Archiv für den Monat: September 2011

Die Wahrheit über den 7. Spieltag

Schon lange hatte ich vom Burn-out nichts mehr gehört. Mitte der achtziger Jahre war die Krankheit groß in Mode gekommen und war eine Erklärung dafür, warum viele Leute einfach keine Lust mehr hatten. Jetzt ist das Syndrom zurückgekehrt. Zu Ralf Rangnick. Emotionale Leere hätte ihn befallen, diagnostizierten die Experten die Krankheit, als ob das nicht der Normalzustand der meisten Menschen ist. Wie man dem Syndrom auf die Schliche kommen könne? Dazu müßte man u.a. die Frage beantworten: »Fühlten Sie sich im letzten Monat häufiger niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?« Sehen Sie, auch Sie leiden am Burn-out-Syndrom. Aber statt jetzt darüber zu lamentieren, daß im Profifußball der Druck und die Belastung so hoch sei und das Gewerbe deshalb so unmenschlich, muß man Uli Hoeneß recht geben, denn in einer Bank sind die Leute ähnlichen stressigen Bedingungen ausgesetzt, und dieser Vergleich hat ja auch was, denn in beiden Bereichen herrscht das Mediokre und Mittelmäßige vor. Was immer das bedeutet, manche haben einfach nicht die psychische Struktur, um abschalten zu können und sich eine Erholungspause zu gönnen, manche müssen das auch nicht und manche brauchen den Streß als Lebenselixier, wie ich das bei Jürgen Klopp vermute. Ralf Rangnick hatte in seinem Leben schon mit überdurchschnittlich großen Arschgesichtern zu tun (Tönnies und Hopp), und vom Anspruch nach Perfektion getrieben, machte es ihn krank, mit ansehen zu müssen, was seine Spieler auf dem Feld verzapften, wenn sie seine Vorgaben nicht erfüllten, und krank machte es ihn auch, für die Journalisten immer den gleichen Mist erzählen zu müssen, denn das Reden über Fußball ist begrenzt. Es lebt von der unendlichen Wiederholung. Ich merke das schon an dieser Kolumne, und an schlechten Tagen denke ich an all die Worte, die man eigentlich im Sprechen über Fußball eliminieren müßte. Übrig bliebe wahrscheinlich ein Stammeln. Komischerweise ist es gerade die Wiederholung, die die Leute wollen. Es gibt ihnen Sicherheit in ihrem kleinen Kosmos, in dem alles beim Alten bleiben soll. Aber bevor ich jetzt gleich ein Burn-out kriege und in Schreibstarre verfalle, muß ich bekennen, daß es mir ganz gut geht, denn Dortmund hat in Mainz völlig verdient gewonnen, es aber bis zur letzten Minute spannend gemacht, bis dann Piszczek aus der zweiten Reihe einfach mal draufhielt und der Ball, der sonst immer an irgendeinem Bein abgeprallt war, plötzlich mal durchging und auch gleich ins Tor trudelte. Vorher aber, nach dem 1:0 der Mainzer fühlte ich mich niedergeschlagen, traurig, bedrückt und hoffnungslos. Und auch der Ausgleich änderte nicht wirklich etwas an diesem Zustand. Ich fühlte mich ausgebrannt. Vor allem nach dem Spiel in Hannover vor einer Woche, als der BVB in den 87. und 89. Minuten gleich zwei Treffer einstecken mußte und in der letzten Viertelstunde sich nur noch auf Verteidigung beschränkte und die souveräne Spielbeherrschung, die Dortmund 75 Minuten zelebriert hatte, aufgab, da spürte ich ganz deutlich das Burn-out. Danach las ich jeden Spielbericht, den ich kriegen konnte. In jedem stand dasselbe. Ich mußte es immer wieder lesen, wie überlegen die Dortmunder waren und wie unverdient die Niederlage, und ich suchte nach einer Erklärung, wie sie zustande kommen konnte, dabei wußte ich, daß man gegen den Zufall nichts ausrichten kann.

Die Wahrheit über den 6. Spieltag

In Freiburg, wo man als Vorletzter gerade mal vier Punkte auf dem Konto hat, nützt nicht mal Überlegenheit, während den Stuttgartern ein Harnik reicht, der mit zwei Schüssen auch gleich zwei Treffer zu verzeichnen hat. Und Leverkusen blamiert sich mit einer historischen 4:1-Niederlage gegen den Lokalrivalen Köln. Vier Tage nach den 2:0-Niederlage gegen ein Chelsea, das seine Stammkräfte schonte, bewiesen die Leverkusener, daß sie noch unterirdischer spielen können, als Köln das in dieser Saison bravourös vorgemacht hat. Allerdings hat diese an sich begrüßenswerte Niederlage des Tablettenclubs einen bitteren Beigeschmack, und zwar nicht nur, weil Köln von der Niederlage profitierte, sondern weil Podolski nicht unwesentlich an diesem Sieg beteiligt war, obwohl er nach einem üblen Foul an seinem Nationalmannschaftskonkurrenten Schürrle eigentlich gar nicht mehr auf dem Platz hätte stehen dürfen. Podolski ist durchaus zuzutrauen, daß er sich das Problem in der Nationalelf sich auf diese Weise vom Hals schaffen wollte. Schürrle hingegen erhielt rot, ohne daß sein Foul nur annähernd die Qualität wie das von Podolski hatte. Manager Völler beschwerte sich darüber zu Recht bei Schiedsrichter Schuster, der in der Tat lieber bei seinen Leisten hätte bleiben sollen. Aber diese unterschiedliche Bewertung von Fouls war nicht das Problem, entscheidend war der insgesamt schwache Auftritt der Tablettenelf. Ballack macht vor wie das geht. Mit den schwächsten Zweikampfwerten und nur 33 Ballkontakten mußte er schon frühzeitig vom Platz genommen werden. Aber nicht nur dieses Ergebnis dürfte kaum jemand auf seinem Wettzettel gehabt haben, auch von den Hamburgern wurde allgemein erwartet, daß sie zu Hause gegen Mönchengladbach alles aus sich herausholen würden, stattdessen wurde es die 5. Pleite in den bisher sechs Spielen. »Ich habe mich gefühlt wie ein Kronleuchter«, sagte Petric. »Ich hing in der Luft.« Aber nicht nur ihm fehlte die Unterstützung, sondern jedem in der Mannschaft fehlte sie. Nur Trainer Oenning wird noch von einem Holländer gestützt, den man ganz schlecht versteht, aber zufällig der HSV-Sportchef ist. Und daß Bremen plötzlich ganz oben in der Tabelle steht, dürfte ebenfalls niemand ernsthaft erwartet haben, nachdem man noch Mertesacker abgeben mußte, was sich aber vielleicht sogar als Gewinn herausstellen wird, nicht nur weil Arsenal ganz gut für ihn bezahlt hat, sondern weil Mertesacker schon seit geraumer Zeit unter Form spielt, wobei es Trainer gibt, die meinen, das wäre seine Normalform, und wenn Mertesacker den Ball habe, könne wenigstens nichts passieren, weil er das Spiel nicht eröffnen könne. Bremen ermauerte sich in Nürnberg ein Unentschieden, wobei das 1:0 für Bremen von dem ehemaligen Nürnberger Ekici erzielt wurde, der sich darüber gar nicht freute. Immerhin sorgte Wiese für Unterhaltung mit einer slapstickreifen Einlage, die stark an seine Showeinlage im CL-Spiel gegen Juve erinnerte, aber zur Konsequenz hatte, daß Werder schon ab der 17. Minute nur noch zu zehnt auf dem Platz war. Vielleicht hatte Wiese auch einfach keine Lust, sich den sintflutartigen Regenfällen auszusetzen. Außer ein paar Oben-ohne-Fans des Clubs saß jeder lieber auf der Tribüne im Trockenen. Und was sagt uns das alles? Es geht mal wieder drunter und drüber in der Liga. Nur Bayern läßt sich davon nicht anstecken.

Die Wahrheit über BVB – Arsenal London

Nach achteinhalb Jahren betrat der BVB wieder die CL-Bühne, formal gesehen als krasser Außenseiter, war man durch die lange Absenz in Topf 4 der Auslosung gelandet, und spielte nun gegen das gesetzte Arsenal, das sich zum 14. Mal hintereinander qualifiziert hatten. Aber Arsenal hatte nicht nur wie der BVB seinen besten Mann, Fabregas, an Barcelona verloren, sondern auch in der Liga gleich eine historische 8:2-Schlappe gegen Mancheser United einstecken müssen. Und tatsächlich wurde Arsenal zu Beginn an die Wand gespielt. Kagawa, Großkreutz und Lewandowski vergaben im Minutentakt Großchancen, während Götze in seinen besten Momenten wie von einem anderen Stern wirkte. Das war die alte Borussia der letzten Saison. Nur fehlte Sahin, der dem Sturm und Drang Struktur und Präzision hätte geben können. Der zuletzt gegen Hertha völlig untergegangene Gündogan wurde durch Kehl ersetzt, der Ruhe und Stabilität ausstrahlen sollte und dessen CL-Erfahrung von allen Moderatoren als gewichtiges Pfund gehandelt wurde, aber ausgerechnet Kehl spielte einige seiner berüchtigten Fehlpässe, von denen einer von van Persie zum 1:0 kurz vor der Pause ausgenutzt wurde. In der 2. Halbzeit wurde das Spiel konturloser, die Überlegenheit Dortmunds noch deutlicher, aber da sich Arsenal nunmehr in der eigenen Hälfte verschanzte, waren die Dortmunder plötzlich mit dem alten Problem konfrontiert, gegen eine Mannschaft spielen zu müssen, die ausschließlich defensiv agierte. Das leidenschaftliche Anrennen gegen das Arsenal-Bollwerk wurde schließlich durch einen glücklichen Volleyschuß in den Winkel durch Periši? belohnt, der während seiner Arbeitszeit in der Liga bislang immer nur Pfosten und Latte getroffen hatte. Am Ende konnte man froh sein, daß man wenigstens nicht mit einer Pleite gestartet war, aber eigentlich wäre ein Sieg verdient gewesen. Es wird höchste Zeit, daß endlich wieder jemand bei den Schwarzgelben trifft, denn irgendwie scheinen alle Ladehemmungen zu haben.

Die Wahrheit über den 5. Spieltag

Auf dem Dortmunder Bahnhofsvorplatz standen drei Fans von Union Berlin und breiteten ein Transparent auf dem Boden aus, auf dem der Derbysieger von 2010 den BVB grüßt. Sie waren in der Hoffnung gekommen, Hertha verlieren zu sehen, aber sie ließen sich die gute Laune nicht verderben. Hauptsache, sie hatten letztes Jahr gegen die Blauweißen gewonnen. Die Hertha-Fans waren in der Regel zu breit, um die kleine Provokation wirklich zu verstehen, außerdem spielte das sowieso keine Rolle mehr, denn schließlich hatten sie gegen den Deutschen Meister gewonnen, und das nicht unverdient. Da waren sich alle einig, selbst der ein oder andere stark alkoholisierte Dortmund-Fan, der einem ebenfalls stark alkoholisierten Hertha-Fan gratulierte, dann aber nur eine Zigarette schnorren wollte. Das Elend auf dem Bahnhofsvorplatz, wo man viel wankendes junges Volk und viel chicks on the run beobachten konnte, war die Fortsetzung des Elends mit anderen Mitteln, das vorher auf dem Platz stattgefunden hatte. Die Dortmunder fanden zu keinem Zeitpunkt zu ihren Rhythmus, und gegen die tief stehenden Berliner waren sie hilflos. Schnell verstrickten sie sich in der engmaschigen Abwehr, die Fehlpässe häuften sich und überraschend häufig wurden die Zweikämpfe verloren. Gündogan trabte viel auf dem Spielfeld herum, aber außer ein paar Kurzpässen zurück zu Hummels brachte er nichts zustande, weshalb er bereits zur Pause ausgewechselt wurde, und auch Kuba hatte nicht seinen besten Tag erwischt. Man hätte es wissen können, die Experten aber hatten 4:1 für Dortmund getippt, dabei steckt den Dortmundern nicht nur das Spiel morgen gegen Arsenal im Kopf, es wird auch immer offensichtlicher, daß Dortmund seine besten Spieler nicht ersetzen kann. Sahin war in der Lage, mit genialen Pässen seine Mitspieler glänzen zu lassen. Davon ist Gündogan noch weit entfernt. Der wegen Rot gesperrte Götze kann sowieso niemand ersetzen, und auch Barrios fehlte, der als Strafraumwusler gegen Hertha mehr gebracht hätte als Lewandowski, der Räume braucht, die ihm nicht gegeben wurden und die ihm auch niemand verschaffte. Keine Mannschaft verkraftet den Wegfall von drei Weltklasseleuten, und viel mehr hat Dortmund auch nicht. Jedenfalls war an diesem Spieltag keiner auch nur annähernd in der Form, aber was noch erschreckender war, es fehlte offensichtlich auch das Verständnis füreinander, Mißverständnisse beim Passen häuften sich und auch mit der Kommunikation haperte es, als ein Berliner von hinten kommend Hummels einfach den Ball abluchsen konnte, ohne das der Dortmunder von seinen Mitspielern gewarnt worden wäre. Auch die früher gefürchteten Flankenläufe von Schmelzer und Piszczek blieben aus, und die Bälle, die im Strafraum ankamen, waren immer eine sichere Beute für die Blauweißen. Nur selten und nicht gerade im Strafraum blitzte so etwas wie Kombinationsfreude auf, die über mehrere Stationen klappte, sonst aber rannten die Dortmunder vergeblich an. Klopp meinte auf der Pressekonferenz, es hätte nicht an den Abschlüssen gemangelt, 27 Mal hätte man auf das Tor geschossen, aber die meisten Schüsse waren kaum als solche wahrzunehmen. Und dann kam auch noch Pech dazu, als der herbeieilende Schmelzer den bereits von Weidenfeller abgewehrten Ball Raffael zum 1:0 vor die Füße legte. Wenn sich aus diesem Spiel eine Tendenz herauslesen läßt, dann die des gefürchteten Absturzes nach einer Meisterschaft, der sich als Muster (außer bei den Bayern) fast schon verläßlich abzeichnet. Und in der Champions-League wird man in dieser Verfassung die Gruppenphase schon gleich gar nicht überstehen.

Vidal, Dominique & Grass, Günter

Dominique Vidal beginnt seinen Israel-kritischen Kommentar »Fünf Fragen an Deutschland« in der taz von heute mit dem Hinweis, dass sein Vater Auschwitz-Überlebender gewesen ist. Warum tut er das? Das ist nicht schwer zu erraten: Er stellt sich dadurch eine Unbedenklichkeitsbescheinigung aus, um seiner Kritik eine moralisch nicht anfechtbare Legitimation zu verleihen, als ob er der Kraft seiner eigenen Argumente nicht vertrauen würde. Und damit hat er auch recht, denn wenn einer, der als Historiker vorgestellt wird, den Völkermord an den Juden als »Massaker« bezeichnet, bzw. beide Begriffe synonym verwendet, dann fragt man sich nicht nur, wo der Geschichte studiert hat (wahrscheinlich bei den Palästinensern), sondern man weiß dann auch, daß aus dem Nichtbegreifen dieses Unterschieds argumentativ nichts folgen kann, was über das hinausgeht, was auch die Propagandaabteilung der Hamas von sich gibt.
Ich gebe zu, dass mir die moralische Legitimation fehlt, denn ich hatte nur einen Vater, der einen rechten Arm in Stalingrad hat liegen lassen. Vielleicht legitimiert mich diese biografische Zufälligkeit besonders dafür, die Regierung Rußlands zu kritisieren, die mehr auf dem Kerbholz hat als die israelische, um die man sich auf der Meinungsseite der taz immer wieder und mit großer Regelmäßigkeit kümmert, als ob dort gerade das größte Unrecht der Welt passieren würde. Und vermutlich spielt immer noch die Hoffnung eine Rolle, das Unrecht, das man in Israel entdeckt, könne Deutschland entlasten.
Dass die Russen nicht ungeschoren davonkommen, dafür sorgt Günter Grass, der anläßlich des Erscheinens seines Zwiebelbuches in Israel in einem Interview mit Tom Segev für die »Haaretz« genervt von den beharrlichen Nachfragen zu Protokoll gibt: »Aber der Wahnsinn und die Verbrechen fanden nicht nur ihren Ausdruck im Holocaust und hörten nicht mit dem Kriegsende auf. Von acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt, und der ganze Rest wurde liquidiert. … Wir tragen die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis, aber ihre Verbrechen fügten auch den Deutschen schlimme Katastrophen zu, und so wurden sie zu Opfern.«
Höchst interessant, dummerweise stimmt an der Äußerung so gut wie gar nichts außer dass es sich um ein kitzekleines Ressentiment handelt. Der Historiker Peter Jahn hat in der Süddeutschen Zeitung auf die Fakten hingewiesen, nämlich dass ca. drei Millionen deutsche Soldaten in Kriegsgefangenschaft gerieten. Zwischen 25 und 30 Prozent haben sie nicht überlebt. Diese wurden jedoch mitnichten liquidiert, sondern starben an Mangelernährung. Der Hunger wurde allerdings nicht wie bei den Nazis vorsätzlich als Methode zur Ausrottung eingesetzt, sondern die gesamte Bevölkerung hatte nichts zu essen, was einen gewissen Unterschied macht.
Nun hat Grass schon alle Preise eingesackt, weshalb er für dieses tapfere Statement leer ausgehen wird, früher hätte er aber einen Orden für Tapferkeit vor dem Feind bekommen, jedenfalls gibt ihm die überwiegende Mehrheit der Deutschen recht, und mein Gott, wenn die Zahlen schon nicht stimmen, zumindest die bei Grass zum Vorschein kommende Weltanschauung, dass es eben nicht nur sechs Millionen Juden, sondern auch sechs Millionen Deutsche waren, die »liquidiert« wurden, weshalb es unterm Strich ja irgendwie aufgeht, diese Weltanschauung also ist durch Grass wieder seriös geworden, wenn man denn Grass als eine seriöse Gestalt sehen will. Nach dieser Äußerung müßte es eigentlich damit vorbei sein, aber wer davon ausgeht, kennt die Deutschen nicht, bei denen das Ansehen von Grass jetzt erst richtig gestiegen ist, und zwar umso mehr, je mehr die Medien darüber kritisch berichten.