Archiv für den Monat: Dezember 2011

Im Taumel der Lust. Art Spiegelman entdeckt die wilde Party

Eigentlich ist es ein Skandal, denn der Name des Autors steht nicht vorne auf dem Titel. Nur »Die wilde Party« und »Art Spiegelman«, der das Buch illustriert hat. In der Erstauflage, die 1995 bei Rowohlt erschien, stand der Autor noch vorne drauf, der Fischer-Verlag hingegen, wo die aktuelle TB-Ausgabe herausgekommen ist, fand die Erwähnung des Autorennamens offensichtlich für den Verkauf abträglich. Die Tatsache, daß der Autor Joseph Moncure March heute niemandem mehr etwas sagen würde, ist jedoch noch lange kein Grund, ihn nicht zu nennen, auch nicht, daß er schon seit 1977 verstorben ist. Immerhin war er in den zwanziger Jahren mal stellvertretender Chefredakteur des »New Yorker«, aber dann schmiß er mit 26 seinen Job hin, um Dichter zu werden. »Die große Party« war sein erstes großes Gedicht, und wie Art Spiegelman im Vorwort schreibt, galten seine Reime als »gewagt und damit unpublizierbar«. Dennoch erschien das Buch 1928, wenn auch nur in einer limitierten Auflage von 750 Exemplaren. Das Buch landete in Boston auf dem Index und erregte landesweit die prüden Gemüter, denn in der »Wilden Party« ging es nicht ganz jugendfrei zu. March nutzte die Gelegenheit für ein weiteres Buch über einen »abgehalfterten schwarzen Boxer«, mit dem er es auf die Bestsellerliste der »New York Times« schaffte. Von da aus führte die Reise nach Hollywood, wo March als Drehbuchschreiber arbeitete.
Art Spiegelman entdeckte das Buch »Die wilde Party« in einem Antiquariat, wo er von der Zwanziger-Jahre-Typographie und von einem »hingepfuschten Frontispiz von Reginald Marsh« so angetan war, daß er wie ein »Trinker, der sich zu Flaschen und ihren Etiketten ebenso hingezogen fühlt wie zum hochprozentigen Inhalt« auch zu lesen anfing. Und der Inhalt war tatsächlich hochprozentig, ein grandioses Langstreckengedicht aus der Halbwelt kleiner Krimineller und Lebedamen.
Als »perfektes Gegenstück zum ›Großen Gatsby‹« wird »Die wilde Party« in der Verlagsankündigung angepriesen, aber während »Der große Gatsby« zum großen Kulturerbe Amerikas gehört (von dem in der letzten Zeit gleich drei Neuübersetzungen erschienen sind), geriet »Die wilde Party« schlicht in Vergessenheit, dabei hat March mehr Witz und erzählerische Verve, er schreibt lebhafter und lustiger als F. Scott Fitzgerald, aber in der damals vorherrschenden Unterscheidung zwischen U- und E-Literatur gehörte das Buch zur schlecht beleumundeten Sparte. Nur Außenseiter der Literatur wie William Burroughs merkten, dass sie da ein Kleinod in den Händen hielten. Es verleitete den Beat-Literaten sogar dazu, sich selber als Dichter zu versuchen.
Marchs Buch spielt im gleichen anrüchigen Milieu wie Walter Serners »Die Tigerin«, und hätten Robert Gernhardt oder Kurt Tucholsky »Die Tigerin« in Gedichtform gebracht, dann wäre »Die wilde Party« herausgekommen. Eine einfache, kleine Geschichte: »Queenie war blond, ohne Alter so eine: Schmiß zweimal pro Tag beim Vaudeville die Beine.« Sie ist selbstbewußt und weiß genau um ihre Wirkung auf Männer. Queenie lebt mit Burrs zusammen, der als Clown im gleichen Laden wie sie arbeitet: »Seine Komik hatte höllisch Stil, Er brauchte nicht zu hampeln – Genügte schon sein Mienenspiel, Und alles war am Trampeln.«
Die beiden schmeißen eine Party, aber die gerät außer Kontrolle, sowohl in alkoholischer Hinsicht als auch in sexueller. Queenie lernt einen neuen Mann kennen. Es funkt und ratzfatz landen die beiden im Bett. »Nicht viel, und sie hätten im Taumel der Lust Einander gefressen und von nichts was gewußt.« Die Sache eskaliert, und was passiert? Und auch noch im ungünstigsten Moment? »Er stöhnte; er gähnte – Da trat wer die Tür auf: Es war die Polente.«
Mit seinen unverwechselbaren holzschnittartigen Illustrationen, die Art Spiegelman seit »Maus«, der KZ-Geschichte seines Vaters, weltberühmt gemacht haben, verschafft er dem Buch vielleicht die Aufmerksamkeit, die es verdient hat.
Die Geschichte hat Uli Becker ins Deutsche übertragen, und es ist ein weiterer Skandal, daß auch Uli Becker nicht auf dem Titel genannt wird, denn schließlich hat er mit seiner Nachdichtung ein neues Werk erschaffen, ohne sich dabei zu weit vom Original zu entfernen, eine Aufgabe, die ihm auf exzellente Weise gelungen ist.

Joseph Moncure March, »Die wilde Party«, illustriert von Art Spiegelman, aus dem Englischen übersetzt von Uli Becker, Fischer, Frankfurt 2011, 12,99 Euro

Die Wahrheit über das Achtelfinale

Weihnachtsfeier in der Respectbar. Es gibt BVB-Plätzchen und Chili con Carne, von dem aber nichts mehr da ist, als ich ankomme. Da haben die Fans bereits mit Glühwein vorgeglüht und singen insbrünstig sämtliches Liedgut über den BVB, vor allem »Heja BVB«, und das vor allem laut, wegen des Glühweins und um die eher schlechten Prognosen zu übertönen, die da lauten, daß die Dortmunder extrem ersatzgeschwächt gegen den Überflieger und Tabellenführer der 2. Liga Fortuna Düsseldorf nach einer langen und aufreibenden Saison der Außenseiter sind. Und dann fällt direkt vor Spielanstoß auch noch Kagawa wegen einer Magendarmgrippe aus, sodaß die Mannschaftsaufstellung sehr merkwürdig zusammengewürfelt aussieht. Owomoyela wird nach Santanas Ausfall in die Innenverteidigung beordert und sieht dort schon nach 34 Minuten gelb-rot, weil er mit seiner Grätsche einfach zu spät kommt. Am Ende wird dann sogar der gute alte Kringe eingewechselt, weil Klopp die Spieler ausgehen. Einige Fans in der Respectbar verlieren vollkommen die Fassung. Viel zum Spiel trägt er nicht bei, außer daß er ein paar mal den Ball im Zweikampf verliert. Die Düsseldorfer riskieren trotzdem nichts und hoffen auf doofe Dortmunder, die aber durch Erfahrung schlau geworden, nicht auf Teufel komm raus in die Offensive gehen. Und deshalb bleibt die Partie ohne großartige Torszenen, mit ein paar Schüssen aus der Distanz von den Düsseldorfern, während die Dortmunder erst in der Verlängerung wieder aufdrehen und die platten Rheinländer ein wenig in Verlegenheit bringen, aber auch nicht viel. Die Gesänge werden lauter und es wird felsenfest geglaubt, daß die Düsseldorfer noch lange spielen können, aber an diesem Abend kein Tor mehr machen werden. Die Partie endet wie sie begonnen hat. Torlos, also Elfmeterschießen. Schiedsrichter Manuel Gräfe macht sich unbeliebt, weil er einen übers Tor geschossenen Elfer von Lambertz wiederholen läßt. Und auch Kuba muß zweimal ran, läßt sich jedoch nicht beirren. Aber Gräfes Parteinahme für den Toten-Hosen-Verein nützt nichts. Weidenfeller kann zumindest einen Schuß mit dem Fuß abwehren. Die Dortmunder aber treffen alle. Und begründen damit das Dortmunder Wunder von Düsseldorf, denn das ist dem BVB noch nie gelungen. Vielleicht ein weiterer Hinweis darauf, daß die Dortmunder routinierter werden, indem sie eben auch solche Spiele für sich entscheiden, und gerade die Spiele gegen Zweitligamannschaften, die bis in die Haarspitzen motiviert sind, sind am schwierigsten, vor allem, wenn alle denken, daß man das Kind schon irgendwie schaukeln wird. Auch Bayern tat sich schwer und gewann erst in der 93. Minute durch einen Treffer von Robben knapp mit 2:1 gegen Bochum. Nur Fürth gelang es, als Zweitligamannschaft sich gegen den nur ein paar Kilometer entfernten Club aus Liga 1 durchzusetzen. Auch nur knapp mit 1:0, aber um dieses eine Tor genau waren die Nürnberger eben schlechter. Jetzt eben »Fädd«, wie die »Fädder« zu Fürth sagen.

Das Club-WM-Endspiel Barca gegen Santos

Was gibt es schöneres, als an einem kalten Tag schon um 11 Uhr 30 das Endspiel in der Club-WM zwischen dem FC Santos und Barcelona anzugucken. Eine Gala von Barca, die mit spielerischer Leichtigkeit 4:0 gewannen, über 70 % Ballbesitz und eine Sicherheit im Paßspiel hatten, die einfach sensationell ist. Wie sie sich den Ball selbst in großer Bedrängnis in der eigenen Hälfte zuschieben, ist dabei nicht einfach riskant, wie es beim BVB der Fall wäre, sondern gekonnt. Immer finden sie die spielerische Lösung eines Problems. Und Messi ist tatsächlich das non plus ultra des Fußballs, mehr an Eleganz, Schnelligkeit, Antizipation des Spielgeschehens und Technik geht vermutlich nicht. Und wie Iniesta den Ball zuerst mit der Hacke sich vorlegt, um dann einen genialen Paß auf Messi zu spielen, der in Hochgeschwindigkeit in den Strafraum wieselt, um den Ball über den Santos-Keeper zu löffeln, das ist einfach nur ein Zauber, wie man ihn ganz selten zu sehen bekommt.
Bei Barca kommen mehrere Faktoren zusammen, die sie zur absolut besten Mannschaft der Welt machen, was sie zuletzt gegen Real Madrid unter Beweis stellten. Es liegt zum einen an der Philosophie der Bescheidenheit, also nie Verachtung oder Haß für seinen Gegner zu empfinden, die völlige Konzentration auf das eigene Spiel. Die Strategie des Ballbesitzfußballs ist einschläfernd für den Gegner und vor allem auch zermürbend, denn bei der ersten Unaufmerksamkeit kassiert der Gegner gleich ein Tor, weil niemand den genauen Paß in die Tiefe vorhergesehen hat, den niemand besser spielen kann als Iniesta und Xavi, die terrible twins, die plötzlich und aus heiterem Himmel die Nadelstiche setzen und die gegnerische Verwirrung zu nutzen wissen, um dann wieder in den Schlafmodus zurückzuschalten, sich wieder die Kugel hin und herzuschieben wie im Training, immer den freistehenden Mann im Auge habend und mit One-touch-Fußball die Kugel flippern zu lassen. Dann kommt noch der ehrgeizige Alves auf dem rechten Flügel, der ständig lauert und gefährliche Flanken oder Pässe in den Strafraum spielt wie beim 2:0. Diese Art von Fußball zelebriert Barca bis zur Perfektion, und wenn andere Mannschaften versuchen, das nachzumachen, dann haben sie eben immer noch nicht das Personal dazu, diese Spielphilosophie auch umzusetzen. Und wenn sie technisch brillante Leute haben, dann fehlt wie bei Real Madrid immer noch das Vermögen, so zusammenzuspielen und zu kombinieren, wie Barca das tut, wo man auf ein perfekt eingespieltes Team zurückgreifen kann. Niemand kann ihnen das Wasser reichen, und es muß schon der Fußballgott persönlich eingreifen, um diese Mannschaft zu bremsen, aber sie haben es fast geschafft, die Macht des Zufalls, der sonst immer gern ein Spiel auf den Kopf stellt, auszuschalten. Und das gelingt nicht mal Mourinho so genial und verläßlich.

Die Wahrheit über den 17. Spieltag

Schon beim letzten Spiel gegen Kaiserslautern war irgendwie die Luft raus, nicht nur bei den Spielern, sondern auch bei den Fans. Diese Beobachtung machte ich in der Respectbar. Die Stimmung war gedämpft und dennoch schien man von einem Sieg auszugehen, aber ohne sonderlich davon überzeugt zu sein. Dann reichte den Lauterern ein Glücksschuß, um auszugleichen, und den Dortmundern gelangen trotz hochkarätiger Chancen nur vier Aluminiumtreffer. In der letzten Saison hätten die Dortmunder die Partie noch gedreht, diesmal aber blieb sogar die Wunderwaffe Götze stumpf. Und deshalb waren auch die Erwartungen vor dem Spiel gegen Freiburg nicht gerade euphorisch, denn, wie ich mich selber sagen hörte, Freiburg ist meistens unter Wert geschlagen worden. Und gleich zu Beginn der Partie sah es dann auch so aus, als ob die Misere gleich weitergehen würde, als Putsila plötzlich allein vor dem BVB-Tor auftauchte, aber Gottseidank vorbeischoß. Dann aber gelang den Dortmundern ein schöner Doppelpaß zwischen Kagawa und Gündogan, der später auch noch ein mitten ins Freiburger Netz traf, wenngleich ein ziemlich einfacher Treffer, weil er völlig frei, den Ball nur noch einschieben brauchte, was aber manchmal schwer genug ist, wenn man an die letzte Partie der Dortmunder in Freiburg zurückdenkt, als Kuba in genau der gleichen Situation den Ball übers Tor schoß. Den Freiburgern gelang zwischendrin noch der Ausgleich, und zwar auf überraschend leichte Weise, weil fünf Dortmunder nur zuguckten, als zwei Freiburger sich gegenseitig den Ball zuschoben. Und es war auch nicht so, daß Freiburg sonst keine Chancen gehabt hätte, aber mithalten konnten sie nur in der ersten Halbzeit. Gündogan scheint endlich ein wenig besser ins Spiel zu kommen, Kagawa hatte wieder große Momente, Großkreutz knüpfte an seine alte Leistungen an und es glückte ihm ein wunderbarer Weitschußtreffer, und an Lewandowski gibt es z.Z. kein Vorbeikommen, weshalb Barrios sich nach einem neuen Arbeitgeber umsieht, was ich persönlich sehr bedauere, habe ich doch vor nicht allzulanger Zeit für immerhin 70 Tacken ein T-Shirt mit der Aufschrift Lucas erstanden. Aber daß er nach langer Verletzungszeit nicht so richtig wieder in Tritt kommt, zeigte sich auch daran, daß er allein aufs Tor zulaufend einen Querpaß ins Nichts spielte. Vielleicht wars auch nur ein verunglückter Schuß, vielleicht sollte Klopp beide ab und zu zusammenspielen lassen, schade ist nur, daß sich Unruhe breitmacht, obwohl der BVB auf Platz 2 steht, was ja schon sensationell ist. Punktgleich leider mit den Schalkern, die Bremen mit 5:0 abfertigten, worauf sich nicht mal Schaaf einen Reim machen kann. Was denken die sich eigentlich, so gegen Schalke unterzugehen? Vieles war Raùl zu verdanken, der mit drei Schüssen aufs Tor auch drei Treffer erzielte, dessen Pässe in 93 % aller Fälle ankamen und der auch fast alle Zweikämpfe gewann. Na wenigstens gibt es noch ein anderes schönes Ergebnis, und zwar das 3:0 des Clubs in Leverkusen, die im nächsten Jahr dann gegen Barcelona antreten müssen. Das könnte dann richtig peinlich werden.

Jetzt komm doch mal zum Punkt

»Nadja« von André Breton in neuer Übersetzung ist durchaus ein Grund, mal wieder seine Nase in sein vielleicht bekanntestes Buch zu stecken. Schon früher hatte ich meine liebe Mühe mit Breton, aber die Sperrigkeit und Unverständlichkeit faszinierten mich auch wiederum, denn auf der anderen Seite waren seine radikal-fundamentalistische Haltung gegenüber der herkömmlichen Literatur und Kunst, die er in den Surrealistischen Manifesten beschrieben hatte, die vollkommen andere literarische Traditionslinie, die er mit Protagonisten wie den Comte de Lautréamont, mit Arthur Cravan, mit Jacques Vaché und anderen sich selber gezogen hatte, und letztlich auch seine politische Haltung, bzw. die Tatsache, daß er überhaupt eine hatte und nicht einen auf Schriftsteller oder Künstler machte, sehr eindeutige Indizien, daß man mit ihm auf jeden Fall nicht falsch lag. Aber warum schrieb er dann immer so verquast? Heute weiß ich es immer noch nicht, aber als ich »Nadja« nochmals las, dachte ich, daß ich heute Breton nach fünf, na gut, sagen wir um der alten Zeiten willen, zehn Minuten das Wort entziehen würde. Solche rhetorischen Floskeln wie »das scheint mir« oder »darauf beharre ich« sind so altbacken und professoral, daß sie dem Zauber, den Breton mit »Nadja« ja entfachen will, den Glanz nehmen. Und sonst weiß man auch nicht immer, worauf er eigentlich hinaus will:
»Immer schon habe mir inständig gewünscht, bei Nacht in einem Wald einer schönen, nackten Frau zu begegnen, oder vielmehr, da ein solcher Wunsch, einmal zum Ausdruck gebracht, nichts mehr bedeutet: Ich bedaure es zutiefst, ihr nicht begegnet zu sein. Eine Begegnung dieser Art ist so wahnwitzig nicht: sie ist möglich. Alles wäre wohl, scheint mir, glatt zum Stillstand gebracht worden, ah! ich wäre nicht dabei, zu schreiben, was ich schreibe.« Und so geht es immer weiter und ständig denkt man: Jetzt komm doch mal zum Punkt. Da hilft es auch nicht, wenn Karl Heinz Bohrer sagt, »Nadja« sei eine »Basisschrift der klassischen Moderne«. Tja, wird wohl so sein.

André Breton, »Nadja«, aus dem Französischen von Bernd Schwibs, Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt 2002

Unter Strom

In seinem letzten Geschichten-Buch »Big Mac« geht Serhji Zhadan auf ein Konzert mit arabischer Musik. Wer macht denn sowas? Denkt man sich. Aber es geht gar nicht um das Konzert. Es geht um John Lennon. Als das Konzert nämlich zu Ende ist, kommt John Lennon rein mit seinen runden Brillengläsern, völlig breit, und das schon seit dem frühen Morgen. Die Araber wollen nach Hause, aber John Lennon hält sie auf. Er breitet die Arme aus und ruft »Halt!« Dann zieht er einen großen Joint aus der Tasche und sagt: »Ihr Araber, das ist ein Joint, den werden wir jetzt gemeinsam rauchen.« Aber die Araber haben natürlich was anderes vor. Sie wollen zur Garderobe, nach Hause, was auch immer. Da gerät John Lennon in Rage: »Ihr Kapitalisten, schreit er, ihr Opportunisten, ihr fetten Schweine, wenn ihr nicht wollt, haut doch ab, ich halte euch nicht auf.«
Und so geht es weiter. Atemlos und immer unter Strom, mit viel Alkohol sowieso, die Figuren sind grell, verrückt, abgedreht, manisch, auf Drogen und Pillen. Zhadan ist mein erster ukrainischer Autor, und ich bin schwerstens beeindruckt. Schon von »Anarchy in the UKR« und »Depeche Mode«. Die Literatur der Beat-Generation hat in der literarischen Wüste Ukraine (ich kenne ja sonst nichts) plötzlich einen Keim getrieben, der auf eine eigene und völlig neue Weise das wilde Leben eines Neal Cassady fortführt, dem Herumtreiber, der immer on the road war und hinter irgendeinem Steuer saß, nur daß Zhadan im Unterschied zu Cassady alles aufschreibt. Aber das ist ja auch ein verdammtes Glück.

Serhij Zhadan, »Big Mac. Geschichten«, Suhrkamp

Die Wahrheit über den 16. Spieltag

Bislang hat sich der Wechsel von Sahin vom BVB zu Real Madrid für niemanden gelohnt. Ohne Sahin ist Dortmund aus der CL ausgeschieden, was mit Sahin wahrscheinlich nicht passiert wäre, während Sahin in Madrid meistens gar nicht spielt, höchstens, wenn mal die B-Elf auflaufen darf, um die Stars zu schonen, und wenn er spielt, dann erhält er vernichtende Kritiken. Auch beim »Clasico« spielte Sahin keine Rolle. Da wurden ihm Özil und Khedira und natürlich Xabi Alonso vorgezogen, und es ist unwahrscheinlich, daß sich mit Sahin an der Niederlage etwas geändert hätte. Real gegen Barca, das ultimative Duell im derzeitigen Fußball, in dem auch zugleich zwei Systeme aufeinander treffen. Das auf Ballbesitz orientierte Kurzpaßspiel der Barcelonesen, das jeden Gegner zermürbt durch gezielte Nadelstiche, ein Spiel wie ein Stierkampf, elegant, ausweichend, gezielte Stiche und schließlich den Todesstoß versetzend, und dieses Spiel hat Barca bis zur Vollendung internalisiert. Dieser Spielweise setzt Mourinho nach den vielen Niederlagen gegen Barca in der letzten Saison ein schnelles risikoreiches Spiel entgegen, in dem bei Balleroberung rasch umgeschaltet wird, der Rest wird durch die individuelle Klasse Bensemas und Ronaldos erledigt. So der Plan, der bei fast jedem Gegner aufgeht, nur eben nicht bei Barca. Äußerlich unbewegt muß es in Mourinho kochen, denn Niederlagen sind in seinem System nicht vorgesehen, jedenfalls keine, die die Vorherrschaft des Gegners dokumentieren, auch wenn sich Real tabellarisch immer noch im Vorteil befinden. Und diese unterdrückte Wut überträgt sich auch auf die Spieler, die mit einem Einsatz zu Werke gehen als gelte es das Leben. So ist es nur dem Großmut des  Schiedsrichter zu verdanken ist, daß sich bis zum Schluß noch alle Realspieler auf dem Feld befanden. Das Spiel war jedenfalls wieder eine Lehrstunde im modernen Fußball, in dem zwei Philosophien auf höchsten Niveau aufeinandertrafen, wobei mit Barca die sympathischere die Nase vorn hatte. Auf Deutschland übertragen könnte der Zweikampf Bayern gegen Dortmund lauten, wenn der BVB eben nicht Sahin an Real verloren hätte. So aber waren es nicht nur eine Fülle von Widrigkeiten und grandiose individuelle Schnitzer, die das Aus in der CL herbeiführten, sondern auch personell nicht zu kompensierende Verluste, zu viele unterschiedliche Mannschaftsaufstellungen, bei denen das Leistungsniveau einfach nicht abgerufen werden konnte. Im letzten CL-Spiel gegen Marseille fiel mit Kehl bereits der 4. defensive Mittelfeldspieler aus, und plötzlich mußte wieder Gündogan ran und da Silva, der in dieser Saison noch kein einziges Mal gespielt hatte. Und zum Unglück gesellt sich dann auch noch meistens Pech, für Marseille das Glück, durch einen Glückstreffer nach einem 2:0-Rückstand sogar noch zu siegen. Jetzt kann sich Dortmund ganz auf die nationalen Wettkämpfe konzentrieren. Und in diesem hat die noch groß gegen den BVB aufspielende Gladbacher Borussia in Augsburg versagt, was noch nicht allzu vielen Vereinen gelungen ist. Schalke hat sich durch einen Sieg in Berlin nach vorne geschoben. Unter tätiger Mithilfe des Schiedsrichters, der ein Handspiel von Jones übersah, fiel im Gegenzug der Schalker Siegtreffer. Bremen hingegen kompensierte seine Chancenlosigkeit gegen die oben spielenden Mannschaften mit einem 4:1-Kantersieg gegen Wolfsburg und stürzte Magath noch ein wenig weiter in die Ratlosigkeit. Er scheint selbst nicht mehr zu wissen, was Wolfsburg noch in der Bundesliga zu suchen hat.

Autor quält seinen Protagonisten

Maler, bleib bei deiner Leinwand, denke ich manchmal. Gut, daß sich Wolfgang Herrndorf an diese Regel nicht gehalten hat. Schon mit »Tschick« ist ihm ein hinreißendes Stück Prosa gelungen, der schönste Roadmovie in Buchform. Und auch von »Sand« kann man nur restlos begeistert sein, obwohl das Buch 476 Seiten hat, was in der Regel darauf schließen läßt, daß der Autor die Tinte nicht halten kann. Herrndorf aber ist auch auf dieser langen Strecke nicht nur unterhaltsam, sondern auch klug. Eine menschliche Komödie irgendwo in einem arabischen Wüstenkaff, wo ein Mann sein Gedächtnis verliert, nichts mehr von seiner früheren Existenz weiß, sich aber zwischen den Fronten von Geheimdiensten und der lokalen Mafia befindet, und alles darauf hindeutet, daß er in seinem alten Leben eine ziemlich fiese Figur gewesen sein muß. Wie Herrndorf seinen Protagonisten über 476 Seiten quält und von einer Scheiße in die andere hineinreitet, das ist hoch komisch. Wie er sich an seiner Figur abreagiert und an ihr alles ausläßt, was seine ziemlich üppige Phantasie hergibt, befeuert von den entsprechenden Filmen, das ist schon sehr irre. Aber vielleicht will er einem zeigen, wie vergeblich das Streben nach Wahrheit ist, wie man als Spielball fremder Mächte einfach zerrieben wird, und wie banal dann das Ende ist, wenn man den schlimmsten Torturen entkommen ist, die nie jemand wirklich aushalten würde, nur um für etwas erschossen zu werden, für das man gar nichts kann. Aber das alles wäre nicht der Rede wert, wenn Herrndorf nicht so glänzend schreiben würde. In diesem Stil könnte man auch was über das ereignislose Leben einer Hausfrau lesen, ohne daß es langweilig wird.

Wolfgang Herrndorf, Sand, Rowohlt Berlin

 

Die Wahrheit über den 15. Spieltag

Wer darauf gewettet hätte, daß am 15. Spieltag mit den beiden Borussias der 1. gegen den 2. spielen würde, könnte sich jetzt womöglich zur Ruhe setzen und müßte nie wieder Hartz IV-Gelder beantragen. Na gut, bei der wirklichen Borussia wäre es nicht ganz so unwahrscheinlich gewesen, denn schließlich handelt es sich um den aktuellen Meister, so würden Leute argumentieren und denken, die keine Ahnung vom Fußball haben, denn wer genauer hinguckt, weiß, daß die Meistermannschaften, die nicht Bayern heißen, es in der darauf folgenden Saison meistens völlig vergeigt haben. Und die andere Borussia aus Gladbach hatte letzte Saison noch um den Abstieg gekämpft und deshalb ist es für den oberflächlichen Betrachter ganz und gar unwahrscheinlich, daß die plötzlich ganz oben mitspielen. Ist es aber nicht, denn immer wieder schwingen sich Mannschaften von ganz unten auf, wenn bestimmte Faktoren erfüllt sind, wenn der Trainer es versteht, den Spielern Selbstvertrauen einzuflößen, wenn diese ein modernes Spielsystem verinnerlicht haben und umsetzen können, wenn sie vom Verletzungspech weitgehend verschont bleiben usw. Seit der von Hertha entlassene Favre bei Gladbach angeheuert hat, geht es stetig nach oben. Er läßt einen ähnlichen Stil und ein ähnliches System spielen wie Klopp, und er hat die Spieler, die das umsetzen können, vor allem natürlich Reus, der die Dortmunder schon bei früheren Begegnungen sehr geärgert hat, ein Spieler, der auch gut zur wirklichen Borussia passen würde. Der aber spielte diesmal wegen eines kleinen Zehenbruchs nicht mit. Und deshalb war ich recht optimistisch, aber von Anfang an war die Partie ziemlich ausgeglichen mit leichten Feldvorteilen für die echte Borussia. Die Gladbacher versteckten sich jedoch keineswegs, wie man das hätte erwarten können, nachdem vor dem Spiel soviel die Rede davon war, daß die Dortmunder haushoher Favorit seien. Damit versuchte Favre, den Gegner in Sicherheit zu wiegen, sie das Spiel machen zu lassen, um dann schnelle Konter zu setzen. Aber die echte Borussia fiel darauf nicht rein, weil sie schnell merkte, daß der Gegner durchaus gleichwertig war. Das 1:0 von Lewandowski kam zwar mit etwas Glück zustande, war aber insgesamt durchaus dem Spielverlauf angemessen, in der 2. Halbzeit jedoch erspielten sich die Dortmunder ein paar fette Chancen heraus. Die größte nach einer Vorlage von Kagawas Hacke, die Götze eine freie Schußbahn bescherte, aber der Schuß war zu harmlos und unpräzise. Da hatten die Gladbacher mit der einzig wirklich guten Gelegenheit durch Hanke bereits ausgeglichen, ausgerechnet Hanke, der eigentlich schon ein Fall für die 2. Liga gewesen war. Diesmal also versemmelte Götze die zwei Punkte, die er zuletzt bei den Bayern mit seinem Tor eingefahren hatte. Nach dem Spiel waren sich alle einig, daß das Unentschieden zu wenig war, aber wie Klopp sagte, man würde deshalb nicht gleich den Verein auflösen, sondern einfach weitermachen. Außerdem hätten sich die Gladbacher ruhig mal erkenntlich dafür zeigen können, daß die wirkliche Borussia ihnen in der letzten Saison noch drei Punkte geschenkt hatte, die sie vor dem Abstieg bewahrt haben. So ist niemandem gedient, denn die Bayern nahmen harmlose Bremer, die auch noch durch einige üble Fouls glänzten, auseinander und stehen jetzt wieder auf Platz 1.