Archiv für den Monat: Dezember 2009

Kessler, Katja; von Lovenberg, Felicitas

Jedes Jahr erneut machen sich Menschen Gedanken über das Unwort des Jahres, das sie prämieren können in der irrigen Annahme, damit die Sensibilität für deutsche Sprache zu erhöhen. Das Gegenteil ist der Fall. Und das beweist immer wieder aufs Neue Katja Kessler, die aus ehetherapeutischen Gründen Kolumnen schreibt und diese auch noch in ein Buch gestopft hat. »Frag mich, Schatz, ich weiß es besser! Bekenntnisse einer Ehefrau« heißt es, und wenn man sich wirklich die Kante geben will, dann reicht bereits die Lektüre von ein paar Kolumnen, um sich jede Illusion darüber abzuschminken, Schreiben könnte irgendetwas mit Stil, Qualität und Können zu tun haben, und auch wenn man mal richtig Lust auf heftige Übelkeit und Erbrechen hat, reicht bereits eine kleine Dosis Katja Kessler. Wenn so etwas wie die Prämierung eines Unwortes wirklich stigmatisieren könnte, sodaß ein Wort auf alle Ewigkeit sein überflüssiges Dasein aushauchen würde, dann müßte man »Schatzi« auf diese Liste setzen, das Lieblingswort von Katja Kessler, das sie in ihrem Buch ungefähr zwanzig Mal pro Seite benutzt. »Schatzi« ist in einer Beziehung die unterschwellig aggressive Bezeichnung dafür, daß aus jemanden, für den man vielleicht mal Gefühle hegte, ein Arschloch geworden ist, dem man jede Achtung durch die Bezeichnung »Schatzi« entzieht, den man vielmehr damit ächtet und dem man zu verstehen gibt, daß man ihn für ein Wesen hält, das man auf einer anderen Umlaufbahn besser aufgehoben fände, mit dem man leider aber Tisch und Bett teilt und dem man sich mit dieser abfälligen als Kosenamen getarnten Begriff zumindest verbal vom Leib hält, indem man ihm ständig zu verstehen gibt, daß man ihn für ein widerliches kleines Stück Scheiße hält, wobei in der matrahaften Wiederholung des Wortes »Schatzi« auch eine Autoaggression zu Tage tritt, die durch aufgesetzte Heiterkeit kaschiert wird. Und diese Art von Humor ist so oberflächlich und gleichzeitig so unglaublich ranzig, daß man einfach nur wegrennen will, obschon man weiß, daß die Welt dafür zu klein ist, daß einem das »Schatzi« auch im hinterletzten Winkel der Erde, der vergessen wurde und schon Staub abgesetzt hat, um die Ohren geklatscht wird, weil dieses Wort, das man als »Schweinegrippe« im Sprachschatz, bzw. im Sprachschatzi (für Katja Kessler), bezeichnen könnte, sich schneller verbreitet als jede Seuche. Insofern paßt es dann auch wieder, wenn man weiß, was wir natürlich wissen, daß der gegelte Chefredakteur von Bild Kai Diekmann ihr »Schatzi« ist, bzw. – mindestens genauso schlimm – ihr »Göttergatte«, den sie so unendlich verachtet wie sie sich selbst verachtet. Ihre Versuche mittels der Kolumne über diesen Tatbestand hinwegzutäuschen sind von zwanghafter Witzigkeit und von humorigem Grauen, sie sind hingeschludert und vermutlich in nicht mal einer Zigarettenlänge entstanden. Katja Kessler hat den Altherrenhumor aus den Fünfzigern modernisiert, sie hat ihn mit Belanglosigkeiten und mit einer »flotten Schreibe« (was übersetzt sowas wie geistige Diarrhöe bedeutet) auf den neuesten Stand gebracht, der heute »gute Laune« heißt, ein Synonym für das rhythmische Klatschen eines grenzdebilen Publikums bei Veranstaltungen, die von den öffentlichrechtlichen Fernsehanstalten übertragen werden, wobei das Ranzige bei ihr nur eine andere Konsistenz angenommen hat, denn bei ihr gibt es keine offene Abneigung mehr gegen alles Emanzipative, ihre Abneigung ist subtil, wenn denn bei Katja Kessler überhaupt etwas subtil sein kann, indem sie versucht, sich darüber lustig zu machen, wobei die Betonung auf den Versuch liegt, indem sie die »Emanzipation« mit einer Zwinkerzwinkerhäme versieht und auf die verzweifelte Fröhlichkeit ihres deprimierenden Alltags herunterbricht. Ihre Bemühungen entsprechen dabei genau den peinlichen Illustrationen, bei denen man den Verdacht nicht los wird, daß man sie unter dem Aspekt ausgewählt hat, weil sie so schlecht sind, sind sie schon wieder gut, was sie aber nicht besser macht. Leider gibt es keine Instanz im Journalismus, die solche Schreibversuche abschmettern würde, indem man der Autorin zu verstehen gäbe, daß sie die Finger von der Tastatur lassen sollte, sie ihr im anderen Falle abgeschnitten werden würden, was eine angemessene Strafe für die achtlos verursachte geistige Pollution wäre, die ja durchaus verheerende Auswirkungen haben kann, nimmt man die Auflage eines solchen Buches (die 5. innerhalb von drei Monaten) als Indikator für den intellektuellen Niedergang einer Gesellschaft, in der man das Lesen an sich für eine großartige geistige Leistung hält, ohne zu sehen, was so offenkundig ist wie eine mit Wucht auf dem Kopf gehauene gußeiserne Bratpfanne, daß es nämlich schließlich immer noch darauf ankommt, was gelesen wird, denn wenn es stimmt, daß Katja Kessler in ihren »Schatzi«-Kolumnen bei ihren Lesern einen Wiedererkennungseffekt erzielt, dann ist sie zwar für die geistige Depravation der Leute, die ihr Zeug lesen, für das jede Abwrackprämie zu schade wäre, aber durchaus Sinn machte, nicht verantwortlich, aber für deren Förderung und Verbreitung. Weil Frauen gemeinsam stark sind, hat die Literaturchefin der FAZ Felicitas von Lovenberg nach Aufforderung der Autorin eine Hymne in die »Zeitung für Deutschland« gesetzt, eigentlich ein Skandal, wenn man nicht wüßte, daß Journalismus eben so funktioniert. Felicitas von Lovenberg legt jede Scheu vor dem Müllberg ab und attestiert den Kolumnen von Katja Kessler eine »befreiende« Wirkung, »weil es fast immer was zu lachen und zu nicken gibt«, sie lobt die »unverdrossen gute Laune« und den mit »geringer Hoffnung betriebenen Versuch, das Leben als Frau, Mutter und Gattin mustergültig hinzukriegen«, und damit gelingt es Felicitas von Lovenberg ziemlich exakt, das Grauen des Buches zu beschreiben, das in der Unverdrossenheit eines Lebens besteht, für das sich jeder Grund erübrigt hat, wenn es auf das mustergültige Hinkriegen der diversen Rollen reduziert wird, die Katja Kessler in immer neuen deprimierenden Facetten beschreibt. Felicitas von Lovenberg glaubt, daß die Kolumnen »auf eine glückliche Ehe schließen« lassen. Mag schon sein, daß die Ehe der beiden das ist. Jetzt ist sie durch Felicitas von Lovenberg auch noch zum Gegenstand der Literaturkritik geworden, wie auch »die innere Ausgeglichenheit« der Autorin. Dank dieser Erkenntnis hat Felicitas von Lovenberg das Niveau der FAZ dem der Bunten, Bild und HörZu angepaßt. Schön, daß das mal jemand so deutlich gemacht hat.

100 Jahre BVB. Ein Schicksal

Als Fan eines Vereins muss man ganz schön viel aushalten. Z.B. die anderen Fans, die oft alles andere als eine Zier sind. In Berlin steckte ich einmal bei einem Gastspiel der Dortmunder in der U-Bahn zum Stadion mit einer hüpfenden, kreischenden und Bier verschüttenden schwarz-gelben Rotte auf engstem Raum fest. Der U-Bahnführer war wahrscheinlich Hertha-Fan und stellte die Waggons einfach eine Stunde lang im Tunnel ab. Der haut goût, der mir aus der Achsel meines Nachbarn in die Nase stieg, war streng, und ich konnte nur deshalb nicht umfallen, weil das als Hering in der Dose nicht geht. Ich hatte nie Probleme mit Klaustrophobie. Da schon. Und in Madrid, als das berühmte Tor umfiel und das Spiel erst mit zwei Stunden Verzögerung angepfiffen werden konnte, da hatte ich Zeit genug, um die mit schwersten Macken gezeichneten Fans in albernen Verkleidungen zu beobachten, die vor Trunkenheit nicht mehr stehen konnten.
Und Fans wie Norbert Blüm muß man auch aushalten, naja, wenigstens nicht Boris Becker oder Markwort. Und wenn man das alles ausgehalten hat, dann kommt der Schwiegermutterschwarm Gerd Delling in einem schwarz glänzenden Anzug auf die Bühne der Westfalenhalle und moderiert 100 Jahre BVB. Na wenigstens nicht die Minipli-Tunte Gottschalk, mit dem ich noch ministriert habe, d.h. ich habe an den BVB gedacht und er hat das Evangelium verkündet. Und dann gingen wir verschiedene Wege, und es war gut so, denn mich mit einem Kran in ein Senfglas tunken zu lassen wär jetzt nicht so mein Ding. Nicht mal für den BVB hätte ich das gemacht.
Gottseidank hat der BVB am Samstag gewonnen, aber ich hätte ausnahmsweise auch gegen eine Niederlage nichts einzuwenden gehabt, nur um zu sehen, ob die wie eine schwachsinnige Fernsehshow inszenierte Jubiläumsfeier, an der ein Jahr lang Laserspezialisten, Installationsexperten und sonstige Veranstaltungsfachleute getüftelt hatten, einen Stimmungsknick zu verzeichnen gehabt hätte. Einfach nur mal so, um zu gucken, wie die Grinsekatze Delling aus der Nummer wieder rausgekommen wäre.
Da ist mir die Milchbar in Kreuzberg lieber, ein dunkler Punkschuppen, den man hinter dem harmlosen Namen nicht unbedingt vermuten würde, und in dem Gerda ein unerbittliches Regiment führt, ein hartgesottener BVB-Fan, die in einem Film von Sergio Leone mitspielen könnte, mit Haaren auf den Zähnen, schwerst gepierct, wahrscheinlich mit BVB-Ringen, mit Kutte und wildem Blick, der einem den Angstschweiß auf die Stirn treibt, wenn man etwas bestellen möchte, weshalb man sich lieber gut mit ihr stellt. Zur Feier des Tages gab es Kuchen und Würstchen, womit niemand gerechnet hatte. Dumpfes »Sieg«-Gegröle und Fahnenschwenken (was sowieso nicht ginge) ist verboten, sonst aber alles erlaubt.
Hier kann man sich hemmungslos der Glückseuphorie hingeben, wenn der BVB einen guten Tag erwischt hat, oder rohrspatzen, was das Zeug hält, wenn es gar nicht läuft. Und das jeden Samstag. Das hat etwas Verläßliches und den Alltag Strukturierendes. Auch das »Schiri, was pfeifst du!«, das wie ein Rap-Hit klingt, aber nur das Mantra einer Gruppe türkischer Jugendlicher ist, die wahrscheinlich Mitte der Neunziger, also in der großen Zeit des BVB, sozialisiert wurde und in der Milchbar noch lange Zeit besseren Tagen nachtrauerte. Oder der große drei-Zentner-Mann, für den eine Bank direkt vor der Leinwand reserviert ist, der während eines Spiels immer sechs Weizen vertilgt und den ich noch nie einen Ton sagen hörte. Irgendwie hat das mehr als diese pompöse Selbstinszenierung, die ja immer irgendwie peinlich ist.
Wie ich als in Berlin lebender Franke zum BVB komme, werde ich häufig gefragt. Fehlgeleitete Sozialisation, antworte ich dann, weil der BVB Mitte der 50er bis 1966 die erfolgreichste Mannschaft in Deutschland war, denn damals holten die Dortmunder als erster deutscher Verein einen Europa-Cup, und das gegen Liverpool durch eine verunglückte Bogenlampe von Stan Libuda. Geprägt haben mich trotz Schwarzweiß-Glotze die glänzenden goldenen Flutlichttrikots der Dortmunder, von denen Eusebios Benfica Lissabon wahrscheinlich so geblendet war, daß die Besten der Welt ein 5:0-Desaster im Stadion Rote Erde hinnehmen mußte. So etwas prägt einen als Zehnjährigen. Noch immer kann ich im Schlaf die Aufstellung herunterrasseln, die damals noch in dem einzig bekannten 2-3-5-System bestand, wo es noch zwei Verteidiger gab, zwei Läufer, einen Stopper und sonst Halb-, Mittel- und Außenstürmer. Ich klebte jeden Dortmund-Spielbericht aus der Lokalzeitung in ein Schulheft, mit Tabelle natürlich. Da war die Welt noch überschaubar und schön.
Ende der 60er und in der 70ern gab es dann aufregendere Dinge zu tun als Dortmund in der zweiten Liga herumtümpeln zu sehen. Nur noch ab und zu schielte ich auf die Ergebnisse und dachte hin und wieder, also nicht so oft: Hauptsache gewonnen, denn meistens war das Ergebnis nicht schmeichelhaft für den BVB. Aber weil so eine Sozialisation zwar verdrängt, sich aber nicht abschütteln läßt, hatte mich der BVB spätestens seit dem legendären Pokalsieg 1989 gegen Bremen wieder am Wickel. In der Saison 2004/2005, als Dortmund knapp am Abgrund entlang schrammte, schrieb ich sogar ein BVB-Tagebuch. Für die Schublade. Hat auch nicht jeder gemacht. Und anläßlich des 100. Geburtstages schmückte ich meinen 4 Monate alten Frischling mit einer BVB-Mütze und einem BVB-Schal. Danach hat Dortmund das Spiel gewonnen. Jetzt muß ich das immer machen. Der Weg des Kleinen ist schon mal vorgezeichnet.

Die Wahrheit über den 17. Spieltag

Der Druck auf die Spieler, von dem immer die in der Regel entschuldigende Rede ist, diesmal lastete er wirklich auf den Schultern der BVB-Kicker wie die Erde auf den Schultern des Atlas, naja, jedenfalls so ungefähr. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, hätten die Dortmunder versagt, hätten sie nicht mit Glück und einem allerdings grandiosen Treffer nach einer rasanten Kombination durch den »Schneepanther« Lucas Barrios 1:0 gegen die auswärts starken Freiburger in einer durchaus ausgeglichenen Partie gewonnen? Die ganze 100-Jahr-Feier wäre im Eimer gewesen! Nicht auszudenken! Das ganze Szenario, an dem Heerscharen von Lichtlaserspezialisten, Feuerwerksfachleute, Pyromanen und Inszenierungskünstler für special effects ein Jahr gearbeitet hatten, alles für die Katz! Und was hätte dann der extra für die anschließend stattfindende 100-Jahr-Feier engagierte Schwiegermutterschwarm Jürgen Delling dann gemacht, wenn die Dortmunder tatsächlich unter dem Druck zusammengebrochen wären? Und viel hätte ja auch nicht gefehlt, denn die Freiburger waren keinesfalls schlechter, in der ersten halben Stunde sogar wacher, zweikampfstärker und aggressiver. Es wäre jedenfalls sehr interessant gewesen, wie Delling aus der Nummer wieder rausgekommen wäre. So aber herrschte trotz des eher schlechten Spiels Sonnenschein, und selten wurde ein dreckiger Arbeitssieg so euphorisch gefeiert. Jedenfalls wurde er das in der Milchbar, wo zur Feier des Tages sogar Würstchen und Kuchen gereicht wurden, und das war mir entschieden sympathischer als dieser ganze, den typischen und depperten Fernsehshows nachempfundene Pomp in der Westfalenhalle, wo ein Choreographieheini auf die schwachsinnige Idee kam, die Spieler der alten Meistermannschaften aufmarschieren zu lassen, und durch die Geschichte des Vereins zu hasten, statt mal ein paar schöne Spielausschnitte zu zeigen, als der BVB die beste Vereinsmannschaft der Welt, Benfica Lissabon mit 5:0 hinwegfegte, und als die Flutlichttrikots trotz Schwarzweiß-TV so schön glänzten, viel schöner als das Jubiläumstrikot, mit dem der BVB nicht gerade den Glanz alter Triumphe wieder aufleben ließ. Aber Hauptsache gewonnen und mit 30 Punkten eine glänzende Bilanz, die nicht allzuviel Vereine aufweisen können und mit der man auf einem internationalen Platz steht. Und zur Feier des Tages habe ich einen »Qualitätswein mittlerer Güte« gewonnen, weil Ralf Sotscheck die Vision hatte, Hertha könnte gegen Bayern eine Schnitte machen. Der Schiedsrichter wäre ja wohl eindeutig gegen Hertha gewesen und die Bayern hätten nur mit Riesendusel die fünf Tore geschossen, meinte Ralf nach dem Spiel, aber das ist ja immer so, und wenn Dortmund verloren hätte, dann wäre der Schiedsrichter schuld gewesen und den Rest hätte man auf den Dusel des Gegners geschoben. Leider hat auch Schalke gewonnen, natürlich unverdient, versteht sich. Nur aus diesem Grund fieberten die Fans in der Milchbar einem Sieg der Leverkusener entgegen, damit Schalke nicht Herbstmeister würde. Mir fiel das schwer, weil ich Gladbach wesentlich mehr Sympathien entgegenbringe als Heynckes, aber in solchen Notfällen muß man eben geschmeidig bleiben.

Verlotterte Oma

Literaturkritik at it‘s best

In einem Kreuzberger Frühstückscafé in Ruhe die Frühstückszeitung Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung lesen zu können, gehört zu den modernen Mythen des Kreuzberger Alltagslebens. Erstens, weil Peter Richter von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung nur darauf wartet, daß ich in einem Kreuzberger Frühstückscafé sitze und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung lese, damit ich seine Häme über mich und das von mir herausgegebene Buch »Unter Zonis. Zwanzig Jahre reichen jetzt so langsam mal wieder« mitkriege, das ihn offenbar persönlich beleidigt hat. Dabei kenne ich Peter Richter gar nicht. Vielleicht ist er ja deshalb etwas mißgünstig gestimmt: »Der offenbar nicht ohne Grund sich so nennende Bittermann sieht aus wie eine verlotterte Oma.« Ich bin schwer beeindruckt von dem außergewöhnlichen Niveau der Literaturkritik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, das höchstens noch die BamS erreicht, wo der Walser-Biograph Jörg Magenau als Jörg Gaggenau bezeichnet wird. Da hat es der offenbar nicht ohne Grund sich so nennende Peter Richter ja noch gut mit mir gemeint, als er wenigstens meinen Namen richtig geschrieben hat. Und zweitens, weil am Nachbartisch immer irgendjemand sitzt und laut quatscht. Er: »Wen sollen wir zu unserer Hochzeit einladen?« Sie: »Schatz, du kannst einladen, wen du willst. Aber wenn deine bescheuerten Exen mit ihren fetten Ärschen und ihren Omafrisuren kommen, dann kannst du ohne mich feiern.« Da kann man sich gar nicht richtig auf die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung konzentrieren. Und deshalb stelle ich mir vor, daß der gerade so Angegiftete, der ein bißchen so aussieht wie Karl-Theodor zu Guttenberg, mit dem Pennälerfassonhaarschnitt, dem rosafarbenen Hemd und der dunkelbraunen bayrischen Trachtenjoppe Peter Richter ist. Er hat die Hände gefaltet und sieht seine Freundin verzweifelt an. Klar, da hat man ne Menge zu kompensieren.

Der große Bär erzählt. Ein neuer Poohs Corner Kolumnenband von Harry Rowohlt

Es ist ein großes Glück für die deutschsprachige Literatur, daß Harry Rowohlt nach einer Pause von ein paar Jahren seine »Pooh‘s Corner«-Kolumne in der Zeit wieder aufgenommen hat. Wenn nicht sogar für die internationale Literatur. Jawohl. Aber bis sich in Frankreich oder England mal herumgesprochen hat, was denen entgeht, das dauert. Ich meine, wenn man bedenkt, was alles aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wird, nur weil da mal jemand einen Kurs in Creative Writing besucht hat, ist das eigentlich ein Skandal. Aber so müssen die eben weiter ihre Creative Writers lesen, oder Günter Grass. Und das für Humor halten, weil Günter Grass mal an seiner Pfeife suckelnd behauptet hat, auch er hätte selbstverständlich Humor. Selber schuld. Harry Rowohlt hingegen hat zwar keinen Roman geschrieben, sondern »nur« welche übersetzt (wieviel, darüber hält Harry Rowohlt seine Leser regelmäßig auf dem Laufenden), aber er hat mit seinen Kolumnen die beiläufige Plauderei zu einer Kunstform gemacht, die einzigartig ist, denn seine »Pooh‘s Corner« sind funkelnde Kleinode, geschmiedet (falls Kleinode geschmiedet werden) mit scharfem Verstand, grimmigem Humor, mit schrägem Witz und wenn es sein muß auch mit satter Beleidigung. Die schönste Stelle aus Harry Rowohlts letztem Briefband »Gottes Segen und Rot Front« ist die Antwort auf das Begehren von Gunnar Hansen, er möge als Promi doch bitte bei den Bundestagswahlen die Grünen unterstützen: »Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als daß ich auch nur eine Sekunde lang die Grünen unterstütze.« Normalerweise mag man Leute ja eher nicht, die eine solche politische Einstellung haben und auch noch Sympathien für die PDS aufbringen, aber Harry Rowohlt ist inzwischen prominent genug, daß man ihm sowas nachsieht.
Aber hier soll es ja um Rowohlts neuen Kolumnen-Band »Pooh‘s Corner. Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand. Kolumnen, Gespräche, Aufsätze und Berichte. 1997 – 2009« gehen. Und der ist große Klasse! Denn obwohl ich die Kolumnen selbstverständlich schon in der Zeit gelesen habe, und deshalb, um nicht in dem Papierberg zu ersticken, beim Zeitungshändler wegen des unhandlichen Formats mit Mühe und unter mißbilligender Beobachtung im Feuilleton nach »Pooh‘s Corner« gefahndet habe, ob es sich lohnt, diese Papiermengen nach Hause zu schleppen, wo ich die Kolumne herausgerissen und gelagert habe, um sie bei Bedarf wieder hervorziehen und vorlesen zu können, obwohl die also für mich eigentlich alte Kamellen waren, war schon die Vorfreude auf das Buch groß und noch größer dann das Lesevergnügen, denn in diesem Fall lese ich gerne noch mal nach, denn man vergißt ja dummerweise auch immer wieder. Z.B., daß Harry Rowohlt einer von fünf Autoren war, der für den Heinrich-Heine-Preis vorgesehen war, jedenfalls erkundigten sich die Preisvergeber beim Schweizer Verlag Kein & Aber nach seiner Telefonnummer »für falls«. »Andere Leute hätten die Inlandsauskunft angerufen, aber so geht es natürlich auch. Ich stehe dick und fett im Telefonbuch, weil ich Geheimnummern für unterschicht halte, unterschicht mit kleinem u. Mit kleinem u wie Adjektiv.« Harry Rowohlt wurde dann doch nicht gefragt, aber hätte man, dann hätte man erfahren, daß er am Tag der Preisverleihung sowieso nicht gekonnt hätte, weil er da bereits eine Lesung in Halle hatte. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich mag solche schönen Gemeinheiten, denn die sind viel gemeiner als irgendein hohles, anprangerndes Statement, aus dem man nur erfährt, wie gemein die Welt im allgemeinen und in diesem Fall aber besonders ist.
Am lustigsten finde ich die Kolumne »Freiheit für Mumia Abu-Jamal!« Harry Rowohlt hält eine Rede auf einer Demo in Hamburg für … aber das sagt ja bereits der Titel der Kolumne. Und jetzt muß ich ein bißchen ausführlicher zitieren, weil der hintergründige Witz so viel deutlicher wird als ich das nacherzählen könnte: »Wir sind etwa neunzig Menschen, und die CIA hat ein kleines Mädchen geschickt, welches jeden einzelnen Redebeitrag mühelos mit seinem Geplärr übertönt.« Dann wird Harry Rowohlt angekündigt, und er sagt, »vielleicht einen Tick zu subjektiv: ›Am meisten bewundere ich an Mumia Abu-Jamal, dass er jede Woche eine Kolumne raushaut. Ich kann immer nur eine Kolumne schreiben, wenn ich vorher was erlebt habe, und auch dann nur selten. Aber Mumia Abu-Jamal kommt ja so gut wie nie vor die Tür.‹ Rückkopplung, eisige Blicke, Rückkopplung. ›Ich würde empfehlen, ihn eiligst freizusprechen, denn wenn das so weitergeht, wird seine Haftentschädigung unerschwinglich, und wenn er dann freigelassen ist, kann er auf Lesereisen gehen, was erleben und darüber seine Kolumnen schreiben.‹ Eisige Blicke, Rückkopplung, eisige Blicke. ›Wenn er aber beschließen sollte, mit dem Geld von seiner Haftentschädigung einen Zeitungs-und-Tabakwaren-Laden mit Lotto-und-Toto-Annahme aufzumachen, so gönne ich ihm auch das von Herzen.‹ Eisige Rückkopplungen.«
Es gibt noch jede Menge solcher schönen Stellen. Aber ich kann die ja nicht alle zitieren, und deshalb rate ich Ihnen dringend: Besorgen Sie sich das Buch. Eine gute Investition, und gar nicht teuer. Und man hat was fürs Leben, denn in Zeiten von Alzheimer kann man das Buch immer wieder neu lesen. In jedem Fall gehört es in das Regal, in dem Sie die große Weltliteratur hingestellt haben. Danke für den Tip? Keine Ursache, mach ich doch gern.

Harry Rowohlt, »Pooh‘s Corner. Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand. Kolumnen, Gespräche, Aufsätze und Berichte. 1997 – 2009«, Kein & Aber, Zürich 2009. Preis ??

Die Wahrheit über den 16. Spieltag

Das kommt davon, wenn man statt des Vereinssymbols, einen nach Fisch stinkenden Tannenbaum auf der Brust trägt. Wenn man solche heidnischen Rituale zelebriert, ist es vom Fußballgott nur zu gerecht, Werder Bremen eins auf die Nase zu geben. 2:0 verloren die Bremer das Duell gegen einen Verein, der die Dummheit gepachtet hat und in zwar in Form eines Lisplers, der auf den deppertsten Namen der Welt hört, den sich jemals Eltern ausgedacht haben, um ihre Söhne zu stigmatisieren. Und was fällt dem Sportchef Allofs zur Niederlage ein? Er wettert gegen den Trikottausch von Özil und Farfan in der Halbzeit. Seiner Einschätzung nach, dürfte jeder Spieler mittlerweile 500 Trikots zu Hause haben. Bei 18 Bundesligavereinen mit jeweils 25 Spielern im Kader ergibt das das hübsche Sümmchen von 225000 Trikots in den Kleiderschränken der Bundesligaspieler mit den Namen der anderen Bundesligaspieler. Da bin ich ja im Sinne Allofs vorbildlich dagegen, denn ich besitze nur ein Brasilien-Trikot und eins von Inter Mailand. Und eins von Juves Del Piero, das lange Zeit über meinem Schreibtisch hing, denn ich liebe Del Piero. Seit seinem schönen Tor im WM-Halbfinale gegen Deutschland noch ein bißchen mehr. Wie elegant und formvollendet! Für das Inter Mailand-Trikot kann ich nichts. Da erlaubte sich jemand mit einem Griff in die Ramschkiste einen schlechten Scherz. Warum ich es immer noch habe, weiß ich nicht, denn ich spiele nicht mehr Fußball, wo ich es ja auch gar nicht angezogen habe. Aber ich schweife ab, was nicht verwunderlich ist, denn der Spieltag war, um es kurz zusammenzufassen, Scheiße. Schalke ist jetzt auf Platz 2, und das nur wegen der unansehnlichen Taktik Magaths, die nur auf Zerstörung von Fußball aus ist. Na toll! Sie befinden sich jetzt nur noch einen Punkt hinter Leverkusen, die in Berlin gerade mal ein lächerliches 2:2 zustande brachten. Wie will so eine Mannschaft Meister werden? Sogar Frank Goosen glaubt diesen Quatsch, der z.Z. als Wunschdenken der Presse durch die Presse wabert. Die Frage, die sich mir stellt, ob Heynckes überhaupt bis Ende der Saison Trainer ist. Nicht daß ich Hertha auch nur einen Punkt gönnen würde, aber daß sie in der allerletzten Sekunde der Nachspielzeit noch den Ausgleich schafften, war sehr hübsch. Gott sei dank ist bald Winterpause, denn Bayern trampelt gerade alles platt, was sich ihnen in den Weg stellt, auch wenn das mit Bochum nicht gerade Mannschaften sind, vor denen irgendjemand Angst haben müßte. Die muß man auch gegen den Club nicht haben, der sich gegen den schon seit Ewigkeiten sieglosen HSV die dritte heftige Niederlage in Folge abholte. Wenigstens in Mönchengladbach gab es was zu lachen, weil den 96er sechs Tore gelangen, aber dennoch 5:3 verloren. Wieviel Eigentore müssen die Hannoveraner geschossen haben? Genau, und das ist Rekord. Und wieder was für die Statistik, die zwar nicht die absurde Kuriosität dieser Tore erfassen kann, aber auch ihre schöne Seiten hat. In der Tabelle nach Funkels Antritt als Trainer bei der Hertha steht der BVB auf Platz eins. Also mir gefällt das.

Die Wahrheit über den 15. Spieltag

Mit dem BVB-Experten und Dichter Fritz Eckenga war ich mir einig, dass der Club ein harter Brocken werden und wohl die Tagesform entscheiden würde, denn beide Mannschaften schwanken extrem in ihren Leistungen. Es ist nur zwei Spieltage her, als der Club Wolfsburg niedergerungen hat, und das muss der BVB nächsten Sonntag erstmal schaffen, denn so schlecht wie ihr Tabellenplatz ist der aktuelle Meister nicht. Und auch wenn Dortmund in Hoffenheim Rache für die Pleite im Vorjahr genommen und vor allem dank Sahin grandios aufgetrumpft hat, rissen einen die Spiele vorher nicht gerade von den Socken. Aber das war alles nur Makulatur, nur die Skepsis vor dem Spiel, von der jeder BVB-Fan gequält wird. Danach sagte Sahin, dass man über das souveräne 4:0 nicht meckern könnte, auch wenn der Club noch gut damit bedient war, wobei man allerdings konzedieren muss, dass der Club in dieser Form nicht mehr allzu viel Punkte holen wird, denn wenn man nicht mal in der Lage ist, ein Tor von jemanden zu verhindern, der Kevin heißt, dann sieht es ziemlich mau aus mit dem Klassenerhalt. Bald wird man sich auch in der Liga nicht mehr vor Kevins retten können, die jetzt in das bundesligataugliche Alter kommen, bzw. es schon sind. Und wieder ein Grund mehr, sich vor der Liga zu gruseln, viel mehr jedenfalls als vor irgendwelchen harmlosen Wettskandalen in der 3. Liga. Viel skandalöser jedenfalls war die rote Karte für Diego Klimowicz, die er nach einem harmlosen Foul kassierte. Es war schon die vierte Karte vom gleichen Schiri, der entweder keine Argentinier mag oder dem Klimowicz mal die Frau ausgespannt hat, wie ein Kollege vermutete. Dennoch schaffte Bochum ein Remis bei dem tief im Sumpf steckenden VFB durch einen genau in den Winkel platzierten Freistoßtreffer in allerletzter Sekunde. Jetzt hat Babbel ausgebabbelt und Heldt ist auch nur noch der Held aus vergangenen Tagen. Und das ist schon erstaunlich, dass zwei Spitzenmannschaften, die international spielen, die letzten beiden Plätze belegen, und auch die anderen, wie Bayern und Wolfsburg, nicht unerhebliche Schwierigkeiten haben. Bayern jedenfalls gewann nur mit Mühe und Glück gegen überlegene Gladbacher, die einfach ihre Chancen nicht nutzten. Das war natürlich schade, denn der BVB hätte dann mit Bayern punktemäßig gleichziehen können, und noch schader ist es, dass Dortmund nicht jetzt auf die Bayern treffen kann, wo die Vorzeichen umgekehrt sind und Bayern wahrscheinlich schlechte Karten hätte. Der neue Supertorjäger Kießling sagt zwar, dass Bayer nicht wieder einbrechen wird, ich aber sage, Bayer tut es doch, nicht nur, weil sie in Hannover damit schon begonnen haben, wo sie nur mit Dusel ein Remis herausholten, sondern weil Heynckes ein Depp ist. Sie finden das zu unqualifiziert? Da könnten Sie gar nicht so unrecht haben. Aber moralisch und fachlich liege ich da nicht falsch, denn der Mann ist aus einem anderen Jahrhundert, und wenn der Lauf weg ist und die Krise anfängt, ist Heynckes der letzte, der begreifen würde, woran das liegen könnte.