Archiv für den Monat: Mai 2012

Die Wahrheit über das Pokalfinale

Als am Vorabend des Finales im Rahmen einer Vorfeier vor der Respectbar, dem neuen Geheimtip Berliner Dortmund-Fans, einem Großraumtaxi sechs mit BVB-Schals und anderen Utensilien aufgebrezelte und bereits gut betankte BVB-Fans aus Edinburgh entstiegen, da hätte man es sich eigentlich schon denken können, daß nichts mehr schief gehen kann. Und als dann sogar noch Emma auftauchte, das Maskottchen des BVB, eine 2 m 25 große Biene Maja mit Schuhgröße 66, war auch das im nachhinein als Zeichen zu deuten, daß alles gut werden würde. Alle Experten hatten mit einem knappen Ergebnis gerechnet, wahrscheinlich sogar mit Verlängerung und Elfmeterschießen, nur der vom Fußball wenig infizierte Kreuzberger Schriftsteller Robert Seethaler war sich sicher, daß die Partie mit einem 4:2-Sieg der Dortmunder enden würde. Und da war er sogar um ein Tor für die Dortmunder zu pessimistisch. Das war deutlich. »Warum gewinnen, wenn man den Gegner auch demütigen kann«, hatte jemand auf seinem T-Shirt stehen, der die Zeichen offenbar aus einem gewissen Zwangsoptimismus heraus richtig gelesen hatte. Zwar haben die Dortmunder in diesem einen Spiel gemacht, was sie sonst nie tun, nämlich ihre Chancen optimal zu nutzen, aber es war nicht so, wie Heyckes später behauptete, daß die Dortmunder in der ersten Halbzeit eine Chance gehabt, aber drei Tore erzielt hätten. Dieser Interpretation war eine gewisse Verbitterung zu entnehmen, denn mit dem Geschehen auf dem Rasen hatte sie wenig zu tun. In der ersten Halbzeit war die Partie noch ausgeglichen, und einem frühen schön herauskombinierten Treffer von Kagawa stand ein verwandelter Elfer von Robben gegenüber, nachdem Weidenfeller zu spät kam und Gomez einen Tick schneller den Ball berührte, der dann sowieso ins Aus gegangen wäre. Vorher bereits hatte Gomez seine Knie nur wenig rücksichtsvoll in die Brust von Weidenfeller gebohrt, der schließlich durch Dortmunds Känguruh Langerak ersetzt werden mußte. Noch eindeutiger war es dann, als Boateng im Strafraum Kuba von den Beinen holte. Hummels, der Mann mit den »schönen Augen«, verwandelte, und manche sagten danach, »den kann man auch mal halten«. Aber der wirklich dicke Patzer von Neuer kam noch, als er einen sicheren Ball wieder losließ, den Kuba dann in blindem Vertrauen in die Mitte flankte, wo wer sonst natürlich als Lewandowski stand und zum 5:2 einköpfte. Aber da war der Abend für die Bayern schon lange gelaufen. In der 2. Halbzeit jedenfalls trafen die Bayern mit Ribery zwar einmal das Tor und mit Gomez einmal die Latte, aber in manchen Situationen spielten die Dortmunder mit der Bayern sogar Katz und Maus. So schnell flipperte die Kugel hin und her, daß der Gegner nur hinterhergucken konnte. Das war beeindruckend. Und für die Bayern so enervierend, daß sich Gomez, Schweinsteiger und Badstuber mit einigen fiesen Fouls auch noch als schlechte Verlierer erwiesen. Man kann an diesem magischen Abend eigentlich niemanden besonders loben, denn alle Dortmunder waren großartig. Lahm meinte, daß Bayern über 90 Minuten die bessere Mannschaft gewesen sei, und auch Heynckes interpretierte das Ergebnis lediglich als Folge eines »katastrophalen Defensiverhaltens«. Aber auch wenn Bayern mehr Ballbesitz hatte, sagt das noch nichts über ein Spiel aus. Ballbesitz bedeutet nicht zwangsläufig fußballerische Überlegenheit. An diesem Abend hatte Dortmund zwar zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte das Double geholt und sich als neue Fußballmacht etabliert, aber im ZDF war anschließend durch das Duo des Schreckens Kahn-Hohenstein nur von den Bayern die Rede. Da hieß es schnell in die Respectbar flüchten, um die Glücklichen zu empfangen, die ein Stadionticket hatten und nun langsam eintrudelten. Dort konnte man sich noch einmal in aller Ruhe das Spiel zum 2. Mal angucken, und nach dem 4:2-Anschlußtreffer der Bayern kommentieren, daß es jetzt ja wohl noch einmal eng werden würde. Und nach dem 5:2 hörte man die Stadiongesänge der Dortmunder Zuschauer: »Einer, einer, einer geht noch rein«, was ja auch passiert wäre, wenn der Schiedsrichter nicht so pünktlich abgepfiffen hätte. Die Siegerehrung verlief dann im Berliner Prollschick. Man hatte ein paar mit goldenem Düll bekleidete Damen wie Schachfiguren aufgestellt, und niemand wußte, was die da zu suchen hatten. Aber das wußte man von Joachim Gauck auch nicht, von dem ich schon fürchtete, er würde eine Ansprache über »Freiheit im Fußball« halten. Aber sonst war alles prima und ganz und gar hinreißend und bezaubern. Ein perfekter Abend, eine perfekte Saison. Und es wird noch besser.

Die Wahrheit über den 34. Spieltag

Vor zwei Wochen habe ich mich voreilig vor Preetz und Rehhagel verbeugt und zwar bewundernd, weil sie das Projekt 2. Liga so erfolgreich und zielgerichtet angegangen sind. Jetzt haben sie sich doch tatsächlich auf den letzten Drücker noch auf den Relegationsplatz vorgerobbt, natürlich mit Hilfe eines Schiedsrichters, der wahrscheinlich einen Flachbildfernseher dafür bekam, dass er den Hoffenheimer Babel mit der ersten doppelgelben Karte, die ich je gesehen habe, vom Platz stellte für eine bzw. für zwei Taten, für die eine Verwarnung schon anrüchig gewesen wäre. Aber Hoffenheim hatte sowieso weder etwas zu verlieren noch was zu gewinnen, und deshalb waren die ganz in Orange auftretenden und leicht mit Müllmänner zu verwechselnden Spieler auch nicht wirklich motiviert. Nur Babbel hätte noch eine Rechnung offen gehabt, weil ihn Preetz rausgeekelt hatte, aber der Mann mit dem bayerischen Phlegma ist einfach nicht nachtragend genug, um Preetz den Todesstoß zu versetzen. Jetzt muß eben Köln in den sauren Apfel beißen. Die haben ja auch schon Übung. Gegen die Bayern reichte es nicht mal, obwohl der Vizemeister nur im Schongang spielte. Lukas Podolski wäre gerne als Retter seines Vereins in die Annalen eingegangen, aber der als Herrgott verehrte Fußballer mit dem schlichten Gemüt verfügt über erstaunlich schlichte fußballerische Fähigkeiten, die nicht mal für die Bayern ausreichten. Diese Erfahrung wird jetzt Arsene Wenger machen, denn Arsenal hat ihn eingekauft, nachdem sie vergeblich versucht haben, Dortmunder Talente abzuwerben. Ich bezweifle, daß Wenger noch den Weitblick hat, der ihn früher auszeichnete, denn Podolski ist ein Spieler, der relativ selten besondere Momente hat. Die Europaleagueplätze sicherten sich Leverkusen, von denen man nicht weiß, wie sie das bei den schlechten Vorstellungen geschafft haben, Stuttgart, die immerhin eine passable Rückrunde spielten, was nächste Saison aber schon wieder vorbei sein kann, und Hannover, die mit Ach und Krach gegen Kaiserslautern gewannen. Alle anderen Plätze waren sowieso schon vergeben. Daß Dortmund trotzdem allerfeinste Unterhaltung bot, muß man ihnen hoch anrechnen, auch wenn natürlich die Erwartungshaltung der Fans sich inzwischen auf einem ziemlich hohen Niveau eingependelt hat, so daß man es sich gar nicht mehr vorstellen kann, wie Verlieren eigentlich geht. Mit 81 Punkten haben sie einen neuen Rekord aufgestellt, mit 28 Spielen ohne Niederlage hintereinander ebenfalls. Mit dieser schönen Souveränität kann niemand mithalten. Man sieht hin und staunt, was alles möglich ist im modernen Fußball, und Dortmund ist auch in dieser Kategorie Spitzenreiter. Einer der überragenden Spieler wird wahrscheinlich zu ManU wechseln, aber es ist nicht gesagt, daß Kagawa dort so erfolgreich sein wird wie in Dortmund. Sahin hat es ihm vorgemacht, aber viele Spieler glauben, es sei entscheidend, sechs oder nur drei Millionen im Jahr zu verdienen, wo in solchen Sphären der Erfolg und die Perspektive weit wichtiger sind, denn ManU ist weit davon entfernt, noch einmal die Champions-League zu gewinnen.

Deutsche Bewährungshelfer

Marion Gräfin Dönhoff, die für das bessere, für »das andere Deutschland« stand, hielt von Goldhagens Buch über den Vernichtungsantisemitismus der Deutschen deshalb nicht viel, weil sie befürchtete, es könne »den mehr oder weniger verstummten Antisemitismus wieder neu beleben«. Während also Frau Dönhoff hoffte, man könne den Antisemitismus wegschweigen, macht sich Henryk M. Broder schon seit den Siebzigern im Sinne Dönhoffs immer wieder der Entfachung dieses Antisemitismus‘ schuldig, indem er die Antisemiten mit Absicht ärgert. Dönhoff gilt als große Demokratin, Broder nicht. Er ruft Empörung hervor und wird gehaßt.
In seinem neuen Buch »Vergesst Auschwitz« schreibt Broder die unendliche und innige Geschichte des deutschen Antisemitismus fort, die er mit »Der ewige Antisemit« schon 1986 gründlich recherchiert und analysiert hat. Neue Erkenntnisse sind seit seinem damaligen Befund nicht hinzugekommen, immer noch führen sich viele Deutschen wie »Bewährungshelfer« auf, die vor allem darauf achten, dass »ihre Opfer nicht rückfällig werden«. Broder zitiert hier Wolfgang Pohrt, und niemandem ist bislang, so Broder, eine »bessere, genauere und trostlosere Beschreibung der deutschen Krankheit« gelungen. Die Deutschen haben so gründlich aus ihrer Geschichte gelernt, dass sie vor allem die ehemaligen Opfer vor der Verwirklichung ihrer eigenen geheimen Wünsche schützen wollen. Kein Land steht unter so genauer Beobachtung der Deutschen wie Israel, dem vorgeworfen wird, es würde den Palästinensern antun, was die Deutschen den Juden angetan haben.
Nun könnte man einwenden, dass es dieses Argument zwar gibt, aber nur noch von unverbesserlichen Antiimperialisten und Hamas-Anhängern benutzt wird. Als aufmerksamer Beobachter der politischen Debatten und des Nachrichtenwesens spürt Broder jedoch immer wieder die geheimen Implikationen auf, die sich in Politikerreden eingenistet haben, wenn Hinterbänkler von der Linkspartei bis zur CDU die israelische Regierung darüber belehren, dass »eine dauerhafte Friedenslösung auch im Interesse Israels liegt« und »dass durch die Abriegelung des Gaza-Streifens genau das Gegenteil von dem erreicht wird, was Israel eigentlich erreichen will.« Broder kritisiert diese aufgeblasenen Kommentare nicht, weil jede Kritik an dieser Hybris scheitert, er macht sich einfach nur über die Fürsorge der »Bewährungshelfer« lustig, indem er sie bis zur Schmerzgrenze zitiert. Broder sieht hier ein »überparteiliches Band, das die Deutschen zusammenhält«. War das früher die »Judenfrage«, so ist es inzwischen die »Palästina-Frage, die heute ein Gefühl der nationalen Einheit erzeugt«.
Broder dokumentiert noch einmal den Fall des Rundfunkmoderators Ken Jebsen. Er läßt ihn ausführlich zu Wort kommen und sich um Kopf und Kragen reden, u.a. mit einer Mail an einen Hörer, der sich über seine antiamerikanischen Ausfälle beschwert hatte: »ich weis exact wovon ich rede denn ich habe jede menge länder in den demokratisiert bin bereist. ich war in israel und habe mit holocaust opfern gesprochen. sie selber finden es widerwärtig was in ihrem namen passiert«. Ganz abgesehen davon, dass man sich natürlich fragt, worin die berufliche Qualifikation von Leuten eigentlich besteht, die derart wüstes politisches wie grammatikalisches Zeug schreiben, hat Broder nicht darauf insistiert, dass Jebsen gefeuert wird, aber er hat es sich nicht nehmen lassen, öffentlich zu machen, was aus Jebsen wie eine Logorrhö herausquoll. Die Reaktionen sind erschütternd und wurden von Broder in einem gesonderten Kapitel dokumentiert. Broder wird da u.a. als Rufmörder beschimpft, der »einem von hinten das Messer in den Rücken sticht«, und auch der Geist von Marion Gräfin Dönhoff kam nieder mit dem Kommentar: »Leute wie Broder sind der Grund dafür, dass es Antisemitismus in Deutschland überhaupt noch gibt.«
Das sind aber nicht nur Leute, die mit dumpfen Ressentiments jederzeit Gewehr bei Fuß stehen, um bei solchen Gelegenheiten tief ins Arsenal der Beleidigung und Beschimpfung zu greifen, sondern auch Leute, bei denen man dachte, sie könnten sich differenzierter ausdrücken, wie z.B. Mathias Bröckers, der seiner Aversion mal so richtig freien Lauf läßt: »Reicht es nicht, dass diese rassistischen Wirrköpfe und Ideologen die Stichworte für Massenmörder wie Breivik liefern? – oder stehen jetzt hier schon gebührenbezahlte Radiobeamte stramm, nur weil kleines dickes Broder mal wieder ›Antisemitismus‹ ins Phone furzt?« Und das ist schließlich fast so intelligent wie der Kommentar eines Jebsen-Hörers und Fans: »Fette Judenfotze. Nachdem ich deinen Rotz gelesen habe, weiß ich jetzt, woher der Antisemitismus in Deutschland herkommt.«
Wenn von »historischer Verantwortung« die Rede ist, und sie fehlt schließlich in keiner Sonntagsrede, dann fühlt sich Günter Grass und mit ihm, wenn man Umfragen glauben darf, 50 % der Deutschen durch sie legitimiert, die Juden auf den rechten Weg zu bringen und ihnen ins Gewissen zu reden. Das ist schon sehr lustig. Auf der anderen Seite erschöpft sich die »historische Verantwortung« bei den Deutschen darin, »die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten«, und »nicht etwa die kommende Endlösung der Nahostfrage zu verhindern«, wie Broder mit Furor schreibt. Das ist zwar auch nicht unbedingt die Aufgabe der Deutschen, aber dass 200 deutsche Firmen, wie eine Broschüre der Deutsch-Iranischen Handelskammer verzeichnet, mit Teheran Geschäfte machen, von denen einige geeignet sind, diese »Endlösung« ins Werk zu setzen, das macht immerhin deutlich, dass die »historische Verantwortung« moralisch ganz prima und vielseitig einsetzbar ist.
Broder schreibt nicht ausgewogen und wohl gesetzt. Er ist polemisch und zuweilen vielleicht auch ungerecht, aber es stört ihn die Fürsorglichkeit, die die Deutschen für Israel aufbringen, es stört ihn die Vehemenz, mit der man sich in Deutschland darüber streitet, ob der Holocaustleugner Ahmadineschad gesagt hat, Israel müsse »ausgelöscht« werden oder nur »von den Seiten der Geschichte verschwinden«, es stört ihn Dummheit, politische Bräsigkeit und die Ritualisierung der Erinnerung, weil sie eine »Übung in Heuchelei, Verlogenheit, Scheinheiligkeit und Opportunismus« ist. Er schreibt dagegen an, weil er es nicht lassen kann, die Deutschen aufklären zu wollen und ihnen ihr kleines Geheimnis zu verraten. Viele andere würden das mit großem Brimborium tun, Broder aber übt sich in Understatement: »Und falls jemand wissen möchte, was ich mit diesem Buch bewirken will: Eigentlich gar nichts.« Und das macht die Lektüre ja auch so angenehm, weil Broder niemals verbissen wirkt, sondern immer schön entspannt und mit Ironie und Sarkasmus den Deutschen erklärt, was an Ihnen komisch ist, wenn sie sich immerzu so große Sorgen um Israel machen.

Henryk M. Broder »Vergesst Auschwitz. Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage«, Knaus, München 2012-04-02