Archiv für den Monat: September 2010

Die Wahrheit über den 6. Spieltag

Manche werden sagen: Naja, St. Pauli, ein Aufsteiger, kein Kunststück, aber St. Pauli ist seit Stanislawski nicht mehr das St. Pauli von früher, das den Haudrauf-und-Schluß-Fußball spielte. Und auch wenn mir die meisten Namen in der Mannschaftsaufstellung nichts sagen, heißt das nicht, daß die Jungs nicht gepflegt mit dem Ball umgehen könnten, und das bewiesen sie beim 1:1 Ausgleich, als drei elegante und schnelle Spielzüge reichten, um die hochgelobte Dortmunder Abwehr ziemlich alt aussehen zu lassen und wahrscheinlich jede andere auch. In der zweiten Halbzeit allerdings ließen die Braunen dann doch merklich nach, auch wenn ich mich nicht der Meinung des Trainers anschließen würde, der behauptete, das sei »das Schlechteste« gewesen, »was wir seit Jahren defensiv gespielt haben«. Damit nämlich schmälert er die Dortmunder Offensive, die mit Barrios und Kagawa wieder einen glänzenden Tag erwischt hatte. Wie Kagawa die Flanke zum 1:0 vorbereitete und wie Barrios und Götze sich die Kugel zuschoben, das war für das Publikum einfach ein Genuß, ein Festschmaus, ein Mjammjam, Szenen zum Dahinschmelzen und Träumen. Das wirklich Schöne an Dortmunds Fußball ist die Konzentration auf das Spiel ohne taktische oder Revanchefouls, ohne Meckern und Nickligkeiten. Das macht ihr Spiel wirklich sympathisch, und wenn sie selber gefoult werden, dann wird deshalb keine Jammeriade angestimmt. Nur Weidenfeller macht da eine unrühmliche Ausnahme als er in der Nachspielzeit Ebbers bei einer Abwehraktion aber nichtsdestotrotz absichtlich ins Gesicht schlug, wofür er hochkant vom Platz hätte fliegen müssen. Aber Schiedsrichter Stark gab ihm nicht mal eine gelbe Karte, und niemand konnte es verstehen. Jetzt sind es fünf Dreier in Folge, ein sensationeller Wert, und man muß sich wirklich die Augen reiben und fragen, was ist da eigentlich los? Und auch bei Mainz geht der Traum weiter. Die haben jetzt sogar gegen pomadige Münchner mit 2:1 gewonnen, die solche Underdogs gar nicht auf dem Zettel haben und glauben, durch Ballbesitz ließe sich automatisch ein Spiel gewinnen. Van Gaal redete anschließend wirr und meinte in aufblitzender Selbsterkenntnis, daß er immer das selbe sagen würde. Außerdem sagte er: »Wenn Sie das Spiel analysieren, dann haben wir heute schlecht gespielt.« Man kann nur hoffen, daß er in einer Woche die gleiche »Analyse« abgeben muß, denn dann geht es gegen Dortmund, und schon aus Gründen alter Feindschaft werden die Bayern die Schwarzgelben nicht unterschätzen. Da geht es um alte Wunden, als die Dortmunder für ein paar Jahren die Vormachtstellung im deutschen Fußball inne hatten und nicht nur mal zufällig oder ausnahmsweise ein Spiel gegen Bayern gewonnen haben. Außerdem können es sich die Bayern nicht leisten, schon wieder zu verlieren. Umso schöner wäre natürlich ein Sieg der Dortmunder, schon allein wegen des Widerlings van Bommel, aber in dieser Begegnung wird es auf viele Faktoren ankommen, und letztlich auch einfach auf das Glück, das seine Gunst sehr launisch verteilt, denn letztlich waren auch die beiden Tore von Mainz zwar wunderschön, gelingen in der Regel aber nur selten.

Die Wahrheit über den 5. Spieltag

Als Klopp nach dem sensationellen 5:0 über Scheißhauslautern vor der Kamera auftrat, war er fahrig wie selten. Er lachte, grimassierte, das einem Angst und Bange werden konnte, er sprudelte, keuchte, japste, als ob er 90 Minuten auf dem Spielfeld gestanden hätte, und er kriegte keinen vernünftigen Satz zustande. Vor dem Spiel hatte er um die Unterstützung aller irgendwie zur Verfügung stehenden Dortmunder gebeten, und die waren gekommen. Über 70000, und das an einem Mittwoch abend. Danach flapste und flippte er umher, sein Blick irrlichterte, und man fragt sich, was wird mit diesem Mann passieren, wenn er wirklich mal was gewinnen sollte. Allerdings war dies tatsächlich eine magische Nacht, obwohl es einfach nur um drei Punkte ging, aber die Dortmunder zeigten, wie zuletzt schon gegen Schalke, ihre totale und souveräne Überlegenheit, wie man sie selten zu sehen bekommt. Hatte ich die Siege bislang, mißtrauisch wie ich bin, darauf geschoben, daß Dortmund bislang Gegner vor der Nase hatte, die alle völlig von der Rolle waren, so kam mit Kaiserslautern zwar ein Aufsteiger, aber immerhin die Mannschaft, die Bayern bezwungen hatte. Und in der ersten halben Stunde war die Partie auch ziemlich ausgeglichen, aber selbst wenn Kaiserslautern die eine Chance genutzt hätte, sie wären dennoch nicht ungerupft davon gekommen. In der zweiten Halbzeit war es dann die reine Spielfreude, die sich auf dem Feld austobte. Sahin, Kagawa, Barrios, nein eigentlich waren alle überragend, aber die Pässe von Sahin waren schon von einer Präzision, die bei jedem Trainer auf der Welt Begehrlichkeiten wecken wird, und nicht umsonst hatte Arsene Wenger schon vor drei Jahren 10 Millionen für ihn geboten. Aber das entscheidende: Es ist eine junge Mannschaft, die sich begeistern kann, die sich beweisen will und die nicht in erster Linie auf Geld, Verträge und Honorare schielt, für die Fußball noch nicht zur Routine geworden ist. Und das alles sah man an diesem zauberhaften Abend, den ich schon allein deshalb nicht erwartet hätte, weil der BVB ja erst vor drei Tagen Schalke in einer grandiosen Vorstellung auseinandergenommen hatte, und zwar vor allem durch ein beeindruckendes Pressing und ein ständiges Über-den-Platz-Fegen, was dem Gegner sichtlich den Nerv raubte. Bester Saisonstart in der Vereinsgeschichte, und ich frage mich langsam, wohin das noch führen und wann der Einbruch kommen wird, denn diese traumhafte Leistung ist über eine ganze Saison nicht durchzuhalten, nicht mal über eine halbe. Aber wenn St. Pauli nicht zum Stolperstein wird, dann ist da ja noch der FC Sevilla und die Bayern, und die haben ein bißchen mehr auf der Pfanne als die bisherigen Gegner. Und bei Bayern stellt sich mit einem Last-Minute-Treffer in Hoffenheim auch wieder der alte Dusel ein, wie überhaupt der Last-Minute-Treffer gerade wieder in Mode kommt. Nürnberg entschied die Partie gegen Stuttgart auf den letzten Drücker für sich, Leverkusen die gegen Frankfurt und Schalke schoß sich in letzter Sekunde bei den Freiburgern aus der Krise. Schade, jetzt müssen sich die gerade noch gefeierten Freiburger fragen lassen, warum sie dem mißratenen Projekt von Magath wieder auf die Beine geholfen haben.

Die Wahrheit über den 4. Spieltag

Die alte Hackordnung ist immer noch nicht hergestellt. Die Bayern werden als »NULLpen« verspottet, weil sich zehn Kölner im Sechzehner zusammenrotteten und es als ihre einzige Aufgabe ansahen, den Ball irgendwie aus der Gefahrenzone wegzuschlagen. Honorig überließ man den Bayern den Ballbesitz, und davon hatten die dann reichlich. Fast 70 Prozent. Das entspricht ja auch der Philosophie van Gaals. Diesmal allerdings nutzte es nichts, auf die Geduld zu setzen, die von allen Trainern gepredigt wird, um zum Torerfolg zu gelangen. Geduld hatten auch die Kölner. Sie kamen zwar kaum über die Mittellinie, aber was hätten sie da auch tun sollen? Der Catenaccio ist nicht mehr länger eine italienische Spezialität. Die Kölner können das viel besser als der AS Rom, der sich in der CL in München 2:0 geschlagen geben mußte, wobei allerdings der Zufall seine Finger im Spiel hatte, denn gegen Rom gelang Müller ein Glücksschuß und ein Glückstor, während er gegen Köln eine riesige Chance versiebte. Auch Bremen ist außer Tritt. Schaaf konnte sich nicht erinnern, so ein schlechtes Spiel seiner Mannschaft gesehen zu haben. Und auch Frings meckerte über die Offensiven, dabei trottete auch er meistens behäbig hinterher, wenn die spritzigen Mainzer aufs Bremer Tor zumarschierten. Tuchels Mainzer haben jetzt als einzige Mannschaft alle vier Spiele gewonnen, womit auch nicht alle Fußballexperten gerechnet hätten, dennoch wird die Euphorie nicht weit tragen und wahrscheinlich werden sie gegen irgendeinen mittelmäßigen Gegner einknicken, wahrscheinlich schon am nächsten Dienstag gegen Köln. Die Stuttgarter haben nach drei Pleiten gerade noch einmal die Kurve gekriegt gegen lustlose Gladbacher, die nie so genau wußten, was sie auf dem Spielfeld eigentlich tun sollten. Sie bescherten den Stuttgartern mit 7:0 einen neuen Rekord, und das ist ja auch schön, daß eine Mannschaft in diesen Konkurrenzzeiten noch den Mut findet, viele Tore zuzulassen und einen Gegner aufzubauen, der schon ganz unten war. Leider handelte es sich dabei um Stuttgart, was von schlechtem Geschmack zeugt, der aber immer noch besser ist als gar kein Geschmack. Vollkommen geschmacklos jedenfalls fühlte sich der 2:0-Sieg der Wolfsburger gegen Hannover an, ein Spiel, das man schon zum »Nord-Derby« »hochsterilisieren« (der gute alte Haudegen Labbadia, wenn ich mich nicht irre) muß, um künstliche Spannung zu erzeugen bei zwei leblosen Mannschaften aus zwei ziemlich toten Städten. Da ändert auch Diego nichts daran, der mit seinem Wechsel nach Wolfsburg den größten Fehler seines Lebens gemacht hat. Und während Mainz noch auf seine Pleite gegen einen mittelmäßigen Gegner wartet, hat Hoffenheim die schon hinter sich, denn wer es nicht versteht, gegen die Aufsteiger aus Kaiserslautern zu gewinnen, die nichts auf der Pfanne haben außer viel Engagement, der wird auch nie deutscher Meister. Nachtragen möchte ich noch den größten Witz in der aktuellen Fußballgeschichte: Barcelona verlor letzte Woche zu Hause gegen den Aufsteiger Hercules Alicante 2:0. Beide Tore schoß der Ex-Dortmunder Nelson Valdez. Das sind schon gefühlte zwei Tore mehr als er in seiner gesamten aktiven Zeit beim BVB geschossen hat.

Die Wahrheit über den 3. Spieltag

Sir Jan Off hatte mir in einer vehementen Abrechnung mitgeteilt, wie verwerflich er das Tun und Treiben der im Kopf hohlen und mit nackten Oberkörpern herumtollenden Fans fände, wie überflüssig gar den ganzen Fußballrummel, der nichts anderes sei als eine riesige Zeitvernichtungsmaschine. Ich mußte ihm vorbehaltlos recht geben. Eine bestechend überzeugende Argumentation. Ich bekannte mich schuldig und leistete Abbitte. Dann ging ich in den Intertank, eine noch üblere Punkkneipe als die Milchbar, und verbrachte in dieser dunklen Höhle, in der die Luft in Scheiben geschnitten werden kann, die schönsten Sonnenstunden eines herrlichen Herbsttages beim Spiel der Dortmunder gegen Wolfsburg. Und es war hinreißend. Die Dortmunder ließen den Wolfsburgern null Chancen. Millionen hatte VW in die Werksmannschaft hineingepumpt, Diego aus Turin zurückgeholt, aber die Elf wirkte so gewöhnlich, ideenlos und antriebsarm wie der Volkswagen. Sahin hingegen und Kagawa, wie überhaupt fast alle Dortmunder, spielten erstaunlich munter, schnell und souverän und erzielten zwei zauberhafte Tore, die ich mir aus zwanzig unterschiedlichen Perspektiven gerne hundert Mal angeguckt habe. Dortmund gewann trotz zwei eklatanter Fehlentscheidungen des Schiedsrichters, der ein Handspiel eines Wolfsburgers im Elfmeterraum übersah und einen aus Frust in die Hacken von Kehl tretenden Diego. Man muß schon so dumm wie Dieter Hoeneß sein, um diese Szene als Schauspielerei Kehls zu werten, und man muß schon so dumm wie der VW-Vorstand sein, der allen Ernstes glaubt, mit einem so dummen Mann wie Dieter Hoeneß die Champions-League zu erreichen, in der man seine Automarke wähnt, diese Meinung aber exklusiv für sich alleine hat. Aber gegen Wolfsburg zu gewinnen ist eine Sache, eine ganz andere ist es, am nächsten Donnerstag in der Euro-League gegen Karpati Lwow zu bestehen. Nach drei Spieltag sind drei Mannschaften, die Anspruch auf die ersten fünf Plätze erheben und deshalb viel in alte Spieler aus dem Ausland investiert haben, noch ohne Punkt. Wolfsburg sowieso, aber auch Schalke, die schon am Freitag gegen Hoffenheim brav ihre Punkte abgaben, und Stuttgart, denen es nichts nutzte, einen ehemaligen Weltmeister aus Italien, der eigentlich Argentinier ist, auf seine alten Tage verpflichtet zu haben. Camoranesi hatte sich seine Haare hinten zu einem Oma-Dutt gebunden, und irgendwie paßten sich die Stuttgarter mit ihrer Spielweise da an. Auch die Bayern kommen nicht richtig auf Touren, gegen Bremen gab es trotz »Franz-Geburtstags« nur ein torloses Remis, das erste Mal überhaupt in der Geschichte der Bayern. Auch Bremen hat sich mit einem alten Star verstärkt, mit Silvestre, der zuletzt bei Arsenal spielte, aber Sylvestre ist robust und verläßlich, jedenfalls gut genug für einen harmlosen Bayernsturm. Die wirklichen Überraschungen, die mit unerklärlichen Leistungsschwankungen zusammenhängen, fanden im Mittelfeld der Liga statt. Gladbach, die vor einer Woche noch das gegen Dortmund stark gestartete Leverkusen mit einem sensationellen 6:3 niederkartätschten, verloren jetzt gegen die noch punktelosen Frankfurter zu Hause mit 4:0. Das muß mir jetzt mal jemand erklären.

Sarrazin, Thilo

Thilo Sarrazin ist ein lustiger Mann, er sieht lustig aus und sagt lustige Dinge. Dabei wirkt er immer ein wenig tapsig, unbeholfen und linkisch, eine Art deutscher Mr. Bean, und mit seiner Faschingsmaske, die er nie abnimmt, mit dem komischen Bürstenschnurrbart und dem komischen Brillengestell, hat er alles, was er für seine Büttenreden braucht, aber vor allem ist er ein gutes Beispiel, wie weltoffen und lustig es in Deutschland immer noch zugeht, obwohl die Weltmeisterschaft in dem seit neuestem »Schland« genannten Land schon vier Jahre zurückliegt. Er sagt so lustige Sachen wie, daß die Intelligenz von 50 bis zu 80 Prozent vererblich sei. Welche Intelligenz? Sarrazin meint die Intelligenz der Leute, die ihm zustimmen, die also auch davon überzeugt sind, daß die Intelligenz von 50 bis zu 80 Prozent vererblich ist, und die daran glauben, daß es sich bei Heterosexualität um irgendetwas Perverses handelt. Selbstverständlich ist alles wissenschaftlich belegt, behauptet Sarrazin lustigerweise. Er hat da was bei der Psychologin Elsbeth Stern gelesen, weshalb alles »unbestreitbar« ist. Die lebt in Zürich, hat also nicht mitbekommen, wie lustig Sarrazin ist, weshalb sie bierernst und ohne den geringsten Humor sagt: Sarrazin zeigt mit dieser Behauptung, »daß er Grundlegendes über Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden hat«. Sarrazin wäre nicht so lustig, wenn er sich davon beeindrucken ließe, genauso bierernst antwortet er deshalb darauf, daß er es trotzdem gelesen hätte und daß es deshalb »unbestreitbar« sei. Im übrigen hätte auch Henryk Broder ihm »Unterlagen« gegeben, in denen seine Thesen bestätigt werden, daß »alle Juden ein bestimmtes Gen teilen«, aber die hat er noch nicht lesen können, weil er gerade soviel zu tun hat. Später, als sich alle aufregen über das »unstrittige« Judengen, sagt Sarrazin, daß er auch irgendeine andere Volksgruppe hätte nehmen können, dann hätte sich niemand aufgeregt. Das mit dem Judengen würde er dann halt zurücknehmen, sonst aber nichts. Daran sieht man, daß die Intelligenz tatsächlich bis zu 80 Prozent vererblich ist, denn von nichts kommt eben nichts, da kann die Intelligenzerblichkeit noch so hoch sein. Und deshalb hantiert Sarrazin auch gern mit Statistiken, weil Statistik bekanntlich der Superlativ von Lüge ist und weil sich aus der Welt der Statistik stundenlang lustige Dinge erzählen lassen, wie z.B. daß »die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa darstellt.« Kein Wunder bei einer »Fertilitätsrate von 1,4«.
Fertilitätsrate? Alle nicken begeistert. Wir werden bedroht, weil wir nur so eine kleine Fertilitätsrate haben und die Muslime so eine große. Da stellt sich ein gewisser Neid ein auf die muslimische Fertilitätsrate, denn durch die Fertilitätsrate wird es in nur wenigen Generationen so sein, daß »Staat und Gesellschaft von den Migranten übernommen werden«, die offenbar so was ähnliches sind wie die Muslime. Die Deutschen müssen also an ihrer Fertilitätsrate arbeiten, denn ohne Fertilitätsrate geht heute gar nichts mehr, da wird man dann sogar »fremd im eigenen Land«, und das in nur wenigen Generationen. Aber wie neue Statistiken aus dem Bundesamt für Statistik ergeben haben, fühlen sich die Deutschen schon immer fremd im eigenen Land, und erstaunlicherweise am meisten dort, wo der Migrantenanteil am niedrigsten ist. Langzeitstudien zeigen, daß die Deutschen es mit sich selber nicht aushalten und deshalb jede Gelegenheit nutzen, um ins Ausland zu fahren. In keinem anderen Land wird dafür so viel Geld ausgegeben wie in Deutschland, obwohl die Deutschen gar kein Geld dafür haben. Am wohlsten fühlen sich die Deutschen in Gebieten mit hohem Ausländeranteil, weil das ihrer Mentalität für Abschottung und Verbiesterung am meisten entspricht. Nirgendwo läßt sich so schön mosern und nörgeln wie zu Hause über die Ausländer.
Aber wie, grübeln die Deutschen, kriegen wir die verdammte Fertilitätsrate höher? Und wozu ist das dann überhaupt gut? Wenn nämlich diese Fertilitätsrate aus welchen Gründen auch immer plötzlich in die Höhe schnellte und sagen wir mal bei 3,15 landen würde, dann würde Deutschland in nur wenigen Generationen aus allen Nähten platzen und die Deutschen müßten sich woanders Lebensraum erobern, was aber kein Problem wäre, denn da wissen die Deutschen Bescheid, wie das geht, das gehört zu ihrer kulturellen Identität. Damit das aber eben nicht passiert, wurde in Deutschland die Parole »Nie wieder!« ausgegeben mit dem Erfolg, daß die Fertilitätsrate aber sowas von zusammengeschnurrt ist. Jetzt überlegen sich die verantwortlichen Politiker parteienübergreifend, ob man die Parole »Immer öfter« ausgeben sollte.
Sarrazin sagte noch viele andere lustige Dinge, z.B.: »Ich betrachte unser Land aus der Perspektive eines verantwortungsvollen Staatenlenkers.« Jedenfalls macht er sich Sorgen um Deutschland, und da herrscht große Einigkeit unter den Deutschen. Soviel Sorge um Deutschland war noch nie. Die »taz« sorgt sich um das Ansehen Deutschlands im Ausland, Necla Kelec teilt wenig originell einfach »Sarrazins Sorge um Deutschland« und Peter Hahne macht das ja sowieso immer, schon aus rein professionellen Gründen, denn er muß sich ja jeden Sonntag »Gedanken am Sonntag« machen. Hatice Akyün wiederum, die von Beruf »Tochter eines Analphabeten« ist, wie der »BamS« zu entnehmen war, wirft in einem Streitgespräch Sarrazin vor: »Sie beleidigen unser schönes Deutschland und ihre Menschen. Sie sollten bei jeder Kritik Rücksicht auf die Gefühle der Menschen nehmen.« Da traf Sarrazin mal auf jemanden, der fast noch lustiger war als er. Außer vielleicht Henryk Broder, der den Fall Sarrazin für den »ersten Fall einer Hexenjagd in Deutschland seit Mitte des 17. Jahrhunderts« hält. Jedenfalls wäre es der erste Fall, bei dem die Hexe nicht verbrannt, ja nicht einmal einer peinlichen Befragung mit Daumenschrauben und sowas ausgesetzt worden ist. Auch interessant die Feststellung Broders, Vererbung, Identität und Gene seien irgendwie alles das gleiche, was ich jetzt nicht gedacht hätte, aber daran sieht man, daß Deutschland mit seinen Türken schon ein lustiges Land ist, in dem es Kabarettisten richtig schwer haben, denn das alles zu toppen, das muß man erst mal schaffen.