Archiv für den Monat: Oktober 2011

Die Wahrheit über den 11. Spieltag

Der Offensiv-Fußball hatte am Wochenende wieder einige Highlights hervorgebracht. In einer sensationellen Begegnung besiegte Arsenal Chelsea London mit 5:3, und das obwohl Mertesacker bei zwei Chelsea-Toren nicht gut aussah. Das aber machte van Persie wieder wett, der drei Tore zum Spiel beitrug und in 2011 bereits 28 Tore in 27 Spielen geschossen hat. Arsenal ist wieder da. Nachdem man eine historische 8:2-Niederlage gegen Manchester United einstecken mußte. Das wäre auch die Chance für den BVB gewesen, der in der anfänglichen Schwäche- und Findungsphase Arsenals aber in der CL nur ein Remis zustande brachte. Arsenal mußte seine zwei besten Spieler Nasri und Fabregas ziehen lassen und spielt jetzt wieder den attraktivsten Fußball auf der Insel. Hierzulande spielt der BVB den attraktivsten Fußball, ist aber leider bei weitem nicht so erfolgreich, denn im »geilsten Spiel« der bisherigen Saison, so Neven Subotic, reichte es nur zu einem 1:1 gegen Stuttgart, die allerdings ihre stärkste Saisonleistung abriefen und phasenweise den Dortmundern sogar überlegen waren. Dennoch können die Schwaben mit dem Unentschieden gut leben, denn den Dortmundern wurde ein klarer Elfer nach einem Foul an Götze verweigert. Nicht das erst Mal, weshalb man sich in Dortmund langsam zu fragen beginnt, ob man Götze erst ein Bein wegtreten muß, um in den Genuß eines Elfers zu kommen, während die Schalker schon nach einem kleinen Schubser einen Strafstoß zugesprchen bekommen. Ein Sieg der Dortmunder wäre verdient gewesen, aber die Trias Benachteiligung, Pech und Unvermögen waren auch diesmal wieder für ein mageres 1:1 verantwortlich. Zumindest letzteres sollten die Dortmunder Offensiven ablegen, um auch in der CL zu bestehen, denn heute erwartet sie gegen Piräus wieder ein Gegner, der aus der Defensive heraus auf Konter lauern wird, eine Strategie, bei der die Dortmunder die größten Probleme haben. Während in Deutschland der Altersdurchschnitt in den Vereinen immer niedriger wird, landete in Spanien überraschend eine überdurchschnittlich alte Mannschaft auf Platz 1, ein Phänomen, dem man sofort  auf die Schliche kommen wollte, aber jetzt verlor Levante gegen einen Gegner aus dem Mittelfeld und mußte Madrid und Barcelona, die auf die ersten beiden Plätze abonniert sind, an sich vorbei ziehen lassen. Levante hatte auf ältere, ablösefreie und kostengünstige Spieler gesetzt, die es noch einmal wissen wollten und individuelle Klasse durch mannschaftliche Kompaktheit ersetzten. Nur einmal in der gesamten Klubgeschichte stand Levante eine Woche lang auf Platz 1. Der größte Erfolg der Klubgeschichte, und das wird sich wohl so schnell nicht wiederholen lassen, denn Barcelona zwang Mallorca mit 70 % Ballbesitz und einem 5:0 einfach in die Knie, während Real Madrid ein 1:0 reichte, um wieder auf Platz 1 zurückzukehren. Sahin hat inzwischen seine Verletzungen überstanden, aber ob er sich gegen den auf seiner Position spielenden Xabi Alonso wirklich durchsetzen wird, ist nicht wirklich ausgemacht, denn der ist nicht nur in Madrid, sondern auch in der Nationalmannschaft eine Institution.

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Ich muß gestehen, langsam wird mir Köln doch ganz sympathisch, nicht nur wegen des überaus zuvorkommenden Auftritts in Westfalenstadion, bei dem sie sich gegenüber den Dortmundern mit fünf Treffern mehr als großzügig erwiesen, auch die Fans muß man loben, denn die nahmen die heftige Klatsche mit Humor, johlten und klatschten, als ob sie gerade einen historischen Sieg errungen hätten und feierten nach dem Schlußpfiff ihre bedröppelten Spieler ebenso wie die Dortmunder. Großkreutz machte mit ihnen sogar die Welle, ein Experiment, für das ihm alle anderen Fans den Mittelfinger gezeigt hätten, die Kölner jedoch schienen sich bei den Dortmundern für das tolle Spiel zu bedanken, das es in der Tat war. Die Überlegenheit läßt sich mit Zahlen eindrucksvoll belegen: 27:2 Torschüsse wurden abgegeben, wobei die Kölner in der 86. Minute das überhaupt zum ersten Mal versuchten. Schade, es wäre das erste Mal gewesen, daß eine Mannschaft kein einziges Mal aufs Tor geschossen hätte. Aber auch sonst ließen die Kölner den Dortmundern viel Platz und gingen immer auf vornehme Distanz zum Gegner. Die Dortmunder nutzten diese überraschenden Freiheiten und spielten sich ihren Frust von der Seele, der sich seit der 3:1-Schlappe in der CL-Begegnung bei Olympiakos Piräus angestaut hatte. In Athen war aus unerklärlichen Gründen der Wurm drin, denn auch wenn der Gegner da anders zur Sache ging, Piräus würde in der Bundesliga vermutlich höchstens um einen Euroleague-Platz mitspielen. Einen schlechten Tag kann man natürlich immer erwischen, aber die Erfolglosigkeit auf europäischer Ebene hat bei den Dortmundern schon fast Methode, allerdings wird dort vor allem mit der Minimierung von Fehlern gearbeitet und nicht mit Risiko, wie das Credo der Dortmunder lautet. Wenn den Dortmundern in der heimischen Liga mal einen Fehler unterläuft, dann heißt das – im Unterschied zur CL – noch lange nicht, daß auch ein Tor fällt. Die Kölner waren allerdings in der Regel so weit weg von Ball und Gegner, daß ihnen auch die größten Geschenke der Dortmunder nichts genutzt hätten. Und insofern war Köln zwar ein wunderbarer Aufbaugegner, aber kein Härtetest. Vermutlich wird den Dortmundern bereits morgen (Dienstag) im Pokalspiel gegen Dresden mehr abverlangt. Und dann kann man nur hoffen, daß die nach oben zeigende Formkurve von Kagawa, Großkreutz und Gündogan anhält. Vor allem der als Nationalspieler gehandelte Gündogan hat bislang noch nicht Tritt in Dortmund fassen können, obwohl er in Nürnberg eine hervorragende Saison spielte. Okay, auch ein Sahin hatte nicht von Beginn an die Weltklasse, die schließlich auch Mourinho auffiel, aber das heißt eben, daß Gündogan zur Zeit keine Hilfe ist, um die Dortmunder international weiterzubringen. Vielleicht gelingt ihm das in einem Jahr, in dieser Saison jedoch wird sich Dortmund ohne Spielmacher behelfen müssen, von dem man glaubte, er würde aussterben, aber wie man am Non-Plus-Ultra-Fußball Barcelonas sieht, braucht der moderne Fußball eine, besser zwei kreative, reaktionsschnelle Spieler und präzise Paßgeber.

Buchmessenreport Teil 4

Habe es am letzten Tag der Buchmesse in die FAZ-Buchmessenklatschpresse geschafft. Mit einem Interview. Wußte aber nicht, daß überhaupt ein Interview mit mir geführt wurde, weshalb ich in dem Gespräch eigentlich nur Quatsch erzählte. So geht das also. Man erzählt Quatsch und schon steht es in der Zeitung. Z.B., daß ich den einzigen Termin mit einem Literaturagenten glatt vergessen habe. Das wirft natürlich kein gutes Licht auf mich, aber ich mag sowieso keine Literaturagenten, weshalb ich den Termin wahrscheinlich verdrängt habe. Außerdem ist mir jetzt das Buchmessenhighlight geklaut worden. Eine Dame mittleren Alters mit großen Klunkern um den Hals unterbricht mich mitten im Interview und sagt mit großen Augen, daß sie Gedichte schreibe, aber noch nicht fertig sei. Lyrik, werfe ich reflexhaft ein, würde der Verlag nicht veröffentlichen. Aber was könne sie denn dann machen? Wir schicken sie zu Lettre, denn die würden Gedichte veröffentlichen. Nautilus würde bestimmt auch in Frage kommen. Die Frau hat Angst, daß ihre Gedichte unter anderem Namen veröffentlicht werden, wenn sie sie einfach an einen Verlag schickt, oder daß sie plötzlich eine Rechnung über 8000 Euro bekommt, weil die Gedichte einfach weggedruckt wurden. Mit diesem Risiko müsse sie leben, sage ich. Sie ist verzweifelt. Ein bißchen kommt mir die Frau vor wie jemand, der auf eine Automesse geht und fragt, wie man denn eigentlich einen Führerschein bekomme.
Die Buchmesse steckt voller Rätsel und seltsamer Menschen. Beinahe hätte ich einen Preis bekommen. Für meinen Buchtitel »Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol«. Leider aber ist der Preis schon vergeben, als der Juror den Titel an meinem Stand entdeckt. Der Titel sorgt für die unterschiedlichsten Reaktionen. Manche lachen, manche nicht. Das kommt darauf an, ob sie ihn begreifen. Frau Goldmann vom Goldmann Verlag ist der Titel leider zu Berlinlastig. Immerhin hat sie sich gründlich vorbereitet, weil ich ihr gesagt hatte, daß ich sie auf der Messe abfragen würde.
Mein zweitliebstes Messeerlebnis war ein vietnamesischer Taxifahrer. Als wir eine Rikscha überholten, die nun auch in Frankfurt unterwegs sind, sagte er, daß die Rikschas in Saigon verboten seien, weil sie den Verkehr stören. Außerdem wäre man mit dem Taxi viel schneller, und billiger seien die Rikschas auch nicht. Er lacht. Nein, er meckert. Das ist sehr ansteckend. Und in der Tat ist es sehr absurd, daß solche Beförderungsgeräte in den Herkunftsländern aus Gründen des Fortschritts aus dem Verkehr genommen werden, während sie in den hochindustrialisierten Ländern Einzug halten. Vielleicht ist das für irgendetwas sinnbildlich. Für den sich anbahnenden Untergang bestimmt, denn auch wenn es auf der Buchmesse niemand interessiert und niemand darüber redet, die Finanzkrise wird sich auf die Buchbranche verheerend auswirken, und wer nicht bereits pleite ist wie Eichborn oder Blumenbar, kann sich jetzt schon mal darauf freuen. Und wenn sich dann der Rauch verzogen hat, falls er sich überhaupt nochmal verzieht, dann gibt es wieder zehn Prozent mehr Milliardäre in Deutschland, die soviel Geld haben wie 50 % der restlichen Bevölkerung. Diese düstere Prognose gibt Michael Farin vom Belleville Verlag ab und ich bin geneigt, ihm recht zu geben.

Die Wahrheit über den 9. Spieltag

Treffen die Dortmunder auf eine Mannschaft, die das Spiel und nicht nur hinten dicht machen will, dann entwickelt sich in der Regel ein munteres Spielchen. In Bremen wurde es sogar ein höchst intensives und rasantes Spiel, denn Werder wollte unbedingt gewinnen und bewies, daß sie nicht ganz zu Unrecht auf Platz 2 standen. Aber diesmal trafen sie auf eine ausgeruhte Elf, die endlich mal zeigen wollte, daß die zuletzt zwar gewonnenen aber eher wackligen Partien nicht alles sind, was man zu bieten hat. In der ersten Halbzeit ging es in fast unheimlicher Geschwindigkeit hin und her und Dortmund hatte höchstens leichte Feldvorteile. Perisic nahm sich schließlich ein Herz und hämmerte den Ball unter die Latte, was insofern überraschend war, als es sich dabei um die erste Dortmunder Chance überhaupt handelte, die ja bislang immer sehr großzügig vergeben wurden. In der zweiten Hälfte wurde es dank Herrn Meyer aus Burgdorf ein völlig anderes Spiel, weil er nach einer Grätsche, die in England niemand sonderlich beachtet hätte, den Torschützen vom Platz stellte. In Unterzahl wurden die Dortmunder in die eigene Hälfte gedrängt. Es entwickelte sich nun ein Spiel unter umgedrehten Vorzeichen, d.h. der BVB befand sich plötzlich in der Situation, in die sich normalerweise seine Gegner befinden. Und tatsächlich glückte ihnen bei einem der seltenen Vorstöße dann eher glücklich das vorentscheidende 2:0. Nicht immer also ist ein gegnerischer Platzverweis von Vorteil, denn die unnötige rote Karte brachte das Gleichgewicht des Spiels durcheinander. Werder hätte größere Chancen auf den Ausgleich oder möglicherweise den Sieg gehabt, wäre Perisic weiter auf dem Platz gewesen, denn dann wäre es weiter auf und ab gegangen und das Spiel offener gewesen. So können sich die Bremer beim Schiedsrichter bedanken, daß aus dem Plan von Trainer Schaf nichts wurde, den Bayern möglichst lange auf den Fersen zu bleiben. Die Partie selbst aber war eine Entschädigung für den Verlust der drei Punkte. Das sah auch der Lappan-Verleger so, den es wie mich von der Buchmesse in eine Kneipe geschwemmt hatte, die den merkwürdigen Namen »Dr. Flotte« trägt und die man nur mit einer heftigen Rauchvergiftung wieder verlassen kann, weil die Frankfurter Fans, die mit Trikots herumliefen, auf denen zu lesen war »Lieber in Frankfurt sterben als in Offenbach leben«, sich im Minutentakt Zigaretten anzündeten, in einem ähnlichen Zeittakt Bier orderten und nebenher noch mit einer Maschine Poker spielten. Eine etwas füllige Dame hatte gerade den Automaten um 300 Euro erleichtert und fütterte ihn mit den ausgespuckten Münzen wieder. Nebenbei war die Eintracht gerade dabei, in Bochum 2:0 zu gewinnen, ein Spiel, bei dem es mir schwer gefallen wäre, Partei zu ergreifen, weil ich beiden Mannschaften den Aufstieg gönne. Außerdem ist jetzt Frank Goosen im Aufsichtsrat von Bochum, meines Wissens der einzige Schriftsteller, der in einem Fußballverein eine Funktion einnimmt, und dann noch gleich ein so guter, wahrscheinlich sogar der beste, jedenfalls in Bochum.

Buchmessenreport Teil 3

Auf der Buchmesse sind sehr widersprüchliche Erscheinungen zu beobachten, die darauf schließen lassen, daß die Buchbranche an einer schweren Krankheit leidet. Wie Oliver Jungen in der FAZ herausgefunden hat, geht der Trend zum dicken Buch. Uwe Tellkamp, Frank Schätzing, und seit neuestem Jan Brandt, kaum jemand macht es mehr unter 1000 Seiten. Die englische Krankheit, wie dieses Phänomen genannt wird, setzt voraus, daß kein Lektor mehr den Schreibtrieb des Autors bremst und den Wildwuchs eindämmt. Lektoren sind aber sowieso am Aussterben, bzw. haben sie inzwischen auf die Betreuung schwieriger Autoren umgeschult, die wiederum so schwierig sind, weil sie unter dem Druck stehen, ihre Stoffe ständig in die Länge ziehen müssen, um den Kollegen seitenzahlmäßig hinter sich zu lassen. Unter den Autoren ist ein heftiger Konkurrenzkampf entbrannt, wer den längsten – nein, nicht was Sie denken, sondern – Roman schreibt. Auch wenn der Leser, wie die FAZ vermutet, an solche Schinken durch Harry Potter gewöhnt ist, nimmt die Bereitschaft der Leser immer mehr ab, Tausendseiter zu lesen. Sie deprimieren ihn. Das hat wiederum zur Folge, daß der Buchverkauf rückläufig ist, was aber auch etwas mit der Krise zu tun haben soll, die sich inzwischen auch auf der Messe herumgesprochen hat. Viele Verleger sind dazu übergegangen, kleine Auflagen zu drucken, müssen dafür aber mehr Bücher produzieren. Dadurch entsteht der Eindruck einer vielfältigen Buchlandschaft, Ökonomen hingegen sprechen von einer Buchüberproduktion. Das geht wiederum nur, weil die Drucktechnik revolutioniert wird. Zwischen dem herkömmlichen Offsetdruck und der neuen Print-on-Demand-Technik erkennt der Leser keinen Unterschied, obwohl er eigentlich nur eine Art gebundene Kopie in den Händen hält. Und die Print-on-Demand-Technik entwickelt sich rasant weiter. In Halle 4 steht ein Print-on-Demand-Drucker, der auf Rolle drucken kann und nun auch in höheren Auflagenbereichen dem Offset-Druck Konkurrenz macht. Seit dieser Entwicklung sieht man viele verzweifelte Drucker auf der Messe umherirren, die Verleger um Druckaufträge anbetteln. Aber auch die Verleger wirken orientierungslos. Sie stehen Phänomenen wie die Bestsellerqualität eines Bud Spencer hilflos gegenüber. Sie verstehen immer noch nicht, wie Charlotte Roche über sie hereinbrechen konnte, und wie immer fangen sie dann an, diese Phänomene zu imitieren. Verleger und sehr junge Verlagsdamen fangen dann an, das Problem der Achselbehaarung sehr ernst zu nehmen. Autoren, die sich weigern, sich mit Intimrasur zu beschäftigen, werden kaum mehr wahrgenommen. Aber sie haben sowieso kaum eine Chance mehr, ihre Manuskripte auf das Messegelände zu schmuggeln, seit ein Verlegerzusammenschluß ein Manuskriptverbot auf dem Messegelände durchgesetzt hat. Autoren sind jetzt schlauer geworden. Sie interessieren sich auffällig für die Verlagsbücher und kaufen verbotenerweise sogar ein Buch, und sobald sie die Aufmerksamkeit des Verlegers auf sich gezogen haben, schieben sie ihm dezent ein Manuskript unter. Diese kleinen illegalen Aktionen sind jedoch nur Randphänomene, denn die Zukunft gehört dem E-Book und dem Internet. Man muß als Aussteller viel Geld zahlen, um an dieser Zukunft partizipieren zu dürfen. Auf der Messe allerdings funktioniert sie nicht. Kann man überall sonst ins Internet, auf der Messe ist das unmöglich. Im Pressezentrum sieht man verzweifelte Journalisten, die ihre Messeberichte nicht wegschicken können und sie dann via Telefon aufs Band sprechen müssen. Am nächsten Tag sind dann häufig überraschend lustige Artikel zu lesen, die man den seriösen Blättern gar nicht zugetraut hätte. Die Zukunft des Buches ist außerdem auf dem großen Platz zwischen den Messehallen zu bewundern. Dort steht ein überdimensionierter großer aufgeblasener aerodynamischer Kuhfladen von Audi. Der ist wahrscheinlich von der letzten Automesse stehengeblieben, aber erst auf der Buchmesse ist er eine wahre Attraktion.

Buchmessenreport Teil 2

Vito von Eichborn ist zurück. Er prangt auf dem Titel der Buchmessen-FAZ, dem täglichen Klatschblatt, das auf dem Messegelände verteilt wird. Er grüßt in die Kamera, neben ihn Matthias Oehme vom Eulenspiegel Verlag und Thomas Schneider vom Allpart Media. Aber das ist jetzt nicht so wichtig. Er sitzt auf einem Louis-Quinze-Sessel im Frankfurter Hof. Und dort treffe ich ihn auch, nachdem ich vom Suhrkamp-Kritikerempfang geflüchtet bin. Immerhin gab es dort Chili con Carne, mit der ich früher meine Vertreter auf Vertretersitzungen gefüttert habe, bis alle geflüchtet sind. Im Frankfurt Hof hoffe ich auf Hoffmann & Campe, aber nach der Veranstaltung, auf der Peer Steinbrück das neue Buch von Ulrich Wickert vorstellte oder umgekehrt, scheint jeder das Weite gesucht zu haben, denn es stehen nur noch vereinzelt Menschen an Stehtischen und empfangen uns mit verzweifelten Blicken. Vito von Eichborn irrt umher und geht schließlich an meinem Stehtisch vor Anker. Fünfzehn Jahre lang stand er dem Eichborn Verlag vor, aber dann hatte er auf einmal immense Schulden, von denen er gar nichts wußte und verkaufte daraufhin ganz schnell seinen Anteil am Verlag. Übrig blieb ihm allerdings nichts. Weiter machte er bei Rotbuch, bis der Verlag abgewickelt wurde, bzw. aufgekauft wurde, und beim Europa Verlag hatte er ebenfalls ein Intermezzo, aber mit dem ging es auch den Berg hinab. Vor zwei Jahren hat es ihn dann nach Mallorca verschlagen, wo er gerade mit drei Büchern über regionale Besonderheiten auf dem Kioskmarkt drängt. Auch als Agent soll er tätig sein. Unklar ist allerdings, ob er als Literaturagent oder als andererweitiger Agent tätig ist. Das Schönste aber ist, das er wegen einer alten Liebe auf die Urlauberinsel ging, und als die alte Liebe nicht hielt, was sie versprach, kehrte er zurück und fragte seine Frau, ob sie ihn wieder zurücknehmen würde. Ich versprach ihm daraufhin, einen Soundtrack zu dieser Geschichte zusammenzustellen.
Bei Rowohlt stieß ich dann auf den Vorsitzenden der Partei, Martin Sonneborn, der inzwischen von der »besten Partei« auf Island in den Schatten gestellt wird, wo der Bürgermeister von Rekjavik freie Handtücher für alle in Saunen forderte und versprach, das Parlament in den kommenden Jahren drogenfrei zu machen. Auch da geht es also lustiger zu als in Deutschland. Danach wurde das ganze etwas unübersichtlich, weil sich hinter meinem Rücken Matthias Matussek anschlich. Ich streichelte seinen stattlichen Bauch, aber er wollte nur Oliver Maria Schmitt die Fresse polieren oder so etwas ähnliches, weil der über sein Papst-Buch in der »Titanic« schlecht geschrieben hatte. Die Debatte der beiden darüber, ob das Buch gut oder schlecht sei, zog sich hin und konnte auch nicht durch den berühmtesten Kolumnisten Deutschlands, Hans Zippert, beendet werden, der gerüchteweise eine halbe Million im Jahr zusammenkolumniert und sogar, wie er versicherte, 1000.- Euro Vorschuß auf Bücher erhält, für die er vorher noch keinen Strich getan hat. Auf der Rowohlt-Party erfährt man immer viel nützliches, wobei mir nie richtig klar wird, worin das nützliche eigentlich besteht. Aber ich schätze, das werde ich noch herausfinden.

Die Algebra des Überlebens

»Wir fuhren die ganze Nacht wie in einem Film. Von Ciudad N mit ihrem Chaos von Lärm und eitergelben Neonreklamen zu den rostigen Sümpfen von Niagara, quer durch das verseuchte Land.« So beginnt der Roman, an dem Carl Weissner Mitte der Sechziger in New York arbeitete. Vermutlich wurde das Buch nie fertig geschrieben, aber die Getriebenheit, die Flucht, das On-the-raod-Sein, die melancholische Stimmung, die durch die wenigen Zeilen schimmert, das alles lag damals in der Luft. Den Mega-Erfolg damit hatte dann Hunter S. Thompson mit seinem »Fear and Loathing in Las Vegas«, der in einem Interview mal sagte, daß er das Gefühl hatte, als ob er mit dieser Art von Literatur gerade noch durch eine Tür geschlüpft sei, die nach ihm wieder ins Schloß fiel.
Man muß Carl Weissner nicht vorstellen. Als Übersetzer von Bukowski, Burroughs, Ginsberg u.a., als Herausgeber der Literaturzeitschrift Gasoline 23 war er zusammen mit Jörg Fauser und Jürgen Ploog der entscheidende Mann für experimentelle Literatur, für die Cut-up-Methode, für schnelles, hartes Schreiben, wie Hammett es betrieb. Im Gegensatz zu Fauser, der erfolgreich wurde, blieb Carl Weissner im Underground, wo alles begann, er wurde zu einer Institution, einer Legende, zu einem der letzten Überlebenden aus einer Ära, in der man sich vom Bodensatz des Lebens aus schreibend zur Wehr setzte und in der man alles Normale exzessiv und unter dem Einsatz seines Lebens zu zerstören versuchte. Weissner macht in seinem neuen Buch »Die Abenteuer von Trashman« dort weiter, wo er 1968 in New York aufgehört hat (nein, eigentlich hat er nie damit aufgehört), als ihn ein Fulbright-Stipendium mehr schlecht als recht über Wasser hielt und er in kleinen avantgardistischen Literaturzeitschriften wie San Francisco Earthquake veröffentlichte.
Weissner schreibt immer noch Cut-up, er trägt Zitate und Bruchstücke seiner Erinnerungen in kleinen Absätzen zusammen, die wie in einem Gangsterfilm blaulichtartig die Szenerie eines verkommenen und verrotteten New Yorks beleuchten, in dem Carl Weissner umherirrt, auf Parties sich mit Drogen die Kante gibt, mit abgerissenen Freunden, die pleite sind, sich die Nacht um die Ohren schlägt, während die Köpfe beherrscht werden vom Krieg in Vietnam und den Brutalitäten des Lebens, die Weissner schreibend einzufangen sucht. Nicht die schlechteste Methode, um im Handgemenge Literatur als ganz eigene Wirklichkeit neu entstehen zu lassen. Und dieses literarische Blitzlichtgewitter erhellt fast ausschließlich grandiose und absurde Szenerien, die wie große Romananfänge sind, die einen unheimlichen Sog entwickeln und einen unwiderstehlich in die unwirkliche Wirklichkeit einer nicht mehr existierenden Welt hineinziehen.
»Wir hausten zu viert in einem Zimmer und verfeuerten Orangenkisten im Kamin. Und Ray stickte fromme Sprüche in Sofakissen, mit zittrigen Fingern, weil er wieder auf Entzug war. … Das Taxi holpert durch die Schlaglöcher der 52. Straße, links und rechts türmen sich die schwarzen Müllsäcke, Blut und Ruß quillt aus den Kanaldeckeln, die Autos alle zu groß für die Hirne, die drinsitzen, und hinter der Kreuzung an der 6th Avenue klaffen die Teergruben aus dem Tertiär.« Weissner wohnt in Absteigen, wird von Puertorikanern mit Ohrringen ausgeraubt – »›Scheiß Ricos!‹ schreie ich später aus meinem Fenster. ›Ich bringe euch alle um!‹ ›Ha, ha‹, sagt nebenan die Witwe Lipschitz.« –, er ist genervt von den Hippies, »die für den Umgang mit der Droge ihrer Wahl zu dumm sind« und regelmäßig mit der Axt ihre Freundin niedermetzeln, da ist der alte österreichische Kellner im Don Quixote, der Burroughs so ärgert, bis es aus ihm herausbricht: »Ich schätze, Hitler lag vielleicht doch nicht so falsch«, während Ray, der »seine Zähne im Zuchthaus von Trenton/New Jersey verloren« hat und dem »das zerzauste Haar in das graue faltige Gesicht« hängt, zu Hause vor dem Kühlschrank auf dem Boden sitzt, die Hände unter die Achselhöhlen geklemmt, und im Schlafzimmer »noch so ein Beat Poet« in Unterhose und Rollkragenpullover schreit: »Ich hab den Horror! Ich halt die Scheiße nicht mehr aus!«
In dieser dichten Atmosphäre tauchen immer wieder Burroughs, Ginsberg, Bukowski, der von Los Angeles telefoniert, und andere Radikale und Verrückte auf, die heute niemand mehr kennt, und geben ihre Kommentare ab. Weissner läßt sie ausführlich zu Wort kommen. Z.B. Claude Pélieu: »Klaut ihnen die Wärmflaschen! Versaut ihre Autogrammstunden! Setzt ihre Museen in Brand!« Da hätte der deutsche Literaturbetrieb aber rote Pusteln bekommen, denn mit einer derart existenziellen Radikalität hatte man hier nichts am Hut, auch damals nicht, als die Zeit dafür reif war. Und als ob das alles noch nicht genügen würde, bekommt man ganz nebenbei noch ziemlich verrückte Anekdoten erzählt, z.B. daß Al Pacino seine Karriere mit Publikumsbeschimpfungen begann, daß man in den Steinbrüchen zu Kurzarbeit übergehen mußte, weil soviel Dynamit geklaut wurde, daß die Beretta, mit der Miss Solanas Andy Warhol niederschoß, gerüchteweise von einem »Up Against the Wall Motherfucker«-Anarchisten stammte, daß Janis Joplin Jim Morrison eine volle Bierflasche über den Kopf zertrümmerte, weil der ihr zwischen die Beine wollte.
»Beneidenswert«, schreibt Weissner einmal über Jack Michelin, »keine Umwege, keine Schlenker, kein Zögern. Zip. Bäng.« Das ist das Mindeste, das sich auch über die Prosa von Carl Weissner sagen läßt. Ein Buch, das einem die Beine wegreißt.

Carl Weissner, »Die Abenteuer von Trashman«, Milena Verlag, Wien, gebunden, 154 Seiten, 19,90 Euro

Nazis, Deutsche, Opfer

Je länger die nationalsozialistische Vergangenheit zurückliegt, desto mehr Studien erscheinen und setzen sich mit diesem Thema auseinander. Frederick Taylors neues Buch »Zwischen Krieg und Frieden«, in dem es um die »Besetzung und Entnazifizierung 1944-1946« geht, ist dabei keineswegs nur eine weitere Untersuchung unter vielen, in der es ihm weniger um »Aufarbeitung« geht, sondern darum, die Vergangenheit zu interpretieren. Wie Ian Kershaw stellt sich auch Taylor die Frage, warum trotz heftiger Gegenwehr der Deutschen so wenig Widerstand nach der Besetzung des Landes durch die Allierten geleistet wurde und die Werwölfe den Erwartungen weder der NS-Fanatiker noch der Amerikaner gerecht wurden. Für Taylor war es vor allem Hunger und die tägliche Organisation des Überlebens, die über die NS-Ideologie siegte, die Deutschen waren einfach zu desillusioniert, um noch an eine Wende zu glauben.
Taylor, für den Geschichtsschreibung große Erzählung ist, bezieht sich dabei auf viele Primärquellen wie selbst geführte Interviews mit Zeitzeugen, auf die, wie man weiß, häufig kein großer Verlass ist, wenn es um historische Fakten geht, die aber unerlässlich sind, weil sich aus der subjektiven Sicht des Einzelnen nicht unwesentliche Erkenntnisse ziehen lassen wie z.B. aus dem Bericht des österreichischen Juden Saul K. Padover, der seit 1943 als Verbindungsoffiziers in der psychologischen Kriegsführung der Amerikaner tätig war. Dessen Buch von 1946, das erst 1999 auf deutsch erschien, ist eines der wichtigen Dokumente, wenn man wissen will, wie die Deutschen in der unmittelbaren Nachkriegszeit getickt haben.
Frederick Taylor beharrt in seiner Grundannahme darauf, dass, so schrecklich die Verbrechen der Alliierten gewesen sein mögen, deren Taten einen rationalen Kern hatten, nämlich Vergeltung. Dabei geht es weder um Legitimation noch um Aufrechnung, sondern um die Nachvollziehbarkeit von Handlungen, wie er das bereits in seinem umstrittenen Buch über Dresden getan hat, als er die Bombardierung der Stadt im Zusammenhang mit den Luftangriffen der Deutschen stellte. Diese Position zu behaupten ist nicht so unnötig, wie viele vielleicht glauben, gerade in Zeiten, in denen Günter Grass in einem Interview behauptet, sechs Millionen in russische Gefangenschaft geratene Wehrmachtssoldaten seien liquidiert worden. Die deutschen Kriegsgefangenen (in Wirklichkeit ca. 1 Million) starben jedoch vor allem an Mangelernährung. Der Hunger wurde allerdings nicht wie bei den Nazis vorsätzlich als Methode zur Ausrottung eingesetzt, vielmehr litt die gesamte Bevölkerung unter der Hungerkatastrophe.
Das sind selbstverständlich keine neuen Erkenntnisse, aber Taylor lässt in seinem Buch keinen Raum für derartige ideologische (und eine obendrein faktisch falsche) Sicht auf die Geschichte. Durch die Egalisierung der Opfer liegt der Schluß nahe, dass eben alle gelitten hätten, die Nazis werden dadurch zu einer Art außerirdischen Spezies, die mit den Deutschen nicht wirklich etwas zu tun hatten. Noch heute klingt dies in der offiziellen Rhetorik an, wenn sich Bundespräsidenten für die Nazi-Verbrechen entschuldigen, die »im Namen des deutschen Volkes begangen« worden seien.
Die Wirklichkeit sah jedoch ein bisschen anders aus, denn bei Kriegsende zählte die Partei rund 8,5 Millionen Mitglieder, immerhin 10 % der Gesamtbevölkerung, weit höher waren die Zahlen bei den den Nationalsozialisten angeschlossenen Organisationen, weshalb Taylor schreibt: »In den zwölf Jahren des Dritten Reiches hatten sich die Tentakeln des ›Hitlerismus‹ in jede Stadt und jedes Dorf, jeden Winkel und jede Ritze des Alltagslebens der deutschen Volks geschoben.« Und genau das machte die Entnazifizierung ja auch so problematisch, denn im nachhinein kann man natürlich leicht die Nase darüber rümpfen, dass so viele Nazis ungeschoren davon kamen, aber abgesehen davon, dass die Entnazifizierung einzigartig war und man dabei auf keinerlei Erfahrungswerte zurückgreifen konnte, war es häufig gar nicht anders möglich, als rein pragmatisch vorzugehen, denn nicht nur hatten die Amerikaner gar nicht genügend Personal, um das Problem zu lösen, auch gab es kaum Deutsche, die nicht belastet waren und denen man z.B. den Posten als Bürgermeister hätte anvertrauen können.
Ein Wunder ist es da, dass bei diesem Chaos und bei den unterschiedlichsten Interessen im Nachkriegsdeutschland dann doch erstaunlich schnell so etwas wie ein normales Leben einkehrte, statt Bombenanschläge und Widerstand gegen die Besatzung. Und Frederick Taylor hat mit seinem Buch auf überzeugende Weise dazu beigetragen, dass man diesen Prozess versteht und nachvollziehen kann.

Frederick Taylor, »Zwischen Krieg und Frieden. Die Besetzung und Entnazifizierung Deutschlands 1944-1946«, aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt, Berlin 2011.

Buchmessenreport Teil 1

Das lustigste Buch dieser Saison findet sich in keiner Messebeilage. Es ist schmal und kommt als gewöhnliches Taschenbuch daher mit einem dem Verlag, in dem es erschienen ist, angemessen häßlichen Cover. Der Autor Uli Hannemann ist dem seriösen Feuilleton noch nicht untergekommen, jedenfalls nicht daß ich wüßte, denn lustige Literatur genießt in Deutschland kein hohes Ansehen. Und der Titel »Neukölln, mon amour« ist jetzt auch nicht der Hit, der einen schon beim bloßen Hören aufmerken läßt. Aber der Lesebühnenprofi hat nach seinem letzten Buch, das in Neukölln erfolgreicher war als Harry Potter, wieder Geschichten über sein Viertel zusammengestellt, die tatsächlich lebensverlängernd sind, denn bei der Lektüre muß man ständig vor sich hinkichern. Hannemann ist ein Meister der Übertreibung und des Abseitigen, er versteht es, seine Geschichten ins vollkommen Absurde zu steigern. Ausgehend von einer meist ganz harmlosen Alltagsbegebenheit befindet man sich dann plötzlich auf einem dieser wild um die eigene Achse sich drehenden Jahrmarktskarussels des blanken Irrsinns. Einfach grandios und hinreißend, und ich bezweifle, daß die Literatur, die es in die »Zeit« und in die FAZ geschafft hat, auch nur einen Bruchteil von diesem abstrusen Humor aufweisen kann.
Na gut, das hat jetzt noch nichts mit der Messe zu tun, wo das Buch in einem Regal wie kleine Soldaten aufgereiht sein wird, ohne daß die beim Ullstein-Stand sich vorbeiwälzenden Massen wissen, was sie da wieder verpassen, worin ja auch ihr Wesen besteht. Literatur wird ja auch nicht mehr von Autoren gemacht – das ist eine antiquierte Vorstellung –, sondern von Agenten, was leider weit weniger romantisch ist, als es sich anhört. Sie sind eigentlich meine natürlichen Feinde, denn sie sind in der Regel unfähig und an Literatur nicht wirklich interessiert, sondern nur daran, möglichst viel herauszuschlagen auf die Gefahr hin, daß ein Titel dann eben nicht erscheint, weil unter 1000 Euro die Provision zu gering ist, um sich die Mühe zu machen, einen Vertrag aufzusetzen. Einmal erhielt ich einen Anruf, ob ich noch an dem Titel interessiert sei, den ich zwei Jahre vorher nachgefragt hatte.
Einer der bekanntesten Literaturagenten ist Andrew Wylie. Er heißt in der Branche »Schakal«, weil er Autoren, die ihm gefallen, anderen Agenten ausspannt. Das finde ich aber nicht schlimm und wahrscheinlich ehrt ihn das. In der Verlagsbranche kommt das täglich vor. Er sagte in einem Interview, daß er keine dummen Angestellten habe. Ach ne, dachte ich. Einer seiner Angestellten jedenfalls wollte mir mal einen Titel aufschwatzen, den es auf deutsch gegeben hatte und an dem die Rechte gerade wieder zurückgefallen waren. Vielleicht nicht dumm, aber ärgerlich war es, als ich mit einem seiner Angestellten für einen Interview-Band von Hunter S. Thompson die Konditionen für eine bestimmte Auswahl aushandelte, und als alles in trockenen Tüchern war, wurde mir mitgeteilt, daß für das wichtigste Interview leider keine Lizenz vergeben werden könne.
Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn der Agent versucht, für seinen Autor möglichst viel herauszuschlagen, wobei mich die Autoren von Andrew Wylie nicht wirklich interessieren. Nicht, weil ein Philipp Roth nicht große Literatur schreiben würde, sondern weil ich keine sieben Millionen Dollar habe, mit denen das neue Buch vom Tom Wolfe bevorschußt wurde. Dieser Hype kann nicht von einem Agenten gemacht werden, wenn es nicht die Verlage gäbe, die sich auf das Spiel einlassen würden. Und die Verlage machen das gerne, weil sie mit diesen Summen allen signalisieren können, wie potent und mächtig sie sind, auch wenn 50 Prozent aller Bücher, die für viel Geld eingekauft wurden, nach einem Jahr im Ramsch landen und sich nach einem halben Jahr niemand mehr erinnert, daß es sie überhaupt mal gab. Andrew Wylie tut im Prinzip nichts anderes, als dieses Gebaren der Verlage auszunutzen, die sich auf diese Weise in Szene setzen. Nur daß es dabei »nicht wirklich ums Geld« gehen soll, wie Wylie behauptet, mag man ihm nicht abnehmen, denn das Buch ist nun mal eine Ware wie jede andere, bei Wylie ist es außerdem ein Spekulationsobjekt, das losgelöst von seiner ihm innewohnenden Qualität gehandelt wird. Und richtig Geld und Gewinne in Millionenhöhe machen sowieso nur die »singenden Fernsehmoderatoren«, wie sie Sibylle Berg genannt hat, deren einzige Befähigung darin besteht, ein fernsehbekanntes Gesicht zu haben. Solche Leute allerdings wird man bei Andrew Wylie nicht finden. Und das ist ja schon was.

Die Wahrheit über den 8. Spieltag

Lewandowski und Götze »zaubern Klopp aus der Krise« war im Fachidiotenblatt BamS zu lesen, nachdem Dortmund den Aufsteiger aus Augsburg zu Hause mit 4:0 geschlagen hatte. In Wirklichkeit konnte man sehen, daß sich seit der Niederlage in Marseille nicht viel geändert hat, obwohl Klopp die Mannschaft auf fünf Positionen umgekrempelt hatte. Die Dortmunder merkte man die Verunsicherung an, sie hatten sogar Glück, daß nach einem Mißverständnis zwischen Hummels und Weidenfeller, der völlig unmotiviert aus seinem Kasten gelaufen war, nicht das 1:0 für Augsburg fiel. Und auch die beiden Treffer für Dortmund entstanden nach Pingpong-Bällen und Gestochere, Tore, wie sie gegen Marseille nie gefallen wären. Und zu Beginn der zweiten Hälfte verschossen die Augsburger auch noch einen Elfer. Erst danach gelangen auch solche Kombinationen wie der zauberhafte Lupfer Lewandoskis über einen Augsburger in den Lauf von Götze, der wiederum den Ball elegant über Torhüter Jentzsch hob. Aber so sind die Spiele. Was in einem einfach nicht gelingen mag, klappt beim nächsten wunderbar, wobei allerdings nicht vergessen werden darf, daß Augsburg nicht nur ein Gegner aus dem Tabellenkeller ist, sie spielten auch schlecht, dabei wäre Dortmund an diesem Tag wahrscheinlich ein dankbarer Gegner für jeden selbstbewußt auftretenden Gegner aus den oberen Tabellenregionen gewesen. Man merkte von Beginn an, daß den Dortmundern Olympique Marseille in den Knochen steckte. Statt munter und risikofreudig nach vorne zu spielen, eine Strategie, die in der letzten Saison noch hervorragend geklappt hat, spielten die Dortmunder sehr verhalten und suchten die Lücke, die sie in der ersten halben Stunde einfach nicht fanden. Und Ausburg spielte, wie jede Mannschaft in Dortmund spielt, mit zwei defensiv ausgerichteten Viererreihen, auf Gott hoffend und auf einen Konter lauernd, also genau die Strategie, gegen die Dortmund z.Z. kein Rezept findet, weil niemand die Chancen verwertet. Augsburg kam kein Gott zu Hilfe und das eigene Vermögen reichte einfach nicht aus, um die Dortmunder ernsthaft zu gefährden. Das war im Spiel gegen Marseille ganz anders. Die mußten einfach nur auf die grotesken Abwehrschnitzer der Dortmunder warten, während sich die Dortmunder vorne heißliefen und Götze einfach nicht den Ball in den Maschen unterbrachte. Das war allerdings mehr als nur Zufall, es war in gewisser Weise Unvermögen, das aus dem Wunsch der jungen Spieler resultierte, ein schönes offensives Spiel abzuliefern, während der Gegner sie bei diesen Bemühungen auflaufen ließ, da Marseille nach einem vergurkten Saisonstart selbst im eigenen Stadion sich abwartend verhielt. Eigentlich ist es sehr erbitternd, daß die ihr spielerisches Unvermögen mit Taktik, Destruktion und Defensive ausgleichenden Mannschaften auch noch Erfolg damit haben. Vielleicht sollte man Schönheitsnoten einführen, wie beim Eislauf, aber ich wüßte jetzt schon, daß ich der aus sogenannten Experten bestehenden Jury nicht trauen würde. Dennoch hätte Bayern, hätte ein unabhängige Jury das Sagen, gegen Hoffenheim verloren. So reichte den Bayern nach einem schwächeren Spiel ein Unentschieden. Und da es genügend schwache Mannschaften in der Liga gibt, steht jetzt schon fest, wer das Rennen macht. Wieder mal steht einem also eine eher langweilige Saison bevor.