Archiv für den Monat: Januar 2009

Avnery, Uri

Einer der beliebtesten Juden in der deutschen Linken, die bei jedem Konflikt in Palästina mit Israel scharf ins Gericht geht, denn Uri Avnery verschafft den Antiimps das gute Gewissen für ihren Anti-Israelismus, indem er ihnen immer wieder bestätigt, daß Kritik an Israel auf keinen Fall etwas mit Antisemitismus zu tun habe. Hingegen seien wirkliche Antisemiten »leicht zu erkennen. Sie haben einen Stil, der unverkennbar ist. Es ist eine Art kollektiver Geisteskrankheit, die nichts mit Logik zu tun hat.« Manche werden jetzt behaupten, daß diese Feststellung ein wenig naiv ist, auf jeden Fall vermittelt sie ein Weltbild von umwerfender Schlichtheit. Im nachhinein trifft die Analyse zwar auf Hitler und die Deutschen zu, aber schon allein die Tatsache, daß der kollektive Wahn während des Nationalsozialismus die Normalität darstellte, macht das Eindimensionale in Avnerys Argumentation deutlich, denn es kommt auf den gesellschaftlichen Zusammenhang an, vor dessen Hintergrund so etwas wie kollektiver Wahn verhandelt wird. Schlicht ist die Aussage auch deshalb, weil der Antisemitismus nicht mehr wie zu NS-Zeiten mit irrem Blick und abstehenden Ohren auftritt, sondern argumentativ und »vernünftig«, wie z.B. in Gestalt des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, der sich am Tag der deutschen Einheit 2003 über »unser Volk und seine etwas schwierige Beziehung zu sich selbst einige Gedanken« machte und dabei räsonnierend auf die ebenso geniale wie verschwurbelte Idee kam, dass man mit der gleichen Berechtigung, wie man die Deutschen als »Tätervolk« bezeichnet auch die Juden als solches bezeichnen könne, weil sie »in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene [der KPdSU] als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv« gewesen seien.

Avnery gibt sich gerne als Mahner für den Frieden, aber er ist sehr erfinderisch, wenn es darum geht, die Palästinenser zu entschulden. In der israelischen Propaganda werde der Holocaust »gegen die Palästinenser verwendet. Das führt natürlich leicht zur arabischen Gegenreaktion, den Holocaust zu verharmlosen oder zu leugnen«. Bei dieser simplen Kausalität liegt die Ursache eigentlich immer bei den Israelis, ohne daß Avnery merkt, daß er die Intelligenz der Palästinenser nicht sonderlich hoch schätzt, wenn er die Leugnung des Holocaust als rein reflexhafte Angelegenheit beschreibt, als ob die Palästinenser gar nicht in der Lage wären, Geschichte unabhängig von Israel zu denken. Und damit auch niemand auf die Idee kommt, daß es anders sein könnte, hat Avnery im Januar während des Krieges viel Verständnis für die Hamas aufgebracht. Von Avnery jedenfalls erfährt man nicht, daß Israel gleich am ersten Tag nach Ablauf des Waffenstillstands mit 80 Raketen beschossen wurde, denn für Avnery ist dies ein nicht erwähnenswertes Bagatelldelikt.

Daß die Hamas ein religiös-fundamentalistischer Heimatvertriebenenverband ist, der die gleiche Blut-und-Boden-Ideologie wie die Nazis und eine ziemlich widerwärtige Heldenverehrung betreibt – »Palästina wird frei sein. Unser Blut wird seinen Boden tränken« –, scheint Avnery nicht zu stören. Die Hamas schreckt nicht davor zurück, die eigenen Kinder als Selbstmordattentäter auszubilden und anschließend als Märtyrer zu verehren, auf die man stolz ist. Das ist kein Geheimnis, und deshalb ist es umso erstaunlicher, daß sich Avnery für eine derart reaktionäre und terroristische Organisationen in die mediale Bresche wirft.

Avnery wird »speiübel«, wenn er in den täglichen Nachrichten hören muß, daß die Hamas die Bewohner des Gazastreifens als »Geisel« halten. Das sei so »absurd« wie die Behauptung, Churchill hätte die Londoner Bevölkerung bei der Bombardierung der Deutschen als Geisel gehalten. Eine krude Logik, und die ist ja laut Avnery ein Kennzeichen des Antisemitismus. Das ist keine Polemik, sondern kann durchaus Realitätsgehalt für sich in Anspruch nehmen, wenn man liest, welche Hochachtung die Hamas bei Avnery genießt, wenn er sie als »Widerstandsbewegung« und als »politische und religiöse Körperschaft« beschreibt, die »tief in der Bevölkerung verwurzelt« ist und »die im sozialen, schulischen und medizinischen Bereich aktiv ist«, ohne ein Wort über die repressive und fundamentalistische Ideologie der Hamas ein Wort zu verlieren.

Es geht nicht darum, Israel im Krieg von Schuld freizusprechen, aber zumindest muß man konzedieren, daß in Israel Fortschritt und Demokratie herrschen, und zwar trotz der ständigen Bedrohung von außen. Hätte in Israel die Hamas das Sagen, wäre der Gaza-Streifen vermutlich schon längst besetzt, die Bewohner vertrieben, ausgehungert oder im Gefängnis. Es gibt weder einen historischen noch einen moralisch legitimierten Anspruch auf das Land. Es ist, wie Wolfgang Pohrt einmal in der taz schon 1982 geschrieben hat, nun mal so, daß »Palästinenser und Israelis gleiche Rechte besitzen, daß zwischen gleichen Rechten die Gewalt entscheidet, und daß Israel über die bessere Armee verfügt.«

Der gesamte Streit ist also vor allem ein »Machtkampf«, in dem sich auf die Seite der Schwächeren zu schlagen einen nicht automatisch zum moralisch besseren Menschen macht, und auch die Klage über die Leiden der Zivilbevölkerung trägt nicht dazu bei, den Konflikt zu begreifen, schon gar nicht, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, die in dieser verfahrenen Situation nur in schlechten Kompromissen bestehen können.

Die Errichtung eines Palästinenserstaates, oder einer »Heimstatt«, von der Hannah Arendt träumte, mag grundsätzlich eine gute Idee sein, von der aber umso weniger übrig bleibt, je größer der Einfluß wird, den fundamentalistische Islamisten ausüben, die sich weigern, den jüdischen Staat anzuerkennen, und deren Trachten dabei sich seit 1948 nicht wirklich verändert hat, als man die Juden ins Meer treiben wollte. Will man aus der Geschichte lernen, sollte man wissen, daß die Staatenbildung immer nur das Deprimierendste hervorbringt. Wolfgang Pohrt schrieb damals: »Wenn Menschen sich als Volk zusammenrotten und einen eigenen Staat bekommen, sind alle humanitären Traditionen und ist die ganze Leidensgeschichte vergessen. Als Patrioten fügen sie anderen zu, was sie erlitten, als sie als vaterlandslose Gesellen galten. Kein Grund zur Annahme, die Palästinenser würden sich, wenn sie Erfolg hätten, anders verhalten als die Israelis.«

Was man mit diesem Wissen anfängt? Zumindest könnte man in der Linken damit aufhören, durch einseitige Berichterstattung, Opferbilder als Aufmacher oder mit den absurden Pamphleten Avnerys Propaganda gegen Israel zu treiben, mit der man keine Aufklärung erreicht, sondern nur den Haß auf Israel und die Juden schürt.

Muthafucka. Wir leben noch. Nik Cohn, der Rap und das untergegangene New Orleans

Hip-Hop und Rap waren für mich das letzte, und die üblen, rassistischen und dummen Texte gaben mir auf bequeme und einfache Weise recht. Das war eine andere Galaxie und hatte mit meinem Kosmos gar nichts zu tun. Warum also nur einen müden Gedanken daran verschwenden? Aber dann kam ein neues Buch von Nik Cohn heraus, das sich mit »Leben, Tod und Rap in New Orleans« beschäftigte. Nik Cohn, der Verfasser der grandiosen und bislang unerreichten Pop-Geschichte »AWopBopaLooBopALopBamBoom« über die fette Zeit Mitte der Sechziger, »als man nichts anderes tat als herumzulaufen und Zeit zu vergeuden, neue Kleidung zu kaufen und viel zu fressen und endlos zu quatschen«, Nik Cohn, einer der großen Musikjournalisten, der ähnlich wie sein damaliger Kollege Lester Bangs darauf beharrte, daß Pop eine Angelegenheit pickliger Jungs und pubertierender Mädchen ist, bei denen das Banale durch die Erfahrung des ersten Mal manchmal große Momente hervorbrachte. Warum schrieb Nik Cohn also über Rap? Das machte mich dann doch stutzig.Man muß nicht die geringste Ahnung von Rap haben und wird doch von ihm infiziert, hat man erstmal seine Nase in dieses Buch gesteckt. »Kam was Neues voller Sex und Wut von unten raufgeblubbert, kurz bevor die Musikindustrie es einfing und vermarktete – daran konnte ich mich nicht satt hören«, schreibt Cohn, und mit Rap kam etwas Neues vom Bodensatz der Gesellschaft hoch, mitten im Zentrum der häßlichsten Armut. Hip-Hop war die Straßenkultur, Rap ihre Stimme, und die sagte: »Wir sind hier, Muthafuckas. Wir leben noch. Seht her, wir sind lebendiger als ihr.«

Auch wenn Nik Cohn zunächst weder von der Kultur noch von der Musik sonderlich angetan war, erkannte er schließlich, »daß Rap eine Art Revolution war, das erste wirklich neue Ding in der populären Musik seit Rock‘n‘Roll«. Aber das ist auch schon wieder weit über zwanzig Jahre her. Damals war »Rapper‘s Delight« von Grandmaster Flash and the Furious Five eine Art Erweckungserlebnis für Nik Cohn. Er spürte, daß Rap mehr war als bloß Partymusik, weil er seine Kraft aus seinen Ursprüngen schöpfte, oder weniger prosaisch, die beschissene Situation reflektierte, aus der man kam, und zwar selbstbewußt und ohne zu jammern: »Rats in the front room, roaches in the back / Junkie‘s in the ally with a baseball bat … Don‘t push me, cause I‘m close to the edge«, für Nik Cohn der »perfekte irre Rhythmus für einen irren Planeten«.

Seither sind die Ghettogeschichten tausende Male neu aufgelegt worden, die Musikindustrie hat abgesahnt und das »Echte« so lange bearbeitet, bis nur noch Blödsinn übrig blieb, also mainstream. Aber der Weg dahin war steinig, denn es war keineswegs so, daß die Plattenindustrie Rap mit offenen Armen empfangen hätte, vielmehr versuchten die Labels, ihn so lange wie möglich zu ignorieren. Man glaubte und hoffte, daß Rap einfach nur ein unbedeutendes Zeitphänomen sei, das schnell wieder von der Bildfläche verschwinden würde. Aber als sich Rap einfach nicht verabschieden wollte, verwandelte sich die Gleichgültigkeit in Haß auf die »Ghettoscheiße«, weil man sich durch sie bedroht fühlte, vor allem, wenn man mit Jazz und Rhythm ‘n‘ Blues sozialisiert worden war. Rap war in den Ohren dieser Leute, die das Sagen hatten, keine Musik. In der Geschichte der Musikindustrie hat sie jedesmal, »wenn etwas Neues und Herausforderndes das Haupt hob, Zeter und Mordio geschrien und den Tod der echten Musik ausgerufen. Als Rock‘n‘Roll die Bedrohung war, bedeutete echte Musik Sinatra und Perry Como. Jetzt unter Beschuß von Rap, bedeutete sie Paul Simon und Billy Idol.«

Nur Geld kann im parasitären Musikgeschäft etwas bewegen. Und als schließlich Millionen Alben von Run-D.M.C. und den Beastie Boys verkauft wurden, da wurden langsam auch die Majors hellhörig, was ihre Abneigung gegenüber Rap jedoch nicht minderte, weshalb sie lieber mit innovativen Independents kooperierten (u.a. mit Rick Rubin). Sollten die die neuen Talente entdecken und sich die Hände schmutzig machen, man selbst war das Risiko los, konnte weiter die Nase rümpfen und den Untergang der Kultur beklagen. Und tatsächlich: Je mehr Geld im Spiel war, desto mehr verschwanden die politischen Inhalte und Glamour und Hype machten sich breit. MC Hammer und Vanilla Ice hießen die »Popidole mit Hip-Hop-Schmonzes, leicht vermarktbar und wegwerfbar wie Kleenex«. In diesem Moment war das »goldene Zeitalter« vorbei, es begann der Gangsta-Rap. Im Prinzip folgt diese Entwicklung einem bekannten Muster, dennoch ist es wichtig, sie zu beschreiben, denn am Widerstand der Musikindustrie veranschaulicht sich für einen Außenstehenden am besten, daß Rap wirklich etwas Neues in der Musikgeschichte war. Und Rap wurde zur dominierenden Popkultur.

Dies war für Nik Cohn der Moment, »in dem meine Haltung sich von distanzierter Würdigung zu verzehrender, wenn auch angstbeladener Besessenheit verwandelte«. Und davon handelt auch der Hauptteil des Buches, denn der inzwischen 62-jährige Autor will es noch einmal wissen und begibt sich in New Orleans tief hinab ins schwarze Rap-Milieu, in dem mehr als in allen anderen Städten Armut und Gewalt toben und Schießereien alltäglich sind. Und mehr als in jeder anderen Stadt ist Rap in New Orleans ein Lebensgefühl. Nik Cohn beschreibt zahlreiche Biographien von Rappern, die mit Glück älter als 20 wurden, die aber in dieser Zeit mehr durchgemacht haben als ein weißes Vorstadtkid im Laufe seines gesamten Lebens. Und Cohn begibt sich mitten hinein. Gepackt vom Ehrgeiz, den er mit Distanz und schöner Ironie kommentiert, erzählt er von seinen Versuchen, als Manager, Talent-Scout und schließlich sogar als Produzent zu reüssieren. Auch wenn diese nicht von kommerziellem Erfolg gekrönt sind, hat er durch sein rastloses Tun die Hand am Puls der Stadt, d.h. er weiß nicht nur über die Musik Bescheid, er kennt das Leben und das soziale Milieu der Rapper, und er ist als großartiger Autor auch in der Lage, dieses Leben für den Leser lebendig werden zu lassen, und zwar nicht durch Mythologisierung, sondern durch eine Erzählung, die realistisch zu nennen nicht wirklich dem nahekommt, was gemeint ist, jedenfalls schafft es Nik Cohn, die aus purer Verzweiflung, sozialem Elend, grandioser Verrücktheit, irrem Posertum, hirngespinstiger Hoffnung, zähem Glauben und absurder Liebe sich zusammensetzende Atmosphäre einzufangen, wie es Autoren nur selten gelingt. Als das Buch in Amerika erschien, hatte der Hurrikan Katrina nichts mehr von der Stadt übrig gelassen, die Nik Cohn einmal »an den Eiern« hatte. Sie war tot. Inzwischen wurde das Buch um ein Kapitel über Katrina erweitert, in dem Cohn mit großer Empathie erzählt, was aus seinen Freunden geworden ist und wie die Politik das Zerstörungswerk von Katrina ermöglicht und schließlich vollendet hat.

Nik Cohn, »Triksta. Leben, Tod und Rap in New Orleans«, Hanser, München 2008, aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeldt, 19.90 Euro