Archiv für den Monat: April 2009

Die Wahrheit über den 29. Spieltag


Er wäre ein so schöner Schwiegersohn gewesen, der smarte Herr Klinsmann mit dem Sunnyboylächeln, aber dann entpuppte er sich in der Welt des Bayernfußballs, in der nur Punkte und Titel zählen, als Versager. Irgendwie hatte ich Mitleid mit Uli Hoeneß, als er zusammengesunken auf der Bank saß, den Blick tief in den Boden gebohrt, während Ribery – nach dem Frustfoul vom Platz gestellt – an ihm vorbeilief und mit seinem Abgang auch Hoeneß‘ letzter Traum von der Meisterschaft geplatzt war. Und das ausgerechnet gegen Schalke, die bislang als zuverlässige Punktelieferanten nach München gekommen waren. Schalkes Keeper Manuel Neuer imitierte sogar Kahn und kämpfte nach Abpfiff mit der Eckfahne, aber es gab keinen Meistertitel zu feiern, sondern nur einen mageren 1:0-Erfolg. Diese symbolische Handlung machte Neuer nicht sympathisch und zeigt nur, daß es im Fußball einige Spieler gibt, die im normalen Leben als Sonderlinge abgestempelt werden würden. In Münchens Welt des Schickeriafußballs aber stimmt nichts mehr. Der Frust könnte sich in den Kader hineinfressen und ihn sprengen. Möglich sogar, daß Bayern auf Platz 4 rutscht und damit sogar die Champions-League verpaßt. Fragt sich jetzt nur, ob Bayerns Bosse hektisch die Reißleine ziehen oder die Saison in trauter Eintracht mit Klinsmann abschreiben. In beiden Fällen machen sie keine gute Figur. Aber auch bei einem der direkten Konkurrenten um die CL-Plätze ist der Wurm drin. Gegen Bremen aus dem Pokal geflogen, gab es auch in Dortmund nichts zu holen. Und sofort lagen beim HSV die Nerven blank. »Der hat bestimmt zu Hause nichts zu sagen«, gab Mathijsen eine eigenwillige Erklärung darüber ab, daß der Schiedsrichter seiner Meinung nach für den BVB gepfiffen hatte, aber der als Beleidigung gedachte Vorwurf funktioniert nicht mal, wenn die Frau des Bankkaufmanns Kempner Fan vom BVB gewesen wäre, oder vom HSV. Herr Kempner meinte aber dennoch richtigstellen zu müssen, daß er sehr wohl etwas zu Hause zu sagen habe. Derart tiefenpsychologische Debatten werden von den Spielern geführt, weshalb man froh sein kann, daß es auch noch Fußball gibt, und da hatten die Dortmunder die Nase um mindestens zwei Längen voraus. Sahin ragte endlich so heraus, wie ich es mir immer erhofft habe und weshalb Arsene Wenger ihn nach London holen wollte. Er spielte einen hohen Paß präzise wie ein Schweizer Uhrwerk in den freien Raum auf Kehl, der den Ball direkt und elegant, wie man es bei Kehl zu allerletzt vermutet, durch die Beine von Rost ins Tor bugsierte. Eine zauberhafte Szene. Dieser Treffer wurde nur getoppt von einem Befreiungsschlag eines Karlsruhers von der Mittellinie aus und in höchster Not. Der Ball senkte sich über Leverkusens Adler, der gerade am Sechzehner stand und in aller Ruhe den Gang des Spiels verfolgen wollte. Und damit ist auch Leverkusen ins Niemandsland abgerutscht, während sich bei Karlsruhe das Pech in unverschämtes Glück verwandelt hat und Eduard Becker wieder Hoffnung schöpft, denn er hat Anschluß an den Vorletzten gefunden. Und Marcel Reif hat sich auch wieder zu Wort gemeldet: »Du säufst zu viel!« schnauzte er ins Mikrophon, und Millionen Premiere-Gucker zuckten zusammen und dachten: »Oh Gott, woher weiß er das?« In Dortmund hingegen denken die BVB-Fans immer noch: »Marcel Reif ist schwul.« Und woran hat Marcel Reif gedacht? »Scheiße, wieder den falschen Knopf gedrückt.« Kann ihm denn jemand mal erklären, wo das Mikro auf stumm gestellt wird? Obwohl? Lieber doch nicht.

Die Wahrheit über den 28. Spieltag


Ich hatte auf dem taz-Kongreß mein BVB-Abzeichen am Revers. Von verschiedenen Seiten wurde mir hochachtungsvoll Reverenz erwiesen. Ein geknickter KSC-Fan gratulierte mir, und auch ein Frankfurt-Fan faßte mich an, um etwas von dem Glück des Erfolgs abzubekommen. Das war nicht immer so, aber kaum hat man viermal hintereinander gewonnen, steigt man erheblich im Wert. Dabei hatte ich mir keine großen Hoffnungen gemacht, als ich den dunklen Tempel des Schicksals namens »Milchbar« betrat, wo die Stimmung zwischen haltlosem Optimismus und grüblerischen Skeptizismus hin- und herschwankt, zwischen schreiender Euphorie und bierseliger Wonne. Jedenfalls ist Bochum ein unangenehmer Gegner (eine Aussage, bei der ich zugebe, daß sie auch von Beckenbauer stammen könnte, was nur beweist, daß die sprachlichen Möglichkeiten, über Fußball zu sprechen, limitiert und banal sind, wenn nicht sogar Banane), denn in der Rückrunde hatten der VfL eine Menge Auftrieb und in Bochum setzt das Gift eines Revierderbys zusätzliche Energien frei, wie man im Spiel gegen Schalke sehen konnte, als trotz vieler Verletzter die Gelsenkirchener in einem aufopferungsvollen Kampf niedergerungen wurden. Das war das mindeste, worauf man gefaßt sein mußte, und ich war mir nicht sicher, ob Dortmund wirklich darauf eingestellt war. Überraschenderweise waren sie es. Auch wenn sie zwei Glückstreffer zum Sieg brauchten, er war in jedem Fall hochverdient, denn Dortmund hatte noch zwei zusätzliche Treffer, die andere Schiedsrichter vielleicht gegeben hätten. Und schon wieder passierte ein Wunder, denn Valdez machte nicht nur das entspannende Tor zum 2:0, sondern er machte auch gleich das Tor des Monats, einen sensationellen Schlenzer über den Torwart ins rechte obere Eck, an den ich mich gar nicht satt sehen konnte und der die Milchbar zum Kochen brachte. Nur schade, daß Schalke auch schon wieder gewonnen hat und den Dortmundern in der Tabelle immer noch vor der Nase herumtanzt. Cottbus hatte einen so unterirdischen Auftritt in Gelsenkirchen, daß die Spieler den mitgereisten Fans das Eintrittsgeld zurückerstatten wollen. Das ist mal eine gute Idee und es wäre schön, wenn dieses Beispiel Schule machte, zumindest würde es den Reichtum ein wenig von oben nach unten verteilen und dagegen wäre ja nichts einzuwenden. Wäre nur die Frage, wer darüber entscheiden würde, ob ein Spiel das Eintrittsgeld wert war oder nicht. Ich glaube, eine Instanz wie ich, der mit großer und objektiver Willkür darüber entscheiden würde, wäre dafür am besten geeignet. Obwohl Wolfsburg unter tätiger Mithilfe des Schiedsrichters gegen Leverkusen gewann, würde Magath sein Geld auf Meister Bayern setzen, die auch nicht gerade überzeugend ein 1:0 erwürgten, welches immerhin zur Folge hatte, daß sich Klinsmann und Hoeneß überglücklich in den Armen lagen und sich festhielten, als würde es sich um den wichtigsten Sieg der Vereinsgeschichte handeln. Dabei war es doch nur Arminia Bielefeld.

Steinmeier, Frank-Walter

Okay, der Mann ist mit einem Doppelvornamen gestraft, der wirklich hart ist. Frank-Walter! Ich meine, wie soll man mit einem Mann Zärtlichkeiten austauschen, ihn eventuell sogar küssen, wenn er Frank-Walter heißt? Küß mich, Frank-Walter? Wem käme sowas denn glatt über die Lippen, ohne daß die Libido sofort zusammenschnurrt? Gibt es eigentlich Frauen, denen sowas egal ist? Die »Frank-Walter, ich liebe dich« sagen und dabei nicht an Eigenheim, Autoversicherung und Rentenvorsorge denken? Wie gemein müssen die Eltern gewesen sein, als sie sich neun Monate lang überlegten, welcher Name wohl am sperrigsten, lächerlichsten und deutschesten klingen könnte und dann auf Frank-Walter kamen? Man kann sich richtig vorstellen, wie Frank-Walter in der Schule wegen seines Vornamens gehänselt wurde, wie jedesmal, wenn Frank-Walter vom Lehrer aufgerufen wurde, die ganze Klasse kicherte. Das muß eine harte Zeit gewesen sein. Und dafür rächt sich Frank-Walter Steinmeier jetzt.

»Mein Deutschland« heißt das Buch, und darüber steht Frank-Walter Steinmeier und wiederum darüber ist ein Foto von ihm abgebildet, das über die Hälfte des Covers einnimmt. Auf dem grinst er leicht, ein Grübchen hat sich in die linke Wange gebohrt. Und wenn man sich fragt, warum Frank-Walter Steinmeier so zufrieden satt wie ein fetter kastrierter Kater aussieht, dann muß man nur auf das besitzanzeigende Wörtchen im Titel gucken. Er hat es sich allerdings nicht unter den Nagel gerissen wie Gerhard Schröder, der karrieregeil an den Toren des Kanzleramts rüttelte und rein wollte. Nein, Frank-Walter Steinmeier ist als Schlaftablette zur Welt gekommen und als Schlaftablette ist er Außenminister geworden. Niemand kannte Frank-Walter Steinmeier. Plötzlich war er Außenminister. Aber auch als Außenminister ist er nur Politikexperten bekannt. Jetzt will er auch noch den Beweis antreten, daß er es als Schlaftablette ins Kanzleramt schafft. Und die Chancen stünden gar nicht so schlecht, wenn da nicht schon eine Trantütin wohnen würde. Während Joschka Fischer immer noch Reaktionen hervorruft, wie beispielsweise bei Harry Rowohlt, der jedes Mal, wenn er dessen Namen im Fernsehen hört, aufspringt und »Arschloch« ruft, käme bei Frank-Walter Steinmeier niemand auf die Idee, so ein Engagement an den Tag zu legen. Frank-Walter Steinmeier ist die Verkörperung für die vollkommene Profillosigkeit der SPD, der Beweis, daß es noch farbloser und unsexier geht als mit Angela Merkel. Ihm sieht man bei jedem Statement an, daß er nichts zu sagen hat und daß er das auch so zu vermitteln weiß, d.h. er bemüht sich erst gar nicht, etwas anderes vorzutäuschen. In seiner Mittelmäßigkeit baut sich ein unerschütterliches Selbstbewußtsein auf, Frank-Walter Steinmeier fühlt sich als das Mittelmaß aller Dinge. Und deshalb ist Deutschland wie selbstverständlich seins, ihm als dem Mittelmäßigsten aller Mittelmäßigen gebührt die Krone. Den Beweis tritt Frank-Walter Steinmeier mit seinem Buch an.

»Warum jetzt ein Buch?« stellt er – in der lustigerweise »Vorbemerkung des Autor« betitelten Vorbemerkung – die Frage, die sich in der Tat jeder vernünftige Mensch stellen würde. Das aber wäre die falsche Frage, läßt Frank-Walter Steinmeier wissen, weshalb man sich natürlich fragt, warum er die Frage überhaupt aufwirft. Die richtige Frage lautet vielmehr, sagt Frank-Walter Steinmeier: »Warum erst jetzt ein Buch?« Man könnte natürlich noch ergänzen: »Warum überhaupt ein Buch?« Oder: »Warum nicht erst viel später ein Buch?« Aber ich will Frank-Walter Steinmeier nicht ständig unterbrechen: »Die Idee dazu entstand im Jahr 2005, nach dem Ende der rot-grünen Koalition. Damals wollte ich für mich Zwischenbilanz ziehen: Was ist geblieben von unseren Zielen? Wie weit waren wir gekommen bei der Öffnung einer Gesellschaft, die sich in sechzehn Jahren Kohl eingehaust hatte? Aber mein Projekt musste warten. Es kam die Große Koalition, ich wurde Außenminister. Neue Horizonte waren zu vermessen. Der Rhythmus der Arbeit ließ keine Zeit zum Schreiben.« Eine überzeugende Antwort auf all die vorher aufgeworfenen Fragen liefert Frank-Walter Steinmeier damit nicht. Interessant hingegen sind die neuen Fragen, die in der »Vorbemerkung des Autors« auftauchen. Was nämlich hat es mit der sich eingehausten »Öffnung einer Gesellschaft« auf sich? Diese Frage erscheint mir umso wichtiger als wegen dieser eingehausten Öffnung Frank-Walter Steinmeiers Projekt warten mußte. Meinte Frank-Walter Steinmeier vielleicht »einrichten«? Aber kann sich eine Öffnung einrichten? Oder ist die Öffnung im Haus und kann nicht raus? Oder ist Kohl einfach gegangen und hat die Haustür offen gelassen?

Befriedigende Erklärungen sind das alles nicht, ich weiß, aber niemand soll schließlich sagen, ich hätte mir keine Mühe gegeben. Aber solchen rätselhaften Andeutungen stehen auch erfreulich klare Aussagen gegenüber wie »Ich wurde Außenminister«. Ich erwähne das nur aus Gründen der Ausgewogenheit, und auch deshalb, weil man sich daran immer wieder erinnern muß. Dann wiederum stößt Frank-Walter Steinmeier auf »neue Horizonte«. Ein interessantes Phänomen. In der Regel gibt es nämlich immer nur einen Horizont, und der ist immer derselbe. Es kann auch einen anderen geben, neu hingegen ist der Horizont nie. Da niemand Frank-Walter Steinmeier zutraut, daß er aus Gründen der Trunkenheit mehrere Horizonte sieht, scheint etwas anderes in ihm vorzugehen, etwas unergründliches. Auch daß er diese Horizonte vermessen will, ist ein durchaus eigenartiges Vorhaben. Selbst wenn sich ein Horizont tatsächlich messen ließe, was hätte man davon, wenn man wüßte, wie lang er ist? Will Frank-Walter Steinmeier den Horizont in seine kleine quadratisch, praktische Welt einpassen? Je länger man darüber grübelt, desto merkwürdiger erscheint einem das Verhalten von Frank-Walter Steinmeier. Da ist es eher eine Petitesse, daß Frank-Walter Steinmeier nicht durch seine Arbeit vom Schreiben abgehalten wurde, sondern vom »Rhythmus der Arbeit«, was logisch nur den Schluß zuläßt, daß Frank-Walter Steinmeier einfach ein bißchen langsam ist, so daß einfach keine Zeit für andere Dinge bleibt. Diese Vermutung ist zwar naheliegend, haut aber nicht hin, weil Frank-Walter Steinmeier sowieso sein Buch nicht selber verfaßt hat, sondern es sich von Thomas E. Schmidt hat schreiben lassen. Das ist der »Korrespondent im Hauptstadtbüro der Wochenzeitung Die Zeit«. Eine grandiose Symbiose. Aber auch erschreckend: Verdienen die Journalisten bei der Zeit jetzt schon so wenig, daß sie nebenher noch was mit Ghostwriting dazu verdienen müssen?

Die Wahrheit über den 27. Spieltag

Als Hertha beim heiß gehandelten Abstiegskandidaten Hannover 96 mit einem 2:0 die dritte Niederlage in Folge einstecken mußte und der Zopfträger Voronin in der 89. Minute mal schnell noch jemanden über die Klinge springen ließ, um mit dem 1000. Rot der Bundesligageschichte wenigstens in die statistischen Annalen einzugehen, da trat Dieter Hoeneß vor die Kamera und sagte, es müsse jetzt wieder Ruhe einkehren im Verein und bei den Spielern. Ist das Erreichen eines der ersten fünf Plätze eine Frage der Ruhe? Das war mir neu. Jedenfalls konnte ich mich nicht erinnern, daß schon mal ein Verein Meister wurde, bei dem am wenigsten los ist. Dieser Logik zufolge müßte Bielefeld eine beeindruckende Schalensammlung vorzuweisen haben. Diesmal allerdings ist die Sorge berechtigt, daß ein Verein Meister wird, der nichts zu bieten hat außer das nackte Grauen der Provinz und eine Bahnhofsbäckerei, die nach Spielschluß ganz schnell zu macht. Am erträglichsten ist Wolfsburg, wenn man schnell mit dem ICE durchfährt, aber jetzt besteht tatsächlich die Möglichkeit, daß dieser Verein Meister wird. Wenn Bild nicht so weichgekocht wäre, würde sie titeln: »Eine Schande für Deutschland!« Spieler halten es dort nur aus, weil sie in einer Stunde in Berlin sind. Und weil die Brasilianer sowieso eine religiöse und familiäre Schacke haben. Hingegen bewundere ich Felix Magath immer mehr. Ob Wolfsburg jetzt Meister wird, weil sie in Gladbach sehr glücklich gewonnen hatten, wurde der Meister des Understatements gefragt, worauf Magath antwortete: »Wenn man ein solches Spiel gewinnt, hat man drei Punkte mehr.« Und wenn man lange genug die Bundesliga verfolgt, erscheint es einem so, als würde jeder Kommentar aus solchen Hermann-Hesse-Perlen bestehen. »Wir müssen weiter Punkte sammeln«, hatte Jürgen Klopp in Eichhörnchenmanier von sich gegeben. Daß jemand dringend Punkte abzugeben hätte, habe ich noch nirgends vernommen. Nur einmal tief in der Provinz, womit jetzt nicht Wolfsburg gemeint ist, hörte ich einen Spieler der bereits mit sechs Toren zurückliegenden Mannschaft trotzig sagen, daß man ja gar nicht gewinnen, sondern nur nicht so viele Tore kassieren wollte. In der Bundesliga jedoch gibt es niemanden, der Punkte zu verschenken hätte, und dennoch wird es immer wieder getan, wie man anschließend der Presse entnehmen kann. Diesmal tat dies Eintracht Frankfurt in München. Vermutlich ging es den Frankfurtern ähnlich wie der Provinzmannschaft. Man versuchte lediglich, nicht allzu sehr unter die Räder zu geraten. Bayern hatte einiges wiedergutzumachen, z.B. die Tränen, die Udo Lattek in Barcelona vergossen hatte. Da wollte Friedhelm Funkel kein Spielverderber sein, dabei hätte er Geschichte schreiben können, denn Klinsmann wäre nach einer erneuten Blamage nicht mehr zu halten gewesen. Langsam dämmert es sogar so Spätzündern wie Günther Netzer, nämlich daß Klinsmann der größte Schaumschläger im Trainergewerbe ist. Daß er damit die Bayern-Bosse auf grandiose Weise reingelegt hat, muß man ihm allerdings als wirklich großes Verdienst anrechnen.

Die Wahrheit über den 26. Spieltag

Die zu Hertha konvertierte ehemalige BVB-FanIn Michaela erwartete von mir allen Ernstes, daß ich ins Berliner Stadion gehen würde, um den albernen Zopfträger Voronin anzufeuern. Sie flehte mich an, ja sie versuchte es sogar mit einem Argument: »Du kannst ja wohl nicht wirklich wollen, daß die Bayern schon wieder Meister werden.« Warum nicht, sagte ich eiskalt. Und wenn die Dortmunder schon im Mittelfeld herumtümpeln, dann können sie wenigstens mal wieder einen Meisterschaftskandidaten stürzen. Tatsächlich ist mir der eine wie der andere aus der Viererbande, die z.Z. die Meisterschaft unter sich auszuficht, vollkommen unsympathisch. Am liebsten wäre mir da noch Hoffenheim gewesen, aber die haben sich mit einer Niederlage in Hamburg endgültig aus dem Rennen verabschiedet, denn es klebt ihnen das Pech wie nix Gutes an den Füßen. Was in der Vorrunde wie am Schnürchen klappte, haut trotz drückender Überlegenheit einfach nicht mehr hin, während die Hamburger ein Schweineglück hatten. Obwohl meine Aversion auf alle vier Mannschaften in der Spitze paritätisch verteilt ist, gefiel es mir doch ziemlich gut, daß die Bayern in Wolfsburg so unter die Räder kamen, und was Grafite mit dem sagenhaften Hackentor gelang, das hatte Magath im Vorfeld bereits vorbereitet. Die Mannschaft, das Umfeld, die Stadt, einfach alles sei bei den Bayern besser als in Wolfsburg, sagte er und nippte an seinem Tee, es wäre ihm außerdem völlig gleich, ob er gegen die Bayern, den HSV oder Leverkusen gewonnen hätte. Das waren sehr schöne Spitzen gegen Hoeneß. Und als er schließlich den nicht verletzten Torwart auswechselte, um dem Ersatzmann angeblich eine Einsatzprämie zu verschaffen, knirschten die Bayern mit den Zähnen und van Bommel protestierte beim Schiedsrichter, als ob der die Auswechslung aus Gründen der Demütigung hätte unterbinden können. Schön an der Niederlage war, daß die Bayern an ihrem Ehrgeiz in Gestalt Lucios gescheitert sind, der sich nicht auswechseln lassen wollte, obwohl er nur noch humpelte, weshalb die Wolfsburger zwei Treffer erzielten. So souverän war der Sieg der Dortmunder in Berlin leider nicht, aber er fühlte sich viel schöner an, denn der BVB brachte Hertha die zweite Niederlage hintereinander bei, beendete zudem eine Serie von zehn Heimsiegen in Folge und stürzte den von den Berliner Medien bereits zum heißen Anwärter auf den Titel gekürten BSE-Verein. Klopp gab eine neue Parole aus: Jetzt hieße es, fleißig Punkte zu sammeln. In dieser Mission sind die anderen Vereine ebenfalls unterwegs, weshalb dieses Konzept nicht wirklich etwas neues enthält. Aber vielleicht gelingt es den Dortmundern ja tatsächlich mal, die Vorgaben des Trainers zu erfüllen. Immerhin ist Kuba zurückgekehrt, und auch wenn er noch nicht glänzen konnte, so beruhigte allein schon der Name in der Mannschaftsaufstellung. Und ein Wunder geschah auch: Valdez traf. Natürlich aus einer völlig harmlos erscheinenden Situation heraus und zufällig, jedenfalls sah es nicht so aus, als ob es beabsichtigt gewesen wäre, aber wer fragt nach dem Spiel schon danach? Außer mir natürlich.

Nicht ohne meinen Oskar

Bob Dylan in der Max-Schmeling-Halle

Als die Bühnenbeleuchtung an ging und die ersten Akkorde angeschlagen wurden, mußte ich Dylan erstmal suchen. Ich stand weit hinten und sah zwei verhutzelte Männchen, die beide Dylan hätten sein können. Links standen drei mehr oder weniger unbewegliche Gestalten mit schwarzen Anzügen, schwarzen Hüten und mit Gitarren in den Händen. Auch Dylan hatte einen Hut auf, der ein bißchen so aussah wie der von Buster Keaton, nur die Krempe war breiter und flach. Er trug ein Jackett, das ein paar Nummern zu groß war und wie ein Modell von Chanel aussah. Er stand breitbeinig am Piano und seine Stimme zerschredderte wie ein verrosteter Motor im Endstadium gnadenlos die Stille einer Vorgartenstadtsiedlung. Es ist nicht mehr das Stimmchen, bei dem sich früher alle wunderten, daß sich jemand mit ihr auf die Bühne wagte, um zu singen, sondern eine rauhe, harte, knarzende Stimme, der man anmerkte, daß sie von jemanden kam, der schon alles gesehen hatte, eine Stimme wie die von Humphrey Bogart, der eine Menge Whiskey und Zigaretten investiert hatte, damit sie so klang wie die von Dylan an diesem Abend. Er wechselte sich mit einer Mundharmonika ab, die sich wie eine Kreischsäge in die Ohrgänge hineinbohrte, aber damit nicht allein war, denn auch die blechernen und schnörkellos dissonanten Gitarrenriffs starteten immer wieder fiese und überraschende Angriffe auf die noch nach Orientierung suchenden Sinne.

Ich war schwer mit der Frage beschäftigt, was da über mich hereinbrach. Klar, die Akkustik der Halle mag für einen Boxkampf geeignet sein, aber nicht für ein Konzert, bei dem es möglicherweise um etwas mehr geht als um den Endsieg über das Publikum, indem sämtliche Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufgedreht sind. Ich konzentrierte mich darauf, das ein oder andere Lied zu identifizieren, aber wenn mir mal was bekannt vorkam, machte es Dylan einem nicht gerade einfach, es zu erraten. Das ist für Kenner jedoch kein Problem, und von denen gab es eine Menge, z.B. meine Neffen, von denen ich erfuhr, daß Dylan kein Stück seiner demnächst erscheinenden Platte gespielt hat, die Stücke allerdings schon besser dargeboten worden waren, denn die Neffen haben Dylan immerhin schon um die 20 Mal gesehen, während ich Dylan zugekokst bis zu den Haarwurzeln zuletzt vor über 30 Jahre gesehen habe, als er zusammen mit The Who auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände auftrat.

Aber das ist nichts gegen die absoluten Dylan-Freaks, die seit Jahrzehnten nichts anderes tun, als Dylan hinterherzufahren und sich dabei mit dem Verkauf von selbst hergestellten Dylan-Devotionalien über Wasser zu halten. Von meinen Neffen erfuhr ich weiterhin, daß Dylan an diesem Abend gut gelaunt gewesen sei, immerhin habe er sich mehr bewegt als sonst, während ich von der Askese des Auftritts schwer beeindruckt war, denn mit keinem Wort hatte er sich ans Publikum gewendet, es weder begrüßt noch sich verabschiedet. Nur seine Musiker hatte er kurz vorgestellt, aber das hatte ich nicht verstanden, wie an diesem Abend sowieso niemand auch nur ein Wort von dem Geknarze verstanden haben dürfte.

Am Ende einer genau kalkulierten Zugabe standen die Musiker aufgereiht nebeneinander, nahmen bewegungslos den Applaus entgegen und verzogen dabei keine Miene. Ein merkwürdiges Schauspiel, welches noch bizarrer dadurch wird, als bei jedem Auftritt Dylans Oskar auf der Bühne steht, der vom weißbärtigen Chefroadie sofort nach dem Auftritt wieder in Verwahrsam genommen wird. Vielleicht sind das die letzten kleinen Gesten, mit denen Dylan versucht, seinem eigenen Mythos zu unterlaufen, der ihn zur »Numero Uno, zu THE MAN« (Lester Bangs) gemacht hat und dem er verdankt, daß die Halle voll war mit einem Publikum, das bereits damit zufrieden war, von der Aura einer Legende gestreift worden zu sein und das deshalb großzügig über eine beschissene Akkustik hinwegsah ebenso wie über die Bahnhofsatmosphäre der Max-Schmeling-Halle, denn trotz dieser widrigen Umstände verdrückte meine Lieblingsbuchhändlerin Ulla eine Träne bei »Workingmans Blues«. Ich hingegen hatte den Song gar nicht erkannt.