Archiv für den Monat: März 2012

Ein Buch wie eine Wasserleiche

Ich bin ein spätes Opfer einer sogenannten Literaturdebatte. Mürbe gemacht durch einen Verriß im Spiegel und dem darauf folgendem Aufschrei der Empörung, hatte ich tatsächlich die Schnapsidee, mich aus erster Hand informieren zu wollen, was es mit dem »Imperium« von Christian Kracht auf sich hat. Ich muß zugeben, ich hatte mir von einem derart heiß diskutierten Buch ein bißchen mehr versprochen. Irgendwas Skandalöses, Walserhaftes oder Grassiges. Aber nichts. Nur ein bißchen langweilig, ein bißchen bräsig, ein bißchen aufgedunsen. »So ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent.« Das hört sich sehr nach spitzen Fingern und Bügelfalte an, auch daß ihm irgendwas »dumm und grausam dünkte«. Oder daß sich der Autor eines »notabene« befleißigt, weil ihm »übrigens« oder ein »wohlgemerkt« zu banal klingt, bzw. nicht genug nach Wasserleiche. Da dämmerte mir dann doch, daß ich auf dem falschen Dampfer war. Wäre ich eine Figur von Kracht, hätte ich spätestens in diesem Moment »entkräftet das Buch sinken lassen«.
Der Kiwi-Verleger Helge Malchow, der das Buch publiziert hat, schrieb im Spiegel, daß er das Buch großartig gefunden hätte. Ich will mich ja hier nicht aufmanteln, denn ich weiß aus leidvoller Erfahrung, daß einem als Verleger auch manchmal Bücher durchrutschten, die man am liebsten schnell vergessen würde, und ich weiß auch, daß der pekuniäre Erfolg (um mal ein bißchen auf Kracht zu machen) ein gewisses Trostpflaster sein kann, daß einem über einiges hinweghilft, aber das hätte ich nicht über mich gebracht, mir zwei Seiten im Spiegel abzuringen, um einem mittelmäßigen Buch höchste literarische Weihen angedeihen zu lassen. Da steckt man doch das Geld ein und schweigt vornehm.

Die Wahrheit über den 26. Spieltag

Am ersten wirklich warmen Tag des Jahres mußte ich mit dem Fahrrad Slalom zur Respectbar fahren, wo der BVB sein nächstes schweres Spiel gegen Bremen antrat. Überall standen die Leute im Weg herum, belagerten die Gehsteige, die Eisdielen, und die Kneipen blockierten die Durchfahrtswege, indem sie sämtliche Stühle und Tische auf die Straße stellten, um den sonnenhungrigen Berliner anzulocken, der alle paar Meter eine Traube bildete. Meine Güte, dachte ich, da gibt es die wunderbare Möglichkeit, in einem verrauchten, dunklen Schuppen ein wichtiges Spiel zu gucken, und diese seltsamen Menschen wärmen sich und atmen Berliner Frischluft. Wie krank müssen die denn sein? Und ich wurde nicht enttäuscht, denn die Fußballgucker um mich herum qualmten Kette und sorgten für Luft, die man in Scheiben hätte schneiden können, während sich die Dortmunder gegen eine Bremer Notelf austobten, denn fast die gesamte erste Garnitur der Bremer war entweder gesperrt oder malade. Und das war auch gut so, denn Dortmund hat gerade nichts zu verschenken. Die Bayern haben nämlich seit drei Spielen einen Lauf und lassen an durchweg zweitklassigen Gegnern wie gegen Hertha mit einer Torflut ihre Wut darüber aus, daß man fünf Punkte hinterherhinkt. Vor allem in der 1. Halbzeit spielten die Dortmunder groß auf und erzielten ein traumhaft schönes Kombinationstor nach Flanke von Kagawa auf Gündogan, der mit viel Gefühl direkt aus der Luft halbhoch zu Kagawa weiterleitete, genau richtig, damit der nur noch seinen Kopf hinhalten mußte. Danach erspielten sich die Dortmunder noch zahlreiche weitere Möglichkeiten, trafen aber nur zweimal die Latte, bzw. den Pfosten. Und deshalb blieb es auch bis zum Schluß spannend, weil die Bremer in der Pause eine ordentliche Gardinenpredigt über sich ergehen lassen mußten. Eine richtige Chance hatten sie zwar nicht, aber man weiß ja, daß irgendein krummes Ding oder Sonntagsschuß immer mal im Netz landen kann. Der BVB hat mit dem 1:0 einen neuen Vereinsrekord aufgestellt. Zum zwanzigsten Mal ist man jetzt ohne Niederlage, und von den neun Rückrundenspielen hat man acht gewonnen. Hätte Statistik irgendeinen Aussagewert, dann stünde der Meister bereits fest. Aber die Partien gegen die direkte Konkurrenz stehen noch aus und man kann nicht davon ausgehen, gegen die Bayern immer gewinnen zu können. Und auch Gladbach zeigte gegen Leverkusen, was sie drauf haben, denn als Leverkusen den späten Ausgleich erzielte, legten die Gladbacher richtig los, und Reus zeigte endlich mal wieder, warum er den Dortmundern 17 Millionen wert ist. Augsburg bewies mit dem Sieg gegen Mainz, daß man nicht nur gegen Dortmund stark gespielt hatte und nun drauf und dran ist, die Hamburger einzuholen, die sich gerade mit einer ziemlich erbärmlichen Niederlage zu Hause gegen Freiburg im freien Fall Richtung Abstiegsplätze befinden. Ich hätte nicht wirklich etwas dagegen, wenn Hamburg in der 2. Liga mal etwas Demut lernt. Und Petric weiß, wann es Zeit ist, das sinkende Schiff zu verlassen. Ende der Saison jedenfalls ist er weg.

Ein kleiner Abgesang auf den Rezensenten

Mitte Dezember 1986 verkündete HM Enzensberger in der Neuen Züricher Zeitung das Ende des Literaturkritikers und des Rezensenten. »Ihr historisches Verschwinden läßt sich einfach nicht mehr länger verheimlichen«, schrieb er. Was er nicht voraussah, ist die Zähigkeit, mit der sich dieser Berufsstand an seine Existenz klammert, ein Beruf, der an Bedeutung immer mehr abnimmt, während die Zahl derjenigen, die Buchbesprechungen verfassen, absurderweise proportional zunimmt. Die Rezension, früher unabhängige Kritik, wird ersetzt durch »Service«, indem man die Klappentexte der Bücher ins geduldige Netz stellt und als redaktionelle Beiträge ausgibt. Der Literaturstreit, mit dem man sich in den großen Feuilletons der eigenen Wichtigkeit versichert, ähnelt immer mehr einer angestrengten Show, in der der Kritiker im Mittelpunkt steht, weil der sich meistens sowieso viel besser wähnt als der Buchautor, was manchmal sogar auch zutrifft. Das konnte man in der von einem Spiegel-Redakteur angestoßenen künstlichen Debatte um das neue Buch »Imperium« von Christian Kracht beobachten. Weil dem allenfalls mittelmäßigen Buch nur schwer irgendein Funke zu entlocken gewesen wäre, mantelt sich der Spiegel-Redakteur als Warner vor dem rechten Gedankengut des Autors auf, um später, nachdem alle möglichen Unterschriftsteller ihrem Kollegen zur Seite gesprungen waren, zu schreiben, daß seine Kritik keinesfalls als Kritik mißverstanden werden dürfe. Der Spiegel stellte dem Kiwi-Verleger ein paar Seiten zur Verfügung, damit der schreiben konnte, wie er das Buch fand, das er veröffentlicht hat, nämlich – Überraschung – toll. Nur mit dieser Methode der künstlichen Empörung schafft man noch eine in der Regel sehr kurzlebige Nachfrage für Bücher, für die das Feuilleton gerade steht, denn nennenswerte Verkaufszahlen schreiben Fantasy- und Vampir-Bücher oder Titel, die die Qualität von Holt-mich-hier-raus-TV-Shows haben, Bücher also, die auf die Kulturseiten der Zeitungen nicht angewiesen sind. Die Auflagen sinken, aber die Zahl der erscheinenden Titel steigt. Diesem Trend tragen auch die Buchauslieferungen Rechnung, die ihr Lagersystem vom Palettenlager auf Handlager für kleine Auflagen umstellen. Daß sich die von bürgerlichen Vorstellungen geprägte »Kultur« selber abschafft, ist nicht schade, daß sie durch die von der Piratenpartei sich Ausdruck verschaffenden »Geiz-ist-geil«- und »Gratis«-Mentalität ersetzt wird, ist jedoch kein Fortschritt, den man begrüßen kann, denn aus dem Wertverfall der Buchbranche folgert eins nicht, nämlich daß die Leute klug, schön und radikal werden.

Die Wahrheit über den 25. Spieltag

Die Nervosität und die Turbulenzen in der Liga nehmen langsam zu. Einige in der Gefahrenzone stehenden Vereine erweisen sich als überraschend zäh wie Ausburg und Freiburg, andere rutschen unaufhaltsam ab wie Hertha und Kaiserslautern. Der Froschverein, in der letzten Woche noch großzügig von Bremen mit drei Punkten beschenkt, versagte im Kampf gegen den direkten Abstiegskonkurrenten Köln. Dieser Untergang hat einen Namen: Preetz, der seit Jahren eine Fehlentscheidung nach der anderen trifft und sich trotzdem hartnäckig als Manager hält. Ich will das nicht verurteilen, denn irgendeiner muß ja das Schwein machen, und wenn Preetz Hertha wieder in die 2. Liga führt, dann ist das natürlich auch ein großer Verdienst, und auch die Tatsache, daß man dann Dortmund nicht mehr im Olympiastadion angucken kann, ist noch lange kein Grund, dem Abstieg Herthas auch nur eine Träne nachzuweinen. Auch Köln kann von mir aus wieder zweitklassig spielen, und die Zeichen stehen dafür nicht schlecht, denn Volker Finke hat die Brocken hingeworfen. Er war sich in wichtigen Fragen über die Zukunft und die Ausrichtung des Vereins mit dem Trainer Solbakken nicht einig, aber Finke und Köln war sowieso ein großes Mißverständnis, und Finke hat auch nicht das Beharrungsvermögen eines Preetz. Und nachdem voraussichtlich Podolski am Ende der Saison zu Arsenal wechselt, wie ein Gerücht hartnäckig besagt, sieht es so aus, als ob Köln ein schwerer Seegang bevorsteht. In Wolfsburg hat der VW-Vorstand die Nase von Magath langsam voll, der von seinen Freiheiten, VW-Gelder zu verschwenden, reichlich Gebrauch gemacht hat, ohne daß irgendein Spieler irgendetwas gebracht hätte. Noch kriegt Magath vom VW-Boss Winterkorn Rückendeckung, und da kam der Sieg gegen Leverkusen gerade recht, die allerdings ihr 7:1-Trauma in Barcelona noch nicht verarbeitet zu haben schienen. Dort jedenfalls hatte sich gezeigt, wie wenig Leverkusen im internationalen Vergleich zu bieten hat, während man bei Barcelona beobachten konnte, wie der derzeit weltbeste Fußball funktioniert, ein Stil, der sich allerdings nicht so einfach kopieren läßt, weil man auch die Spieler dafür braucht, die die Technik beherrschen. Als Leverkusen mitspielen wollte, nahm das Desaster seinen Lauf und setzte sich in Wolfsburg fort. Bei Bayern ist mal wieder der Knoten geplatzt, wie schon häufiger in dieser Saison. Mit 7:1 spielten sie Hoffenheim in Grund und Boden. Aber gegen Hoffenheim ist das keine große Kunst, denn Hopp wollte endlich Kasse machen und hat die besten Spieler verkauft. Damit hat München den Boden, den sie vor einer Woche verloren hat, wieder gut gemacht, denn nicht nur Gladbach wollte in Freiburg ein Treffer gelingen trotz bester Gelegenheiten, auch Dortmund traf in Augsburg auf einen unerwartet starken Gegner, dem man den 16. Tabellenplatz nicht ansah, denn sie spielten auf einem Niveau, das die meisten Gegner Dortmunds nicht haben. Augsburg hat sich dieses Remis zwar verdient, aber ich finde, Augsburg sollte sich die Punkte woanders holen und nicht der Dortmunder Meisterschaft in die Suppe spucken.

Die Wahrheit über den 24. Spieltag

Nach der Niederlage der Bayern gegen Bayer schlagen Hoeneß, Nerlinger und Co. eine andere Taktik ein, um die Dortmunder zu verunsichern. Noch bevor der BVB später gegen Mainz nur knapp gewinnt, gratuliert man dem Deutschen Meister zu einer weiteren Meisterschaft, in der Hoffnung, ihn dadurch ein wenig träge und unvorsichtig zu machen. Aber die Wünsche aus München haben ihr Ziel verfehlt, denn noch gibt es zehn Spieltage und damit dreißig zu vergebende Punkte, und auch wenn irgendeine Statistik besagen sollte, daß eine Mannschaft, die am 24. Spieltag mit sieben Punkten Vorsprung vor Bayern lag, später auch Meister wurde, heißt das wie die meisten Statistiken gar nichts. Man kann nur den Augenblick genießen und sich verwundert die Augen reiben, weil Bayern verläßlich an Boden verliert, und das gegen Bayer, einem der zuverlässigsten Punktelieferanten für die Bayern. Dabei hat Bayer schon lange den Anschluß verloren, darf jetzt noch ein wenig Sparringspartner für Barcelona spielen und sucht mit Dutt schon fast ein wenig verzweifelt nach der Form der Vorjahre. Vielleicht war dieser Sieg ein von langer Hand vorbereiteter Coup, der mit der Abschiebung von Heynckes nach München auf diabolische Art ins Werk gesetzt wurde, weil man in Leverkusen wußte, daß Heynckes eine Pflaume ist, auch wenn er mit der Industrieelf in der letzten Saison vorne mitmischte. Bei Bayern, wo man nach den ganzen mißglückten Experimenten mit der Zeit gehen und wieder auf etwas Seriös-konservatives setzen wollte, erweist sich Heynckes als Schlaftablette, der eine Spitzentruppe nicht formen kann, höchstens ruinieren, was er ja schon mal in Frankfurt bewiesen hat. Der BVB hingegen witterte seine Chance, den Abstand zu Bayern zu vergrößern und gab gleich von Anfang an Vollgas. Diesmal mit Gündogan für den verletzten Kehl, und wieder war es kaum zu glauben: Gündogan mauserte sich plötzlich zur zentralen Schaltstelle des Dortmunder Spiels, verteilte souverän die Bälle und spielte geniale Pässe in die Spitze. Und das ist das Geheimnis der Dortmunder Stärke, daß man dort in der Lage ist, jeden noch so wichtigen Spieler fast gleichwertig zu ersetzen. Acht gewonnene Spiele in Folge, das ist irgendein Rekord und passiert auch in Spanien nicht alle Tage. Dortmund spielte drückend überlegen, nur Lewandowski ließ jede Menge großkalibrige Chancen aus. Die Südtribüne war nicht nur so freundlich, den im roten Trikot zurückgekehrten Zidan zu feiern, auch seine ehemaligen Kollegen gönnten ihm den fünften Treffer im fünften Spiel, und das ist auch irgendein Rekord. Man machte es nochmal spannend, aber nur drei Minuten lang, dann schlug Piszczek und Kagawa zu. Und als ob das alles nicht schon traumhaft schön genug wäre, belohnten sich die Freiburger mit drei Punkten in einem couragierten Spiel ausgerechnet gegen Schalke, die jetzt schon mit elf Punkten abgeschlagen eher ins Mittelfeld abdriften. Nur einen kleinen Wermutstropfen gab es. Bremen, obwohl drückend überlegen, vergeigt es gegen ihren ehemaligen Trainer Rehhagel in Berlin und trägt von nun an Mitschuld am Verbleib Herthas in der Liga, der nicht hätte sein müssen.