Archiv für den Monat: Juli 2010

Seibert, Steffen & Bushido

Man kennt ihn aus dem ZDF. Das ist der Mann, bei dem ich immer gleich das Programm wechseln will, wenn er in den heute-Nachrichten als Sprecher auftaucht, weil es dann wieder so zwangslocker und schmusekritisch zugeht, daß mir ganz unwohl wird und ich automatisch den Reflex verspüre, diesem frisch rasierten und immer irgendwie nach einem aufdringlichen After Shave riechenden Schwiegermutterliebling ein Farbei ins Gesicht zu werfen, jedenfalls muß ich mich drehen und winden bei seinem Anblick, weshalb ich nach den Nachrichten garantiert nicht mehr weiß, was eigentlich auf der Welt passiert ist, und das ist kein Wunder, denn in der Seibertschen Präsentation der Nachrichten wird alles einerlei, selbst dann, wenn aus Gründen der Betroffenheit es aus Seibert ölig heraustropft und er plötzlich Schlappohren bekommt und den treudoofen Blick eines Bernhardiners mit sabbernden hängenden Mundwinkeln. Von Seibert wurde sogar ein sehr eingängiges Verb abgeleitet, und man muß nicht besonders helle sein, um mitzukriegen, daß ein seibernder Mensch nicht sehr angenehm ist und man die Gesellschaft solcher Leute besser meidet. Vor allem im TV wird man von ihnen vollgeseibert. Dort hat sich das Seibern virusartig ausgebreitet und wurde zur allgemeinen Sprachnorm erhoben, d.h. die Fähigkeit, stundenlang ein Ereignis zu beseibern, ohne daß sich aus dem Geseiber ein Erkenntnisgewinn ziehen ließe.
Folglich wurde Seibert für seine siebenstündige Moderation der Terroranschläge am 11. September 2001 mit der »Goldenen Kamera« ausgezeichnet, das heißt für die Kunst nichts zu sagen, und das stundenlang und ausgiebig. Sogar mit Seibert sympathisierende Medien wie die »Bild« nennen ihn »smart«, und ihn noch abfälliger zu beurteilen fällt selbst mir schwer, der ich als Sieben-Uhr-Nachrichten-Gucker jahrelang von ihm malträtiert wurde, denn smarte Menschen sind widerlich, sie sondern eine Flüssigkeit von schleimiger Konsistenz ab, sie sind karrieregeil und tun alles, die dazu gehörige Leiter hochzurutschen, und dafür würden sie alles und jeden verraten, die eigene Großmutter sowieso, wenn es da was zu verraten gäbe, und die eigene Jugend: »Ich bin auf eine sehr politisierte Schule gegangen, also habe ich vorschriftsmäßig auch an all den Anti-Atomkraft-Wegen und Anti-Kulturministeriums-Demonstrationen teilgenommen.« Hier spricht der kritische Opportunist, der mit dem Zaunpfahl winkt und in die Öffentlichkeit hinausseibert: »Hey, ich bin immer auf der Seite der herrschenden Meinung. Ich mache alles, was von mir verlangt wird, und das vorschriftsmäßig.« Und zum kritischen Opportunisten paßt es auch, daß er – bis auf die Linkspartei selbstverständlich, denn so weit würde sich Seibert nie aus dem Karrierefenster lehnen – »alle Parteien, die im Bundestag sitzen, schon mal gewählt« hat. Da wurde sogar der gramgebeugte Trauerklos Angela Merkel auf ihn aufmerksam und bestellte ihn zum Pressesprecher der schwarz-gelben Regierung, die ihre Zukunft bereits hinter sich hat und deshalb einen Mann braucht, der den Leuten das Desaster schön redet, wofür Seibert ja beim ZDF ausgebildet wurde. Außerdem baut Angela Merkel wahrscheinlich auch auf den Effekt, daß die Leute die von Seibert vorgetragenen Regierungsverlautbarungen immer noch für ZDF-Nachrichten halten, wobei da allerdings nicht wirklich ein großer Unterschied besteht, aber schließlich kommt es auf die Nuancen an und darauf, daß auch die Wähler der SPD-, Grünen- und Links-Opposition, die der Regierung quasi naturgemäß mißtrauen, Seibert auf dem Leim gehen. Seibert hat die Offerte Merkels auch sofort angenommen: »Für einen leidenschaftlichen Journalisten ist das eine ganz unerwartete, faszinierende neue Aufgabe«, seiberte Seibert einen für ihn ganz typischen Satz, der in diesem Fall von unfreiwilligen Humor zeugt, weil er die Leidenschaftlichkeit eines Journalisten im seibertschen Sinne auf eine rein repetitive Tätigkeit reduziert, die darin besteht, Vorgekautes nachzukauen, und damit befindet man sich mit Seibert im Land des Neusprechs, in dem man die Worte auch genau das Gegenteil bedeuten lassen kann, wenn es dem Sprecher in den Kram paßt. Der von mir hochgeschätzte Autor Fritz Tietz hat schon 2001 im Jahrbuch »Who‘s who der peinlichen Personen« alles Wissenswerte über den im ZDF zusammengeschraubten Alien mitgeteilt. Damals wurde der glitschige Mann zu Kerner geschickt, damit der ihn einem Publikum vorstellt, das durch Kerner durch nichts mehr zu erschüttern war. Und dort outete sich Seibert als Katholen, der vom Protestantismus abgefallen war, weil er den Papst so toll fand und weil er gerne einen »Beichtvater zum Beispiel« hätte, und den gibt’s ja bei den Protestanten nicht. Fragt sich nur, was er dem Beichtvater anvertrauen will. Irgendwelche abgründigen Geheimnisse? Irgendwelche abartigen sexuellen Praktiken? Regierungsgeheimnisse? Wohl kaum, denn dieser Mann hat nichts zu verbergen. Er ist eine hohle Nuß, und da würden auch Probebohrungen kein Ergebnis zeitigen.

Das ist so ähnlich wie bei Bushido, der für den »Spiegel« ein Interview zusammengestottert hat über einen schwachsinnigen Song, der für die deutschen Nationalspieler in Südafrika zur Hymne wurde. Bushido brauchte für den Text 20 Minuten, für den Song insgesamt 60 Minuten. Warum er für den Text so lange gebraucht hat? Keine Ahnung. Kompliziert ist er jedenfalls nicht: »ole ole ole ole ole ole ole ole ole ole ole ole ole ole ole / hey yo Deutschland / holt die Fahnen raus / Sie hängn vom Balkon / am Gartenhaus, an 1000 Fenstern / an Autofenstern, der Kühlerhaube, am Benzmarkt / auf dem Lenkrad Schwarz-Rot-Gold / und ja wir Deutschen sind grad so stolz / im ganzen Land schaut jeder zu / kämpft, auch wenn die Gegner (…) / ihr schafft das schon ihr macht das schon / mein Song, das Sonnenersatzman Flow / wir fiebern mit, live in Marin / 2010, kein Fußballtrend / ich war als Kind schon Fußballfan / und ich glaub ich sprech für das ganze Land / wenn ich sage geht raus und gewinnt diesen Kampf«, usw. Kann man liebloser einen Text runterhauen? Und läßt dies nicht tief blicken, wenn es um das Verhältnis zum Nationalismus geht? Bushido liebt Deutschland, sagt er. Ich finde das toll. So kann sich jeder in Ruhe überlegen, ob er wirklich mit einem Schmalspurdesperado und unappetitlichen Kotzbrocken mit dem Gehirn eines Hamsters das Liebesobjekt teilen will.