Archiv für den Monat: Juni 2009

Maron, Monika; Sommer, Michael; Döpfner, Mathias

In Zeiten der Krise hat der Nationalismus Konjunktur. Das haben die Europawahlen gezeigt. Kommentatoren gaben sich pikiert über europafeindliche rechte Parteien, die in osteuropäischen Ländern und in solchen exotischen Ländern wie den Niederlanden und England zugelegt hatten. Aber warum in die Ferne schweifen, wenn das Elend liegt so nah? Auch hier bringt die allgemeine Krisenstimmung unangenehme Nebenerscheinungen hervor, und in traditionell sich links gebenden Nischen wie der Kultur verschwendet man die spärlichen Seiten an Leute, die behaupten, sie seien Schriftsteller, die tatsächlich aber mittelmäßige Journalisten mit nationalistischer Klatsche sind. Der Spiegel verschwendete großzügig drei Seiten mit einem belanglosen Interview und zwei Seiten mit einem großzügig als Essay bezeichneten Stück Prosa an Monika Maron, die sich schon früher über den »anti-deutschen Rassismus« in anderen Ländern beschwerte und sich fragte, »ob wir nicht völlig verrückt sind, daß wir uns nicht wehren«.

Maron hatte sich also schon hinreichend für das die Risse auf der Schminke des gesellschaftlichen Fortschritts wahrnehmende Feuilleton durch ihr revanchistisches Mumpfeln qualifiziert. Die ehemalige Wochenpost-Reporterin hat 1981 in ihrem Roman »Flugasche« über das DDR-Industrienest Bitterfeld geschrieben, auf das pro Tag 180 Tonnen Flugasche niedergingen und das als die dreckigste Stadt Europas galt. Das gefiel den Kulturschaffenden im Westen, so wie im Osten die gutmenschlichen Dichter am besten ankamen, die am betroffensten und schlechtesten über die Arbeitswelt lyrikten. Den Osten gibt es nicht mehr, dem Westen geht es inzwischen so schlecht, daß man eine Autorin für bedeutend hält, die vor dreißig Jahren über Bitterfeld das schrieb, was man sich schon denken konnte, wenn man in Autobahnnähe daran vorbeifuhr und schnell die Fenster hochkurbelte. Nur schnell weg hier, und viel mehr dürfte ihrem Buch auch nicht zu entnehmen gewesen sein, außer daß wahrscheinlich noch mehr Gründe dargelegt worden sind, und die vermutlich lang und breit. Aber wenn ein Grund schon reicht, um Fluchtreflexe hervorzurufen, ist das Interesse, es noch genauer wissen zu wollen, ein wenig absonderlich, weil man bei genauerem Hinsehen die Begeisterung erkennen kann, die es Monika Maron bereitet, im Dreck zu wühlen, um sich zu empören. Dafür hat man ihr im Westen auf die Schultern geklopft, und jetzt findet es der Spiegel ganz toll, daß Maron wieder nach Bitterfeld gereist ist, diesmal um die westliche Erfolgsgeschichte zu schreiben und ein Loblied auf die Solartechnik der Firma Q-Cells zu singen.

Okay, es mag Leute geben, die das spannend finden, und bestimmt ist es ungemein wichtig zu wissen, wie so eine Solarenegerieanlage genau funktioniert, ob irgendwas »geätzt«, »gebrannt« oder »aufgetragen« wird. Kann schon sein, aber läßt sich das nicht auf den Technik- oder Wirtschafts-Seiten abhandeln? Was hat das alles mit Literatur zu tun, wenn die Hauptangst Marons darin besteht, »fachliche Fehler« zu begehen, also dem Industrieprodukt nicht haargenau gerecht zu werden? Vielleicht bin ich ja nicht weltoffen genug, um zu verstehen, daß Kultur inzwischen bedeutet, in Zeiten des wirtschaftlichen Niedergangs die kleinen Erfolge zu bestaunen und zu preisen, positiv zu denken und zu schreiben und der Schreckschraube Maron Gehör zu verschaffen, die glaubt, die Zonis würden sich als »Menschen zweiter Klasse« fühlen, weil es ihnen »eingeredet« wurde, was nicht sehr nett ist gegenüber ihrer Klientel, den Deutschlanddeutschlandbrüllern, die sich anschließend darüber wunderten, daß der Kapitalismus genau so funktioniert, wie es die düstere DDR-Propaganda immer verkündet hatte, nämlich daß unter verwertungstechnischen Gesichtspunkten der Zoni überflüssig ist. Diese unangenehme Begleiterscheinung konnten sie am eigenen Leib erfahren, »einreden« mußte ihnen das niemand, auch nicht Monika Maron.

Aber ich will nicht die ganze Kolumne auf Monika Maron herumhacken, die mit einem Hund in einem eheähnlichen Verhältnis lebt, denn im letzten Monat haben noch ein paar andere peinliche Prominente heftigst mit den Fingern geschnippt, um exklusiv auf dieser Seite auftauchen zu dürfen. Der Gewerkschaftschef Michael Sommer orakelte in der BamS über die Krise mit grandios windschiefen Metaphern, aus denen ich lernen konnte, daß die Wirtschaftskrise offensichtlich auch eine mentale Krise nach sich zieht: »Wir alle versuchen gerade gemeinsam, beispielsweise durch verstärkte Kurzarbeit, Beschäftigungsbrücken über einen Fluss zu bauen, dessen Breite wir nicht kennen. In der Hoffnung, daß es bald wieder aufwärts geht.« Und das muß Michael Sommer erst mal jemand nachmachen.

Unter den Tisch kehren darf man auch nicht den Chef des Springer-Verlages Mathias Döpfner, der in einem ausführlichen Interview in der FAS sich über die Stasi beschwerte, die mit ihrer Propagandamaschine und einer riesigen »Diffamierungskampagne« die Bild-Zeitung »systematisch zum Klassenfeind aufgebaut« habe, so daß Bild noch heute »als Hort des Reaktionären, als zentral gelenktes Meinungsmonstrum wahrgenommen wird. Dieses Klischee wird Springer bis heute nicht los. Und es ist ungerecht.« Döpfner hat sogar eine Studie darüber in Auftrag gegeben, die die historische Unschuld Springers beweisen soll, und es haben sich auch die entsprechenden Historiker gefunden, die das für Springer tun, ein ehemaliger hundertprozentiger Kommunist, und das ist doch im Sinne der Versöhnung eine schöne Geschichte. Aber irgendwie fehlt mir der Glaube an die in den sechziger Jahren harmlose und nur der Aufklärung verpflichtete Bild-Zeitung, die am 7. Februar 1968 den Bürger doch nur dazu aufrief, mehr Engagement zu wagen: »Man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.« Diese Aufforderung nahm sich bekanntlich Josef Bachmann zu Herzen, der Rudi Dutschke niederschoß, wie in diesen Tagen sowieso jeder Pech hatte, Dutschke ähnlich zu sehen, weil er schnell eine Tracht Prügel beziehen konnte. Womit Döpfner allerdings recht hat: Die anderen bürgerlichen Zeitungen waren auch nicht viel besser, aber in vorderster Front kämpfte Bild für die Erhaltung der postnazistischen Werte und Sekundärtugenden. Sie sprach der Volksseele aus dem Herzen, die nach Lynchjustiz lechzte, und sie gab den Ton vor, der später von den Gegnern übernommen wurde, nämlich von der RAF, die nicht weniger fanatisch postulierte, »natürlich darf geschossen werden«. Döpfner tritt für ein besseres Image von Bild ein. Dann werfen wir doch einfach mal einen Blick in eine beliebige BamS-Ausgabe: »Sie hatte sich so auf das Baby gefreut. Doch eines Nachts kam ihr Freund ins Bett und erwürgte sie.« Also da würde ich doch sagen: Das Image ist immer noch genau so Scheiße wie vor vierzig Jahren. Mindestens.

Der Partisan am Rand der Literatur

Die erste große Rezension, die ich in meiner Geschichte als Verleger einheimste, hat Jörg Fauser geschrieben und er holte mich damit ein wenig aus der Versenkung der Anonymität, in der man sich eben befindet, wenn man gerade angefangen hat. Die Besprechung erschien als Titelgeschichte im TIP und zog sich großzügig illustriert über mehrere Seiten. Es ging über ein schmales Werk, dessen Autor unbekannt ist und das als mehrteilige Folge Mitte März 1937 in der anarchistischen Tageszeitung »Nosotros« abgedruckt war. Der »Einspruch gegen die Kapitulationen von 1937«, wie das Büchlein hieß, stammte von einem Insassen einer Strafkolonie, der elf Jahre saß, weil er einen »Dorfbonzen« getötet hatte, und der zu den »Unkontrollierten der Eisenkolonne« gestoßen war, einer Miliz, die sich aus schweren Jungs zusammensetzte, die von den Anarchisten nach dem Putsch Francos aus den Gefängnissen befreit worden waren. Die »Eisenkolonne« war die radikalste und kämpferischste von allen. Dieser lange verschollene Aufruf gilt als eines der wenigen authentischen Dokumente aus dem spanischen Bürgerkrieg, und er ist eines der aufrichtigsten und schönsten Schreiben, die diese Zeit der Wirren hinterlassen hat.

Jörg Fauser war der einzige professionelle Journalist, der die Bedeutung dieser kleinen Schrift erkannte, und der einzige, der eine Ader für diese Art von Literatur hatte, die von einer großen verlorenen Sache zeugte, umweht von einem Hauch Melancholie und geprägt von Enttäuschung über die verratene Revolution. Zwar gab es Enzensbergers »Der kurze Sommer der Anarchie« und Georges Orwells »Mein Katalonien«, die in der Aufklärung über dem spanischen Anarchismus und Bürgerkrieg eine große Rolle spielten, aber hier gab es eine Stimme von ganz unten, die das kurze und letzte Aufflackern von dem zum Ausdruck brachte, was Walter Benjamin einmal emphatisch als »Freiheit« bezeichnet hat. Davon war Fauser fasziniert, und das unterschied ihn von seinen Kollegen, die mit diesem Büchlein nicht viel anzufangen wußten. Fauser ließ sich anstecken von diesem »fanatisch Reinen«, der nichts akzeptieren wollte, »was gegen unsere anarchistischen Ideale geht, Ideale, die Wirklichkeit werden müssen«, denn die Sache, um die es dem Underdog der Eisenkolonne ging, war etwas, womit Fauser sich identifizieren konnte, denn genau auf der Seite der historischen Verlierer galt es zu stehen, und nicht auf der Seite der strahlenden Gewinner, und deshalb schreckte Fauser auch nicht davor zurück, den Lesern des Ausgehmagazins TIP 1981 eine gehörige Portion Pathos aufs Frühstücksbrötchen zu schmieren: »Der ›Unkontrollierte‹ der Eisenkolonne aber liegt in den dunkelsten Verliesen unserer kollektiven politischen Seele, und manchmal, nachts, vor dem ersten Morgenrot, sollten wir uns an seine Knochen erinnern, an die Macht, an die er verraten wurde, und an die Fahnen, unter denen er vermodert ist.«

Dieser Aufsatz ist sicher nicht die bedeutendste journalistische Arbeit Fausers, und sie ist nicht einmal besonders typisch für ihn, aber in diesem Text gewinnt sein Anspruch, den er an die Literatur hatte, vielleicht die schärfste Kontur: »Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Party-Service anheuern.« Vor der Literatur der Großschriftsteller und Großlangeweiler jedenfalls hatte er eine sympathische Abneigung, und er nutzte jede Gelegenheit, sie kund zu tun. Literatur mußte mehr zu bieten haben, und was das ist, das breitet nun ein 1600 Seiten dicker Ziegelstein aus, der letzte Band der im Alexander-Verlag erschienenen verdienstvollen Fauser Edition, in dem das gesamte journalistische Werk chronologisch gesammelt wurde, eine große und gute Tat für alle, die es schon immer etwas genauer wissen wollten.

Nicht immer lohnt sich die Lektüre, und an manchen Artikeln nagte der Zahn der Zeit, aber bei wenigen, die im Tagesgeschäft arbeiten, würde wohl so eine Dichte der die Zeitläufe überdauernden Texte entstehen, vielmehr überrascht es, wie gewinnbringend und erfrischend Fauser selbst in seinen etwas weniger gelungenen Arbeiten ist, wenn er z.B. über »Cosmic« von Jörg Schröder schreibt: »Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten ist Schröder sicher einer der lautesten Pfaue. In seinen Erzählungen kommt er uns zwar satirisch stark begabt, aber völlig humorlos, unfähig zur Selbstironie, zu den leisen Tönen, die vielleicht genauer treffen, eben total dumpf.« Dennoch empfiehlt Fauser das Buch mit großer Unbedingtheit: »Sein ›Cosmic‹-Trip sollte aber von allen gelesen werden, die hier überhaupt den Mund aufmachen.«

Jörg Fauser war ein ungemein vielseitiger Autor, er schrieb Gedichte, Hörspiele, Polemiken, Kolumnen, Erzählungen, Reportagen, Romane, textete Songs für Achim Reichel, experimentierte mit der Cut-Up-Methode und gibt zusammen mit Jürgen Ploog und Carl Weissner »Gasolin 23« heraus, die »schlitzohrigste, originellste und sinnlichste« Literaturzeitschrift in der BRD, am besten aber, sieht man von seinem grandiosen autobiographischen Roman »Rohstoff« ab, war er als Journalist. In der essayistischen Form lag seine Stärke, dort fand er zu seinem Selbstverständnis: »Ich bin kein netter Mensch, sondern Schriftsteller, einer der Dunkelmänner also, die beim ältesten Verfassungsschutz der Welt angestellt sind, beim Verfassungsschutz für Sprache und für Zweifel.«

Er war eine Ausnahme im Literaturbetrieb, zu dem er Distanz hielt und der Distanz zu ihm hielt. Der ehemalige Junkie und große Trinker hatte zu viel Elend gesehen und erlebt, als daß er sich mit harmloser Softprosa hätte abgeben können, und als er 1984 in Klagenfurt zum Wettlesen antrat, war es wie ein von ihm inszeniertes großes Mißverständnis, denn allein schon das Hawaiihemd, das er anhatte, dürfte für Irritationen gesorgt haben. Nein, bis auf wenige Ausnahmen konnte er mit der zeitgenössischen deutschen Literatur nichts anfangen, und daran hätte sich vermutlich bis heute nicht wirklich etwas geändert, genauso wie er selbst heute noch nicht über den Status eines »Helden der Subkultur«, wie ihn Peter Henning in der »Zeit« genannt hat, hinaus gekommen ist, auch wenn demnächst bei Diogenes (nach Zweitausendeins und Alexander) die dritte Gesamtausgabe seiner Schriften erscheinen wird.

Die literarischen Fixsterne im Universum Jörg Fausers zogen ihre Bahnen in der angloamerikanischen Kultur. Befreundet war Fauser mit Charles Bukowski, mit dem er u.a. ein ellenlanges »Playboy«-Interview führte und an dem er die »ungeschminkt realistische Literatur mit hohem Unterhaltungsniveau« schätzte. Dashiell Hammett feierte er, weil der mit seinen Krimis »das bis dato von den angelsächsischen ›Damen beiderlei Geschlechts‹ (Raymond Chandler) dominierte (…) Genre dorthin geführt hat, wo es hingehört, in das ›Dickicht der Städte‹«. Fauser schrieb Hymnen u.a. auf Raymond Chandler, Eric Ambler, Chester Himes, John le Carré, Len Deighton, Graham Greene, Ross Thomas, Jack Kerouac, James Dean, Hunter S. Thompson und Georges Orwell.

Die wichtigste Funktion eines Schriftstellers, hatte Orwell gesagt, ist die Geschichtsschreibung, d.h. wer Geschichte beschreiben will, sollte an ihr teilnehmen, nicht jedoch als Mitglied einer Partei, sondern, wie Orwell es formulierte, als »Partisan am Rande der regulären Armee«. Und als Partisan erinnerte Fauser immer wieder an die »Ausgeflippten«, die »von den Gleisen des Fortschritts« abgekratzt wurden, an die »Bewohner der Randzonen« und der »Müllhalden der Bewußtseinsindustrie«, denn wem sonst als den Verzweifelten in der Abenddämmerung lohnte es sich, ein literarisches Denkmal zu setzen?

Die Beat Generation in Amerika hatte eine Revolutionierung der amerikanischen Literatur in Gang gesetzt, sie hatte mit dem Lebensgefühl, das Kerouac, Burroughs, Ginsberg u.a. in ihren Büchern zum Ausdruck brachten, die Revolte der Jugendlichen in den Sechzigern mit vorbereitet, während in Deutschland noch der tiefe Schlaf der Provinzialität geschlafen wurde, und überall die stocksteife Ordnung der literarischen Postnaziära herrschte, und da hatte Fauser keinen leichten Stand. Daß es da auf der anderen Seite des Atlantiks noch ein paar Leute gab, die neue Maßstäbe setzten und zeigten, daß es auch anders ging, war für Fauser gerade deshalb wichtig, weil die Beat Autoren für ihre Literatur mit ihrem Leben einstanden, und als Neal Cassady im Februar 1968 irgendwo in Mexiko tot an einem Eisenbahngleis gefunden wurde, da war klar, daß der Strudel aus Alkohol, Wahnsinn, Verzweiflung und Lebensgier, den Fauser als das Milieu großer Literatur ansah, manchmal eben die Leute mit sich reißt. Wie ihn selbst auch, als er an seinem 43. Geburtstag auf der A 94 bei München vor einen Laster lief und dadurch zur Legende wurde. Und über die läßt sich kein schöneres Epitaph finden als das, das Fauser über Philipp Marlowe geschrieben hat: »Ein Mann, lädiert und skeptisch und melancholisch, mit vielen Wassern gewaschen, aber immer noch ehrlich, ein Mann auf der Suche nach der verborgenen Wahrheit, macht sich auf den Weg…«.

Jörg Fauser, »Der Strand der Städte. Gesammelte journalistische Arbeiten 1959-1987«, Alexander Verlag Berlin, Band 8 der Fauser Edition, Berlin 2007. Mit einem exzellenten Vorwort von Matthias Penzel und einem sehr aufschlußreichen Gespräch mit Werner Mathes.