Archiv für den Monat: Januar 2011

Die Wahrheit über den 20. Spieltag

»Manchmal muß man auch mal mit einem 3:0 zufrieden sein«, witzelte mein Nachbar im Intertank nach dem Spiel. Vor dem Spiel aber hätte ich nicht unbedingt auf diesen klaren und vor allem souverän herausgespielten Sieg gewettet. Gegen die Bayern hatten sich die Wolfsburger als unangenehmer und hart einsteigender Gegner erwiesen, der den um die Teilnahme an der Championsleague zitternden Ex-Meister ein Remis abtrotzte. Und da der VW-Konzern jetzt langsam mal was für sein Geld erwartet, rackern sich die Söldner ziemlich ab. Aber sogar der einzige Wolfsburg-Fan, den ich kenne – und die sind sehr sehr selten –, bestätigte mir, daß der Konzern einfach keinen blassen Schimmer hat, denn wer einen Dieter Hoeneß verpflichtet, den bestraft eben auch das Leben. Hoeneß würde noch als Hausmeister den Verein in die Scheiße reiten. Die Dortmunder aber versprühten wieder großzügig Glanz und Spielfreude. Vor allem Götze, der, wie man vom Kommentator erfuhr, so schwer auszurechnen sei, weil er einen so niedrigen Schwerpunkt hätte, taifunte immer wieder durch die überforderte Abwehr der Wolfsburger, und Sahin fügte mit präzisen Pässen der feindlichen Defensive schwere Schäden zu. Schon das frühe erste Tor der Dortmunder war ein Genuß und eine schnelle Kombination von Sahin auf Götze auf Barrios. Wer gedacht hatte, die Dortmunder würden nach dem Remis gegen Stuttgart langsam nervös werden, hatte seine Rechnung ohne die sich nicht um den Pressehype scherenden Dortmunder gemacht. Die scheint das alles nichts zu kümmern, und solange sie es schaffen, nicht mit dem Ziel Meisterschaft vor Augen in die Arenen einzulaufen, solange ist die Chance groß, ein kleines Wunder in der Welt der Fußballs zu fabrizieren, das schon langsam Gestalt annimmt, denn wer über einen so langen Zeitraum so völlig ohne Anzeichen einer auch nur peripheren Krise auftrumpft, der stellt ganz nebenbei einen Rekord nach dem anderen ein. Mit zehn Auswärtssiegen haben die Dortmunder zumindest vereinsintern eine neue Marke aufgestellt, und dabei ist die Saison gerade mal zur Hälfte vorbei, auch 50 Punkte nach 20 Spielen hatten die Dortmunder noch nie. Und es gibt keine Anzeichen, daß sich das ändern könnte, denn fast alle anderen Mannschaften schwanken in ihren Leistungen extrem. Zwar besiegte Leverkusen den direkten Konkurrenten Hannover, war aber nicht unbedingt besser. Und Bayern gewann in Bremen nur deshalb, weil der Schiedsrichter den Werderanern einen glasklaren Elfer verweigerte und so das Spiel zum Kippen brachte. Im Pokal noch glücklicher Sieger gegen den Club, dümpelte Schalke zu Hause gegen die ja auch stark gebeutelten Hoffenheimer auf so peinliche Weise herum, daß man schon glaubte, man müßte den Notarzt für die stark überforderten Blauweißen bestellen, die von Glück sagen konnten, nicht eine richtige Klatsche bekommen zu haben. Schon am nächsten Spieltag kann sich das aber wieder ändern, was ärgerlich wäre, denn dann geht es gegen den alten Erbfeind im Revier, und da weiß natürlich jeder Schalker, daß er sich in dieser Partie nicht so hängen lassen darf. Und dann noch ein kleines Hoch auf St. Pauli, die lahme Kölner in Grund und Boden gespielt haben.

Die Wahrheit über den 19. Spieltag

Viele werden sich fragen, warum der BVB dieses sichere Spiel noch aus den Händen gegeben hat. Ich weiß es. Mein Bruder war im Stadion. Und immer, wenn der im Stadion sitzt, verliert der BVB. Zuletzt gegen Leverkusen. Insofern kann man von Glück sagen, daß es am Ende »nur« unentschieden stand. Ein anderer Faktor, der schwer ins Gewicht fiel: Der größte Phrasenmäher der Welt, Thurn und Taxis, kommentierte, nein, schwadronierte über das Spiel auf sky, und alle im Intertank stöhnten bei seinem Namen auf. »Oh nein, bitte nicht«, »O  Herr erbarme dich unser«, »das darf doch nicht wahr sein«, »womit haben wir das verdient«. Ein dritter Grund: Lewandowski und Barrios vergeigten auf wirklich sensationelle Weise ein paar hundertprozentige Chancen, und irgendwann wurde mir dann klar, daß das nicht gutgehen würde, denn wer all die schönen Gelegenheiten ungenutzt am Wegesrand zur Meisterschaft stehen läßt, bekommt die Quittung, und so kam es, daß die auswärtsschwächste Mannschaft der Liga, die bisher überhaupt nur zwei Pünktchen in fremden Stadien gesammelt hatte, ausgerechnet in Dortmund punktete. Zudem muß man konstatieren, daß der VfB sein bestes Spiel in dieser Saison abgeliefert hat, so daß wahrscheinlich jede andere Mannschaft an diesem Tag gegen die Stuttgarter schlecht ausgesehen hätte. Sie erarbeiteten sich tatsächlich etliche Chancen. Nicht so viele wie der BVB, aber genug, um an anderen Tagen drei oder vier Tore daraus zu fabrizieren. In der BamS wurde der Stuttgarter  Ausgleichstreffer zum Tor des Tages gekürt. In Wirklichkeit war es natürlich der Dortmunder Führungstreffer, der von Hummels über Sahin und Großkreutz im schnellen One-Touch-Spiel zu Götze im Strafraum gelangte, der in einer fließenden Bewegung mit links sich den Ball vorlegte und mit rechts ins Eck schoß. Das war ganz große Klasse wie überhaupt Götze wieder großen Glanz auf Dortmunds Acker verbreitete, wie ich übrigens glaube, daß es schließlich auch der Rasen war, der dem BVB den Sieg kostete, denn sonst wären die Bälle vermutlich alle reingegangen. Das wesentliche aber war, daß dieses Spiel das schönste und aufregendste war, denn alle anderen waren eher zum Abwinken. Werder verlor in Köln in einem grusligen Spiel gleich 3:0 und kann sich schon mal auf die 2. Liga vorbereiten, wenn  sich nicht schnell was tut. Dortmunds Verfolger Hannover schenkte den Schalkern drei Punkte, auch ein eher unterirdisches Spiel, wie  auch die Begegnung Mainz-Wolfsburg, wo McLaren mit  einem knappen 1:0-Sieg gerade mal noch so seinen Kopf aus der Schlinge zog. Sogar Nerlinger war nicht sehr zufrieden mit der 1. Halbzeit der Bayern gegen Kaiserslautern, die so freundlich waren, in jede Falle zu tappen und den Bayern generös zu einem 5:1-Erfolg zu verhelfen. Der neue  Plan der Bayern besteht darin, Zweiter zu werden, auch wenn Hoeneß wieder großspurig verkündete, daß die Bayern die viel viel bessere Mannschaft hätten als die Dortmunder und es deshalb nicht mit rechten Dingen zugeht, wenn der BVB auf den angestammten Platz der Bayern steht. Außerdem hätte er ja schon vor Jahren Klopp verpflichten wollen, aber seine Kollegen hätten Klinsmann gewollt. Ein weiterer Querschläger also gegen van Gaal, den Hoeneß anscheinend gar nicht mehr mag, was ich gut verstehen kann, denn man muß lange suchen, um einen unsympathischeren Holzkopf  zu finden als den Disziplinfanatiker van Gaal. Wie unendlich froh kann ich da sein, einem Verein anhängen zu dürfen, dem diese arroganten und »Wer hat den längeren«-Debatten nicht führt, bloß um in der BamS auf den Sportseiten auf Seite 1 zu kommen, wo man genüßlich den ganzen Käse auswalzt.

Die Wahrheit über den 18. Spieltag

Jedes Mal werden die Kommentare von van Bommel, dem abgesägten Chef der Bayern, verbissener, und jedes Mal mit noch düsterer Miene vorgetragen. Solange es rein rechnerisch möglich ist, solange werden wir die Chance nutzen, knurrt er seine Durchhalteparole wie aus dem Führerbunker in die Mikrophone der Reporter. Dummerweise ist die Chance, Meister zu werden, schon wieder geschmolzen und der Punkterückstand auf Dortmund schon wieder angewachsen. Jetzt auf 16 Punkte, weil die Bayern gegen die Wolfsburger nur ein mageres 1:1 schafften, und das gegen eine Mannschaft, die in der Vorrunde extreme Auflösungserscheinungen an den Tag gelegt hatte und jetzt auch noch ohne Dzeko auskommen muß, der sich lieber von den Scheichs bei Manchester City die Eier kraulen läßt. Und auch Mainz, einer der hartnäckigsten Verfolger, vergeigte es in Stuttgart, obwohl die Mainzer in allen Belangen besser waren als die gegen den Abstieg kämpfenden Schwaben, die von Labbadia zu harten Trainingseinheiten verdonnert wurden, als ob so etwas jemals zu mehr als zu Muskelverhärtungen und Frustrationen geführt hätte. Aber der Mythos der harten Arbeit hält sich hartnäckig in der Bundesliga, wahlweise ist es auch gerne die »ehrliche Arbeit«, die vor dem Abstieg schützen soll. Und Dortmund erledigte den Rest und knüpfte einfach an den guten Leistungen der Vorrunde an. Nicht daß man Leverkusen im Vorbeigehen erledigt hätte, und noch weniger wagte ich es zu hoffen, aber die Vorstellung war sehr überzeugend, auch wenn sich die beiden Mannschaften über weite Strecken des Spiels gegenseitig  neutralisierten, aber in magischen sechs Minuten nach der Pause gelangen Großkreuz nicht nur zwei schöne Treffer, er legte auch noch den dritten für den überragenden Götze auf, mit der Folge, daß Ballack erst gar nicht mehr eingewechselt wurde, weil die Sache aussichtslos war. Hatte Heynckes vor dem Spiel noch auf eine Krise des BVB gehofft und gesagt, die Dortmunder würden »nicht ungeschoren davonkommen«, gab er danach zu, daß den Dortmundern der Titel wohl nicht mehr zu nehmen sei. Zu den 75 %, die daran glauben, daß Dortmund die Meisterschaft nicht mehr zu nehmen ist, dürften noch ein paar Prozent dazu gekommen sein, denn Dortmund hatte nicht einfach nur drei Punkte mitgenommen, sondern sie einem Gegner abgenommen, der für viele als der einzige ernsthafte Konkurrent galt, jedenfalls bevor er innerhalb von sechs Minuten in seine Bestandteile zerlegt wurde. Auch wenn ich nach dem Anschlußtreffer noch einmal kurz ein kleines Ziehen verspürte, denn wer weiß schon, was für einen dummen Verlauf solche Spiele nehmen können, aber die große Dramatik blieb aus. Die ist jetzt ins Weserstadion zurückgekehrt, wo große Tristesse herrschte, aber gegen Hoffenheim in allerletzter Sekunde durch einen Gewaltschuß von Frings noch ein Sieg erzwungen wurde, allerdings gegen einen Gegner, der sich vorher schon selber geschlagen hatte, weil der empfindliche Millionär Hopp endlich Kasse machen wollte und Gustavo und Ba verkaufte, wobei Ba nicht mal von Stoke City genommen wird. Und Schalke? 1:0 verloren gegen den Fußballrentner van Nistelroy. Ein schöner Tag.

Der kommende Aufstand – Eine absurde Debatte

Linksradikale Schriften, die ganz im emphatischen Sinne von Marx auf den völligen Umsturz der Verhältnisse bedacht sind und Gedanken darüber anstellen, wie das bewerkstelligt werden könnte, finden Aufmerksamkeit höchstens, wenn überhaupt, beim Staatsschutz und nicht im bürgerlichen Feuilleton, das sich bei solchen Pamphleten nach der österreichischen Maxime richtet »Ned amoi ignoriern«. Umso erstaunlicher war es, daß die ersten Reaktionen der großbürgerlichen Kulturkritik von FAZ, SZ und Zeit auf das kleine Manifest »Der kommende Aufstand« nicht nur sympathisierend ausfielen, sondern geradezu euphorisch. Nils Minkmar bezeichnete die Schrift als »das wichtigste linke Theoriebuch unserer Zeit«, und zwar weil »das Besondere an dem Buch dessen glänzender Stil« sei und »der Text ohne das sonstige phraseologische Sperrholz linker Pamphlete auskommt«, wie Alex Rühle in der SZ ergänzte. Daß der formalen Seite mehr Bedeutung beigemessen wurde als der Intention der Schrift war dabei durchaus überraschend. Wolfgang Pohrt meinte, das sei ein Zeichen dafür, wie sehr sich das Feuilleton langweilen würde, was auf den ersten Blick etwas merkwürdig erscheinen mochte, aber die folgende absurde Debatte war durchaus dazu angetan, ihm recht zu geben. Johannes Thumfart rief in der taz das bürgerliche Feuilleton zur Ordnung. In Wirklichkeit sei die Schrift »eine rechte, von Heidegger und Carl Schmitt inspirierte, antimoderne Hetzschrift«, die »mit tiefbraunen Zitaten gewürzt« sei. Für diesen Schwachsinn ist die taz vor über 30 Jahren nicht gegründet worden, aber es war von einer bemerkenswerten Rafinesse, daß die taz, die in der Außenwahrnehmung immer noch mit einem gewissen Linkssein verbunden wird, nun päpstlicher als die bürgerlichen Feuilletonpäpste sein wollte. Der Nachweis, was die Autoren des »kommenden Aufstands« mit Schmitt und Heidegger zu tun haben, bestand im wesentlichen in der Behauptung, die anonymen Autoren seien, wie Thumfart herausgefunden hatte, »der Demokratie spinnefeind«, und weil Schmitt und  Heidegger ebenfalls die Demokratie kritisiert hätten, könne eine gedankliche Verwandtschaft nicht geleugnet werden. Selbst wenn ein Bezug zu Schmitt und Heidegger nachzuweisen gewesen wäre, macht das noch niemanden automatisch zu einem Rechten, und so dürfte diese grandiose Entdeckung, die Thumfart da gelungen ist, darauf zurückzuführen sein, daß er selber ein bißchen zu tief in Heidegger geschaut hat.
Die Ermahnung der taz mochte das bürgerliche Feuilleton, das die Schrift eben noch gelobt hatte, nicht auf sich sitzen lassen. Die SZ ging in sich, konzedierte widerwillig, daß Schmitt und Heidegger »zumindest teilweise« die Schrift prägen würden, um dann triumphierend den wirklichen Drahtzieher im Hintergrund zu präsentieren: Ernst Jünger, der »die nun im ›Aufstand‹ beschworene Praxis der Mimikry und des subversiven Widerstands vor Jahrzehnten schon und in mindestens so eleganten Worten vorweggenommen hat«, eine Entdeckung, deren Gehalt an Schwachsinn sich mit dem in der taz messen konnte. Nun wurde auch mehr die praktische Seite des »schlecht gelaunten und renitent daherkommenden« Büchleins unter die Lupe genommen und als »pubertärer Vulgärsozialismus« entlarvt, und wenn Felix Serrao in der SZ nicht umhin konnte, gewissen »Erkenntnissen« zuzustimmen, dann monierte er, daß sie »nicht sexy« seien, womit eine Kategorie in der Beurteilung von Texten eingeführt wurde, von der man immerhin sicher sein konnte, daß sie auf die nun »schlecht gelaunten« Kritiken aus dem bürgerlichen Lager zutraf.
Vor allem der Spiegel ging mit dem Büchlein hart ins Gericht, nachdem man es auf drei Seiten nachgedruckt hatte, offenbarte dabei aber einen völlig verwirrten Eindruck. Auch der Spiegel hatte Traditionslinien entdeckt, diesmal Jean-Jacques Rousseau »oder« Jean-Luc Godard. Das »oder« war dabei sehr lustig. Von Godard hätten die Autoren »den radikalen Gestus geerbt, sie polemisieren gegen die Demokratie, gegen das System, gegen Selbstverwirklichung, gegen das Subjekt an sich«. Abgesehen davon, daß Godard Maoist gewesen war, ideologisch gesehen also eher ein rotes Tuch gerade für die unsichtbaren Aufständischen, ist der Steckbrief auch nicht besonders spezifisch, bis auf den Vorwurf, die Autoren seien »gegen das Subjekt an sich«. Meint der Spiegel, für die Abschaffung der Menschheit? Eine gewagte These, deren Begründung der Spiegel allerdings leider für sich behielt.
Dafür vermengt der Spiegel die Autoren der Schrift treffsicher mit Leuten und Büchern, die mit dem »Kommenden Aufstand« bestimmt nichts am Hut haben, z.B. mit dem Bestseller- und Spiegel-Autor Richard David Precht, einem Anklage-Schriftsteller, der viele kosmetische Details am Kapitalismus bemängelt, aber bestimmt nie auf die Idee käme, ihn abschaffen zu wollen. Oder mit der Ratgeberliteratur »Der Sinn des Gebens« von Stefan Klein. »Das Denken ist das gleiche. Der Ekel ist der gleiche. Die Wut ist die gleiche«, setzt der Spiegel apodiktisch den »deutschen Wutbürger« von Stuttgart 21 mit den Aufständischen aus den Banlieues gleich, dabei könne »die Moderne« doch gar nichts dafür, »wenn der Rotwein korkt«, womit der Spiegel schließlich den wirklichen Grund für die Folgen der Bankenkrise und des griechischen Staatsbankrotts entdeckt hat.
Steckt hinter einigen Kommentaren sicher auch die Eitelkeit von Journalisten, die sich mit maximaler Peinlichkeit ins Gespräch bringen wollen und denen keine These zu steil und zu absurd ist, um sich davon nicht einen kleinen Aufmerksamkeitsvorteil zu versprechen, so läßt sich hinter den aufgeregten Flatterbewegungen im Feuilleton auch eine tiefe Verunsicherung erkennen, weil man einige Phänomene nicht begreift und sie ihnen schlicht entgleiten. Gerne, ja geradezu enthusiastisch teilt man die Analyse der »diffusen Schizophrenie«, der »schleichenden Depression« und der »Atomisierung in feine paranoide Teilchen«, die die Gesellschaft für ihre Mitglieder zu bieten hat, aber daß diese Diagnose auch Konsequenzen hat, die die unsichtbaren Autoren in den Banlieue-Aufständen und den Revolten in Griechenland aufbrechen sehen, das mag man dann doch weniger. Und deshalb stempelt man das sich als »Komitee« bezeichnende Autorenkollektiv als rechtskonservativ ab, weil man bei ihm »die Verachtung der Mehrheitsgesellschaft« (SZ) feststellen zu können glaubt. Aber gerade für »die Verachtung der Mehrheitsgesellschaft« gibt es jede Menge gute Gründe, wenn man nicht ganz unempfindlich ist für das, was sich als ganz normaler Wahnsinn auf den Straßen und in der Politik abspielt. »Das Getue all dieser jungen Leute, die sich darin üben für ihr Einstellungsgespräch zu lächeln, die sich ihre Zähne weiß machen lassen – für einen besseren Aufstieg –, die in Nachtclubs gehen, um Teamgeist zu simulieren, die Englisch lernen, um ihre Karriere zu beschleunigen…. Das Gewimmel all dieser kleinen Leute, die ungeduldig drauf warten, ausgewählt zu werden, und dafür trainieren, natürlich zu sein…«
Wer auf solche Dinge nicht abgestumpft reagiert und es versteht, diesen Ekel analytisch zu fassen und nicht als Ressentiment, der schreibt aus einem fundamentalen Antrieb heraus, aus wirklichem Interesse, etwas verändern zu wollen. Man nimmt den Autoren ab, das sie die Schrift nicht aus Spaß oder Eitelkeit geschrieben haben. »Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was ist. Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation«, schreiben sie und lassen in der gesamten Analyse keinen Zweifel daran, wie dringlich die Angelegenheit ist und wie weit fortgeschritten das Projekt des Kapitalismus ist, bei seiner Selbstabschaffung alles mit sich zu reißen. Sie sind dabei keine Alarmisten, sie knüpfen einfach nur an die radikale Unversöhnlichkeit der Situationisten und Guy Debord an, für die es keine Verständigung mit dieser Welt gab, sie schreiben die Geheimgeschichte des 20. Jahrhunderts fort, auf deren Spur sich Greil Marcus in »Lipsticktraces« begeben hatte und die zurückreicht bis zu Artaud, den Surrealisten, Le Grand Jeu, den verschütteten Gesten des Aufbegehrens, denen Vaneigem in seinem »Handbuch« so viel Aufmerksamkeit widmete.
Es gibt noch viel mehr Einflüsse wie Foucault, Lyotard, Deleuze und Guattari, Heidegger, Schmitt und Jünger gehören nicht dazu, und vor allem versuchen sich die Autoren an einer Weiterentwicklung der theoretischen Fundstücke und nicht an einem Nachbeten, das bei vielen der Fall war, die sich auf die Situationisten bezogen, wie lustigerweise auch der deutsche Verleger des »Kommenden Aufstands«, der sich zu einem ordinären Linksradikalen zurück entwickelt hat, für die die unsichtbaren Autoren nur Hohn und Spott übrig haben.
Als Kopf des Autorenkollektivs gilt Julien Coupat, der die philosophische Zeitschrift »Tiqqun« herausgegeben hat, in der auch die programmatische Schrift »Kybernetik und Revolte« erschienen ist. Dort grenzt man sich gegen den »Negrismus« als Avantgarde der ökologischen Bewegung ab und plädiert für eine »ekstatische Politik«, die »aus der Abweichung, aus der kleinen Variation, aus Drehungen« besteht und »die – ausgehend vom Inneren des Systems – es lokal zu seinem Bruchpunkt hinstoßen«. Und bereits hier konnte man nachlesen, wie man die empfindlichen Stellen des Systems zu treffen versucht, nämlich nicht durch einen offenen Schlagabtausch, sondern durch eine »diffuse Guerilla«, die mit kurzen Angriffen und  Rückzugsbewegungen operiert, dabei weder nachsetzt noch erobert, wie T.E. Lawrence die Taktik der arabischen Armee gegen die Türken beschrieben hat.
Es geht dabei nicht um die Machtfrage, wie diejenigen befürchten, die sich lediglich eine Revolution aus dem vergangenen Jahrhundert mit Erschießungskommandos in der Etappe vorstellen können, es geht um eine erst zu erfindende neue Gesellschaft, neue Bedürfnisse, eine neue Sprache, neue Lebensformen und Verhaltensweisen, mit denen unter den gesellschaftlichen Bedingungen nur rudimentär experimentiert werden kann. Dies geht von einer »Generation« aus, die »sich nie auf die Rente, auf das Arbeitsrecht und noch weniger auf das Recht auf Arbeit verlassen hat«. Ihre Vorstellungen mögen idealistisch sein und an der intellektuellen Bewegungsunfähigkeit der zur Mobilität verdammten Menschen scheitern, die einfach in dem Zustand verharren, der sie umgibt, aber man kann Leuten schlecht vorwerfen, daß sie  diesen Zustand reflektieren und mehr wollen als das, was ihnen zugestanden wird. Sie gehen davon aus, daß »das allgemeine Unglück nicht mehr aushaltbar ist, sobald es als das erscheint, was es ist: ohne Grund und Vernunft«, d.h. es sind die Verhältnisse selbst, die den Aufstand in sich bergen, von dem die Verfasser sagen: »Nichts scheint unwahrscheinlicher als ein Aufstand, aber  nichts ist notwendiger.«