Archiv für den Monat: August 2011

Die Wahrheit über den 4. Spieltag

Philipp Lahm liebt deutsche Schlager. Die darin zum Ausdruck kommende Schlichtheit der heilen Welt, die ungetrübt von irgendeinem Gedanken sinnlos vor sich hinplappert, daraus besteht das Wesen Philipp Lahms. Man muß als Fußballer selbstverständlich nicht intelligent und geistreich sein, aber wenn man sich schon ein Buch schreiben läßt, dann sollte man es wenigstens vertreten können. Lahm, der in geistiger Hinsicht seinem Namen alle Ehre macht und zu den Langweiligsten und Belanglosesten seiner Spezies gehört, eiert auf sehr erfreuliche und lustige Weise herum. Er meint alles so, wie es in seinem Buch geschrieben steht und nimmt nichts davon zurück, aber er entschuldigt sich auch bei allen, die sich beleidigt fühlen, weil er es auch wiederum nicht so gemeint habe. Wenn man allerdings etwas darüber sagen wolle, sollte man das Buch erstmal lesen, sagt Lahm. Aber warum sollte man das tun? »Ich bin authentisch«, sagt Philipp Lahm, bei dem man den Eindruck nicht los wird, er sei ferngesteuert. »Ich spreche die Dinge so an, wie ich sie sehe. Allein das ist mir wichtig. Ich achte nicht auf mein Image. Ich will einfach ›Ich‹ sein.« Und so wird dann auch das Buch sein: Eine Aneinanderreihung von Platitüden, banalen Einsichten, ödes Heruntererzählen, was die Erkenntnis hervorbringt, daß es nichts Überflüssigeres gibt als ein Fußballbuch von einem Fußballer, selbst wenn der zur verbalen Kraftmeierei greift. Lahm ist in jeder Hinsicht ein Antifußballer, der noch nie etwas zum Zauber eines Spiels beigetragen hat. Er ist schnell, zweikampfstark, ballsicher, zuverlässig, mit einer gegen Null tendierenden Fehlerquote, er steht für alle sekundären Fußballtugenden, die bei den Trainern beliebt sind, aber würde ein Spiel nur aus solchen Spielertypen bestehen, könnte man sich Fußball auch als Animation angucken, und selbst die wäre spannender. Lahm gehört zu den modernen Technokraten des Sports, nicht zu den Anarchisten oder Anachronisten, die für das Überraschende und Unerwartete des Fußballs stehen, deren Eliminierung er vielmehr betreibt, er verkörpert das Langweilige, das Gute, das Deutsche, der »hinten dicht macht« und die man dennoch braucht, damit sie in den entscheidenden Momenten gegen einen Zauberlehrling versagen und als tragische Figur enden können. Kurz gesagt, Lahm ist ein Ödling, der einen schon zum Gähnen bringt, bevor er den Mund überhaupt aufmacht, er ist die Verkörperung der neuen deutschen Biederkeit, ein braver Vollidiot, der in gestanzten Sätzen redet, deren Bedeutung er nicht versteht. Aber bevor ich mich jetzt noch weiter hineinsteigere, vielleicht noch etwas zur schönen Spielkunst. Und die wurde in Leverkusen zelebriert, wenngleich das Spiel torlos endete. Schade, denn Dortmund hatte am Ende die besseren Karten, aber bevor das Spiel zugunsten des BVB enden konnte, schritt der Mann in Schwarz ein, Herr Stark aus Ergolding, der den mittlerweile als Freiwild behandelten Götze wegen einer angeblich Tätlichkeit vom Platz stellte, obwohl Götze, wie alle in Dortmund sofort beeiden würden, keiner Fliege was zu Leide tun kann. Aber Herr Stark aus Ergolding hatte wohl etwas zu kompensieren oder irgendjemand hatte eine größere Summe Geldes auf ein Unentschieden gesetzt, denn ein reguläres Kopfballtor von Hummels pfiff er auch gleich noch ab.

Unbedingt lesen: Solomon Gursky war hier

Mordecai Richler “Solomon Gursky war hier” (liebeskind) ist mit 645 Seiten zwar verdammt umfangreich, aber man hat bei diesem Buch nie das Gefühl, hier würde ein Autor Zeilen schinden. Und das obwohl das Prinzip des Buches in der Abschweifung besteht und alles mögliche erzählt wird, was mit der Hauptgeschichte gar nichts zu tun hat, aber die große Kunst besteht bei Mordecai Richler eben darin, daß man es weiß und daß man ihm trotzdem gern in die ödeste Eiswüste folgt, weil der Autor eben einer der ganz großen Erzähler ist. Ich mag eigentlich keine Familiengeschichten, dieser aber war ich dann vollkommen verfallen, auch wenn ich häufig genug keine Ahnung hatte, um wen im Familienstammbaum es gerade ging. Eine der kleinen, aber großartigen Stellen, von denen man im Roman unzählige findet,  ging ungefähr so. Der Gründer des Imperiums Gursky ruft jemanden an und sagt: “Und wie gehts deinem Onkel?” “Mein Onkel ist schon lange tot.” “Und? War ich auf der Beerdigung?” “Ja.” “Sehr gut.”

 

Schreckliche Reisen. Martha Gellhorn liebt die Menschheit und haßt die Menschen

Martha Gellhorn war die Grand Dame in der Kriegsberichterstattung im letzten Jahrhundert. Sie trieb sich auf so ziemlich allen Kriegsschauplätzen herum, oder zumindest an deren Peripherie. Sie war zusammen mit Hemingway in Madrid, als der spanische Bürgerkrieg tobte, sie folgte den amerikanischen GIs durch das frisch besetzte Deutschland und war erschüttert über die unerschütterlichen Gemüter der Deutschen, die sich erstaunlich schnell zu Widerstandskämpfern gegen Hitler stilisierten, sie berichtete über die Kriege in Finnland, auf Java, in Vietnam und vom Sechstagekrieg. Es gab auf der Welt kaum einen Ort, den sie nicht bereist hat.
1978 schrieb sie einige ihrer Reiseerlebnisse nieder, in denen nicht irgendein Krieg im Vordergrund stand. Weil sie sich aber bewußt war, dass reine Reiseerzählungen in der Regel öde sind, schreibt sie über katastrophale Reisen, denn erst das erlittene Unglück macht die Geschichte für den Zuhörer oder Leser interessant. 1990 ist das Buch aus unerfindlichen Gründen in der rororo-Reihe »neue frau« erschienen, wo es unterging, weil es sich um Etikettenschwindel handelte. Es dauerte dann zwanzig Jahre, bis es in der gleichen kongenialen Übersetzung von Herwart Rosemann unter dem Titel »Reisen mit mir und einem anderen« im Rahmen einer kleinen Werksausgabe und in schöner Aufmachung erschien.
Der »andere« im Titel ist niemand anderes als Ernest Hemingway, mit dem Martha Gellhorn eine Zeit lang verheiratet war, was sich aber schnell als Irrtum für beide Seiten herausstellte, denn Geduld und Höflichkeit gehörten nicht zu seinen »bekanntesten Qualitäten«, wie Gellhorn sehr zurückhaltend über den in der Reise nach China »UB« (Unwilliger Begleiter) genannten Hemingway schreibt, den sie so lange beschwatzte, bis er diese »Superschreckensreise« mitmachte.
1941 dauerte der japanisch-chinesische Krieg schon eine kleine Ewigkeit, aber die Japaner gehörten seit neuestem zur Achsenmacht. Von den Japanern sah man nur ab und zu oben am Himmel ein paar Flugzeuge. Auf der Erde aber herrschte Dauerregen und chinesisches Dauergeschwätz, »ein näselnder, rauher Singsang«. Schlimm genug, was aber Martha Gellhorn wirklich schaffte, war der »Schleimhusten«, die chinesische Eigenart, überall auszuspucken. Bei Gellhorn, die aus gutbürgerlichem Hause kam und mit den Roosevelts befreundet war, rief ein solches Benehmen Brechreiz hervor. Überhaupt könnte der Kontrast kaum größer sein, wenn sie als gut erzogenes amerikanisches Kind mit einer Welt konfrontiert wird, in der höfliche Umgangsformen nichts gelten oder auf Unverständnis stoßen. Da aber Martha Gellhorn nicht bereit war, auf gewisse zivilisatorische Standards zu verzichten und sie sich vor Dreck ekelte, der bei solchen Reisen aber inklusive ist, scheute sie sich auch nicht, ihrem Ärger Luft zu machen, und dann schimpfte sie auf wunderbare Weise auf die Unfähigkeit der Leute, die Zustände, die Beschwernisse und auf sich selbst, weil sie sich immer wieder ohne Not in solche Situationen begab. Und wenn man jetzt glaubt, daß ihr ganz recht geschehe, weil diese Haltung borniert ist und man sich in anderen Kulturkreisen eben anpassen müsse, der ist schief gewickelt, denn erst durch diese Spannung wird aus einem gewöhnlichen Reisebericht Literatur, aus einer zähen Erzählung ein lustiges Stück Prosa.
»Wir lachen nicht über die gleichen Witze. Wir langweilen uns gegenseitig zu Tode. Wann immer ich die Chinesen zusammen lachen sah, sagte ich: ›Bitte übersetzen, schnell, schnell, damit ich den Witz verstehe.‹ Wenn ich dann die Übersetzung hörte, versteckte ich mich hinter einem verwunderten Lächeln. Was um Himmels willen gab es denn da zu lachen?« Von General Tschiang und seiner Frau waren die beiden zum Essen eingeladen, und als sie später einem Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft darüber berichtet, »war der ganz außer sich ob der Ehre, die uns zuteil geworden war, denn es war das höchste Kompliment, vom Generalissimo ohne sein Gebiß empfangen worden zu sein.« Aber auch dieses Gespräch langweilte Gellhorn, und das macht sie auch so sympathisch, denn während für andere ein solches Treffen ein Meilenstein ihrer Biographie darstellen würde, spöttelte Gellhorn: »Je mächtiger, desto langweiliger.«
Aber auch sich selbst spart sie in ihren sarkastischen Kommentaren nicht aus, denn als sich die Möglichkeit bot, den kommunistischen Widersacher Tschou En-lai in einem Versteck zu treffen, hatte Gellhorn keine Ahnung, um wen es sich da handelte, weshalb sie schreibt, daß Tschou En-lai sie »für hirnlose Hammel ersten Ranges gehalten haben« muß. Aber Gellhorn war von diesem Mann überaus angetan und sie wäre ihm weiß der Himmel wohin gefolgt, sie hätte nur rasch ihre Zahnbürste geholt, denn zum ersten Mal konnte sie mit einem Chinesen über die gleichen Witze lachen.
Andere katastrophale Reisen führten sie 1942 in die Karibik, wo sie hoffte, etwas vom U-Boot-Krieg mitzubekommen, der damals in aller Munde war, eine weitere Reise ging nach Afrika, auf der ihre Nase zum größten Hindernis wurde, denn sie war »buchstäblich angeekelt vom Geruch der Schwarzen – ein süßlicher Gestank aus Urin und Schweiß«, wo ein wenig Seife bereits für eine »bessere Welt« gesorgt hätte, und sie war zu Besuch bei Nadeschda Mandelstamm, die mit ihrem Erinnerungsbuch an ihren Mann »Generation ohne Tränen« im Westen sehr erfolgreich war, aber Rußland weckte in Gellhorn nur einen Wunsch. Schnell weg hier: »Im allgemeinen beschwingt es mich nicht, nach Hause zu kommen, wo immer ich auch gerade zu Hause bin. Zu Hause ist da, wo der alte Trott wieder anfängt. Diesmal war ich in Ekstase.«
Das alles sind keine Ressentiments, wie der auf bestimmte Reflexe trainierte Leser schnell glauben mag, sondern vorbehaltlose Schilderungen ihrer Wahrnehmung, in denen die sozialen und gesellschaftlichen Mechanismen nicht ausgeblendet, ja durchaus berücksichtigt werden, die sie aber dennoch nicht daran hindern, zu sagen, was sie denkt, wenn ihr etwas gegen den Strich geht. Sie nimmt dabei keine Rücksicht auf sich und andere, sie stellt sich in keinem sehr günstigen Licht dar, aber genau das macht das Faszinierende ihres Schreibens aus. Hemingway hat auf der gemeinsamen Reise durch China sehr schnell erkannt, was »das Problem« mit Martha Gellhorn war: »Martha liebt die Menschheit, aber sie kann Menschen nicht ertragen.«

Martha Gellhorn »Reisen mit mir und einem anderen. Fünf Höllenfahrten«, mit einem Nachwort von Sigrid Löffler, deutsch von Herwart Rosemann, 544 Seiten, Leinengebunden, 24.90 Euro.

Widerstand und Glamour. Die Clash erzählen die Geschichte ihres Erfolgs

Als der Chronist der Punkbewegung Jon Savage die Clash Ende Oktober 1976 zum ersten Mal sieht, notiert er in sein Tagebuch: »Plötzlich gehen vier Männer mit brutal geschnittenen Haaren auf die Bühne, bellen in ein Mikrophon und machen Krach. Der Krach verschmilzt mit dem Tempo zu einem vollkommenen Chaos. Nach zehn Sekunden bin ich wie versteinert, nach dreißig hat sich mein Leben für immer verändert.« Das ist der Stoff, aus dem die Mythen sind.
Damals braute sich in London in kleinen Zirkeln von musikverrückten und aus der Umlaufbahn des normalen Lebens geworfenen Jugendlichen um die Sex Pistols, The Damned, The Buzzcocks, den Subway Sect und Siouxsie and the Banshees etwas zusammen. Mit ihren aufrührerischen und anarchistischen Songs wurden sie innerhalb kurzer Zeit plötzlich zum Vorposten einer ganzen Generation, die radikaler als selbst die 68er alles in Frage stellten, aufgewachsen in einer Gesellschaft, die tief in einer Krise steckte und ihnen nichts zu bieten hatte außer »No Future«. Im heißen Sommer 1975 herrschte in England eine apokalyptische Untergangsstimmung, es gab seit dem 2. Weltkrieg noch nie so viel Arbeitslose, Schulabgänger kriegten keinen Job, die öffentlichen Ausgaben stiegen auf gefährliche 45 % des nationalen Einkommens, und wie immer in solchen Situationen wurde der soziale Haushalt zusammengestrichen.
Das alles steht natürlich nicht in dem Buch, das schlicht »The Clash« heißt. Von diesem Fanbuch kann man allerdings auch schlecht erwarten, daß es den sozialen Hintergrund mit reflektiert, aber die Clash haben in ihren Songs den Lebensnerv einer ganzen Jugend getroffen, indem sie den sozialen Zusammenbruch thematisiert haben. In diesem Fanbuch kommen ausschließlich die vier Bandmitglieder zu Wort. Es setzt sich aus langen Interviews zusammen, wobei einzelne Passagen dem jeweiligen Ereignis, Song, Konzert etc. zugeordnet sind.
Natürlich fehlt auch diesem Fanbuch der distanzierte, analytische Blick, aber man hat nicht das Gefühl, seine Zeit mit Selbstbeweihräucherung und Kommentaren, wie »geil« und »irre« alles gewesen war, verplempert zu haben. Joe Strummer ist dabei der Kommunikator und der Reflektierteste von allen. Er war der Songschreiber. Mick Jones war der Musikbegabteste, der die Musik zu den Texten erfand. Paul Simonon war der Poser und Topper Headon der Drogenfreak, der zwar wichtig für die Gruppe war, nicht zuletzt, weil er als Schlagzeuger den Songs ein Gerüst gab, der aber genauso gut bei Led Zeppelin hätte spielen können, dem Inbegriff einer bescheuerten Megaband.
Ende 1977 begleitete Lester Bangs die Clash auf einer England-Tournee, weil sie nicht nur als die »durchgeknallteste Band« galten, sondern vielmehr, weil Bangs einen »beharrlichen Humanismus« in ihnen verwirklicht sah. Die Clash pflegten einen egalitären Kontakt zu ihren Fans und Bangs glaubte bereits, einen »flüchtigen Blick auf eine bessere Welt« wahrgenommen zu haben. Je berühmter und bekannter die Clash jedoch wurden, desto weniger ließ sich das ursprüngliche Ideal aufrechterhalten. An ihren Überzeugungen jedoch änderte sich wenig. The Clash war die Band, die es mit »Guns of Brixton«, einem Aufruf zum bewaffneten Widerstand, immerhin in die Charts schafften, und in deren Songs häufig eine aus heutiger Sicht etwas naive Romantik von Gangs und Gangstern, Rebellion und Straßenschlacht gefeiert wurde. Aber schon damals kam das nicht überall gut an. Julie Burchill und Tony Parsons, die damals beim New Musical Express arbeiteten, schrieben ihrem Nachruf auf den Rock‘n‘Roll »The Boy Looked At Johnny«, daß die Clash die erste Band gewesen sei, »die die soziale Regellosigkeit als eine Marketingtechnik benutzten«, um ihre Produkte zu platzieren.
In »The Clash« werden die Entstehungsgeschichten vieler Songs erzählt. Joe Strummer und Paul Simonon, die in einem besetzten Haus wohnten, waren mitten drin im Notting Hill Carneval-Aufstand am 31. August 76, der Joe Strummer zu »White Riot« inspirierte. Vom Pessimismus der Sex Pistols unterschieden sich die Clash mit dieser politisch radikalen Haltung, die auch ihre absurd-lächerlich-lustig-dilletantischen Seiten hatte, wenn Joe Strummer über die Schwierigkeit erzählt, ein Auto abzufackeln. Weit davon entfernt, nur eine simple Agit-Prop-Band zu sein, was schon an ihrem Willen zur musikalischen Weiterentwicklung zu erkennen war, hatten die Clash Stil und eine Ausstrahlung, in der politischer Widerstand und Glamour zusammen gingen. Und in »The Clash« kann man sich Backstage begeben und in diesem längst verloschenen Glanz noch ein bißchen schwelgen, konserviert durch grandioses Foto- und Bildmaterial.

Joe Strummer, Mick Jones, Paul Simonon, Topper Headon, »The Clash«, aus dem Englischen von Violeta Topalova, 408 Seiten, 16.99 Euro

Die Wahrheit über den 1. Spieltag

Die erste Halbzeit der Schwarzgelben gegen die Hamburger war richtiger Fußballzauber. »Die beste Halbzeit, die ich je gesehen habe«, schwärmte ein schwäbischer Fachmann, schränkte dann aber ein: »In dieser Saison.« Okay, vielleicht doch kein Fachmann, dachte ich. Zudem mußte auch konzediert werden, daß der HSV nach der letzten katastrophalen Saison, in der es mal wieder nicht geklappt hat, mit teuren Spielern einen internationalen Wettbewerb zu erreichen, sich im Umbruch befindet und es jetzt auch mit jungen Spielern versucht. Dennoch spielte der HSV nicht schlecht und hätte in dieser Verfassung gegen andere Mannschaften durchaus gewonnen, aber gegen die unglaublich stark auftrumpfenden Dortmunder kamen die Hamburger kaum aus der eigenen Hälfte heraus. Und das war nicht unbedingt zu erwarten, denn die Dortmunder waren immerhin auf vier Positionen verändert. Aber es fiel absolut nicht auf, daß Sahin, Barrios, Subotic und Schmelzer fehlten. Die Neuen fügten sich nahtlos in das allseits bewunderte lauffreudige Spielsystem ein. Und wie immer war Mario Götze einfach sensationell. Von seinen Mannschaftskollegen inzwischen »Götzinho« genannt, war er der Mann des Spieltages. Der Ex-Dortmunder Mladen Petric, der selbst ein außergewöhnlicher Spieler ist, dessen Weggang ich damals bedauerte (zu Unrecht, wie sich dann herausstellte, weil das Teil eines Masterplans von Klopp war), Petric also sagte, daß er Götze schlicht für den besten Spieler der Liga hält, und selbst der von Fachwissen unbeleckte Fachmann Beckenbauer schwärmte sich um Strohkopf und Stehkragen, als er Götze in den Fußballolymp lobte und ihn auf die gleiche Stufe wie Messi stellte. Trotzdem verliert Götze natürlich manchmal den Ball, aber wie sein Mannschaftskollege Sven Bender sagte, es ist egal, wie man Mario anspielt, »er saugt die Kugel an, als ob er einen Magneten im Schuh hätte«. Götze könnte jedoch nicht so brillieren, wenn er nicht die Leute hätte, mit denen sich auch zusammenspielen ließe. Die Kombination zwischen ihm und Lewandoski zum 2:0 war einfach unwiderstehlich. Das heißt, die Kollegen müssen auch ein bißchen was auf der Pfanne haben. Aber nicht nur das, es muß auch noch das Spielverständnis hinzukommen, denn bekanntlich gewinnen zehn Solisten nicht mal gegen eine Zweitligamannschaft. Und dann werden die Spiele auch immer mehr über das Laufen und die Einsatzfreude entschieden. Zehn Kilometer sind die Schwarzgelben mehr als die Hamburger gelaufen. Ich würde nicht mal zwei davon schaffen. Und diese Gier nach dem Ball, ihn zurückzuerobern, wenn er mal verloren gegangen ist, dieses völlig andere Konzept zu dem »Jetzt warten wir mal ab, was passiert«, das macht das Spiel attraktiv und lebendig. Und weil der BVB inzwischen so häufig mit Barcelona verglichen wird: Dortmund spielt nicht auf Ballbesitz, um den Gegner zu entnerven, sondern sie riskieren auch etwas, auch bei ihnen kann die Kugel schnell wieder verloren gehen, aber dann macht man sich mit Volldampf daran, sie sich schnell wieder zu holen. Wenn ich vorher dachte, Dortmund könnte in der Saison nach der Schale ein ähnliches Schicksal ereilen wie den Mannschaften, die Meister wurden und nicht Bayern heißen, dann muß ich einsehen, daß ich zu kleinmütig war. Ich schätze, ich werde einen Hunderter auf die Verteidigung der Meisterschaft setzen.