Archiv für den Monat: November 2009

Die Wahrheit über den 14. Spieltag

BVB-Boß Watzke sagte auf der Mitgliederversammlung des Vereins: »Wir können eben nicht sagen, lieber Dietmar Hopp, Lass es Geld regnen«, und ließ damit seinen pekuniären Neid auf Hoffenheim freien Lauf, aber Hoffenheim und nicht mal Hopp können etwas für die Geldverschleuderungsmaschine, die in Dortmund erfunden wurde. Gerade weil Dortmund eben keinen Hopp hat, sind die Fans nicht gut auf andere Geldgeber zu sprechen. Damit will ich opp nicht in Schutz nehmen, denn mit seiner Souveränität sieht es nicht gut aus, regte er sich über das Plakat eines Fans, das sein Konterfei im Fadenkreuz zeigte, so auf, dass er sogar polizeiliche Ermittlungen anleierte und eine große Jammeriade anstimmte über die angebliche Gefahr, in die das Plakat ihn gebracht hätte. Vor allem aber war es die Schmach, die dem BVB auf dem Platz zugefügt wurde, und aus all diesen Gründen wünschte man sich auch diesmal auf Transparenten »Fahr zur Hölle, Hopp!« Und das ist ja nett, weil es dort viel schöner ist als im Himmel, wo sich wahrscheinlich solche Langeweiler wie Enke aufhalten. Trotz allen Vorgeplänkels hätte ich keine 5 Cent auf Dortmund gewettet, weil Hoffenheim einfach eine unglaublich stark besetzte Mannschaft und der BVB sich in letzter Zeit nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Umso überraschter war ich, als Dortmund in allen Belangen besser war, und das mit einem Großkreutz, der bei Hoffenheim nicht mal in der 2. Mannschaft spielen dürfte. Ein schönes Spiel mit Rudelbildung, und ich liebe Rudelbildung, denn da geht es wirklich mal zur Sache. Maicosuel hatte Weidenfeller völlig außer Rand und Band den Ball aus den Armen geschlagen. Auch wenn Weidenfeller nicht toter Mann gespielt hätte, wäre die rote Karte berechtigt gewesen, aber ich kann die sarkastischen Genesungswünsche von Manager Schindelmeiser gut verstehen. Weidenfeller sollte man endlich zu den Bayern abschieben. Aber auch sonst war der Spieltag nicht ohne. Schalke verliert in Gladbach, Bremen rettet in der Nachspielzeit ein Unentschieden in Wolfsburg, Friedhelm Funkel fiel fast das Gebiss raus nach der 3:1-Blamage zu Hause gegen seine alte Eintracht. Mit fünf Punkten auf dem Konto präsentierte sich der Hauptstadtverein völlig leblos. Und das Restprogramm der Berliner sieht nicht so aus, als ob da noch was drin wäre. »Funkel raus!« riefen die Frankfurter Fans vergnügt und waren wahrscheinlich heilfroh, dass man die Altlast an Hertha losgeworden ist. In Bochum erwürgte sich Köln ein torloses Remis und Manager Meier kommentierte: »Wir dürfen hier jetzt aber nicht abheben!« Wohin aber sollte Köln schon abheben? Immerhin präsentierte sich der »Gute-Laune-Club« auch mal anders. 150 »Problem-Fans« lieferten sich mit der Polizei eine kleine Schlacht, bei der einige Bochumer Ordnungskräfte auf der Strecke blieben. Von mir aus kann man den Karnevalsclub ruhig aus der 1. Liga schmeißen. Ich würde ihn nicht vermissen.

Die Wahrheit über den 13. Spieltag

Die Fans »demonstrierten mit Transparenten ehrliche Trauer«, schreibt die BamS. Selbst wenn man nicht wüßte, daß Bild lügt, würde man gerne wissen, was »ehrliche Trauer« ist und wie sie sich von kollektiver Neurose unterscheidet, denn aus dem Tod von Robert Enke wurde unter Mithilfe seiner Frau eine noch nie dagewesene Medieninszenierung und ein Spektakel, in dem so etwas wie »ehrliche Trauer« vollkommen deplaziert ist. Das hat damit zu tun, daß Robert Enke an einer Krankheit litt, die ihn für den Fußball ungeeignet gemacht hat, d.h. Enke hätte den Fußball einfach nur an den Nagel hängen müssen und seine Antidepressiva schlucken müssen und er hätte noch ein langes und angenehmes Leben vor sich gehabt. Zwar weiß ich, wie schwer es ist, mit dem Fußball aufzuhören, wenn der Körper nicht mehr mitmacht, aber das ist für die meisten kein Grund, sich vor den Zug zu schmeißen. Weil er aber aus Gründen des Ehrgeizes – was ungefähr so schlimm ist wie Geiz ist geil – weitermachen wollte, kam er an den Punkt of no return, denn der Hochleistungssport ist von seinem System und den Anforderungen an die Spieler her nicht vereinbar mit Leuten, die Probleme haben. Die Spieler müssen in erster Linie funktionieren, und nur unter diesem Aspekt wird das »Spielermaterial«, wie die Fußballer von ihren Managern gerne genannt werden, ausschließlich betrachtet, und da das Publikum tolle Spiele erwartet, wollen sie auch keinen Depressiven im Tor, der verzweifelt den Bällen hinterhersieht, wenn sie bereits im Netz zappeln, bevor er überhaupt reagiert. D.h. es handelte sich zum einen um konsequent bis zum Ende praktizierten Ehrgeiz, der kein schönes Licht auf Enke wirft, und zum anderen um genau die Erwartungshaltung, die für alle, die zur Inszenierung des totalen Fußballs beitragen, zum Fußball systemisch gehört, ums mal ein bißchen analytisch auszudrücken. Was ich meine, daß es moralisch betrachtet höchst verlogen ist, sich das Hemd vollzuheulen, weiß doch jeder, daß der Fußball eben so funktioniert und daß es im Betrieb keinen Platz für Sozialfälle gibt, höchstens als Platzwart. Und weil der Fußball diesen Anspruch hat, ist es Quark zu glauben, daß es für Hannover 96 das schwerste Spiel überhaupt gewesen ist, denn wenn die Spieler auf dem Platz stehen, und das weiß jeder, der schon mal gespielt hat, und sei‘s in irgendeiner Bezirksliga, dann spielt man und trauert nicht. Und Hannover machte auch nicht den Eindruck, als würden sich die Spieler gequält und erschüttert über den Platz schleppen. Gegen Schalke hätten sie sogar was holen können, wenn Steiner nicht so dämlich gewesen wäre, sich nach einem Foul im Strafraum wieder aufzurappeln. Und auch Bremen machte in Freiburg nicht den Eindruck, daß sie durch den Tod von Enke aus der Bahn geworfen worden wären, denn sie zauberten wie in alten Zeiten und erfreuten die Zuschauer mit einem 6:0, ebenso wie die Hoffenheimer, die in Köln nur mit 4:0 gewannen, weil sie jede Menge Chancen ungenutzt ließen. Die Kölner trafen im heimischen Stadion bislang auch nicht häufiger, sodaß die Fans inzwischen wissen, daß sich ihr Ticket nur für die erste halbe Stunde lohnt, wenn sie sich an sich selbst und ihrem Karneval erfreuen. In Dortmund werden die Fans z.Z. auch nicht gerade verwöhnt. Ein müdes 0:0 gegen Mainz ohne Glanz und Höhepunkte. Das beste an dem Ergebnis war, daß ich es mir nicht ansehen konnte. Manchmal hat man auch Glück.

Der melancholische Cowboy. Franz Dobler wird 50

»In diesem Herbst fühlte ich mich zum ersten Mal müde. Daran merkte ich, daß ich alt wurde. Vielleicht lag es an dem miesen Wetter, das wir in Augsburg hatten, oder an den lausigen Fällen, die ich zu bearbeiten hatte.« Okay, das Zitat ist leicht abgewandelt, aber wenn die originalen Sätze aus dem Film »Farewell my lovely« an mein Ohr dringen, dann denke ich immer an Franz Dobler, und auch wenn die beiden von der Statur nicht unterschiedlicher sein könnten, könnte Franz Dobler genauso gut hinter der Gardine stehen und aus dem Fenster einer Absteige auf eine flackernde Neonreklame blicken wie Robert Mitchum, einen Whiskey in der Hand und melancholisch über die Vergeblichkeit des eigenen Tun und Machens in dieser gottverdammten miesen Welt sinnend.

Franz Dobler hat andere Mittel als der Privatdetektiv aus Los Angeles, sich mit dieser Welt auseinanderzusetzen, aber auch seine Protagonisten – Außenseiter und Randfiguren wie er selbst – befinden sich häufig in einer Situation, in der es besser ist, wenn man eine Waffe hat. Und allein daran merkt man schon, daß Franz Dobler keine Mainstream-Literatur schreibt, weil die nichts damit am Hut hat, wenn einer, der so seine Probleme mit den gesellschaftlichen Konventionen hat und deshalb leicht zum Loser abgestempelt wird, einen anderen Ausweg wählt als seine Hand zum Offenbarungseid zu heben. »Wenn du weißt, du hast es mit Leuten zu tun, die dir in den Rücken zu schießen bereit sind, dann vergiß die guten Manieren und sei schneller«, heißt es in Doblers letzten Roman »aufräumen«, und in diesem Satz steckt nicht nur etwas Existentielles, sondern auch eine Selbststilisierung, die Franz Dobler nicht einfach so erfinden könnte, wenn er beides nicht auch selber leben würde.

Die Schriftstellerei hat ihn nicht reich gemacht, aber Franz Dobler würde niemals die Standardware abliefern, die sich nach dem Geschmack der Leserschaft der ZEIT richten würde, die bei Grass und Walser in Entzückung gerät. Da ist ewige Feindschaft. Und Franz Dobler ist auch niemand, dem das Schreiben flott und mühelos von der Hand geht, weil er weiß, daß Schreiben Qual ist, wenn man keine konfektionierte Standardware abliefern will. »Ich habe die Schreiberei schon immer als den hassenswertesten aller Jobs angesehen. Vielleicht gleicht es darin dem Ficken – es macht nur den Amateuren Spaß.« Das ist zwar von Hunter S. Thompson, könnte aber auch von Franz Dobler stammen. Der und Jörg Fauser sind zwei der literarischen Fixsterne im literarischen Universum Franz Doblers, wenn man genauer wissen will, in welchem Koordinatensystem sich Franz Dobler bewegt.

Auf diesem weiß Gott nicht mit Rosen bestreuten Weg hat Franz Dobler eine erstaunliche Menge zustande gebracht. Sein Debütroman »Tollwut« hat ihn kurzfristig zum Popstar unter den jungen Autoren gemacht, von dem im SZ-Magazin ein ganzseitiges Foto erschien, und den Erwartungsdruck so steigen lassen, daß der zweite 17 Jahre auf sich warten ließ. Dazwischen sind zahlreiche Bücher mit Stories erschienen, ein Westerngedichtband und ein Bändchen mit dem schönen Titel »Ich fühlte mich stark wie die Braut im Rosa Luxemburg T-Shirt«. Erfolgreich aber war der Experte für Country mit seiner grandiosen Cash-Biographie »The Beast In Me«. Zudem hat er »Perlen deutschsprachiger Popmusik« gesammelt und auf vier CDs herausgebracht, zahlreiche Booklet-Texte geschrieben, und weil das alles hinten und vorne nicht reichte, legt er regelmäßig in einer Bar in Augsburg auf.

Und dann treibt er sich vortragend und vorlesend quer durch die Republik in einem meistens etwas zu groß geratenen Anzug. Nichts kann ihn davon abhalten, höchstens mal eine gebrochene Rippe, die dann aber doch nicht von einer Schlägerei herrührt, sondern die man sich holt, wenn man aus einem Hochbett fällt. Aber Franz Dobler ist zäh wie ein Cowboy und man sieht ihm an, daß er sogar aufrecht stehend in seinen Stiefeln schlafen könnte. Aber so hart er im Nehmen ist, so gerät man schnell in Versuchung, schützend den Arm um ihn legen, weil er etwas sehr Fragiles und Verletzliches ausstrahlt. Ich kann es leider nur in den banalen Worten ausdrücken: Franz Dobler ist ein großartiger Mensch. Mit ihm befreundet zu sein, ist ein großes Glück.

Matthäus, Lothar

»Wie man mit so einem Idol umgeht in Deutschland, da muß sich Deutschland schämen.« Kaum hatte Lothar Matthäus, der von sich gerne in der dritten Person als das wichtigste Fußballidol nach Beckenbauer weltweit spricht, die Öffentlichkeit mittels FAS von seiner Beschwerde unterrichtet, da forderte der Vorwurf nur zwei Tage später bereits sein erstes prominentes Opfer. Ob Robert Enke sich tatsächlich für Deutschland geschämt hatte oder seine Depressionen durch das Interview von Matthäus den berühmten einen Tropfen zuviel abbekamen, läßt sich natürlich zu Recht bezweifeln, aber Enke hatte Matthäus eindeutig die Show gestohlen, denn statt sich wegen Matthäus zu schämen, weil man dem großmäuligen und vor dumpfbackigem Selbstbewußtsein nur so strotzenden Proll keinen Spitzen-Job angeboten hatte, trauerte die Fußballnation um Robert Enke, einem sensiblen Menschen, der nicht zu Unrecht seine Umwelt als feindlich wahrnahm und deshalb seine Krankheit verheimlichte, um nicht die gleiche entwürdigende Behandlung durchmachen zu müssen wie Sebastian Deisler. Die Bedingungen, die die Fußballverantwortlichen und die Fans selbst geschaffen haben und in denen sich normalerweise einer wie Matthäus wie ein Fisch im Wasser fühlt, hatten jemanden zur Strecke gebracht, der nicht mit ihnen zurecht kam, und deshalb hat die Trauer auch die Fassungslosigkeit hervorgerufen, denn jeder durfte sich ein wenig mitschuldig fühlen.
Die plumpen Anschuldigungen von Matthäus wirkten gegenüber dem unausgesprochenen moralischen Vorwurf, der durch den Selbstmord eine endgültige und durch nichts zu revidierende Bedeutung erhielt, kleinlich und lächerlich. Lothar Matthäus war zwar ein grandioser Fußballer, aber er ist trotz seiner großen Erfolge kein Idol, während Robert Enke, der sich nie sonderlich in den Vordergrund gespielt und eine eher blasse Ausstrahlung hatte, durch seine Krankheit zum Idol wurde. Mit ihr offenbarte er eine Schwäche, mit der sich viele identifizieren konnten, obwohl Enke als Spieler zwar ein guter Torhüter war, aber nichts symbolisierte und nichts repräsentierte und schon gar nicht polarisierte wie Kahn. Was man Robert Enke mit Sicherheit nicht nachsagen kann, daß er für Aufregung im Fußball gesorgt hätte, die den Fußball eben so attraktiv macht. Die Anziehung und Faszination des Fußballs ist mit seinem Namen nur wenig verbunden, denn er zog weder Haß noch Liebe auf sich, und irgendwie paßte es ja auch, daß er bei Hannover 96 spielte, einer grauen Maus im Mittelmaß der Liga, wenngleich er im Torhüterbestiarium einer der sympathischeren war.

Aber um Robert Enke sollte es ja gar nicht gehen und ich weiß gar nicht, warum sich meine Reflexionen zwanghaft um Robert Enke drehen. Vielleicht, weil ich zeigen wollte, daß Lothar Matthäus aus all den Gründen kein Idol wurde, aus denen Robert Enke eins wurde. Auf der anderen Seite hat weder Dummheit, Ignoranz noch Überheblichkeit einen Fußballer vor der Bewunderung geschützt, wie man am besten an Franz Beckenbauer sehen kann. Nicht einmal die Tatsache, mit Bild zu kungeln, wie es Matthäus vorgeworfen wird, hat bislang jemandem wirklich geschadet, denn dort finden alle zusammen und halten der Öffentlichkeit ein Ständchen, kolumnieren und quarkeln und salbadern und ratschlägern und lassen sich alles in den Mund schieben. Es ist also schon ein gewisses Rätsel, warum Matthäus in Deutschland so wenig gemocht wird. In Frankfurt und Nürnberg lagen laut Matthäus bereits unterschriftsreife Verträge vor, aber dann verhinderte der Widerstand der Fans eine Anstellung. Die negative Presse oder ein schlechter Ruf können nicht wirklich ein Grund gewesen sein, warum Matthäus in Deutschland keine Anstellung kriegt, denn sogar der alte Kokser Daum drängte nur wenige Jahre nach den Skandal wieder zurück »ins operative Geschäft«, und in Köln sind die Leute so abgedreht, daß sie ihn sogar als Heiligen verehrten. Auch daß Matthäus in seiner aktiven Laufbahn immer wieder als Humorist auftrat, kann ihm nicht geschadet haben, denn viele andere taten das auch, wenngleich nicht auf dem gleichbleibend hohen Niveau wie Matthäus. Unvergessen sein Kommentar: »Ich bin sicher, daß ich in vier oder sechs Wochen Interviews auf Englisch geben kann, wo auch der Deutsche versteht.« Um auch gleich den Beweis anzutreten: »I hope, we have a little bit lucky.«
Von diesen rhetorischen Fähigkeiten beeindruckt, meinte damals der DFB-Präsident Egidius Braun: »Ihm ist von Gott die Gabe der Rede gegeben worden.« Aber jenseits dieser Einschätzung, bei der man sich darüber streiten kann, ob es sich nicht vielleicht eher um eine grandiose Fehleinschätzung handelte, weil Matthäus vielmehr die Kunst des durchfallartigen Brabbelns pflegte, gibt es von ihm eine Aussage, die vielleicht ein wenig das Rätsel lüftet, das sich Lothar Matthäus selber ist: »Wenn ich mit allen Leuten, mit denen ich schon Ärger hatte, nicht mehr sprechen würde oder zusammenarbeiten könnte, stünde ich des öfteren alleine auf dem Platz.« Matthäus hat nämlich so ziemlich in allen Stätten seines fußballerischen Wirkens verbrannte Erde hinterlassen, und das Problem dabei ist nicht, daß er nicht mehr mit den Leuten spricht, sondern die Leute nicht mehr mit ihm. Bei den Bayern hat er sich bei Uli Hoeneß so beliebt gemacht, daß er dort nicht mal einen Job als Balljunge angeboten kriegen würde. In den unvergleichlichen Worten von Lothar Matthäus hört sich das so an: »Ich bin weder Bayern München, noch bin ich Bild-Zeitung. Keins von beidem. Und das sind meine beiden Hauptprobleme in Deutschland.« Die Hybris in diesen Sätzen besteht nicht nur in der Drolligkeit, sondern sie entspricht tatsächlich der Sicht von Lothar Matthäus, d.h. daß es da noch zehn andere Spieler gab, damals während seiner Zeit bei den Bayern, war eigentlich nur Beiwerk für den Erfolg, der allein Lothar Matthäus gebührt, und die Bild-Zeitung haben die Leute auch nur gelesen, wenn Lothar Matthäus sich in dem Blatt zu äußern beliebte.

Man muß sagen, daß Lothar Matthäus einer der ganz großen Ausnahmen ist, der es trotz all seiner unangenehmen Charaktereigenschaften wie Protzigkeit, Aufdringlichkeit, Demenz, Gagaismus etc., die noch keinem Fußballer geschadet haben, zum Idol und Mythos zu werden, es nicht geschafft hat, in Deutschland als Trainer Fuß zu fassen, weil jeder Verein Angst hat, mit ihm als Schwachmaten eine perfekte Bruchlandung hinzulegen, und dazu braucht man keine hellseherischen Fähigkeiten. Und Streß ist vorprogrammiert, weil sich Matthäus für unfehlbar hält und in der Lage wäre, einen Verein total in die Grütze zu reiten, ließe man ihn einfach machen. Solange er jedenfalls immer nur die Rolle der beleidigten Leberwurst spielt, weil die Fans und die Fußballverantwortlichen ihm nicht die Schuhe ablecken, bei denen er darauf achtet, daß sie farblich auch zum Gürtel passen, solange wird das nichts mit seiner Karriere hierzulande. Und das ist doch auch mal eine gute Nachricht aus Deutschland.

Die Wahrheit über den 12. Spieltag

Günter Netzer betätigt sich mal wieder als Kaffeesatzleser. Er glaubt, Heynckes wäre ein toller Trainer, der Leverkusen die fehlende Konstanz bringt, er sei glaubwürdig, ehrlich, verbindlich, aber auch hart und konsequent, nur weil Leverkusen gegen eine völlig indisponierte Eintracht 4:0 gewonnen hat. Das wäre an diesem Tag vermutlich sogar der Hertha gelungen. Seit dem desolaten Auftritt gegen die Bayern im Pokal ist in der Skibbe-Mannschaft der Wurm drin. Und nicht erst seit dieser Pleite, sondern schon seit Mitte der Neunziger, als Heynckes die beste Vereinsmannschaft Europas zugrunde richtete, um mal eine alte Kamelle wieder aufzuwärmen. Leverkusen steht zwar auf Platz eins, aber nur deshalb, weil sich die ziemlich dicht folgenden Konkurrenten bislang zu doof angestellt haben. Heynckes ist jedenfalls nicht der Mann, der etwas ausrichten kann, wenn die Chemie in der Mannschaft nicht stimmt. Dann ist er ganz schnell weg vom Fenster, und ich bin mir sicher, daß der Einbruch Leverkusens noch kommt, der bei der Eintracht bereits da ist. Skibbe jedenfalls teilte der Öffentlichkeit mit, daß die Eintracht in absehbarer Zeit nach unten durchgereicht wird, wenn »wir nicht endlich Vollgas geben in allen Bereichen«, dabei preßte er »nicht endlich« in unterdrückter Aggression heraus, die seinen autoritären Charakter aufblitzen ließ. Die Fans jedenfalls kann er nicht gemeint haben, denn die gehören zu den einfallsreichsten und lustigsten der Liga überhaupt. Skibbe will einfach ein paar neue Spieler, denn Amanaditis fällt für längere Zeit aus, aber die Frage ist, ob Skibbe mit diesen wirklich etwas anfangen könnte, denn auch Maik Franz, als Stabilisator für die Abwehr geholt, entpuppt sich unter Skibbe als riskanter Unsicherheitsfaktor, dem ständig grandiose Schnitzer unterlaufen. Auch beim VfB Stuttgart geht das Elend weiter. Bei den abstiegsgefährdeten Gladbachern kamen sie nicht über ein torloses Remis hinaus, und nur Lehmann ist es zu verdanken, daß der Champions-League-Teilnehmer nicht als Verlierer vom Platz ging. Leider kam er wieder einmal ungestraft davon, als er in einem unbeobachteten Moment ein bißchen nachtrat. Da ist mir jeder lieber, der das offen tut und seinen Gegenspieler umrempelt wie Robben, weil es dann jede Menge schönen Tumult mit Rudelbildung gibt. Vermutlich schützte seine Popularität den Holländer vor einer roten Karte. Es hätte für Bayern also noch schlimmer kommen können, so kann van Gaal auch weiterhin auf seinen besten Spieler zählen. Der Rest ist ziemlich indisponiert, weil immer noch nicht jeder das System van Gaal begriffen hat, von dem ich vermute, daß es gar keines gibt. Auch Lahm hat die wahllose Einkaufspolitik von Hoeneß kritisiert, der bei Robben zugriff, weil er gerade zu haben war, und der auch Gomez kaufte, der mehr oder weniger bei den Bayern versauert, was darauf schließen läßt, daß es Hoeneß nur darum ging, die Stuttgarter zu schwächen. Und das wäre ja auch nicht das erste Mal, daß Hoeneß mit dieser Strategie arbeitet. Nur scheint es diesmal nicht zu klappen. Jetzt liegen die Hoffnungen auf den Wunderheiler Ribery. Tja.

Die Wahrheit über den 11. Spieltag

Es war ein rührender Moment als Dede vom Schiedsrichter vom Platz geschickt wurde. Er blutete aus der Nase, hatte Gleichgewichtsstörungen und sah auf einem Auge nur noch verschwommen, nachdem er in einem Luftkampf von seinen eigenen Leuten Weidenfeller und Hummels in die Zange genommen worden war und es mir schon vom Hinsehen schlecht wurde, wie der kleine Brasilianer am Kopf getroffen zu Boden fiel und dort gleich noch mal mit dem Kopf unglücklich aufschlug. Dede wollte trotzdem weitermachen, aber im Fokus der Kamera geraten, schwankte er merkwürdig. Und als er vom Platz schlich, sah es so aus, als könne er es nicht fassen und weinte. Es stellte sich heraus, daß er eine Gehirnerschütterung hatte. In der Kabine kotzte er und konnte sich später an nichts mehr erinnern. Dede ist einer der integersten und sympathischsten Spieler der Liga, unverwüstlich optimistisch und einer, der auch ohne Konkurrenz immer eine konstant hohe Leistung bringt. Er gehört immer noch zu den besten Linksverteidigern der Liga, der ohne Fouls auskommt und ohne die fiesen Tricks eines Rafhina. Man muß ihn einfach gern haben. Applaus brandete auf in der Milchbar beim Abgang Dedes. Dazu bot sich ansonsten wenig Gelegenheit im Spiel gegen Hertha, dennoch war es weit besser, als ich angenommen hatte, denn von einer Mannschaft, die 4 Punkte aus 10 Spielen geholt hat, kann man keinen grandiosen Fußball erwarten. Auch nicht von einer Mannschaft, die ein paar Tage zuvor im Pokal gegen einen Amateurverein ausgeschieden ist und sich dabei sensationell dämlich angestellt hatte. Allen voran Valdez, der sich gleich zwei dicke Patzer leistete, die zu Toren führten. Dennoch spielte er wieder mit, weil er rennt und ackert, wenn zumeist auch sinnlos, denn nur selten läßt er sowas wie Können aufblitzen. Dieses aber stellte Barrios unter Beweis beim 2:0 in der letzten Minute, ein Treffer, der einem die größte Bewunderung abringt. Abgesehen von Barrios ist der BVB weit von der Form der letzten Saison entfernt, aber es ist weit weniger dramatisch als bei der Hertha, die in dieser Verfassung bereits jetzt als Absteiger feststeht. Trotz eines torlosen Remis in Stuttgart, wo Babbel eine Galgenfrist eingeräumt wurde, ist Hoeneß davon überzeugt, »wieder« Herbstmeister zu werden, obwohl Bayern das in der letzten Saison gar nicht wurde. Dennoch könnte er gar nicht so unrecht haben, denn niemand im oberen Tabellendrittel konnte sich absetzen, denn auch Leverkusen kam auf Schalke trotz einer 2:0-Führung und trotz eines spielerisch schwachen Gegners nicht über ein 2:2 hinaus. Werder hatte Glück in Nürnberg, daß sie nicht unter die Räder kamen und dank Aaron Hunt in allerletzter Minute durch einen Glücksschuß noch ein Remis schafften. Und Hamburg vergeigte es gleich ganz, denn ausgerechnet gegen die »grauen Mäuse der Liga«, wie die Gladbacher in Hamburg genannt wurden, verloren die Meisteraspiranten 3:2. Und Wolfsburg kriegte gegen die auswärtsstarken Mainzer nur ein 3:3 zustande. Es sind also immer noch nur vier Punkte bis zur Spitze. Das könnte selbst ein van Gaal schaffen.