Archiv für den Monat: Juni 2010

Arbeit vernichtet, was sie versprach.

Robert Menasse ruft die permanente Revolution der Begriffe aus

Es ist nur ein schmales Büchlein, das jedoch Gewicht hat wie selten ein Buch, das sich mit Begriffen auseinandersetzt, die in der öffentlichen Debatte ausgehöhlt und banalisiert wurden. In acht Vorträgen beschäftigt sich Robert Menasse im Suhrkamp-Bändchen »Permanente Revolution der Begriffe« mit Arbeit, Religion, Europa, Demokratie, Öffentlichkeit, Kultur, Sucht und Kritik, wobei es gleich mit der Arbeit, dem zweifellos wichtigsten Beitrag, losgeht. Arbeit taucht in der Gesellschaft zum einen als Mangel auf, als Faktor, der im internationalen Wettbewerb der Konzerne hinderlich ist, gleichzeitig wird Arbeit als höchstes aller Güter bewertet: diejenigen können sich glücklich schätzen, die Arbeit haben.
Was in der gesellschaftlichen Diskussion durcheinander geht, versucht Menasse auf kluge Weise ideologiegeschichtlich zu entschlüsseln. Die Frühsozialisten hatten die Vision, daß Arbeit nicht nur Fron sei, sondern ein Glücksversprechen enthalte. Charles Fourier wollte sogar dem rastlosen Spieltrieb der Kinder gesellschaftlichen Nutzen abgewinnen und ihre Aktivitäten in Produktivität transformieren. Herausgekommen ist die Kinderarbeit. Für eine Gesellschaft, in der der Mensch nach seinen Bedürfnissen lebte, übernahm auch Marx die Vorstellung von der nicht-entfremdeten Arbeit, die – »gesetzt, wir hätten als Menschen produziert« (Marx) – frei mache. Diese Idee wurde von völkischen Ideologen übernommen und endete schließlich als Inschrift über dem Tor von Auschwitz, und das zeigt vor allem, daß man Utopien gegenüber skeptisch sein sollte, weil sie in der Regel in das Gegenteil der Intention der Erfinder kippen. Die selbstbestimmte Arbeit, die ein Rudolf Höß für sich ganz selbstverständlich reklamierte, bestand darin, andere Menschen möglichst effizient zu töten. Darin fand Höß seine Erfüllung, es ging ihm darum, seine Arbeit gut und gründlich zu tun, und zwar mit Liebe und Hingabe. Im Prinzip hat sich an diesem Arbeitsbegriff auch heute nichts geändert, was letztlich damit zu tun hat, daß »die Mehrheit der Menschen auch und erst recht heute bedingungslos bereit ist, sich den Zwängen und Anforderungen eines Systems zu unterwerfen, um eine Freiheit zu erlangen, die dann selbst auch wieder nur ein ideologisches Produkt dieses Systems darstellt.« Nach Menasse reproduziert selbst die »gute Arbeit« nur den »Verblendungszusammenhang«. Arbeit, egal unter welchen Bedingungen, ist das Verhängnis, denn die wichtigen Dinge für die Menschheit wie Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit werden durch sie nicht befördert, sondern zerstört. Menasse seziert den Begriff Arbeit auf eine Weise, wie das selten geworden ist, er läßt kein Schlupfloch für die Annahme, sich durch Arbeit selbst verwirklichen zu können, jedenfalls nicht, solange sich an den gesellschaftlichen Voraussetzung nicht grundlegend etwas geändert hat, aber dafür gibt es keine Anzeichen, und solange das nicht der Fall ist, kann es höchstens darum gehen, gegen den weit verbreiteten Irrtum anzuschreiben, Arbeit könne selbstbestimmt sein, denn: »Was immer durch Arbeit produziert wird, sie vernichtet, was sie versprach.«
Aber Menasse verweilt nicht nur auf der abstrakt-begrifflichen Ebene, er begibt sich auch in die Niederungen der Politik. In Österreich wurde Martin Graf zum Parlamentspräsidenten gewählt. Martin Graf aber ist Mitglied einer vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Organisation. Jeder Abgeordnete, der ihn gewählt hat, wußte das, aber es sei nun mal »Usance«, daß der Kandidat der drittstärksten Parlamentsfraktion für diesen Posten vorgesehen ist, und auch der österreichische Bundespräsident hielt nichts davon, diesen »Grundsatz« in Frage zu stellen. Diese feinfühlige Rücksichtnahme für einen Rechtsradikalen aus Gründen der Gewohnheit bringt Menasse auf die Palme, und sarkastisch merkt er an, das sei so, »als würde der Paragraph 1 der österreichischen Verfassung tatsächlich lauten: ›Österreich ist eine demokratische Republik. Alle Macht geht von der Gewohnheit aus.‹« Mehr noch, für Menasse handelt es sich um blanke Willkür, wenn das Gewohnheitsrecht über den Rechtszustand gestellt wird, denn Martin Graf verstoße nun mal ganz offen gegen den Grundkonsens der Republik, Demokratie ist dann »nur noch eine abstrakt allgemeine Bezeichnung für die ›Umstände‹, die einfach so bleiben sollten, wie sie waren.«
Radikal sein bedeutet, die Sache an der Wurzel packen, die Wurzel für den Menschen sei aber der Mensch. In diesem altmodischen marxschen Sinne ist Robert Menasse radikal. Es geht für ihn immer noch um den Menschen und um die von ihnen geschaffenen Institutionen. Auch wenn er sich über den Menschen keine Illusionen mehr macht und Winston Churchill zitiert, der einmal sagte: »Das größte Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler«, Menasse ist dennoch vom Furor der Empörung gegenüber Skandalen und Ungerechtigkeiten getrieben und setzt die klassischen Mittel der Aufklärung ein. Hinsichtlich Österreich, unter dem Robert Menasse hauptsächlich leidet, fällt mir den Stoßseufzer von Bernd Eilert ein: »Schade, daß man dieses kotelettförmige Land  nicht einfach in eine Pfanne werfen, braten und aufessen kann.« Einige besondere Verfehlungen ließen sich damit vielleicht beseitigen, aber die Demokratie versickert nicht nur in Österreich. Und der Dichter? »Im Grunde hat er, neben Ihnen, nur kurz gehechelt.« Aber das bleibt im Gedächtnis, hat man Robert Menasse aufmerksam zugehört.

Robert Menasse, »Permanente Revolution der Begriffe«, edition suhrkamp, Frankfurt 2009, 124 Seiten, 9.- Euro

Hermann, Eva & Ballack, Michael

Wie in einem schleimigen Horrorfilm, in dem Untote mit Glasaugen und wächserner Haut, in die sich eine Delle drücken läßt, in die idyllische Welt der naiv vor sich hin lebenden Menschen einbrechen und Verheerungen anrichten, so ist Eva Hermann aus dem Reich der längst Totgesagten wieder aufgetaucht und rechnet knapp drei Jahre nach ihrem Rauswurf beim NDR mit ihren Kritikern ab. Die für traditionelle Werte wie Familie, Hund, Müttergenesungsheim, Haus, Gartenzwerg, Zierdeckchen, röhrender Hirsch und ähnliche Grausamkeiten eintretende Eva Hermann stellt in ihrem Buch »Die Wahrheit und ihr Preis« unter Beweis, daß Blondinenwitze doch eine gewisse Berechtigung haben. Die »Bild«-Zeitung druckte ein paar Passagen vorab und gab somit dem breiigen Denken der ehemaligen Tagesschausprecherin ein Forum, nicht ohne dem molligen Wesen, dessen Gesicht sich gut für Babynahrung eignen würde, einen entsprechenden Rahmen zu geben, denn während sie oben mit einem honigsüßen Lächeln ihre weißen Zähne blitzen läßt, stellt »Bild« sie in einen Zusammenhang, der ihr nicht gefallen dürfte, denn direkt darunter, quasi als Bildunterschrift steht: »Killer-Bubi (16) gefasst! Er erstach einen Schüler (19) am Hamburger Jungfernstieg«. Links daneben dann die kleingedruckte Wahrheit der Eva Hermann, die sich ihre Gedanken, wenn man das denn so nennen will, über die Wahrheit macht:
»Wahrheit? Woher will Eva Hermann denn die Wahrheit wissen? So höre ich meine Kritiker immer wieder. Ich spreche jedoch nicht selbst Erdachtes, sondern beuge mich allein der ewigen Wahrheit, die der Schöpfer in diese Welt senkte: Das wichtigste Naturgesetz, das Grundgerüst allen Seins auf dieser Erde ist die Liebe! Für  die Wahrheit der Liebe, die allein Freiheit des Geistes bedeutet, werde ich immer kämpfen.« Diese wirren Sätze sollten wirklich in einem Schmuckschächtelchen als Perlen unfreiwilliger Komik verwahrt werden. Die Hybris, quasi Gottes Stellvertreterin auf Erden zu sein durch die Verbreitung ewiger Wahrheiten, ebenso wie die steile und völlig zusammenhangslose These, die Wahrheit der Liebe wäre eine Bedingung für die Freiheit des Geistes, wofür bislang nur Eva Hermann Anzeichen gefunden hat, machen sie jedenfalls zu einem entschiedenen Anwärter für den Posten des Papstes.
Bei solchen grandiosen Erkenntnissen ist man natürlich schon ein bißchen auf die »Wahrheit der Liebe« gespannt: »Von meinem Lebenstraum, verheiratet zu sein und mindestens drei Kinder zu haben, hatte ich mich in den letzten Jahren Stück für Stück verabschiedet. Zwar hatte ich einige Anläufe unternommen, aber ständig liefen mir die Männer unter lautem Aufschrei davon…« Okay, der letzte Halbsatz ist jetzt selbst Erdachtes, kommt aber der Wahrheit durchaus nah, denn Eva Hermann scheiterte. »Woran?« fragt sie sich. Vermutlich weil sie sonst niemand fragt, unterhält sie sich eben mit sich selbst: »Letztlich an meinem Job, denn dieser war für mich immer das Wichtigste gewesen, und dafür wurde alles andere in die zweite Reihe geschoben. Nun waren weder ein Ehemann noch Nachwuchs in Sicht. Nicht einmal einen Hund konnte ich mir anschaffen, weil ich ständig mit dem Flugzeug durch die Weltgeschichte gondelte.« Das ist wirklich große Komik, und Eva Hermann ist zweifellos eine heiße Anwärterin auf den Preis für peinliche Literatur, denn so geht es ständig weiter. Eine kleine Kostprobe noch: »Und jetzt hatte die biologische Uhr von einem Tag auf den anderen mahnend und hartnäckig zu ticken begonnen. Plötzlich wünschte ich mir nichts sehnlicher, als ein Kind zu bekommen und eine richtige Familie zu gründen. Weit und breit war kein passender Mann in Sicht, keiner, der mit mir eine Familie hätte gründen wollen. Wer sollte hier denn auch mithalten können? Bei meinem Verdienst und dem gigantischen Erfolg? Und dem offensichtlichen, prallen Selbstbewußtsein?«, mit dem Leute ihres minderbemittelten geistigen Formats freilich auf peinlichste Weise protzen müssen.

Ich hätte ihr einen Mann verraten können, der zu ihr gepaßt hätte: Michael Ballack. Der aufdringlichste Werbeträger, den der deutsche Fußball je hervorgebracht hat, wird sogar vom »Rolling Stone« genommen. Für eine Anzeige Ballacks für den »48h Transpirationsschutz« von L‘Oréal mit dem Werbespruch »48h cool bleiben« auf der hinteren Umschlagseite durfte Ballack dann auch vorne Coverboy spielen. So funktioniert Journalismus in Zeiten seines Untergangs. Im Innenteil verrät Ballack, das er »alles querbeet« hört wie z.B. Xavier Naidoo. Es geht allerdings auch noch schlimmer: Philipp Lahm, der Ersatzkapitän, hört am liebsten »Weus‘d a Herz hast wia Bergwerk« von Rainhard Fendrich. Am schlimmsten ist dann aber wieder Ballack, auf dessen Hochzeit die Schmalznudel Elton John schmachtete: »Das war unglaublich, keine Frage. Simone und ich fanden Elton John schon immer toll.« Und daran erkennt man, daß Ballack ein Zoni ist, denn die sind besonders anfällig für eimerweise zähflüssiges und öliges Liedgut.

In Sachen Mißbrauch bei den Katholen möchte ich noch einen kleines Schlußwort von Malte Lehmig anfügen, der im Berliner »Tagesspiegel« einen bemerkenswerten Kommentar schrieb: »Doch kaum einer von denen, die sich jetzt zu Recht über die Mißbrauchsfälle empören, begangen zum größten Teil von mehr als dreißig Jahren, macht sich Gedanken darüber, was er selbst aktuell in seiner Gegenwart als gegeben hinnimmt, von dem er zumindest ahnen kann, dass es sich dereinst als grottenfalsch herausstellen könnte. Es ist durchaus möglich, dass demnächst ein Terrorist auf dem Potsdamer Platz eine ›schmutzige‹, sprich radioaktive Bombe zündet. Bald danach wird man ganz zerknirscht darüber nachdenken, ob das nicht zu verhindern gewesen wäre, mit ausgeklügelter Rasterfahndung, Nackscannern oder anderem. Wie sicher sind unsere Datenschützer, dass sie unsere Sicherheit nicht gefährden? Oder: Brauchen wir wirklich erst den nächsten Amokläufer, um uns intensiver als bislang über den Zusammenhang von am Bildschirm verübter und realer Gewalt Gedanken zu machen? Oder: Wachen wir tatsächlich erst auf, wenn eine iranische Atombombe auf Jerusalem fällt? Das alles sind Fragen. Aber wer ist heute wirklich frei von einer gewissen Komplizenschaft mit dem Zeitgeist?« Chapeau! Das muß man Malte Lehming erstmal nachmachen. Und noch eine Frage bei all diesen Fragen: Ist das das Endstadium des Journalismus?