Archiv für den Monat: Juli 2009

Frey, Peter & Oettinger, Günther

Wir befinden uns mitten im Sommerloch, und um in diesem nicht zu versinken oder womöglich gar zu verschwinden, für den Fall, daß es sich um schwarzes Sommerloch handelt, versucht das ZDF, der Sender, der auf dem zweiten Auge blind ist, mit Sommerlochinterviews irgendwie über die Runden zu kommen. Dafür stehen ihm so bewährte Kräfte zur Verfügung wie das in Teig gemeißelte Dauergrinsen Peter Hahne, der schon so ziemlich jeden Politikerdarm von innen erkundet hat, und der smarte Peter Frey, der sich an Oskar Lafontaine die Milchzähne ausbeißen durfte. Erstaunlich nicht nur an diesem Sommerlochinterview ist, wie sehr Oskar Lafontaine von den Medien gehaßt wird, seitdem er als Finanzminister unter der Schröder-Regierung demissionierte, und unverdrossen unterstellt man ihm, daß er den Posten »hingeschmissen« und damit unverantwortlich gehandelt habe. Ich empfand damals für Lafontaine Hochachtung, denn das tun Politiker bekanntlich sehr selten, vielmehr klammern sich die meisten an ihren Job bis zur Rente und nicht selten darüber hinaus. Man unterstellt Lafontaine sogar, daß er aus Gründen der Machtpolitik gegangen sei, was aber ungefähr so klug ist, wie einem Schuster vorzuwerfen, er würde Schuhe reparieren. In der Politik geht es nun mal um Macht, Intrige, Lüge, Verleumdung, das ist das Wesen von Politik, und ohne diese Zutaten würde das System womöglich zusammen brechen. Noch übler nehmen sie ihm aber, daß er bei der Linken angeheuert hat. Nun muß man diesen Verein nicht mögen, aber schlechter oder besser als die anderen Parteien sind sie nicht, eher besser als beispielsweise die Partei der Besserverdienenden Die Grünen, an die Harry Rowohlt einmal schrieb, nachdem sie ihn für ihre Wahlzwecke einspannen wollten: »Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als daß ich auch nur eine Sekunde lang die Grünen unterstütze.«

Was man Lafontaine hingegen nicht vorwirft, daß er lange Zeit für »Bild« kolumniert hat, was man ihm wirklich immer und immer wieder aufs Butterbrot schmieren sollte, aber da inzwischen jeder Politiker mit »Bild« kungelt, umgekehrt Politiker quasi nicht existieren, wenn sie nicht von »Bild« wahrgenommen werden, wird das als normales Verhalten gewertet, obwohl solche Leute eigentlich dringend die Fürsorge einer Heilanstalt für »Bild«-Abhängige nötig hätten. Stattdessen schwimmen Peter Frey und seine Kollegen gerne in den Abwässern des Mainstreams und versuchen Lafontaine immer noch wegen seines Ausstiegs aus der SPD als unzuverlässigen Hallodri und als Ausbund der Verantwortungslosigkeit hinzustellen. Wie originell! Und wenn sich Lafontaine dann darüber lustig macht und zu verstehen gibt, wie »dämlich« er so etwas findet, dann werden weichgespülte Gestalten wie Frey aber sehr, sehr pampig und obendrein drollig: die Vorwürfe würde er jetzt aber entschieden von sich weisen, und Lafontaine hätte wie jeder andere zwanzig Minuten Zeit, sich zu erklären, und man würde ihm nicht anders begegnen als jedem anderen Parteiführer, worüber sich nur lächeln läßt, denkt man an die devote Haltung gegenüber das Merkel. Was Peter Frey hingegen überhaupt nicht interessierte, war die Politik der Linken, die Lafontaine in entsprechend gutes Licht rücken wollte, was schließlich seine Aufgabe als Parteichef ist.

Insofern könnte Peter Frey genausogut auch bei »Bild« anheuern, denn dort wird nach dem gleichen Regeln des investigativen Journalismus verfahren wie beim ZDF, demzufolge es ungeheuer wichtig ist, dem Publikum mitzuteilen, wieviel Kinder einer aus wie vielen Ehen hat, denn das gehört unbedingt zum öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag. So erfahren wir in einem weiteren in der »BamS« veröffentlichten Sommerlochinterview vom Ministerpräsidenten Baden-Württembergs Günther Oettinger, daß er »als Kind zwei Jahre Blockflöten- und Gitarrenunterricht und dann neun Jahre Klavierstunden bekommen« hat, weshalb man ihn ganzseitig vor einem Flügel in Nadelstreifen (also Oettinger hat die Nadelstreifen, nicht der Flügel) abgebildet hat. Bei ihm wird nicht in alten Kamellen gewühlt, er wird nicht darauf angesprochen, weshalb er seinen Amtsvorgänger, den Nazi-Richter Hans Filbinger als Gegner des Nazi-Regimes über den grünen Klee gelobt hat, als der unter die Erde gebracht wurde, was Oettinger in seiner politischen Karriere nicht geschadet, eher wahrscheinlich Sympathien eingetragen hat. Stattdessen läßt man sich vom ihm erzählen, daß er heute »Im Frühtau zu Berge« auf dem Klavier spielt und daß seine als »Lebensgefährtin« abqualifizierte Lebensgefährtin eher auf »Pop der 90er Jahre« steht, sich aber »Mühe gibt, unsere schwäbischen Volkslieder zu verstehen«. Und wenn es schon um Politik geht, dann ist Günther Oettinger besonders stolz darauf, »in den vergangenen Jahren eine spürbare Absenkung der Beiträge für die sozialen Sicherungssysteme erreicht« zu haben, wie es im Neusprech heißt, wenn man den Arbeitslosen in die Tasche greift, um es in solchen Milliardengräbern wie dem Projekt Stuttgart 21 wieder versenken zu können.

Aaargh!, möchte man wie Micky Maus ausrufen im Anblick des Grauens, das sich da vor einem auftut in der heilen Welt der schwäbischen Volksmusik. Und wenn man schon aus beruflichen Gründen in diese Gegend muß, dann hält man sich besser an den Rat Harry Rowohlts, nie ohne einen Stadtplan auf die Straße zu gehen, um nicht für einen Einheimischen gehalten zu werden. Im Schwäbischen, könnte man da fast annehmen, sind alle so dämlich wie Lafontaine Peter Frey hält, so daß man dort am liebsten Helmpflicht für alle einführen möchte, um das intellektuelle Manko auch sichtbar zu machen, denn nichts sieht lächerlicher aus als der Fahrradhelm, mit dem immer mehr Leute öffentlich bekennen, wie wenig sie ihren motorischen Fähigkeiten vertrauen. Aber kaum wabert dieser Gedanke, der ziemlich viel Luft nach oben hat, durch mein kränkelndes Gehirn, lese ich, daß die Helmpflicht anscheinend auch für Zugereiste gilt. Die Profis von Borussia Dortmund mußten sich in schwäbischen Donaueschingen zur Saisonvorbereitung ebenfalls Helme aufsetzen, wenn sie mit dem Fahrrad durch die Gegend gescheucht wurden, und damit es keine Verwechslungen gab, wurde jeder Helm mit der jeweiligen Rückennummer versehen. Eingeführt hat diese peinliche Trainingsverkleidung Jürgen Klopp. Dreimal dürfen Sie raten, woher der Mann kommt? Richtig, aus Stuttgart.