Archiv für den Monat: November 2008

Die Wahrheit über den 15. Spieltag

Für mich fand das Spitzenspiel in Bremen statt. Dort ging es gegen Frankfurt, und das sind die beiden Mannschaften, die mir am sympathischsten sind. Zwei Herzen schlugen also in meiner Brust, obwohl mir schon klar war, daß die Eintracht wahrscheinlich wenig zu bestellen hatte, denn wie der wie immer leicht verkniffene Herr Funkel sagte, mußte er auf zu viel Stammpersonal verzichten und die Ersatzleute war der Situation nicht gewachsen, weshalb jetzt im »mentalen Bereich« gearbeitet werden müsse. Das hört sich schlimm an, denn wer will sich schon vom unrasierten Funkel im Mentalbereich herumpfuschen lassen. Daß es gleich 5:0 enden mußte, war natürlich hart, aber es ließ sich ein Reim drauf machen, denn Pizarro und Almeida, die das Champions-League-Aus auf dem Gewissen hatten, weil sie die besten Chancen vergeigten (weshalb ich Allofs gut verstehen könnte, wenn er sie am liebsten an die Wand nageln würde, was er leider nicht sagen darf), schienen gegen überforderte Frankfurter wiedergutmachen zu wollen, was sie dem Verein vorher an Millionen gekostet hatten. Aber nicht nur die Spieler gaben alles, sondern auch die Bremer Polizei, die ca. 250 Eintracht-Fans einfach festsetzte, weil sie angeblich »aggressiv« durch die Innenstadt zogen und womöglich das Auge der Bremer Bürger beleidigten, die sinnlos durch irgendwelche abartigen Weihnachtsmärkte torkelten und die an diesem Tag mit Sicherheit nicht weniger aggressiv zu Werke gingen, als sie sich auf den Straßen vor den Kaufhäusern halb zu Tode quetschten und zusammenklumpten. Hier Leute wegen aggressiven Verhaltens zu verhaften, mutet schon ziemlich absurd an, ebenso wie der offizielle Grund eines Polizeisprechers, der von Prävention sprach, weil vor zwei Jahren mal zwei Polizisten bei einer Rangelei verletzt wurden. Die Eintracht-Fans betrugen sich in Dortmund ganz tadellos und sorgten für eine anarchisch lustige Stimmung. Aber in Bremen versteht man diesen Witz nicht, denn die Fischköpfe in der Hansestadt verstehen beim Zählen des Geldes keinen Spaß, für sie ist alles bedrohlich, was nur einen Zentimeter von der Norm abweicht, weshalb sie auch in jeder Ausfallstraße mindestens zehn Blitzer aufgestellt haben, um abzukassieren, denn das ist der einzige Lebenssinn dieser kleinen Nagetiere. Und dafür macht man gerne auch mal auf die Schnelle ein bißchen Polizeistaat, denn gegen ein paar Fans läßt sich das ja auch durchziehen, denn die sind in der öffentlichen Meinung sowieso unten durch, seit dem sie bei jeder Gelegenheit von den Kommentatoren niedergemacht werden, wenn sie sich nicht zu Jubelpersern degradieren lassen und die bescheuerte »La Ola«-Welle fürs Fernsehen inszenieren, ohne dafür etwas zu kriegen, nicht mal einen warmen Händedruck. Mein letzter Besuch im Weser-Stadion liegt lange zurück. Dortmund war chancenlos, das Spiel entsprechend öde, und die anschließende Nacht verbrachte ich mit Schüttelfrost und schwitzend wie ein Dampfkessel im Bett, aber was mich am meisten nervte, war die sterile Atmosphäre, die Ereignislosigkeit, das reibungslose Funktionieren. Auf dem Friedhof in Chicago ging es da noch lebendiger zu. Und insofern ist es kein Verlust, daß Bremen sich aus der Champions-League verabschiedet hat. Schätze, daß es selbst in Famagusta mehr Flair gibt. Und sonst? Leverkusen hat es wieder mal vergeigt, wie immer, wenn es gegen Bayern geht. Da ändert auch Labbadia nichts, der immerhin eine überraschend gute Figur macht, was gegenüber Klinsmann allerdings auch nicht sehr schwer fällt. Jetzt kann nur noch Hoffenheim helfen, um die Bayern von Platz eins fern zu halten.

Bis hierher und nicht weiter. Ruth Klüger rechnet im 2. Teil ihrer Memoiren ab

Auschwitz sei keine Anstalt für »sittliche Läuterung« gewesen, schrieb Ruth Klüger einmal auf das in Deutschland populäre Argument, daß doch die Juden aus ihrer Geschichte gelernt haben und deshalb mit den Palästinensern pfleglich umgehen müßten. Diese Stelle findet sich in ihren Kindheitserinnerungen »weiterleben« (1992), die damals vom Literarischen Quartett hoch gelobt und damit zum Bestseller wurden. Ruth Klüger war ein grandioses Buch gelungen, in dem sie die Odyssee mit ihrer Mutter durch verschiedene Vernichtungslager auf eine Weise beschrieb, die sich literarisch aus der Masse der Erinnerungsbücher abhob. Ihre Haltung war unversöhnlich und immer wieder stand im Fokus ihrer Kritik die von den Deutschen erfundene Disziplin der »Vergangenheitsbewältigung«. Ganz im Sinne Hannah Arendts gibt es für Ruth Klüger keine Kollektivschuld, aber mehr als genügend Antisemiten, mit denen sie sich herumschlagen mußte. Und von diesen Leuten handelt der 2. Teil ihrer Memoiren »unterwegs verloren«, der von der Nachkriegszeit handelt, als Ruth Klüger nach Amerika auswanderte und dort eine Karriere an der Uni als Germanistin machte.

Juden sind wie eine seltene Tierart, die aufgrund intensiver Jagd fast ausgestorben wäre und deshalb geschont wird. »Es gibt eine Tendenz in Deutschland, Juden zu sammeln, sie in eine Schublade, wie zum Aufheben, zu stecken«, schreibt Ruth Klüger, und in dieser nicht sehr schmeichelhaften Einschätzung, die sie aus den Erfahrungen ihres Lebens gezogen hat, wird deutlich, daß die inzwischen 77jährige immer noch zu den Unbeugsamen gehört, die nicht das Bedürfnis verspüren, sich auf evangelischen Kirchentagen mit ehemaligen Tätern zu versöhnen. Als Verbitterung wird ihr das inzwischen ausgelegt, aber wenn man ihr Buch gelesen hat, weiß man auch, daß sie jeden Grund dazu gehabt hätte, wenn sie es denn gewesen wäre. Sie beschreibt einfach die Ungeheuerlichkeiten, die ihr in ihrem Leben in Freiheit zustießen zu einer Zeit, als der Unibetrieb noch reine Männersache war und Frauen für das Kaffeekochen zuständig waren, von den riesigen Anstrengungen, die es kostete, den langweiligen Mann zu verlassen, zwei Kinder durchzubringen und trotzdem eine Uni-Karriere zu machen, von den Vorurteilen, die ihr als Frau und als Jüdin entgegenschwappten, weil es selbst in intellektuellen Kreisen die Annahme gab, daß die Juden nicht ganz unschuldig an ihrer Vernichtung gewesen sein konnten.

Ruth Klüger hat das alles nicht vergessen, sie gehört nicht zu jenen, die über gewisse Schwächen hinwegsehen, zumindest nicht über eine antisemitische Schwäche. Was eigentlich gesellschaftlicher Konsens sein sollte, nämlich Antisemitismus zu ächten und zu den Antisemiten auf Distanz zu gehen, ist für sie selbstverständlich, obwohl ihr das am meisten abverlangte, wie ihr »Offener Brief« an ihren Freund Martin Walser zeigte, dem sie die Grenze »bis hierher und nicht weiter« aufzeigte, die dieser in »Der Tod eines Kritikers« überschritten hatte, was seiner Karriere als erfolgreicher Schriftsteller in Deutschland, obwohl selbst seinem Protege Schirrmacher in dieser Debatte ein Licht aufgegangen war, keinen Abbruch tat, denn auch weiterhin kassiert er Preise, erscheinen Biographien über ihn, wird er im Literaturbetrieb hofiert. Ruth Klüger tat sich schwer mit ihrer Entscheidung, weil sie wußte, daß sie einen Freund verlieren würde, aber ihre Achtung vor sich selbst verlangte ihr das ab, und deshalb ist dieses Buch so wichtig. Es zeigt eine Haltung an, die selten geworden ist, auch antiquiert erscheint, nämlich sein Leben nach bestimmten Prinzipien auszurichten, intellektuell wach zu sein für gesellschaftliche Stimmungen, radikal zu sein in seinen Ansichten (im Sinne von Marx nicht politisch), jedenfalls nicht sich opportunistisch irgendwie durchzumogeln und jede möglicherweise auch antisemitische Ansicht zu tolerieren.

Ruth Klüger, »unterwegs verloren. Erinnerungen«, Zsolnay, Wien 2008.

Die Wahrheit über den 14. Spieltag

Immer, wenn es gegen eine Mannschaft geht, die mit dem Rücken zur Wand steht, steigt die Nervosität, denn der Tabellensiebzehnte Karlsruhe spielte bislang unter seinen Möglichkeiten, und man konnte sicher sein, daß sie sich diesmal ein Bein ausreißen würden. Taten sie auch, aber erst in der 2. Halbzeit, als die Dortmunder schon mit 1:0 durch Zidan führten, dann allerdings begann die lange Dreiviertelstunde des Zitterns, weil dem Mann mit der Maske Kuba, der eigentlich Zorro heißen müßte, das erlösende 2. Tor nicht gelang, obwohl er immer wieder allen enteilte, und so mußte man ständig darauf gefaßt sein, daß irgendein Querschläger vor die Schlappen eines Karlsruher fallen würde, so wie Gomez beim Führungstreffer in Wolfsburg, als er zuerst den Ball nicht richtig trifft und der Gegenspieler ihn auch noch so abfälscht, daß der Stuttgarter Lanig nur noch den Fuß hinzuhalten braucht. Genutzt hat es nichts, denn in der zweiten Hälfte wurden die Stuttgarter völlig auseinandergenommen, begünstigt dadurch, daß Magath auf der Tribüne sitzen mußte, weil er mit dem Zeigefinger Schiedsrichter Fleischer auf die Brust geklopft hatte. Durch die Niederlage der Stuttgarter wurde der Abschied der Schwaben aus der Spitzengruppe dokumentiert. Falsch eingekauft hätten sie nach dem Meisterschaftsjahr, hatte Veh der Presse mitgeteilt und damit seiner Mannschaft ein Armutszeugnis ausgestellt, das diese auch gleich in Anspruch nahm. Auch Bremen und Schalke mischen ganz oben nicht mehr so souverän mit wie in den vergangenen Jahren, obwohl in dieser Saison beide Vereine schon von Beginn an vom Titel redeten. Schalke gewann zwar zu Hause gegen Gladbach 3:1, aber von einer Mannschaft mit diesem Anspruch muß man das ja auch gegen einen Abstiegsaspiranten erwarten. Trotz überschaubarer Aufgabe versiebte es Kuranyi wieder mal, und wie das bei Schalke so ist, wurde er bei seiner Auswechslung ausgepfiffen und beschimpft. Treffsichere Präsenz zeigt er nur noch in den Werbepausen, wenn er auf den Tasten eines Nintendos herumdrückt. Schätze, daß ein Versager sowohl in der Nationalmannschaft als auch im Verein für dieses Produkt nicht gerade eine tolle Empfehlung ist, weshalb mich interessieren würde, ob der verantwortliche Werbechef schon an die Luft gesetzt wurde, denn auf diese schwachsinnige Idee muß man erstmal kommen, den dümmsten Spieler der Liga für Werbezwecke einzuspannen. Obwohl, auf der anderen Seite paßt es sogar irgendwie auch wieder. Und sonst? Hertha zittert sich in Bochum zu einem für ihre unattraktive Spielweise unverdienten Sieg. Während überall nämlich attraktiver Offensivfußball mit vielen Toren geboten wird – Ibisevic hat mit 16 Treffern in 14 Spielen die Rekordmarke von »dickes kleines Müller« geknackt –, oder man es zumindest versucht (BVB), hat sich Hertha unbemerkt von allen durch unansehnliches Gekicke auf Platz 4 gemogelt, und ist aus diesem Grunde auswärts ein gefürchtetes Kassengift, denn niemand möchte das sehen, was man in Berlin »aus einer sicheren Abwehr heraus spielen« nennt. Das genaue Gegenteil diesen destruktiven Gewürges kann man bei den Hoffenheimern bewundern. 3:1 gewannen sie gegen hart einsteigende Kölner, bei denen Daum wieder mit den Augen rollte, als sei er schwer auf Koks. Bei allen gerade stattfindenden Machtverschiebungen in der Liga bleibt einem wenigstens das erhalten.

Gottschalk, Thomas & Reich-Ranicki, Marcel

Ein Duo des Grauens, das den Modern Talking durchaus Konkurrenz machen könnte, wenn es die beiden in Schmalz gemeißelten Grinsedödel noch gäbe. Glauben Sie nicht? Können Sie aber. Alles fing mit der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises durch das ZDF an, als Reich-Ranicki für sein »Lebenswerk« ausgezeichnet werden sollte. Der lehnte den Preis ab und bezeichnete die ganze Veranstaltung als »Blödsinn«, weil er nicht wußte, was er zwischen Atze Schröder (»Proll-Komiker«) und dem RTL-Team von »Deutschland sucht den Superstar« zu suchen hatte. Eigentlich ist das eine schöne Sache, an der es nichts zu meckern gibt, auch wenn das Spektakel im Sinne Guy Debords hier seine rekuperative Fähigkeit selbst in diesem Fall unter Beweis stellt, denn nur durch diesen Eklat wurde man bundesweit auf die Sendung überhaupt aufmerksam, wurde sie wahrgenommen und versendete sich nicht einfach. Daß überhaupt mal jemand sagt, welcher Schwachsinn hier am Werke ist, dafür ist man ja schon dankbar, auch wenn es inhaltlich keine neue Erkenntnis ist, aber wenn die Einsicht jemanden kommt, der selber schon einen »Bambi« angenommen hat und eine »Goldene Kamera«, dann beobachtet man den Eklat doch mit einer gewissen Genugtuung, nicht zuletzt weil es in der Folge einige hübsche Verwerfungen im Medien-Betrieb gab. Die weichgekochte Betriebsnudel Thomas Gottschalk ist von einer »Bruderschaft im Geiste« überzeugt, vielleicht weil ihm Reich-Ranicki, der sehr schnell der Überblick verloren hatte, ihm noch auf der Fernsehpreis-Bühne das Du anbot. Gottschalk fand zwar, daß Reich-Ranicki »die Sicherung durchgebrannt war«, aber einer medial inszenierten Umarmung stand das nicht im Weg. Unterhaltung und Ernstes versöhnten sich und haben bewiesen, daß die Blöden auf beiden Seiten der oft als inkompatibel geltenden Fronten besser miteinander können als bislang angenommen. Gottschalk glaubt tatsächlich noch an einen höheren Auftrag. Zwischen »arroganten Eliten« und TV-Machern von Dreck, fühlt sich Gottschalk als »ein Mensch«, was selbstverständlich eine Lüge ist, »der immer strebend sich bemüht – und dabei andere mitnehmen möchte«. Fragt sich nur wohin? Er beklagt, daß »die da oben« ihn verstoßen haben und in ihm nur einen »wandelnden Altherrenwitz« sehen. Es kommen einem fast die Tränen, wie diese arroganten Eliten mit dem Menschen Gottschalk umspringen, der doch nur das beste will, auch wenn er nur Scheiße macht, was er rundweg auch gar nicht abstreitet, nur daß seine Scheiße eben nicht ganz so scheiße ist wie andere Scheiße. Mit der Kritik an ihm aber beleidigt man nicht nur ihn als Menschen, sondern auch die elf Millionen Zuschauer, die ihm dabei zusehen, wie er sich in einen Topf mit Senf tunken läßt oder Stars mit üppigem Dekolleté einlädt, um in selbiges hineinzuklitschen. Penibel rechnet er vor, wie er 2 Prozent Zuschauer, die sonst Volksmusik hören würden, abgreift, wenn er die Senfnummer ankündigt, und würde der Senf auch noch brennen, dann gewänne er auch noch die ProSieben-Action-Idioten, und eine nackte Frau würde ihm auch noch das halbe RTL II-Publikum einbringen, aber dennoch findet er es überheblich, »wenn mir und den Leuten so was madig gemacht wird«, weil sein Fernsehen »mitunter albernes, aber schmerzfreies Unterhaltungsfernsehen ist, zynismusfrei und generationsübergreifend.« Aber ist das wirklich mehr als ein gradueller Unterschied? Seine Show als albern zu bezeichnen wäre eine Beleidigung für wirklich Komisches, wie es die Monty Pythons hervorgebracht haben, seine Sendung ist höchstens deshalb »schmerzfrei«, weil auch sein Publikum schmerzfrei ist, während sie bei Leuten, die noch alle Schweine im Rennen haben, nachweislich Übelkeit und Erbrechen hervorruft, und auch der Glaube, seine Sendung wäre zynismusfrei, ist eine nette Selbsttäuschung, denn allein die Tatsache, den Zuschauern diesen Quark als Abendunterhaltung zu verkaufen, ist zynisch, ganz abgesehen davon, daß die Stars der internationalen Unterhaltungsbranche natürlich hofiert werden wollen und Gottschalk gar nicht das Format hätte, sie fertigzumachen, was ja Heldenmut erfordern würde, einen Heldenmut, wie ihn Elke Heidenreich bewiesen hat, als sie Thomas Gottschalk als »überschätzten, müden alten Mann« bezeichnete und die Preisverleihung als »Mist«, und darauf hinwies, wie »jämmerlich unser Fernsehen ist, wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich«. Bewußt nahm sie dabei ihre Kündigung durch das ZDF in Kauf, was ja dann auch prompt geschah. Egal, ob sie diese Kündigung provozieren wollte, Elke Heidenreich hatte einfach recht, und sie nahm sich dabei kein Blatt vor den Mund, und das ist über die Maßen zu loben, vor allem weil ihre Kritik an den ZDF-Bossen ja die Richtigen trifft. Für Gottschalk war das ebenso einfache wie klare und keinen Zweifel lassende Statement von Heidenreich nur ein »polternder Ausbruch gekränkter Eitelkeit«, zu der Gottschalk allerdings schon lange nicht mehr fähig ist, weil er ja die Menschen in den Mainstream »mitnehmen« möchte. Und daß auch Reich-Ranicki, für den Elke Heidenreich eine Lanze gebrochen hat, nur einfiel, daß sie die Kündigung wollte, ist ein wenig arm und paßt zu seiner anwanzerischen Verbrüderung mit Gottschalk. Immerhin hat Elke Heidenreich Konsequenzen gezogen, und das ist etwas, was in der Branche nicht gerade üblich ist, wo sich selbst Großverdiener wie Gottschalk wie arme Würstchen benehmen und sich an ihrem Job klammern, weil sie sonst nichts haben. Wenn Schleimern wie Gottschalk dann mal vorgeführt wird, was aufrechtes Handeln bedeutet, dann reagieren sie schnell beleidigt, weil sie insgeheim wissen, daß da jemand ist, der mit seinem Tun einem die eigene Armseligkeit vorführt, und das hat ja niemand besonders gern, weshalb sich Gottschalk in dem Irrglauben wiegt, daß von seinem Käse »die Welt nicht schlechter geworden ist«. Doch, ist sie, aber diese Einsicht wird ihn nie erreichen, denn er ist viel zu resistent, um überhaupt noch etwas zu merken. Um aber hier nicht mit diesem pessimistischen Ausblick zu enden, zum Schluß noch was wirklich Lustiges aus dem Hause ZDF. Die »Wetten daß«-Redaktion lehnte in einem Brief einen Wetten-Vorschlag eines gewissen Christoph Hofrichter aus Stuttgart ab: »Sehr geehrter Herr Hofrichter, die von Ihnen angebotene Wette, Sie könnten bei sieben starken Raucherinnen die von denselben benutzten Zigarettenmarken durch Cunnilingus herausschmecken, können wir leider nicht annehmen.« Schade eigentlich.

Die Wahrheit über den 13. Spieltag

Ich mußte mich schon arg aus dem Bett quälen, aber um 9 Uhr saßen wir bereits im Auto Richtung Dortmund und meine Freundin sagte: »Das ist doch total krank, meinen Geburtstag im Auto zu verbringen.« Ich stimmte ihr zu. Aber was sollten wir tun? Schließlich spielte die Eintracht im Ruhrgebiet, und als Fan (oder FanIn?) aus der Ferne muß man ja ab und zu mal nach dem Rechten sehen, also hatten wir beide einen Grund, denn mein letzter Stadionbesuch lag über ein Jahr zurück und war mir nicht in guter Erinnerung geblieben. Duisburg hieß damals der Gegner. Sichere Sache. Dachte ich. Aber das ist lange her, Doll ist weg, jetzt ist Klopp. Wenn man das so hinschreibt, scheint der Unterschied gar nicht so groß, aber natürlich ist »auf‘m Platz entscheidend«, und da hat sich tatsächlich was getan. Dortmund ist erstaunlich agil und lauffreudig geworden, und man erkennt den Willen zum direkten Paßspiel, wenngleich das nicht immer klappt, denn wie mein Sitznachbar auf der Osttribüne mir erklärte: »Woher soll der Kringe denn das können? Hat er doch früher nie gemacht.« Mein Tip war 4:1. Nicht schlecht. Klar, das Gegentörchen hätte ich mir schenken können, dann wär ich glatt richtig gelegen, denn wie Hunter S. Thompson immer wieder gesagt hat, man darf beim Wetten auf keinen Fall auf seine Gefühle hören, die sich zweifellos bei mir eingeschlichen hatten, als ich den Frankfurtern ein Tor schenkte. Und außerdem gehört die Eintracht sowieso zu meiner Lieblingsmannschaft aus Gründen alter Verbundenheit, als auch ich ein »Zeuge Yeboahs« war und der besten Vereinsmannschaft Europas huldigte, die tragischerweise nie einen Titel kriegte, und ich bin heute noch ganz ergriffen, wenn ich an die großartigen Spiele denke, die sich der BVB und die Eintracht lieferten. An diesem Tag aber hatten die Frankfurter einen schlechten Tag erwischt, aber wenn man sieben bis acht Stammspieler ersetzen muß, ist das auch nicht allzu ungewöhnlich. Immerhin mauerten sie nicht wie Cottbus oder Bielefeld, machten aber ein paar individuelle Schnitzer und waren bei Standardsituationen unsortiert, sodaß Dortmunds Innenverteidiger Subotic und Santana drei Kopfballtreffer versenkten. Einen sagte ich sogar voraus, nicht gerade zur Freude meiner Freundin. 3:0 stand es zur Pause bereits, und auch wenn ein kleiner Junge mit Eintracht-Schal eisern optimistisch blieb und sich nicht mit dem »Wär doch sowieso nur an Punkt drin gwese« seines Alten abgeben wollte, dachte ich an die 3:0-Führung Leverkusens, die sie an die Karlsruher verschenkt hatten. Allerdings nicht besonders ernsthaft. Als es ziemlich deutlich wurde, daß nichts mehr anbrennen würde, drehten die Eintracht-Fans richtig auf. Lautstärker als die verschlafene Südtribüne, in der ich Che Guevara vermißte, brandete im Gästeblock immer wieder plötzlich und völlig grundlos Jubel auf, womit sie bei den restlichen 70000 Zuschauern erst Verwirrung, dann ungläubiges Staunen und ein »die sind ja komisch« hervorriefen. Sie skandierten einträchtig zusammen mit der Südtribüne »BVB« und sorgten erst für die Stimmung, die in dem Verein »für die ganze Familie« nicht so recht aufkommen wollte. Angesteckt von den Eintracht-Fans ließ sich auch meine Freundin die Laune nicht verhageln. »Aber krank ist es schon«, sagte sie, als wir nachts mit 200 durch das »Land der Frühaufsteher« Richtung Berlin bretterten und uns über die rot blinkenden Windräder lustig machten.

Die Wahrheit über den 12. Spieltag

Ich war in Wien gestrandet. Am Tag zuvor hatte ich in Sulzbach-Rosenberg eine Hymne auf die Freiheit des Qualmens gesungen und eine Grußbotschaft Harry Rowohlts verlesen, in der er die Nichtraucher als “widerliche Frettchen der Bourgeoisie” bezeichnet. Auch in Sulzbach-Rosenberg gab es zumindest ein Frettchen, das sich in der Lokalpresse darüber aufregte, daß eine Veranstaltung übers Rauchen im Jugendzentrum stattfinden würde. Das gönge ja wohl nicht an. Dabei durfte im Jugendzentrum gar nicht geraucht werden, aber in der Pause war das komplette Publikum diszipliniert vor die Tür gegangen und paffte eine, um sich anschließend den 2. Teil der Lesung reinzuziehen. Und auch der örtliche Buchhändler Ralf Volkert meinte, er würde zu Hause nur auf dem Balkon rauchen, obwohl der auf sehr wackligen Beinen stehen würde. Da wußte ich, daß der Kampf für dicke Luft verloren war. Komisch, es gibt außer einigen Gesundheitsfanatikern kaum jemanden, der das Rauchverbot befürwortet, aber es gibt auch niemanden, der wirklich etwas dagegen hat. Meine Mission war also gründlich gescheitert, obwohl es erwiesen ist, daß Raucher die besseren Fußballspieler sind. Schon früh brach ich nach Wien auf, weil Dortmund immer gewonnen hatte, wenn ich in Wien war. Und da Dortmund in Hamburg spielte, war Wien leichter zu erreichen als Hamburg. In Wien ging ich in ein kroatisches Wettbüro, in dem soviele Flachbildschirme hingen, daß man sich auf einem das Dortmund-Spiel vollständig angucken konnte, und das sogar ohne Ton, man war also nicht der verbalen Pollution eines Thurn und Taxis ausgesetzt. Als ich ankam, stand es schon 1:0 durch einen herrlichen Kopfballtreffer von Petric und endete schließlich 2:1 für Hamburg. In gewisser Weise hatte Petric also das entscheidende Tor geschossen, und letztlich fand ich, daß das die angemessene Strafe war für Zorc, der für den Verkauf des Kroaten verantwortlich ist. Diese Niederlage geht also auf seine Kappe, und auf die Kappe Owomoyelas, der durch einen krassen Stellungsfehler das 2. Tor der Hamburger verschuldete, und insofern auch wieder auf die Kappe von Zorc, denn der hatte den völlig schwachsinnigen 2-Millionen-Deal eingefädelt, obwohl jeder in der Liga wußte, daß die Zeit von Owomoyela abgelaufen ist. Okay, er gab die Flanke zum Anschlußtreffer, aber zu sehen ist von ihm nur Pomadiges. Die Hamburger mußten noch die ganze zweite Halbzeit um den Sieg zittern, denn die Dortmunder drängten auf den Ausgleich, der in den Augen der Spieler so verdient gewesen wäre, daß sie am Ende dem Schiedsrichter die Schuld an der Niederlage gaben, obwohl ich keine krassen Fehlentscheidungen erkennen konnte. Kovac meckerte und handelte sich noch nach Spielende eine rote Karte ein. Wahrscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, daß der Schiedsrichter wußte, was Arschloch auf kroatisch heißt. Da war ich also 400 Km in den Osten gebrettert und dann das. Ich rauchte erstmal eine und fühlte einen angenehmen Schwindel. Und dann tröstete ich mich mit Leverkusen, neben Hoffenheim die Überfliegermannschaft der Stunde. 3:0 führten sie bereits in Karlsruhe, und ließen sich von einer eher durchschnittlichen Mannschaft noch die Butter vom Brot nehmen. Wäre das Dortmund passiert, das hätte mich richtig fertig gemacht, dachte ich, und nahm befriedigt noch einen tiefen Zug.

Aus der medialen Parallelwelt. Broder schreibt alles auf und macht ein Buch daraus

»Schreibt alles auf!«, rief der 81-jährige Historiker Simon Dubnow anderen Juden zu, als er am 8. Dezember 1941 in Riga abgeholt wurde, um erschossen zu werden. Dieser Aufforderung fühlt sich Henryk M. Broder heute noch verpflichtet. Ein schwergewichtiges Erbe, aber auch wenn Broder höchstens mal zum Frühstück abgeholt wurde, ist es ihm immerhin so ernst, dass er sich auf eine Situation bezieht, in der vor der Weltöffentlichkeit verborgene Verbrechen begangen wurden. Nicht nur lässt sich das auf die heutige Zeit kaum mehr übertragen, man wünscht sich auch nicht, dass Broders Zeugnisse von den heutigen Verbrechen der Gutmenschen genauso ungehört verhallen wie die Berichte der Überlebenden, für die sich kaum jemand interessierte, als es darauf ankam, denn Broders Argumente sind zu wichtig, um keine Beachtung zu finden. Aber diese Sorge muss man sich auch gar nicht machen, denn sein neues Buch »Kritik der reinen Toleranz« wurde nicht nur in Auszügen im Spiegel vorabgedruckt, sondern ist auch eine Fortsetzung seines Bestsellers »Hurrah, wir kapitulieren!«, in dem er leidenschaftlich die Lust am Einknicken westlicher Staaten vor der Islamismus anprangerte, und zwar völlig zu Recht, jedenfalls wenn man sich die damals von Broder ausführlich referierte Hintergrundgeschichte über die Mohammed-Karikaturen ansah, als für alle möglichen Politiker aller möglichen Länder angesichts des randalierenden islamistischen Mobs die »Freiheit der Kunst« plötzlich keine Rolle mehr spielte, für die gerne eine Lanze gebrochen wird, so lange es niemandem wehtut.

In der gegenwärtigen Verfasstheit der Gesellschaft gilt Toleranz bereits als Wert an sich. Marcuse setzt sich im gleichnamigen Buch (1973 Suhrkamp) mit der »repressiven Toleranz« auseinander, die für ihn »ein Instrument der Fortdauer von Knechtschaft« ist. Das ist zwar nicht ganz im Sinne Broders, denn der gesellschaftliche Antagonismus, der bei Marcuse zugrunde liegt, hält er wahrscheinlich höchstens für eine überholte und außerdem ideologische Angelegenheit. Lieber bezieht sich Broder auf die Etymologie, auf das Erdulden, das in dem lateinischen »tolerare« steckt, und da deutet sich bereits an, dass Toleranz keineswegs so toll ist, wie allgemein angenommen wird. Jeder hält sie für eine gute Sache, aber schon bei Toleranz gegenüber Menschen, die von dieser hehren Idee nichts halten, wird es schwierig. Broder prognostiziert deshalb auch gleich, dass Toleranz nichts anderes sei als eine »Anleitung zum Selbstmord«, aber um das zu sein, müsste die Gesellschaft von der Idee der Toleranz vollständig durchdrungen sein, was sie nicht ist und auch nie sein wird, solange sie kapitalistisch strukturiert ist. In dieser Hinsicht könnte Broder also ganz beruhigt sein. Aber obwohl Broder für die »Warner- und Mahner-Gesellschaft« nur Spott übrig hat, greift er dennoch häufig zu den gleichen Mitteln wie diese, jedenfalls kann man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, wenn er leicht hysterisiert die »Fünf-Minuten-vor-Zwölf«-Rhetorik bemüht.

Broder ist kein Kritiker des Systems. Und er ist nicht systematisch. Aber an den gesellschaftlichen Symptomen hat er jede Menge auszusetzen. Das ist nicht abwertend gemeint, denn umgekehrt, d.h. eine Theorie ohne Belege, wäre schlimmer. Und Broder läuft immer dann zur Hochform auf, wenn er klassische Ideologiekritik betreibt, wenn er auf der Metaebene bleibt und mit ausführlichen Zitaten nachweist, wie läppisch, bescheuert und absurd die Reaktionen aus den diversen politischen Lagern bei bestimmten Vorfällen häufig sind, die die Öffentlichkeit aufwühlen. Da versteht es Broder auf brillante Weise, den jeweiligen Subtext zu entschlüsseln und den Leuten mitzuteilen, was sie eigentlich umtreibt. Nicht immer sind die Beispiele besonders frisch, aber schließlich geht es Broder um Dokumentation, auf dass die Nachwelt nicht behaupten kann, sie hätte von all dem nichts gewusst. Z.B. rekapituliert er den Vorfall mit den fünf bulgarischen Krankenschwestern und dem palästinensischen Arzt, die im Februar 1999 in Libyen festgenommen und zum Tode verurteilt wurden. Man verdächtigte sie, mehr als 400 libysche Kinder absichtlich mit dem Aids-Virus infiziert zu haben, während sich später herausstellte, dass die Katastrophe einfach den hygienischen Zuständen geschuldet war und zudem passiert war, bevor die Angeklagten im Krankenhaus ihre Arbeit aufgenommen hatten. Spätestens jetzt hätte das sechsjährige Martyrium im Gefängnis beendet sein müssen, noch dazu, weil die Schuldeingeständnisse der Angeklagten durch Folter zustande gekommen waren. Statt dessen lassen sich die westlichen Staaten, vor allem Sarkozy, auf einen Deal ein und kaufen die im Prinzip als Geiseln gehaltenen Gefangenen mit einer Riesensumme aus einem Sonderfond der EU frei und feiern diese Erpressergeschichte als Fortschritt in den bilateralen Beziehungen.

Eine andere Geschichte handelt vom CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, der sich am Tag der deutschen Einheit 2003 über »unser Volk und seine etwas schwierige Beziehung zu sich selbst einige Gedanken« machte und dabei räsonnierend auf die geniale Idee kam, dass man mit der gleichen Berechtigung, wie man die Deutschen als »Tätervolk« bezeichnet auch die Juden als solches bezeichnen könne, weil sie »in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene [der KPdSU] als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv« gewesen seien. Darauf kam der Hinterbänkler über den Umweg, dass der Sozialstaat von »Schmarotzern« wie »Miami-Rolf« ausgenutzt werde, der sich laut Bild vom Landessozialamt monatlich 1425 Euro nach Florida überweisen ließ, ebenso wie durch die »horrenden Abfindungen«, die »erfolglosen Managern« gezahlt werden. Die Gründe für diese »Schieflage« suchte Hohmann in der deutschen Vergangenheit, und Broder versteht es so gut wie kein anderer, die Gesinnung aus Antisemitismus und Vorurteil, die sich bei Hohmann Ausdruck verschafft, aufzuzeigen und nachzuweisen, dass Hohmann eine gesellschaftliche Stimmung repräsentiert.

Umso befremdlicher wirkt es, wenn Broder selber auf die Nachrichtenwelt von Bild zurückgreift und seine Attacken gegen die Toleranz u.a. mit »Viagra-Kalle« munitioniert, der vor das Hessische Verwaltungsgericht zog, weil ihm das Sozialamt das Potenzmittel nicht bezahlen wollte. Solche Kuriositäten aus dem Boulevard aber taugen nicht als Beleg, und Broder tut sich keinen Gefallen damit, wenn er aus der gleichen trüben Quelle wie Hohmann fischt oder wenn er die immer gleiche Klage über die zunehmende Jugendkriminalität anstimmt, die für den Spiegel einmal im halben Jahr eine Titelgeschichte abwirft, mit der sich die Auflage steigern läßt, weil sich die Ängste des anständigen Bürgers durch nichts so sehr befeuern lassen wie durch gewaltbereite Jugendliche mit Migrationshintergrund. Solange Broder sich aus dieser kruden medialen Parallelwelt bedient, gleicht er ein wenig dem verbitterten, stockschwingenden Rentner, für den sowieso alles den Bach runtergeht, wenn er allerdings sich die Zeit nimmt und mit dem ihm eigenen Sarkasmus die Reaktion westlicher Politiker im Streit um das iranische Atomprogramm kommentiert, dann gehört Broder unter den zahlreichen Autoren, die die gesellschaftlichen Zustände anprangern, zu den ganz wenigen, die man mit Gewinn und Vergnügen liest. In dieser Hochform ist er der H.L. Mencken des deutschen Journalismus, vor seinem Furor müssen sich die Welt und die deutschen Politiker fürchten. Dann möchte man ihm zurufen: »Schreib es auf, Broder!« Vielleicht nicht gerade alles, aber das Wesentliche würde schon reichen.

Henryk M. Broder, »Kritik der reinen Toleranz«, wjs, Berlin 2008, 214 Seiten, 18.- Euro

Die Wahrheit über den 11. Spieltag

Ich war in Marburg gestrandet in einem “Mittelding zwischen Wanzenstall und Abseige”, wie Chandler gesagt hätte, wenn er an meiner Stelle gewesen wäre. Meinen Mitreisenden duch die Republik Franz Dobler hatte ich in Hannover verloren. Ich war also auf mich allein gestellt, und konnte keine Unterstützung erwarten, was die Bewältigung der Bundesligaspiele in der Provinz betraf. Tags zuvor hatte mein Gastgeber in Hannover Michael Quasthoff über die 96er gelästert, und die Klage kam mir ziemlich bekannt vor. Kein Wunder, ich hatte sie von mir selber schon oft über den BVB geführt. Allein so bescheuert zu sein, Hofstätter zum Manager zu bestellen, der schon Mönchengladbach zugrunde gerichtet hat, lächerlich! Aber Forssell und Schlaudraff wären doch gute Einkäufe gewesen, wandte ich ein. Viel zu teuer, Hannover würde ja immer teure abgelegte Stars kaufen. Jan, der Wirt vom Bösen Wolf grinste. Er kannte das alles. Ihm war nichts fremd. Er hatte eine Glatze, war zwei Meter groß, früher Rocker und in der S/M-Szene, und heute betreibt er die einzige Kneipe in der Republik, in der der Raucher sich noch frei entfalten darf. Er hatte einen kleinen Raum für Nichtraucher eingerichtet. Man ist ja kein Unmensch. An diesem Abend feierten wir Triumphe. Klar, die Raucher waren uns hörig, weil wir Rauchergeschichten vortrugen. Sogar eine rote Rose wurde mir überreicht, Dankbarkeit schwappte über uns zusammen. Warum ich das alles erzähle? Weil ich hätte in Hannover bleiben sollen, denn dort wurden die Hamburger mit einem 3:0 ziemlich deutlich in ihre Schranken verwiesen. Und zwar auf so souveräne Art und Weise, die auch Michael Qasthoff gefallen hätte, der aber sowieso Barcelona-Fan ist. In Marburg trottete ich zu einem traurigen Mexikaner, bei dem man im Nebenzimmer Fußball gucken konnte. Drei Biertrinker saßen im größtmöglichen Abstand voneinander entfernt und schwiegen. Nur als Diego sein sensationelles Tor schoß, bei dem Ballannahme mit der Brust und Fallrückzieher zu einer einzigen Bewegung verschmolzen, hörte ich ein anerkennendes Brummen aus einer Ecke. Hier war der Fußball nicht zu Hause, hier war er eine Angelegenheit für Asoziale, für Sonderlinge und komische Typen wie für mich, der durch die Republik rannte, um halbwüchsigen Punkerinnen etwas über die Schönheit rauchender Hollywood-Frauen zu erzählen. Aber den anderen wird für immer die Dimension der Schönheit verborgen bleiben, die in dem Tor von Diego zum Ausdruck kam. Und in der Zeit, in der man ihn am Ball beobachten konnte, war sowieso alles um mich herum vergessen. 5:1 wurde die doofe Hertha, die nur unattraktiven Fußball zu bieten hat, abgefertigt und nach einer unendlichen Serie von Unentschieden und der bitteren Niederlage gegen Leverkusen, konnte ich förmlich das Aufatmen der Erleichterung spüren, die aus dem Norden nach Marburg schwebte. Am schönsten aber war der unbekümmerte Offensivfußball der Hoffenheimer. Okay, man muß Hopp nicht mögen. Aber welcher Präsident ist schon sonderlich sympathisch? Aber der Fußball, den Rangnicks Elf bietet, ist einfach von überirdischer und zauberhafter Schönheit. Die ist bekanntlich vergänglich, und deshalb sollte man ihn einfach genießen, solange es ihn noch gibt, denn niemand sonst in der Liga spielt mit einem so großen Torhunger. Nach 11 Spieltagen bereits 31 Tore sind absoluter Rekord für einen Aufsteiger. Und außerdem hat Hoffenheim die Mannschaft mit den schönsten Namen: Demba Ba, Obasi, Eduardo und Ibisevic sind wie ein Gedicht. Auf dem Weg zum Veranstaltungsort rief ich Horst Tomayer an und hielt ihm mit diesem Gedicht ein Ständchen zum 70. Geburtstag.