Archiv für den Monat: Juli 2011

Robert Misik macht von seinem Recht Gebrauch, sich zu blamieren

Auf der Meinungsseite der taz macht Robert Misik die Rechtspopulisten für den norwegischen Attentäter verantwortlich. In dem Klima, das die österreichischen Freiheitlichen, die norwegische Fortschrittspartei, die Schwedendemokraten, Wilders und Henryk M. Broder mit ihrer Propaganda erzeugt hätten, hätte ein Anders Behring Breivik wachsen und gedeihen können.
Robert Misik mutet den rechten Kreisen da ein bißchen viel zu. Aber abgesehen von der merkwürdigen Machtzuschreibung, er traut dem einzelnen Menschen offenbar nicht viel zu, der wie ein Spielball dieser Mächte und quasi ferngesteuert die Propaganda für bare Münze nimmt. Und selbst, wenn der Mensch dies tun würde, steht in keinem Programm und in keinem Aufruf oder Manifest der Rechtspopulisten, gehe hin, sprenge die Regierung in die Luft und richte ein Massaker an.
Nicht daß ich die Rechtspopulisten verteidigen möchte, aber diesem linken Reflex, der ja eigentlich nicht links ist, sondern vielmehr bescheuert, geht es nur um strategisch-taktische Meinungsvorherrschaft, um eine Art Deutungshoheit. Aber wenn man die anstrebt, dann sollten die Argumente ein bißchen mehr aushalten, denn die von Robert Misik zerfallen schon beim bloßen Hingucken. Was aber auch nicht sonderlich verwundert, denn jemand, der sich auf einen Dünnbrettbohrer wie Richard von Weizsäcker berufen muß, um seinen Argumenten Glaubwürdigkeit zu verleihen, dem ist auch sonst nicht viel zuzutrauen. Weizsäcker sagte: »Einzeltäter kommen hier nicht aus dem Nichts.« Tolle Erkenntnis, weil jeder in irgendeiner Form von Gesellschaft lebt, die Sache also so ziemlich auf jeden Menschen zutrifft, der auf dem Erdball lebt, sieht man vielleicht von ein paar Urwald- oder Almbewohnern ab. Die Frage ist, ob die Gesellschaft in jedem Fall verantwortlich gemacht werden kann. Und die Antwort ist ganz einfach. Nein, diesmal jedenfalls nicht. Die ideale Gesellschaft, in der solche Leute nicht vorkommen, muß erst noch erfunden werden.
Robert Misik schreibt in einer Weise, die fast schon ein bißchen wahnhaft ist, daß Broder, der in Anders Behring Breiviks Manifest zustimmend zitiert wurde, seine »Mitverantwortung« auf »unfaßbar kaltschnäuzige Weise« abwehrt. Misik schreibt tatsächlich »Mitverantwortung«. Dafür müßte er eigentlich mit Schreibverbot nicht unter zwei Jahren bestraft werden, denn selbst wenn seinem Argument eine Logik innewohnen würde, hieße das, daß die Meinungsfreiheit bei ihm nicht sonderlich hoch im Kurs steht. Selbstverständlich können und sollen die Rechtspopulisten sagen und schreiben können, was sie wollen. Auch sie haben schließlich das Recht, sich zu blamieren. Das ist nicht allein Misik vorbehalten. Und das ist das Mindeste, was eine Gesellschaft aushalten muß. Misik darf sich gerne an ihnen abarbeiten, aber er sollte nicht mit Insinuierungen und Verdächtigungen arbeiten, vor allem, wenn man nachlesen kann, was Broder geschrieben hat.
Er schreibt zum Beispiel, daß auch Richard Rorty, Immanuel Kant und Franz Kafka in dem Manifest zitiert wurden. Was macht man mit denen? Den Rechtspopulisten zurechnen? Muß die Philosophiegeschichte und die Literaturwissenschaft neu geschrieben werden? Und ist es so, fragt Broder, daß der »blauäugige Norweger … nicht zum Massenmörder geworden« wäre, hätte er Patrick Bahners und Roger Willemsen gelesen? Und müssen die Bücher der von Breivik zitierten Autor aus dem Regal  genommen werden, um sie durch die Bücher von Richard David Precht zu ersetzen, den Misik wahrscheinlich für einen Philosophen hält?
Nein, das Problem besteht darin, und da hat Henryk M. Broder völlig Recht, daß in dieser Gesellschaft alles und jedes rational erklärt werden muß, weil man es sonst nicht aushält und weil sonst die vielen »Ursachenforscher« ihre Existenzberechtigung verlieren würden. Auch Misik hat es nicht ausgehalten und tappt dabei in die erstbeste Falle, nämlich einen Sündenbock zu suchen, bzw. sich selber zu basteln. Intellektuell redlich ist diese Methode nicht.