Archiv für den Monat: Dezember 2010

Die Wahrheit über den 17. Spieltag

Ich wußte, daß die Dortmunder an irgendeinem mittelmäßigen Gegner scheitern würden. Wenigstens war es Frankfurt, meine Lieblingsmannschaft aus den Neunzigern, die einstmals beste Vereinsmannschaft der Welt, die nie einen Titel geholt hat. Seit sie Jupp Heynckes ruiniert hat, haben die Frankfurter nie wieder richtig ein Bein auf den Boden bekommen. Gegen Bayern München gingen sie sang- und klanglos unter, und gegen einige andere unsympathische Mannschaften  verschenkten sie ebenfalls Punkte, gegen den BVB aber spielten sie erstaunlich diszipliniert und zweikampfstark, während den Dortmundern das körperlich mühsame und psychisch deprimierende Ausscheiden in Sevilla in den Knochen und in den Köpfen saß. Sie waren nicht mehr so spritzig und schnell, und die Fehlpaßquote war erstaunlich hoch. Vielleicht kam das einem auch bloß so vor, weil man immer die Highlights der Spiele im Kopf hat, aber wenn mal jemand auf den Flanken durch war, dann erreichte die Hereingabe einfach nie den Mann, und wenn doch, dann vergaben Barrios und Da Silva. Überhaupt war der entscheidende Unterschied an diesem Tag der zwischen Barrios und Gekas, denn der ehemalige Torschützenkönig schloß eine zugegebenermaßen schöne Kombination der Frankfurter ab, nachdem Götze den Ball im Mittelfeld vertändelt und nachdem in der Spielsituation vorher Barrios eine hundertprozentige Chance über die Latte gesemmelt hatte. Auch vorher schon hatte Barrios ein geniales Zuspiel von Sahin in die Wolken geballert. »Wie sollen wir dich denn an Real verkaufen, wenn du solche Chancen versiebst?« lautete dann auch der Kommentar meines Nachbarn in der BVB-Kneipe Intertank. Gerüchte waren nämlich im Vorfeld des Sevilla-Spiels von der spanischen Presse gestreut worden, Real Madrid würde sich für Barrios interessieren, um die Dortmunder zu verunsichern. Nach den beiden letzten Spielen dürfte sich das erledigt haben. Wahrscheinlich ist es auch kein Zufall, daß jetzt auch noch ein tödliches Lob von Netzer via BamS verbreitet wurde: »Loben muss ich die jungen Spieler, die voll mitziehen, die voller Talent, Willen und Lerneifer sind. Die Auftritte in der Liga nötigen mir höchste Bewunderung ab.« Das läßt nichts Gutes ahnen, denn wenn Netzer so etwas schreiben läßt vom versammelten Sachverstand der Bild-Sport-Redakteure, dann kann man sicher sein, daß der Trend schon wieder vorbei ist. Unabhängig davon aber kommt es jetzt darauf an, wie die Dortmunder aus der Winterpause kommen, die manchmal einen Bruch bedeuten kann, manchmal aber auch eine willkommene Regeneration. Bevor ich jetzt noch mehr solche grandiosen Weisheiten absondere, hier noch die Anmerkung, daß es ein ziemlich beschissener Spieltag war. Schalke gewinnt, wenngleich gegen Köln, was die Sache etwas erträglicher macht. Werder verliert gegen die Luschen aus der Pfalz, Mainz entführt drei Punkte aus St. Pauli, Hamburg rettet sich mit einem Sieg in Gladbach vor einer Krise und Wolfsburg mit einem Last-Minute-Treffer zu einem 2:2 gegen Hoffenheim vor einer Katastrophe, der ich gerne beigewohnt hätte. Nur Nürnbergs Sieg gegen Hannover verbreitet ein wenig Glanz in dieser dunklen Zeit.

Hunziker, Michelle; Gottschalk, Thomas; Wagner, Franz Josef

Wie krank diese Gesellschaft ist, läßt sich regelmäßig in TV-Sendungen wie »Wetten dass…?« und anderen Volksmusiksendungen beobachten. Aber während sich die Gesänge des Schmalzes und des Grauens, die die Frau mit dem schönen Namen Nebel moderiert, durch unterirdische Dummheit auszeichnet, zu der nicht einmal im Zoo stumpf gemachte Primaten fähig sind, setzt das ZDF bei »Wetten dass…?« auf Spannung, indem man potentiellen Selbstmördern die Gelegenheit gibt, sich vor einem Millionenpublikum umzubringen, was Anfang Dezember 2010 tatsächlich mal fast klappte. Sogenannte normale Leute, auch Publikum genannt, beobachten offenbar nicht ganz zurechnungsfähige Menschen, wie diese bei vollkommen schwachsinnigen »Wetten« Kopf und Kragen riskieren.
Das Kalkül, daß dabei etwas passieren und dem Kandidat ernsthaft etwas zustoßen kann, macht dabei den perversen Kitzel aus. Und wenn dann tatsächlich mal ein »Unglück« geschieht, dessen Eintreten man ja billigend in Kauf genommen hat, dann werden die Verantwortlichen nicht wegen »Beihilfe« zur  Rechenschaft gezogen, vielmehr dürfen sie ihre Rolle weiterspielen, die ihnen zwingend vorschreibt, betroffen zu sein. Natürlich sind sie es subjektiv tatsächlich, sie müssen nicht so tun als ob, aber merkwürdig ist es schon, Michelle Hunziker zuzusehen, wie sie »Bild« vollheult, wie schlimm alles sei, statt dem Unglückskandidaten Samuel Koch einfach gesagt zu haben, laß den Quatsch. Und weil Michelle Hunziker eine leise Ahnung beschleicht, daß sie als Teil der ganzen Inszenierung mit schuld ist an seinem Unglück, beweint sie vor allem sich selbst. Das erste, was ihr einfällt: »Ich stand zwei Tage regelrecht unter Schock und kann auch jetzt noch nicht wirklich begreifen, was passiert ist. Es ist alles so furchtbar.«
Das ist jedoch keine plötzliche Selbsterkenntnis, keine Einsicht, wie bescheuert und absurd die Sendung ist, die sie mit Thomas Gottschalk betreibt, furchtbar ist das, was ihr das Unglück des Samuel Koch angetan hat. »Ich bin noch am Abend mit meiner Mutter zurück nach Mailand geflogen. Am nächsten Tag hatte meine Tochter Aurora [doch nicht etwa die Margarine mit dem Sonnenstern?] 14. Geburtstag. Ich habe versucht, mich ein bisschen zusammenzureißen. Wir haben mit ihr zusammen gekocht und ein bisschen gefeiert. Dann haben wir gemeinsam gebetet, dass Samuel wieder ganz gesund wird.« Und Gottseidank sind Aurora »diese schrecklichen Bilder erspart geblieben«, weil sie mit ihrem Vater Eros auf einem Konzert von Lady Gaga war, wobei sich natürlich darüber streiten ließe, welche Bilder schrecklicher sind, denn Lady Gaga zappelt ja auch herum wie ein kurz vor dem Exitus stehendes Unfallopfer, weshalb sie die Sauberfrau Stephanie zu Guttenberg ja auch am liebsten auf den Index setzen ließe, weil Lady Gaga gegen die guten Sitten verstoße, ohne zu sehen, daß sie sich in dieser kranken Gesellschaft hervorragend ergänzen und daß keine ohne die andere die absurde Rolle spielen könnte, die sie einnehmen… Aber stop, das ist jetzt ein anderes Personal, und das hatten wir ja schon. Im goldenen Zeitalter der Bescheuerten braucht die eine jedenfalls die andere, um auf sie zeigen und um sich selbst als das Gute beweisen zu können, während die arme Michelle Hunziker ganz allein auf sich gestellt ist. Sie meinte: »Das Unglück verändert alles!« Wirklich? Geht Hunziker jetzt ins Kloster statt ins Fernsehen? Natürlich nicht. Selbstverständlich verändert sich gar nichts. Sie wird auch weiterhin »Wetten dass…?« moderieren und dabei die an sie gerichteten Erwartungen der Blöden im Lande zuverlässig erfüllen, sie wird auch weiterhin das blonde Dummchen mit dem Pferdeschwanz spielen, das sie ja auch ist, weil sie weiß, die Karawane würde auch ohne sie weiterziehen, und weil sie glaubt, die Welt wäre um einiges ärmer, wenn die Menschen nicht mehr an ihrer talentlosen Dummheit partizipieren dürften.
Und letztlich ist das auch das Argument für Gottschalk, sich nach acht Tagen wieder vor die Kamera zu stellen und den Jahresrückblick »Menschen 2010« zu moderieren, denn sonst würde es eben ein anderer machen und das wär dem Gottschalk dann doch nicht so recht gewesen, denn wer schon Geld bis zum Abwinken hat, der will unbedingt noch mehr, der belästigt sogar den Vater des Unfallopfers, um sich die Absolution erteilen zu lassen. »Samuels Vater hat mich bestärkt, die Sendung zu moderieren«, sagt Gottschalk, als ob davon irgendetwas abhängen oder die Welt untergehen würde, wenn man auf Gottschalks ranzigen Humor und seine schalen Witze und sein affektiertes Moderatorengehabe verzichten müßte. Was für eine armselige Komödie, die auf dem Rücken des im Koma liegenden Samuel Koch ausgetragen wird, wenn Gottschalk behauptet, es sei die schwierigste Entscheidung in seiner Karriere gewesen. Subjektiv ist sie das für ihn vielleicht tatsächlich gewesen, aber warum eigentlich? Und warum hat man Gottschalk damals nicht einfach im Senfglas  gelassen, in das man ihn getunkt hat, und den Deckel zugeschraubt? Es wäre Deutschland viel erspart worden.
Zum Beispiel ein Nachruf von Franz Josef Wagner, der vor kurzem seine Memoiren veröffentlicht hat. Dort beschreibt er, wie er mit Andreas Baader in München herumhing und wie die Mädchen immer mit Baader davonzogen und nie mit ihm. Das hat solche seelischen Schäden bei ihm hinterlassen, daß er später zur »Bild« ging und in seinen Kolumnen Mädchen anbaggerte, oder solche armseligen Opfer wie Samuel Koch. »Das Wichtigste erscheinen mir Ihre Gefühle vor den Saltos. Ihre Glückseuphorie überwand die Angst. ›Entweder – oder‹ sagten Sie sich. Ich mag Menschen, die ›entweder – oder‹ sagen. Ich mag Menschen, die das Risiko lieben. Ich mag diesen Samuel Koch, der vom Glück träumte und jetzt auf der Intensivstation liegt. Auf BILD.de, Youtube – überall kann man seinen missglückten Sprung sehen. Aber ganz davor sieht man sein Gesicht. Beim Absprung von Samuel sehe ich das Glück – das Glück, ein Held zu werden. Herzlichst Ihr F.J. Wagner«. Hier verdichtet sich die Perversion des ganzen, denn davon auszugehen, Risiko und Glück wären Dinge, die sich in »Wetten dass…?« erfüllen ließen, dafür muß man schon einen an der Waffel haben. Aber genau das ist ja auch das Geschäft von Franz Josef Wagner.

Die Wahrheit über den 16. Spieltag

Das Kribbeln fing eine halbe  Stunde vor Spielbeginn an. Wäre ich vernünftig gewesen, hätte ich mich ins Bett gelegt, denn eine fiese Grippe hatte meine Nasennebenhöhlen verstopft und mich auch sonst fest im Griff. Egal, ich machte mich auf den Weg zu einem sky-Anschluß, wo jede Menge Werder-Fans mit ihren Kindern die Grünen anfeuerten. Aber da gab es nicht viel anzufeuern, denn sie wurden in den ersten zwanzig Minuten vom  BVB-Hochgeschwindigkeitszug niedergewalzt, so daß sich die Werderaner nur mit Fouls zu helfen wußten. Einen der daraufhin fälligen Strafstöße zirkelte Sahin so kunstvoll und präzise in die  Ecke, daß sogar die Werder-Fans mit der Zunge schnalzten. In der 2. Hälfte kamen die Bremer besser ins Spiel, aber bis auf ein Herumgestochere vor Weidenfellers Tor gab es keine wirklich Chance. Stattdessen konterten die  Dortmunder die Bremer in deren Drangphase aus. Der wie aufgedreht spielende Kuba prüfte Wiese, der den Ball nur wegfausten konnte, den Kagawa aus spitzen Winkel versenkte. Spitzfindige Kommentatoren entdeckten dabei, daß der Ball dabei die Stirn des im Abseits stehenden Lewandowskis touchiert habe, weshalb der Treffe irregulär gewesen sei, aber mit einer derartigen Regelauslegung dürften kaum noch Tore fallen. Jedenfalls erwiesen sich die Bremer als schlechte Verlierer, die frustriert darüber waren, daß sich der Sieg nicht erzwingen ließ. Pizarro lief voll in Weidenfeller, Jensen trat Bender auf fieseste Weise, um sich anschließend beim Schiedsrichter noch zu beschweren, und Schaaf forderte gelb für Kuba, nachdem der gefoult worden war. Da war es nur recht und billig, daß ein Elfer für Bremen nicht gegeben wurde, der sowieso höchst dikussionswürdig gewesen wäre. Dabei will ich gar nicht abstreiten, daß Bremen gut gespielt hat, aber es gab genügend Gelegenheiten, sich die fehlenden Punkte woanders zu holen. Jetzt hat Dortmund 43 Punkte, soviel wie noch keine Mannschaft nach nur 16 Spielen. Der Punkteabstand auf die Verfolger hat sich jedoch leider nicht vergrößert, da sowohl Leverkusen gegen völlig indisponierte Hamburger als auch Bayern gegen St. Pauli gewannen. Dennoch gab es noch nie eine Mannschaft, die mit so vielen Punkten Vorsprung die Tabelle anführte. Frankfurt wurde mal in seiner Glanzzeit souverän Herbstmeister, um es am letzten Spieltag in Rostock zu vergeigen. Und deshalb ist es besser, immer mit allem zu rechnen. Aber solange die Dortmunder auf ihre sehr sympathische Weise auf dem Boden bleiben und nicht davon ausgehen, daß ihnen die Siege nur so zufliegen, wie es z.Z. den Anschein hat, solange stehen die Chancen gut. Und solange die Bayern einen Fehler nach dem anderen machen, umso besser. Schweinsteiger verkündete nach dem Pflichtsieg gegen St. Pauli seine Vertragsverlängerung, weil sein Herz für Bayern schlagen würde, was Hoeneß denn doch zu doof war, um das so stehen zu lassen, denn statt Herz spielten pekuniäre Dinge eine Rolle. Zehn Millionen pro Jahr legen die Bayern auf den Tisch und werden sich auf Dauer damit ruinieren. Aber bitte schön, man will sie davon ja nun wirklich nicht abhalten.

Die Wahrheit über den 15. Spieltag

Jetzt hat Dortmund doch einen Verletzten. Fängt nun das Pech an? Ausgerechnet Barrios fällt wegen einer Kapselquetschung aus. Lewandowski ist zwar ein anderer Spieler, war aber beim 3:0 gegen Lwiw (oder wie das heißt) in der Euro-League nicht minder gefährlich, vergab jedoch jede Menge Großchancen, ackerte allerdings auch so lange, bis ihm dann am Ende doch noch ein Treffer gelang. Jetzt hat es der BVB wieder selber in der Hand weiterzukommen. Ein Sieg gegen Sevilla ist Voraussetzung, aber auch wenn die Dortmunder gerade wieder von Sieg zu Sieg eilen, ist es nicht unbedingt gesagt, daß sie es schaffen. In der Liga jedenfalls lösen nicht nur sie ihre Aufgaben, auch alle anderen Mannschaften sind ihnen dabei behilflich. So mußte Mainz, der hartnäckigste Verfolger Dortmunds, bei der Eintracht Federn lassen, die endlich mal zu was nütze sind, nachdem sie schon in München ziemlich sang- und klanglos untergingen. Zwar gewannen die Frankfurter durch einen ungerechtfertigten Elfer, aber warum nicht, wenn es der großen Sache dient, nämlich dem Wunder von Dortmund. Und auch die Bayern verloren mal wieder. Diesmal gegen Schalke, und diesmal habe ich dagegen ausnahmsweise nichts einzuwenden, denn der Punkteabstand zu den Münchnern und deren Schmach kann gar nicht groß genug sein. Diesmal verloren die Bayern mit Pech, und das wurde ja auch mal Zeit, denn der Bayern-Dusel hat schließlich lange genug angehalten. Schalke hätte eigentlich schon zur Halbzeit mit 3:0 hinten liegen müssen, aber dann kamen die völlig indisponierten Blauweißen mal vors Tor der Bayern und schon hieß es 1:0, und dann wurde den Bayern auch noch der reguläre Anschlußtreffer aberkannt. Schöner kann Fußball gar nicht sein, denn den versteinerten Mienen von Rummenigge und Co. nach zu schließen, rumorte es gewaltig bei den Bossen, denen es wahrscheinlich gar nicht einleuchten will, daß sie bei einem potentiellen Absteiger untergehen, und das auch noch ungerechter-und unnötigerweise. Schweigend verließen sie das Stadion, während der holländische Holzkopf van Bommel die Meisterschaft einfach nicht abschreiben will und eine Siegesserie von 20 Spielen für möglich hält, mehr als die Saison noch zu bieten hat. Auch ganz wunderbar fand ich die Niederlage der Hamburger in Freiburg. Beim HSV will man schon seit Jahren große Brötchen backen, aber das Rezept, teure und alte Stars zu holen, geht irgendwie nicht auf, denn die Zeiten von Rehhagel sind nun mal vorbei, als der in Bremen mit der ältesten Mannschaft noch Titel holte. Jetzt geht der Trend zu den Jungen, was ich eigentlich auch wieder ungerecht finde, denn kaum hat man sich mal einen Namen gemerkt und sich an einen Spieler gewöhnt, ist er auch schon wieder weg vom Fenster. Und spielten Leute früher noch mit 40, werden sie heute schon mit Ende 20 aussortiert. Das gilt selbstverständlich nicht für die Dortmunder Elf, die mit ihrem jugendlichen Elan über alles hinwegfegt. Und während sich die Bayern damit herumplagen müssen, den abwanderungswilligen Schweinsteiger zu halten, amüsieren sich die Jungs in Dortmund über die Gerüchte, welcher Verein ihnen gerade am  Hacken klebt.