Archiv für den Monat: November 2010

Die Wahrheit über den 14. Spieltag

Was für herrliche Zeiten! BVB rules! Nach einer Lesung über Kinky Friedman kamen zwei junge Menschen zu mir. Jeder kaufte einen Kinky-Krimi und ich fragte, was sie hierher verschlagen hatte. »Wir lesen Ihre Blutgrätsche«, sagte der eine, und sofort verhedderten wir uns in eine Diskussion über Klopp, und wohin die ganzen Siege noch hinführen würden. Am nächsten  Morgen fielen mir die Interview-Antworten von Silvia Koller auf, die Erfinderin des bayrischen »Tatort« und leidenschaftliche Raucherin. Sie gucke im TV nur Fußball, und zwar die Spiele des BVB, weil ihr Alter Bayern-Fan war und Dortmund der böse Feind. Seither ist sie BVB-Fan. Dafür hätte ich sie küssen mögen. Und dann knackte Dortmund auch schon wieder einen Rekord. Der beste Saisonstart ever. Bayern hatte 2005/2006 nach 14 Spielen auch mal 37 Punkte, aber fünf Tore weniger auf dem Konto. Und jetzt geht es nach Nänbärch, die gerade in Mainz Federn lassen mußten und nicht wirklich ein unüberwindlicher Gegner sind, wenngleich nicht ungefährlich, weil sie in der letzten Zeit ein paar Spiel zu viel verloren haben. Auch Gladbach hielt lange mit und ging durch den ehemaligen Dortmunder Reus sogar in Führung. Aber es nützte den Gladbachern nichts, sich zu zehnt hinten reinzustellen.  Und als sie mitspielen wollten, ergaben sich die Räume für zauberhafte Tore. Mit zwei schnellen und präzisen Pässen von Hummels auf Götze und von Götze auf Kagawa hebelten die Dortmunder die Gladbacher Hintermannschaft aus, und der geniale Hackentrick von Barrios direkt in den Lauf von Großkreutz, das sieht man nicht alle Tage in dieser formvollendeten Schönheit. Und dennoch bleiben die Schwarzgelben angenehm auf dem Boden, und wenn sie immer wieder die gleiche Frage nach der Meisterschaft gestellt kriegen, dann geben sie geduldig auch immer die gleiche Antwort, nämlich daß sie nur das nächste Spiel interessiert. Was soll man auch sonst schon darauf sagen? Weshalb eigentlich fällt den Reportern keine intelligentere Frage ein? Die Liga jedenfalls steht Kopf, weil sich nach dem 14. Spieltag immer noch nicht die alte Hackordnung mit den üblichen Verdächtigen an der Spitze durchgesetzt hat wie in jeder anderen Liga auch. Nur für die BamS hat sich nichts verändert. Dort tun sie immer noch so, als ob Bayern Platz 1 und Schalke Platz 2 belegen und Dortmund irgendwo im Mittelfeld herumkrauchen würde. Dabei hat Bayern zu Hause einfach nur die Eintracht besiegt, was man allerdings auch erwarten konnte. Alles andere wäre erstaunlich gewesen. Na gut, vielleicht nicht ganz, denn bei den Bayern ist man schon froh, daß man solche Spiele auch ab und zu mal gewinnt. Und Schalke? Gegen Lyon noch in den Himmel gelobt, scheint ihnen das ein bißchen die Birne vernebelt zu haben, denn gegen den Abstiegskonkurrenten Kaiserslautern gingen sie derart sang- und klanglos mit 5:0 unter, daß die Schalker seither nur noch als Schalke 05 verspottet werden. Und die Fans haben jetzt auch die Schnauze voll und sangen »Wir haben die Schnauze voll!« Naja, was Fans eben so tun, wenn ihre Mannschaft nicht so spurt, wie sie sich das vorstellen. Wie angenehm ist es hingegen, eine Frau wie Silvia Koller in seinen Reihen zu wissen.

»Ich liebe nur meine Freunde«. Der Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Gershom Scholem

Die Freundschaft begann im Pariser Exil 1938. Walter Benjamin empfahl seinem Freund Gerhard Scholem das Manuskript von Hannah Arendt über Rahel Varnhagen, das »großen Eindruck« auf ihn gemacht habe, weil es »wider den Strom erbaulicher und apologetischer Judaistik« schwimme. Sie endete 1963, als es zum Streit über Arendts Eichmann-Buch »Die Banalität des Bösen« kam. Und das ist ungewöhnlich, denn Hannah Arendt hielt an ihren Freundschaften fest, weil sie ihr über alle politischen und philosophischen Differenzen hinweg das Wichtigste waren. Aber ungewöhnlich war auch die Freundschaft selbst zwischen einem Kabbala-Forscher und einer politischen Theoretikerin und Philosophin. Sie wurde nun ausführlich dokumentiert in einem sorgfältig edierten Briefwechsel.
Zunächst ging es um den gemeinsamen Freund Benjamin, wobei der lange Bericht Arendts über die letzten Jahre Benjamins als Dokument herausragt, in dem sie trotz sachlicher Schilderung ihre Zuneigung zu Benjamin nicht verbergen kann. In der Folgezeit stehen die Publikationsmöglichkeiten des Benjamin-Nachlasses im Vordergrund, um den sich zunächst Scholem kümmern sollte, dann aber Adorno mündlich übertragen worden war. Und mit dem war Arendt spinnefeind, was noch auf Begegnungen in Frankfurt herrührte. Sie warf der »Bande« vor, die Herausgabe zu verzögern, und versuchte gemeinsam mit Scholem bei dem Verleger Schocken etwas unterzubringen, scheiterte aber nach jahrelangem Antichambrieren, weil Benjamin für Schocken schließlich doch »nicht ›jüdisch‹ genug« war.
In einem Brief vom Januar 1945 kündigte Arendt »eine prinzipielle re-consideration des Zionismus« an, trotz der Befürchtung, daß sie diese ihre »letzten zionistischen Freunde kosten« dürfte. Und tatsächlich war Scholem »tief enttäuscht«, weil Arendt in ihrem sarkastischen Stil kommentiert, wie die »jüdische Minderheit der arabischen Mehrheit Minderheitsrechte« zugestehen will. Für Scholem war der Aufsatz »eine muntere Neuauflage kommunistischer Kritik strikt antizionistischen Charakters«, womit er die Intention Arendts völlig verkannte, denn mit den Kommunisten hatte Arendt wenig am Hut. Was Scholem störte war nicht nur die als »Hohn« mißverstandene Schärfe des Tons, vielmehr merkt man in einigen Passagen des Briefs, daß er sich selber angegriffen fühlte, weil er sich mit dem jüdischen Volk auf eine Weise identifizierte, die über die bloße nationalstaatliche Zugehörigkeit hinausging.
Und dies ist auch einer der zentralen Punkte in der Auseinandersetzung um das »Eichmann«-Buch 1963, als Arendt ihm mitteilt, daß sie »nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv ›geliebt‹« habe, denn »ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig.« Dieser Briefwechsel über Eichmann wurde später einem größeren Publikum über die NZZ bekannt und ist die einzige schriftliche Stellungnahme Arendts in der Flut an Verrissen, die nach Erscheinen der »Banalität des Bösen« über sie hereinbrach und die sie mehr mitnahm als sie nach außen hin zugab, die allerdings auch ihren Ruhm über die Wissenschaftsszene hinaus begründete, denn es handelte sich um eine der ganz großen Kontroversen in der Geschichte der Bundesrepublik.
Der Briefwechsel ist trotz vieler Brieflücken hervorragend ediert und kommentiert worden. Er ist für Leute gemacht, bei denen man ein ausgeprägtes historisches Interesse voraussetzen kann. Bereitet die Lektüre anderer Briefwechsel von Arendt wie der mit Mary McCarthy zudem auch noch großes Vergnügen, so hält sich das bei diesem Buch in Grenzen, und das liegt an Scholem, der an Arendt vor allem ein Interesse hatte, welches er selbst einmal so umschreibt: »Ich hoffe, Sie werden Gelegenheit haben, mich zu zitieren.« Und der ungeduldig wurde, wenn seine Bücher nicht besprochen wurden.
Die Charaktere der beiden hätten viel unterschiedlicher nicht sein können, denn während der Sammler und Archivar Scholem ganz seinen Bildungsbürgerdünkel lebte, der in Sätzen zum Vorschein kommt wie »Sie werden mir das Zeugnis nicht versagen, in einer so delikaten Angelegenheit mich größter Höflichkeit befleißigt zu haben«, nahm sich Hannah Arendt häufig kein Blatt vor dem Mund, was ja auch das Erfrischende ihrer Briefe ausmacht. Sie nannte Max Brod »ein aufgeblasenes Nichts«, Horkheimer hielt sie »für noch schwachsinniger als selbst ich das für möglich gehalten hätte« und Jakob Taubes für »verlogen und unverschämt«. Das mag alles nicht sehr gerecht sein, aber es zeigt sie als leidenschaftliche und kämpferische Frau, die die intellektuelle Gemeinde, der sie angehörte, einige Male gründlich durchrüttelte. Fest steht, auch im Duett mit Scholem erweist sich Arendt wieder als große Briefeschreiberin.

Hannah Arendt, Gershom Scholem, »Der Briefwechsel«, Herausgegeben von Marie Luise Knott, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2010, 695 Seiten

Die Wahrheit über den 13. Spieltag

Sogar im Fieberdelirium kriege ich meinen Pessimismus nicht los. 1:0 stand es für Freiburg, ich irrte vor dem Stadium herum und fand den Eingang nicht. Ich wußte, diesmal würde es daneben gehen. Dann plötzlich stand ich direkt am Spielfeldrand. Es stand 2:1 für Dortmund und die Spieler gingen sich gerade an die Kragen. Es gab eine Riesenschlägerei. Ich wunderte mich, hatte ich das weder bei den Dortmundern noch bei den Freiburgern für möglich gehalten. Dafür waren doch eher solche Rüpelmannschaften wie Bayern und Schalke zuständig. Aber dann wachte ich schweißgebadet aus dem Traum auf und wankte vor den Fernseher. Hätte ich mal gewettet! Na gut, kein sensationelles Ergebnis, aber Freiburg stand nicht umsonst auf Platz 4. Dortmund klebte zunächst das Pech eines Absteigers am Fuß, denn zuerst wurde zu unrecht Freistoß für Freiburg gegeben, dann Weidenfeller im 5-Meter-Raum angerempelt, der Ball rollte Subotic vor die Füße, der wiederum Hummels anschoß, bevor der Ball aufreizend langsam über die Linie torkelte. Das kriegen sonst nur Mannschaften wie Bielefeld und Bremen zustande. In der 2. Halbzeit aber startete der BVB seinen unwiderstehlichen Expresszug. Chancen über Chancen wurden vergeben, bevor Lewandowski sein 5. Jokertor köpfte und Freiburg mit einem Eigentor behilflich war. Kuba vergab die größte Chance, als er unbedrängt und ein paar Meter vor dem freien Tor es schaffte den Ball über die Latte zu hämmern. Das war große Kunst, und er kann seinem polnischen Gott danken, dass die Freiburger in der allerletzten Sekunde nur die Latte trafen. Jetzt haben die Dortmunder sieben Mal in Folge auswärts gewonnen. Vereinsrekord. Sie befinden sich zum 100. Mal auf Platz 1. Wenn jetzt wieder langsam die Treffsicherheit zurückkehrt, dann ist Dortmund kaum mehr aufzuhalten. Das Verfolgerduell fand in Gladbach statt, wo Mainz zweimal durch wunderschöne Tore von Reus in Rückstand geriet, aber durch ebenso schöne Tore am Ende als Sieger vom Platz ging. Zu Mainz hat sich der Abstand von sieben Punkten also leider nicht verändert, aber zu Leverkusen, denen ein maues 1:1 gegen Bayern gelang. D.h. Bayer muß jetzt 9 Punkte zu Dortmund aufholen und Bayern, und das ist viel schöner, 14 Punkte, in Worten: Vierzehn. Noch nie ist es einer Mannschaft gelungen, einen 11-Punkte-Rückstand zur Spitze aufzuholen, und ich schätze, ich werde mich beschweren, falls diese Regel nicht eingehalten wird. Langsam jedenfalls wird mir der BVB unheimlich. Was geht hier vor? Drei Faktoren spielen da eine Rolle. Zunächst Glück, denn Dortmund blieb bislang von Verletzten verschont, bis auf Kehl, aber der zählt nicht mehr. Zweitens der Ehrgeiz der jungen Truppe, die jetzt Blut geleckt hat, und drittens die Tatsache, dass die Dortmunder mehr rennen, schneller spielen und Spaß haben, was schon wieder drei Gründe mehr sind. Im Abstiegskampf trafen Schalke und Bremen aufeinander, und Bremen bewies, dass sie völlig von der Rolle sind. Gegen Magath hätte ich eigentlich etwas mehr erwartet, aber herrscht nur noch sensationelle Verunsicherung.

Walser, Martin & Ferres, Veronica & Gabriel, Sigmar

Martin Walser ist eine fürchterliche Landplage, die nun auch mich in Mitleidenschaft zieht. Walser hat mir über den Rowohlt Verlag ausrichten lassen, daß er 20000.00 Euro von mir haben will, wenn ich weiterhin behaupte, er sei ein… Tja, Sie würden jetzt gerne wissen, was er ist, aber das ist mir ein bißchen zu teuer. Dabei ist es gar nicht schwer zu erraten. Aber ich habe nichts gesagt und Sie sind meine Zeugen. Außerdem behaupte ich für 20000.00 Euro selbstverständlich das Gegenteil von dem, was u.a. Frank Schirrmacher, Ruth Klüger, Marcel Reich-Ranicki und der Spiegel auch behauptet haben.
Vor fünf Jahren, als »Der Tod eines Kritikers« von Walser erschien, kündigte Ruth Klüger ihm ihre langjährige Freundschaft auf, Frank Schirrmacher weigerte sich, das Buch vorabzudrucken, Marcel Reich-Ranicki war »angewidert« und für der Spiegel enthielt das Buch eindeutige »antisemitische Klischees«. Nur ich nahm Martin Walser vor diesen Anfeindungen in Schutz und behauptete, das einzige Problem Walsers sei, daß er nicht schreiben könne, dies aber ausführlich tue. Und im Wettbewerb der vergurktesten Romananfänge steht Walser seit dem »Tod eines Kritikers« einsam und unerreicht an der Spitze. Und diesen vergurktesten Romananfang aller Zeiten zitiere ich immer wieder gern. Voilà: »Da man von mir, was zu schreiben ich mich jetzt veranlaßt fühle, nicht erwartet, muß ich wohl mitteilen, warum ich mich einmische in ein Geschehen, das auch ohne meine Einmischung schon öffentlich genug geworden zu sein scheint.« Jetzt mal ehrlich: Wenn nicht schon jetzt ein Gähnreiz einsetzt, dann sind Sie nicht mehr zu retten und verloren für die schöne Literatur.
Martin Walser, der – wie Gerüchte besagen – sogar die Bücher seiner drei Töchter schreibt, die dann alle dieselben Literaturpreise einheimsen, ohne daß das jemand komisch fände, hat jetzt selbst wieder einen Preis eingesackt, und zwar den Preis der Deutschen Gesellschaft e.V. für seine Verdenste um die deutsche und europäische Verständigung. Worin die genau bestanden, war nicht wirklich zu erfahren, aber ich könnte mir vorstellen, daß vielleicht sein Plädoyer für deutsche Unternehmer gemeint gewesen sein könnte, die in eine Schmiergeldaffäre verwickelt waren, und zwar nahm er sie in Schutz, weil die Praxis der Bestechung doch sonst auch üblich sei und anders gar nicht an Aufträge heranzukommen sei. Sonst erweist er sich in einem Interview mit Bild als eine Art Alter Ego von Helmut Kohl. Die Demonstrationen gegen Stuttgart 21 zeigen für ihn lediglich eine Verzerrung der Realität, weil irgendwelche »80000, die dafür sind« daheim bleiben und eben nicht auf die Straße gehen. Während Walser hier die Partei der passiven und schweigenden Mehrheit ergreift, lobt er deren Engagement in Sachen Sarrazin: »Die politische Klasse hat Sarrazins Buch so töricht schnell verurteilt. Aber das Volk [das bei Stuttgart 21 den Arsch nicht hochbekommt] ist auf die Straße gegangen, hat es Millionen Mal gekauft und damit Sarrazin bestätigt. Das ist nicht Verdrossenheit – das ist Wachheit. Man kann sich also auf das Volk verlassen.« Klar kann man sich auf die reaktionäre Gesinnung eines von Überfremdungsangst geplagten Volkes verlassen, das jede ausländerphobische Äußerung aufgreift und sich darin fühlt, genauso wie man sich darauf verlassen kann, daß Martin Walser von allen guten Geistern verlassen ist und nur noch den konservativen Stuß nachquakelt. Solange das Volk allerdings »nur« auf die Straße geht, um sich das Buch zu kaufen, und nicht, um Ausländer zu vertreiben, solange muß man wenigstens nicht auswandern, und solange Walser sich dem »Volk« nur anbiedert und nachplappert, was es laut Umfragen von sich gibt, solange er also nicht die Richtung vorgibt, solange kann man ihn in seinem vergeblichen Bemühen, vox populi zu sein, ein wenig bedauern, jedenfalls an Tagen, an denen man großzügig aufgelegt ist. Ist Walser doch höchstens der Arsch des Volkes, denn schließlich weiß man seit Kohl, daß wichtig ist, was hinten rauskommt.
Veronica Ferres gibt über ihr Liebesleben Auskunft: »Ich habe gelesen, daß man zwei Jahre blind ist vor Liebe, weil die Hormone verrückt spielen.« Und deshalb will sie mit ihrem Neuen noch ein wenig abwarten. Was mag da bei Ferres erst passieren, wenn sie mal lesen sollte, daß man vom Onanieren debil wird? Dann sagt sie noch, daß sie »den Nachgeschmack« eines One-Night-Stand »fürchterlich« findet. Nachgeschmack? »Ich stelle mir vor: Du wachst auf und merkst, es hat sich NICHTS verändert.« Tja, das kann sogar passieren, wenn man bloß Sex mit seinem Partner hat. Da hat sich danach doch auch glatt NICHTS verändert. Es ist sogar alles beim Alten geblieben, was man bei einem One-Night-Stand nicht immer sagen kann, jedenfalls dann nicht, wenn die Sache auffliegt. Dann jedenfalls können einem ganz schön die Fetzen um die Ohren fliegen und plötzlich hat sich für einen sogar ALLES geändert. Vielleicht sollte Veronica Ferres es einfach noch einmal ausprobieren und den Seitensprung dann ihrem Freund beichten. Ich schätze, sie wird schnell herauszufinden, daß »die Wahrheit« nicht wirklich »die Basis für eine gute Beziehung ist«, wie sie vor sich hinschwadronierte. Nein, selbstverständlich ist die Wahrheit einer Beziehung vollkommen abträglich, vielmehr ist Lügen bis die Schwarte kracht wesentlich hilfreicher, wie Beziehungspsychlogen herausgefunden haben.
Jenseits von Lüge und Wahrheit ist bei der SPD die Stunde des Märchenerzählens angebrochen. Sigmar Gabriel verteidigt den modernen Kurs seiner Partei, der sich als alter Hut entpuppt: »Die SPD hat sich in den letzten zwölf Monaten geöffnet: Wir diskutieren längst nicht mehr in verrauchten Hinterzimmern, sondern gehen auf die Menschen zu. Wir wollen Mitmach- und Kümmer-Partei sein und so neues Vertrauen gewinnen.« Das hört sich nicht gut an. Sigmar Gabriel will auf die Menschen zugehen, aber jeder, der noch bei Verstand ist, wird schnell das Weite suchen. Mitmach- und Kümmer-Partei hört sich hingegen sehr lustig an, ein bißchen wie das berüchtigte Mitmach-Theater, das aus guten Gründen ausgestorben ist, und Kümmer-Partei klingt nach Kummerkastentante, und wenn man Gabriel so hört, muß man konzedieren, daß Sigmar Gabriel sich tatsächlich alle Mühe gibt, als Kummerkastentante in die Geschichte der SPD einzugehen.

Die Wahrheit über den 12. Spieltag

Ich hatte alles generalstabsmäßig geplant. Am Freitag in Bremen, und am Samstag auf dem Weg nach Frankfurt hätte ich kurz in Dortmund Station gemacht, um mir endlich mal wieder ein Spiel im Stadion anzugucken. Aber dann machte mir die Spielplanmafia einen Strich durch die Rechnung und verlegte das für Samstag angesetzte Spiel gegen Hamburg auf Freitag Abend. Während ich also im Dienste der Aufklärung in einem Jugendzentrum der Bremer Jugend erzählte, was für ein schräger Vogel Kinky Friedman ist, spielte der BVB ohne mich. Das erste Spiel Dortmunds, das ich mir nicht ansehen konnte. In der Pause rief ich schnell an, da stand es 0:0 und ich befürchtete schon das schlimmste, aber am Ende hieß es dann souverän 2:0, wie mir mein Gewährsmann Joe Bauer aus Stuttgart berichtete, der sich das Spiel bequem im Sessel angeguckt hatte. Als ich spät nachts ins Hotel spazierte, entdeckte ich eine leere Bar, in der ein Fernseher lief ohne Ton, aber mit einer Zusammenfassung des Spiels. Ich drückte meine Nase an der Fensterscheibe platt, weil ich dachte, es würde sich nur um eine Kurzfassung des Spiels handeln. Nach einer Viertelstunde guckten mich die Leute an, weil sie mich für einen Penner hielten. Ich sah, undeutlch zwar nur, aber immerhin, die wunderbare Kombination zwischen Pisczcek, Großkreutz und Barrios. Tja, und nachdem auch noch Mainz zu Hause gegen Hannover verloren hat, haben die Dortmunder jetzt sensationelle SIEBEN Punkte Vorsprung auf den Zweitplatzierten, und das ist leider Leverkusen, denen dummerweise ganz am Ende dann doch noch ein Treffer auf St. Pauli gelang, auf die auch kein Verlaß ist. Mainz hingegen eilt jetzt von Niederlage zu Niederlage. Die Leichtigkeit des Spiels ist ihnen abhanden gekommen und die durch die sieben Siege in den ersten sieben Spielen verwöhnten Zuschauer ließen ihrer Enttäuschung freien Lauf, weshalb der Mainzer Keeper Wetklo den Fans den Vogel zeigte und ihnen empfahl Mitglied beim FC Bayern zu werden. In Frankfurt guckte ich dann dem gar nicht so schlechten 0:0 der Bremer gegen die Eintracht in einer Kneipe auf der Kaiserstraße zu, wo mir der bereits gut abgefüllte Tresennachbar ein Ohr abkaute über die berüchtigten letzten fünfzehn Minuten der Eintracht, in denen sie die meisten Tore kassiert. In Bremen jedoch traten die Frankfurter sehr diszipliniert auf, und dagegen kamen die Grünen nicht an, die nach der 6:0-Pleite in Stuttgart sehr bemüht waren. Das Spiel hätte auch 2:2 ausgehen können, die Eintracht hätte auch verlieren können, aber auch gewinnen, wie mein neuer Freund mit den zwölf Bieren nicht müde wurde zu wiederholen, während zwei niederländische Lederjackenrambos ebenfalls ihren Senf dazugaben, was die Konzentration auf das Spiel etwas schwierig gestaltete. Langsam zieht sich Schalke aus dem Keller. Mit Hilfe der Hand erzielte Huntelaar den 2:2 Ausgleich in Wolfsburg, die mal wieder bewiesen, daß sie nicht in Lage sind, einen 2:0 Vorsprung zu halten. Übertroffen wurden sie dabei nur von Stuttgart, die sich in Kaiserslautern einen 3:0 Vorsprung wieder abnehmen ließen, was man ja auch erstmal schaffen muß.

Die Wahrheit über den 11. Spieltag

Der Lack ist ab bei Mainz. Und Tuchel wirbt dafür, doch bitte schön das Mittelmaß der Mainzer anzuerkennen. Das tun wir gerne, obwohl die Mainzer zwischendurch wirklich schönen und vor allem schnellen Fußball gespielt haben. Aber dann kamen die Dortmunder und lieferten sich mit den Mainzern ein rasantes und packendes Duell, ein grandioses Spiel, in dem sich meine vor ein paar Wochen getroffene Prognose, daß der BVB besser sei, dann auch eindrucksvoll bestätigte. Leider ließen die Dortmunder zu viele Chancen aus, aber die Leichtigkeit einiger Kombinationen und das starke Auftreten von Götze, der sein bislang bestes Spiel machte, waren zu verlockend, um nicht von der Meisterschaft zu träumen. Aber dann kam Paris St. Germain und die ausgelassene Großchance von Lewandowski in der Nachspielzeit und das damit verbundene »So-gut-wie-Aus« in der Euro-League. Manche sagen, daß Dortmund sich jetzt auf  die Meisterschaft konzentrieren könne und sich ihre Chancen auf die Schale erhöhen, aber das sind Bayern-Fans, die das sagen, und ich verwette meinen Arsch, wenn da nicht ein dunkler Plan oder eine fiese Taktik dahinter steckt. Aber immerhin ist nun ein Drittel der Spielzeit um, die Mainzer haben inzwischen vier der letzten fünf Pflichtspiele verloren und dadurch den Dortmundern alleine die Spitze überlassen. Und auch sonst sind die Ergebnisse ganz im Sinne der Dortmunder. Bayern hat schon wieder Federn gelassen. Diesmal bei den tot geglaubten Gladbachern, die ganz unten stehen. Van Gaal hat seine Spieler in der Pause zuerst gelobt, weil sie 2:1 führten, und nach dem gerade noch erreichten 3:3 am Ende in der Kabine zusammengefaltet. »So laut war es in diesem Jahr noch nie«, sagte Wolfgang Müller als er zufällig den Kopfhörer abgenommen hatte, den die Bayern-Spieler obligatorisch auf haben. Nach der Attacke von Uli Hoeneß auf van Gaal, dem er Sturheit und Kommunikationsdefizite vorwarf, wie das heute selbst einem Hoeneß glatt über die Lippen kommt, dachte man zunächst an ein reinigendes Gewitter, aber inzwischen sieht es so aus, daß es erst noch bevorsteht und Hoeneß sich schon mal eine günstige Position gesucht hat, von der aus er gut heckenschießen kann. Die Philosophie des Ballverwaltens, das im Spiel gegen Gladbach sagenhafte 79% erreichte, scheint sich gegen Mannschaften, die Elan und Willen haben, nicht richtig durchzusetzen, und das ist mal eine sehr schöne Nachricht im Fußball. Na gut, der späte Ausgleich durch Lahm hätte nicht unbedingt fallen müssen, aber daß Kroos freistehend in der allerletzten Nachspielminute versemmelte, das hat die höhere Regie dann doch sehr gut eingefädelt. Wie gut, daß es Netzer gibt, der wöchentlich in der BamS erklärt, was Bayern tun muß: »Bayern muß für die Abwehr einkaufen.« Ich wette, daß die Bayern-Verantwortlichen sich jetzt denken, »Oja, genau. Warum sind wir da bloß selber nicht drauf gekommen!« Der Ex-Dortmunder Petric widmete seinen Siegtreffer gegen Hoffenheim, für den ich ihm sehr dankbar bin, denn das hält einen starken Verfolger auf Distanz, seiner zweijährigen Tochter. Würde mich mal  interessieren, was die jetzt damit anfängt. Hängt die ihn sich jetzt in ihr Kinderzimmer?