Archiv für den Monat: Januar 2010

Die Wahrheit über den 20. Spieltag

Der Abstiegskampf wird schon in der Mitte der Saison immer lustiger. Arne Friedrich, der letzte Woche noch lustlos auf dem Platz herumtrabte, diesmal jedoch angeblich bester Spieler war, sagte: »Die erste Hälfte war eines Abstiegskampfs unwürdig.« Daraus könnte man schließen, daß ein munteres Spiel stattfand gegen die Bochumer, die ganz in Rosa auftraten, der Lieblingsfarbe meiner Tochter. Aber das Spiel gehörte zu den grottigen Kicks an diesem Wochenende, und das torlose Remis entsprach ganz dem Spiel selbst, d.h. es war genauso, wie man sich einen Abstiegsgipfel vorstellt. Dennoch ist Hertha die einzige Mannschaft der Rückrunde, die noch kein Gegentor kassieren mußte. Wie alles noch besser werden soll, verriet ebenfalls Arne Friedrich: »Wir müssen einfach mehr aus dem Arsch kommen.« Eine geheimnisvolle, womöglich ganz neue Strategie, die sich in Berlin abzeichnet. Auch beim Club keimen nach dem Sieg in Hannover neue Hoffnungen, während bei den 96ern nicht mal der Trainerwechsel etwas brachte, jedenfalls spielen sie auch unter Mirko Slomka völlig von der Rolle, und es ist kein Ende abzusehen. Ebenfalls von der Rolle ist Werder Bremen. 23 Mal hintereinander unbesiegt und dann plötzlich der Absturz mit der nun bei Gladbach 5. Niederlage in Folge. Auch hier handelt es sich um einen unerklärlichen Vorgang, der vielleicht mit dem Nimbus der Unbesiegbarkeit zu tun hatte, mit dem Wirbel um Özil und wer weiß mit welchen Dingen sonst noch. Vielleicht ist der ganzkörpertätowierte Frings geknickt, weil er nicht mit zur WM darf. Man weiß es nicht, aber man weiß, daß Schaaf da auch wieder herausfindet. Die verschärften Trainingseinheiten in der letzten Woche waren jedoch nicht der Schlüssel zum Erfolg. Solche Leistungseinbrüche kommen bei jeder Mannschaft vor, und man kann davon ausgehen, daß der auch bei Leverkusen noch kommt, weshalb die Bayern mal wieder Meister werden, denn die haben ihr Tief schon hinter sich und ballern gerade alles weg, was sich ihnen in den Weg stellt. Okay, Mainz ist jetzt nicht gerade die große Nummer, an der sich zeigen ließe, daß man zur Weltspitze gehört, aber auch gegen solche Mannschaften muß man erstmal diese souveräne und drückende Überlegenheit bringen, muß man derart verschwenderisch mit den Chancen umgehen können und trotzdem 3:0 gewinnen. Nur der Mainzer Mannschaftsbus vor dem Tor könnte eine Niederlage verhindern, meinte Trainer Tuchel vor dem Spiel, was auch nicht gerade von sprühendem Selbstbewußtsein zeugte, und so marschieren die Bayern auf und davon und Jupp Heynckes kommt langsam ins Schwitzen. Auch für Rangnick brechen harte Zeiten an, denn das nominell glänzend besetzte Hoffenheim ist nur noch ein Schatten früherer Tage und die damals noch grandios auftrumpfenden Spieler sind verunsichert oder leiden an Selbstüberschätzung. Und wer hatte das Glück, ausgerechnet jetzt gegen die schwachen Hoffenheimer anzutreten? Natürlich Felix Magath mit den Schalkern, die schon wieder drei Punkte einheimsen konnten. Interessant wird es gerade in der 2. Liga, denn dort hat St. Pauli mit einem Sieg in Duisburg die Tabellenführung übernommen, zumindest bis zum heutigen Montag, und dann muß Kaiserslautern auch erstmal in Aachen gewinnen. Und auch in der Heimatstadt des Cowboys Franz Dobler Augsburg tut sich Erstaunliches. Dort schießt der ehemalige Mainzer Stürmer Thurk Tore am Fließband und Augsburg auf den 3. Platz.

Mit Lästerzunge und Whiskeyflasche. Die Korrespondenz der Kriegsreporterin Martha Gellhorn

Bekannt war sie als Kriegskorrespondentin. Seit dem spanischen Bürgerkrieg hat sie sich auf fast allen Kriegsschauplätzen der Welt des letzten Jahrhunderts herumgetrieben. Ihre Reportagen sind Klassiker des Genres, sie waren erhellend und getrieben von einer moralischen Empörung über die Grausamkeiten, die von nationalen und Profitinteressen in Kauf genommen wurden. 1989 veröffentlichte der konservative Albrecht Knaus Gellhorns einige der Kriegsberichte aus fünfzig Jahren zwischen 1937 und 1987. Ein Erfolg wurde das Buch nicht, vermutlich weil die Deutschen dem vergangenen Weltgeschehen desinteressiert gegenüberstanden, weil sie selber eine so unrühmliche Rolle darin gespielt hatten.
Aber die Reportagen waren nicht das, was ihr wirklich am Herzen lag. Diese Auftragsschreiberei sei »gut fürs Portmonnaie« aber »abstoßend im Hinblick auf echte schöpferische Arbeit«. Anerkannt werden wollte sie als Schriftstellerin. Viel darüber erfährt man nun aus dem Band »Ausgewählte Briefe«, in denen sie sich über ihre Selbstzweifel äußert, vielleicht doch keine große Schriftstellerin zu sein. Aber gerade die Briefe, so entdeckt man bei der Lektüre, sind genau die literarische Form, die Martha Gellhorn wirklich liegt und aus ihr mehr macht als eine respektable Romanautorin und eine genau beobachtende Reporterin. Ihre Briefe erst machen sie in der Welt der Literatur zu einer großen Autorin.
Ihre Korrespondenz ist grandios, hinreißend, sensationell, sie offenbart einen großzügigen und leidenschaftlichen Lebensentwurf, der heute ausgestorben scheint. Martha Gellhorn schrieb sich mit vielen bedeutenden Künstlern und Politikern ihrer Zeit, wie Eleanor Roosevelt, Adlai Stevenson und Leonard Bernstein, H.G. Wells, Heminway, mit ihrer Mutter, mit zahlreichen langjährigen Freunden, denen gegenüber sie sich kein Blatt vor dem Mund nehmen mußte. »Was für eine Rasse ist das, diese Deutschen: Wenn man bedenkt, daß wir versucht haben, die Malaria auszurotten, könnten wir uns doch allemal ein wenig Zeit nehmen, den Deutschen auszurotten, der noch sichereren und häßlicheren Tod bringt«, schrieb sie im August 1944, als sie in Italien das Schlimmste sah, »was ich in meinem Leben gesehen habe«, ein Massengrab mit den Leichen von 320 von den Deutschen erschossenen Geiseln.
Es ist diese unmittelbare Subjektivität, die ungefilterte Wut, die die Lektüre ihrer Briefe so aufregend macht, weil man in der Literatur schließlich keinen ausgewogenen journalistischen Kommentar hören will, sondern impulsive Reaktionen, an denen man merkt, daß da jemand lebt, leidet, sich freut, verzweifelt ist, niedergeschlagen, ein Mensch mit Gefühlen und emotionalen Abgründen.
Natürlich waren ihre Urteile unausgewogen und ungerecht, aber schließlich war Martha Gellhorn auch eine streitbare Person, die sich einmischte und die das auch von ihren Briefpartnern verlangte. Ihrem Ex-Mann Hemingway warf sie erbärmlichen, speichelleckenden Narzißmus« vor, und sie »hätte lieber den Pazifik durchschwommen, als mich über eine bloße Freundschaft hinaus« auf H.G. Wells einzulassen, hatte sie doch »eine Fülle attraktiver junger Männer zur Hand«. Sie lästerte über die »Ladenschwengelfrau« Mrs. Thatcher, und Stephen Spender hielt sie für einen »Idioten«. Immerhin konnte man über diese Leute herziehen, schlimmer waren Menschen, die sie kaltließen, mit denen man »viel über nichts reden« mußte.
Martha Gellhorn flüchtete sich dann ins Lesen, denn »wenn ich etwas lese, bin ich nicht da und also nicht allein«: »Ich lese, wie man ans Ufer schwimmt.« Vielleicht weil sie soviel unterwegs war, suchte sie die Einsamkeit, den Rückzug, die Besinnung auf sich selbst. Dann stellte sie sich vor, später und alt geworden »mit Lästerzunge und vielen ähnlich herzhaften Altersgenossen über die menschliche Verfassung herzuziehen, eine Whiskeyflasche am Ellbogen.« Ein genormter Lebensentwurf sieht anders aus.
»Ich kann mich mit allem auf der Welt arrangieren außer Langeweile, und ich will kein guter Mensch sein… Ich will die Hölle auf Rädern sein«, schrieb sie. Ihr unbändiges Verlangen nach einem zum Platzen aufregenden Leben, das »leidenschaftlich und heftig und voller Lachen und laut und lustig wie die entfesselte Hölle« ist, machte sie zu einer rastlos Umherschweifenden, die nirgends seßhaft wurde. Mit fast 90 Jahren und fast vollständig erblindet, nahm sie sich 1998 das Leben. Ihre Briefe legen Zeugnis ab vom Leben einer unabhängigen und starken, freilich auch zerrissenen Frau, die vielleicht keine besonders gute Analytikerin war, aber großzügig, geistreich und trinkfest, eine Frau mit einem verläßlichen Urteilsvermögen. Jedenfalls kann man gar nicht genug kriegen von ihrer Korrespondenz, ein riesiger Schatz, den es noch zu entdecken gilt, und es ist schade, daß die deutsche Ausgabe nur eine Auswahl der englischen »Selected Letters« enthält, in denen von ihrer Biografin Caroline Moorehead ja auch nur einen Bruchteil ihrer Briefe berücksichtigt wurden.

Martha Gellhorn, »Ausgewählte Briefe«, herausgegeben von Caroline Moorehead, übersetzt von Miriam Mandelkow, Dörlemann, Zürich 2009.

Die Klitoris von Avril Lavignes

Nick Cave beschreibt die Sexbesessenheit eines Hasen

An manchen Stellen ist die Lektüre von Nick Caves neuem Buch »Der Tod des Bunny Munro« schwer zu ertragen. Für einige mag das ein Qualitätssiegel sein, ein Hinweis auf den literarischen Wert des Buches, aber wenn ich mich zu fragen beginne, warum ich mich eigentlich durch einen Roman quäle, von dem ich weiß, daß er bei mir am Ende eine Leere zurückläßt, die sehr schnell ins vollständige Vergessen führt, höre ich lieber auf. Dabei ist das Buch nicht einfach langweilig. Auch wenn es keinen Spannungsbogen gibt, will man irgendwie wissen, wie es weiter geht, weil man von Anfang an weiß, daß der Protagonist zielsicher auf sein Ende zusteuert. Es ist auch nicht schlecht geschrieben, manchmal sogar mit einem poetischen Flow, auf jeder Seite metapherngewittert es gewaltig und wenn man von den passagenweise banalen Dialogen absieht, mit denen sich schon immer irgendein beliebiges Drehbuch füllen ließ, dann hat die Geschichte des Bunny Munro durchaus was für sich.
Bunny Munro ist Vertreter für Kosmetik, er ist sexbesessen und trinkt sich ständig an den Rand des Bewußtseins. Er ist eine Art Karikatur eines Machos, der in Männermagazinen und in Boulevardzeitungen sein unverwüstliches Dasein fristet, wobei Nick Caves Figur anfänglich mehr Macho als Karikatur ist, denn Bunny Munro legt die Frauen reihenweise und nach Belieben flach, er hat selbst auf großer Distanz einen Riecher dafür, welche Frau nur darauf wartet, von ihm penetriert zu werden. Und an solchen Stellen gelingt es Nick Cave nicht wirklich, sich erzählerisch von der Darstellung des Boulevards und seiner Vorstellungswelt zu unterscheiden. Das ganze kleine Universum, in dem sich Bunny Munro bewegt, ist sexuell aufgeladen, und man bekommt den Eindruck, als würden sich ihm die Frauen nur so an den Hals werfen. Die meisten Machos brüsten sich damit, ungeheuer potente Macker zu sein, deren Kompaß der erigierte Penis ist. Dahinter steckt meist ein armes Würstchen. Nicht, daß diese Welt nicht existieren würde, und vielleicht treiben ja mehr Bunny Munros ihr Unwesen auf der Welt als man vermuten könnte, aber diese Welt gibt nicht wirklich viel her, jedenfalls nicht für jemanden, der ein bißchen mehr wissen will als das, was Bunny Munro durch die leere Birne rauscht, wenn der nächste Frauenarsch an ihm vorbeiwackelt.
Interessant wird Bunny Munro höchstens als Karikatur eines Sexmonsters, also in seinem Scheitern, wenn ihn sein Instinkt im Stich läßt und er auf Frauen trifft, die ihm statt zu Willen zu sein die Nase brechen, weil er zu aufdringlich ist, wenn es also zum Clash unterschiedlicher Kulturen kommt, weil diese eine Frau nicht nur eine Kampfsportlerin ist, sondern auch einen etwas anderen geistigen Horizont hat, um sich, wie es Nick Cave ausdrückt, »gegen diese Mentalität zur Wehr zu setzen«, als ob diese Welten nicht so inkompatibel wären, daß ihre Berührung eher unwahrscheinlich ist. Aber der Witz, der sich aus diesem Scheitern unwillkürlich ergibt, ist schal und ähnelt dem Lachen, das ein Clown hervorruft, wenn er ständig gegen die Wand rennt, ein schadenfrohes Lachen also, aber auch eins, das auf einem schlichten Gemüt beruht, denn ein solches muß man haben, um sich darüber amüsieren zu können, wenn jemand auf die Schnauze fällt. Inzwischen ist das Niveau des Humors selbst in Deutschland ein wenig gestiegen. Und einfach zu schreiben, Bunny Munro träume von der Klitoris Avril Lavignes, und Spaß dabei zu empfinden, ist nicht gerade besonders originell.
Bunny Munro hat zwar seine Abgründe, aber psychologisch ist er einfach gestrickt. Das Interesse, das man an seiner Person haben kann, ist begrenzt, seine sexbesessene Aufdringlichkeit ist eindimensional und wird auch mit viel gutem Willen schnell öde. Und warum auch sollte man einem Mann seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, der intellektuell in der Welt von Bild und dem nackten Seite-Eins-Girl zu Hause ist. Diesen Mann über 300 Seiten durch den Roman zu schleppen ist in gewisser Weise eine Leistung, denn es ist ein trostloser Ritt durch ein trostloses Ambiente. Nick Cave meinte in einem Interview, daß »die Welt krank geworden« sei, und das würde sich zeigen in dem, »was man sieht. Was das Fernsehen einem zeigt und die Werbung und die Medien, das hat eine massive Wirkung auf die Kultur, und das ist zunehmend gestört. Bunny Munro ist für mich ein Produkt davon.« Und das ist genau das Problem. In dieser schlichten Kausalität ist kein Raum für Widersprüchliches, Brüche, Überraschungen, weil die Figur gefangen ist von einer Sicht auf die Welt, die jemand gewinnt, der gebannt auf den Fernseher starrt und durch ihn die Kultur in Gefahr sieht. Der Anspruch, »einen monsterhaften Charakter zu schaffen, in dem man etwas von sich entdecken kann«, wirkt aufgesetzt und erinnert an eine Zeit, als es Mode war, einen kleinen Nazi in sich zu entdecken. Dabei will ich nicht leugnen, daß jedem auch eine dunkle Seite innewohnt, aber gerade die ist nicht nur stumpf oder einfach gestrickt und zeigt sich in der Öffentlichkeit auch nicht unbedingt pur und unverfälscht.
Und so rumpelt das Monster durch die Geschichte. Vergeblich versucht Bunny Munro noch am Telephon seine depressive Frau zu beschwichtigen, als die mitbekommt, was sie schon vermutet, daß er gerade wieder mit einer Frau zugange ist, und auflegt. Immerhin versucht Nick Cave erst gar nicht, den Beischlaf zu beschreiben. Das muß man ihm hoch anrechnen, denn die meisten Autoren, die sich darin versucht haben, sind gescheitert und haben höchstens den Stuß zustande gebracht, den man auch im Playboy finden kann. Am nächsten Morgen »nagelt« er noch schnell ein Zimmermädchen, bei dem er sofort weiß, daß es bei ihm die Chance wittert, ihrem Trott zu entkommen, bevor er nach Hause fährt und dort seine Frau erhängt vorfindet. Das Begräbnis gehört zu den tollen Szenen des Buches, weil seine Schwiegereltern ihn für den Tod ihrer Tochter verantwortlich machen und abgrundtief hassen. Noch während der Zeremonie holt er sich einen runter und beim anschließenden Besäufnis mit seinen Kumpels, die alle so drauf sind wie er, macht er sich über die Braut seines Kollegen her. Dummerweise ist da noch sein kleiner Junge, und weil er nichts mit sich und mit dem Jungen anzufangen weiß, packt er kurzentschlossen seinen Sohn ins Auto und macht sich wieder auf die Vertretertour, auf der sich alles immer mehr zuspitzt.
Unerträglich wird der Roman auch dadurch, daß der Sohn seinem Vater Zuneigung und Bewunderung entgegenbringt, während Bunny Munro überhaupt nicht in der Lage ist darauf zu reagieren und auch sonst keinen Plan hat außer so zu tun, als sei er der große Zampano mit dem großen Durchblick, eine Fassade, die mit jeder Seite mehr Risse bekommt. Diese Beziehung macht die innere Spannung des Romans aus, aber die Lektüre ist schwer durchzuhalten, und da meine Erwartungshaltung an einen Roman nicht darin besteht zu testen, wie belastbar meine Nerven sind, sondern ich einfach den Anspruch habe, belehrt, intellektuell gefordert und unterhalten zu werden, um klüger und gut gelaunt wieder aufzutauchen, wurde die Lektüre zur zähen Angelegenheit, und da geht es mir wie bei den meisten Songs von Nick Cave. Sicher, es gibt Ausnahmen, wie z.B. die unglaublich intensive Mörderballade »O‘Malley‘s Bar«, in der jemand ein Blutbad in einer Kneipe anrichtet und sich dann von der heranrückenden Polizei verhaften läßt. Der Song dauert 15 Minuten. Das ist lang, aber würde die Lektüre des Buchs auch nicht mehr Zeit in Anspruch nehmen, hätte der Roman sogar ein kleines Kunstwerk sein können.

Nick Cave, »Der Tod des Bunny Munro«, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009.

Die Wahrheit über den 19. Spieltag

Ich kann mich nicht erinnern, daß der BVB so lange einen Sieg nach dem anderen eingeheimst hat, und das mit einem unglaublichen Elan. Sogar die Hamburger, die ja nun wirklich nicht zu den Luschen in der Liga gehören, mußten ihre erste Auswärtsniederlage einstecken. Und das völlig zu recht, denn die Dortmunder spielten, wie Jürgen Klopp später lobte, ausgezeichnet »gegen den Ball«. Ein neues Zauberwort, denn eigentlich sollte man ja mit dem Ball spielen, wenn er ein Freund ist, denn dann läuft und läuft er wie früher nur der VW Käfer, und zwar in den eigenen Reihen. Da aber die Dortmunder zwar als Mannschaft füreinander rackern und wie ein Bienenschwarm sich auf den ballführenden Gegner stürzen, aber technisch nicht gerade zur Elite des deutschen Fußballs gehören, müssen sie gegen den Ball arbeiten, und das heißt rennen, rennen, rennen, und zwar immer dem Ball hinterher. Und deshalb setzt Klopp auf junge Leute, denn das können sie, wenn sie schon technisch nicht besonders ausgefuchst sind, wie z.B. Großkreutz, der, wie ausgerechnet wurde, fünf Kilometer mehr als alle anderen pro Spiel läuft (haben die Spieler eigentlich einen Kilometerzähler an den Beinen?). Wie auch immer. Bislang gelingt es den Dortmundern mit dieser Methode, alle Gegner zu verwirren. Im Hinspiel sogar die Bayern, aber leider nur die ersten zwanzig Minuten. Jetzt schaffen sie es das ganze Spiel über, aber man merkt, daß ihnen in der 2. Halbzeit langsam die Puste ausgeht, und nicht umsonst kassieren sie in der 2. Spielhälfte die meisten Tore, wie Marcel Reif nicht unerwähnt ließ in der Hoffnung, daß eine selffullfilling prophecy eintreten würde, denn Reif mag den BVB nicht, und alle wissen das, weshalb das Stöhnen groß war im Intertank, als Reif als Moderator angekündigt wurde. Dahin ging ich, weil die Milchbar schon eine halbe Stunde vor Spielbeginn so voll war, daß kaum mehr ein Blatt Papier zwischen die Herumstehenden paßte. Der Laden ist nur fünf Minuten entfernt von der Milchbar, denn Kreuzberg hat das dichteste Netz von Kneipen, die nur BVB-Spiele live und in voller Länge zeigt. Nach dem Spiel tollten die Spieler vor der Fankurve herum wie junge Hunde und als hätten sie die Meisterschaft gewonnen. Sie hatten aber gute Gründe zu feiern, denn die Bilanz gegen den HSV sieht desaströs aus, und dann hatten die Norddeutschen in der letzten Saison den Schwarzgelben durch ein illegales Tor auch noch den internationalen Wettbewerb vermasselt. Das schrie nach Rache, und sie gelang. Passend dazu verbaselten die Schalker in Bochum in den letzten fünf Minuten einen 2-Torevorsprung, ohne wie die Dortmunder in Köln in der Nachspielzeit das Spiel wieder umzudrehen (und für diese Dramatik muß man die Dortmunder z.Z. lieben), d.h. Schalke verschenkte zwei Punkte. Nur Bayern war auch von Bremen nicht zu stoppen, siegte zwar nur knapp, hatte aber Chancen für zehn Partien. Das hat zwar den Vorteil, daß Dortmund seinen Vorsprung gegenüber Verfolger Bremen um weitere drei Punkte ausbauen konnte, dennoch hätte ich den Bremern mehr gegönnt. Nachricht des Tages aber war: Van Nistelrooy kommt zum HSV, um dort sein Gnadenbrot zu essen, denn mit 33 gehört er in der Welt des Fußballs zum alten Eisen.

Rohde, Armin; Zu Guttenberg, Enoch; Poschardt, Ulf

Die Bewerbungsschreiben um den Titel »Peinlichste Prominenz des Monats« sind zahlreich und kaum mehr überschaubar. Sie aber dürfen wählen, wem Sie den Pokal überreichen wollen, die Urkunde für den originellsten Kopf im öffentlichen Palaver der Dödel. Dafür habe ich mich gequält und bin für Sie knöcheltief durch den medialen Quark gewatet.
Einer Bemerkung Harry Rowohlts zufolge sind Schauspieler die dümmsten Menschen, was sie freilich nicht hindert, in jedes ihnen hingehaltene Mikrophon höchst Merkwürdiges zu sagen. Z.B. Armin Rohde, als Schauspieler bestimmter Rollen unvergessen, hat seine Liebe zu seiner Heimat Ruhrgebiet in Worte gefaßt: »Das Ruhrgebiet ist irrsinnig schön. Und grün! Wenn ich jemanden an einem Knick der Ruhr absetzen würde und raten ließe, wo er ist – der würde eher auf Kanada oder Tasmanien tippen als auf das Ruhrgebiet.« Darauf wär ich jetzt nicht wirklich gekommen, daß sich in einem Knick an der Ruhr Tasmanien befindet. Vom Meer umtost kann man auf der Insel Ruhrgebiet stundenlang durch Laupenpiepersiedlungen gehen, ohne auf eine Menschenseele zu treffen. Ja so ist das im dünnbesiedelten Tasmanien Deutschlands. Aber dieses Idyll ist in Gefahr, und Armin Rohde sieht auch die Probleme: »Ich sehe auch die Probleme. Opel ist in Gefahr.« Und Armin Rohde hat auch Angst: »Ich habe Angst.« Aber um was? Um die »verfallende Industrie, wo Birken und Farne allmählich durch rostige Zahnräder wachsen«? Nein? Nein, denn ganz im Gegenteil: bei diesem Anblick »geht mir das Herz auf«. Na, ich möchte Sie nicht länger auf die Folter spannen. »Ich habe Angst um jeden Einzelhändler«, sagt Armin Rohde. Ich schätze, daß er damit den Rest seines Lebens beschäftigt sein wird, und dabei will ich ihn auch gar nicht länger stören. Manche Leute machen sich das Leben aber auch richtig schwer.
Ein anderer mit einem Naturtick de luxe heißt Enoch zu Guttenberg. Er ist Dirigent, Manager, Umweltschützer, Großgrundbesitzer und hat einen ungarischen Jagdhund. Einen Sohn hat er auch noch. Der ist Verteidigungsminister, heißt Karl-Theodor und trägt Rollkragenpullover, wenn er den Deutschen und seinen Soldaten in Afghanistan erklärt, daß sie sich im Krieg befinden, weil da ja vorher noch keiner drauf gekommen ist. Dafür mögen ihn die Deutschen, was nicht für ihn spricht. Enoch zu Guttenberg jedenfalls hat »die Natur schon immer wahnsinnig geliebt«. Und die muß man auch lieben, weil es im oberfränkischen Kaff Guttenberg nun wirklich nichts anderes gibt. An den Menschen, die dort leben, ist die Aufklärung jedenfalls spurlos vorübergegangen, immer noch brütet dort die dumpfe, reaktionäre Mentalität aus den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, und noch heute werden »Soldatenkameradschaftsabende« begangen mit »Festgottesdienst, Weißwurstfrühschoppen und großer Waffenschau«. Ich weiß das, denn ich komme von da her. Was also soll man bei den Hinterwäldlern schon anderes machen als Umweltschützer? Sonst könnte Enoch zu Guttenberg ja nicht mehr mit seinem ungarischen Jagdhund auf die Jagd gehen, wenn »auf einmal überall Straßen in die verwunschensten Täler gebaut« werden. Da wird Enoch zu Guttenberg zumute, »als würde meine Seele zubetoniert«. Vermutlich, weil die Seele von Enoch zu Guttenberg sich in den oberfränkischen Wiesen und Wäldern befindet. Und weil das so ist, lebt Enoch zu Guttenberg nach eigener Aussage in »Saus und Braus« und geht jeden Tag reiten, aber freilich, »wer weiß, wie lange ich das noch kann«, und predigt nur zwei Sätze weiter: »Wir müssen lernen zu verzichten.« Auf was zum Beispiel: »Wir müssen zum Beispiel nicht außerhalb der Spargelzeit Spargel essen.« Verstehe! Auch bei anderen Dingen geht Enoch zu Guttenberg mit gutem Beispiel voran: »Das gesamte Schloss wird mit Energiesparlampen beleuchtet… Und die gesamte Anlage mit allen Gebäuden wird mit Hackschnitzeln beheizt.« Hackschnitzel? Na, wird schon sowas sein. Aber das sind selbstverständlich Kinkerlitzchen, denn der alte Herr auf Schloß Guttenberg malt ein Untergangsszenario an die alten Schloßgemäuer, welches das aus den guten alten Tschernobylzeiten in den 80ern wie ein altertümliches Puppenspiel aussehen läßt, dagegen, sagt Enoch zu Guttenberg, »war der Zweite Weltkrieg ein Spaziergang«. Armin Rohde mit seiner Angst um jeden Einzelhändler würde Enoch zu Guttenberg zu den Luxusproblemen zählen, wirklich Angst hat er vor den 1,4 Milliarden Menschen, deren Heimat nach seinen Berechnungen demnächst durch das Abschmelzen der Grönlandkappen unter Wasser gesetzt wird, und weil die ja nicht ständig mit nassen Füßen herumlaufen wollen dann nach Deutschland kommen werden: »Und wenn die zu uns kommen, dann sicher nicht freundlich winkend mit dem Reisebus.« Dann ist der Traum vom eigenen »Lebensraum« ausgeträumt. Nach dem selbstverständlichen Gebrauch des Nazivokabulars, seiner Phobie vor Ausländern und der Bagatellisierung von sechs Millionen ermordeter Juden kann man Enoch zu Guttenberg eigentlich nur wünschen, daß er die Untergangsvision, die ihn in den Träumen plagt, tatsächlich noch erlebt.
Dagegen ist Frank Schirrmacher ein kleines Licht. »Was mich angeht, so muß ich bekennen, daß ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin«, lautet der erste Satz seines neuen Buches. Und abgesehen davon, daß ein aufmerksamer Lektor das »mehr« gestrichen hätte – aber Lektor ist ja ein ausgestorbener Beruf –, muß man über Schirrmachers Buch auch gar nicht mehr wissen. In diesem Satz steht bereits alles, was man über seinen neuen Ratgeber wissen muß. Den Rest besorgte Ulf Poschardt, der sich anläßlich einiger Farbbeutel, deren Ziel die BKA-Zentrale in Berlin gewesen waren, besorgt fragte, ob es sich nicht um eine »neue linksextreme Gewalt«, um eine »Erosion der freiheitlichen Gesellschaftsordnung« handle, und der ehemalige Kolumnenschreiber über Autos zeigte damit, daß sein Vertrauen in den Staat trotz seines Wahlaufrufs für die FDP nicht sehr groß ist, wenn er glaubt, ein paar Farbbeutel könnten die freiheitlich-demokratische Grundordnung erschüttern. Die RAF hätte auch so angefangen, sagt er, und wenn man jetzt noch die ganzen Heimwerker dazuzählt, die ja auch so anfangen, dann könnte aus der Revolution vielleicht doch noch was werden.

Die Wahrheit über den 18. Spieltag

Es sieht nicht gut aus. Die Bayern, Bayer und der HSV marschieren ohne große Probleme vorne weg, keiner erlaubte sich einen kleinen Ausrutscher. Die Bayern hatten dabei wie immer jede Menge Glück, weil der Gegner Hoffenheim stark ersatzgeschwächt in München antreten mußte und sowieso der Wurm in der Hopp-Mannschaft drin ist, denn mit zwei Punkten aus fünf Spielen lassen sich schlecht Hoffnungen auf einen internationalen Tabellenplatz nähren. Aber wie so häufig nach einem starken Eindruck, den Hoffenheim in der ersten Bundesligasaison ja hinterließ, haben die Spieler geglaubt, sie würden automatisch ganz oben wieder mitspielen, dabei vergessend, daß die Karten immer wieder neu gemischt werden und auch das Können grandioser Spieler wie Eduardo verpufft, wenn die Mannschaft nicht zu einer Einheit findet. Dennoch ist den Hoffenheimern noch eine Menge zuzutrauen, und was, das durfte man phasenweise im Spiel gegen die Bayern bewundern, mehr jedenfalls als den Chemie-Jungs von Bayer, die sich gegen Mainz so leicht auch wieder nicht taten, wie die Presse tut, denn die wünscht sich endlich einen neuen Meister, der Bayer und nicht Bayern heißen soll, dabei besteht der Unterschied in nicht mehr als dem n, das für nervtötend stehen könnte. Immer noch glaube ich fest an den Absturz nach dem Höhenflug, der so hoch auch wieder nicht ist. Werder Bremen hingegen hat seinen ersten Auftritt gründlich verpatzt. Nicht daß ich Frankfurt die Punkte nicht gönnen würde, und in diesem Fall und ganz ausnahmsweise bin ich auch froh über den Eintracht-Sieg, weil Bremen z.Z. im Kampf um Platz fünf ein direkter Konkurrent von Dortmund ist, dennoch hätte ich die Bremer lieber oben mitspielen sehen als beispielsweise den HSV, der gefälligst wieder im Mittelfeld verschwinden soll. Für Bremen könnte dieser Durchhänger auch deshalb unangenehme Folgen haben, weil Özil gerade von Arsenal und Chelsea umworben wird, was ihm offenbar gar nicht gut tut, denn er legte ein äußerst unauffälliges Verhalten an den Tag und wurde deshalb von der BamS mit der Note fünf bestraft, was ihm sicherlich eine ordentliche Lehre sein wird. Aber auch der Münchner Ersatzbankspieler und ehemalige Nationalspieler Borowski ist nur noch ein dunkler Schatten am Bremer Firmament. Ganz unten in der Tabelle regt sich noch eine Leiche, die schon langsam nach 2. Liga zu riechen anfing. Mit den Neueinkäufen Kobiashvili und Gekas und der Rückkehr des Langzeitverletzten Kringe gelangen den Herthanern gleich drei Tore. Viel mehr hatten sie in der ganzen Hinrunde nicht geschafft. Allerdings gegen völlig indisponierte Hannoveraner, gegen die schon in der Hinrunde der einzige Sieg der Hertha gelungen war. Kapitän Friedrich will die »Euphorie niedrig halten«. So wenig das bei einer Euphorie geht, so wenig scherten sich die Fans drum, denen jeder Sieg nach 161 sieglosen Tagen wie ein Wunder vorkommen muß. »Hey, das geht ab, die Hertha steigt niemals ab«, dichteten die nicht ganz dichten Hertha-Fans denn auch hemmungslos infantil. Ich aber denke, bei diesem schrecklichen Liedgut sollte der Abstieg vorprogrammiert sein, und wenn es noch einen gerechten Fußballgott gibt, dann bitte als Ersatz für Hertha Eisern Union.