Archiv für den Monat: April 2010

Die Wahrheit über den 32. Spieltag

Es war ein strahlender Sonnentag, als ob jemand den Himmel geputzt hätte, und es war ein grausames Spiel. Ein bißchen schlagen ja zwei Herzen in meiner Brust, wenn es gegen den Club geht, denn auch wenn ich es später nicht wahrhaben wollte, die Fan-Artikel und Fußballer-Bildchen, die meine Mutter aufbewahrt hat, beweisen es: Als Sechsjähriger waren meine Sympathien paritätisch zwischen dem BVB und dem Club geteilt. Würde also ausgerechnet der BVB den Club in die 2. Liga schicken? Oder umgekehrt, der Club den Dortmundern die Europa-League versalzen?

Beides wäre nicht schön. Allerdings könnte man das ganze auch positiv sehen, aber dazu verführte mich nicht einmal der blaue Himmel. Und je länger das Spiel dauerte, desto egaler wurde mir das auch, denn das Gekicke war eine extreme nervliche Belastung. Ständig lag irgendjemand verletzt am Boden, flog der Ball ins Nichts oder zum Gegner, und eine Ballstafette gelang nur, wenn man sich hintenherum den Ball zuschob. Dafür fielen erstaunlich viel Tore, denn am Ende stand es 3:2, und als den Nürnbergern in den 84. Minute noch der Anschlußtreffer gelang, durfte man sogar noch zehn Minuten zittern, denn die Dortmunder waren merkwürdig verunsichert. Da nützt es auch nichts, wenn sie diejenigen sind, die während eines Spiels von allen Mannschaften am meisten Kilometer abreißen.

Dann aber stellte ich fest, daß auch die anderen, die sich um den 3. Platz kloppen, alles andere als souverän auftraten. Bremen machte das erlösende 1:0 gegen Köln erst in der Nachspielzeit durch einen Elfer. Leverkusens 3:0 gegen Hannover hört sich zwar ziemlich eindeutig an, aber nur deshalb, weil der Schiedsrichter ein Herz für die Tablettenelf hatte und den Hannoveranern einen Elfer verweigerte und Hyypiä trotz seiner Verdienste um eine rote Karte auf dem Platz ließ. Nur Stuttgart kämpft sich mit einer beeindruckenden Serie weiter nach vorne. Zwar ging es nur gegen die gerade völlig auseinanderfallenden Bochumer, aber mit 37 Punkten führt der VfB die Rückrundentabelle an und es sieht nicht so aus, als ob sie noch Punkte liegen lassen würden.

Im Duell der beiden unsympathischsten Mannschaften der Liga hatte Schalke den Dusel drei Minuten vor Schluß. Damit ist Hertha so gut wie weg vom Fenster. Sie haben es in 15 sieglosen Heimspielen in Folge sogar geschafft, den bislang von Tasmania Berlin aufgestellten Rekord einzustellen. Glückwunsch Hertha!

Dabei war Hertha sogar die Mannschaft mit den besseren Chancen. Ein Remis wäre mir lieber gewesen, denn dann hätte Schalke nicht das Oberwasser, das sie jetzt haben, weil die Bayern in Gladbach nur ein 1:1 schafften. Da oben fast alle gewonnen haben und unten alle verloren, hat sich in der Tabelle nichts geändert. Die Entscheidung wurde vertagt. Dennoch schlichen die BVB-Fans nicht gerade euphorisch aus dem Intertank. Nur der gemütliche Dicke mit BVB-Leibchen und BVB-Fähnchen und leichtem Zonen-Akzent drehte sich in der Tür noch einmal um und sagte aufmunternd: »Na, drei Punkte geholt. Das ist doch die Hauptsache, wa?« Dabei wedelte er noch einmal mit seinem Fähnchen, stieg in einen nagelneuen Mercedes und entschwand in den klaren, sonnendurchfluteten Straßenschluchten.

Die Wahrheit über den 31. Spieltag

Zum ersten Mal kommt Magath aus der Reserve und kündigt Ansprüche auf die Meisterschale an, nachdem die Blauweißen gegen Gladbach 3:1 gewonnen haben. Aber Gladbach liegt gesichert im Mittelfeld, für die geht es nur noch um eine bella figura, aber die kann man sich gegen Schalke abschminken, denn da steht Destruktion und Taktik auf dem Programm, da muß man sich schon den Schalker Gepflogenheiten anpassen, um in einem trüben Spiel ein trübes Ergebnis zu erzielen. Magath wurde unterstützt vom Gelsenkirchener Dorfdeppen, der in den Notizblock von BamS lispelte: »Was der Trainer sagt, ist Gesetz.« Durch diese unappetitliche Unterwürfigkeit hofft Kuranyi von Löw begnadigt zu werden, dabei gibt es in Deutschland nicht wenige, die sich die deutschen Spiele in Südafrika nur aus diesem einzigen Grund, der Kuranyi heißt, nicht angucken. Und wenn Magath verkündet, Schalke wird Meister, dann würde es Kuranyi wahrscheinlich gar nicht merken, wenn sie nur zweiter werden.

Dabei steht Magaths Wunsch ein viel älteres und quasi eingesessenes Gesetz entgegen: »Nur anschauen, nicht anfassen.« Verspielt hat Schalke die Meisterschaft gegen Hannover 96, gegen die man 4:2 verlor, während für die Bayern die Niedersachsen gerade mal Sparringspartner waren. 7:0 hieß es am Ende des Torfestivals. Und auch das Restprogramm (Gladbach, Bochum, Hertha) ist nicht so, daß man sich allzu große Hoffnungen machen könnte. Und Bayern ist nicht Schalke, die gegen solche Mannschaften auch mal untergehen. Schalke hingegen muß noch gegen Werder antreten, die Ambitionen auf den 3. Platz haben und die gerade von niemanden aufzuhalten sind, auch nicht von Wolfsburg, die mit 4:2 abgefertigt wurden. Frings, ebenfalls ein von Löw Aussortierter und in guter Form, übt sich wenigstens nicht in Arschkriecherei: »Daß Löw da war interessiert mich nicht. Daß es in der Nationalmannschaft nicht um Leistung geht, wissen doch alle.« Auch wenn diese Worte von Verbitterung geprägt sind, sie hören sich schon besser an als das »Ich bin zu allem bereit«-Gejaule und das »Bittebitte, nimm mich mit, ich bin auch ganz brav«-Geschluchze.

Und was machen eigentlich Leverkusen und Heynckes? Nun auch gegen Stuttgart verloren. Was für eine grandiose Serie. Ich bin beeindruckt. Einige Dinge wiederholen sich auf hartnäckige Weise. Dazu gehört, daß Leverkusen schön spielt, am Ende aber immer einknickt, und wie es aussieht, haben sie nicht nur die Meisterschaft vergeigt, sondern auch den Qualifikationsplatz für die CL verloren, es sei denn Bremen und Dortmund erbarmen sich ihrer, was beim BVB wahrscheinlich ist, bei Bremen weniger. Von einem ähnlichen deja vu wird gerade Labbadia heimgesucht. Wie schon in der letzten Saison bei Leverkusen, knickt er jetzt auch beim HSV in der Endphase dramatisch ein. Sogar gegen die auswärtsschwachen Mainzer hat man jetzt verloren, was die Niederlage des BVB in Mainz nicht schöner, aber verständlicher macht. Labbadia ist deprimiert und ratlos. Zwar mischen die Hamburger noch in der Europa League mit, aber es sieht nicht so aus, als würden sie in der augenblicklichen Form da etwas reißen können. Abgeschmiert auf Platz 7 steht es jedenfalls nicht mehr in ihrer Macht, sich zu qualifizieren. Nicht daß es wegen des Uwe-Seeler-Gedächtnis-Vereins schade wäre, aber Labbadia tut mir ein bißchen leid, denn er macht eigentlich einen netten Eindruck. Vielleicht sollte er sich an seinen eigenen Haaren aus der Depression ziehen und sich an einen seiner legendären Sprüche von früher erinnern: »Das wird alles viel zu sehr hochsterilisiert.«

Und wieder ging es um etwas bei den Dortmundern, und wieder wurden sie, wie schon früher, von der Versagensangst gepackt. Ein Grottenspiel, das man einfach nicht sehen möchte. Und irgendwie war es eigentlich schon vorher klar, auf was das ganze hinauslaufen würde, denn bei Hoffenheim als schlechteste Rückrundenmannschaft ging es nur darum, nicht zu verlieren, und durch Kampf und Krampf sich ins Spiel zu wühlen. Und Dortmund ließ mit Blick auf den möglichen Platz drei nervös geworden jeden Schwung, jede Emphase und Euphorie vermissen, die man glaubte, sie wäre durch Klopp wieder zurückgekehrt. Stattdessen ließ man sich durch das Gemurkse des Gegners anstecken. Dennoch hatten die Dortmunder Chancen, keine sonderlich hochkarätigen, aber sie machten zwei Tore daraus. Eines wurde ihnen aberkannt. Zu unrecht. Und daß dann in der vorletzten Minute der erste ernstzunehmende Angriff der Hoffenheimer zum Tor führte, paßte dann zu dem Spiel, genauso wie die Tatsache, daß der entscheidende Fehler, der dem Tor vorausging, von Hajnal begangen wurde, der für Sahin eingewechselt wurde, nachdem ihm von einem Hoffenheimer das Nasenbein zerstrümmert wurde. Das alles erschien mir im nachhinein sehr schlüssig. Ist es natürlich nicht, aber spätestens nach der Niederlage gegen Mainz, dem glücklichen Remis gegen Hertha und dem nunmehr zwar unglücklichen, aber auch wiederum nicht ganz unverdienten 1:1 gegen Hoffenheim, die seit der Winterpause ganze neun Punkte gemacht hatte, weiß man, daß Dortmund gerade mit dem scheinbar leichten Restprogramm (Nürnberg, Wolfsburg, Freiburg) Mühe haben wird, den sechsten Platz zu halten. Bremen und selbst Leverkusen, die Dortmund eine Einladung nach der anderen gegeben hatten, sie zu überholen, sind schon an den BVB vorbeigezogen. Stuttgart wird das beim nächsten Spieltag tun, denn Stuttgart eilt als beste Rückrundenmannschaft von einem Sieg zum nächsten und wird sich mit Sicherheit weder von Bochum, noch von Mainz oder Hoffenheim aufhalten lassen. Und auch wenn Wolfsburg bei noch neun zu vergebenden Punkten sieben Punkte hinter Dortmund liegt, hat Wolfsburg im Augenblick die besseren Aktien. Vielleicht meint jemand, ich würde ein bißchen arg unken, aber wer das Spiel gegen Hoffenheim gesehen hat, gegen eine stark limitierte Mannschaft, die völlig von der Rolle ist, der weiß, daß ich nicht übertreibe. Und Dortmund hat noch drei Gegner vor der Brust, für die es um alles geht, und gerade gegen solche Mannschaften hat Dortmund seine liebe Mühe. Und wer gegen eine Mannschaft nervös wird, obwohl man in Führung gegangen ist, bei dem ist der Wurm drin, und der wird so schnell nicht mehr rausgehen. Da spielt jetzt die Versagensangst um den 5. Platz eine Rolle, und ist man erstmal von Stuttgart überholt, wird man um Platz 6 zittern. Es würde mich nicht wundern, wenn es wieder so eng wird wie im letzten Jahr, als der BVB in der Nachspielzeit durch ein irreguläres Tor um die Europa League gebracht wurde.

Der Papst und seine Gelichter

Christen sind unerschütterlich, an ihnen perlt jede Aufklärung ab wie an einer Teflonpfanne, die man ihnen schon über die Rübe ziehen müßte, damit sie was merken. Meine Mutter ist so ein Fall. Ob ich den gerade geborenen Frischling nicht taufen lassen wolle, fragte sie mich ernsthaft, denn das ungetaufte Kind würde sie sehr traurig machen. Mich fragte sie das, einen eingefleischten Atheisten, und das auch noch nach dem Bekanntwerden der Mißbrauchsvorwürfe bei den Katholen. Ob sie den Pfaffen noch ein weiteres Mißbrauchsopfer zuführen wolle, fragte ich sie. Das nahm sie persönlich und war beleidigt.

Das ist schon irre, denn nach allem, was jetzt ans Licht der Öffentlichkeit kommt und schon vorher bekannt war, auch wenn darüber quasi nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde, handelt es sich bei der katholischen Kirche um die größte kriminelle Vereinigung. Immerhin kam der Kirchenstaaatsanwalt in Rom nicht umhin, in einem Interview zu erklären, daß in den vergangenen zehn Jahren 600 Priester nach entsprechenden Vorwürfen aus dem Kirchendienst ausscheiden mußten. 600 ist schon eine unfaßbare Zahl, hinzukommen aber noch all die Priester, die gedeckt wurden, wie von Ratzinger selbst, als er noch Münchner Erzbischof war und in dieser Funktion 1980 der Versetzung eines Priesters von Essen nach München zugestimmt hat, der zuvor einen Elfjährigen mißbraucht haben soll. Später, so stellte sich dann heraus, wurde der problemlos rehabilitierte Priester in der Seelsorge zum Wiederholungstäter. Strafvereitelung im Amt heißt in der bürgerlichen Rechtsprechung dieser Vorgang. Hätte jemand einen gewöhnlichen Sexualstraftäter auf diese Weise der Strafverfolgung entzogen, würde ihn vermutlich die volle Härte des Gesetzes treffen, den Täter sowieso, der auf der Stelle weggesperrt werden würde und dem der schäumende Haß von Bild und anderen Boulevard-Blättern sicher wäre.

Und deshalb sei schlau, geh nicht zum Bau, wie es früher hieß, sondern begebe dich unter die Obhut des Papstes, denn da läßt sich der Katholizismus neu interpretieren: Als “Kirche von hinten”, wie Wiglaf Droste schreibt. 12000 Mißbrauchsopfer allein in den USA in den letzten Jahrzehnten gibt es, 3000 Mißbrauchsfälle wurden seit dem Jahr 2000 im Vatikan untersucht, bzw. wahrscheinlich wohl eher vertuscht, und das sind nur die Opfer, die sich später zu Wort gemeldet haben. Die meisten, das weiß jeder Küchenpsychologe, machen aus Angst und Scham die Sache mit sich selber aus und verschweigen aufgrund der besonderen Bindung zum Täter den Mißbrauch. Die Dunkelziffer dürfte in diesem Fall bei weitem höher liegen als die öffentlich bekannt gewordene Zahl. Das österreichische Nachrichtenmagazin Profil schreibt: »Schwere Vorwürfe erhob gleichzeitig die ›New York Times‹ gegen den Papst. Zweihundert gehörlose Kinder waren von 1950 bis 1974 in einer Taubstummenschule in Wisconsin von dem inzwischen verstorbenen Priester Lawrence Murphy mißbraucht worden. Die Mißbrauchsopfer hatten vergeblich bei den kirchlichen US-Behörden um Hilfe gebeten. 1996 hatte der Erzbischof von Milwaukee, Rembert G. Weakland, den Präfekten der Glaubenskongregation Ratzinger in zwei Briefen von den Vorfällen informiert – und bis heute keine Antwort erhalten.« Und was hat der Papst dazu zu sagen? Der Glaube an Jesus Christus gäbe ihm die Stärke, sich »nicht vom belanglosen Geschwätz der vorherrschenden Meinung einschüchtern zu lassen«. Und da der Papst ansonsten lieber schweigt, braucht er einen Sprecher, der der Öffentlichkeit die Meinung des Papstes kundtut, bzw. wohl eher den Marsch bläst, denn Federico Lombardi sagte, daß die Medienberichte als »schmachvoller Versuch« zu werten seien, dem Papst und seinen engsten Beratern um »jeden Preis zu schaden«. Würde ein normaler Mensch unter einer ähnlichen Wahrnehmungsstörung leiden, würde er wahrscheinlich in eine Anstalt gesteckt. Als Sprecher aber teilt Lombardi nur mit, was der Papst denkt, und für den sind nicht die Mißbrauchsopfer der Skandal, sondern daß die Presse über die Klagen der Mißbrauchsopfer berichtet. Insofern ist es logisch, daß es Federico Lombardi verwundert und es »beeindruckend« findet, wie viele innere Wunden oft nach Jahrzehnten noch offen sind, denn nach so langer Zeit müßte da doch längst Gras über den Mißbrauch gewachsen sein. Auch andere Verteidigungsstrategien hören sich sehr merkwürdig an. Pädophilie, so sagte der Kardinalssekretär Tarcisio Bertone, sei »eine Herausforderung für die Staaten, aber auch für alle Menschen«, ein reichlich fadenscheiniger Versuch, die Mißbrauchsvorwürfe paritätisch auf die Gesellschaft zu verteilen. Rätselhaft bleibt auch, warum der gute Mann den vornehm als Pädophilie umschriebenen Kindesmißbrauch als »Herausforderung« sieht und nicht als Zustand, den es abzuschaffen gilt. Keine andere Institution habe so viel wie die Kirche unternommen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, sagte Bertone. Was den Straftätern jedoch blühte war gerade mal eine Versetzung in den Ruhestand oder im höchsten Falle eine Demission, eine vergleichsweise milde Strafe, mit der sich leben läßt, im Vergleich zu einem Straftäter, der nicht von der Institution Kirche gedeckt ist. Kindesmißbrauch sei überdies, so redete sich Bertone weiter um seinen Strohkopf, in anderen Gruppen viel verbreiteter als in der Kirche, als ob das, selbst wenn es stimmte, was zu bezweifeln ist, eine Entschuldigung wäre. Und um auch ganz deutlich zu machen, woher der Wind weht, drehte er den Spieß um: »Viele Psychologen und Psychiater bestätigen, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Zölibat und der Pädophilie gibt. Aber viele andere haben gezeigt, so wurde es mir unlängst gesagt, dass es eine Beziehung zwischen Homosexualität und Pädophilie gibt.« Was sich in dieser Debatte und in diesen Äußerungen raunend widerspiegelt zeugt von reaktionärer und stockkonservativer Gesinnung, die mehr dem Faschismus als der Demokratie zugeneigt ist.

Warum sonst hat der Papst 498 Priester selig gesprochen, die im spanischen Bürgerkrieg ermordet wurden – allerdings nur diejenigen, die Franco treu ergeben waren und den Faschistengruß entboten, während diejenigen Priester, die auf der republikanischen Seite standen, von der kirchlichen Opferliste gestrichen wurden. In der größten Seligsprechungsaktion in der Geschichte wurde unbemerkt von der Öffentlichkeit noch einmal deutlich gemacht, daß der Vatikan nichts dagegen hätte, wenn ein Führer die Welt an die Kandare nehmen, die Prügelstrafe wieder einführen und die Homosexualität verbieten würde.

Die Wahrheit über den 30. Spieltag

Ich weiß nicht, welche perverse Neugier mich antrieb, wieder in das restjugoslawische Wettbüro zu tigern, wo Restjugoslawen auf Bildschirme starrend auf alles wetten, was nicht niet- und nagelfest ist. Pferderennen, Fußball, Tiger Woods, Formel 1, auf alles wurde im dichten Qualm gesetzt. Ich wußte genau, daß Dortmund in der entscheidenden Situation erneut versagen würde, aber wie ein Triebtäter mußte ich es mir wieder antun. Auf Dortmund würde ich heute keinen Cent wetten und auf eine Niederlage kam auch nicht in Frage, denn das verbot sich von selbst. Immerhin hätte Dortmund sich auf Platz 3 vorrobben können. Und das machte sie nervös. Das Spiel wurde allerdings gar nicht gezeigt, weil irgendwelche restjugoslawischen Dunkelmänner das Spiel nicht im Programm hatten, sondern nur Hertha gegen Stuttgart, aber wer will das schon sehen. Ich jedenfalls nicht. Immerhin konnte ich erreichen, daß auf einem der zahlreichen Bildschirme extra für mich Konferenzschaltung angeschaltet wurde, was mich normalerweise auch nicht dazu bewogen hätte, mich in eine Bar zu schleppen.
Aber jetzt war ich da und erfuhr, daß Dortmund 64 Prozent Ballbesitz hatte. Das machte mich skeptisch. Ich wußte, daß es Dortmund wieder versieben würde, mit Vorliebe gegen einen Verein, der schon seit Ewigkeiten nicht mehr gewonnen und zu Hause eine katastrophale Bilanz aufzuweisen hat. Eben genau wie Mainz, ein mittelmäßiger Gegner, wie er mittelmäßiger gar nicht sein konnte. Und als es dann hieß, Tor in Mainz, da wußte ich, daß es nicht auf der richtigen Seite gefallen war. Ein Mainzer hatte sich in den Dortmunder Strafraum verirrt, hatte Hummels ausgespielt und aufs Tor geschossen. Der erste Schuß überhaupt, und drin. Während Barrios eine zweihundertprozentige versiebt hatte und auch kein anderer Dortmunder es verstand, die drückende Überlegenheit in Tore umzuwandeln. Den Rest des Spiels stellten sich die Mainzer hinten rein und verriegelten ihren Strafraum wie einen Hochsicherheitstrakt, während die Dortmunder ihn umkreisten wie hungrige Wölfe, sich aber nur die Zähne ausbissen. Es war nicht schön anzusehen, wenn ich mal was zu sehen bekam. Immerhin wurde auch Schalke von der Versagensangst gepackt. Gegen den sicheren Absteiger Hannover spielten sie selber wie einer. 2:0 lagen sie zur Pause zurück, bevor Magath ihnen in der Pause wahrscheinlich androhte, sie alle in den Gulag zu schicken. Also machten sie den Ausgleich, knickten aber dann am Ende doch wieder ein und mußten sich mit 4:2 verlorengeben. Ein schwacher Trost, aber in solchen Situationen nimmt man alles mit. Dabei hätte es so schön sein können, denn die Tablettenelf kam über ein Unentschieden gegen Bayern nicht hinaus. So aber sitzen die Bremer den Dortmundern schon wieder im Nacken, die mit einem glanzvollen 4:0 Freiburg deklassierten.

Abends ging ich dann in ein überfülltes Irish Pub, wo richtiger Fußball gezeigt wurde: Real Madrid gegen Barcelona.

Die Wahrheit über den 29. Spieltag

Zur Zeit läuft alles wie am Schnürchen. Van Bommels Kommentar »Die Schalker können es nicht« bewahrheitete sich im Spitzenspiel. Obwohl Bayerns Altintop schon frühzeitig das Feld verlassen mußte, schafften die Schalker es nicht, eine 2:1-Führung der Bayern aus der ersten Hälfte zu egalisieren. Das Schalke-Spiel ist eben auf Zerstörung ausgerichtet. Wenn ihnen eine Mannschaft mit den gleichen Mitteln begegnet, dann gibt es ein Gehacke, das nicht schön anzusehen ist. Und so war es dann auch. Mit einem Auge konnte ich die Partie in einem Wettbüro in Wien am Praterstern beobachten, wo jeder Fan seinen eigenen Fernsehschirm hatte. Der Bayern-Fan sprang bei jedem Tor auf und brüllte »So siehts aus«. Ausnahmsweise freute ich mich mit ihm, und das taten auch die BVB-Fans, die die Bayern-Tore lauter bejubelten als die der eigenen Mannschaft.

Aber wer einen Kuranyi in seinen Reihen hat, sollte sowieso aus der Gemeinschaft der Fußballfans ausgeschlossen werden. Ich konzentrierte mich aber lieber auf meinen eigenen Bildschirm, da hatte ich genügend Qualen auszustehen. Immerhin ging es gegen Bremen, die den Dortmundern im Nacken saßen und schon ewig kein Spiel mehr verloren hatten. Die Schwarzgelben aber drehten von Anfang an mächtig auf und erzielten frühzeitig zwei exzellente Kopfballtore, eins von Großkreutz, bei dem der Ball sich schön über Wiese hinweg ins Tor senkte, das andere von Subotic nach Ecke von Zidan, der den Ball vorher geküßt hatte, eine inbrünstige Geste, von der ich nicht geglaubt hätte, daß sie hilft. Nach dem Anschlußtreffer begann dann das große Zittern, denn die Bremer waren in der zweiten Halbzeit drückend überlegen. Das Spiel war zum Verzweifeln, denn nach jeder guten Aktion eines Dortmunders folgte kurz darauf der erneute Ballverlust.

Aber den Schwarzgelben war auch diesmal das Glück hold. Jetzt können die Fans sogar schon vom 3. Platz träumen, denn an diesem perfekten Tag mußte sich Leverkusen in Frankfurt durch ein Last-Minute-Tor 3:2 geschlagen geben, so daß der Abstand zum fast schon designierten Meister nur noch ein Pünktchen beträgt. Immer noch versucht Leverkusen sich einzureden, keine Krise zu haben, aber wenn man als Spitzenmannschaft drei Spiele hintereinander verliert und das vierte wahrscheinlich auch, weil es dann gegen die Bayern geht, dann muß man schon arg blind sein, um sich über diesen kritischen Zustand hinwegzutäuschen.

Und auch in Hamburg geht das Gespenst der Krise um. Ein maues torloses Remis brachten die Hamburger gegen den sicheren Absteiger aus Hannover zustande. Trotz van Nistelroy schwimmen die Felle des internationalen Geschäfts langsam aber sicher weg. Und Guerrero verlor die Nerven und bewarf einen pöbelnden Zuschauer mit einer Wasserflasche, war sogar nur durch Sicherheitspersonal davon abzubringen, dem Mann an die Gurgel zu gehen. Und von hinten drängt Wolfsburg, die den Hoffenheimern ein 4:0 bescherten. Sieht also alles prima aus. Ich rieb mir die Hände und holte am Wettschalter meinen bescheidenen Gewinn ab.