Archiv für den Monat: September 2009

Die Wahrheit über den 7. Spieltag

Wenn man nicht mindestens eine Stunde vor Spielbeginn des Revier-Derbys eine der einschlägigen BVB-Kneipen angesteuert hat, kriegt man nur noch einen Stehplatz, der immerhin den Vorteil bietet, daß man nicht umkippen kann, weil kein Platz zum Umkippen da ist. Über 40 Prozent hatten auf Sieg für den BVB getippt. Weshalb war mir schleierhaft. Wahrscheinlich, weil der BVB die meisten Anhänger hat, und die tippen nun mal aus Solidarität auf den BVB und nicht, weil man den Schwarzgelben wirklich eine Siegeschance einräumen würde. Wie so häufig waren die Schwarzgelben in der ersten halben Stunde überlegen. In dieser versiebte Barrios eine hundertprozentige, ein paar kleinere Chancen ließ man ebenfalls großzügig aus, ein regulärer Treffer wurde nicht anerkannt und ein eindeutiger Elfer nicht gegeben. Schalke hingegen genügte ein Konter, um einen Treffer zu erzielen, der erstaunlicherweise anerkannt wurde, obwohl Farfan dabei Schmelzer aus dem Weg räumte. In der 2. Hälfte war Dortmund wie immer bemüht, aber ohne Mittel gegen eine von Magath auf Disziplin getrimmte Elf, die zudem alle Register in der Kunst des theatralischen Fallens und Lamentierens zog. Und auf jede noch so windige Nummer fiel Deutschlands Schiedsrichter Nummero Uno, Herr Wolfgang Stark, herein. Man kann nicht behaupten, Schalke sei einfach zu stark gewesen, vielmehr mußte Magath jede Menge neue junge Spieler integrieren. Nein, Dortmund ist z.Z. einfach nicht in der Lage, eine mittelmäßige Mannschaft zu schlagen, und nichts anderes ist Schalke. Zumindest bekam Schalke diesmal nicht die Flatter wie bei der 3:0-Führung im letzten Derby, als der BVB das Blatt noch zu einem Remis wenden konnte. Aber da hatte man ja auch noch einen Frei und nicht bloß einen redlich bemühten Barrios, einen vor allem durch seine dämliche Frisur auffälligen Großkreutz, einen Hajnal, der völlig von der Rolle ist, einen Zidan, an dem sich auch schwache Verteidigungslinien aufrichten können, einen wühlenden Valdez, der außer Zufallstreffer kaum was zustande bringt… Okay, ich halte ja schon meine Klappe, aber irgendwie muß man sich ja ein wenig abreagieren, wenn einfach nichts klappt und eine verfehlte Einkaufspolitik das ihre dazutut, um am Tabellenende herumzukrebsen. Und als fiese Gewinner entpuppten sich die Schalker auch noch, als Manuel Neuer nach dem Spiel vor der Südtribüne den Affen machte und Großkreutz auf die Schnelle mit dem Ellbogen noch eine mitgab, statt sich einfach nur über drei unverdiente und vom Schiedsrichter zugeschanzte Punkte zu freuen. »Das muß ein anderer Manuel Neuer gewesen sein«, leugnete er trotz mehrerer zehntausend Zeugen, womit er bestätigte, daß ein Muttersöhnchen, der den Babyspeck im Gesicht noch nicht losgeworden ist, nicht nur eine multiple Persönlichkeit haben kann, sondern auch einen asozialen Charakter. Nicht mal die Niederlage der Bayern in Hamburg konnte mich wieder aufrichten, weil der HSV als Meister auch nichts ist, worüber ich aus dem Häuschen geraten könnte. Das entscheidende Tor schoß Petric, eine ehemaliger Dortmunder, die Vorarbeit leistete Zé Roberto, der von den Bayern keinen Zweijahresvertrag bekommen hatte. Das könnte den Bayern vielleicht noch teuer zu stehen kommen.

Die Wahrheit über den 6. Spieltag

»Nimm doch endlich das Bügeleisen aus deinen Latschen raus!« brüllte eine Stimme irgendwo in der Milchbar als Hajnal wieder einmal einen Paß in die Tiefe des leeren Raumes spielte. Nach den erlittenen 90 Minuten war ich mir so ziemlich mit allen einig, daß das Spiel der Dortmunder ähnlich rumpelte wie zu Doll-Zeiten, daß die Fehlpaßquote sich sehen lassen konnte und das Spiel hektisch, zerfahren und unattraktiv war. Zorc hingegen meinte, die erste Halbzeit wäre nicht schlecht gewesen, und wenn einer hingehört hatte, dann winkte er müde ab. Zorcs Kompetenz in Fußballdingen wird sowieso nicht hoch eingeschätzt, jedenfalls ist er bis heute den Nachweis schuldig geblieben, die richtigen Spieler zu verpflichten, und das liegt nicht nur am fehlenden Geld. Aber auch Klopp versuchte seine »Jungs« in Schutz zu nehmen. Das kann man verstehen, denn nach dem schlechtesten Start seit 21 Jahren, wäre es nicht besonders schlau, die Spieler zur Schnecke zu machen, aber es läßt sich schon erkennen, daß trotz großer Anstrengungen das Spielverständnis füreinander fehlt wie überhaupt die spielerischen Mittel. Klopp versucht das auszugleichen mit Pressing und großem Laufpensum, den Mitteln mittelmäßiger Mannschaften, und wenn es dann gegen Mannschaften mit der gleichen Philosophie und Beschränkung geht wie Hannover, dann kann man eine nicht sonderlich schöne Pattsituation beobachten, hohe Bälle, die hin- und herfliegen, Ballstafetten, die spätestens nach dem dritten Abspiel vorbei sind, ein Spiel jedenfalls, in dem niemand zur Form findet, die in besseren Zeiten in ihm steckt. Da stellt sich die Frage, wie Dortmund in einer Woche gegen Schalke bestehen soll, denn auch Schalke steht nach der Niederlage gegen Wolfsburg unter Druck. Ein Sieg und alles wäre wieder gut, und deshalb wird es wahrscheinlich ein fürchterliches Gegurke geben, wenn ich mal ein bißchen hellsehen darf. Wenigstens sind die Fans des BVB nicht so bescheuert wie die von Schalke, die vor einer Woche noch Rafinha wegen eines unbestätigten Wechselgerüchts auspfiffen, oder wie die von Bochum, die nach der Heimpleite gegen Mainz Marcel Koller absägen wollen, einen der sympathischen Trainer im Gewerbe. Im übrigen geht es manchen Vereinen noch schlechter als Dortmund. Stuttgart spielt immerhin in der CL, hat nur 5 Punkte auf dem Konto und machte sich zu Hause gegen Köln lächerlich, allen voran Lehmann, der sich als Mittelfeldspieler versuchte, sodaß Sanou nur ins leere Tor zu schießen brauchte. Jetzt will Babbel den VfB »an den Haaren aus dem Schopf ziehen«. Experten gehen davon aus, daß es ihm nicht gelingt. In Hoffenheim hingegen ist die Tormaschine wieder geölt und angelaufen, da kann der Rest der Liga und Dortmund sowieso schon mal einpacken. In München gedachte Hoeneß vor dem Spiel dem vor einer Woche von Jugendlichen zu Tode geschlagenen Dominik Brunner. U.a. sagte er: »Wir alle können in derartige Situationen kommen, und dann wären wir froh, wenn jemand wie Dominik Brunner helfen würde.« Vor allem jetzt, nach Eröffnung des Oktoberfests, der Ausbildungsstätte für jugendliche Schläger.

Für einen schmierigen, populistischen Wahlkampf


Martin Sonneborn will die Demokratie mit ihren eigenen Waffen schlagen

Parteipolitik ist in Deutschland ohne Charme und Esprit, und einen Charismatiker wie Obama wird man hier vergeblich suchen. An dieser tristen Situation stumpft häufig auch die Kritik ab. Sie bleibt wirkungslos und ist in der Regel ebenso zäh wie ihr Gegenstand. Wenn aber jede Kritik an den Politikern zum Scheitern verurteilt ist, dann muß man sie wenigstens etwas ärgern.

Das dachte sich Martin Sonneborn, der ehemalige Chefredakteur der Titanic, und gründete mit einigen Mitarbeitern des Blattes die PARTEI. Und nach der Teilnahme an der letzten Bundestagswahl und verschiedenen Landtagswahlen liegt jetzt auch »Das PARTEI-Buch« vor, in dem man nachlesen kann, »Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt«. Martin Sonneborn ist dafür zweifellos qualifiziert, denn wie dem Titel zu entnehmen ist: »Der Autor kennt sich aus!« Schließlich ist Sonneborn Mitglied aller Parteien, die ihn genommen haben. Wer jetzt allerdings denkt, ach ja, die Titanic hat sich mal wieder einen Scherz erlaubt, der liegt gründlich daneben, denn Sonneborn macht sich nicht einfach nur wie irgendein TV-Comedian lustig über Politiker, er bedient nicht ein Merkel-wählendes Publikum, das mal ablachen will und sich deshalb ordentlich auf die Schippe nehmen läßt, nein, Sonneborns Kritik ist unversöhnlich. Indem er nicht nur wie die erkennbare Karikatur eines Politikers auftritt, sondern eben wie ein echter Politiker, wirkt er auch so irritierend und verstörend für seine Kollegen und das Publikum.

Die Idee ist dabei so einfach wie genial. Die PARTEI sei eben keine Spaßpartei wie die FDP, »sondern eine ernsthafte Partei. Wir nennen uns ›Die PARTEI‹ und zeigen damit, daß wir sämtliche anderen Parteien überflüssig zu machen gedenken. Außerdem wird Die PARTEI ein sehr wirksamer Hebel sein, um unseren Auftrag zu erfüllen: die endgültige Teilung Deutschlands.« Genial auch das dazugehörige Wahlplakat, auf dem der gute alte antifaschistische Schutzwall abgebildet ist mit dem historischen Versprechen Ulbrichts (oder war es doch nur ein Versprecher?): »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen!« und dem Zusatz: »Außer uns. Die PARTEI«. Und wer dann empört auf den Schießbefehl verweist, dem nimmt Sonneborn den Wind aus den Segeln mit dem nicht minder historischen Versprechen: »Ich geben Ihnen mein Ehrenwort – ich wiederhole: mein Ehrenwort! –, daß mit uns an der neuen Mauer, die wir errichten werden, kein Schießbefehl zu machen ist.« Immerhin wünschen sich 21 Prozent der Wähler die Mauer zurück, ein solide Basis, auf der sich aufbauen läßt.

Zwei gut platzierte geflügelte Worte machen deutlicher als jede Anklage, was es mit der Glaubwürdigkeit der Politik auf sich hat. Und je absurder die Monströsitäten der Politik sind, desto mehr reklamiert die PARTEI sie und erhebt sie zu ihrem Programm. Was die anderen Parteien im Gleichklang verurteilen, macht die PARTEI sich zu eigen und verspricht, sich auf billigsten Populismus und beliebige Inhalte zu konzentrieren, die schließlich eine demokratische Mehrheit garantieren. Um das zu erreichen, ist es Sonneborn egal, wer die PARTEI wählt: »Wir nehmen jeden Schwachkopf. Das macht schließlich jede Partei so. Aber wir sind die einzigen, die das auch offen sagen.« Wer bloß irgendeine Partei wählt und nicht die PARTEI, muß sich diese Wahrheit gefallen lassen.

Das PARTEI-Buch ist auch ein kleiner Führer durch die Geschichte der Partei. Man erfährt von den Anfängen der Partei, als man erfolgreich Wahlkampf für die in Bayern weitgehend unbekannte SPD machte mit den Slogans »Wir geben auf« und »Mit Anstand verlieren«. Sonneborns Berichte sind sehr nüchtern und entfalten deshalb eine große Komik, wenn er die symbolische Errichtung eines Mauerstücks im ehemaligen Zonenrandgebiet beschreibt, oder den Versuch, den Dresdenern den »Wiederabriß der Frauenkirche« schmackhaft zu machen. Auch so wunderbare Dreingaben wie die der PARTEI für die Bundestagswahlen zur Verfügung gestellten Parteiwerbespots im Fernsehen, die zu Werbezwecken an einen Billigflieger verkauft wurden, während Sonneborn in der Wahlsendung die sofortige Beendung der Schleichwerbung bei ZDF und ARD forderte, oder eine Gruppenreise nach Georgien auf Einladung der dortigen oppositionellen Labour Partei, deren Vorsitzender versehentlich davon ausging, daß die PARTEI über Bundestagsmandate verfügt, die Unterzeichnung eines Abkommens, die Reden, die verbrüdernden Besäufnisse, das alles ist völlig irre und bereitet bei der Lektüre ungeheures Vergnügen.

Martin Sonneborn ist der geborene Politiker und er hat seine Rolle fürs Leben als Vorsitzender der PARTEI gefunden. Er ist verbindlich, er ist höflich, aber unnachgiebig in der Sache, vorausgesetzt man muß seinen Kopf dafür nicht hinhalten, denn zu allerletzt ist das die Politik wert. Er hat es geschafft, trotz der organisatorischen und politischen Hürden, eine Partei bei Landtags- und Bundestagswahlen anzumelden und dabei die Formalien einzuhalten, nie die Distanz, den Sarkasmus und die Selbstironie zu verlieren, die man braucht, um aus diesem Spiel mehr zu machen als die bloße Teilnahme an und Imitation der Politik, nämlich Aktionskunst mit dem Ziel der Lächerlichmachung herrschender Konventionen. Sonneborn ist auf dem besten Weg, ein Gesamtkunstwerk zu erschaffen, nämlich sich selbst als Mann in einem billiggrauen C&A-Anzug für 49 Euro, der der PARTEI das Einheitsoutfit verleiht und der (der Mann jetzt, nicht der Anzug) unermüdlich darauf hinarbeitet, von den Bürgern dieses Landes beauftragt zu werden, das Demokratieprinzip ad absurdum zu führen.

An dieser großen Aufgabe können auch Sie sich beteiligen. Noch sind niedrige Parteimitgliedsnummern zu haben und auch äußerst interessante Parteiposten sind noch zu vergeben. Greifen Sie zu! Bevor es andere tun.

Martin Sonneborn, »Das PARTEI-Buch«, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009.

Die Wahrheit über den 5. Spieltag

»Na, das wird morgen ne Blutgrätsche geben«, sagte ein BVB-Fan, der in einem BVB-Shirt steckte, nach dem Spiel zu mir, als ich am Tresen des Intertank meine Getränke bezahlen wollte. Diesmal stehe ich also schwer unter Druck, und es sollte mir schleunigst was Originelles einfallen. Da ging es mir wie den Dortmundern, die nach ziemlich durchwachsenem Saisonstart endlich mal beweisen wollen, daß sie mehr drauf haben als unteres Mittelfeld. Hoffnungen machte ich mir nicht, nachdem bei den Bayern gegen Wolfsburg der Knoten geplatzt ist, aber nach den furiosen ersten zwanzig Minuten, in denen die Dortmunder die Bayern an die Wand spielten und dabei sogar ein Tor heraus sprang, wären selbst bei noch größeren Skeptikern als mich erste zarte Hoffnungsknospen aufgegangen. In dieser Phase zeigte nur Zidan, worin der entscheidende Unterschied zu den Bayern besteht, als er zwar Butt umkurvte, ihn vor dem leeren Tor die Versagensangst am Schlawittchen packte. Dann allerdings nahm das Desaster seinen Lauf. Und dafür sorgte der Schiedsrichter, der dem Fiesling Schweinsteiger nicht mal gelb gab, als der seinem Namen alle Ehre machte und wie ein Schwein auf dem Knie von Tinga herumstieg, unabsichtlich, wie er nach dem Spiel sagte, während die Bilder das Gegenteil offenbarten. Statt aber für diese Lüge sofort in Hoeneß Wurstfabrik notgeschlachtet zu werden, durfte er weiter spielen. Die zweite üble Fehlentscheidung des Schiedsrichters bestand im übersehenen Abseits von Gomez bei dessen Kopfball zum 1:1. Und dann kam die 2. Halbzeit und es verzahnten sich Pech, Verunsicherung und Unvermögen der Dortmunder ineinander mit der Präzision eines Schweizer Kuckucksuhrwerks. Weidenfeller patzte gleich zweimal und machte darauf aufmerksam, daß nicht Bayern, sondern Dortmund ein Torwartproblem hat, vor allem als es ihm sogar gelang, einem Ball auszuweichen, der direkt auf ihn abgeschossen worden war. Da paßte dann noch der Glücksschuß von Thomas Müller unter die Latte. Wenn Bayern noch gegen Mainz nichts von alledem glückte, gegen Dortmund klappte auf deprimierende Weise alles. Dennoch, es könnte eine ziemlich vergeigte Saison für den BVB werden, was auch daher rührt, daß man sich nicht wirklich verstärkt hat, eher sogar geschwächt, denn Barrios blieb bislang den Beweis schuldig, ein geeigneter Ersatz für Frei zu sein. Aber was soll‘s. Alles nicht so schlimm, denn wenigstens hat der BVB nicht so einen Benimm-Faschisten wie Van Chaal am Hacken, der die Spieler in der Reihenfolge ihres Erscheinens am Tisch Platz nehmen läßt, so daß er sieht, wer zuerst und wer zuletzt eintrudelt. Als er nach dem Freistoßtor von Ribéry von selbigem angesprungen wurde, um öffentlich zu signalisieren, daß nichts an den Dissensgerüchten dran ist, sah das eher nach Tätlichkeit als nach Versöhnung aus, als ob Ribéry damit sagen wollte: Hier du Arschloch, ich schieße auch dann meine Tore, wenn du mich nur noch einwechselst. Und das wiederum ist irgendwie der Vorteil beim BVB: Man muß sich solche unwürdigen Augenblicke nicht allzuoft ansehen.

Zonis, die

Nächsten Monat jährt sich der Mauerfall zum 20. Mal, der Beginn so schrecklicher Ereignisse wie der Wiedervereinigung, mit der der Abschied vom Wohlstand eingeleitet wurde. Mit Feiern, Ausstellungen und seufzenden Erinnerungen versucht man sich das ganze schönzureden, in Wirklichkeit sind viele Leute der Zonis wie in einer langjährigen Ehe überdrüssig geworden: Man weiß, man hat sie am Hacken, aber was soll man machen? Also ignoriert man sie, weil man nicht mehr die Kraft aufbringt, sich von ihnen zu trennen, auch wenn man weiß, daß es das beste wäre.

Der Zoni wird immer als zuverlässiger Volksgenosse in Erinnerung bleiben, in einer immer etwas zu engen, über den Schwabbelbauch spannenden und auf Hochwasser stehenden Uni­form in dezentem Mausgrau, die sich als ver­klemmte Geisteshaltung ebenso praktisch tragen ließ wie auf zahlreichen Staats- und Betriebsfeiern. Unvergeßlich auch der vom nagen­den Neid säuerli­che und miesepetrige Befehlston an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, dieses unnachahmliche in der SED-Eintopf­spra­che geblaffte »Gännse fleisch den Goffäraum aufmachn« oder »Fahnse ma rächts ran«, mit dem sie die Westreisenden mit Vorliebe drangsalierten.

Aber obwohl sich die Direktiven der Staatsfüh­rung und die Mißgunst der Zonis nahtlos zur De­ckung bringen ließen, kann man nicht behaupten, daß sich die Parteiführung unbeschränkter Beliebt­heit bei den Zonis erfreute. Und wer die Jubelparaden bei den Aufmärschen zum ersten Mai dahinge­hend interpretiert, hat keine Ahnung von ihrer Psychologie. Was die Zonis ihrer Führung wirklich ankreideten, war, daß sie im Leistungsvergleich der Systeme hoffnungslos unterlegen waren. Was waren schon billige Mieten, kostenlose Kranken­versorgung und Arbeitsplatzgarantie gegen ein schnelles Westauto? Später, als die Zonis es dann endlich hatten, setzten sie es an den nächsten Baum und jammerten über steigende Mieten, eine teure Krankenversicherung und Arbeitslosigkeit. Wie Kleinkinder, die für eine fixe Idee ihr ganzes Spielzeug in die Ecke pfeffern und darauf herumtrampeln, führten sie sich auf, und wie Kleinkinder flennten sie, als sich die fixe Idee tatsächlich als ziemlich wertlos herausstellte und mit dem Mär­chen vom dukatenscheißenden Esel nicht konkurrieren konnte.

Dabei geht es ihnen gar nicht so schlecht, wie Untersuchungen ergeben haben. 94 Prozent der ostdeutschen Haushalte konnten schon wenige Jahre nach der Wiedervereinigung den wichtigsten Fernbedienungs-Gebrauchsgegenstand im nußbaumfurnierten Wohnzimmer ihr eigen nennen: den Farbfernseher. Damit haben sie die westliche Quote um 5 Prozent über­flügelt, oder, wie es in der Ostsprache korrekt heißen würde, »übererfüllt«. Auch in allen anderen unverzichtbaren Dingen des alltäglichen Schonbezuglebens haben die Ossis nachgerüstet. Aber allein die Vorstellung, es könnte ihnen schlechter gehen, bereitet den Zonis argen Kummer.

Nach zwanzig Jahren hat man sich fast an die Zonis gewöhnt. Jedenfalls nimmt man sie gar nicht mehr richtig wahr. Das Interesse daran, was es mit denen da drüben heute noch auf sich hat, ist begrenzt. Immer noch ist die Zone in ihren schlimmen Ecken und Wüsteneien ein ideales Rekrutierungsfeld der Rechten, wenngleich der Zonen-Mob mit ihnen kein spektakuläres Bündnis mehr eingeht wie in Rostock-Lichten­hagen. In manchen landschaftlich reizvollen Gegenden wurden die Glatzen sogar vertrieben, wie in Rheinsberg, wo man seitdem Tourismus hat. Das ist erfreulich, selbst um diesen hohen Preis.

Eine Studie, die sich mit dem psychischen Befinden der Zonis zwanzig Jahre danach befaßt, hat herausgefunden, daß die Zonis immer noch die alten sind und daß sich an ihrer Einstellung nichts geändert hat. Eine Überraschung ist das nicht. 41% sind ausländerfeindlich, obwohl der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung dort nur 2% beträgt. Mit dieser xenophobischen Haltung haben die Zonis sogar die bislang herrschende Toleranz im Westen unterwandert. Von diesem Virus wurde zuletzt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Rüttgers befallen. Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Duisburg fiel er plötzlich und unvermittelt über die Rumänen her: »Und im Unterschied zu den Arbeitnehmern im Ruhrgebiet kommen die Rumänen nicht morgens um sieben zur ersten Schicht und bleiben bis zum Schluß da. Sondern sie kommen und gehen, wann sie wollen, und sie wissen nicht, was sie tun.« Dabei können die Rumänen gar nichts dafür, daß der Mobiltelefonhersteller Nokia sein Werk nach Rumänien verlegt hat. Vielmehr müßte Rüttgers den Rumänen eigentlich dankbar sein, daß sie die deutschen Sekundärtugenden nicht verinnerlicht haben, mit denen sich auch ein KZ betreiben ließe und mit denen sie Nokia abstrafen. Als Rüttgers auf seine Ausfälle aufmerksam gemacht wurde, sagte er, er habe niemanden beleidigen wollen. Ich liebe diese volldebile Größe eines Provinzpolitikers: Ich will dich nicht beleidigen, aber du bist ein Arschloch. Gegenüber den Zonis wäre das vielleicht eine akzeptable Haltung, aber von denen sitzt dummerweise eine sogar im Kanzleramt.

Eine Mehrheit der Ostdeutschen fühlt sich laut Umfrage jedenfalls immer noch nicht »hinreichend als Bundesbürger integriert«, denn das ist ja wohl das Mindeste, was man als Zoni von den Wessis erwarten kann. Überhaupt überwiegt die Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, aber was sich mal als positives Zeichen werten ließ, sagt heute nur etwas über die Erwartungshaltung aus, und die besteht darin, daß die Zonis glauben, sie hätten einen Anspruch auf Rundumversorgung. Sie sind sich treu geblieben, es gibt also keinen Grund, die Wiedervereinigung nach zwanzig Jahren doch noch zu begrüßen.

Nicht weniger absurd wäre es allerdings, die Wiedervereinigung zu beklagen oder gar rückgängig machen zu wollen. Ganz im Gegenteil muß man die Wiedervereinigung als gerechte Strafe für diejenigen interpretieren, die sich als Deutsche fühlen, sich aber auf den Tod nicht ausstehen können, und zwar deshalb, weil sich Ossis und Wessis so ähnlich sind.
Wenn man sich allerdings genau überlegt, was es mit denen da drüben wirklich auf sich hatte, dann sollte man zumindest ein bißchen tagträumen dürfen: der Wiederaufbau der Mauer wäre eine feine Sache, denn nach zwanzig Jahren reicht es mal so langsam wieder.