Archiv für den Monat: November 2011

Die Wahrheit über den 14. Spieltag

Überraschung in der Respektbar, wo die Respektbarfrau nach einer Invasion von BVB-Fans, die von der Milchbar aus Gründen der Überfüllung weggewandert sind, einen neuen Flachbildfernseher über der Tür installiert hat. Jetzt kann man prima am Tresen sitzen und sich das Genick eineinhalb Stunden lang verrenken. Aber das ist gar nicht die Überraschung. Die Überraschung besteht in einem Überraschungsgast. Der eingefleischte Schalke-05-Fan Alfred ist auch da. Er wird aber sehr freundlich behandelt. Er kann sogar sein i-Phon mit S05-App auf dem Tresen liegen lassen, ohne daß was drüber geschüttet wird. Alfred hat aber auch wirklich Pech: Fast alle seine Freunde sind BVB-Fans, und die schicken ihn dann in Kneipen, wo nur Dortmund-Fans sind und kein einziger Schalker, mit dem er sein Leid hätte teilen können. Und leiden muß er. Ganz allein für sich in einer Horde Hohngesänge brüllender Schwarzgelber. In ihrem ganzen Leben werden die Schalker nie die Schale berühren, grölen sie, und wenn man das Derby zum Maßstab nimmt, dann scheint das zu stimmen, derart dominant treten die Dortmunder auf, und das nicht nur, weil Götze nach dem Arsenal-Pferdekuß wieder mitspielen konnte und wieder einige glanzvolle Auftritte hatte. Das gesamte System der Verschiebung und das Kloppsche »Spiel gegen den Ball« wurde wie schon gegen die Bayern perfekt inszeniert. Die Schalker fanden in der Regel einfach keinen Mitspieler und wurden gezwungen, riskante Bälle zu spielen, die in der Regel in den Dortmunder Reihen landeten. Das Erstaunliche war, daß die zentrale Mittelfeldfigur Bender, der in London einen doppelten Kieferbruch erlitt, überhaupt nicht vermißt wurde. Es ging kein »Bender-Riß«, wie Joachim Kròl witzelte, durch die Mannschaft, vielmehr wurde er durch Leitner glänzend ersetzt. Wie das schmächtige Hemd die Schalker manchmal wie Slalomstangen stehen ließ und Präzisionspässe spielte, das erinnerte fast ein wenig an das »Schnitzelchen« Rosi Rosicky. Es könnte für Bender gar nicht mehr so einfach werden, nach längerem Ausfall wieder in die Mannschaft zurückzukehren, und auch Subotic wurde durch Santana mehr als ersetzt, auch wenn dessen Ballbehandlung manchmal etwas unbeholfen aussieht. Und Lewandowski befindet sich gerade in der Form seines Lebens zum Verdruß von Barrios, der sich nach einer längeren Verletzungspause jetzt plötzlich auf der Bank sieht. Diesmal aber durfte er zusammen mit Lewandowski ran, weil der auch hinter der Spitze spielen kann, was Klopp eine weitere Spieloption eröffnet. Und das ist gut, denn da in der CL-League nur noch sehr theoretische Möglichkeiten bestehen und wahrscheinlich sogar die Euro-League flöten ist, muß man sich über den nationalen Wettbewerb für höhere Aufgaben qualifizieren, und da kommt in einer Woche bereits der nächste Hammer: Gladbach, die sich gerade auf einem Höhenflug befinden und Köln mit 3:0 wegputzten. Laut Köln-Trainer Solbakken »das stärkste Team der Liga«. Dann gibt es das Treffen der beiden einzigen Bayern-Bezwinger in dieser Saison, und dann wird man sehen, wer den Bayern wirklich gefährlich werden wird.

Last Exit St Aubyn

»›Ich bin eine autoaggressive, therapieresistente Depressive‹, erzählte sie ihm. ›Man hat mich auf acht verschiedene Tabletten gesetzt.‹ ›Acht‹, sagte Patrick bewundernd. Er selbst bekam nur noch drei.« Wir befinden uns in der wunderbar bizarren Welt des »Meisterstilisten« Edward St. Aubyn, und das merkt man an dem kleinen Wörtchen »bewundernd«, das an diese Stelle paßt wie eine Kröte auf einem Himbeereisbecher und das jeden zusammenzucken läßt, der glaubt, die Welt verbessern zu können, indem er sie mit Moral vollkleistert. St. Aubyns Figuren sind Zyniker und Schweine, sie sind boshaft und abartig, aber sie eins nicht: langweilig. Die Welt des immensen Reichtums, der sie entstammen und die sie deformiert, ist eine Welt der psychischen Abgründe, in der Moral und Mitleid nicht angebracht sind, weil sie in diesem Universum völlig deplaziert wirken würden. Aber damit wird man ja schon bei der täglichen Zeitungslektüre belästigt, weshalb man sich nicht auch noch in einem Roman belehren lassen will. Hier will man brillante Gemeinheiten lesen, und damit wird man auch im fünften und letzten Band der Familiensaga von St. Aubyn bestens versorgt. Er schreibt mit solch einem hinterhältigen Witz, mit so feiner Ironie, mit solch galantem Sarkasmus, das man über der Lektüre sogar ein Rendevouz vergessen könnte.

Edward St Aubyn, »zu guter letzt«, Piper, München 2011, 222 Seiten.

Martenstein, Harald

Da geht man morgens trantütig zum Bäcker, um Mr. Fup ein Schokoladencroissant zu kaufen, auf das er zum Frühstück besteht, und schon muß man kurze Zeit später im “Zeit-Magazin” lesen, daß man irgendwen nicht gegrüßt hat. Der Irgendwer heißt Harald Martenstein, dem im “Zeit-Magazin” eine Kolumne eingeräumt wurde, um sich über solchen Dinge beschweren zu können, wie dass er nicht gegrüßt worden ist, und das schon früh beim Bäcker. Dabei kann ich mich gar nicht erinnern, daß ich ihn nicht gegrüßt habe. Aber es tut mir natürlich leid, denn wenn ich gewußt hätte, wieviel Harald Martenstein daran liegt, von mir beim Bäcker gegrüßt zu werden, wäre ich natürlich ganz anders durch die Welt gelaufen, immer mindestens mit einem Auge die Gegend abscannend, ob Harald Martenstein gerade irgendwo herumläuft. Ich hätte das gemacht, ehrlich, obwohl das gar nicht so einfach ist, denn Harald Martenstein gehört jetzt eher zu den unauffälligen Menschen im Viertel, die man leicht übersehen kann. Das ist jetzt nicht persönlich gemeint. Er trägt beispielsweise keinen rosafarbenen Anorak. Das würde mir auffallen. Manchmal sehe ich ihn vor meinem Fenster vorbeilaufen, und da hat er meistens irgendwas Graues an oder Beiges, was die Rentner gerne tragen, und eine Aktentasche, in denen er wahrscheinlich sein Pausenbrot hat. Aber das weiß ich natürlich nicht genau. Und bis ich dann, wenn er bei mir vorbeiläuft, das Doppelfenster aufgemacht habe, ist er auch schon wieder weg, und irgendwie wäre es schon komisch, wenn ich ihm dann hinterherriefe. »Hallo Harald! Hallooo!« Das wär vielleicht schon ein wenig aufdringlich, und wenn er sich dann fragend umdrehte, weil jemand Harald gerufen hat, und womöglich denkt, es wär was wichtiges, dann wäre es vielleicht ein wenig dürftig, wenn ich ihm nur sagen könnte, »schönen Tag auch noch«, weil was anderes würde mir nicht einfallen, weil ich jetzt nicht was wirklich wichtiges mit ihm zu besprechen gehabt hätte.
Obwohl, jetzt vielleicht schon. Ich meine, jetzt, wo er sich im “Zeit-Magazin” darüber beschwert, daß ich ihn nicht gegrüßt habe. Außerdem schreibt Harald Martenstein nämlich, ich sei ein »Kapitalismuskritiker«, und er nicht. Ich bin fast ein wenig gerührt. Das hat nämlich noch nie jemand zu mir gesagt, aber ich finde es schön, daß es endlich mal jemand anspricht. Es stimmt nämlich. Ich habe tatsächlich einiges am Kapitalismus auszusetzen, z.B. Grußzwang frühmorgens beim Bäcker. Nein, das ist jetzt natürlich Quatsch. Aber trotzdem, der Kapitalismus ist schon ziemlich Scheiße, auch wenn man es hier im »Graefekiez« nicht so mitbekommt.
Außerdem schreibt Harald Martenstein, daß ich unter »einer ähnlichen Krankheit leide, wie sie auch Josef Stalin gehabt hat«. Huch, denke ich, und gucke natürlich gleich bei Wikipedia nach, an welcher Krankheit Stalin gelitten hat. Schlaganfall sagen die einen, er sei vergiftet worden sagen andere. Ich bin jetzt kein Stalin-Spezialist, und vielleicht hatte er ja noch eine andere Krankheit, aber Schlaganfall hatte ich noch nicht und vergiftet worden bin ich meines Wissens auch noch nicht. Ich glaube, das hätte ich gemerkt. Aber ich werde das im Auge behalten.
Harald Martenstein schreibt dann noch, dass, wenn ich als Kapitalismuskritiker den Kapitalismus abgeschafft und den Sozialismus eingeführt hätte, er Angst hätte, ich würde ihm dann »irgendwie wehtun«, weil er kein Kapitalismuskritiker ist. Wie er darauf kommt ist mir noch schleierhafter als Stalins Krankheit, an der ich angeblich leide. Ich glaube aber, wenn tatsächlich so ein unwahrscheinlicher Fall einträte wie Sozialismus in Deutschland, dann wäre ich der erste, der abtauchen würde, denn schließlich kritisiere ich nicht den Kapitalismus, damit Sozialismus herauskommt, außerdem stand nur eine Woche vorher in der “Zeit”, daß ich »Anarchist« sei, und denen geht Sozialismus ja wohl total am Arsch vorbei.
Wie auch immer. Ich schätze mal, am ersten Tag des Sozialismus gäbe es sehr viel zu tun. Harald Martenstein weh zu tun gehört da glaube ich nicht dazu. Kann ich mir nicht vorstellen, nicht mal, wenn Harald Martenstein sein Hemd aufreißt und mit nackter Brust durch die Straßen läuft und die Sozialisten auffordert, ihn zu erschießen, weil er den Kapitalismus gut findet. Sarah Wagenknecht würde höchstens sagen, ach, der Martenstein schon wieder, schreib lieber wieder deine Kolumne darüber, dass dich beim Bäcker irgendwer nicht gegrüßt hat. Die würden ihn glatt ignorieren. Aber wahrscheinlich wäre es genau das, was ihm wehtun würde. Na, dann hab ich ja hiermit meine Therapeutenpflicht erfüllt. Nichts für ungut.

Die Wahrheit über den 13. Spieltag

In einem Interview vor dem Spiel wartete Jürgen Klopp mit einer eigenartigen Strategie auf. Man wolle die Bayern als klaren Favoriten im Spitzenspiel auf »das Niveau der Dortmunder herabziehen«, und wenn man das geschafft habe, dann könne man mit etwas Glück auch einen Sieg einfahren. Niveau? Nimmt man das Niveau als Maßstab, das die Dortmunder gegen Wolfsburg an den Tag legten, dann kann man der Aussage Klopps eine gewisse Ironie nicht absprechen, denn auf ein bereits extrem hohes Niveau kann man schlecht jemanden »herabziehen«. Es wurde auf dem Spielfeld dann aber schnell klar, was Klopp gemeint hatte. Die Dortmunder spielten wie zuletzt auch gegen Piräus keinen Hurra-Fußball, sondern einen schnörkellos effektiven Fußball, in dem die Räume zugestellt und eng gemacht wurden, um die Bayern zu zwingen immer wieder nach hinten zu spielen, was manchmal sogar so weit ging, daß der Ball vom Strafraum der Dortmunder bis zu Neuer gelangte, ohne daß ein Dortmunder am Ball gewesen wäre. Die Dortmunder Defensive war wach und konsequent, Schmelzer ließ Robben, der nach sechs Wochen wieder zum ersten Mal auf dem Platz stand, keinen Raum und störte bereits bei der Ballannahme, und wenn Robben mit seinem Standardtrick nach innen ziehen wollte, stand da Großkreutz, und auch auf der anderen Seite hatte Piszczek Ribery im Griff und noch Zeit, nach vorne Druck zu machen, während die beiden Abräumer Kehl und Bender ja auch noch da waren, um die Münchner Kreise zu stören. Bayern hatte den größeren Ballbesitzanteil, aber den hatte der BVB auch schon häufig, um am Ende dann doch zu verlieren. Bayern hatte jedoch auch sonst alle Statistikwerte auf seiner Seite. Nur ein Wert sprach für Dortmund, und das waren die gelaufenen Kilometer. Fast zehn Kilometer waren die Dortmunder mehr gelaufen. Es war mit dem Hasen und dem Igel. Über wo ein Bayernspieler hinlief, war schon ein Dortmunder. Die Dortmunder gewannen also das Spiel durch bloße Präsenz, sieht man einmal davon ab, daß das Spiel eigentlich unentschieden hätte ausgehen müssen, wie Heynckes monierte, aber Gerechtigkeit gibt es im Fußball nicht. Und deshalb war der entscheidende Faktor die Präsenz, und eben nicht der Ballbesitz. Dadurch allerdings wird der Fußball nicht spektakulär. Attraktiv war das Spiel nur für Taktikfreaks. Das rauschende Ballfest fand an diesem Spieltag in Gladbach statt, wo Werder mit 5:0 demontiert wurde und sich nach dieser Vorstellung aus dem Kreis derer verabschiedete, die oben mitmischen werden. Neben Gladbach unterstrich auch Schalke seine Ambitionen auf die ersten vier Plätze mit einem beeindruckenden 4:0 gegen den Club. Während in Köln nur Schiedsrichter Babak Rafati mit einem Selbstmordversuch beeindruckte, der zur Spielabsage der Begegnung Köln-Mainz führte. Jetzt will DFB-Boß Zwanziger zum »Innersten der Menschen vordringen«. Und da fragen sich alle, warum Rafati Schluß machen wollte. Wahrscheinlich ist nämlich bereits im Vorfeld von der Zwanziger-Strategie etwas zu den Schiedsrichtern durchgedrungen.

Dialog und Orientierungshilfe. Das neue “philosophie Magazin” stellt sich vor

Das neue philosophie Magazin hat zum Frühstück im Café Einstein eingeladen. Um 11 Uhr. Eine gute Zeit zum Frühstücken, und das dann noch garniert mit Philosophie. Kann man schon mal probieren. Ein kleiner Nebensaal des Cafés mit Holzvertäfelung und vielen altehrwürdigen Folianten hinter Glas, die seit Jahrzehnten nicht mehr angerührt wurden, bildet den irgendwie nicht wirklich passenden Rahmen für die Vorstellung eines Philosophie Magazins, das modern und aufgeschlossen sein will und nach einer Marktlücke sucht. Das Blatt ist ein Ableger des Philosophie Magazine aus Frankreich, das dort immerhin 52000 Exemplare verkauft. Die Idee kam dem französischen Verleger Fabrice Gerschel im Sommerurlaub am Strand, als er in seiner Gewohnheit, philosophische Bücher zu lesen, von seinen Kindern abgelenkt wurde, und dann auch nicht wußte, welche er am besten lesen sollte. Fabrice Gerschel suchte Orientierung. Und als solcher fühlte er sich berufen, Orientierung zu geben, natürlich mittels einer Zeitschrift. Er war so begeistert über seine eigene Idee, daß er sie gleich in die Tat umsetzte.
Und jetzt erscheint die Zeitschrift auch in Deutschland. Der Chefredakteur Wolfram Eilenberger wird u.a. als ehemaliger Philosophischer Korrespondent von Cicero vorgestellt, was ich sehr überraschend finde, daß sich Cicero so was gehalten hat. Eilenberger ist sehr eloquent. Er erinnert daran, »was ein Gedanke, ein Buch, ein Gespräch im Leben verändern kann«. Eilenberger will »Denkanstöße« geben, einen »Dialog« eröffnen, einen »lebendigen Austausch von Gedanken« ermöglichen, »Orientierungsbedürfnisse« befriedigen und solchen Fragen auf den Grund gehen wie »Sind Facebookfreunde wirkliche Freunde, oder fehlt da was?« Ich komme mir vor wie in einem Kaffee-Kreis mit betulichen Tanten, die sich von einem total netten Pastor ein bißchen religiöse Erbauung zum Nachtisch servieren lassen. Ich dachte immer, wenn Philosophie zu was gut ist, dann um Begriffe zu schärfen und nicht, sie als Seife zu benutzen. Steffen Seibert hätte das nicht besser gemacht, und irgendwie glaube ich, daß die beiden Brüder im Geiste sind, denn auch auf die Frage nach dem möglichen Leser erhält man eine Seibertsche Antwort: »Menschen, die an ihrer Lebenssituation interessiert sind.«
Das sind natürlich sehr viele Menschen, genaugenommen sogar alle. Und die will Eilenberger auch nicht verprellen, indem er eine taz im Magazin-Format herausbringt. Eilenberger hält die taz für links, was ja eine interessante These ist, und die Philosophie sei nun mal keine Frage von links oder rechts. Womit er natürlich recht hat. Vermutlich soll die Philosophie des philosophie Magazins auch nicht zu kritisch sein, eher eben Lebens- und Orientierungshilfe, aber ob Eilenberger das besser kann als Brigitte? Jedenfalls sucht da jemand fleißig nach einer Marktlücke im Mainstream, aber das Problem dabei ist, daß da meistens schon alles besetzt ist. Da helfen dann auch Schaumbegriffe aus dem Wörterbuchs des Gutmenschen nicht.
Auf dem Heft Nummer 1 befindet sich ein Foto. Babybeine stecken in zu großen Schuhen. Das ist auch für das philosophie Magazin sehr symbolisch. Der Aufmacher ist eine Frage: »Warum haben wir Kinder?« Das ist jetzt nicht so interessant für mich, denn ich habe schon welche. Ein bestimmt kontroverses »Pro und Contra« gibt es auch, und zwar zur Frage »Hat die Natur immer recht?« Dann will Axel Honneth »Das Finanzkapital entmachten«, was ja gerade sehr in ist. Julian Assange befindet sich »im Dialog mit dem Philosophen Peter Singer«, der für Tierschutz und Euthanasie eintritt und als Moralphilosoph gilt. Und schließlich wird noch Aristoteles als »das erste Universalgenie« mit einem 16-seitigen Booklet »Über die Freundschaft« geehrt. Ob das die Themen sind, die Menschen interessieren, die an ihrer eigenen Lebenssituation interessiert sind?

Die Wahrheit über den 12. Spieltag

Was für eine Gala! Nun ist Wolfsburg nicht gerade eine Luschentruppe und rein vom Klang der Namen könnte man denken, daß sie ziemlich weit oben mitspielen. Gut, die Mannschaft ist zwar von Magath neu zusammengewürfelt, aber das ist ja mittlerweile eine Spezialität von Magath, und bislang hatte er immer Erfolg damit. Diesmal scheint ihn das Glück verlassen zu haben, denn nach der Klatsche übte er sich in einer Art Selbstkritik, denn er sagte, daß einige Spieler ihre Leistung nicht bringen würden. Darin aber besteht genau die Aufgabe eines Trainers. Vielleicht hat es Magath einfach noch nicht geschafft, die neu zusammengesetzte Truppe zu einer Einheit zu schweißen, wofür symptomatisch Hleb steht, der seine große Zeit in Stuttgart hatte, bevor er sich eher glücklos in Barcelona versuchte, und dem nach langer Verletzungszeit auch in Wolfsburg nichts mehr zu gelingen scheint. Vielleicht lag es auch an der beeindruckenden Choreographie der Südtribüne, die einen überdimensionalen Deathmetallkopf auf einer riesigen Stoffbahn präsentierten, daß Wolfsburg so auseinandergenommen wurde. In den ersten zehn Minuten schlugen die Wolfsburger zwar ein hohes Tempo an und wollten mitspielen, aber danach wurde schnell klar, daß ihre Chancen mit der von Magath vorgegebenen Taktik, nämlich hoch zu stehen und das Spielfeld eng zu machen, sehr gering waren, denn solchen Technikern wie Götze und Kagawa kommt das sehr gelegen. Und wenn sich vorne Räume bieten wie bei den Wolfsburgern, die nach dem zwischenzeitlichen kuriosen Anschlußtreffer mehr wollten, dann kommt der Zauberfußball, zu dem Dortmund in der Lage ist, erst richtig zur Entfaltung. Und in diesem hinreißenden Kombinationsfußball spielte auch wieder Leitner eine großartige Rolle. Wolfsburg setzte sich durch grobe Fouls zur Wehr. Träsch grätschte brutal Piszczek um, Salihamidzic, der an der langen Leidenszeit von Kehl nicht unschuldig war, provozierte Großkreutz und ließ ihn auflaufen, und Kyrgiakos verpaßte Subotic mit dem Ellbogen einen Mittelgesichtsbruch. Die Dortmunder hingegen ließen sich von ihrem leichten, fast körperlosen Fußball nicht abbringen und glänzten durch feine Pässe und schnelle Kombinationen. Fußball zum Verlieben, und zum ersten Mal hatte man nicht den Eindruck, daß jemand wie Sahin fehlt, allerdings war Wolfsburg diesmal kein Gradmesser. Erst wenn es gegen Bayern und gleich danach gegen Arsenal geht, wird man wirklich sehen, ob sich der Zauberfußball auch gegen solche Mannschaften durchsetzen kann. Arsenal hat rechtzeitig vor dem für den BVB wegweisenden CL-Spiel für Götze 60 Millionen geboten, aber weder Götze noch der Verein haben ein Interesse daran. Und das ist ja auch das Schöne, daß der BVB nicht mehr auf solche Angebote angewiesen ist. Klar, irgendwann wird auch Götze nicht mehr zu halten sein, denn wer will seine Jugend schon in Dortmund verbringen. Aber das nächste Talent wurde bereits verpflichtet. Es heißt Leonardo Bittencourt, ist 17, kommt aus Cottbus und kostete 3,5 Millionen.

Die Wahrheit über den 4. CL-Spieltag

Als glanzlos und schmucklos wurde der 1. Dortmunder Sieg in der CL gegen Piräus abgetan. Das sei ihm völlig egal, meinte Klopp, in diesem Fall zählen nur die drei Punkte und mit ihnen die Offenhaltung einer Perspektive, denn hätten die Dortmunder nicht gewonnen, dann wäre das Abenteuer Königsklasse zwei Spieltage vor Beendigung der Gruppenphase bereits vorbei gewesen. Klopp hatte seiner Mannschaft diesmal ausdrücklich taktische Disziplin verordnet. Auf keinen Fall sollten die Spieler wieder ins offene Messer des Gegners rennen und wieder nur gute Kürnoten bekommen, aber trotzdem verlieren. Klar, es war zwar kein grandioses Spiel der Dortmunder, es war kein offener Schlagabtausch wie zuletzt gegen Stuttgart, als das Spiel hin- und herwogte, die Schwarzgelben entwickelten keine drückende Überlegenheit, sieht man von den ersten zehn Minuten ab, in denen sie wie die Feuerwehr loslegten und auch gleich den einzigen Treffer des Abends erzielten nach schöner Vorarbeit von Götze, aber sie leisteten sich in der Abwehr auch keine großartigen Schnitzer, die ihnen in den vorangegangenen Spielen alles verdarben. Dennoch war es ein unglaublich intensives Spiel, das durch den knappen Vorsprung immer spannend blieb. Piräus war der starke und unangenehme Gegner, der immer Druck zu machen verstand, aber nie wirklich zu großen und zwingenden Chancen kam. Und darauf kam es diesmal an. Zudem spielten die Dortmunder zwei weitere Riesenchancen heraus, aber der sonst eigentlich eher zuverlässige Perisic schoß übers Tor und Lewandowski, der schon den Keeper umrundet hatte, traf nur den Pfosten. Die CL-Gegner Dortmunds hätten daraus zwei weitere Tore gemacht und dann hätte sich das Spiel ganz anders angehen lassen. So blieb es über die gesamte Spielzeit spannend, und das zeichnet Dortmund ja auch aus. Hier gibt es keine öden Spiele, in denen ein Ergebnis verwaltet wird, nicht mal, wenn es diesmal taktische Vorgaben gab, Konter zu vermeiden und Fehler zu minimieren. Dennoch versuchten es die Dortmunder zu häufig mit langen Bällen, die eine sichere Beute der großen Piräus-Spieler waren, und auch die Präsenz am Ball, die sich im Ballbesitz ausdrückt, kippte in der 2. Spielhälfte zugunsten von Piräus. Für den BVB war das alles andere als ein einfaches Spiel, denn man hatte alles zu verlieren, und da geht man nicht unbeschwert in die Partie. Trotz dieser schwierigen Bedingungen zeichnete sich ein neu entdecktes Juwel bei den Dortmundern aus. Der erst 18-jährige Moritz Leitner ließ sein großes spielerisches Potential aufblitzen, so daß man ihn manchmal sogar mit Götze hätte verwechseln können. Er war für den verletzten Bender eingesprungen, und er macht nun einem der wenigen Spieler, die einen Stammplatz haben, Konkurrenz, während Gündogan bei solchen Mitspielern wohl so schnell keine Chance haben wird, die Bank wieder zu verlassen, denn dort warteten an diesem Abend auch noch Kagawa und Kuba, die beide zu Kurzeinsätzen kamen, aber den Charakter des Spiels nicht verändern konnten. Selbst wenn Dortmund die beiden kommenden Spiele gegen Marseille und Arsenal gewinnen sollte, verheißt das noch keinen automatischen Einzug in die KO-Runden, aber einen guten Eindruck könnten sie noch hinterlassen.