Archiv für den Monat: Mai 2009

Die Wahrheit über den 34. Spieltag

Eine Überraschung war es nicht mehr, denn die Bremer waren von dem 120-minütigen und ziemlich nervig-langweiligen Uefacup-Finale einfach platt und frustriert. Es hätte der größte Erfolg der Vereinsgeschichte werden können und dann wurde es eine große Pleite, denn Bremen spielte unterirdisch, und in der Liga ging es sowieso um nichts mehr. Für Wolfsburg war es also keine große Sache mehr, aber dass sie Bremen gleich mit 5:1 deklassierten und Dzeko und Grafite mit zusammen 54 Treffern den alten Torrekord von Müller und Hoeneß einstellten, und das in einer Zeit, in der es ja nicht mehr so einfach ist wie Anfang der siebziger Jahre, das war dann doch etwas überraschend. Vorhersehbar ist es allerdings, dass Wolfsburg nach dem Weggang von Magath und mit dem neuen Trainer Armin Veh in der CL nur ein kurzes Gastspiel geben wird. Alle anderen Vereine jedoch auch. Hertha, die immerhin noch die Chance auf die CL hatte, wenn München und Stuttgart Remis gespielt hätten, unterstrich das noch einmal in einem sagenhaft schlechten Spiel und verlor beim Absteiger Karlsruhe mit 4:0, denen die späte Rückkehr in die Erfolgsspur jedoch nicht mehr reichte, weil Leverkusen, von denen man annahm, sie würden ganz oben mitmischen, mit einem 3:0 in der Lausitz seinen Beitrag zum Aufbau Ost leistete. Vielleicht gibt es ja zwischen Leverkusen und Cottbus eine Städtepartnerschaft. Passen würde es, denn Leverkusen kann mit Recht behaupten, das Cottbus des Westens zu sein. Zumindest ist endlich mal das als unabsteigbar geltende Bielefeld weg vom Fenster, denn obwohl sie in dieser Saison ein dankbarer Gegner für den BVB waren, mag die für ihre unattraktive Spielweise berüchtigten Ostwestfalen nicht wirklich jemand. Man muß schon da her kommen, um für diesen Verein etwas zu empfinden. Und deshalb tut es mir nur leid für Herrn Zippert und Herrn Tietz, denn die kommen von da her. Tragisch an diesem Tag war nur, dass Dortmund die Teilnahme an der neuen Euro-Liga im letzten Spiel verbaselt hat. Wie immer, muß man hinzufügen, auch wenn ich diesmal daran geglaubt habe, denn Dortmund hatte einen Lauf und sich vor einer Woche sensationellerweise vor den HSV gedrängt. Aber auch Gladbach brauchte noch einen Punkt, wenn auch nur aus Gründen endgültiger Sicherheit. Und diesen Punkt holten sie sich dann auch, und zwar mit Hängen und Würgen, während Valdez sich wieder als Meister des Chancentods erwies. Und dann hofften die Schwarzgelben wahrscheinlich auch darauf, dass das 2:2 in Frankfurt gegen den HSV halten würde, aber dort schoss Trochowski in der Nachspielzeit noch den Siegtreffer und den HSV ins internationale Geschäft. Dazu passte es dann auch, dass der Treffer aus einer Abseitsposition erzielt wurde. Aber das war nur das Sahnehäubchen, denn im Fußball darf man sich nie auf eine Mannschaft wie Frankfurt verlassen, selbst dann nicht, wenn man weiß, dass Funkel endlich geht und vielleicht Bernd Schuster kommen wird. Letztlich mangelte es an Konzentration, denn aus so spitzem Winkel darf man sich eben kein Tor in der 92. Minute in die Maschen jagen lassen, wie Markus Pröll das tat, der sich für PETA stark macht und für die Hunde in der Türkei einsetzt, denen es sehr schlecht gehe und die – wie Pröll auf dem Römer erklärte – häufig in den Wäldern leben müssen. Auf der anderen Seite ist den Dortmundern ein Öl-Scheich aus Kuweit erspart geblieben, der für den Fall, der BVB hätte es in die Euro-Liga geschafft, ein paar Millionen in den Verein gepumpt hätte. Dagegen wäre nichts einzuwenden gewesen, denn in heutigen Zeiten muss man schließlich das Geld nehmen, das man kriegt, auch wenn es mir schleierhaft bleiben wird, wie man die Dortmunder Fans für potentielle Kuweit-Touristen halten kann. Aber darüber hätte ich mir nicht den Kopf zerbrochen, aber vielleicht hätte dann mal ein etwas attraktiverer Spieler eingekauft werden können als beispielsweise Feulner. Andere, die sich mit der Pleite anfreunden wollten, meinen, vielleicht wäre es ganz gut, dass es ein wenig langsamer gehe, ich aber sage: Schöne Scheiße. Es wäre einfach wieder ein bisschen mehr los gewesen, man hätte vielleicht mal wieder einen Abstecher irgendwo in Europa machen können. Aber jetzt wird der Emir mit dem lustigen Namen Scheich Sabah Al-Ahmed Al-Jaber Al-Sabah seinen Zaster wieder einrollen und Dortmund in der Wüste des Mittelmaßes zurücklassen, denn ob es nächste Saison besser wird, darf man ruhig bezweifeln.

Die Wahrheit über den 33. Spieltag

Es war blöde Gewohnheit, daß ich mich wieder in die Milchbar schleppte, um bei strahlendem Sonnenschein auf eine Leinwand zu starren, auf der die Kugel nur manchmal als weißer Punkt aufblitzte, wo man sie nicht vermutet hatte. Und auch die Spieler liefen irgendwie undeutlich durch die Gegend. Wer macht denn sowas?, würde Fanny Müller fragen und über einen hoffnungslosen Fall wie mich mißbilligend den Kopf zu schütteln. Und das Spiel der Dortmunder zu Hause gegen Bielefeld, die ein Massaker anrichten würden, nur um irgendwie an einen Punkt zu kommen, entsprach zunächst der Bildqualität auf der Leinwand. Bielefeld hatte eine Maginotlinie errichtet und wagte sich mit gelegentlichen Kontern nach vorne, die sogar zu einer grandiosen Torchance führten. Aber was will Bielefeld schon mit einer Torchance, außer sie grandios zu vergeben? Wenigstens darauf war Verlaß. Unzufriedenheit kroch durch die milchig-trübe Milchbar. Die gelegentlichen Dortmunder Torschüsse kommentierte mein Nachbar fachmännisch: »Da kannste ja ne Schnitte hinterherwerfen!« Im übrigen blieb einem nichts weiter übrig, als bei gelegentlichen Fouls der Bielefelder eine dunkelrote Karte zu fordern. Dann ging ein gigantischer Jubel durchs Stadion, der bestimmt nicht durch die ebenso fleißigen wie vergeblichen Bemühungen der Dortmunder hervorgerufen worden war, und sofort machte das Gerücht die Runde, daß Köln in Hamburg mit 1:0 in Führung gegangen war, und das hieß: der BVB hatte im Kampf um den 5. Platz wieder die Nase vorn, wenn, ja wenn sie selber ein Mittel finden würden, eine Bresche in das Arminen-Bollwerk zu schlagen. Darauf deutete nichts hin, auch nicht, als nach einem Freistoß der Ball in den Strafraum segelte und Kehl den Kopf eher dran hatte als Torwart Eilhoff seine Fäuste. Das da eben ein Tor gefallen war, wurde mir erst klar, als die Leute auf den Tischen tanzten und sich knutschten. Und dann war kein Halten mehr, die ostwestfälische Verteidigungslinie brach zusammen und eine knallgelbe Welle nach der anderen schwappte über die armen Arminen herein. Am Ende hatten die Dortmunder mit 6:0 ihren höchsten Sieg seit 13 Jahren erstritten, und ich hatte mir die Stimmbänder ruiniert, die Handfläche brannte mir vom dauernden Abklatschen und die Knie zitterten. In Hamburg stand es immer noch 1:0 für Köln, aber der eindeutig bestochene Schiedsrichter ließ FÜNF Minuten nachspielen! Ich war fassungslos. Und dann geschah das Unglaubliche: In der Milchbar erschallten Daum-Sprechchöre! Aber das ist ja das Schöne am Fußball: Ideologische Verknöcherung gibt es nicht, man bleibt beweglich, geht mit Inbrunst auch mal Koalitionen mit Vollidioten ein, denen man anschließend wieder die Pest an den Hals wünscht, denn der Fan hat ein Elefantengedächtnis und vergißt nicht. Tja, und dann mußte Schiedsrichter Rafati doch abpfeifen. Jetzt hat der BVB ein Endspiel in Gladbach und es selber in Hand, ob man in der nächsten Saison international mitmischt, während der noch vor kurzem mögliche Triple-Gewinner Hamburg plötzlich mit leeren Händen dasteht, was mehr als gerecht ist, denn in der Disziplin Minimalismus ist der HSV Spitzenreiter. Keiner hat mit einem Tor Unterschied so häufig gewonnen wie die Norddeutschen. Auch sonst war der Spieltag ganz nach meinem Geschmack, denn Hertha hatte sich von Schalke nach einem öden Spiel, für das Hertha quasi ein neues Synonym ist, 0:0 getrennt. Und Hoffenheim rächte sich für die Niederlage in letzter Sekunde im Vorjahr gegen Bayern mit einem 2:2, so daß die Chancen auf die Meisterschale nach Bekunden von dem immer mehr und immer tiefere Löcher in den Rasen guckenden Hoeneß auf ca. drei bis fünf Prozent geschrumpft sind, aber das kommt eben davon, wenn man so eine Lusche wie Heynckes verpflichtet. Und Wolfsburg ist nach einer 5:0-Gala in Hannover so gut wie durch, denn am letzten Tag geht es gegen Bremen, die sich vom Uefa-Cup-Endspiel noch nicht erholt haben werden, und zwar egal wie das Finale ausgehen wird. Ein großartiger Witz: Deutscher Meister ist Wolfsburg. In England heißt der Meister ManU, in Italien Inter Mailand und in Spanien Barca. Und Magath geht sogar lieber nach Schalke, weil er weiß, daß er nächste Saison mit Wolfsburg nur eine Bruchlandung hinlegen kann. Das ist schon fast so schön wie der 20. Platz der Deutschen beim Grand Prix. Die Deutschen sind schon ein merkwürdiges Völkchen, überall auf der Welt für einen Lacher gut.

Rost, Frank und Fleischhauer, Jan

Die Kunst dieser Kolumne besteht heute mal darin, die Gemeinsamkeit einer Pflaume und noch einer Pflaume herauszufinden. Beide sind Obst. Das steht schon mal fest. Womit ich jetzt in Ruhe der Frage nachgehen kann, ob sich die beiden PPs (peinliche Promis) noch mehr teilen. Frank Rost ist Torhüter und beim Hamburger SV angestellt. Und immer, wenn ein Spiel zu Ende gegangen ist, stellt sich Frank Rost vor die Kamera und putzt sich den Mund ab. Jedenfalls sagt er das, wenn der HSV verloren hat, oder vor Hamburg Gelsenkirchen und Bremen, wo er auch mal gespielt hat. Dabei guckt er immer sehr verbittert und unglücklich. Solange das Spiel noch läuft, also bevor er sich den Mund abputzt, bleckt er gerne die Zähne und schreit seine Mitspieler an. Ein bißchen wie Oliver Kahn, aber nicht so gefährlich und nicht ganz so irre, weshalb er als Kahn für Arme gilt, denn in die Nationalmannschaft hat er es nie geschafft, wo ihn und sein merkwürdiges Niederlagenritual ein größeres Publikum hätte bewundern können. Aus äußerst geheimnisvollen Gründen gilt Frank Rost als Führungsspieler. Vielleicht weil er so tut, als hätte er eine Meinung, aber dann putzt er sich doch wieder nur den Mund ab, oder sagt so tiefgründige Sätze wie: »Es kann nicht unser Ziel sein, um den 18. Tabellenplatz zu spielen.«
Jetzt hat er sich in der FAS zu Wort gemeldet und behauptet: »Seit Jahren bin ich in einer Schublade.« Niemand hätte das vermutet. Wenn es kein Doppelgänger war, der da für ihn und für den HSV auf dem Fußballfeld zwischen den Pfosten stand, muß ihn jemand zumindest zu den Spielen rausgelassen haben. Was Frank Rost in dieser Schublade gemacht hat, bleibt ein Geheimnis, weil der Reporter dummerweise vergessen hat nachzufragen. Aber das ist ja meistens so bei diesen Journalisten. Wenn es gilt, einem wirklich mysteriösen Vorgang auf den Grund zu gehen, ihn aufzudecken, investigativ nachzufragen, was die sich ja immer gerne auf die Fahnen schreiben, in diesem Fall wurde schmählich versagt. Mich jedenfalls hätte es schon interessiert, was Frank Rost in der Schublade getrieben hat, was das überhaupt für eine Schublade ist und wie es sich darin leben läßt. Ist die Schublade möbliert? Wie kam Frank Rost an seine täglichen Sportmahlzeiten. Wie ließ es sich darin trainieren? Und wie gelingt es ihm, jedes Wochenende rauszukommen, um für die Hamburger Tore reinzulassen wie zuletzt gegen die Bremer, die ihm sowohl den Einzug ins Pokalfinale als auch ins Uefacup-Finale versalzten, was ihn schwer mit den Zähnen knirschen und belfern ließ, daß einige Mitspieler offensichtlich den Anforderungen nicht gewachsen seien? Dabei war er es, dem ein Luschenball durch die Handschuhe flitschte.
All das weiß man nicht und wird es vermutlich nie in Erfahrung bringen. Um vielleicht doch noch etwas über den geheimnisvollen Aufenthaltsort von Frank Rost rauszukriegen, begab ich mich auf der Suche nach sachdienlichen Hinweisen ins Internet und gab seinen Namen ein. Dort wurde ich fündig: »Frank Rost im Wasser? Korrosion in Leitungen? Schnelle, sichere Lösung unter www.frankrost.de«. Offenbar gab es in seiner Schublade mal einen Wasserschaden. Der 2. Eintrag lautete: »Jetzt, kostenlos testen. Frank Rost – Amazon.de Niedrige Preise, Riesen-Auswahl und kostenlose Lieferung ab nur 20 Eur.« Das ging mir jetzt zu weit, denn ich wollte Frank Rost weder umsonst testen, noch ihn für 20 Euro kostenlos geliefert bekommen. Auch die beiden anderen Einträge machten deutlich, daß Frank Rost ein Schnäppchen ist: »Frank Rost Top reduziert: Frank Rost günstig bei spar-links.de« und: »Frank Rost bei eBay: Reihenweise Angebote Frank Rost? Ab zu eBay!« Offenbar handelt es sich bei Frank Rost also um ein Auslaufmodell. Er selbst will das nicht einsehen und trotz des für einen Sportler hohen Alters noch weiter spielen. Solange der HSV wie in dieser Saison alles verspielen will, ist der Verein in der Tat gut beraten, wenn er ihn »Top reduziert« behält.

Auch Jan Fleischhauer hat einen Verein. Der Spiegel heißt sein Arbeitgeber, der schon seit Anfang an in der ersten Liga spielt. Jan Fleischhauer wurde vor einigen Jahren verpflichtet und gehört mittlerweile zur ersten Mannschaft. Dazu muß man ein Buch geschrieben haben, in dem man sich auf mindestens 250 Seiten von der Linken und alles, was damit zu tun hat, distanzieren muß. Eine Art Bekennerschreiben, obwohl man damit keineswegs einen Anschlag legitimiert, sondern nur seine Abkehr dokumentiert. Entstammt man qua Geburt und Elternhaus selber diesem Milieu, kriegt man Pluspunkte, wenn man wortreich und überzeugend versichern kann, daß man echt nix mehr mit denen zu tun hat. Als links gelten bereits die SPD und Die Linke. Eine Verwechslung, die Jan Fleischhauer nicht aufgefallen ist. Aber in seinem Buch darf er sowieso keine neuen Erkenntnisse ausbreiten, die seine Position beim Spiegel schwächen könnten, er muß tapfer weiter behaupten, daß Die Linke links sei, obwohl doch jeder weiß, daß eine Partei, die ihr Profil Lafontaine, Gysi und der Frau mit den gestärkten Rüschenblüschen und den mumifizierten Gesichtszügen verdankt, gar nicht links sein kann. Dann muß man beim Berliner »Edel-Italiener Adnan« eine sogenannte Buchpremiere feiern und sich dabei mit Karl-Theodor zu Guttenberg (37) ablichten lassen, weil der wie ein etwas feisterer Klon von Fleischhauer aussieht. Man muß dann – die Vorschriften für die Aufnahme in die erste Mannschaft des Spiegel sind äußerst kompliziert – folgenden von Bild vorgeschriebenen Gästen die Hände schütteln: »Thomas de Maizière (55, CDU), dem CDU/CSU-Fraktionsgeschäftsführer Norbert Röttgen (43) und dem Junge-Union-Chef Philipp Mißfelder (29).« Außerdem dem stellvertretenden Regierungssprecher Thomas Steg (49, SPD), Sascha Lobo (34, BLOG), Mathias Döpfner (46), Tita von Hardenberg (41), Arnulf Baring (299) und Ildikó von Kürthy (41). (Die Zahlenangabe hinter den Namen beziehen sich übrigens auf die Anzahl der Totalausfälle in der Großhirnrinde). Hat man dieses komplizierte Regelwerk beachtet, dann steht einer steilen Karriere beim FC Spiegel nichts mehr im Wege. Anschließend muß man sich noch den Mund abputzen, aber das ist die leichteste Übung. Und wenn die mit dem Spiegel verschwisterte Bild-Zeitung dann noch attestiert, es habe sich bei dem »Fleischhauer-Menü« um »klein gehackte Linke gewürzt mit Humor und einem Schuss Zynismus« gehandelt, dann hat man es geschafft. Dann ist man der Götz Aly für Arme. Was Frank Rost sonst noch mit ihm gemeinsam hat? Nicht ganz Top-Liga, bei amazon billig zu haben und kostenlose Lieferung über eBay.

Die Wahrheit über den 32. Spieltag

Die Milchbar war bereits eine halbe Stunde vor Anpfiff rappelvoll, die Stimmung war gut, vollgetankt grölten die reichlich enthemmten Jungs BVB-Liedgut vom schlimmsten, warum der Verein nie untergehen wird und daß sie ihn so lieben und die Spieler deswegen auch gewinnen müssen. Nach der Stuttgart-Pleite der Wolfsburger durfte man sich ein wenig Hoffnung machen, aber andererseits ist Wolfsburg nun mal die heimstärkste Mannschaft mit 14 Siegen in Folge. Also blieb ich skeptisch. Das Spiel war wie eine Wiederholung einer Begegnung, der ich vor zwei Tagen in London beigewohnt hatte, als Arsenal gegen Chelsea mit 4:1 unterging, obwohl die Jungs von Arsene Wenger die aktiveren waren, aber Chelsea war unglaublich abgebrüht, ließ Fabregas und Co. einfach machen, dann schnappte sich Essien irgendwann die Kugel und die Kontermaschine lief wie am Schürchen. Ja, ich war im Emirates Stadion und sah Drogba und Lampard aus zehn Meter Entfernung, zweiundzwanzig Halbfinalverlierer, aber dennoch das Nonplusultra, das London zum Zentrum des Fußballs macht. Ich genoß die spontanen Schlachtgesänge, als sich Ashley Cole, der früher mal bei Arsenal spielte und dem man den Wechsel nie verziehen hat, auf dem gepflegten Rasen wälzte, intonierte man fix: »Asley Cole, you fucking ashole.« Ich war schwer beeindruckt. Auch wenn sich in Highbury nurmehr die Mittelschicht für die immer ausverkauften Arsenal-Spiele Dauerkarten leisten kann, das Stadion hat wenigstens eine architektonische Handschrift, was man vom Dortmunder nicht behaupten kann. Die Stimmung ist bei den Schwarzgelben jedoch besser, denn während man in London mit dem 4. Platz unzufrieden ist und Arsene Wengers Aussage, zwei erfahrene Spieler holen zu wollen, mit der Bemerkung quittiert, daß man ja wohl eher elf von dieser Sorte bräuchte, waren die Milchbar-Dortmunder trotz Niederlage guter Laune, obwohl es ja noch um etwas geht. »Meister werden wir wohl nicht mehr«, schrieb man die ins Kraut geschossenen Träume nach sieben gewonnenen Spielen ab, aber immerhin hatte man wieder an den internationalen Plätzen geschnuppert, es ging wieder mal um was, aber gegen den Heimschiedsrichter Wagner aus Hofheim hatte man sowieso keine Chance: »Schiri Wagner ist ein Asozialer, er schläft unter Brücken und im Obdachlosenwohnheim«, sang man voller Inbrunst. Wagner aber mußte sich bei den abgezockten Wolfsburgern nicht sonderlich anstrengen, die einfach nur die Fehler von Subotic und Owomoyela ausnutzten, während man hinten nichts anbrennen ließ, und wenn, dann konnte man sich darauf verlassen, daß Frei die sich bietende Hundertprozentige versiebte. Das Skandalspiel lief in München, wo den Leverkusenern zwei glasklare Elfmeter verweigert wurden. Und auch Hertha gewann nur mit tätiger Hilfe von Herrn Kircher aus Rottenburg, der großzügig einen Handelfmeter für Köln übersah. Den Rest und drei Punkte besorgte der Zufall mittels einer abgefälschten Bogenlampe. Mit diesem Dusel wird man Meister, sagt der Volksmund. Auch wenn die Bayern den reichlich haben, verläßt man sich dort nicht darauf. Lieber sagt man den merkwürdigerweise immer aus den hinterletzten Käffern stammenden Schiris wie Herrn Kinhöfer aus Herne gleich, was sie zu tun haben. Die kann man aus der Portokasse bezahlen, denn die Landpomeranzen sind auch mit wenig zufrieden, die Millionen braucht man für Diego, der bei den Bayern unter van Gaal aber auch nicht glücklich wird.

Wie alles anfing. Die legendäre Reise von Ken Kesey und den Merry Pranksters

Nach ihren ersten Acid-Erfahrungen, kamen die Beatles im Frühjahr 1967 auf die Idee, mit vierzig zugedröhnten Freunden in einem riesigen Schulbus kreuz und quer durch England zu kurven und dabei einen Film zu drehen, der später als »Magical Mystery Tour« im englischen Fernsehen lief. Mit dem dazugehörigen Soundtrack waren die Beatles jedoch gar nicht so innovativ, sondern popularisierten den in Amerika bereits schwer angesagten Acid Rock der Greatful Dead. Und auch die Kreuzfahrt durchs Land war nicht neu. Schon drei Jahre vorher hatten sich Ken Kesey und die Merry Pranksters mit einem bunt angemalten Bus auf den Weg durch Amerika gemacht. Genau der Ken Kesey, der mit »Einer flog übers Kuckucksnest« einen später erfolgreich verfilmten Bestseller gelandet hatte. Mit einer Bande »lustiger Schelme« düste er durchs Land, mit Neal Cassady am Steuer, der als Dean Moriarty schon in Jack Kerouacs »On the road« verewigt worden war und dessen Lebensform im Unterwegssein bestand, auf Speed und hinterm Steuer. Auf öffentlich abgehaltenen Acid-Tests wurden die Gehirne braver Highschoolabsolventen gegrillt. Das LSD breitete sich aus wie eine Seuche. Davon sollte sich die amerikanische Gesellschaft nie wieder so richtig erholen.

Diesen Aufbruch zu etwas völlig Neuem hat Tom Wolfe in seiner grandiosen Reportage »Der Electric Kool-Aid Acid Test« beschrieben, die jetzt wieder neu aufgelegt wurde. 1968 erschienen sieht man diesem Buch nicht die geringsten Verschleißerscheinungen an. Es war nicht das erste Buch von Tom Wolfe. Eine Essay-Sammlung mit dem abgefahrenen Titel »Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby« war schon 1965 herausgekommen und war so etwas wie das Manifest des »New Journalism«, zu dem auch Norman Mailer, Truman Capote, Joan Didion, Gay Talese und Hunter S. Thompson gezählt werden, wobei letzterer mit Gonzo lieber sein eigenes Ding machte, radikaler und kompromißloser. Im Prinzip aber lief es aufs selbe hinaus. »Subjektiver Blickwinkel« heißt es in der Literaturwissenschaft, eine »Unabhängigkeitserklärung vom konventionellen Journalismus« nennt es Marc Weingarten in seiner Darstellung des New Journalism »Who‘s afraid of Tom Wolfe?« Jedenfalls war der persönliche Einsatz höher, und die Autoren, die Tom Wolfe in seiner 1973 herausgegebenen Anthologie um sich scharte, hatten es wirklich drauf, sie hatten Stil und Eleganz, ihre Geschichten hatten Tempo und Schwung, sie waren analytisch, kritisch, vehement. Hier waren keine Bügelfaltenschriftsteller am Werk.

In »Der Electric Kool-Aid Acid Test«, der auch auf deutsch bereits mehrere Auflagen bei verschiedenen Verlagen hinter sich hat, zeigt Tom Wolfe sein Gespür für die hervortretenden Risse im Gefüge der amerikanischen Gesellschaft. Er bewundert Ken Kesey und dessen ruhige Art eines Holzfällers aus Ohio, er taucht ein in die Welt der Pranksters, er ist fasziniert von der friedlichen, sich gegenseitig unterstützenden und dennoch rebellischen Lebensweise. Später sagt Tom Wolfe einmal, er wäre ein Prankster geworden, wenn er es geschafft hätte, seinen Job an den Nagel zu hängen.

Tom Wolfe schlägt einen wahnwitzigen Takt an, denn da es schließlich um Drogen und Bewußtseinserweiterung geht, geht es Wolfe auch um einen anderen Stil, um einen Sound in der Sprache, in der die psychedelischen Klänge der Greatful Dead hindurchzuhören sind und das LSD seine Wirkung tut. »Die Hitzewellen verdichten und festigen sich in der Luft wie die Schlieren in einer Glaskindermurmel, sämtliche Perspektiven beginnen sich in ihr zu drehen, die Wände kommen auf ihn zugerast, um dann sofort wieder in die Ferne zu schnalzen, so weit weg, dass der Raum die Größe eines Tizianischen Bankettsaales annimmt.« Das kommt ganz gut hin, und als Leser ist man mitten drin im bunt angemalten Bus, man begibt sich auf eine Zeitreise, die nicht schlechter ist, als sich per Knopfdruck in ein anderes Universum zu beamen. Wer also wissen will, wie alles anfing, und das auf packende Weise, für den gibt es nichts besseres als Tom Wolfes Buch. Es hat nur einen unangenehmen Nebeneffekt: Die Gegenwart erscheint einem plötzlich sehr fade und alt.

Tom Wolfe, »Der Electric Kool-Aid Acid Test. Die legendäre Reise von Ken Kesey und den Merry Pranksters«, Aus dem Amerikanischen von Bernhard Schmid, Heyne, München 2009. 560 Seiten, 9,95 Euro.

Die Wahrheit über den 30. Spieltag


Wenn Klinsmann der erste bekannt gewordene Fall der amerikanischen Schweinepest in Deutschland ist, wie Hans Zippert in der Welt schreibt, dann ist Jupp Heynckes der Vorbote der spanischen Vogelgrippe. Jedenfalls kann man nicht behaupten, die Verantwortlichen der Bayern würden sich nichts einfallen lassen, um sich ordentlich zu blamieren. Heynckes ist zwar nur ein Notnagel, aber selbst in den vier Spielen könnte er es schaffen, Bayern mit dem Virus zu infizieren. Immerhin hat er Erfahrung darin. Innerhalb nur eines Jahres hatte er aus der besten Vereinsmannschaft der Welt Eintracht Frankfurt einen Abstiegskandidaten gemacht. Davon haben sich die Frankfurter bis heute nicht erholt. Heute haben sie Funkel, und das ist auch eine schlimme Krankheit. Und für seinen größten Erfolg, dem CL-Sieg mit Real Madrid, konnte er nichts, weil die Real-Spieler einfach zu gut und gegen den Heynckes-Virus immun waren. Zuletzt hinterließ Herr Osram in Gladbach einen Scherbenhaufen. Und deshalb muß man zugeben, daß sich Hoeneß am Ende seiner Karriere mit dieser mutigen Entscheidung für eine Pflaume offensichtlich noch einmal nachhaltig ins Gedächtnis der Bayernfans einschreiben möchte, bevor er von dem schon als Spieler blassen Nerlinger beerbt wird. Der große Jubel in München nach dem Sieg gegen den Tabellenvorletzten Gladbach ist insofern durchaus verständlich, denn mit Jupp Heynckes ist das keine Selbstverständlichkeit. Zumindest ist er billig. Heynckes nimmt nur das, was ihm Hoeneß als Taschengeld zusteckt. Da Klinsmann schon ordentlich abkassiert hat, wird für ihn nicht viel übrig bleiben. Als Nachfolger sind Sammer und Van Gaal im Gespräch, und das ist ebenfalls keine schlechte Wahl. Sammer liefert sich auf Premiere ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen in der Offenbarung unumstößlicher Wahrheiten mit Beckenbauer, der zur Trainerfrage mit dem Kommentar »Wir müssen machen, was machbar ist« gegen Sammer wieder Boden gut machte. Als Trainer wurde Sammer mit Dortmund einmal Meister. Mit dem teuersten Kader in der Bundesligageschichte, also mit einem Etat, von dem heute sogar Bayern München nur träumen kann. Und der Disziplinfanatiker Van Gaal hat nicht nur den Provinzverein Alkmaar in einer Liga zum Meister gemacht, die auf den albernen Namen »Ehrendivisie« hört und im internationalen Vergleich mit der albanischen Liga konkurriert, er fiel auch schon bei Barca durch. Qualitätskriterien, die die Bayern offenbar sehr beeindrucken. Nach der Schlappe in Cottbus hat Wolfsburg mit einem 4:0 gegen das geschwächte Hoffenheim zurück in die Spur gefunden. Jetzt mögen sich Rangnick und Hopp gar nicht mehr, denn der Mäzen will nicht soviel in den Verein stecken wie der Trainer es gerne hätte. Auch Wolfsburg will sparen, was Magath sogar zu einem maroden Verein in Gelsenkirchen treibt, auch wenn Schalke nicht mal in der europäischen Liga dabei sein wird und das Geld schon lange verpulvert ist. Auf Schalke hat es Magath dann mit Leuten zu tun wie mit Kuranyi, der nach der Niederlage gegen Leverkusen die Reporter mit einer bemerkenswerten Erklärung überraschte: »Wir haben heute unseren Verstand nicht in der Kabine gelassen. Daran müssen wir arbeiten.« Leider stellte niemand die Frage: Welchen Verstand? Und was macht Borussia Dortmund? Gewinnt in Frankfurt geradezu beängstigend zum 6. Mal in Folge, schürt die Euphorie der gelbschwarzen Fans und hat beim nächsten Mal die Möglichkeit, gegen den Tabellenletzten Karlsruhe das Gesetz der Serie zu bestätigen, wonach Dortmund immer dann versagt, wenn es darauf ankommt.