Archiv für den Monat: Juni 2012

Die blinde Macht des Schicksals

Bestseller sind nicht mein Fall, denn ich mag weder Vampirbücher, noch Fantasyzeug, in dem Feen und Elfen herumspringen, und auch Horrorgeschichten sind nichts für mich. Selbst handwerklich gute, aber eben konventionell gestrickte Krimis langweilen mich, ganz zu schweigen von der schlechten Literatur, wie sie Walser und Grass zu bieten haben, weshalb Bestsellerlisten für mich in der Regel ziemlich unergiebig sind.
Umso überraschender ist dann mal die Ausnahme von der Regel, denn seit geraumer Zeit steht da ein gewisser Jonas Jonasson auf Platz 1 mit dem Buch »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand«. Der Titel ist nicht gerade der Hammer und wahrscheinlich für jeden Werbefachmann und Kommunikationsdesigner ein Greuel. Aber er steht bislang wie ein Fels in der Brandung auf Platz 1, und keine Donna Leon, Dora Heldt, Susanne Fröhlich oder Suzanne Collins kommen an ihm vorbei.
Und das ist schön, denn das Buch ist ganz und gar bezaubernd, es wartet mit einem eigenen, sehr zurückgenommenen und lakonischen Stil auf, der die Protagonisten nicht zu Tode erklärt oder psychologisiert, der Roman basiert auf einer ziemlich gut durchdachten und absurden Geschichte, in die durch die wechselnde Erzählperspektive auch Spannung und der nötige Drive hineingebracht wird.
Die Geschichte beginnt so, wie der Titel ja schon ankündigt, und nimmt dann sofort Fahrt auf, denn der klapprige Allan Karlsson klaut einen Koffer voller Geld und befindet sich in der Folge damit auf der Flucht vor den Medien, der örtlichen Mafia und der Polizei, vor allem, als Indizien dafür sprechen, daß zwei Mafia-Mitglieder die Suche nach dem Koffer nicht überlebt haben. Dabei wird dem Protagonisten nicht mehr zugemutet, als einem Hundertjährigen, der noch in Schuß ist, eben zugemutet werden kann, er muß nicht um sein Leben rennen oder sonstige riskante Dinge tun, höchstens einem Verbrecher ein Brett über den Schädel ziehen, was man sich gerade noch so vorstellen kann. Sonst kommt er immer irgendwie durch und findet genügend Leute, die die Sache ähnlich locker nehmen wie er und wegen ein paar Millionen schwedischer Kronen nicht gleich den Verstand verlieren, ein Topos übrigens, der fester Bestandteil der amerikanischen Mythologie war und bis hinein in die Spielberg-Filme reichte, wo der letzte Überlebende auf unermeßlichen Reichtümern sitzt und wie König Midas darauf verhungert.
Parallel dazu wird in Rückblenden das phantastische Leben des Allan Karlsson erzählt, in das fast die gesamte Geschichte der 20. Jahrhunderts hineingestopft wird, ohne daß es aufdringlich und konstruiert wirkt. Karlsson verschlägt es als Explosions- und Dynamitexperte nach Spanien mitten in den Bürgerkrieg, er sprengt Brücken, lernt Franco kennen und Truman, nachdem er in der Atombehörde den Jungs das letzte Geheimnis einer funktionierenden Atombombe verrät, und da er sich für Politik gar nicht interessiert und stattdessen die Leute danach beurteilt, ob sie einen Schnaps vertragen, verrät er das Geheimnis auch den Russen, aber Stalin dankt es ihm nicht und steckt ihn in den Gulag, aus dem flieht, nicht ohne eine ganze Stadt in die Luft zu jagen.
Und so mäandert der Autor durch die Geschichte und kommentiert auf ebenso lustige wie lehrreiche Weise die großen Männer wie Winston Churchill: »Der Kriegsheld Winston Chruchill hatte 1945 ein wenig überraschend die Wahl zum britischen Premierminister verloren. So sah also der Dank des britischen Volkes aus. Doch Churchill sann auf Rache, und unterdessen reiste er durch die Welt. Der ehemalige Premierminister hätte sich nicht gewundert, wenn der Labour-Vollidiot, der jetzt Großbritannien regierte, die Planwirtschaft einführte und dazu im Empire die Macht an Leute abtrat, die damit nicht umgehen konnten. Man denke nur an Britisch-Indien: Hindus und Moslems konnten einfach nicht miteinander auskommen, und mittendrin hockte dieser verfluchte Mahatma Gandhi im Schneidersitz und hörte jedes Mal auf zu essen, wenn ihm irgendetwas missfiel. Was war das denn bitte für eine Kriegstaktik? Wie weit er damit wohl gekommen wäre, als Hitler seine Bomben über England abwerfen ließ?«
Allan Karlsson durchstreift die Kontinente und hinterläßt wie ein Querschläger oder ein außer Kontrolle geratenes Atom ziemlich große Verwüstungen. Man kann ihm jedoch als blindes Schicksal nicht böse sein, denn eigentlich will er nur ab und zu einen Schnaps trinken und vielleicht ab und zu mal was in die Luft sprengen. Das hat großen Witz, zudem behandelt der Autor seine Figuren mit Liebenswürdigkeit, die neidisch macht. Nur als die Jagd auf den Geldkoffer zu Ende ist und der die Untersuchung leitende Staatsanwalt die Verdächtigen befragt, läßt der Autor seine Figuren allzu naseweiß argumentieren, und das auch noch viel zu ausführlich. Aber das ist zu verschmerzen bei dem Vergnügen, das das Buch auf den 400 Seiten vorher bereitet hat.

Jonas Jonasson, »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand«, carl‘s books, München 2011, 414 Seiten.

Dampfender Kaffee in der Thermoskanne

Per Pettersons Roman »Pferde stehlen« ist als Taschenbuch bereits in die 9. Auflage gegangen und der Verlag macht mit der Bemerkung von Christine Westermann Werbung, die meint, man müsste das Buch verfilmen. Das wäre dann ein Film, »bei dem man ein bisschen weinen würde, aber gleichzeitig auch den Daumennagel anknabberte, weil es so spannend ist.« Ganz so sicher wäre ich mir da allerdings nicht, denn meistens geht die Romanverfilmung ja daneben, und dann weint man höchstens ein bisschen, weil die Verfilmung daneben gegangen ist. Das gilt natürlich genauso fürs Daumenanknabbern, allerdings muss ich hinzufügen, dass mir dieses Vergnügen nicht nur nicht bei der Verfilmung vorstellen kann, sondern auch bei der Lektüre des Buches entgangen ist. Unter Spannung stelle ich mir jedenfalls was anderes vor. Per Petterson jedoch ist ein Autor, der gerne lang und breit erzählt, z.B. wie er mit einer Einkaufstüte in die Küche geht, dann Wasser in die Kaffeemaschine füllt und sie einschaltet, dann die Motorsäge aus dem Schuppen holt, sowie eine kleine runde Feile, den Gehörschutz nicht zu vergessen, den er beim Kauf der Säge bekommen hat, dann aus der Garage Öl und Benzin holt und alles auf eine Steinplatte vor der Tür in die Sonne legt, dann die Thermoskanne holt, sich vor die Spüle stellt und wartet, bis der Kaffee durchgelaufen ist, dann die Thermoskanne mit dem Kaffee füllt, wobei noch erwähnt wird, das der Kaffee »dampft«, sich dann warme Arbeitsklamotten anzieht, hinausgeht, sich auf die Stufen setzt und die Säge langsam mit der Feile bearbeitet, bis jeder Sägezahn in der Kette glänzt. Und das alles nicht etwa, um damit irgendjemanden zu zersägen, was dann ja ein bisschen Spannung böte, wofür man den langen Anlauf vielleicht noch hinnehmen würde, sondern weil der Mann, der das alles tut, glaubt, das schon mal in einem Film gesehen zu haben: »einem Dokumentarfilm aus den großen Wäldern oder einem Spielfilm im Waldarbeitermilieu.« Und genau so liest sich das auch. Wie ein Dokumentarfilm, den es dann auf arte gibt. Jedenfalls bis Seite 78 geht das so. Vielleicht wird ja später noch jemand zersägt, aber das würde mir dann zu lang dauern, denn so toll finde ich es auch nicht, wenn jemand zersägt wird. Ich frage mich nur, warum so viele Leute sowas lesen. Um besser einschlafen zu können?

Per Petterson, “Pferde stehlen”, Roman, Fischer TB, Frankfurt 2012