Archiv für den Monat: Februar 2009

Die Wahrheit über den 21. Spieltag

Michaela hat sich wieder gemeldet. Sie hatte mir in den vergangenen Wochen eine Einkaufstüte mit BVB-Schriftzug und eine BVB-Fahne geschickt. Dann kündigte sie an, sie werde demnächst nach Berlin kommen und sich dann melden. Mir wurde langsam mulmig, aber dann stand sie vor der Tür. Sie hatte den Körperumfang einer Schwangeren im 9. Monat, eine Glatze und roch frisch rasiert. Sie brachte mir einen BVB-Geldbeutel mit und grinste übers ganze Gesicht. Mir kam Michaela ziemlich bekannt vor. Sie sah aus wie Ralf Sotscheck. Und sie tat auch so, als sei sie Ralf Sotscheck. Kichernd erklärte sie mir, wie sie mich auf den Arm nehmen wollte, was ihr ja auch gelungen sei, wie sie meiner weihnachtlichen Blutgrätsche entnehmen konnte. Aber ich glaubte ihr nicht. Für mich wird sie immer die nette Michaela bleiben, auch wenn sie behauptet Ralf Sotscheck zu sein, ein bißchen gaga zwar, denn wer wechselt schon freiwillig vom BVB zu Hertha, aber harmlos wie ein buddhistisches Faultier. Michaela hatte eine Berliner Zeitung mitgebracht, in der ganzseitig die Tabelle abgedruckt war, weil Hertha auf Platz 1 stand. Das haben die Berliner auch nötig, denn so schnell wird das nicht wieder vorkommen, zuletzt passierte das vor fast 80 Jahren, als es noch gar keine Bundesliga gab. Kaum wehte ihnen die Höhenluft um die Nase, schien ihnen schwindlig zu werden, denn sofort ließen sie sich von den zahnlosen Wölfen in Wolfsburg vernaschen. Simunic beschwerte sich beim 2:1-Siegtreffer, er sei von Dzeko umgerissen worden, es sah aber mehr so aus, als ob ihm der 1. Platz nicht bekommen sei, weshalb er vor lauter Schwäche zu Boden sank. Der erste Platz war also wieder vakant, aber völlig überraschend nutzten die Bayern diese Gelegenheit nicht. Wahrscheinlich wollten sie die Hilfe von Wolfsburg nicht in Anspruch nehmen. Zu Hause verloren sie überraschend 2:1 gegen die Kölner, bei denen gerade das jährliche Irren-Festival stattfindet, auf dem alle mit bunten Hütchen herumlaufen und kreischen und so schreckliche Gesichter haben wie Christof Daum, der auf der Pressekonferenz wie ein mit Beruhigungsmitteln vollgestopftes Frettchen herumschwarwenzelte, das kaum seine triumphierenden Gefühle im Zaum halten konnte, nur weil ihm in seiner gesamten Trainerlaufbahn zum ersten Mal zufällig ein Sieg gelungen war, und das mit der allerletzten Gurkentruppe. Die Bayern haben jetzt von den vier Rückrundenspielen nur das gegen den BVB gewonnen, worin sich die gesamte Ungerechtigkeit der Welt manifestiert, und dennoch mischen sie auch weiterhin oben mit, weil niemand die Verantwortung übernehmen will. Auch die Hoffenheimer nicht. Gegen Stuttgart verschoß Salihovic in der Nachspielzeit einen Elfer und schenkte den Schwaben zwei Punkte, obwohl Lehmann wieder Aufsehen erregte, indem er sich Salihovics Schuh schnappte und auf das Tornetz warf, ein Verhalten, das ihm eine geharnischte Rüge von Trainer Rangnick einbrachte, während Gomez klagte, »ein paar Spieler bei denen« würden ihm »richtig auf die Eier« gehen, wahrscheinlich Demba Ba, der mit drei Toren jeden Vorsprung der Stuttgarter egalisierte. Und deshalb wird dieses eigentlich recht spannende und aufregende Spiel als »giftiges Spiel« in die Annalen eingehen. Da fällt das Revier-Derby zwischen Schalke und dem BVB dagegen mau aus. 1:1 endete es. Boateng hat seine Weddinger Streetcredibility unter Beweis gestellt und angeblich Krstajic einen Muskel gequetscht. Aber das glaube ich nicht, denn Krstajic gehört nach allen Zeitungsberichten zu den härtesten Verteidigern der Liga. Wie soll das gehen?

Papst Benedikt XVI.

Noch vor vier Jahren schlagzeilte es wie nix Gutes aus Bild heraus: »Wir sind Papst!« Es gibt eben keine blasphemischere Zeitung als das deutsche Hausblatt des Papstes, der sich von Mister Schmierlapp Numero Uno Kai Diekmann höchstpersönlich eine »Gold-Bibel« überreichen und sich mit ihm und ihr zusammen ablichten ließ. »Seine warme Hand packt greifend zu. Sie hält fest. Das Herz dockt an. Sein Haupt nickt … Die Zeit steht still. Ich schaudere vor Ergriffenheit … Der Papst betrachtet und befühlt die Bild-Bibel … Der Abschied. Das Ende. Ein Sekretär flüstert: ›Er weiß, daß Sie auf der Seite der Armen, Kranken und Schwachen sind‹…« »Bild liebt den Papst«, hieß es dann auch, und wenn der Papst diesen Schmonzes gelesen hat, dann bin ich sicher: der Papst liebt Bild. Jedenfalls hat der Papst keine Berührungsängste, auch Jesus hat sich schließlich mit Sündern eingelassen. Da paßt es doch prima, daß zwischen telefonischen Bumskontakten mit Abspritzgarantie und gehenkten Kinderschändern der Papst mit senilem Lächeln die Leser bezaubert.

Jetzt aber wurde in der BamS schwer gestöhnt und geächzt, und es erhob sich ein großes Wehgeschrei. »Wer die Fotos des Papstes in diesen Tagen sieht, der sieht einen geschwächten Mann. Die dunkel umschatteten Augen liegen tief in den Höhlen, das schmale Gesicht ist gerötet, die Haut zeigt Anspannung. Benedikt XVI. (81) erlebt die schwerste Krise seines vierjährigen Pontifikats. Er hat sie wohl nicht selbst verschuldet. Aber er trägt die Verantwortung. Und er trägt schwer daran.« Der Papst, eine arme Sau. Was war passiert? Während »die Alpträume dieser Welt jeden Morgen auf den Papst warten«, haben üble Berater den Papst übel beraten. Haben ihm einfach einen Wisch untergeschoben und ihm gesagt, daß er mit seiner Unterschrift ein paar verirrte Schäfchen heim ins Reich holen würde. Wer würde das nicht tun? Haben ja schon die Nazis gemacht, und mit denen hat man sich immer gut verstanden. Papst Pius XII. hat sogar extra eine Art Verkehrslinie einrichten lassen, um von ungläubigen Juden und Amerikanern verfolgte Nazis zur Flucht zu verhelfen. Dem Vatikan übel gesinnte amerikanische Militärs und Historiker nannten sie die »Rattenlinie«. Dabei waren es doch höchstens verirrte Schafe, und auf die ist der Papst ja quasi spezialisiert.

Und dieser Holocaust und dieses Auschwitz! Mein Gott, was ist das schon gegen die Höllenqualen, auf die sich die Juden im Jenseits sowieso schon mal einstellen können? Da können sie sich schon mal warm anziehen. Würde aber auch nicht helfen. Warum da groß was dazu sagen? War doch viel zu unwichtig! Dachte sich Pius XII. Und schwieg. So kann man schließlich auch zum Ausdruck bringen, daß Auschwitz nicht existiert hat. Vielleicht dachte sich das auch der fiese Berater und ließ den armen Papst »ins offene Messer« der Öffentlichkeit laufen. Und irgendwie ist die Öffentlichkeit als offenes Messer ja auch ganz schön gemein. Wartet nur darauf, daß der Papst von üblen Hintermännern hinters Licht geführt wird, um dann über ihn herzufallen, der doch eigentlich nur »ein Arbeiter im Weinberg des Herrn« sein will, als den sich Kardinal Ratzinger immer bezeichnet hat. Womöglich hat er im Weinberg aber zuviel getrunken und dann besoffen wie eine Strandhaubitze rumgegröhlt: »Her mit dem Wisch! Isch unterschreibe alles. Williamson? Ist das nicht dieser Auschwitz-Leugner? Na, is ja eh wurscht! Das Haus der Herrn ist schließlich für alle offen. Arschoffen. Ich musses wissen, ich bin der Häuptling von dem Haufen, hahaha. Und so ein Auschwitz-Leugner fehlt uns noch. Die sind uns doch schon fast ausgegangen, oder?« Aber das ist schon wieder so eine Verleumdung, denn in Wirklichkeit hat Benedikt XVI. gar nix gewußt. Als einfacher »Arbeiter im Weinberg des Herrn«, wenn nicht sogar als Weinbergschnecke des Herrn, was weiß man da schon? Und warum regen sich die Leute denn bei dem Piusbruder Williamson eigentlich plötzlich so auf? Hat Benedikt XVI. nicht erst kürzlich einen Weihbischof berufen, der glaubt, Hurrikan Katrina, der New Orleans zerstörte, sei eine gerechte Strafe Gottes gewesen für eine sündige Stadt? Nicht daß der Papst davon was gewußt hätte, aber fand das irgendjemand vielleicht komisch? Oder daß derselbe Weihbischof Harry Potter für Satanismus hält? Und Harry Potter ist ja wohl ein bißchen was anderes als Auschwitz. Wer kennt denn heutzutage noch Auschwitz? Da denken die meisten an Sauna. Aber Harry Potter kennt jedes Kind. Hat da vielleicht irgendein Zeitungsfritze gesagt, hey, ist vielleicht nicht sone gute Idee, die beliebteste Kindergeschichte der Welt als Machwerk des Bösen abzutun? Nicht daß der Papst wüßte. Aber er hat ja sowieso nichts gewußt. Und zwar von Anfang an. Schon beim Unterschreiben. Nichts gewußt. Man kann ja auch nicht alles wissen.

Und jetzt? »Der Papst ist sehr betroffen. Er leidet«, sagt der Freiburger Erzbischof Zollitsch. Und Walter Kardinal Kasper, ein enger Freund des Papstes, sagt entsetzt: »Die Umgebung des Papstes hat versagt«, während der Vatikan-Sprecher Lombardi prüfte und recherchierte, recherchierte und prüfte, nur um zu der dürftigen Überzeugung zu kommen: »Alles war ein schrecklicher Zufall.« Und was sagt eigentlich Georg Gänswein, der persönliche Sekretär des Papstes? »Wie eine Lawine ist die Katastrophe über den Vatikan hinweggerollt«, sagt er. Und BamS weiß noch mehr: »In der vergangenen Woche hätte der Prälat aus Freiburg eigentlich ins Bett gehört. Trotz Schutzimpfung hatte ihn die Grippe erwischt, so richtig mit Fieber, schmerzenden Gliedern, dröhnendem Kopf. Doch jetzt war nicht die Zeit, sich auszuruhen. Sein Papst war in Gefahr. Und die Schutzmauer um ihn schien seltsam durchlässig.« Oh Gott, womöglich kamen dem Papst Informationen jenseits des seltsam durchlässigen Schutzwalls zu Ohren! Das wäre fatal. Dann könnte er am Ende doch was gewußt haben. Vielleicht sind sogar die Antworten von Piusbruder Williamson, die er dem Spiegel gegeben hat, bis zum Papst durchgedrungen!

Über die allerdings dürfte sich der Papst köstlich amüsiert haben. Ich fand sie jedenfalls lustig. Williamson wollte erst mal »Beweise finden«, daß es überhaupt Gaskammern in Auschwitz gab, dann, falls sich herausstellen sollte, daß dem so ist, »werde ich mich korrigieren. Aber das wird Zeit brauchen.« Williamson hat mal den Leuchter-Report gelesen, »er schien mir plausibel. Nun sagt man mir, dieser sei wissenschaftlich widerlegt. Damit werde ich mich jetzt auseinandersetzen. Aber das wird Zeit brauchen.« Fred Leuchter behauptet in diesem Report, daß in den Gaskammern gar kein Massenmord habe stattfinden können. In Deutschland befindet sich diese Schrift wegen Volksverhetzung auf dem Index. Nun hat sich der Piusbruder »das Buch von Jean-Claude Pressac bestellt, auf Englisch heißt das ›Auschwitz. Technique and operation of the gas chambers‹. Es ist zu mir als Ausdruck unterwegs. Ich werde es lesen und studieren. Aber das wird Zeit brauchen.« Als Ausdruck? Kann er sich das Buch nicht leisten? Bei seriösen Historikern ist Pressac nicht sehr angesehen. Er war nämlich früher auch ein Holocaust-Leugner. Dann aber überkam ihm die Erleuchtung, daß in den Gaskammern tatsächlich Menschen zu Tode kommen konnten. Whow! Da wird Williamson aber Augen machen. Und Benedikt XVI. auch. Wenn er die Antworten Williamsons gelesen hätte. Hat er aber nicht, denn immer noch lautet das oberste Prinzip: Der Papst weiß nichts! Das aber gründlich.

P.S. Ich dachte schon, Benedikt XVI. würde in der Tradition Pius XII. das Problem einfach wegschweigen, aber dann sprach er doch noch ein Machtwort, das so butterweich und konsensschmusig war, daß es auf jedem Allgemeinplatz eine hervorragende Figur abgegeben hätte: »Der Hass und die Verachtung für Männer, Frauen und Kinder, die sich in der Shoah manifestiert haben, waren ein Verbrechen gegen die Menschheit. Das sollte allen klar sein, insbesondere denen, die in der Tradition der Heiligen Schrift stehen«, sagte der deutsche Papst. Das hätte Williamson nicht besser ausdrücken können.

Die Wahrheit über den 20. Spieltag

Hoffenheim liegt den Leverkusenern. Schon in der Hinrunde gab es ein 5:2, und jetzt ein 4:1. Das kommt eben dabei heraus, wenn zwei offensiv ausgerichtete Mannschaften aufeinandertreffen. Viele Tore und ein ständiges Auf und Ab, krasse Fehler und geniale Momente, und manchmal ist es nur Zufall, daß das Spiel so und nicht andersrum ausgeht. Seit Labbadia in Leverkusen ist, bringe ich für die Mannschaft sogar rudimentäre Sympathien auf, denn es sieht gut aus, was die auf dem Platz zaubern. Nur für die Meisterschaft reicht es lange nicht, denn da braucht es noch die entsprechende Portion Abgezocktheit, wie sie die Bayern besitzen. Die haben zwar die »Steilvorlage«, die Hoffenheim durch die Niederlage geliefert hat, wie Hoeneß knirschend konzedierte, in Berlin unbegreiflicherweise ungenutzt verstreichen lassen, eingeschläfert vom ebenso öden wie pragmatischen Fußball einer ausschließlich auf Taktik ausgerichteten Hertha, aber van Bommels »Arroganz«, daß Bayern dennoch Meister wird, ist ja nicht nur selfullfilling prophecy, sondern auch kühle Berechnung. Meister wird der, der über die gesamte Spielzeit die meisten Chancen herausspielt. Das kann manchmal zwar schiefgehen, aber auf Dauer ist gegen ein Chancenübergewicht wenig auszurichten. Übel ist da nur, daß sich die Bayern wieder mal gegen den BVB in überragender Verfassung befanden, als ob man sich immer noch für die Niederlagen in den Neunzigern und in der CL rächen müßte. Und auch wenn dem BVB ein Elfmeter nicht gegeben wurde und zwei Treffer der Bayern nicht regulär zustande kamen, schaffen die Bayern es einfach durch drückende Überlegenheit, es sei denn der Gegner heißt Hertha. Von einem Pferdeschwanzträger und mittelmäßigen Spieler, der in Liverpool nicht mal zweite Wahl ist, ließen sich die Münchner besiegen. Zweimal schoß Voronin aufs Tor, zweimal traf er. Hört sich nach Effektivität an, ist aber reiner Zufall, denn ähnliche Chancen versiebt er normalerweise in Serie. Jetzt steht Hertha auf Platz eins und wundert sich. Dieter Hoeneß übt sich in Demut und wäre schon froh, wenn Hertha am Ende auf einem Uefa-Cup-Platz stünde. Um diese Plätze gibt es ein größeres Gerangel als um die ersten drei, als ob Bayern nicht nur Platz eins, sondern auch gleich Platz 2 und 3 belegen könnte. Abgemeldet haben sich von diesem Kampf Schalke und Bremen, die beide richtig in der Scheiße stecken. Schalke schaffte es nicht mal gegen eine stark ersatzgeschwächte Bochumer Mannschaft, die alles gab und die alles gewann, naja, zumindest dieses eine Revierderby, aber das kann bekanntlich über eine ansonsten vollkommen vergurkte Saison hinwegretten. Jetzt liegen auf Schalke die Nerven blank. Farfan und Rafinha erwehrten sich hartnäckiger Bochumer Gegenspieler, indem sie sie einfach niederschlugen, und die Fans bewarfen Fred Rutten mit vollen Bierbechern. Bremen steckt zwar in einer ähnlichen Krise, geht aber wenigstens sportlich damit um. Gegen den Tabellenletzten aus Gladbach erspielten sich die Grünweißen ein Dutzend Großchancen, aber der für 2,5 Millionen Euro verpflichtete Torwart aus Belgien Bailly machte sie bis auf eine zunichte. Mit 62 Ballkontakten hatte er die meisten in seiner Mannschaft. Den Gladbachern genügte eine Viertelchance, um zum Ausgleich zu kommen. Bailly hat sich für einen Kalender schon mal mit BH und Strapsen ablichten lassen. Vielleicht ein Tip zur Leistungssteigerung für Weidenfeller, in diesem Gewerbe aber auf jeden Fall mutig und auch nicht schlimmer als bierbecherwerfende und grölende Fans aus Schalke.

Die Wahrheit über den 19. Spieltag

Es ist ein bislang nicht gelüftetes Geheimnis, warum keine Mannschaft außer den Bayern es schafft, sich länger als ein paar Jahre in den oberen Tabellenregionen aufzuhalten. Jetzt hat es die Bremer erwischt. Zwar sind noch jede Menge Punkte im Topf, aber 12 Punkte bis zum 3. Platz ist eine Menge, die statistisch gesehen wahrscheinlich noch nie eine Mannschaft geschafft hat. Im Uefa-Cup geht es gegen den wieder erstarkten AC Milan, gegen den die Chancen weiterzukommen ziemlich gering sind. Und im Pokal müßten sie noch drei Spiele gewinnen, woran auch niemand so recht glaubt, vor allem, weil die Bayern da noch mitmischen. Gemein und fast schon beleidigend fand ich es, daß Werder die Dortmunder aus dem Pokal kegelte und anschließend zu Hause gegen Bielefeld (!) verliert und es jetzt auch noch gegen Schalke (!) versiebt hat. Ein Spiel der unteren Kategorie, über dem die Angst schwebte, einen Fehler zu begehen, mithin die beste Voraussetzung, dann tatsächlich einen zu machen. Der beste Mann auf dem Platz war also die Verunsicherung, auch auf Schalkes Seite, denn auch dort klaffen Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinander, vielleicht sogar noch mehr als bei Bremen, denn auf Schalke wurde auf Teufel komm raus investiert. Herausgekommen ist dabei kein Titel, und auch diesmal wird es nichts damit. Bayern würde in einer solchen Situation weiter investieren, so lange bis man wieder einen Treffer wie Ribery landet. Bei anderen Vereinen besteht diese Möglichkeit nicht, weil kein Verein über die finanziellen Möglichkeiten der Bayern verfügt, die als einzige auf dem europäischen Transfermarkt mithalten können und nicht auf Schnäppchen angewiesen sind, die zwar billig aber auch nur ohne Garantie zu haben sind. Zudem haben sich die Bremer zu lange auf ihre alten Stammkräfte verlassen und Spieler zurückgeholt, mit denen man früher mal Erfolg hatte wie Frings und Pizarro. Nicht, daß diese Spieler nicht mehr mithalten könnten, aber beobachten läßt sich doch, daß eine Mannschaft länger als 2-3 Jahre – anders als früher – nicht erfolgreich ist. Wer hätte sich vorstellen können, daß Barcelona mit diesen großartigen Spielern so einknicken würde? Oder Chelsea jetzt? Barcelona hat die Mannschaft umstrukturiert, Spieler wie Ronaldinho verkauft, der zwar nur noch ein Schatten seiner selbst war, aber das Fußballspielen ja nicht verlernt haben konnte. Bayern wird nächste Saison vor diesem Problem stehen, und darauf darf man sich schon freuen. In dieser Saison haben sie jedoch keinen ernstzunehmenden Gegner. Der HSV versiebte es beim abstiegsbedrohten KSC, den sie nach Belieben und mit einer 2:0-Führung dominierten, bevor sie vom Aufbäumen der Badener überrascht plötzlich die Flatter bekamen und sich in der allerletzten Minute noch das 3:2 verpassen ließen. Und das wäre Bayern niemals passiert. (Der aufmerksame Leser wird sich natürlich sofort an das 2:2 gegen Gladbach erinnern, und da muß ich ihm recht geben, aber es ist immer noch ein Unterschied, ob man verliert oder noch einen Punkt behält). Berlin ist sowieso zu trantütig und hatte in Bielefeld Glück, überhaupt einen Punkt abzubekommen, nur Hoffenheim hätte die Chance gehabt, aber nicht, wenn man so unglücklich gegen Bayern verliert, dann sich der wichtigste Mann im Sturm dauerhaft verletzt, der durch den Chancentod Sanogo ersetzt wird, wenn schließlich auch noch ein eindeutiger Elfmeter nicht gegeben wird, so daß nur ein dürftiges Unentschieden herausspringt. Bei dieser Konkurrenz muß Bayern einfach Meister werden.

Kultur und Blödsinn. Joseph von Westphalens Abenteuer als Lohnschreiber

Es ist nicht ganz einfach, ein Buch zu besprechen, dessen Autor im Text selbst, in einer Nachbemerkung und auf dem Pressezettel kaum Raum läßt für eine originelle Interpretation. Die liefert der Autor nämlich gleich mit und zwar auf so charmante und gleichzeitig widerborstige Weise, daß man den Versuch erst gar nicht unternehmen sollte, denn man würde sowieso nur den Kürzeren ziehen. Joseph von Westphalen ist schon viel zu lange im Geschäft, um im Feuilletongewerbe nicht schon alles einmal erlebt zu haben, meistens sogar zweimal. Er weiß, wie der Hase läuft, und in seinem neuen Buch »Aus dem Leben eines Lohnschreibers« berichtet er darüber, welche Kapriolen die eitle Kultur mitunter schlägt. Joseph von Westphalen beschreibt das auf sehr lustige und amüsante Weise, und wenn sich das jetzt vielleicht etwas zu wenig begeistert liest, dann sollte man wissen, daß nichts schwieriger ist, als eine lustige Geschichte auch lustig zu erzählen. Günther Grass kann es jedenfalls nicht, und Walser auch nicht, und die gelten hier als das schriftstellerische Nonplusultra.

Nein, Westphalen ist zwar Schriftsteller, der in China der »Dichter mit den 28 Büchern« genannt wird, denn soviel hat er mittlerweile geschrieben, aber er teilt nicht deren Dünkel. Es geht ihm nicht um den kulturellen Auftrag oder irgendeinen literarischen Avantgardeanspruch, Schwurbel und Affektiertheit sind ihm fremd. Wenn man so will, hat Joseph von Westphalen antiquierte Vorstellungen, denn er will einfach nur aufklären und unterhalten. Unvergessen seine grandios wüsten Pamphlete u.a. in den »Elf deutschen Eiertänzen«, gegenüber denen jede Kritik von Linksradikalen ziemlich blaß aussieht, denn Westphalen gelingt es, auf eine Weise zu rohrspatzen, daß der Gegenstand seiner Beschimpfung der Lächerlichkeit preisgegeben wird, eine Methode, die sowohl gegen »Glatzen«, Politiker und Kulturheinis wirkungsvoller ist als eine Analyse, weil der Blödsinn zu offenkundig ist als daß eine Analyse sinnvoll wäre. Das macht er allerdings nicht ohne Selbstironie, denn ohne sie würde seine Suada etwas Selbstgerechtes bekommen. Er wäre dann so etwas wie Grass, der seit Jahrzehnten an seiner Kanonisierung arbeitet. Wenn Joseph von Westphalen sein Gewerbe reflektiert, dann gilt sein Streben nicht dem Nachruhm, sondern so profanen Dingen wie Geld zu verdienen und sich auf möglichst elegante und angenehme Weise durchzuschlagen.

»Für Geld schreibe ich alles«, ließ er einmal auf einer Schriftstellertagung in Tutzing verlauten, um möglichst »nuttenhaft« zu wirken. Was er natürlich nicht tut, denn es gibt Grenzen, die nur Autoren überschreiten, die die Orientierung verloren haben, aber in Westphalens Haltung geht es auch immer darum, sich gegen den gerade vorherrschenden Trend zu stemmen, liebgewonnene Überzeugungen zu testen, ob sie den ad hoc entworfenen Argumenten standhalten. Er paßt sich jedenfalls nicht an, und davon handelt sein ständiger Kampf gegen Redakteure, der immer wieder in eine neue Runde geht und nicht selten mit der Forderung nach einem Ausfallhonorar endet, weil der Chef gerne etwas Weichgespültes hätte. In diesem Buch nimmt Joseph von Westphalen ein wenig Rache, indem er die Idiotie des Kulturbetriebs offenlegt. Klar, ein Thema, zu dem schon viele Autoren etwas geschrieben haben, aber es ist auch immer wieder schön zu lesen, wieviel heiße Luft produziert wird und wie banal und gewöhnlich es in der Regel ist, was bei dem ganzen wichtigtuerischen Gefuchtel herauskommt, toll beschrieben in der »halbwahren« Geschichte über eine Preisverleihung, für die Joseph von Westphalen die nur wenige Minuten dauernde Moderation schreiben sollte, von der nichts übrigblieb, was sein gut dotiertes Engagement notwendig gemacht hätte, weil jeder Praktikant die schließlich übrig gebliebenen banalen Sätze hätte zusammenpfriemeln können.

Nach diesen Ausflügen in die Niederungen der lohnschreibenden Zunft, vergißt Joseph von Westphalen aber nicht den eigenen Antrieb seines Schaffens. Er schreibt, um Frauen zu beeindrucken. Es ist die Liebe, die ihn beflügelt. In der Branche wird er deshalb scheel angesehen, ich aber finde, das ist ein schönes und hehres Motiv, und es ist wenigstens ehrlich, denn letztlich geht es den meisten Autoren darum, ohne daß sie das zugeben wollen. Und außerdem geht es darum, dabei gut auszusehen. »In die Hand eines Autors gehört ein Glas Wein und nach wie vor eine Zigarette.« Joseph von Westphalen jedenfalls steht das Glas Wein und die Zigarette ganz ausgezeichnet. In dem ganzen Literatur-Getöse ist er eine ganz große Ausnahmeerscheinung.

Joseph von Westphalen, »Aus dem Leben eines Lohnschreibers. Geschichten«, Luchterhand, München 2008, 251 Seiten, ??.- Euro

Die Wahrheit über den 18. Spieltag

Am Mittwoch im Pokalspiel des BVB gegen Werder Bremen war der 21jährige Kevin B. betrunken in einen Treppenschacht gefallen und dabei zu Tode gekommen. Vor Spielbeginn gegen Leverkusen gab es eine Schweigeminute, die Schwarzgelben trugen einen Trauerflor am Arm und der Stadionsprecher Norbert Dickel sagte in den Stadionlautsprecher: »Wir sind alle sehr traurig, aber sein Tod ist auch für uns eine Mahnung mehr aufeinander zu achten. Auf uns, unseren Nebenmann und unsere Nebenfrau.« Mir wurde ganz warm. Der Verein hat nicht nur ein Herz für die Beladenen und Betrunkenen, was nicht selbstverständlich ist, weil gerade die Betrunkenen häufig genug ausgegrenzt werden, auch die Mahnung Norbert Dickels, mehr auf die »Nebenfrau« zu achten, ließ mich dahinschmelzen. Das Westfalenstadion, eine Hochburg der Polygamie! Diesen Verein muß man manchmal einfach lieben. »Kevin, wir vergessen dich nicht«, sagte Norbert Dickel noch, denn Norbert Dickel kennt jeden. Und Kevin wird es auch gefreut haben zu hören, als Kringe nach dem Spiel sagte: »Natürlich haben wir auch für Kevin gespielt.« Das hat dann zwar nur ein Unentschieden gebracht, aber ein Unentschieden der glücklichen Art, denn Leverkusen war spielerisch überlegen. Das allerdings schmerzt, denn dieses Urteil ist schlimm, es heißt, daß man eigentlich nicht mithalten kann, daß die anderen einfach technisch bessere Spieler haben. Okay, dem BVB fehlten ein paar wichtige Spieler wie Kuba, Kehl, Hajnal und Dede, aber es standen immer noch genügend Leute auf dem Platz, die eigentlich so viel drauf haben sollten, daß sie nicht als »spielerisch unterlegen« abqualifiziert werden müßten, schon gar nicht gegen »Scheiß-Leverkusener«, die allerdings auch Glück hatten, weil Vidal trotz mehrerer übler Fouls die Protektion des Schiedsrichters genoß. Und deshalb war es in gewisser Weise auch wieder gerecht, daß Leverkusen hochkarätige Chancen versemmelte und es den Schalkern nachmachte, die in Hannover trotz Überlegenheit durch einen Sonntagsschuß drei Punkte abgaben, wogegen ich selbstverständlich nichts einzuwenden habe. Auch nichts gegen das 1:0 der Hamburger gegen Bayern. Und wer war der Goalgetter? Kein anderer als Petric, den man in Dortmund gegen Zidan eingetauscht hat, der wiederum gegen Bremen im Pokal gleich drei Großchancen ausließ und von dem gegen Leverkusen nichts zu sehen war. Keine Ahnung, vielleicht kann sich Dortmund das ja leisten, aber eine gute Idee sieht anders aus. In Köln traten die Wolfsburger an und holten sich mit einem Remis mühsam den 5. Auswärtspunkt in dieser Saison. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn Köln nicht unangenehm aufgefallen wäre. Dort drehen sie völlig durch, weil der Trottel »Poldi« zurückkommt, der für Bayern einfach zu schlecht ist. Rentner erheben im Kirchenchor ihre brüchigen Stimmen für grauenhaftes Poldiverherrlichendes Liedgut, wie überhaupt jeder sich zum Affen macht für eines der größten Mißverständnisse im deutschen Fußball. »Diese Verbindung zwischen Kirche und Karneval ist eklig. Sie ist skandalös«, sagte meine Freundin, und sie muß es wissen, denn sie war schon mal in Köln und kennt dort Leute. Niedecken ist wahrscheinlich gerade dabei, eine Hymne auf »Poldi« zu »komponieren«, wie es bei Niedecken heißt, wenn er irgendwas Schreckliches auf Kölsch zusammenreimt und -leimt. Und deshalb will ich ausnahmsweise mal ein wenig beten, und zwar dafür, daß Köln absteigt. Dann muß »Poldi« in München weiter versauern und der Kölner Jeckengeist krögte einen Dämpfer.