Archiv für den Monat: April 2012

Die Wahrheit über die CL-Halbfinals

So kann mans natürlich auch machen, zwei Viererlinien aufstellen, das Fußballspielen aufgeben und das Glück pachten. Das vermutlich teuerste Ensemble der Welt hat zum Fußball nichts weiter beizutragen als die Wiederauflage des italienischen Catenaccio, und das im Mutterland der Fußballs. Das Ergebnis, heißt es immer, rechtfertigt jedes Defensivverhalten und den langweiligen Fußball. Das ist Quatsch. Wenn man schon seine Zeit opfert, dann will man doch wenigstens was dafür sehen. Sonst kann ich auch ins Ballett gehen. Dort wirkt das dann wenigstens nicht so angestrengt, wenn sie sich bewegen. Chelsea hatte aber nicht nur spielerisch nichts auf der Pfanne, sie mußten sich trotz des Betons, den sie hinten angerührt hatten, sich ein ums andere Mal auf die Gunst eines an diesem Tag offenbar schlecht gelaunten Fußballgottes verlassen, der mal so richtig den Spielverderber geben wollte. Dreimal mußte das Aluminium aushelfen, und selbst reichte den Blues ein einziger guter Spielzug, um das notwendige Tor zu erzielen. Barcelona deshalb abzuschreiben oder zu behaupten, deren Zeit wäre vorbei, zeugt aufgrund des Spielverlaufs von nicht sehr viel Fußballverstand, derart überlegen waren die Katalanen, und das wäre auch jemanden aufgefallen, der noch nie Fußball geguckt hat. Natürlich kann auch Barcelona verlieren, aber das Spielsystem wird den anderen überlegen bleiben, und vor allem hat es die Sympathien auf seiner Seite, denn dieser das Spiel dominierende Rasenschach wird vermutlich nie wieder diese Blüte erreichen wie bei Barcelona, weil die mit Xavi, Iniesta und Messi die Spieler dafür haben. Dieses Spiel jedenfalls war eine Beleidigung des guten Geschmacks, ebenso wie das andere Halbfinale, dort aber aus anderen Gründen, denn sowohl Bayern als auch Real spielten keinen guten Fußball. Die Spannung ergab sich zwangsläufig aus der Konstellation, denn schließlich würde eine Mannschaft aus dem Wettbewerb fliegen. Symptomatisch war dann die Elfmeterausbeute der beiden Mannschaften. Da hätte vermutlich jede Zweitligamannschaft eine bessere Figur abgegeben. Von zwei Mannschaften, deren simples Konzept darin besteht, auf die individuelle Klasse von Stars zu setzen und zu hoffen, daß die einen guten Tag erwischen, hat eine zwangsläufig gewinnen müssen. Verdient hat es keine weiterzukommen und nun auf einen Gegner zu treffen, der zur Hälfte mit einer B-Mannschaft nach München anreisen muß, weil etliche Spieler aufgrund ihrer üblen Spielweise in Barcelona gesperrt sind, also leichte Beute sein werden, so daß ich mir dieses Spiel nicht angucken werde, von dem ich jetzt schon weiß: Es wird unattraktiv, und auch wenn man es nicht für möglich hält, es wird in jedem Fall die blödere Mannschaft gewinnen.

Die Wahrheit über den 32. Spieltag

Ich muß mich bei einem Menschen entschuldigen. Der Sieg der Dortmunder gegen Gladbach war unnötig, und da ich großzügig aufgelegt war, hätte ich die Punkte den sympathischen Gladbachern geschenkt, wenn es nach mir gegangen wäre. Aber wer fragt schon mich. Dennoch wird man ja als Fan immer mit dem Verein identifiziert, und deshalb hätte ich die Punkte dem netten Peer Schmidt, gegönnt, der den Lesern dieser Zeitung nicht unbekannt sein dürfte, denn der ist Gladbach-Fan und mußte schon durch das ungerechte Pokal-Aus im Halbfinale gegen die Bayern genug mitmachen. Trotzdem war es natürlich schön, den souveränen Auftritt der Dortmunder zu beobachten, die sich leider nicht auf die Bayern verlassen konnten, die in der Schlußminute dann doch noch den Siegtreffer in Bremen zustande brachten, was aber gegen die Bremen in ihrer derzeitigen Verfassung keine Kunst ist. Aber ständig mit Last-Minute-Toren die Spiele zu drehen, darauf würde ich mich nicht verlassen. Sie haben zwar einen gewissen Spannungswert, aber sie zeigen auch, daß man eins eben nicht ist: souverän und überlegen. Und der bloße Wille reicht eben nur manchmal und das nur in Verbindung mit einer gehörigen Portion Glück. Aber eigentlich war es auch gut, daß Bayern gewonnen hat, denn das gab den Dortmundern den letzten Kick, sich nochmal richtig reinzuhängen. Und auch wenn Marcel Reif von der Überlegenheit der Dortmunder schwärmte, die Gladbacher waren durchaus gefährlich, und wenn ihnen in der ersten Halbzeit nicht zu Unrecht ein Tor wegen Abseits aberkannt und Reus ebenfalls wegen Abseits zurückgepfiffen worden wäre, als er allein auf Weidenfeller zulief, dann hätte die Sache schon mal anders ausgesehen. Zudem zeigten sie durchaus in vielen Situationen, daß sie den modernen, spielerischen und schnellen Kombinationsfußball nicht schlechter beherrschen als Dortmund. Als Perisic jedoch per Kopfball das 1:0 machte, hatte man nicht mehr wirklich das Gefühl, daß noch etwas passieren könnte, weit weniger jedenfalls als gegen Luschenmannschaften, die einmal aufs Tor schießen und sofort treffen. Aber nicht nur die Leistung der Dortmunder war beeindruckend, sondern auch der sympathische Auftritt der Spieler. Als Kagawa nach dem alles klarmachenden und von Lewandowski sensationell vorbereiteten 2:0 jubelte, da war das einfach nur Freude, ganz ohne Inszenierung. Wenn Ribéry einen Siegtreffer schießt, dann läuft er auf eine Kamera zu, brüllt hinein und zeigt ein erschreckend verzerrtes, weil eigentlich wütendes Gesicht. Und darin liegt der große Unterschied zwischen den beiden Meisterkonkurrenten. Es ist eine ganze Welt: die der Coolness und Lockerheit und die der Verkrampfung, Anspannung und Konkurrenz. Deshalb weint den Bayern auch niemand eine Träne nach. Und der Hertha auch nicht, die es sogar gegen die bereits abgestiegenen Pfälzer mit einer bemerkenswerten Gurkenleistung vergeigten. Aber das muß man erstmal schaffen und deshalb verneige ich mich tief vor Rehhagel und Preetz, die das Projekt 2. Liga so konsequent angegangen sind und umgesetzt haben. Chapeau!

Die Wahrheit über den 31. Spieltag

Abends auf der Verlagsparty traf ich einen Bayern-Fan, der mich fragte: »Wollt Ihr nicht Robben kaufen?« »Viel zu alt«, sagte ich, bevor er vom Leder zog, was für ein Arschloch dieser Robben sei. Da konnte ich ihm nur zustimmen, auch wenn wir da wahrscheinlich eine unterschiedliche Perspektive haben, aber der Bayern-Fan regte sich auch darüber auf, daß die Hälfte aller Bayern-Stars gegen Mainz geschont wurden und über ein ziemlich ödes torloses Remis nicht hinauskamen, über das auch die Ultras nicht sehr erfreut waren: »Wir haben bezahlt, wir wollen was sehen! Wir sind euch doch scheißegal!« Solche Fans haben sich die Bayern herangezüchtet. Nicht schön, aber so ist das mit den Fans. Mitleid kann ich nicht wirklich empfinden. Bayern hatte jedenfalls schon vor dem Spieltag die Meisterschaft abgeschrieben, und das mit recht, denn Dortmund gewann in einem nervenaufreibenden Spiel hochverdient auf Schalke mit 2:1. Metzelder meine, das Spiel hätte keinen Sieger verdient gehabt, was aber nur Wunschdenken ist, denn auch wenn die Schalker mit 13:5 Ecken haushoch führten, war das kein Zeichen wirklicher Überlegenheit, und auch wenn die Schalker Pressing bis zum Umfallen spielten, es gelang ihnen nicht, das Dortmunder Spiel zu kopieren, denn ihre Möglichkeiten waren ein wenig limitiert und ihr Spiel bestand fast nur aus Kampf und Draufgehen. Damit gelang ihnen immerhin, die Dortmunder auf ihr Niveau herabzuziehen, denn in solchen Situationen bleibt nur, dagegen zu halten. Aber während die Dortmunder das mit fairen Mitteln taten, hatten die Schalker Glück, daß sie das Spiel mit elf Mann beendeten, denn zumindest Fuchs profitierte beim zweiten üblen Treterfoul an Kuba von der Nachsicht des Schiedsrichters, der Angst hatte, das Derby könnte durch eine gelb-rote Karte aus den Fugen geraten. Auch der ganzkörpertätowierte Schläger namens Jones durfte sich jede Menge übler Fouls leisten, bevor der Schiedsrichter sich bequemte, gelb zu zeigen. Außerdem hatte Dortmund einfach die besseren Chancen, die gewohnt souverän vergeben wurden, am Ende jedoch schaukelten die Dortmunder den 2:1-Vorsprung mit einer Coolness nach Hause, die man nicht gerade gewöhnt ist, wenn man an die Spiele gegen Stuttgart oder München denkt. Es war vielleicht kein hochklassiges Spiel. Aber das war gegen diesen Gegner auch nicht möglich. Jetzt hat Dortmund mit 25 Spielen ohne Niederlage einen neuen Rekord aufgestellt, hat in der Rückrunde von 42 möglichen Punkten sensationelle 38 geholt und hat bei drei noch ausstehenden Spielen acht Punkte Vorsprung. Bayern hat also nur noch sehr sehr theoretische Chancen auf den Titel. Im Abstiegskampf zeichnet sich langsam ab, daß in Berlin wohl die Lichter für Hertha so langsam ausgehen. In Leverkusen hat man zwar trotz einer roten Karte für Kobiaschwili einen 2:0-Rückstand in eine 3:2-Führung umgewandelt, aber sechs Minuten vor Schluß ließ Kießling die Träume der Berliner platzen, vielleicht doch noch aus dem Keller herauszukommen. Vielleicht dämmert es Preetz nun langsam, daß es keine gute Idee war, Rehhagel zu verpflichten.

Die Wahrheit über den 30. Spieltag

Zwei Seiten opferte die FAZ auf ihren Kulturseiten für eine Anzeige, auf der ein riesiges Foto der vollbesetzten und fahnenschwenkenden Südtribüne abgebildet war mit dem Hinweis »Dahinter steckt immer ein kluger Kopf«. Ob auf dem Foto wirklich Leute zu finden sind, die die FAZ lesen, darf man bezweifeln, aber die »Zeitung für Deutschland« hatte den richtigen Riecher in der Wahl eines großen Sympathieträgers im Fußball und des Siegers in der Partie Meister gegen Herausforderer. Schon eine Stunde vor Spielbeginn war selbst ein BVB-Geheimtip wie die Respectbar überfüllt, sodaß ich mir ein ruhiges türkisches Wettbüro suchte, um bei dieser Gelegenheit viel Geld auf einen 2:1-Sieg der Dortmunder zu setzen mit einer Wettquote von 10:1, in der Hoffnung, von dem gewonnenen Geld meine Geburtstagsparty am Tag des Revierderbys finanzieren zu können. Und eigentlich wäre das auch genau das richtige Ergebnis gewesen, aber Lewandowski traf mal wieder nur zweimal den Pfosten, bevor er dann mit der Hacke verwandelte, und auch Großkreuz und Kagawa verschleuderten ein paar ganz große Gelegenheiten in der ersten Halbzeit, in der die Bayern bis auf Alaba eigentlich nur Statisten waren. Der Spieler des Abends aber war Robben, der sich gern bei jeder leichten Berührung sofort zu Boden wirft, um sich dort in wilden Krämpfen zu winden. An diesem Abend war er mir ausnahmsweise sehr sympathisch, denn er kriegte gegen das Duo Großkreutz und Schmelzer gar nichts auf die Reihe, er ermöglichte den schönen Hackentreffer von Lewandowski, indem er das Abseits aufhob, er verschoß einen Elfmeter und kurz darauf ballerte er aus vier Meter freistehend übers Tor. Das muß man erstmal bringen. Leider machte er dadurch allerdings auch meinen Tip zunichte, weshalb sich meine Sympathie für ihn wiederum in Grenzen hält. Es war der vierte Sieg in Folge für den BVB gegen Bayern, und auch wenn der Sieg mehr als verdient war, es war trotz allem knapp. Mittlerweile haben die Bayern in vielen Belangen zu Dortmund aufgeschlossen. Das Durchschnittsalter bei den Bayern wurde gesenkt und sie rennen mittlerweile auch mehr, aber all das nutzt nicht soviel, wenn man auf den Flügeln Leute hat, die sich ständig festrennen, und auch sonst kaum Ideen kreiert werden, sondern nur der Ball kreist. Aber mit reinem Ballbesitz gewinnt man keine Spiele, und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß das Spiel der Bayern leblos wirkte, ohne Emphase, ohne wirkliche Überzeugung, hier wurde nach Vorschrift gespielt, kontrolliert und darauf bedacht, Fehler zu vermeiden wie noch in den letzten Partien gegen Dortmund. Da war kein Zauber, keine Magie, während die Dortmunder nicht alles der Spielkontrolle unterwarfen, sondern auch auf Risiko spielten, und natürlich waren vor allem das polnische Trio Piszczek, Lewandowski und Kuba, aber auch der immer wieder nach vorne Ausflüge unternehmende Hummels, oder Kagawa und Gündogan, der mit einigen präzisen Pässen an Sahin erinnerte und ihn gleichzeitig vergessen machte, einfach gut aufgelegt und spielten, wie man besser kaum spielen kann, wenn da nicht immer die mickrige Chancenverwertung wäre, die den Spielen der Dortmunder immer das Prickeln und die manchmal unerträgliche Spannung verleihen. Aber darauf kommts ja letztlich an. Als nächstes muß jetzt Schalke aus dem Weg geräumt werden, die gegen Nürnberg mit 4:1 untergingen, weil sie sich für das Derby schonen wollten.

Die Wahrheit über den 29. Spieltag

Wieder machte es der BVB spannend. Sogar der Lieblingsgegner Wolfsburg, der allerdings seine letzten drei Partien gewonnen hatte, konnte die Dortmunder nach einer 2:0-Führung noch einmal unter Druck setzen, und das konnte passieren, weil die Dortmunder wieder einige dicke Chancen großzügig vergeben hatten oder wie Kuba nur die Latte traf, was dem BVB schon zum 18. Mal passiert ist. Wo könnte man stehen, wenn die alle reingegangen wären? Natürlich auch nur auf Platz eins, aber niemand würde vom Finale am Mittwoch gegen Bayern sprechen, weil man dann vermutlich schon weit über 70 Punkte hätte. Wie schön, daß man sich im Fußball all diese müßigen Gedanken machen kann, denn nur diese machen aus dem Fußball eine kommunikative Angelegenheit. Der Schiedsrichter trifft eine Entscheidung und löst damit u.U. eine Welle der Empörung und der Diskussion aus. Wie in Wolfsburg, als der Mann in Schwarz keinen Elfer geben wollte, als Lewandowski und Kagawa im Strafraum gelegt wurden, dabei weiß doch jeder, daß sich die Dortmunder nicht fallen lassen, sondern spielerisch zum Erfolg kommen wollen, was sie auch so sympathisch macht. Dadurch zog Herr Dingert aus Lebecksmühle die Spannung unnötig in die Länge, denn nach dem Wolfsburger Anschlußtreffer in der 61. Minute dauerte es eine halbe Stunde, bis das erlösende Kontertor durch Lewandowski fiel. (Es wäre mal eine Untersuchung wert, warum fast alle Schiedsrichter aus hinterletzten Käffern stammen wie Burgdorf, Oberasbach oder solchen vorbelasteten Orten wie Pullach. Wenn da mal keine Minderwertigkeitskomplexe eine Rolle spielen!) Vor allem Gündogan glänzte und schaffte es sogar in die BamS-Elf des Tages. Jetzt macht er es Klopp schwer, auf ihn wieder zu verzichten, denn so langsam kommen die Verletzten alle wieder zurück und erfüllen allerhöchste Anforderungen. Gegen Bayern wird es jetzt darauf ankommen, ob die Luft für den läuferisch aufwendigen Spielstil reicht, den Dortmund betreibt, denn gegen Bayern kann man sich noch weniger als gegen Stuttgart zwischendrin mal ausruhen. Bayern hingegen hat in den letzten Spielen kaum geglänzt, schafft es aber immer wieder, auch unangenehme Spiele wie gegen Augsburg zu gewinnen, was dem BVB nicht gelang. Man sollte sie deshalb aber nicht unterschätzen, denn bei einer drohenden Niederlage zögern die Bayern nicht, zu treten, zu beißen und um sich zu schlagen, d.h. es wird nicht in jedem Fall ein schönes Spiel, weil zwar nicht wirklich eine Vorentscheidung auf dem Spiel steht, aber trotzdem die Weichen gestellt werden. Das hat Kaiserslautern bereits hinter sich. Mit Balakow setzt sich der Trend Richtung 2. Liga fort. Obwohl Hertha sich in Gladbach einen Punkt ergaunert hat, sieht es nicht so aus, als ob sie um mehr spielen als um den 16. Platz, der vorläufig noch von Köln gehalten wird, die ebenfalls mit einem Unentschieden gegen schwache Bremer krampfhaft die Liga zu halten versuchen. Es war der ehemalige Bayern-Spieler Lell, der bereits in der 4. Minute Marco Reus aus dem Spiel trat, ohne gelb dafür zu kriegen, und nach dem Spiel meinte: »Es war nicht mein Auftrag, noch meine Absicht, ihn zu foulen. Aber natürlich ist es kein Nachteil für uns, wenn einer wie Marco Reus so früh aus dem Spiel ist.« Ich hingegen behaupte, selbstverständlich war es der Auftrag von Rehhagel, Reus spielunfähig zu treten. Alles andere würde mich wundern.

In Deckung: Günter Grass dichtet wieder

Günter Grass ist eine gequälte Kreatur. Er nimmt sich alles sehr zu Herzen. Vor allem den Weltfrieden. Denn der ist gefährdet. Und wer gefährdet ihn? Ausgerechnet die Israelis, die Günter Grass so mag. Seine eigenen Freunde! Wie oft hat er ihnen ins Gewissen geredet. Es hat einfach nichts genutzt. Unbeirrt fühlen sie sich von Ahmadineschad bedroht, obwohl der doch nur ein »Maulheld« ist, der seine Klappe ein bißchen weit aufreißt, ein Kläffer, der doch gar nichts tut.
Aber jetzt hat es Grass nicht mehr länger ausgehalten. Er hat in der Süddeutschen Zeitung vom 4.4.12, in El Pais und La Repubblica (die New York Times mochte dann doch nicht) Zeugnis abgelegt von seinen Qualen, seiner tiefen Zerrissenheit. Tief drinnen hat es ihn an ihm genagt. Es mußte raus, und nun ist es heraus. Sogar als Gedicht. Jedenfalls sieht es so aus. Es reimt sich zwar nicht, aber es ist umbrochen wie ein Gedicht, und in dem tut Grass majestätisch seine Meinung kund.
»Warum schweige ich, verschweige zu lange«, hebt Grass an. Keine Ahnung, denke ich mir, aber vielleicht rückt er ja jetzt mal mit der Sprache raus, warum er solange seine Vergangenheit bei der Waffen-SS verschwiegen hat. Tut er natürlich nicht, aber er wird’s mir ja sowieso gleich verraten. Und so ist es. »Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte: auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer des Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.«
Das hört sich wie in einer Theateraufführung an, in der Laiendarsteller ihr Nichtkönnen durch Schwulst wettzumachen versuchen. Wie sich Grass mit letzter Tinte für den brüchigen Weltfrieden einsetzt, als könne nur er einen Weltkrieg verhindern, wie ja die Deutschen sowieso Meister in der Verhinderung von Weltkriegen sind, das hat schon etwas sehr Absurdes an sich.
Grass benimmt sich wie der klassische »Bewährungshelfer«, der darauf achtet, daß die »Opfer nicht rückfällig werden« (Wolfgang Pohrt). Die Israelis sollen einfach schön stillhalten, wenn Ahmadineschad das Land auslöschen wird, wie der es immer wieder ankündigt.
»Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird: das Verdikt ›Antisemitismus‹ ist geläufig.« Nun ist es aber nicht so, daß Grass aus seinem Herzen eine Mördergrube gemacht hat. Schon im Oktober 2001 sagte er in einem Interview mit Spiegel Online: »Israel muß nicht nur die besetzten Gebiete räumen. Auch die Besitznahme palästinensischen Bodens und seine israelische Besiedlung ist eine kriminelle Handlung. Das muß nicht nur aufhören, sondern rückgängig gemacht werden. Sonst kehrt dort kein Frieden ein.« Klar, am besten zieht sich Israel aus Israel zurück, denn irgendwie haben die Israelis dort gar nichts verloren. Grass spricht Israel nicht nur das Existenzrecht ab, er hat auch seine Freunde dort unter genaue Beobachtung genommen, denn nirgends ist eine »kriminelle Handlung« schlimmer als eine von den Israelis begangene, schließlich hatten die lange genug Gelegenheit, aus dem zu lernen, was ihnen die Deutschen angetan haben. Und das ärgert Grass, daß die Israelis nicht aus der Geschichte gelernt haben.
Und noch früher, nämlich 1971, schrieb Günter Grass: »So hat Israel durch die schleichende Annexion der besetzten Gebiete den arabischen Staaten den Vorwand für deren Angriffe geliefert.« Grass ließ also nichts unversucht, aus den Juden gute Menschen zu machen, denen man eben auch mal die Ohren langziehen muß, wenn sie nicht auf den Volkserzieher Grass hören wollen, der den Israelis im Oktober 2001 noch einmal ins Gewissen redete: »Es ist für mich auch ein Freundschaftsbeweis Israel gegenüber, daß ich es mir erlaube, das Land zu kritisieren – weil ich ihm helfen will … Solche Kritik aber zu kritisieren – damit muß man aufhören … dieses Auge um Auge, Zahn um Zahn der gegenwärtigen Politik schaukelt allen Zorn nur noch weiter hoch.«
In einem Interview mit Tom Segev für die »Haaretz« anläßlich des Erscheinens seines Zwiebelbuches in Israel breitete Grass seine Sicht auf den Holocaust aus, der zwar einzigartig sei, aber auch wiederum nicht sooo einzigartig: »Aber der Wahnsinn und die Verbrechen fanden nicht nur ihren Ausdruck im Holocaust und hörten nicht mit dem Kriegsende auf. Von acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt, und der ganze Rest wurde liquidiert. … Wir tragen die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis, aber ihre Verbrechen fügten auch den Deutschen schlimme Katastrophen zu, und so wurden sie zu Opfern.«
Der Historiker Peter Jahn hat in der Süddeutschen Zeitung auf die Fakten hingewiesen und darauf, daß es sich hier wohl um ein kleines Ressentiment handelte. Statt acht gerieten nur ca. drei Millionen deutsche Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Zwischen 25 und 30 Prozent, also eine knappe Million, hat sie nicht überlebt. Diese Kriegsgefangenen wurden jedoch mitnichten liquidiert, sondern starben an Mangelernährung. Der Hunger wurde allerdings nicht wie bei den Nazis vorsätzlich als Methode zur Ausrottung eingesetzt. Es gab schlicht nichts zu essen, worunter die normale Bevölkerung genauso zu leiden hatte wie die Kriegsgefangenen.
Nun hat Grass schon alle Preise eingesackt, weshalb er für dieses tapfere Statement leer ausging, früher aber hätte er einen Orden für Tapferkeit vor dem Feind bekommen, jedenfalls gibt ihm die überwiegende Mehrheit der Deutschen recht, und wenn die Zahlen schon nicht stimmen, zumindest die bei Grass zum Vorschein kommende Weltanschauung, dass es eben nicht nur sechs Millionen Juden, sondern auch sechs Millionen Deutsche waren, die »liquidiert« wurden, weshalb es unterm Strich ja irgendwie aufgeht, diese Weltanschauung also ist durch Grass wieder seriös geworden, wenn man denn Grass als eine seriöse Gestalt sehen will. Nach dieser Äußerung müßte es eigentlich damit vorbei sein, aber wer davon ausgeht, kennt die Deutschen nicht, bei denen das Ansehen von Grass damit gestiegen ist, und zwar umso mehr, je mehr die Medien darüber kritisch berichteten.
Dieser kleine Rückblick belegt also, daß man sich über den neuen antisemitischen Leitartikel nicht wundern muß. Gut finden ihn nur Die Linke, die NPD, Augstein jr., ein paar alte Kumpels vom Schriftstellerverband, die iranische Regierung und die Leitartikler der jungen Welt, die seinen Antisemitismus teilen und es unerträglich finden, daß Israel im Nahen Osten die einzige Demokratie ist und Ahmadineschad noch kein Bundesverdienstkreuz für seine aufklärerischen Kommentare über Israel bekommen hat. Von Schirrmacher bis hin zu Bild und der CDU mußte niemand lange rätseln, was es mit dem »ekelhaften Gedicht« (Reich-Ranicki) auf sich hat. Nur Thomas Steinfeld hatte die ihm zu gönnende Aufgabe, in der Süddeutschen zu rechtfertigen, warum man Herrn Bräsig veröffentlicht hatte. Steinfeld fiel allerdings auch nichts anderes ein als ein fatalistisches »So ist das, und so ist Günter Grass. Einen anderen gibt es nicht mehr«. Nur der Literaturkritiker der ARD Denis Scheck wollte originell sein, stellte aber nur unter Beweis, daß er nicht mehr alle Schweine im Rennen hat, und meinte, er teile zwar nicht die politischen Ansichten von Grass, freue sich aber, daß ein Gedicht solche lebhaften Reaktionen hervorriefe. Was für ein Gedicht, ließe sich zunächst fragen, um dann zu rätseln, ob der Mann wirklich nicht weiß, daß es keineswegs der Kraft des Gedichts an sich, sondern nur dem Ruf des Mannes zu verdanken ist, daß der Blödsinn zum Thema wurde, denn niemand hätte sonst von den Zeilen Notiz genommen. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, beharrte Grass in einem Interview mit der ARD mit dem Starrsinn der Altersmeise darauf, daß niemand auf den Inhalt seines Gedichts eingegangen sei. Und dabei hatten sich gerade Frank Schirrmacher und die anderen so viel Mühe gegeben und ihm genau mitgeteilt, was er gemeint hatte für den Fall, daß er sich darüber im Unklaren war.
Aber während hier die Sache heiß diskutiert wird, rief der Leitartikel international für einen Literaturnobelpreisträger erstaunlich viel Unverständnis hervor, und in Israel wurde der Kommentar belächelt. Zu offensichtlich ist dort für jeden, daß Grass keine Ahnung hat, dies aber durch Ressentiments kompensiert. In Israel wird der Präventivkrieg sehr kontrovers diskutiert, aber jeder weiß auch, daß die Bedrohung nicht etwa von einem »Maulhelden« ausgeht, sondern durchaus ernst zu nehmen ist, denn Israel ist die ideale Projektionsfläche und das perfekte Angriffsziel, um von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken, mit denen Ahmadineschad zu kämpfen hat.
Grass‘ gequälter Aufruf erwies sich also eher als Rohrkrepierer. Höflich hielt man ihm seine Kenntnislosigkeit des Konflikts vor. Aber darum geht es Grass gar nicht. In der Flakhelfergeneration von Grass und Augstein, der auch einer dieser geläuterten Antisemiten war, der die Juden zu seinen besten Freunden zählte, geht es um Insinuation und um Gerücht. Den Antisemitismus, den diese Generation geprägt hat, ist sie nie wieder losgeworden, weil sie ihn nie analysiert und deshalb auch nicht begriffen hat. Diese Leute dachten, sie würden ihn überwinden, indem man sich formal von ihm distanziert und indem man sich ordentlich zerknirscht gibt. Aber vor allem Grass, der seine »künstlerischen Defizite« durch »einen aufdringlichen Moralismus« (Karl Heinz Bohrer) wettzumachen versuchte, nahm es übel, daß sein Kotau nicht honoriert wurde, daß sich die Israelis nicht nach seiner Vorstellung formen ließen, daß sie nicht die gleichen Lehren aus der Geschichte zogen und nicht dem gleichen Weltfriedensbimmelbammel verpflichtet waren, zu dem man sich im friedlichen Lübeck ganz prima das entsprechende Gewissen machen kann.
Das nahm Grass den Israelis übel, und deshalb belästigt er sie mit seinem »nie zu tilgenden Makel« und beteuert ständig, wie sehr er dem Land »verbunden« ist und verbunden bleiben will, um ihm umso deutlicher zu sagen, was es tun und zu lassen hat. Schöner kann Hybris nicht daher kommen, denn sie tut in der Gestalt von Grass so, als wäre sie zerknirschte Demut. Ich will doch nur das Beste für dich, heißt das Argument, mit dem jede Gemeinheit und jeder Verrat legitimiert wird. Spätestens dann sollte man ganz schnell abhauen. Israel kann das leider nicht.

Sphärenklänge

Greil Marcus findet »Schmerz« sehr angemessen, um die Empfindung zu beschreiben, wenn man Astral Weeks von Van Morrison hört: »Der Schmerz, die Angst zu wissen, dass die Existenz der Musik anzuerkennen auch bedeutet, anzuerkennen, dass sie nicht existiert, weil es um ein Haar nicht dazu gekommen wäre. Was kann man davon lernen, welche letzten Worte kann sie auf jemandes Lippen zaubern? Was sagt sie aus, wo kommt sie her?« Das sind natürlich sehr existentielle Fragen, aber darunter machts Greil Marcus nicht. Aber irgendwie bin ich mir sicher, daß Greil Marcus der einzige ist, der sich diese Fragen stellt. Als er später ein Konzert Van Morrisons besucht, »stellten sich mir die Fragen, und ich begriff, dass es mir egal war. Was auf Astral Weeks geschieht, übersteigt diese Fragen. Es waren sechsundvierzig Minuten, in denen die Möglichkeiten des Mediums ausgereizt wurden – des Rock‘n‘Roll, der Popmusik, dessen, was man als Musik bezeichnen könnte, die gleichsam zeitlos und neuartig im Radio gespielt werden konnte –, Möglichkeiten, die sich ergaben, wenn man bis an die Grenzen dieser Musikform ging.« Puuuh, und ich hab die Scheibe einfach nur ein bißchen nebenbei gehört. Aber das ist ja das Bewundernswerte an Greil Marcus: Wenn man wissen will, was es über Astral Weeks zu sagen gibt, gibt es keinen besseren als Greil Marcus (außer vielleicht Lester Bangs natürlich). Keiner schreibt abgedrehter über Musik als er und bewegt sich dabei in Sphären, deren Zugang vermutlich nur ihm bekannt ist, um dort einsam seine Runden zu drehen, dabei ein assoziatives Feuerwerk der Worte entfachend, vor dem man staunend und ehrfürchtig steht und das man nur in ästhetischer Hinsicht auf sich wirken lassen kann, denn nur selten erwischt man einen Gedanken, den man glaubt nachvollziehen zu können, jedenfalls wenn er richtig loslegt.

Greil Marcus, »Über Van Morrison. When That Rough God Goes Riding«, kiwi, Köln 2011

Die Wahrheit über den 28. Spieltag

Nach dem Schlußpfiff waren alle hin und weg. »Wahnsinn!« sagten die Beteiligten und man fühlte sich schon fast wie nach dem Fall der Mauer. Oder, wie Eberhard Figgemeier einmal gesagt hat: »Was dieses phantastische Spiel an Werbung für den Fußball gebracht hat, ist nicht wieder gut zu machen.« Es war ein Spiel, daß niemand so schnell vergessen wird, der dabei gewesen ist, es war eine jener sehr seltenen magischen Nächte, die normalerweise Pokal- oder CL-Spielen vorbehalten sind, aber dieses Mal war es nur ein ganz gewöhnliches Bundesligaspiel, in dem nichts entschieden wurde und in dem nichts auf dem Spiel stand. Und das ist das Erstaunliche, denn am Ende hatte niemand eine Erklärung dafür, wie es dazu kommen konnte im Westfalenstadion, noch dazu gegen den VFB Stuttgart, der sich bei Spitzenleistungen bislang eher zurückgehalten hat. Woher plötzlich der Elan bei den Schwaben kam, die noch vor einer Woche ein Gruselspiel glücklich gegen den Club gewannen, weiß niemand, aber der Dortmunder Wirbelsturm scheint nicht nur, wie zuletzt in Köln, den Gegner in seine Bestandteile zu zerlegen, sondern ihn auch manchmal zu beflügeln. Zunächst hatten die Stuttgarter nur wenig den Dortmunder Hochgeschwindigkeitskombinationen entgegenzusetzen, aber der BVB ließ vier bis fünf hochkarätige Chancen verstreichen, bevor Stuttgart einmal gefährlich vors Dortmunder Tor kam. Am Ende der 1. Halbzeit stand es 1:0, wo es 5:1 hätte stehen können. Kurz nach der Halbzeit erhöhte Kuba auf 2:0 und alles schien seinen gewohnten Gang zu nehmen. Nicht nur der Zuschauer schien sich langsam zu entspannen, sondern auch die Dortmunder, wodurch die Stuttgarter langsam besser ins Spiel kamen und das Schicksal seinen ungerechten Lauf nahm, denn beim Anschlußtreffer wurde Subotic gerade an der Linie behandelt und fehlte hinten im Abwehrzentrum. Beim Ausgleich behinderten sich völlig unmotiviert Subotic und Hummels bei der Kopfballabwehr eines harmlosen hohen Balles, während Schmelzer ausrutschte und Schieber freie Bahn hatte. Als dann auch noch der Führungstreffer der Schwaben gelang, war das Unfaßbare eingetreten. Aber die schon reichlich platten Dortmunder gaben sich nicht geschlagen und nahmen noch einmal Fahrt auf. Hummels erzielte den erneuten Ausgleich und Perisic in der 87. Minute nach einer schönen Direktabnahme eines Eckballs sogar die erneute 4:3-Führung. Was sich dann in der Nachspielzeit abspielte war ziemlich absurd, denn Hummels und Schmelzer waren sich bei einem in den Strafraum geschlagenen Ball nicht einig, stolperten übereinander, während der Ball Gentner vor die Füße fiel, der ihn einfach ins Netz drosch. Dortmund hatte den Stuttgartern also mindestens zwei Treffer geschenkt und man fühlte sich schon fast wie damals in Marseille, wo man ebenfalls durch krasse Abwehrklopse glänzte. Jetzt sind die Bayern auf drei Punkte herangekommen durch ein ebenso glanzloses wie glückliches Gewürge in Nürnberg. Dann schon lieber Spektakel, Aufregung, Auf und Ab, verrückte Volten, Überraschungen, Spannung und Herzinfarkte als eine uninspirierte Treterei, wie man sie im CL-Spiel der Bayern gegen Marseille beobachten konnte. Gegen dieses verrückte Spiel der Dortmunder verblassen alle anderen Nachrichten, sogar das erfreuliche Abrutschen von Rehhagels Hertha auf einen Relegationsplatz und die Pleiten der Europaleague-Kandidaten Bremen und Leverkusen.