Archiv für den Monat: März 2009

Die Wahrheit über den 25. Spieltag

In Dortmund hat Zorc strahlend die Neuverpflichtung von Feulner bekannt gegeben. Er würde den BVB entscheidend voranbringen, hieß es. Feulner spielt erfolgreich beim Mainz 05, ist also ein alter Bekannter von Klopp. Aber das ist jetzt gar nicht so entscheidend. Komischerweise glaubt man in Dortmund, dass man mit der Verpflichtung von Zweitligaspielern vorankommt. Im Mittelfeld ist man aber nicht gerade unterbesetzt, es sei denn Boateng hat jetzt seine “letzte Chance”, wie er sein Engagement beim BVB selber nannte, verdaddelt. Er hat nämlich in alter Streetfighter-Manier strandhaubitzenvoll in Wilmersdorf zusammen mit seinem Kumpel Patrick Ebert Autoaußenspiegel abgebrochen. Wurde jedenfalls von Anwohnern behauptet, die die beiden beobachtet haben wollen, aber wer in Wilmersdorf schon mal einem parkenden Auto zu nahe getreten ist, dem kann schnell ähnliches blühen, denn ein Außenspiegel ist nicht nur ein Außenspiegel, sondern ein Statussymbol für den Spießer, und wer ihm oder dem Lack Schaden zufügt sollte nicht unter 20 Jahren Zuchthaus bestraft werden, jedenfalls wenn es nach dem Willen der Berliner ginge. Auch Hertha-Coach Lucien Favre war fassungslos und verbannte Patrick Ebert in die zweite Mannschaft. Daraufhin kassierte Hertha auch gleich eine Niederlage in Stuttgart, die nicht mal der Zopfträger verhindern konnte, weil er in diesem Spiel mal nicht angeschossen wurde, also auch kein Abpraller ins Tor gehen konnte. Meine Freundin Michaela, bekannt auch unter dem Namen Ralf Sotscheck, weinte bittere Tränen, denn der Vierpunktevorsprung ist ratzfatz auf ein Pünktchen zusammengeschmolzen. Im Gegensatz zu Ebert hatte Boateng Glück. Er ist sowieso verletzt und konnte deshalb auch nicht vom Dienst suspendiert werden. Gegen Bremen, für die es in der Liga um nichts mehr geht und die sich nun ganz um den Pokal und den Uefa-Cup kümmern können, hat nun Dortmund als letzte Mannschaft in der Rückrunde drei Punkte eingesackt. Zwar war man überlegen, aber es musste ein Elfer her, um endlich mal wieder ein Erfolgserlebnis zu haben. So richtig glanzvoll sah das nicht aus, aber für Klopp war es wenigstens eine erfolgreiche Woche, denn sein Vertrag wurde verlängert, obwohl er der Meister der Remis ist und mit diesem Makel von keinem anderen Verein der Welt einen Vertrag bekommen hätte. Eine gute Woche auch, weil Feulner von Mainz 05 kommt. Von dieser Preislage sind die Nachrichten aus Dortmund. Demnächst geht es nach Berlin und dort können die Schwarzgelben endlich wieder mal zum Meistermacher avancieren, wenn es schon um nichts sonst geht. Leider steht nur Bayern und Wolfsburg als Alternative zur Verfügung und bei dieser Auswahl wäre meine Motivation auch nicht besonders hoch. Bayern hat wieder das unverschämte Glück eines kommenden Meisters, weil sie gegen Karlsruhe einen guten Spielzug benötigten, um zum Siegtreffer zu gelangen, während der KSC sich erfolglos abstrampelte. Auch bei Hoffenheim hakt es gewaltig. Im Spiel gegen Hannover kamen zwei neue Verletzte hinzu, womit bewiesen wäre, Meister wird, der am wenigsten unter Verletzungspech zu leiden hat. Mit dem Pechvogel Sanogo wird Hoffenheim sogar noch den 5. Platz verpassen, und Hannover wird absteigen, obwohl sie schon wieder aus zwei Standardsituationen zwei Tore machten und ein Unentschieden herausholten. Immerhin der 2. Auswärtspunkt in der gesamten Saison. Den anderen holte Hannover wo? Genau, in Dortmund.

Die Wahrheit über den 24. Spieltag

»Das fühlt sich an wie ein 8:0«, kommentierte Klopp das 4:4-Remis in Hannover. Er meinte eine 8:0-Niederlage. Ich will ja nicht spitzfindig sein, und mich schon gar nicht wie ein Realist anhören, aber ich glaube, die würde sich doch ein wenig anders anfühlen. Sollte man nicht vielmehr dankbar sein für dieses rasante Spiel mit soviel Toren, wie manche Vereine eine halbe Spielzeit brauchen, um sie zu erzielen? Und dann mit dieser Spannung, zweimal mit zwei Toren Vorsprung schon uneinholbar davongeeilt zu sein und dann doch noch im letzten Moment den Ausgleich zu kassieren? Davon lebt doch schließlich der Fußball, von Tragik, Tränen und tollem Auf und Ab. Oder hätte Dortmund wie Hertha mit einem Zufallstreffer – einem doppelten Abpraller vom Torhüter an den Zopfdödel Voronin und von dessen Brust ins Tor – und in einem ansonsten öden und nach viel Taktik riechendem Spiel gewinnen sollen? Sollte Hertha damit wirklich zum Meistertitel stolpern, es wäre der Hintertreppenwitz der Fußballgeschichte. Aber so wie Bayern Bochum vom Platz gefegt hat, ist der worst case in der Meisterschaft nicht zu befürchten. Auch diese Überlegenheit reicht an das grandiose Spiel der Dortmunder nicht im entferntesten heran. Nur Leute, die am Fußball nur das Ergebnis interessiert, werden an den Dortmundern herummäkeln, denn was, bitte schön, ist denn – außer für einen BVB-Fan selbstverständlich – daran so schlimm, wenn ein Spiel mit so vielen Toren, mit noch mehr Chancen, mit grandiosen Fehlern und einer ausgefeilten Dramaturgie schließlich so endet, daß weder der BVB noch 96 zufrieden sein kann? Leute, die ansonsten die Schönheit des Fußballs anbeten, rümpfen plötzlich die Nase, weil Dortmund von 21 möglichen Punkten in der Rückrunde nur fünf geholt hat und damit das Schlußlicht in der Liga ist. Dabei waren einige ausgesprochen attraktive Remis dabei, ganz abgesehen davon, daß Dortmund bislang nur vier Niederlagen einstecken mußte, weniger als alle anderen. Und welche Mannschaft kassiert innerhalb von 90 Minuten schon vier Tore nach Standardsituationen? Welcher Torhüter irrt so schön durch den Fünfmeterraum wie Weidenfeller und wer außer Weidenfeller läßt schon eine direkt verwandelte Ecke zu? Und bei welcher Mannschaft kommt zu dem Unvermögen auch noch Pech dazu, weil der Schiedsrichter auf eine Schwalbe reinfällt und Elfmeter gibt? Nein, keins der anderen Spiele konnte da im entferntesten mithalten. Am meisten vielleicht noch das Derby in Köln, wo die Gladbacher zu Gast waren, die man schon als sicherer Absteiger auf dem Zettel hatte, jetzt aber ganz vorne in der Rückrundentabelle stehen. 4:2 stand es am Ende für Meyer und gegen Daum. Und wie wurde Meyer niedergemacht, weil die ersten Spiele seiner Amtszeit daneben gingen! Da nützte es nichts, daß die Gladbacher teilweise überlegen spielten und eben nur Pech hatten. Jetzt haben sie sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen. Für Klopp wird das weit schwieriger werden, denn die Saison ist schon wieder mal gelaufen, steckengeblieben im Mittelfeld. Und da die Spannung aufrechtzuerhalten, das ist die große Kunst!

Die Einsamkeit eines Juristen. Nach 40 Jahren erscheint endliche eine Biographie Fritz Bauers

»Aufarbeitung der Vergangenheit« war erstaunlicherweise schon in den 50er Jahren en vogue, allerdings nicht in dem Sinne, »daß man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewußtsein. Sondern man will einen Schlußstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen«, schrieb Adorno, der sich damals keine Freunde mit dieser Diagnose machte. Nur wenige machten damals mit der »Aufarbeitung« im Sinne Adornos ernst. Einer war Fritz Bauer, der zwischen 1956 bis 1968 als Generalstaatsanwalt in Frankfurt einen einsamen Kampf für die juristische Sühnung der Naziverbrechen führte. Noch heute ist sein Name der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, auch wenn sich inzwischen das »Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust« in Frankfurt nach ihm benannt hat. Nun endlich, vierzig Jahre nach seinem Tod, ist eine Biographie über Fritz Bauer von Irmtrud Wojak erschienen, eine akribische wissenschaftliche Arbeit, deren Anmerkungsapparat allein ein Viertel des Buches ausmacht. Den Bekanntheitsgrad Fritz Bauers wird die Studie nicht heben, aber es ist gut, daß es sie gibt, denn sie macht auf deprimierende Weise deutlich, wie wenig man im Nachkriegsdeutschland geneigt war, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Fritz Bauers juristische Karriere wurde durch die Nazis beendet, bevor sie richtig begonnen hatte. Als Jude und Sozialdemokrat kam er bereits 1933 für fast ein Jahr ins KZ, wurde mehr zufällig wieder entlassen, flüchtete nach Kopenhagen und später nach Schweden, bevor er 1949 wieder nach Deutschland zurückkehrte, um dort als »radikaler Humanist« den Versuch zu unternehmen, die Verbrechen der Nazis nicht nur juristisch zu sühnen, sondern auch in der Öffentlichkeit ein Bewußtsein zu schaffen. Der größte Erfolg Fritz Bauers war die »Strafsache gegen Mulka und andere«, die als Auschwitz-Prozeß in die Geschichte einging. Fünfeinhalb Jahre dauerten die Ermittlungen, bevor das 22 Monate dauernde größte deutsche Strafverfahren am 20. Dezember 1963 eröffnet werden konnte. Die Resonanz war riesig, immerhin 20000 überwiegend junge Menschen besuchten den Prozeß, die Presse berichtete eifrig, Hannah Arendt befaßte sich damit, das Bühnenstück »Die Ermittlung« von Peter Weiß entstand, Hans Frick schrieb einen vom Prozeß beeinflußten Roman. Insofern erzielte das Verfahren zumindest bei den Intellektuellen die von Fritz Bauer beabsichtigte Wirkung, bei den Historikern blieb das erhoffte Forschungsinteresse jedoch aus. Die Mehrheit der Deutschen blieb ähnlich distanziert oder zeichnete sich höchstens durch eine Flut anonymer Drohbriefe aus.

Die Vorbereitungen standen unter großem zeitlichen Druck, denn »Totschlag« und »Beihilfe zum Mord« drohten zu verjähren, zudem war die Aktenlage nicht ganz einfach. Die größten Schwierigkeiten jedoch lagen im deutschen Recht selbst, das den individuellen Tatnachweis verlangte, weil das Strafgesetzbuch für ein Massenverbrechen nicht ausgelegt war. Der organisierte Massenmord galt nicht als »natürliche Handlungseinheit«, »vielmehr wurde er als Folge einer Vielzahl einzelner Willensakte, Entschlüsse und Taten« bewertet, und insofern kam diese Auffassung den Tätern, die sich auf den Befehlsnotstand beriefen, entgegen, denn die Staatsanwaltschaft wurde dadurch gezwungen, jedem einzelnen Angeklagten »niedere Beweggründe« nachzuweisen. Durch diese Rechtsauslegung und der übertriebenen Wertung der subjektiven Teilnahme, die den Angeklagten ein »irrendes Gewissen« selbst bei Mord und Totschlag konzedierte, kam es, wie Irmtrud Wojak ausführlich analysiert und dokumentiert, bei der Strafzumessung zu paradoxen Folgen: »Je größer die Zahl der Morde und die Nähe zur Tat, desto niedriger die verhängte Strafe.«

Für Fritz Bauer, der im Nürnberger Prozess ein Vorbild sah, war Auschwitz hingegen ein »in sich geschlossener Teil« der »Endlösung« und insofern auch Ausdruck ein und desselben Vernichtungswillens, für ihn machte sich jeder an der Mordmaschinerie Beteiligte der Beihilfe schuldig, weshalb sich seine Urteilskritik am Problem der »Verantwortung des Individuums« gegenüber der Willkür staatlicher Macht festmachte. Für Wojak war der Prozeß damals juristisch gesehen ein Fehlschlag. Heute spielt er eine wichtige Rolle im Nachkriegsgewissen der Deutschen und ist ein Nachweis für den ehrenwerten Willen zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Ohne Fritz Bauer jedoch hätte der Prozeß nicht, zumindest nicht in diesem Ausmaß, stattgefunden, eine Leistung, die sich die Deutschen an die Brust heften können, war es nicht. Die legten ihm vielmehr überall Steine in den Weg und sorgten dafür, daß die Resignation und die Isolation Fritz Bauers immer größer wurde.

Fritz Bauer hinterließ kaum Aufzeichnungen und persönliche Zeugnisse, sein Leben läßt sich fast nur aus den Prozeßakten rekonstruieren. Familie hatte er keine. Und als er am 1. Juli 1968 mit einer großen Dosis Schlaftabletten tot in seiner Badewanne aufgefunden wurde, war es nicht abwegig, Selbstmord zu vermuten. Aber auch wenn andere Anzeichen darauf schließen lassen, daß das nicht der Fall war, es sich zumindest nicht um vorsätzlichen Selbstmord handelte, so läßt sein »Verschwinden« durchaus den Schluß zu, daß er keine Lust mehr hatte, den aussichtslosen Kampf zu kämpfen. Er wollte, wie er in seinem Testament festgehalten hatte, ohne Feierlichkeit verbrannt, seine Asche sollte nicht bestattet werden. Dieser Gefallen wurde ihm nicht getan, aber der Wunsch, sich unsichtbar zu machen für die Gesellschaft, die ihn für einen Fremdkörper hielt, offenbart eine Haltung, die Größe hat, denn in diesem Wunsch kommt zu Ausdruck, daß Fritz Bauer seiner Person keine übermäßige Bedeutung beimaß, daß er sein Wirken für etwas Selbstverständliches hielt und er keinen Wert darauf legte, von dieser Gesellschaft posthum geehrt zu werden.

Irmtrud Wojak, »Fritz Bauer. 1903-1968. Eine Biographie«, Verlag C.H. Beck, München 2009.

Als dicker Fisch im Netz der Stasi. Rayk Wieland hat den definitiven DDR-Roman geschrieben

War die DDR ein Unrechtsstaat? Zwanzig Jahre danach ist um diese Gretchenfrage wieder eine ideologische Debatte entbrannt, weil man aus Jubiläumsgründen solche Fragen gerne noch einmal aufwärmt. Es gibt aber auch einen anderen Blick auf die DDR, der weder verklärend und sentimental sein muß noch rechthaberisch darauf verweisend, wie schrecklich sie gewesen war. Der in der DDR aufgewachsene Autor und Filmemacher Rayk Wieland hat jetzt einen kleinen, sehr lustigen Roman über seine Jugendjahre vorgelegt, in der er das Absurde des Sozialistischen Einheitsstaates – ein Monstrum der reinen Idiotie – bloßstellt, der an seinen eigenen Behörden und Ämtern erstickt ist, die alles in der Gesellschaft blockierten.

»Ich schlage vor, dass wir uns küssen« heißt der Roman, und wenn jemand wissen will, wie es in der DDR wirklich zuging, der kommt um dieses Buch nicht herum, denn auf 200 Seiten öffnet Rayk Wieland für uns das Biotop der muffigen und nach Braunkohle riechenden DDR auf so elegante und witzige Weise, daß man auf das epische Ausbreiten des fünfmal so umfangreichen Tellkampschen Turms verzichten kann und dadurch jede Menge Zeit spart.

Als 16jähriger Pubertierender gerät der Protagonist W. durch eine Liebschaft mit einer Westlerin aus München ins Visier der Stasi, die seine Liebeskorrespondenz aufmerksam beäugt und auf staatsfeindliche Hinweise durchleuchtet. Und das ist weniger schrecklich als vielmehr ziemlich komisch, denn die entflammte Lyrik des Protagonisten W., der von einem Umzug nach München zu seinem Mädchen träumt, wird für den zuständigen Oberleutnant Schnatz zu einer Fundgrube mit »objektiven Verstößen«, »feindl. neg. Inhalten«, »Verschleierung d. Verbind.« und »konkreten Republikflucht-Vorh.«, und das hat ja auch was, wenn den eigenen harmlosen Gedichten plötzlich eine staatsfeindliche Bedeutung beigemessen wird, von der die Linke im Westen nur träumen konnte. W. wird vom Stasimann im schönsten Behörden-Kauderwelsch eine Beurteilung verpaßt, der selbst gewisse lyrische Qualitäten nicht abgesprochen werden können: »Festst. ideolog. Beeinfl. Erkennen und beseitigen begünst. Beding. u. Umst. für feindl. neg. Wirken des W. Aufklären u. Bearb. d. Charakt. v. Liebesbez. zu Freundn. Im NSA.«

W., der nach der Wiedervereinigung besseres zu tun hatte als sein Leben in den Stasiakten noch einmal Revue passieren zu lassen, wird auf seine Vergangenheit gestoßen, weil er eine Einladung vom »Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands« erhält. Was W. zunächst für einen schlechten Scherz hält wird zu einer Zeitreise zurück in die DDR, als der angehende Philosophie-Student als vorbereitende Tätigkeit in einem Riesenwerk monatelang an irgendwelchen Eisenstücken feilte, als er sich mit dubiosen Gestalten herumtrieb, mit dem »Ostzonen-Al-Capone«, der als Toilettenpächter das große Los gezogen hatte, ein »unfaßbares Paradies und Dauerzuckerschlecken«, denn so ein Kloposten war äußerst lukrativ. Das Problem war nur, was sollte man mit dem ganzen Geld anfangen, »das sich partout nicht ausgeben ließ«? Wie verjubeln, wenn die Miete nur 21,37 Mark kostete, Essen und Trinken kaum ein Loch im Budget hinterließen, Luxusgüter sowieso nicht zur Verfügung standen und Reisen in ferne Länder auch nicht drin waren? »Was blieb, war Zeit, viel Zeit, angefüllt mit nichts. Und mit Zeittotschlagen.« Heute ein Luxusartikel hatte man davon in der DDR jede Menge, und man verplemperte sie großzügig, indem man herumstand und wartete und dabei rauchte und trank. Die DDR hatte also auch ihre guten Seiten, denn letztlich, so Rayk Wieland, handelte es sich um einen »Sozialismus für Alkoholiker«.

Und auch mit dem Vorurteil, daß in der DDR die Leute unterdrückt und ausspioniert wurden, räumt der Autor auf, denn die Leute selbst nahmen aktiv daran teil. Die Kontrolle in der Gesellschaft, angefangen vom Arbeitskollektiv, den Brigaden und Parteigruppen bis in den Alltag hinein, war so umfassend, daß es eigentlich kaum ins Gewicht fiel, »daß die Stasi auch noch herumkontrollierte«. Das macht sie deshalb noch nicht nett und liebenswert, aber Wieland lenkt die Aufmerksamkeit auf eine vernachlässigte Seite der Stasi, nämlich auf ihre Lächerlichkeit, auf die absurde Existenz, die dazu führte, daß sie in den liebestaumeligen W. einen dicken Fisch vermutet. Aus diesen grotesken Zutaten hat Rayk Wieland einen wunderbar lustigen Roman gemacht, den man gierig verschlingt und über den man vollkommen vergißt, daß die DDR einen schon lange nicht mehr interessiert. Rayk Wieland hat es geschafft, aus dem öden und ranzigen Gebilde noch einmal Funken zu schlagen.

Rayk Wieland »Ich schlage vor, dass wir uns küssen«, Kunstmann, München 2009, 206 Seiten, gebunden

Eine Reise in das Herz des Feindes

Die hocharabische Sprache neigt zur blumigen Ausdrucksweise, die – durch die Eitelkeit des Autors entsprechend in Szene gesetzt – manchmal bis zur Peinlichkeit selbstreferentiell und aufgeblasen wirkt. Der irakische Schriftsteller Najem Wali macht da keine Ausnahme. Natürlich gibt es auch westliche Autoren, die gerne Bedeutung simulieren, schließlich weiß jeder, daß Bescheidenheit im Gewerbe nicht als Tugend, sondern als Dummheit ausgelegt wird. Aber in der Regel mäßigen sich zumindest die etwas schlaueren Autoren, denn der Leser ist eher mit Zurückhaltung zu beeindrucken als durch Wichtigtun.

Najem Wali ist dieser kleine Unterschied unbekannt. Ausführlich zitiert er eine Mail von einem »Professor Baram«, in der er sich als »Heilsbringer der Hoffnung und Liebe« umschmeicheln lässt. Wäre das alles, könnte man das Buch »Reise in das Herz des Feindes. Ein Iraker in Israel« getrost entsorgen. Aber wenn man diese Anwandlungen überfliegt, stellt sich ein nicht zu unterschätzender Gewinn bei der Lektüre ein.

Der 1956 in Basra geborene und nach Ausbruch des Iran-Irak-Krieges 1980 nach Deutschland geflüchtete Najem Wali hat sich auf eine Reise durch Israel und in die Grenzregionen begeben, in denen zahllose Glaubensgemeinschaften, Milizen, Parteien, Religionen, Bewegungen und Flüchtlinge aufeinandertreffen. In diesem Gemisch beurteilt Najem Wali eine Demokratie danach, ob die Minderheitenrechte garantiert sind, denn nur durch die Vermischung verschiedener Kulturen kann Offenheit und ein neuer Horizont entstehen. In Israel kommt durch die ständige Gefährdung seiner Existenz dieses Prinzip nicht immer und optimal zur Geltung, aber es gibt viele wunderbare Ansätze, wie zum Beispiel Haifa, der ersten Station auf der Reise von Najem Wali.

Dort setzt sich der Bürgermeister Yona Yahav für das »Miteinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit gegenseitiger Rücksichtnahme« ein, das in dem Slogan »Haifa fährt anders« zum Ausdruck kommt. Die Stadtverwaltung fördert Mischehen und Zweisprachigkeit und achtet darauf, dass auch in den eleganten Vierteln Araber und Juden in unmittelbarer Nachbarschaft wohnen. Ausgerechnet hier sprengte sich eine Selbstmordattentäterin auf einer Hochzeitsgesellschaft in die Luft, ohne auf die anwesenden Araber zu achten, die durch ihre friedliche Koexistenz automatisch zu Verrätern an der heiligen Sache wurden.

Die Araber, die nach dem Krieg 1948 in Israel geblieben sind und inzwischen die israelische Staatsbürgerschaft angenommen haben, sind aufgrund solchen Fanatismus über den Verlust ihrer palästinensischen Nationalität nicht sehr betrübt. In Israel nämlich können sie trotz des Rechtsrucks bei den letzten Wahlen offen die Regierung kritisieren, in Gaza unter der Herrschaft der Hamas wäre das unmöglich.

Und auch die Geschichte von Abu Gosh, einer Kleinstadt, die dreizehn Kilometer westlich von Jerusalem liegt, ist ungewöhnlich. Im Krieg von 1948 schlugen sich die arabischen Einwohner auf die jüdische Seite und widerstanden der Belagerung der palästinensischen Izzaddin-al-Qassam-Brigaden auf den umliegenden Bergen. Im Unterschied zu der palästinensischen Bevölkerung in anderen Dörfern wurde in Abu Gosh niemand vertrieben. Die Araber in Abu Gosh handelten so, weil sie weiter mit den Juden zusammenleben wollten und weil es wirtschaftlich für sie Vorteile hatte, mit der Folge, dass dort der »arabische Suq« sich zum Handelszentrum für die Juden in der Region entwickelte.

Man mag bezweifeln, ob diese und andere kleine Beispiele repräsentativ sind, aber bei den arabischen Nachbarstaaten wird man solche Versuche der Integration anderer Religionen und Völker vergeblich suchen. Seit Jahrhunderte ansässige Juden werden vertrieben und drangsaliert, wie Najem Wali am Beispiel Iraks eindrucksvoll beschreibt, wo einmal 150000 Juden für ein reges kulturelles Leben sorgten. Aber als zahlreiche Juden getötet wurden und ihre Geschäfte geplündert wurden, entschlossen sich viele, das von der irakischen Regierung 1951 erlassene Gesetz zur Aufgabe der Staatsbürgerschaft und zur »freiwilligen« Ausreise anzunehmen. Integrationswillige Juden hatten im Unterschied zu den Palästinensern von 48, die damals die israelische Staatsbürger annehmen konnten, in der Regel keine Chance, in einem arabischen Land ohne Gefahr für sich und ihre Familien zu leben. Das lässt der Totalitätsanspruch der Islamisten nicht zu.

Und dann gibt es noch den historischen Rechtsanspruch, an dem auch die Religionen kranken, die so unsinnige Dinge vorschreiben, wie zum Beispiel keine schuppenlose Flussfische oder kein Kaninchenfleisch zu essen. Das könnten die Religiösen ja auch ruhig tun, aber leider belassen sie es nicht dabei. Immer wieder verweisen sie auf irgendein Papier oder irgendein Symbol, das angeblich unwiderlegbar »das historische Recht einer Religion und ihren Anspruch auf diesen Ort« beweist.

Vielleicht vernachlässigt Najem Wali in seinen Exkursionen die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte, aber seine weit in die Vergangenheit schweifenden Geschichten über religiösen und politischen Fanatismus haben eine eindeutige Botschaft: der Frieden im Nahen Osten scheitert vor allem an den arabischen Fundamentalisten, die kein Miteinander wollen, sondern glauben, jeder müsste nach ihrer Façon glücklich werden. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, aber der Zugang zu ihr durch Walis epische Erzählungen ist ein anderer, denn seine Sicht ist nicht ideologisch getrübt, sondern er ordnet alles der entscheidenden Frage unter: Wo haben die Menschen trotz aller Vertreibung die Möglichkeit, normal miteinander zu leben.

Najem Wali, »Reise in das Herz des Feindes. Ein Iraker in Israel«, München 2009.

Die Wahrheit über den 23. Spieltag

Hoffnung hatte ich mir vorher keine gemacht. Die Stuttgarter schwimmen mit ihrem immer leicht nach »Hä?« aussehenden Trainer Babbel auf einer wenig nachvollziehbaren Erfolgswelle, und die Dortmunder sind die letzten, die eine solche zu brechen in der Lage sind. Still und in mich gekehrt kauerte ich also in der Milchbar, einer kleinen Hölle der Depression und Skepsis. Nicht umsonst befindet sich dort die Hochburg der BVB-Fans, denn wie einer anmerkte, als Bayern-Fan würde er nicht zurechtkommen, denn mit dieser Leidensbereitschaft kann man nicht Anhänger eines erfolgreichen Vereins sein. Höchstens in der Rückrunde hätte es sich auch als Bayern-Fan mit der psychischen Disposition eines BVBlers aushalten lassen, denn da hatte Bayern auch nicht viel mehr Punkte als Dortmund sammeln können. Das hat sich nun geändert. Dennoch nahm ich erstaunt zur Kenntnis, daß die Dortmunder gegen den VfB die aktiveren waren, und zwar nicht nur in dem Sinne, wie es früher in der Werbung hieß: »Nimm eine Aktive!«, denn Eleganz war bei den Dortmundern nicht zu entdecken. Bei den Stuttgartern allerdings auch nicht. Angeblich lag es am Rasen. Das konnte ich nicht verifizieren. Ich weiß aber, daß es bei Kringe bestimmt nicht am Rasen liegt. Der müßte ihm bei seiner Spielweise als Fußballmalocher eher entgegenkommen. Und das wissen alle in der Milchbar. Kringe war es dann auch, der unbedrängt den Ball auf seinen Kopf kriegte, ohne daß er imstande gewesen wäre, das Leder irgendwie zwischen die Pfosten zu lenken. Wie man das richtig macht, kann er sich bei den Bayern angucken, die fast jeden in den Strafraum segelnden Ball versenkten. Gott sei dank wurde der Mann mit der ausgewachsenen Krise zur Pause ausgewechselt, aber da war es schon zu spät. Und leider muß man konzedieren, daß Gomez den Unterschied ausmachte, denn in diesem zwar schnellen, aber von einer hohen Fehlpaßquote geprägten Spiel behielt er im entscheidenden Moment die Übersicht, während sein Gegenspieler Subotic sich sowieso einen ziemlich gebrauchten Tag hatte andrehen lassen. Wenigstens spielte Dede nach langer Zeit wieder mit und bewies auch gleich seine Qualitäten als Gummimännchen, der in jeder Lage den Ball aus der Gefahrenzone und nach vorne mehr zustande bringt als sein Gegenüber Lee. Hoffenheim befindet sich mit dem 2. torlosen Remis in Folge zur Zeit auf den Spuren von Arsenal London, die das viermal hintereinander geschafft haben. Gegen Bremen traf der von der Weser ausgeliehene Sanogo gleich dreimal den Pfosten. Dieses Kunststück muß ihm erstmal jemand nachmachen. Vielleicht hätte jemand für ihn die Tore breiter machen sollen, merkte Rangnik mit ungewolltem Sarkasmus an. Der HSV verlängert seinen Abwärtstrend, während Gladbach gegen den um die Schale mitspielenden HSV mit einem spektakulären 4:1 aus den guten Leistungen der letzten Wochen endlich mal Kapital schlägt. Auf Schalke kriselt es, weil es nur ein maues 1:0 gegen Köln gab, Wolfsburg schleicht sich still und leise in die Vierer-Bande, die alle mit 42 Punkten den Spitzenreiter verfolgen, und der heißt lustigerweise Hertha BSE, ein Verein, der so völlig ohne Charisma und Charme ist, daß der Titel nicht länger ausgeschlossen werden kann. Aber nein, das wäre wirklich lächerlich. Nur wenn Hertha in der folgenden Saison abstiege, könnte ich mich unter Umständen damit anfreunden. Aber wer gibt einem darauf schon eine Garantie?

Die Wahrheit über den 22. Spieltag

Langsam wird die Remis-Serie der Dortmunder unheimlich. Immerhin sah man den Schwarzgelben an, daß sie sich für die Blamage im Hinspiel revanchieren wollten. Und da Hoffenheim weiter oben mitspielen will und außerdem sowieso offensiv ausgerichtet ist, ergab sich ein rasantes, schnelles Spiel, dem nur eins fehlte: die Tore. Aber wer soll die schon bei Dortmund schießen? Zidan bewies einmal mehr seine exzellenten Qualitäten im Verssieben von scheunentorgroßen Chancen. Es war schon ziemlich unfaßbar, und ich kennen nicht wenige, die ihn dafür am liebsten an die Wand genagelt hätten. In der Zeitlupe konnte man immer wieder zähneknirschend bewundern, wie ihm allein vor dem Schlußmann alle Möglichkeiten offenstanden und wie er sich dafür entschied, ihn anzuschießen. Das muß man erst mal schaffen. Viele Spieler in der Liga würden das nicht so genial hinkriegen. Immerhin bemühte er sich und rannte sich die Seele aus dem Leib, eine Vorbedingung für Klopp, auf dem Platz stehen zu dürfen, und deshalb hat Dortmund mit Valdez und Zidan zwei Spitzen, die in der gegnerischen Hälfte wie aufgeregte Hühner herumflattern und deren einzige Zuverlässigkeit darin besteht, den Ball nicht im Tor unterzubringen. Aber stop! Das ist ungerecht, ich weiß, aber was ist schon gerecht im Fußball? Schließlich will man gewinnen, und wenn solche Nieten einen möglichen Sieg verhindern, dann kann es schon mal sein, daß mir die Lust für einen ausgewogenen Kommentar vergeht. Aber schließlich murkste nicht nur ein Zidan auf dem Platz herum, sondern auch Schiedsrichter Fandel, der von einer ähnlichen Blindheit geschlagen war, denn bereits in der 4. Minute trat der Hoffenheimer Teber den kleinen Dortmunder Mittelfeldflitzer Hajnal brutal nieder, ohne dafür rot zu sehen, ja nicht mal gelb, wie überhaupt Hoffenheim die Zweikämpfe ziemlich fies und verbissen führte und meist an der Grenze des Zumutbaren, und schon allein deshalb hätten sie eine ordentliche Niederlage verdient gehabt. Statt dessen verteilte Fandel paritätisch an Weis und Kehl rote Karten für einen vergleichsweise harmlosen Zweikampf. Fest steht jedenfalls, daß Dortmund z.Z. gegen eine einigermaßen gefestigte und gut spielende Mannschaft über ein Unentschieden nicht hinauskommt. Vermutlich auch nicht gegen die Stuttgarter und Hannoveraner, die gerade in Schwung kommen. Leverkusen hat das in der Niedersachsenhauptstadt schon mal zu spüren bekommen und sich mit einer Niederlage gegen 96 aus dem Rennen verabschiedet. Hertha hingegen hatte wieder mal mehr Glück als Verstand. Und wenn man den Trainer nach dem Spiel aufatmen sah, wußte man, daß der Sieg schwer erzittert worden war, und das zu Hause gegen den Tabellenletzten Gladbach. Souveränität sieht anders aus. Ein Witz wäre es deshalb, wenn diese für unattraktiven und taktischen Fußball stehende Mannschaft zur Champions-League stolpern würde, nur weil die Konkurrenz noch dämlicher ist. Daß es in der oberen Tabellenregion so eng zugeht, ist nicht Ausdruck der Stärke der Liga, sondern ihrer Schwäche, denn dort oben regiert mit reiner Willkür Meister Zufall.