Archiv für den Monat: Dezember 2008

Die Wahrheit über den 17. Spieltag

Zum Abschluß der Hinrunde eine Weihnachtsgeschichte. Ein dicker Briefumschlag trudelte bei mir in Haus. Als ich ihn aufmachte, glitzerte mir ein BVB-Wimpel entgegen, ein altes Exemplar in Orange-Schwarz und in Wappenform, in Plastik eingefaßt und mit gold-schwarzen Franzen außenrum. Obwohl der Wimpel aus Anfang der Neunziger stammen mußte, denn als letzter Erfolg stand der Pokal 1989 drauf, war er wie aus einer anderen Welt, als ästhetisch noch liebevoll herumgepfriemelt wurde und das V im BVB noch wie ein langgezogener Keil aussieht, der zwischen die Bs hineingetrieben worden war und das 09 zerquetschte. Ich wurde schlagartig an meine Kindheit erinnert, weil ich da den gleichen Wimpel hatte, nur ohne den Pokalsieg 1989. Der Postsendung war ein Brief in schöner lateinischer Schrift beigelegt, der man ansah, daß nicht oft Gebrauch von ihr gemacht wurde: »Sehr geehrter Herr Bittermann, aus dem Internet habe ich erfahren, daß Sie Borussia-Dortmund-Fan sind. Das war ich auch, aber inzwischen bin zu Hertha BSC umgeschwenkt. Deshalb brauche ich den Wimpel nicht mehr. Vielleicht haben Sie ja Freude daran. Es grüßt Sie mit einem Ha-Ho-He Ihre Michaela.« Da war ich aber baff. Was für eine nette, großzügige Geste. Und welche Mühe, einen BVB-Fan zu suchen, den Wimpel nicht einfach zu entsorgen, sondern einzupacken, ein Briefchen dazu zu schreiben und loszuschicken, und das in einer Welt, in der die Leute darauf getrimmt werden, Schnäppchen zu machen, und unglaubliche Energien darauf verschwenden, irgendwelche Dinge um ein paar Cent billiger zu kriegen. ABER Hertha? Das versetzt mir einen Stich, liebe Michaela. Die sind doch doof! Aber wer weiß, vielleicht sind Sie weise, während ich in alten Denkwelten gefangen bin und krampfhaft versuche, die alten Fronten aufrechtzuerhalten. Na gut, ich will das nicht vertiefen, aber dann sind Sie, liebe Michaela, leider erst nach dem Froschkönig Ralf Sotscheck der zweite sympathische Hertha-Fan, wobei ich bei Herrn Sotscheck, der ja in Dublin lebt, den Verdacht nicht los werde, daß er nur Hertha-Fan ist, um mich zu ärgern. Also will ich heute mal nicht auf Hertha herumhacken, die völlig unverdient 4:0 gegen den KSC gewann, nur weil die Badener Großchancen gleich serienweise versiebten. Ich will hier auch nicht den unattraktiven Fußball erwähnen, den Hertha schon die ganze Saison über spielt, sondern mich an dem 2:1 und die drei Punkte erwärmen, die die kleine Borussia in Dortmund gelassen hat. Ein unansehnliches Spiel, wie mir von verläßlichen Gewährsleuten aus der Milchbar versichert wurde, da ich nur die letzten fünf Minuten ansehen konnte. In diesen letzten Minuten wurde noch heftig gezittert, denn Dortmund spielte in Unterzahl, da Hajnal schon in der 38. Minute vom Platz gestellt wurde. Aber mit dem Abpfiff lagen sich alle in den Armen und sangen »Scheiß Arminia Bielefeld«, während ich in der Zeitlupenwiederholung den grandios von Kuba vorbereiteten und von Sahin in kühler, ja, ich würde sogar sagen, eiskalter Manier verwandelten Treffer noch ein paar Mal ansah und mir dadurch die Borussia über einen ganzen dunklen Monat hinweg in guter Erinnerung bleiben wird, die nicht mal durch Herrn Klopp getrübt wird, der seit einiger Zeit in einem Mitsubishi grinsend durch die Gegend fährt, nur um sich danach auf das Pflaster eines südlichen Marktplatzes zu setzen (kann er sich keinen Espresso in einem Café leisten?) und an eine Hauswand zu lehnen, dabei wieder zu grinsen und seine Zähne zu zeigen. Ich habe ja nichts gegen Zahnpastawerbung, aber warum eigentlich in einem Mitsubishi?

Hammer, Ulrich Magnus

An der krummen Nase, den abstehenden Ohren und am heimtückischen Blick würde man den Volksfeind erkennen, behauptete in der Nazizeit die deutsche Publizistik. Wer meinte, dieser rassistisch begründete und auf angeblich anatomische Merkmale beruhende Schwachsinn hätte schon lange ausgespielt und wäre dem aufgeklärten, zur Wahrheit verpflichteten Journalismus gewichen, hat nicht mit dem Spiegel (50/08) gerechnet, in dem ein sogenannter »Essay« über die Freilassung von Christian Klar veröffentlicht wurde: »Den Zeitungskommentar las ich nur flüchtig. Es war Klars Konterfei, das mich in Bann hielt. Da sehen mich die unergründlichen Augen eines Mannes an, der mit seinen ehemaligen Genossen dem unwissenden, in die Irre geleiteten Volk den Weg in eine bessere Zukunft weisen wollte. Aber sieht so das Gesicht eines Heilsbringers aus? Strahlt da die Vision einer von was auch immer befreiten Gesellschaft? Nein, dieser Ausdruck kündet nicht von zukünftigen Paradiesen der Menschenliebe, er malt keine bunte Phantasie von irgendeiner Utopie, keine Spur vom ›Age of Aquarius‹. Könnte ich mich mit einem, der so in die Welt schaut, an einen Tisch setzen, um über das Antlitz einer humanen Gesellschaft zu reden? Nein, sicher nicht! In diesen Augen sehe ich keinen Schimmer von einem Aufbruch in neue Zeiten, sondern nur vom Ende aller Träume. Ich befürchte, dass niemals auch nur ein einziges Atom wirklicher Verständigung in diese Augen dringen kann.«

Ein echter Hammer! Und das ist diesmal wörtlich zu nehmen, denn der Artikel stammt von einem Mann mit dem Namen Ulrich Hammer, dessen Eltern ihm auch noch das sinnige Mittelinitial »Magnus« verpaßten, als ob sie damals bereits gewußt haben, daß ihr Sohn irgendwann mal den großen Hammer rausholen würde. Im Unterschied zu diesem harmlosen Namenswitz ist dieser als »Essay« aufgemotzte Kommentar nicht lustig, sondern zeugt von großer gedankenschwacher Dämlichkeit, und man denkt sofort, die muß man unter Naturschutz stellen, um für nachfolgende Generationen die Kontinuität ressentimentgeladener Urteile zu dokumentieren, vor allem, weil sich Ulrich Magnus Hammer auf ein Foto bezieht, auf dem Christian Klar ziemlich ausgezehrt aussieht, was zweifellos eine Folge der Knastjahre ist.

Auf die Fotos von den befreiten Juden in den Konzentrationslagern reagierte die Öffentlichkeit nicht einfach schockiert, sondern die Menschen glaubten, daß diese häßlichen und ausgemergelten Gestalten, die sie da zu sehen bekamen, ja wohl doch irgendwie zu Recht »ausgemerzt« worden waren, und sie glaubten das nicht zuletzt deshalb, weil der Stürmer in seinen Karikaturen die Juden schon vorher fratzenhaft dargestellt und zu den Monstern gemacht hatte, an die die Öffentlichkeit durch die Fotos wieder erinnert wurde. Hammer legt einen ähnlichen Reflex an den Tag, leider hat er ihn auch noch aufgeschrieben. Es geht dabei nicht darum, die Fälle identisch zu setzen, aber die strukturelle Ähnlichkeit ist frappierend. Wer erinnert sich Anfang der 70er nicht an die Töne der Politiker, die Volkes Stimme zum Ausdruck brachten? »Man muß diesen Typen (der RAF) nur ins Gesicht sehen!«, hieß es damals, und mit einer gewissen Befriedigung strich man auf den Fahndungsplakaten die Konterfeis derjenigen durch, die erschossen oder verhaftet wurden. Dieses damals vor allem in der Boulevard-Presse geprägte Bild von den fanatischen Tätern mit dem irren Blick, taucht bei Hammer jetzt im Spiegel wieder auf, d.h. nach 26 Jahren Knast, die an niemanden spurlos vorüber gehen dürften, sieht er bestätigt, was aus Klar und seinen Genossen durch Knast und Bild gemacht worden war.

»Sieht so das Gesicht eines Heilsbringers aus?« fragt Hammer. Weshalb man gerne wissen würde, wie das Gesicht eines Heilsbringers denn aussähe? Vielleicht so wie das zufriedene Grinsen Buddhas? Oder die Leidensmiene Jesus‘? Oder wie Helmut Schmidt, als er sagte, damit muß jetzt Schluß sein? Oder wie das Gesicht Hammers, das im Spiegel leider nicht abgedruckt wurde, was interessant gewesen wäre, um die entsprechenden Vergleiche ziehen zu können. Gerne hätte ich jedenfalls von einem offenkundigen Fachmann für Anatomie erfahren, wie ein Gesicht auszusehen habe, das von »zukünftigen Paradiesen der Menschenliebe« kündet. Und was wäre eigentlich, wenn Klars Gesicht nun doch die »bunte Phantasie von irgendeiner Utopie« ausstrahlen würde? Würde sich Hammer dann mit ihm an einen Tisch setzen wollen?

Hammer, so erfährt man immerhin auch noch, hat keine guten Erinnerungen an die RAF. Schön. Muß man ja auch nicht. Die politischen Hülsen, die Klar heute noch produziert, sind in der Regel nichtssagend und nicht mehr als Selbstverständigungsprosa, d.h. unbedeutend. Wenn man Lust hat, kann man sich im Unterschied zu Hammers Mimikdeutungen jedoch inhaltlich damit auseinandersetzen. Ulrich Magnus Hammer genügt jedoch bereits »Form und Klang« der Sprache, um in »Sprachlosigkeit« zu verfallen. »Mit Entsetzen höre ich ihn sagen: ›Schuldbewußtsein und Reue sind im politischen Raum keine Begriffe‹.« Tja, und da, würde ich mal sagen, hat Christian Klar doch recht, und er hat mit dieser Aussage immerhin Hannah Arendt, Alexis de Tocqueville und andere bedeutende politische Denker auf seiner Seite, die nie auf die Idee gekommen wären, für den politischen Diskurs derartig aufgeladene Begriffe aus der Psychologie für tauglich zu halten. Die Leute, die die »eisige Kälte einer Sprache« beklagen, werfen gerne die Begriffsnebelmaschine an und schwadronieren vom »Mitgefühl für die Menschen« und »wirklichen Visionen«, weil sie nicht in der Lage sind, rational und nüchtern zu argumentieren. Vernunftbegabte Menschen aber wollen kein »Mitgefühl«, sondern Gerechtigkeit, und wer sie mit »Visionen« belästigt, hat in der Regel nur vor, sie für andere Zwecke einzuspannen. Hammer vermißt ein Wort des Bedauerns, eine Geste wie im Mittelalter der Kniefall, in einer Demokratie, die diesen Namen verdient, spielt genau das keine Rolle mehr, weil mit der Strafe die Schuld beglichen wurde. Es war der Versuch, die Willkür abzuschaffen, die in den Begriffen Reue, Schuld und Sühne enthalten ist. Okay, Hammer hat vermutlich keinen größeren Schaden angerichtet, er hat niemanden erschossen, höchstens genervt, und vermutlich würde er Klar, wenn er die Macht dazu hätte, auch nicht länger im Knast schmoren lassen, aber er würde sich nicht mit ihm an einen Tisch setzen. Und da muß man sagen, da hat Christian Klar aber Glück gehabt.

Ulrich Magnus Hammer war Mitte der siebziger Jahre Percussionist für die Band Ton Steine Scherben und lebt heute laut Auskunft des Spiegel als Schriftsteller in München. Was nur beweist, daß weder eine solche Vergangenheit noch ein solcher Beruf vor Blödheit schützt.

Die Wahrheit über den 16. Spieltag

»Dobbld Oarschgfiggd«, rief der bullige Bayer mit Stiernacken und Kurzhaarschnitt neben mir beim Spiel Bayern gegen Hoffenheim und tanzte in einem grauen T-Shirt in XXXXL-Größe wie ein Bär um seinen Barhocker. Ich wußte zwar nicht, was er damit meinte, aber bereits am Freitag kündigte sich an, daß dieser Spieltag beschissen werden würde. Die Hoffenheimer hatten schöner gespielt, die Münchner spulten ihren abgebrühten Kampfmaschinenfußball herunter, van Bommel foulte im Minutentakt, Toni gestikulierte 1,5 Stunden lang über die Ungerechtigkeiten, die ihm angetan wurden, und als ihm in der allerletzten Nachspielminute zufällig der Ball vor die Füße fiel und er gar nicht anders konnte, als ihn ins Tor zu schieben, da ballerte er durchgedreht mit schwerem Gerät wie ein Amokschütze. Das sind die Gesten, die ich an den Fans der Bayern und den Spielern so abstoßend finde. Natürlich geht es im Fußball um Sieg oder Niederlage, manchmal eben auch um alles oder nichts, aber den Gegner in einem fairen Spiel zu bezwingen und sich einfach nur über einen Sieg zu freuen, das ist bei den Bayern nicht drin. Das wichtigste ist die Demütigung des Gegners, und um dieses Ziel zu erreichen, hat man so fiese Spieler wie Toni und van Bommel gekauft, und ich danke dem Fußballgott, daß van Bommel damals nicht bei Dortmund gelandet ist. Solche Leute hätten das »Siegergen«, wird dann gerne geschrieben, aber das ist nichts anderes als ein Synonym für die Fieslinge im Fußball, die verbissenen Arbeitsfußballer, die vor allem darauf aus sind, das schöne Spiel der anderen zu zerstören, weil man selber nicht dazu in der Lage ist. Klar, will jeder Fan drei Punkte haben, aber wer »ergebnisorientiert« spielt, soll die Seuche am Fuß kleben. Dieter Hoeneß, der so doof ist wie sein Bruder unangenehm angeberisch, sagte auf die Frage, was den Fußballern von früher und heute noch gemeinsam sei, »die Freude am Fußball«. Die aber kann man am wenigsten bei Hertha finden, die den ödesten Defensivfußball überhaupt spielen und skandalöserweise damit erfolgreich sind, und deshalb bin ich sogar Schalke dafür dankbar, daß die Herthaner um den verkniffenen Friedrich mit einem glanzlosen 1:0 in die Kabine geschickt wurden. Die Freude am Spiel war diesmal nur in Frankfurt zu Hause, die sich an den Bochumern mit einem 4:0-Sieg für die 5:0-Niederlage in Bremen rächten. Tristesse überall sonst. In Bielefeld konnten die Dortmunder in den letzten 37 Jahren nur einmal gewinnen, und auch diesmal spielten die Bielefelder wieder an ihrem Limit, während ich bei den Dortmundern ein wenig den Verdacht hatte, als würden sie wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Den 100-prozentigen Einsatz zeigten jedenfalls die Bielefelder, und wer soll beim BVB schon die Tore schießen? Der beste Torschütze Dortmunds ist Subotic, ein Innenverteidiger. Frei ist so verkrampft, daß ihm gar nichts gelingt, nicht mal ein Zweikampf, und Zidan übte sich wie so oft in den Kunst des Ballverstolperns, eine Technik, in der auch Kringe glänzte, als ihm freistehend vor dem Bielefelder Schlußmann das Leder zu weit vom Fuß sprang. Abgesehen aber von diesen zum Teil verletzungsbedingten Schwächen war Bielefeld wie letzte Woche schon Wolfsburg einfach stark, und wie es aussieht könnte das auch am letzten Spieltag ein Problem werden, denn Gladbach verlor zwar zu Hause gegen Leverkusen, hatte aber, wie Hans Meyer sagte, sein bestes Spiel seit langem gezeigt. Und wenn Gladbach daran anknüpfen kann, dann droht dem BVB das dritte Remis in Folge. Das wäre aber nicht das Problem, aber bitte nicht schon wieder ein ödes 0:0.