, daß die Leute die Lust verlieren zu lesen. Tun sie aber nicht, weil es in dem ganzen unübersichtlichen Schrott natürlich auch gute und schöne Dinge gibt. Außerdem ist es schon jetzt so, daß das Internet Zugang nicht nur zu Halbwissen bietet, sondern auch zu ganzen Büchern und trotzdem ließ sich noch kein Verleger davon wirklich abhalten, diese Bücher auch auf Papier zur drucken. Das alles besprach ich auf dem Frankfurter Hauptbahnhof mit Dirk von lettre, der der undurchsichtigen Entwicklung eher gelassen gegenübersteht, weil sich in zehn Jahren andere Leute damit herumschlagen müssen.

Auf dem Weg zur Buchmesse warf ich einen Blick in den Zeitschriftenhandel, weil Dietmar Dath sich dort während der Messe bevorzugt aufhalten wollte, wie er in der FAZ verraten hatte, konnte ihn aber nicht entdecken. Wahrscheinlich war er immer noch damit beschäftigt, durch den Aufmacher in der Zeit-Literaturbeilage durchzusteigen, in dem Iris Radisch sich nicht entscheiden konnte, ob sie es bei Daths neuestem Buch nun mit einem genialen oder blöden Werk zu tun hatte. Vielleicht hängt die Schwierigkeit, das zu beurteilen, damit zusammen, daß die inzwischen über hundert Bücher des Autors von verschiedenen geknechteten Lohnschreibern stammen, die Dath sich im Keller hält. So jedenfalls munkelt man auf der Messe. Aber ich glaube das nicht. Dath hat einfach verstanden, daß den Literaturkritikern der Autorenname nur durch eine hohe Buchfrequenz im Gedächtnis bleibt.

Auf der Messe wurde mir der Erstling eines jungen türkischen Autors angeboten, der eine Mischung aus “Feuchtgebiete” und Hape Kerkelings Wanderbuch geschrieben hat. Ich sollte ein erstes Gebot abgeben, aber da ich die beiden Bücher nicht kannte, traf es sich gut, daß ich auch kein Geld hatte, um bei der Versteigerung mitzumachen. Unseriös schien das Angebot außerdem zu sein, denn es wurde mir während eines Umtrunks auf dem Dumont-Stand unterbreitet, auf dem das “Wein”-Buch von Wiglaf Droste, Vincent Klink und Nikolaus Heidelbach begossen wurde, eins der schönen Bücher auf der Messe, das sich nie durch ein E-Book ersetzen lassen wird.

Später auf dem Rowohlt-Empfang erzählte mir der Leiter des Museums für komische Kunst, Achim Frenz, daß der Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb abgesagt werden mußte, weil eine türkische Zeitung den Witz nicht verstanden hatte und so darüber berichtet hatte, daß sich alle möglichen komischen und depperten Islamisten wieder einmal beleidigt fühlten. Seither wird das Museum und die Titanic mit Drohmails überschwemmt. Nicht daß man denen allzu ernste Absichten unterstellen sollte, aber da im Museum nur Leihgaben von Künstlern hängen, die eventuell zu Schaden kommen könnten, wollte das Museum das Risiko nicht eingehen. Wieder einmal ein gelungener Beitrag zur Völkerverständigung, der gut zum Buchmessengastland Türkei paßt. Die Lesung soll dennoch stattfinden. Es steht nur noch nicht fest, wo.

Bohlen, Dieter

Manche – und ich weiß sogar wer – werden vielleicht sagen, Bohlen, ist das nicht das widerwärtige, aufdringliche, schlaumschlägerische, muskelprotzende Arschloch, den man in eine gottverdammte Flasche stecken und der Strömung der Elbe überlassen sollte? Könnte gut sein, sage ich dann, das er das ist. Jedenfalls hat er bereits zwei Biografien über sich schreiben lassen, beide von Katja Kessler, die man zusammen mit ihrem Ehemann Kai Diekmann gleich mit in die Flasche stopfen sollte, um sie dann allerdings besser in einer Jauchegrube zu versenken … Aber halt! Was sind das nur für negative Gedanken, die mich da umtreiben? Ich will mich jetzt am Riemen reißen und ganz sachlich bleiben. Zwei Biographien sind also über ihn erschienen, »Nichts als die Wahrheit« (siehe live ?/2002) mit einer Million verkaufter Exemplare und »Hinter den Kulissen« mit einer halben Million, von dem nunmehr erschienenen »Bohlenweg« wurden noch 150.000 Stück gedruckt, jedenfalls nach Auskunft des Verlags, wo gerne etwas geflunkert wird. Tendenz fallend, und zwar schlimmer noch als die Aktienkurse an der Wallstreet. Diesen »etwas anderen Ratgeber« hat er nun selber geschrieben, vielleicht weil er sich Katja Kessler nicht mehr leisten konnte. Ein halbes Jahr hat er dazu gebraucht. Andere wären unterbeschäftigt gewesen, hätte man ihnen eine Woche Zeit gegeben. Was aber hat uns Bohlen zu sagen? Hat er uns überhaupt etwas mitzuteilen? Das ist die Frage. Die Zielgruppe jedenfalls ist sehr speziell. Es ist für die armen Würstchen geschrieben, die bei »Deutschland sucht den Superstar« erst mit- und sich anschließend von Bohlen, der dem Zirkus als Juror vorsteht, niedermachen lassen. Die fragen dann Bohlen immer, wie man erfolgreich ist, bzw. wie man genauso widerwärtig und abstoßend werden kann wie er. Und da die meisten nicht wissen, wie sie es anstellen sollen, greift ihnen Bohlen mit diesem Ratgeber unter die Arme.

Und für diese Leute hat er einige sensationelle Tips parat: »Sorry, Leute, aber es ist wahr. Ich kann doch nichts dafür. Es gibt nur eine Wahrheit, und das ist Arbeit … ohne Arbeit, und ich meine mehr Arbeit, als eigentlich üblich ist, könnt ihr eure Träume beerdigen. Patsch, patsch, aus der Traum.« Für dieses Arbeitsethos, 18 Stunden am Tag zu arbeiten, hätte man ihn unter Stalin noch zum »Held der Arbeit« gekürt und ihn als zweiten Stachanow geehrt, aber das ist über 50 Jahre her. Seither hat sich ein bißchen was verändert. Zum Beispiel könnte Bohlens bahnbrechende Idee eine gewisse Plausibilität für sich in Anspruch nehmen, wenn es diese Arbeit in Form eines Jobs tatsächlich gäbe, in dem sich der gescheiterte Superstar austoben könnte. Da er als Unterschichtenkind eine Arbeit in der Regel jedoch gar nicht hat, kann er 18 Stunden seine Runden im Hamsterrad drehen. Hauptsache: Nie Aufgeben! »Ich habe nie aufgegeben. Die Firmen schickten mir damals Drohbriefe, dass ich sie mit meinem Gesang nicht mehr belästigen solle.« (Sollten die Firmen damals noch Geschmackskriterien gehabt haben?) Und das ist ja mal ein ganz guter Tip, wenn sich alle von Bohlen in die Tonne getretenen Möchtegern-Superstars rächten und ihm mit ihrem fürchterlichen Gesinge so lange auf die Eier gingen und dabei nie aufgäben, bis Bohlen die Flucht ergriffe.

Weitere wichtige Tips: »Leute, ganz ehrlich, das Aufstehen ist wichtig.« Jo, da hat er wohl recht, der Bohlen, auch wenn einem in seinem Falle das Gegenteil lieber wäre. Und wofür macht man den ganzen Zinnober? Richtig, wegen dem Geld: »Ich liebe Geld, ich fand es schon immer geil, Geld zu haben, und ich wollte auch immer mehr davon haben. Put, put, put, komm her, du liebes Geld, hier beim lieben Dieter geht‘s dir richtig gut, denn ich mag dich sehr, sehr gern. Ich passe immer auf dich auf, ich kümmere mich um dich, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. So, hoffentlich hat dieses Miststück das jetzt gelesen und ist zufrieden damit. Ab und an muss man eben auch mal ein bisschen schleimen, wenn‘s ums Geld geht, gelle…« Aber wenn dann das Geld ihm auf den Leim gegangen und zu ihm gelaufen ist, was macht er dann mit ihm? Das kann man unter dem Stichwort »Reichtum« nachlesen: »Hämmert euch bitte das Dagobert-Bohlen-Prinzip in die Rübe: Reich wird man vom Nehmen, nicht vom Geben, und geben könnt ihr höchstens die Hälfte. Wollt ihr nicht den Jakobsweg des Geldes gehen und euch quälen lassen, so geht den Bohlenweg und haltet gefälligst eure Penunzen, euren Schotter, eure Mäuse zusammen. Ihr könnt nicht mehr ausgeben, als euch gehört.«

In der Psychoanalyse, für Bohlen die Psychoanneliese, nennt man das einen analen Charakter. Geld anhäufen. Und nichts abgeben, »Geiz ist geil« ist wahrscheinlich von Bohlen erfunden worden, oder wie Mutter immer sagte: »Junge, halt dein Geld zusammen.« Seit dem Kollaps auf den Finanzmärkten weiß man, daß das keine gute Idee war. Wer sein Geld nicht verjubelt hat, wird es spätestens mit der demnächst einsetzenden Inflation los. Aber um Geld zu horten, muß man es erst mal haben. Die Leute, denen Bohlen rät, wie man Reichtum rafft, geben nichts aus, weil sie gar nicht zum Ausgeben haben. Und diejenigen, die die nötige Barschaft besitzen, würden Bohlen angesichts des einfältigen Ratschlags nur mitleidig belächeln. Und vermutlich dürfte sich auch die Zielgruppe des Buches reichlich verarscht vorkommen, denn solche altbackenen Tips kriegen sie zu Hause gratis und jeden Tag zu hören.

Also schnell zum nächsten Tagesordnungspunkt, »über Sieger«: »Um wirklich gut und kreativ zu sein, müsst ihr euch zudem ein geiles Umfeld schaffen. Damit meine ich, dass ihr euch auch geil fühlen solltet. Ihr wisst ja, aus einem verklemmten Hintern kommt nur ein verklemmter Furz. Das stimmt hundertprozentig! Fühlt euch wie ein Sieger, dann werdet ihr ein Sieger! Ihr müsst euch in einen Zustand bringen, indem ihr an euch glaubt.« Und weiter, um einen weiteren triftigen Grund zu zitieren, warum es gar keine so schlechte Idee ist, Bohlen in eine Flasche zu stecken: »Baut euch selbst auf, reißt die Fenster auf und schreit heraus: ›Ich schaffe es!‹« Fragt sich nur, was? Um von den Männern in Weiß abgeholt zu werden und in einer Gummizelle zu landen, wohin Bohlen zweifellos gehört? Oder um mit einem Bohlen vor dem Kopf seinem Vorbild nachzueifern? Wer das tut, hat das charakterliche Format einer Hyäne bereits erreicht. Erfolg wird er dennoch nicht haben. Und das ist das Schöne daran. Es nutzt nichts, sich zum Affen zu machen, nur das gesellschaftliche Klima wird noch einen Zacken unerträglicher.

Die Wahrheit über den 7. Spieltag

Es war große Fußballkunst, die in München geboten wurde. Uli »rote Birne« Hoeneß ramenterte fassungslos: »Das gibt es doch nicht!« Aber Jürgen Klinsmann macht es möglich. Seit er das Regiment übernommen hat, wünscht sich jeder Hitzfeld zurück, denn es klappt nicht viel. 2:5 gegen Bremen, 0:1 gegen Hannover. Nach zwei Pleiten wollte man zu Hause gegen Bochum wieder alles gut machen. Keine unlösbare Aufgabe, sollte man meinen, aber unter Klinsmann laufen die Uhren anders. Zunächst schien die Sache wie am Schnürchen zu laufen. 3:1 stand es bis kurz vor Abpfiff, aber dann nahm Klinsmann mit Ze Roberto den besten Mann vom Platz und Bochum glich innerhalb von nur zwei Minuten aus. Kein schlechtes Händchen für einen derartig hochgelobten Heilsbringer, der jetzt den schlechtesten Saison-Start seit 31 Jahren auf dem Kerbholz hat. Noch wird Klinsmann nicht demontiert, denn er war schlichtweg zu teuer, um ihn einfach in den Wind zu schießen, dabei hätte man wissen können, wen man sich mit Klinsmann holt, denn er hatte seine beste Zeit bei den Bayern, als er nach einer Auswechslung in die Tonne trat. Vielleicht ist das seine Rache. Erstmal jedoch nimmt Hoeneß sich die Stars vor: »Der eine oder andere, der hier reinkommt, muß sich fragen, ob er die Leistung bringt, für die er bezahlt wird.« Das ist das Schöne am Leistungsprinzip: Leistung ist nicht abrufbar wie der Kontostand, denn da spielt der subjektive Faktor eine Rolle, und der ist von ein paar mehr Faktoren abhängig und funktioniert nicht auf Knopfdruck. Werbefuzzi Beckenbauer bemängelt die nicht vorhandene »Hierarchie«, weil es früher eine gegeben hat und weil er das Alphamännchen spielen durfte. Und warum soll das, was in den Siebzigern gut war, heute schlecht sein? Dagegen steht Klinsmanns »Prinzip Buddha«, d.h. Gelassenheit und Erleuchtung, aber weder mit dem einen noch mit dem anderen läßt sich gut Fußball spielen, sondern höchstens eine Niederlage schön reden. Auch übertriebener Ehrgeiz hat noch keinen Spieler tatsächlich weiter gebracht. Das konnte man am Donnerstag in der magischen Nacht von Udine wieder beobachten, als im Uefa-Cup die Dortmunder, auf die niemand auch nur einen Pfifferling gegeben hatte, einen 2:0-Rückstand aus dem Hinspiel egalisierten und erst im Elfmeterschießen scheiterten. Nur Weidenfeller fiel mit einer fiesen Boxeinlage gegen einen heranstürmenden Italiener unangenehm auf. Und obwohl er so sagenhaft einsichtsresistent ist, daß er selbst nach der Zeitlupe immer noch behauptet, die gegen den Kopf donnernden Fäuste wären eine Abwehrbewegung gewesen, will die Dortmunder Führung den Vertrag dieses Vollidioten mit der häßlichen Fratze eines Magengeschwürs weiter verlängern, weil man laut Zorc, der auch nicht gerade mit Menschenkenntnis gesegnet ist, einen Mann mit »Emotionen« braucht. Jetzt bin ich schon wieder bei Dortmund gelandet. Wie konnte das passieren? Vielleicht weil ich immer noch unter dem Eindruck dieses grandiosen Spiels gegen Udinese Calcio stehe, ein zwar kurzer Ausflug in die internationalen Gefilde, aber einer, den kein Schwarzgelber so schnell vergessen wird. Dagegen kann leider auch nicht die 4:1-Niederlage der Bremer in Stuttgart mithalten, und auch nicht das unverdiente 1:0 der Hertha in Leverkusen, von dem Bayer-Trainer Labbadia völlig zu Recht sagte: »Es ist bitter für den Fußball, wenn am Ende eine solch destruktive Spielweise gewinnt.«

The Church of Leonard Cohen

Nach vierzehn Jahren Abstinenz betritt der 74 Jahre alte Leonard Cohen wieder die Bühne. Er hatte nicht den Ehrgeiz, das jemals wieder zu tun, aber nach einem längeren Aufenthalt im Kloster mußte er feststellen, daß »den ganzen Tag Beten«, wie Chandler klösterliches Leben umschreibt, nicht vor dem Unbill des Lebens schützt, denn seine Managerin hatte inzwischen sein gesamtes Vermögen veruntreut. Also muß er doch wieder ran, und siehe, es war gut so, denn als er in der O-Two-Wanne in Berlin auftrat, war auch der hartgesottenste Iggy-Pop-Fan schwer beeindruckt. Zwei das Dunkel der gesamten Halle durchschneidende Scheinwerferkegel umgaben einen kleinen Mann mit Hut mit einer Aureole. Und als diese Erscheinung mit seiner dunklen, schweren und erdigen Stimme, die aus einem anderen Universum zu kommen schien, anfing »Dance me to the end of love« zu singen, da streifte einen tatsächlich so etwas wie göttliche Erleuchtung. Niemand jedenfalls kann das besser inszenieren als Cohen, der zurückhaltend, fast schüchtern und höflich immer wieder den Hut vor seinen Musikern und vor dem Publikum zog und ihm beteuerte, daß es angesichts des Elends auf der Welt ihm eine Ehre und ein Privileg sei, vor so vielen Leuten zu singen. Elend? Meinte er das Elend vor ihm in der O-Too-Halle? Das Elend der Generation, die sich schon in den siebziger Jahren von seiner Musik einlullen ließ und seither ihren konsequenten Weg hin zum praktischen Klettverschluß vollzogen hat? Ich hatte nicht das Gefühl, und vielleicht gab es da schon den ersten Knacks in der ganzen Erleuchtetheit, denn gerade weil es eine Menge Elend gibt, sollte man nicht damit hausieren gehen, um damit Sympathiepunkte bei Leuten zu sammeln, denen das Elend als Mitleid selber ins Gesicht geschrieben ist. Aber vielleicht bin ich auch zu unnachsichtig, denn Leonard Cohen war in seiner Schlichtheit ergreifend, er strahlte eine ungeheure Würde aus, in seiner einfachen Eleganz glimmte der Glamour, wenn ich mal kurz alliterieren darf, und seine Demut war nicht gespielt. Man muß ihn einfach lieben. Und das taten auch alle. Warum sagt ihm dann aber keiner, daß er sich ganz und gar auf seine wie alter gut gereifter Wein klingende Stimme verlassen sollte, statt sich mit den zweifellos gut ausgebildeten Gesangsstimmen von drei zweifellos gut aussehenden jungen Frauen den Background zukleistern zu lassen? Leonard Cohen hätte einen Rick Rubin verdient, der ihn auf das Wesentliche reduziert und ihn vom Kitsch und den Schmalz befreit, die sich wie Patina auf seine Songs legen. Und weil ich wie immer völlig unvorbereitet ins Konzert ging, erlebte ich auch eine unangenehme Überraschung, denn als er die ganzen alten Songs durchnudelte, wie »Bird on the Wire« und »Suzanne«, bei denen fast hörbar die Seufzer der Erinnerung durch den Raum waberten und manches Auge feucht wurde, da wurde mir zunehmend unwohl, denn diese Songs evozierten bei mir keine wohligen Schauder, sondern das nackte Grauen, als man adoleszentig auf der Matratze lag, an Weltschmerz litt und sich hemmungslos der süßen Depression hingab, während draußen dazu passend in den Nebelschwaden eine Krähe krächzte, womöglich sogar ein Hund bellte. Cohen hatte dazu den Soundtrack gemacht. Irgendwann konnte ich das Zeug nicht mehr hören. Ich haßte Cohen, weil ich irgendwann entdeckte, daß der existentialistische Lebensstil großer Humbug war. Ich dachte, es wären tiefe Gefühle, aber es war nur Attitüde. Den meisten ist das nie aufgefallen, und deshalb schmelzen sie in ihren praktischen Thermojacken dahin und rascheln dabei. Sie bilden »The Church of Leonard Cohen«, die »Hallelujah« mitbrummen, die inbrünstig der Klangteppichsoße lauschen, und denen nichts auffällt, wenn Cohen ihnen mitteilt, daß das Geheimnis des Lebens »Dubischubidu« heißt, oder so ähnlich jedenfalls. Und dennoch hat Cohen etwas Erhabenes, denn er hat Stil, zumindest biedert er sich nicht an, bedankt sich artig, er freut sich wie ein Kind über die stehenden Ovationen, lüftet zum letzten Mal seinen Hut und tänzelt von der Bühne.