Archiv für den Monat: Oktober 2010

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

»Ich weiß langsam keinen Rat mehr«, sagte Metzelder nach dem 1:0 gegen Leverkusen, und Raúl haderte ebenfalls mit dem Schicksal, weil der Ball einfach nicht reingehen wollte. Ein Gespenst geht um auf Schalke, das Gespenst der Angst. Und wie geht der Anhang damit um? Die eine Hälfte verließ lange vor Spielende das Stadion und die andere Hälfte pfiff die eigene Mannschaft aus. Glücklich, wer solche Fans hat. Nur Magath hält die Fassade aufrecht. Und die bröckelt gewaltig. Dortmund hatte es den Schalkern vorgemacht, wie man einen grandiosen Absturz inszeniert, und Schalke hatte nichts eiligeres zu tun, als in die gleiche Falle zu tappen. Jetzt könnte nur noch ein Florian Homm helfen, aber der ist verschwunden. Sie erinnern sich noch an Homm? Der Mann mit den kubanischen Zigarren, der für 30 Millionen BVB-Aktien kaufte und eine kurze Zeit so tat, als sei er der Besitzer des BVB. Die Aktien hat er schon lange wieder verkauft. Wahrscheinlich mit Verlust. Hätte er noch ein wenig gewartet, hätte er tatsächlich einen fetten Gewinn abschöpfen können, denn die BVB-Aktie steigt wieder. Es heißt, die Russenmafia, die Hell Angels und die US-Justiz sid hinter ihm her. In Venezuela schoß ihm jemand in die Brust. Er überlebte knapp. Jetzt wird er in Liberia vermutet. Seiner Firma hinterließ ein ein Minus von 500 Millionen. Hätte ich das schon 2004 gewußt, hätte ich den Mann mit ganz anderen Augen gesehen. Ich hätte gesagt, alle Achtung, ein echter Abenteurer und Krimineller, kein blasser AG-Typ, der hinter einer anonymen Firma steckt, kein gelangweilter saudischer Milliardär, der ein Spielzeug braucht, kein Wurstverkäufer. Man muß ihn ja nicht gleich sympathisch finden, aber 500 Millionen in den Sand zu setzen, das muß man erstmal schaffen. Da steht der BVB mit seinen inzwischen auf unter 100 Millionen gesunkenen Schulden vergleichsweise gut da. Auch wenn man dort jetzt einen kleinen Dämpfer im Pokal gegen Offenbach wegstecken mußte, aber da man in der häßlichsten Stadt der Welt sonst nichts hat, geht das schon irgendwie in Ordnung, und man kann sich in Dortmund wieder auf die wesentlichen Dinge konzentrieren, und das ist auch nötig, denn in der Europa-League war man bislang nicht halb so erfolgreich wie in der Bundesliga. Aber das sind die meisten Mannschaften nicht, die sich vorher Chancen auf den Titel ausgerechnet haben. Wie Werder, die nach einem kurzen Zwischenhoch zu Hause gegen den Club einen 3:2-Dämpfer hinnehmen mußten. Der Ganzkörpertätowierte Frings sagte: »Wir haben vorne keinen Killerinstinkt.« Früher hieß der Killerinstinkt »Torriecher«, und ich finde den »Torriecher« viel netter, nicht so aggressiv und darauf aus, dem Gegner den Todesstoß zu versetzen. Damals verließ man sich einfach noch auf seine Nase, heute ist nur noch Hauen und Stechen und große Rücksichtslosigkeit. Auch der Fußball-Knigge Netzer beschwerte sich darüber und fordert eine Bestrafung Podolskis, weil der den Köln-Manager Meyer den Fans zum Fraß vorgeworfen hätte. Aber bei dem Streit zwischen Podolski, der als Volltrottel in die Fußballgeschichte eingehen wird, und Meyer, der rhetorisches Desaster und Unfähigkeit hervorragend miteinander zu verbinden weiß, steht man gerne drüber und genießt.

Die Wahrheit über den 9. Spieltag

Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit waren aus München vor dem Spiel gegen Hamburg moderate Töne zu vernehmen, ja man redete sich das torlose Remis auch noch schön, indem man auf die beiden vorher gewonnenen Spiele gegen Hannover und Cluj hinwies. Wenn man bedenkt, daß Cluj quasi alle Tore beim 3:2 für die  Bayern selber geschossen hat, kann Rummenigge in der Tat froh sein, einen Punkt beim HSV geholt zu haben, vor allem, wenn man die Chance bedenkt, die Pitroipa allein vor dem Tor verbaselt hat. Und Hoeneß verwies auf die verletzten Stammspieler, womit er natürlich recht hat, aber auch die Ersatzspieler sind alle in irgendwelchen Nationalmannschaften tätig. Weil sie spielerisch durchhängen, versuchen sie es auf andere Weise, die Konkurrenz zu verunsichern. Vor der 2:0-Pleite in Dortmund meldeten die Bayern Interesse an Sahin an, der Ende der Saison für sechs Millionen gehen könnte, was nicht nur für die Bayern ein Schnäppchen wäre. Dabei ginge es nur darum, Sahin aus dem Spiel zu nehmen und die Konkurrenz zu schwächen, denn ob er bei den Bayern tatsächlich zum Stammpersonal zählen würde, stünde nicht im vornherein fest. Solange Bayern aber auf solche Tricks angewiesen ist und ansonsten versucht, den Abstand zur Spitze nicht noch größer werden zu lassen, solange läßt sich ganz gut damit leben und solange kann man eine Saison genießen, die nicht von den Bayern dominiert wird. Genießen kann man auch das Herumrödeln der Schalker, die in Frankfurt Glück hatten, nicht unter die Räder zu  geraten, was nur der Unfähigkeit des Ex-Schalkers Altintop zuzuschreiben war, der selbst einen Meter vor dem freien Tor es noch fertig brachte, übers Gehäuse zu schießen. Magath muß langsam zugeben, daß ihm schleierhaft ist, wie es zu den seltsamen Leistungsschwankungen kommt, denn in der 2. Halbzeit begaben sich die Schalker kein einziges Mal vor das Tor der Eintracht, jedenfalls nicht, um darauf zu schießen. Aber nach dem Auswechseln fast einer kompletten Mannschaft war auch nichts anderes zu erwarten. Und jetzt befindet sich der Fleischer und Schalke-Vorstand Tönnies in der Zwickmühle, weil er nicht weiß, wie er Magath dem Anhang erklären soll, weil doch auf Schalke »Emotion pur« vorherrsche, aber Magath es dennoch verstünde, »die Leute mitzunehmen, ein Stück weit«. Spannend wird es allemal, wohin Magath die Leute ein Stück weit mitnehmen wird und ob es den Leuten dort gefallen wird. Auch Stefan Kuntz hatte eine originelle Begründung, warum Kaiserslautern schon wieder verloren hatte, diesmal in Freiburg: »Nach hinten fehlt ein kleines Stück, und das findet im Kopf statt.« Als Spieler beschwerte sich Kuntz häufiger darüber, daß einige Mitspieler mal wieder »den Schwanz eingezogen« hätten, für Kuntz quasi das entscheidende Spielgerät. Heute fehlt auch noch ein Stück davon nach hinten, weshalb man sich im Verein mal langsam über die merkwürdige Anatomie des Fußballs in der pfälzischen Region Gedanken machen sollte. Und was war noch schön an diesem Spieltag? Genau, die 2:1-Pleite der Wolfsburger beim Club. Und zwar einfach, um zu beobachten, wie das Gesicht des vor Selbstgefälligkeit triefenden Hoeneß immer länger wird.

Die Wahrheit über den 8. Spieltag

Langsam wird mir die Sache unheimlich. Nach dem sensationellen Sieg gegen die Bayern, die irgendwie zu glauben schienen, daß Ballbesitz allein ausreicht, um ein Spiel zu gewinnen, haben die Dortmunder jetzt sogar die Kölner in die Knie gezwungen, was weit schwieriger war, weil die Helau-Truppe alles daran setzte zu gewinnen, und das war nicht wenig. Sie hatte jedenfalls mehr zu bieten als die Bayern. Außerdem ist es immer irgendein mittelmäßiger Gegner, über den eine Mannschaft im Höhenflug stolpert. Aber Dortmund ließ das nicht zu. Mißtrauisch beäugte ich die knappe 1:0-Führung und war zutiefst deprimiert, als dem Karnevalsdeppen »Poldi« der Ball vor die Füße sprang und ihm ein Glückstreffer gelang. Und das in der 82. Minute. Danach war großes Kino: Podolski grätschte Sahin in die Beine als der Ball längst weg war. Und als sich Sahin beschwerte, zeigte Podolski die 3:0-Pleite der Türken gegen Dtschl an. Gibt es für einen solchen Einfaltspinsel eine schönere Strafe als das 2:1 in der allerletzten Nachspielminute durch Sahin? Und als Sahin direkt vor der Nase Podolskis torjubelnd vorbeiruschte, da war der Rachedurst gestillt. Ich bestellte mir einen Jameson auf Eis und ließ ihn auf Samtpfötchen die Kehle hinunterrollen. Ich trank auf Sahin, den wundersamen Ballverteiler. Und auf Barrios, der seinem Spitznamen Panther alle Ehre macht. Allein der Spielzug in der allerletzten Minute war brillant und zeugte von großer fußballerischer Kunst. Die Zeiten, als man Rosi nachtrauern mußte, sind endgültig vorbei. Und am beeindruckendsten ist, daß die Dortmunder nach dem Ausgleich alles daran setzten, das Spiel irgendwie noch zu drehen und dabei kaltblütig blieben wie Profikiller. Daneben sehen alle anderen Spiele ziemlich zusammengegurkt aus. Bayern hat mal wieder ein Spiel gewonnen gegen harmlose Hannoveraner. Das mit Sicherheit unwichtigste Spiel an diesem Tag, aber da Bayern den Aufmacher in der BamS gekauft hat, wird diesem Spiel eine komische Aufmerksamkeit zuteil. Viel interessanter ist da doch der Abstiegsgipfel zwischen Schalke und Stuttgart, das erfreulicherweise 2:2 endete, denn dieses Ergebnis nützt keiner Mannschaft etwas, allerdings muß man konzedieren, daß beide Mannschaften gar nicht so schlecht spielten, und wenn ihnen das Wasser nicht bis zum Hals stehen würde, hätten sie vermutlich die Partie gewonnen. Mainz hat es jetzt doch erwischt. Gegen den HSV, und zwar durch einen grandiosen Abwehrfehler in allerletzter Minute. Es gibt sympathischere Mannschaften, gegen die Mainz hätte verlieren können. Jetzt ist Dortmund auf Platz 1. Seit 7 Jahren wieder mal. Und zehn Punkte vor den Bayern. Die lassen sich auch wieder verspielen, aber bis jetzt deutet nichts darauf hin, außer die statistische Wahrscheinlichkeit, derzufolge keine Mannschaft auf derartig hohem Niveau eine ganze Saison durchspielt. Ein Durchhänger kommt immer, aber irgendwie kann man sich den nicht wirklich vorstellen. Drei Bewährungsproben stehen jetzt an: Paris St. Germain, Hoffenheim und dann das Spitzenpiel gegen Mainz. Der Fußball hat schon eine eigene und ganz und gar eigenartige Geographie. Ich meine: Waren Sie schon mal in Hoffenheim? Warum auch?

Guttenberg, Stephanie zu

Die Frau mit dem reizenden Namen Stephanie zu Guttenberg ist in der Pornobranche tätig. Sie stammt in direkter Linie von Otto von Bismarck ab, und da kann so was schon mal vorkommen. Ihr Mann fliegt häufig nach Afghanistan, um dort ein bißchen Landser zu spielen. Der Bruder ihres Mannes rettet den Wald in Deutschland und ihr Schwiegervater schießt auf Hasen und Rehe und hat Angst vor den schmelzenden Polen. Ihren Mann hat sie auf einer Love Parade in Berlin kennengelernt, wo sie auf einem Wagen herumtanzte, vermutlich spärlich bekleidet. Heute sagt sie, daß sie von nackter Haut genug gesehen hat. Und deshalb hat sie ein Buch geschrieben mit dem Titel »Schau nicht weg!« Mit Ausrufezeichen! Weil sie denkt, daß es einem sonst niemand glaubt. Das hört sich jetzt nicht so ganz konsistent an. Soll man jetzt hinschauen oder doch besser nicht? Jedenfalls schützt sie Kinder und setzt sich für deren Recht ein, alten Onkeln, die aus dem Mund stinken, keinen Kuß geben zu müssen, wie sie der »Welt« verrät. »Wie oft wurde man selbst schon dazu gezwungen?« fragt sie, dabei hätte man das gerne von ihr gewußt. Sie kriegte dann lieber mit Mitte zwanzig ein Kind und studierte »trotzdem«, und zwar BWL, um im Familienhaushalt den »Finanzminister« spielen zu können. Ihre Hobbys sind »hart arbeiten«, und zwar »vor allem für eine Gemeinschaft und eine Zukunft, die hoffentlich weiter reicht als bis zum nächsten Weihnachten. Disziplin ist wichtig, dass man nicht gleich das Handtuch wirft.« Außerdem erfährt man von ihr, daß sie nicht im Kostüm auf die Welt gekommen ist, und stolz ist sie auch, und zwar »eindeutig«: »Stolz auf meinen Mann, auf meine Kinder, meine Familie und meine Heimat.« Das ist natürlich schon sehr traurig, daß Stephanie zu Guttenberg nicht mehr hat, worauf sie stolz sein kann, denn die meisten Leute wären froh, wenn sie das alles vom Hals hätten. In Deutschland gelten solche Aussagen als glamourös und die Mehrheit der Deutschen wünscht sich den Mann dieser Schnepfe zum Kanzler und die gruselige mit Adelsdebilität geschlagene Familie als Ersatzkönigshaus. Immerhin hat sie es geschafft, daß jetzt mit ihrer Unterstützung und indem sie ihr Püppchengesicht in die RTL-Kameras gehalten hat im Internet Jagd auf Leute gemacht wird, die in Chatforen Kontakt mit Minderjährigen aufnehmen. Ihr Buch ließ Stephanie zu Guttenberg von »Bild« vorabdrucken. Das ist die Zeitung, die auf Seite eins jeden Tag ein neues »geiles Luder« abbildet und die Fachpublikation von den zu Guttenbergs und von den Pädophilen ist. Bei Stephanie zu Guttenberg bedauere ich nur, daß sie nicht schon 1789 gelebt hat. Damals hatte man in Paris nicht sehr viel Verständnis für solche Leute.

Die Welt aus der Sicht von Fritz J. Raddatz

Fritz Jott Raddatz war zweifellos eine der größten Kulturbetriebsnudeln in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts. Davon zeugen nicht zuletzt seine nunmehr vorliegenden »Tagebücher«, die 1982 anfangen und bis 2001 reichen. Schirrmacher sieht in ihnen den »großen Gesellschaftsroman der Bundesrepublik«, wie man auf der Buchumschlagsrückseite in mindestens 20 Punkt großen Lettern lesen kann. Das ist offensichtlicher Quatsch, und wenn der schon auf dem Umschlag steht, dann kriegt man vom Obergeschwader des deutschen Feuilletons bestätigt, was man allerdings sowieso schon vermutet hat, nämlich daß es sich eher um Petitessen und Sticheleien aus der kleinen Welt der nun zu Ende gehenden Ära einer Kulturbetriebsmafia handelt, die ziemlich lange die Richtung vorgegeben und dem Publikum gesagt hat, daß Grass und Walser großartige Literatur fabriziert hätten, was sich so langsam aber sicher als ziemlich großer Witz und Mißverständnis in der Literaturgeschichte herausstellt, haben die Protagonisten dieser Zeit doch nie wirklich das Muffige der Fünfziger abstreifen können und sich bis auf wenige Ausnahmen als verläßliche Produzenten sensationeller Ödnis erwiesen, aus der die Mainstreamkultur im wesentlichen besteht, die schon aus Selbsterhaltungsgründen immer darauf bedacht ist, ein großes Quantum an Ignoranz an den Tag zu legen, wenn es sich um kulturelle Abweichungen handelte, die sich radikal ablehnend zum Literaturbetrieb verhalten.
Und deshalb hat mich der mit Grass gut befreundete Raddatz zugegebenermaßen nur peripher interessiert, seine Prosa fand ich artifiziell, seine Selbstdarstellung pfauenhaft, seine Themen der Fortschreibung des üblichen Literaturkanons verpflichtet, und es gab Stimmen, die ihn als Herausgeber Tucholskys inkompetent fanden. In einem Halbsatz lobte er Ende der Achtziger mal Eike Geisels neues Buch, auch wenn er ihm lediglich bescheinigte, daß er »bohren, fragen und konstatieren« würde, was jetzt nicht gerade auf eine intensive Auseinandersetzung schließen ließ, aber immerhin hatte er etwas wahrgenommen, was außerhalb seines üblichen Horizonts lag, und deshalb hielt ich ihn für weniger borniert als Reich-Ranicki, der im Literarischen Quartett nur ein ungläubiges »Das ist keine Literatur!« schnarrte, als es um einen Krimi von Jakob Arjouni ging, der dummerweise in Chandler ein anderes Vorbild hatte als MRR und die Welt nicht mit den spitzen Fingern eines Thomas Mann anfaßte.
Bei Raddatz fällt den meisten Leuten zuerst sein Lapsus ein, die Erfindung der Eisenbahn in Goethes Zeit vorverlegt zu haben, was ihm jede Menge Häme einbrachte und seinen Job als Literaturchef der Zeit kostete. Daran hatte er lange zu knabbern und er kommt in seinen Tagebüchern immer wieder darauf zurück. Die Schadenfreude allerdings stammte meist von Leuten, die weniger klug waren, zudem ist sie einem gewiß, wenn man wie Raddatz auf einem exponierten Posten sitzt. Diesem Milieu der Eifersüchteleien, des Neids, des Mobbings, des Augenauskratzens, das den Literaturbetrieb kennzeichnet, ist Raddatz zwar zum Opfer gefallen, aber er hat auch selbst sein Scherflein dazu beigetragen. Davon zeugen seine Tagebücher. Die Kunst der Gehässigkeit, der üblen Nachrede, der grandiosen Beleidigung, der süffisanten Herabwürdigung und der abschätzigen Charakterisierung anderer, der Klatsch und Tratsch der Kultursociety, das alles beherrscht Fritz Raddatz ganz hervorragend, auch wenn er gleichzeitig betont, wie wenig ihn das alles interessiere, was ihn nicht davon abhält, es dennoch aufzuschreiben, und das ist auch der Grund, warum das Buch unbedingt empfehlenswert ist. Manche Beobachtungen nämlich sind so treffend und scharf, wie sie nur jemanden gelingen, der bis zur Halskrause in diesem Milieu steckt. Man braucht das alles auch gar nicht von vorne bis hinten durchzulesen. Man kann bequem ein bißchen im Register blättern und bei den Leuten nachlesen, die einen interessieren.
Daß Unseld mit der noch nicht geschiedenen Berkéwicz zusammen ist, daß Klaus von Dohnanyi »allen Ernstes mit Ulla Hahn lebt; daß ein Frankfurter Kritiker seinen Machtwahn bis ins Bett ausdehnt und nun ein Verhältnis mit der Suhrkamp-Cheflektorin hat«, die »›Was-kostet-der-Fisch‹-Vulgärheit eines Karasek«, die »fesche Feuilleton-Domina« Sigrid Löffler, die »die strammen Oberschenkel auch im Kopf hat«, die »dusslige Gräfin« Dönhoff, bzw. »die Inge Meysel des Journalismus«, die »ihren harten kleinen gräflichen Arsch zusammenkneift«, der »sandalentragende Lacoste-Spießer« und Zeit-Verleger Bucerius, der »unerträgliche« Günther Gaus, der jeden 2. Satz beginnt mit: »Als ich noch Leiter der Ständigen Vertretung war«, der selbstgefällige Theo Sommer, der auf der Redaktionskonferenz der Zeit auf den Einwand von Raddatz, man hätte im Interesse Goldhagens und seiner Thesen dessen langen Artikel kürzen sollen, antwortet: »Ich werde mir doch nicht in der New York Times nachsagen lassen, ich hätte den Juden Goldhagen noch einmal beschnitten« und als daraufhin »das Hahaha der Konferenzrunde kein Ende nehmen wollte«, wie der Spiegel-Chefredakteur »Herr Funk« vor Augstein »Männchen machte«, der ihn »nackt im Bademantel in seinem Sylter Haus empfangen und in 30 Minuten gefeuert« hat, und immer wieder Augstein, »ein immer grauslicher werdender Zwerg, dessen Buckel auch immer sichtbarer wird, klein, verwachsen, giftig, eklig. Das war ja mal ein ganz witziger und politisch frecher Journalist, jetzt ist er nur noch ein busengrapschender Millionär«. Hier wird der Leser in ein Panoptikum einer untergegangenen Spezies entführt, die noch einmal eine Auferstehung erlebt, freilich keine sehr schöne, aber sehr lustige, bei Raddatz kann man sie wie seltene Tiere in einem Zoo besichtigen. Wenn man also mag und Geschmack daran findet, kann man zwanzig Jahre Kulturjournalismus von seiner ganz und gar erbärmlichen, abgründigen und schrillen Seite kennenlernen.
Und über allem thront Raddatz, der als einer der ganz wenigen mit Stil, bzw. mit dem Willen dazu, in einer Welt der Geschmacklosigkeiten herumwaten muß, der sich obwohl mitten drin im Betrieb, in dieser bizarren Menagerie als der einzige seriöse und ernstzunehmende Journalist und Autor begreift, den das alles anekelt. Und der sich dann trotz Verachtung für diese Kleingeister vor seinem Chef Theo Sommer rechtfertigt, weil Spiegel und stern ihm den Vorwurf machten, er sei mehr oder weniger mit schuld am Tod von Uwe Johnson, obwohl er doch dessen Bücher trotz skandalös-absurder Inhalte, die Johnsons Alkoholismus zuzuschreiben waren, »positiv rezensierte«. In solchen Passagen schrumpft Raddatz dann wieder zum Buchhalter, der in dieser gehässigen kleinen Feuilletonwelt auf seinen tadellosen Ruf bedacht ist, der sich als zerrissener und keineswegs mit sich im reinen befindender Mensch selbstquälerischen Gedanken hingibt und sich fragt, wie er den Verlust seines Postens bei der Zeit »psychologisch« verkraften würde. Dann wieder läßt er sich von der New Yorker-Journalistin Jane Kramer sein Ego aufpolieren, die bei einem »mäßigen Essen und (zu) wenig Wein« seine »kürzlichen Sachen« lobt, ohne mitzukriegen, daß Jane Kramers Deutschkenntnisse mehr als rudimentär sind. Wenn er sich aber nicht eitel spreizt, wenn er darüber schreibt, wie manche Freunde und Autoren wie Thomas Brasch an dieser Welt verzweifeln und zugrunde gehen, dann wird er manchmal sogar sympathisch, aber nie lange genug, um ihn wirklich zu mögen.

Fritz J. Raddatz, »Tagebücher. 1982-2001«, Rowohlt, Reinbek 2010, 939 Seiten, ???,- Euro

Buchmessenreport Teil 4

Weil die Leser der jungen Welt schon allein aus ideologischen Gründen nie die Gelegenheit haben, in die alte Welt zu gucken, dadurch aber manchmal auch was verpassen, bin ich gerne bereit die Lücke zu schließen, denn dort war zu erfahren, daß Argentinien das Gastland der diesjährigen Buchmesse war. Das ist jetzt noch nicht so spannend. Spannend macht es erst Hans Zippert, der auf Seite 1 schreibt: »Argentinien, ein Staat, von dem viele bisher dachten, seine diplomatischen Vertretungen seien die Steakhäuser, die sich in jeder größeren Stadt finden. Nun erfährt man, daß Argentinien ein Land der Buchhandlungen und Psychoanalytiker ist. Auf jeden Einwohner kommen zwei Psychiater und auf jeden Psychiater drei Buchhandlungen.« Außerdem sind »Menschen in Panik, weil sie gesehen haben, wie Roger Willemsen sich in Halle 3 selbst begegnet ist.« Das verwundert nicht, wenn man bedenkt, daß in Halle 3 sogar Helmut Kohl angekarrt wurde, um sein privates Fotoalbum zu präsentieren, das bei Rolf Heyne in der Reihe »Hardcore« erschienen ist und von mindestens acht Schränken mit Knopf im Ohr bewacht wurde (Kohl natürlich, nicht das Fotoalbum), obwohl Kohl doch schon im Rollstuhl sitzt. Überhaupt befinden sich in Halle 3 die Giganten der Branche. Z.B. auch »Kein und Aber«, der schon wieder expandiert ist und sich mitten im Trubel ein Wohnzimmer mit Kellner eingerichtet hat. Die Bücherregale sind so hoch, daß niemand an die Bücher herankommt. Außerdem hängen dort Hirschgeweihe und Harry Rowohlt in Öl, und zwar mit viel zu viel Falten, wie Ulla Rowohlt bemerkt. Aber Harry meint, das wäre Absicht gewesen, damit das Bild »länger hält«. Harry Rowohlt ist nüchtern und trinkt Wasser, während von der vergangenen Nacht noch große Mengen Alkohol in mir herumschwappen. Verkehrte Welt. Trotz verminderter Aufnahmefähigkeit kann ich mich noch an eine Geschichte erinnern, die zeigt, daß man es in Amerika immer noch vom Tellerwäscher zum Millionär bringen kann. Dort wurde ein arbeitlos gewordener Lastwagenfahrer ausgebildet, Manuskripte zu lesen und zu bewerten. Pro Manuskript verdient der Mann 1 Dollar und 50 Cent. Und dennoch dürfte er inzwischen Millionär sein, denn er scoutet die richtig großen Knüller, die auf dem amerikanischen Markt bis zu 20 Millionen Vorschuß bringen bei vier Seiten Exposé. Niemand weiß, wer er ist, denn er achtet auf seine Anonymität, wie auch mein Bestsellerautor, der unter dem Pseudonym einzlkind »Harold« geschrieben hat und auf der Messe völlig unerkannt herumlaufen konnte. Markus Hartmann von Hatje-Cantz hat da ganz andere Sorgen. Er muß 30 Paar Schuhe, die ihm der Verlagsgründer vererbt hat, aufbrauchen. Um alle zu tragen, mußte er auf der Messe jeden Tag die Schuhe sechs Mal wechseln. Immerhin ein Mann mit Stil, der jeden Tag mit einer alten MZ aus Stasibeständen zur Messe fuhr. Eben kommt noch die Nachricht herein, daß das Suhrkamp-Haus in der Lindenstraße abgerissen wird, was in der gleichnamigen Sendung mit Harry Rowohlt noch für große Aufregung sorgen wird. Zwar wurde die Straße auch oft Blindenstraße genannt, aber Ulla Berkéwicz will sich trotzdem dafür einsetzen, daß die Straße in Ulla-Berkéwicz-Straße umbenannt wird.

Buchmessenreport Teil 3

Jetzt wurde der Literaturnobelpreis an jemanden verliehen, von dem sogar ich mal was gelesen habe. Nämlich »Tante Julia und der Kunstschreiber«, und zwar in einer abgegriffenen Ausgabe mit dem schönen gelben Umschlag. Gelesen habe ich das Buch auf einer langen Eisenbahnfahrt von Berlin über Prag nach Wien. Fast noch schöner war die Filmadaption mit Keanu Reeves und Peter Falk, der als Rundfunkredakteur in einer Seifenoper die Albaner herabwürdigt, weil sich die Albaner damals nicht beschweren konnten, wahrscheinlich nicht mal etwas von dem Film mitbekamen. Heute ist der Film in Albanien bestimmt verboten. Es waren wunderschöne Herabwürdigungen, die heute keine Chance mehr hätten, ohne daß gleich eine ganze Phalanx von Humorlosen sich auf einen stürzen würde. Meine Schwedenconnection hatte behauptet, den diesjährigen Literaturpreisträger voraussagen zu können, und zwar genau eine Stunde vor der offiziellen Bekanntgabe. Ich wartete dann vergeblich auf einen Anruf, aber die Information hätte mir sowieso nichts genutzt, weil ich sogar zu dämlich bin, um in den »Sport’s Bar’s« zu wetten. Vargas Llosa selber hat auch nicht mehr damit gerechnet, daß er den Preis noch kriegen würde. Es ist der letzte in seiner Preissammlung, denn alle anderen hat er schon. Auch deshalb ist es naheliegend, daß er ihn bekommen hat. Wie ich aus einer trüben Quelle erfahren habe, liegt nächste Woche eine Gesamtausgabe von Llosas Werk bei Suhrkamp vor, im dunkelgrünen Naturschuber und in einem 70er Jahre Design. Die Verlagsbranche ist mittlerweile so schnell, daß die Bücher in der Regel schon vorliegen, bevor das Thema überhaupt im Gespräch ist. Dabei handelt es sich um eine sich selbst überholende Branche, die in den letzten Zuckungen liegt. Davon zeugt auch C.H. Beck, der in diesem Jahr, wo jeder unter der Absatzkrise ächzt, seinen Buchmessenstand auf bedrohliche Weise aufgerüstet hat, nachdem im letzten Jahr der Branchenvierte in der juristischen Buchproduktion Hauffe die Konkurrenz mit einem Stand in einer Art I-Phone-Ästhetik überschattete. Nun schlug das Imperium Beck zurück und setzte einen Riesenkubus in die Halle, den man nur mit gehörigem Respekt zu betreten sich traut, und in dem Regale bis zur Decke ragen und schwarze Buchrücken das Geheimwissen des Imperiums beherbergen, hinter denen sich aber nichts verbirgt, und das ist von einer wunderbaren Symbolik. Aber mit Symbolik habe ich selber genug zu tun. Auf dem Weg zu Fischer fragt mich eine Frau, ob sie meine weißen Schuhe fotografieren dürfe. Natürlich durfte sie, aber es wurde mir klar, daß irgendetwas schief gelaufen war, wenn meine weißen Schuhe mehr Aufmerksamkeit erregten als ich. Bei Fischer gab es nur zähe belegte Brötchen und einen von Frauen umringten Roger Willemsen, bei denen es mir schon unangenehm gewesen wäre, wenn sie sich für meine Schuhe interessiert hätten. Ich machte mich schnell wieder davon, bevor Roger Willemsen sich auf mich stürzen konnte, um mir theatralisch zuzurufen, daß ich sein Lieblingsverleger sei. Das kannte ich schon von früher. Heute war ich nicht richtig in Stimmung dafür.

Buchmessenreport Teil 2

Die Frankfurter Buchmesse ist selbst für einen alten Hasen wie mich, der vor ein paar Jahren für zwanzigjähriges Dabeisein von der Messeleitung mit einem Schokoladenkuchen belohnt wurde, ziemlich unübersichtlich. Die Halle 8, wo die Ausländer stehen, erscheint mir als ein einziges großes Chaos. Hier etwas zu entdecken heißt die berühmte Nadel im Heuhaufen suchen. Kaum sind wir ein bißchen herumgeirrt, meldet sich bei meiner Begleiterin ein kleiner Hunger, weshalb wir uns ohne Umwege direkt zu einem der zahlreichen Cafeshops begeben, um Frankfurter Würstchen mit viel Senf zu uns zu nehmen. Danach muß ich wieder an meinen Stand zurück. Ich frage eine schwedische Agentin, die sich zu mir verirrt, nach den Chancen, eine Lizenz nach Schweden zu verkaufen, und erfahre, daß die deutsche Literatur dort mit einem Prozent vertreten ist, das sind fünf deutsche Bücher im Jahr, die den Weg in die schwedische Sprache finden. Eins davon ist immer von Enzensberger, weil der mit Lars Gustafsson befreundet ist. Dafür werden die Bücher von Lars Gustafsson ins Deutsche übersetzt. Auf dem Kritiker-Empfang von Suhrkamp versuche ich mich als Chauffeur einer berühmten Kritikerin einzuschleichen, aber es gibt dort gar keine Eingangskontrollen, weil Alexander Kluge liest. Danach wird Linsensuppe für die Kritiker gereicht, was für niemanden wirklich verlockend ist bis auf einige Journalisten von der FAZ und der taz. Alexander Kluge ist aber sehr nett und grüßt mich sicherheitshalber sogar, weil es sein könnte, daß ich eine berühmte Person des öffentlichen Lebens bin, vielleicht auch, weil ich so gut aussehe. Auf dem Empfang der Österreicher, wo es das beste Buffet der Messe gibt mit der größten Schlange davor, versuche ich mich mit einem schwedischen Autor anzufreunden, um mit meinen Büchern nach Schweden zu expandieren. Der ist dann zwar Schwede, heißt aber nicht Lars Gustafsson und ist auch gar kein richtiger Autor. Er erzählt Witze über Norweger, die auf die Frage »Wie geht’s?« antworten: »Ich bin so depressiv, daß ich mich am liebsten gleich umbringen würde«, das aber in einem Ton großer Euphorie. Auf Schwedisch hört sich das sehr komisch an. Nach etlichen Marillenknödeln geht es weiter zu Rowohlt, wo ich zu allerletzt damit gerechnet hätte, Harry Rowohlt zu treffen, daß ich glatt vergesse, ihn zu fragen, warum er bei Rowohlt anzutreffen ist, weil Harry Rowohlt den Rowohlt-Verlag nämlich nicht mag. Harry erzählt mir ohne Umschweife, daß er selten so einen Menschen wie Raddatz getroffen hätte, der sich so schlangenmäßig gelenkig unter einem Tisch hindurchzuwinden verstünde, nur um in der Nase zu popeln. Und daß Raddatz feinen Zwirn getragen hätte, wie er in seinen »Tagebüchern« behauptet, davon hätte er, Harry, jedenfalls nie was gesehen. Da kann man mal sehen, was bei solchen Gelegenheiten alles erfährt.

Der Buchmessenreport Teil 1

In der Süddeutschen Zeitung las ich in der bereits schon am Dienstag erscheinenden Literaturbeilage zur Buchmesse eine große Besprechung des neuen Buches von Roger Willemsen über »Die Enden der Welt«. Das spannendste an der ganzen Rezension war das Fazit: »Roger Willemsen hat ein gewichtiges Buch geschrieben, aber es ist ein Buch nicht für jedermann.« Da war ich dann doch schwer beeindruckt von Herrn Müller, denn das muß erstmal hingeschrieben werden. Ich könnte mir vorstellen, daß Roger Willemsen not amused war, denn wer will schon über sein Buch etwas aus dem Phrasenkatalog für Ikea-Kunden lesen. An der Rezensionskultur kann man erkennen, was die Rezensenten von Literatur halten. Nicht viel. Was nicht weiter schlimm wäre, aber ein bißchen mehr Mühe hätte sich Burkhard Müller schon geben können, um seine Verachtung für Literatur und den Literaturbetrieb auszudrücken. Aber außer mir interessiert das sowieso niemanden. Messethema ist Marilyn Monroes Rezept für eine Truthahnfüllung, die in fast allen Messebeilagen breitgetreten wird. Also jetzt nicht die Truthahnfüllung, aber die Tagebucheintragungen von Marilyn, der von Verena Lueken bescheinigt wird, eine »erhebliche Fähigkeit zur Selbstreflexion« zu besitzen. Da hätte sich die Monroe aber gefreut, denn diese Fähigkeit geht den meisten Rezensenten irgendwie ein bißchen ab. In diese Lektüre vertieft, weil es am frühen Morgen auf der Messe nichts Besseres zu tun gibt, war ich nicht auf Sascha IM »Arschloch« Anderson vorbereitet. Ich dachte, die Fresse kennst du doch, und tatsächlich, er war es. Die Frage war nur, was wollte er von mir? Er wollte die Telefonnummer und Adresse meines Autors Carl Wiemer, der sich in einem Buch über die Familie Walser lustig gemacht hatte. In meinem zerfledderten Telefonheft fehlte die Nummer, weshalb ich ihm nicht dienlich sein konnte. Warum er die überhaupt wollte, fragte ich. Der Mann würde seine Frau »stalken«. Hä? Wer denn seine Frau sei? Alissa Walser. Sascha Anderson ist also mit Alissa Walser verheiratet, wenn ich hier mal mit ein bißchen Klatsch aufwarten darf. Angeblich würde Carl Wiemer auf Lesungen von Alissa Walser Flugblätter verteilen wie auf Demos. Immerhin ist Alissa Walser, die Frau von Sascha Anderson, eine Person des öffentlichen Lebens und wird mit ihrem Buch durch die Literaturhäuser gereicht. Soll sie doch froh sein, daß sich jemand so rührend um sie kümmert. Ich finde, Sascha Anderson sollte vielmehr Herrn Hage vom Spiegel eine runterhauen, denn der begrapschte Alissa Walser ziemlich schlüpfrig auf einer ganzen Seite.

Die Wahrheit über den 7. Spieltag

Der Traum für die Mainzer geht weiter. Für die meisten war Mainz nur eine dieser dämlichen Fasnachtstädte, die einmal im Jahr mit merkwürdigen Ausrufen wie Alaf und Helau von sich reden machen. Das ist nicht viel und nicht gerade weltbewegend, aber es ist eben alles, was einem zu Mainz einfällt, wenn man auf der Autobahn an der Ausfahrt Mainz vorbeifährt. Jetzt hat Mainz auch noch Fußball. Und zwar richtig guten und sensationellen Fußball, über den die Fachwelt staunt, denn Mainz hatte niemand auf der Rechnung, weil Mainz bestenfalls als Ausbildungsstätte für talentierte Fußballer gilt. Jetzt hat Mainz alle sieben Spiele in Folge gewonnen und hat damit den Rekord von Bayern und Kaiserslautern eingestellt. Als Bayern und Kaiserslautern das schafften, wurde am Ende Dortmund Meister. Und insofern ist das ein gutes Omen. Und tatsächlich sind die Dortmunder die einzigen in der Liga, die einen ähnlich mitreißenden Stil spielen wie die Mainzer. Nur sind die Dortmunder besser, aber um das zu beweisen, müßten die beiden Mannschaften in dieser Form aufeinandertreffen. Tun sie leider nicht. Allerdings hat Dortmund schon sein Waterloo hinter sich, das Mainz noch vor sich hat, als sie letzten Donnerstag den FC Sevilla an die Wand spielten und dennoch verloren, weil sie gegen einen voreingenommenen Schiedsrichter spielen mußten und Chancen verdattelten, mit denen andere Mannschaften drei Spiele für sich entschieden hätten. Während Klopp auf »Never change a winning team« setzt, rotiert Tuchel bei jedem Gegner neu. Ob die Siege wirklich die Folge dieser Taktik sind, weiß niemand wirklich, in jedem Fall aber trägt der Erfolg und die Begeisterung dazu bei, daß nun auch Hoffenheim mit 4:2 bezwungen wurde und man sich langsam zu fragen beginnt, wer diese Mainzer stoppen wird. Wahrscheinlich irgendein mittelmäßiger Gegner wie Köln, wenn sie gegen die nicht schon gewonnen hätten. Dann ist es eben der HSV, der sich mit einem glücklichen Heimsieg gegen Kaiserslautern gerade noch mal aus der Krise geschossen hat. Das ist Schalke nicht gelungen. Im Duell der Altmeister lieferten die Schalker laut Magath ihr schlechtestes Spiel dieser Saison ab und haben nun mal gerade vier Pünktchen angehäuft, womit sie nunmehr 17 Punkte hinter Mainz liegen, was selbst für diese frühe Saison ein bißchen viel ist, um noch vorne mitzumischen. Es sieht so aus, als ob Magath schon die CL gewinnen müßte, um nächste Saison wieder international mitmachen zu dürfen. Und auch Bremen droht der Absturz. Die Verletzung einiger Leistungsträger und der Verkauf Özils an Real Madrid, wo Özil auch noch nicht richtig angekommen ist, macht den Bremern schwer zu schaffen. Die Mannschaft ist allerdings auch schlicht überaltert und zu satt. An diesem Problem laborieren auch die Bayern, die ohne neue Spieler glaubten auszukommen. Jetzt müssen sie im Winter nachlegen, aber man kann jetzt schon für diese Saison getrost eine Prognose wagen, und die heißt: Bayern jedenfalls wird nicht Meister. Und das ist doch schon mal etwas, worauf man sich freuen kann.